Part 10
Sonst ist Peter ja schon recht. Er kaut allerdings fürchterlich viel, raucht aber weniger und trinkt noch weniger, und fleißig ist er für drei. Er hat das ganze Jahr über keinen Arbeitstag versäumt (den Streik ausgenommen). Das ist abermals eine Ausnahme, verglichen mit andern Bergleuten, jedoch eine so gute Ausnahme, daß ich Gott danke und bitte, mir meinen Gatten noch viele, viele Jahre zu erhalten.
Nach dem Vater kommt von Rechts wegen die Mutter im Haushalt. Und geht's dem Alter nach, bin ich ~noch einmal~ Nächstes; ich bin schier dreiunddreißig alt. Weil Ihr beide jedoch stark im Waschgeschäft interessiert seid und ich ebenfalls (ich wasche außer meiner Hauswäsche für zwei Dutzend ledige Miner, die nebenan in Kost sind), so möchtet Ihr am Ende denken, ich trommle Reklame für meine Popularität und versuche Euch Kunden wegzuschnappen; darum werde ich Jennie vollständig ignorieren und die Ware, anstatt dem Alter nach, der Größe nach vornehmen.
Ich bin jetzt nur mehr die dritte Größe im Haus. Ja, ja, 's geht abwärts mit mir. Zwischen meinem Mann und mir, oder besser gesagt: zwischen dem alten Peter und mir, steht der junge Peter. Der junge Peter ist mein Ältester. Trotzdem er der Älteste ist, ist der ~andere~ der Älteste. Der Älteste ist also nicht mein Ältester, sondern mein Alter, und der Jüngere ist mein ältester ~Sohn~.
Lieber Tom, Du siehst wie ich närrisch werde vor Freud', komm' ich auf meine Kinder zu sprechen. Und warum auch nicht; sie sind mein Leben, mein Leib und Seel', mein alles. Sie glücklich machen ist meiner Liebe allerhöchstes Ziel, mein schier einziges Gebet zu Gott.
Also noch einmal der Peter. Damit die Verwechslung aber endgültig aufhört, sage ich: der ~kleine~ Peter. Der kleine Peter ist größer als ich!
Er ist jetzt vierzehn Jahre alt -- und seines Vaters Ebenbild. Er hat ganz die niedere Stirn, die braunen, phlegmatischen Augen -- aber auch die undurchkämmbaren Borsten auf dem Dickschädel und den Knochenbau des Alten. Er wird noch ein Riese werden. Oft erfaßt mich eine Wut wider die Natur, die mit einer geradezu eselsgeduldigen Pünktlichkeit sich abgemüht haben muß, die beiden Peter so gleich zu machen wie -- Billardbälle. Es gibt doch so viele und gefälligere Modelle.
An meinem Sohn kann man aber ersehen, was Erziehung macht aus dem Menschen. Peterchen ist ein Kind und wird's noch lange bleiben. Groß, schier wie ein Mann, und kräftiger als manche Männer, ist das Kind so weich und still, innig, gefühlvoll. Schauen wir uns an -- es dünkt mir oft, es lese der armen Mutter Sehnen, Weh und Klagen aus ihren Augen. Ja, ja, und oft drängt es mich zum Weinen beim Kuß und »gute Nacht«. So war einmal der Jennie Traumbild gewesen, als sie ihr blutjunges Leben opferte -- einem Wahn.
Im neuen Jahr nun muß Peterchen zur Grube. Der Alte will's. Meine Angst wird dann verdoppelt: Vater ~und~ Sohn; denn Bergmannsleben ist ein gefährliches Leben. Ach!
Nach dem Peter kommt der Willie. Der ist elf Jahre alt. Den Zeitraum zwischen Peters und Willies Erscheinen (Du weißt es selber) füllte die Vorsehung aus mit dreijähriger Prüfung an mir. Schier war es zu viel und zu lang für mich armes Weib; und daß ich herauskam aus der Angst und Qual, der Ratlosigkeit, Trostlosigkeit, Armut, Entbehrung, Enttäuschung -- sag' ich es gerade heraus -- aus der markverzehrenden Reue, einen Mann geheiratet zu haben, so rasch und leichtsinnig, wie ein weltunerfahrenes Mädchen es fertig kriegt, wenn es schwärmt, träumt, träumt -- --
Das war ein Tag, als meines Mannes erstes herzloses Wort mich aufschreckte vom Träumen und mich stehen ließ in kalter Hütte der Not, getrennt von Mutter, Vater, Bruder, Jugend -- ungeliebt. Daß ich ~das~ überleben konnte und stärker, besser noch herauskam aus der Schule, das zeugt, denke ich, von großer Kraft der Seele. -- Ich bin also auch eine Riesin und stärker noch als Peter!
Begreiflich, wo solche Kräfte existieren und produzieren, muß das Resultat ein Wunder werden. Und Willie ist das Wunder! Willie ist das Wunderkind, das Zauberkind, ist meiner Wünsche Erfüllung, meines Himmels hellster Stern. Mir scheint, der Allgütige habe mich entschädigen wollen, belohnen wollen für mein Stillhalten auf der Folterbank des Lebens und schenkte mir Willie.
Mein Kind! Mein Kind! Kann so viel Segen, Seligkeit, Harmonie, Himmel zusammengehäuft werden in diese kleine, schwache Form -- Gott! wie muß dein ~Ganzes~ sein, ein Sonnenmeer!
Soll Willies Hoffnung erfüllt werden, dann wird er Priester. Das ist sein heißer, schier einziger Wunsch. Meiner auch. Wenn ich diese Freude erleben darf, mein Kind stehen sehen vor dem Hochaltar als Priester -- -- Aber ich will nicht sündigen, guter Gott -- ich will nicht zu viel verlangen. Gott, du weißt, es ist nur die fieberphantasierende Mutterliebe, die solch verwegene Bitten richtet an dich. Verzeih mir's, Gott. -- Aber ich wär' sehr glücklich, sehr, sehr.
Willie ist der beste Schüler in der Klasse und der Lehrerin Liebling. Talent und Fleiß eroberten ihm diese Stellen. Dann ist Willie noch Ministrant in der Kirche. Dann ist er noch der Liebling des Herrn Pfarrers. Er ist überall und aller Menschen Liebling; sogar meiner, hahaha!
Bruder, jetzt muß ich Dir die Geschichte doch erzählen. Eine Weihnachtsgeschichte. Ich wollte sie eigentlich nie erzählen. Wie einen am Weg gefundenen Schatz wollte ich's verbergen, verstecken, heimtragen und die öden Räume meines armen Herzens damit schmücken, und damit spielen in traurigen Stunden. Jetzt aber will ich Dich einweihen und zugleich meine überschäumende Mutterfreude erleichtern.
Elf Uhr Nachts. Um zwölf begann die Messe. Willie und Mama wickelten sich so warm wie möglich in Kleider und verließen still die Hütte. Peter und die Kleinen schliefen. Der Weg zur Kirche ging talwärts und kostete uns kaum die halbe Zeit, die wir hatten. Dünner, frischgefallener Schnee deckte Flur und Feld, Sternenpracht die Berge und Wälder, Ruhe alles.
In der Kirche angelangt, nahmen wir Abschied. Das Kind verschwand oben im Chor, die Mutter unten links, im hintersten Winkel.
Dort kauerte ich nieder und zitterte ein wenig. Ich hatte Kopfweh und kalte Füße. Dann schloß ich müde meine Augen.
Als ich sie wieder öffnete, brannten die Kerzen auf dem Hochaltar und Lichter ringsum. Die Orgel begann harmonische Laute durch den Raum zu wälzen -- geisterhaft wie Sturmesklagen in der Waldesnacht -- anschwellend, zurücktretend, donnernd laut, flüsternd, wehmütig flehend, auf jedem Pfad der Möglichkeit den Eingang suchend in das Menschenherz -- die müden Geister aufzuwecken zum Gebet, zum Lieben, Hoffen.
Und wieder schloß ich meine Augen.
Da -- o Gott! Ein Lied, eine Stimme, süß, engelrein, meine Sinne so ergreifend, die Seele mir aussaugend, zitterte herab zu mir:
»Stille Nacht! heilige Nacht! Alles schläft, einsam wacht Nur das traute, hochheilige Paar --«
O, das Lied! ich kenne es. Der Engel, der es singt! ich kenne ihn -- er ist mein Kind! mein Kind! -- -- O, der Mutterfreuden höchster Berg, den ich erstiegen habe -- nur ein Schritt vom Himmel -- nur noch sterben.
Allmächtiger! Darum meine Dornenpilgerreise durch das Leben. Darum diese lange Kette von Schmerzen, Sorgen, Enttäuschungen. Vom Schlaf in der Wiege bis hierher, die tausend ungestillten Tränen, unerfüllten Wünsche zagender Bescheidenheit. Darum dieses dunkle, wirre, rätselvolle Erdenwallen; der Zickzackgang zum Grab, das Hoffen, Harren, Hasten, Hängenbleiben, das Suchen nach der Ruh', das Grauen vor der Ruh'. Darum mußte Jennie geboren werden dort am Berg in Armuts Armen, in der Bettlerhütte. Von einer Mutter, reich nur im Entsagen, im Mut, den Kampf zu wagen gegen Hungers Not. Hungrig zur Schule gehen, barfuß zur Kirche -- die ungestillte, verkrüppelte Lernbegierde mir ausartend zur wilden Sucht und Schwärmerei. Darum mußte die arme Jennie, die Waise -- und der Bruder ihr so fern -- sich anklammern an den Mann, der jetzt ihres Kindes Vater ist -- -- Gott! wenn das der Plan war, dann lob' ich das Schicksal und bet' es an!
Ein Kuß weckte mich aus meiner Träumerei. Willie lag mir in den Armen und lächelte: »War's schön, Mama?«
Siehst Du, Bruder Tom, ich war ~auch~ für ein Stündchen in des lieben Herrgotts Werkstatt und durfte sehn, wie die Räder laufen.
Dann verließen wir Gottes Haus ebenfalls. Wir waren die letzten. Draußen lag der frischgefallene Schnee. Leichentuchartig deckte er die Erde, ein Bild der Vergänglichkeit. Der ~Himmel~ zeigte durch zerrissener Wolken Schleier das Bild der ~Unvergänglichkeit~. Zwischen beiden schwebten wir der Heimat zu; bergauf.
Willie ging voraus, mit trippelnden Schritten, leichtfüßig wie die Jugend. Und die Mutter folgte, schwerfällig wie das Alter.
»Willie!« sagte ich, als wir den Steg über den Bach hinter uns hatten, »hast du viel Angst gehabt beim Solosingen in der Messe?«
»Gar nicht, Mama.«
»Willie!« sagte ich, als wir an der Hütte des Murphy vorüberschritten, »hat der Herr Pfarrer Gute Nacht gewünscht, als du weggingst?«
»Sollt's meinen, Mama.«
»Willie! hast du dein Mäntelchen ausgezogen in der Kirche?«
»Ja, Mama.«
»Willie! friert's dich?«
»Nein.«
Der Weg wurde steiler und ich hatte Not, dem Knaben zu folgen. »Willie! kannst du langsamer gehen, ein wenig?«
»Ja, Mama.«
»Nur ein wenig. So. -- Willie?«
»Mama?«
Ich blieb stehen. Der Knabe blieb auch stehen -- und wendete sich um nach mir. Sein Gesicht glühte hochrot von Blut und Lebenswärme. »Willie!!« schrie ich auf einmal. Ein Windstoß wehte weiße Schleier kalten Schnees auf mich und ihn und versuchte uns zu trennen -- aber ich lag auf den Knieen vor dem Kind und hielt es heftig an mein Herz gedrückt. »Warum so kalt und leer zu mir mit Ja und Nein, den Blick nach oben? Sind die Sterne dir schöner als deiner Mutter Augen? Küß mich, Kind! Lieb mich! O, lieb mich -- bitte -- bitte!«
Und da, vor Gott allein, getrennt von dieser Welt durch eine Wolke Schnee, die tausendfältig glitzernd uns verhüllte, wie Glorienschein die Seligen -- da lag er mir am Herzen, glühend heiß mich küssend, liebkosend: »O Mama! Mama! so lieb!« -- --
Tom! male weiter, wenn du willst -- ich muß schwenken. Die wilde Jagd kommt: die Kinder kommen von Potters Farm mit Weihnachtsgeschenken, und Klein-Molly hat sich so müde gewirtschaftet, daß Peterchen sie tragen muß. Jetzt weg mit Tinte und Feder. Juchhe! meine Plagegeister. O, ich bin übernatürlich glückselig. Wirklichkeit ist doch schöner als schönstes Träumen!
Jennie.
* * * * *
Brooklyn, den 14. Januar 1901.
Liebe Schwester!
Ich bin also abermals arbeitslos. Die meisten Stunden des Tages sitze ich in meiner warmen Küche zu Brooklyn, und schreibe ich nicht, dann gaffe und gähne ich durchs Fenster auf die winterliche Straße hinunter und zähle die Pflastersteine.
Letzten Samstag morgen passierte ich die Linie, die im Ausbeuterdialekt »Überflüssig« benannt wird, oder verständlicher gesagt: ich wurde mit einem Tritt auf den Hintern ehrenvoll entlassen.
Der Pat, der unverschämte, gewissenlose Irländer, wollte mir den Gefallen nicht tun und -- -- nein, den Tod wünsch' ich ihm gerade nicht -- aber -- aber -- ja, hier ist guter Rat teuer, was ich dem armen Mann mit seinen elf Kindern wünschen soll. Eine Million Silberdollar wünsche ich ihm und Gesundheit dazu. Basta! Amen!
Ja, der Pat meldete sich zum Dienst zurück. Er ist noch gar nicht fähig dazu. Er sieht schrecklich krank und wackelig aus. Ich glaube kaum, daß er den fünften Stock des Warenspeichers erklimmen kann ohne Alpenstock. Aber so geht's halt im glorreichen Lande Onkel Sams. Die Sorge, ~ich~ möchte mich in seine Nachtwächterstelle festbeißen, die Angst um sein täglich Brot jagte den Proletarier, nur halb geheilt, aus dem Lazarett ins Kampfgewühl der Konkurrenz.
Daß genug Verdruß übrig bliebe, ohne ~den~, den man sich selber macht -- ich meine, die Menschen sollten sich wenigstens die Existenzsorgen vom Halse halten, und Jammer bleibt genug übrig, ohnehin, um verrückt werden zu können.
Das sind übrigens pensionierte Themas für mich. Tom Pratt hat keine Zeit mehr, der Mißwirtschaft Parade abzunehmen. Seine ganze Energie geht auf in seiner, jetzt nahezu fertigen Dichtung »Der Seestern«! -- Schwester, nicht genug danken kann ich Dir für den Rat, ich soll das Dichten als Basis meiner Zukunft wählen. Du sagst, Gott habe Dir den erlösenden Gedanken eingehaucht. Ich glaub's. Das ist die Weise, wie er zu uns spricht! Wenn wir ruhig sind und lauschen, dann hören wir jedes seiner Worte. Darum bin ich (Du merkst wohl die Veränderung an mir jetzt schon), darum bin ich heute so geduldig, ergeben. Komm', was komm', ich hab' mir in den einsamen Nächten als Wächter viel zugelegt, was mich aufklärt über Zeichen und Wunder. Unmöglich hätt' ich meinen »Seestern« so zu stande gebracht außerhalb jener Kanzleistube und ihrer wunderbaren Abgeschlossenheit. Ach! jetzt packt mich gar das Heimweh nach meiner Nachtwächterzeit. Pat! ich verfolge dich in Gedanken durch alle Winkel des Hauses. Nimm dich in acht vor Gespenstern und bleib weg von Mister Rouß' Sanktum -- der Einarmige sitzt dort!
Ich rechne, in acht Tagen werde ich ganz fertig sein mit meiner Arbeit und darf abliefern. Wie sehr wünsche ich, Du möchtest jetzt neben mir sitzen, damit ich Dir Stellen des Manuskripts vorlesen könnt'. Stellenweise ist der »Seestern« -- lache nicht -- geradezu meisterhaft! Er ist, wie schon der Titel erklärt, ein Ding vom Meer, ein Matrosenroman. Das Meer in allen seinen Bewegungen, Farben und Eindrücken auf den Menschen zu schildern, ohne überschwenglich und einförmig zu werden, das war die Idee. Die Handlung ist Trägerin nur all dieser Perlen, Steine, Juwelen, Muscheln, Flitter und Goldfische, die ich da (wie ich gar nicht bezweifle) mit einem Geschmack und Reichtum angehängt habe, den mir schwerlich einer übertrumpfen soll. Mein Jugendstreich, als ich ohne Abschied von Euch den Mississippi hinunterlotste, in Neuorleans die »Dora Doll« bestieg und herumsegelte mit ihr ums Horn nach Frisco -- der Anschauungsunterricht damals kommt mir trefflich zu statten jetzt.
»Mitternachtswehen am Kap Horn« und »Morgen am Amazonenstrom« schilderte ich, Poesie, Natur, Liebeslust und -tragik, des Meeres und der Liebe Wellen so verschmelzend, daß dem Leser Salzwasser in Form seiner eigenen Tränen auf die Blätter träufeln und er das Buch festhalten wird wie ein Kleinod, aus Furcht, die wehende Brise der See möcht' es ihm entführen.
Schwester, Du wirst lachen und witzeln: jede Mutter hält ~ihr~ Kindlein für das schönste. Warte, Dichter Tom, bis die Herren Kritiker das Ding beurteilen: »Mißgeburt -- Ohren zu lang -- Nase platt -- Augen blöde -- Mund dumm.«
Es gibt aber Mütter, deren Kinder tatsächlich schön sind; und wenn ~ich~ zu dieser glücklichen Sorte gehöre, was dann? Warum soll es nicht möglich sein, daß Tom Pratt einen Treffer ins Schwarze macht beim allerersten Schuß? -- Ein schlechter Schütze verknallt sein ganzes Pulverhorn und trifft die Scheibe nicht. Es kommt nicht aufs Vielschießen an -- nicht einmal so sehr auf Übung -- scharfes Auge (des Geistes beim Poeten), kühles Selbstbewußtsein sind Garantien für Treffen. Und diese Eigenschaften besitze ich, Gott sei Dank!
Der »Seestern« bleibt also vorläufig mein Hoffnungsstern.
Tom.
* * * * *
Brooklyn, den 22. Januar 1901.
Teure Schwester!
Mein erstes Wort soll sein: »Verzeihe mir!«
Drei Wochen lang bin ich im Besitz Deiner Glückwünsche zum neuen Jahr, und jetzt erst komme ich, sie zu beantworten. Das ist wieder eine meiner Sünden, die nur entschuldigt werden kann, wenn man Schritt für Schritt die Schwierigkeiten mißt, mit denen schwacher Wille Träumer formt zu aufgeweckten Menschen.
Die rührenden Schilderungen Deines häuslichen Lebens ... Schwester, wie machst Du es nur? Was treibst Du nur? Ist es Leichtsinn, der Dich lachen macht bei solchen Entbehrungen? -- oder ist's Galgenhumor? -- Hier lese ich von einer kinderlosen Dame, die in verschwenderischem Luxus lebte, umgeben von allem, was das Herz begehrt, Freiheit, Freundschaft, Gesellschaft, Gesundheit. Ihr Gatte betete sie an. Schwermut zog sie aber zum Selbstmord.
In Pilot Knob lebt eine Bergmannsfrau, die sechs unerwachsene, immer lärmende, immer essende Kinder als Plagegeister um sich hat, nebst all ihrer Haus- und Wascharbeit. Die Frau ist das wahre Opferlamm. Schlaf, Ruhe, gute Kleider, Speise und Trank, Vergnügen, alles muß sie opfern; und doch ist sie der Inbegriff von guter Laune, Frische, Zufriedenheit. -- Schwester! warum begehst ~Du~ nicht Selbstmord und entfliehst einem Dasein so voller Schatten?
O, warum denn fragen -- hier steht ja die Antwort neben mir: Arme Eva mein! Das ~Kind~ ist fort -- ja, die Elsie ist fort -- und mit dem Kind geht des Weibes Lebenszweck zu Grabe. Das ist das Geheimnis. Euer Ebenbild vor Augen haben, gesund und munter, brav und gedeihlich, das ist eure irdische Glückseligkeit; wie es des Ewigen überirdische, unendliche Glückseligkeit sein muß, Menschen leben zu sehen, die ihn lieben, anschauen, mit ihm reden.
Schwester! Gestern setzte ich mein Kind aus! Meines Geistes Erstgeburt, der »Seestern«, wurde abgeliefert an den Verleger in Neuyork. Es war mein schwerster Gang -- und leichter dünkt es mich, Arbeit zu erbetteln, oder gar Almosen, als so ein armseliges Schreibheft abliefern und erwarten, der vielbeschäftigte hohe Herr solle sich's Zeit und Geduld kosten lassen und den Quatsch kritisieren. Nie kam ich mir kleiner vor, eingeschrumpfter als im Augenblick des Anklopfens an seine Kanzleitür.
»Herein!«
Ich trat ein. So bleich und schlotterig tritt höchstens Hamlets Geist auf die Bühne, wenn sein Schneider im Parterre wartet, wie ich das Kontor betrat.
»Setzen Sie sich!«
Ich setzte mich. Eigentlich fiel ich. Wie ein Taschenmesser mit starker Feder klappte ich zusammen und saß einem Fragezeichen dergestalt ähnlich auf dem Stuhlrand, daß der hohe Herr ohne weiteres frug: »Sie wünschen?«
»Ja,« hauchte ich.
»Was wünschen Sie?«
»Sir!« begann ich, »Sie sehen, ich habe ein großes Unglück erlebt. Mein linker Arm wurde mir abgeschnitten von der Maschine. Das war letzten Sommer. Seither versuchte ich mit allem guten Willen Arbeit zu erlangen, um mich und meine Familie vor dem Untergang zu bewahren -- konnte jedoch nichts finden. Ein guter Geist gab mir den Rat, dieses Buch hier zu schreiben. Ich schrieb's. Ich weiß, es ist kühn, als ungeschulter Mensch zu wagen, was nur Hochgelehrte zu vollbringen vermögen; aber Not ist meine Entschuldigung. Ich bin in großer Not, mein Herr! und flehe um Nachsicht.«
Jetzt war nur noch der leere Bettelsack als würdige Schleppe fester zu binden und meine wohleinstudierte Rede wäre fertig gewesen; aber die Worte klebten mir an der Zunge fest und diese am Gaumen. Ich stockte.
Die Stimme des hohen Herrn klang wohlwollend, als er mich nach einer Pause anredete. Vielleicht fürchtete er, der Schlag werde mich treffen, wenn er mich schroff abweist, und einen Toten von meiner Größe bei sich liegen haben, bis der Leichenbeschauer kommt und wegräumt, das wär' Ursache genug, warum ich gnädig behandelt wurde. Vielleicht aber (o, ich bebte vor Freude) empfand der Herr ein menschliches Rühren.
»Mein lieber Freund! Daß Sie großes Unglück erlebt haben, kann ich sehen. Daß Sie in großer Not sind, kann ich ebenfalls sehen. Das allein soll mich bewegen, eine Ausnahme zu machen. Es ist mein Geschäftsprinzip seit Jahren, keine Manuskripte zu lesen, noch anzunehmen, außer gut empfohlene. Es läuft zu viel Mittelmäßiges ein. Der Markt ist überfüllt und meine Zeit ist kostbar. Dennoch werde ich, wie gesagt, mit Ihrer Dichtung eine Ausnahme machen -- hoffend jedoch, daß Sie, falls meine Kritik abschlägig lautet, das Urteil wie ein Mann ertragen werden. Selbstverständlich würd' es mich Ihretwegen freuen, sollte das Buch druckreif erscheinen. Es kann ja sein. Es ist alles schon dagewesen. Sie werden von mir hören. Adieu!«
Er winkte ab.
Ich ging.
Jetzt heißt es, mit Vorsicht Hoffnung und Verzweiflung balancieren lassen, daß ja keines das andere sinken oder zu hoch steigen läßt. So zwischen Himmel und Hölle hängend -- mein Gott! sind das Zeiten, die meiner harren.
Tom.
* * * * *
Brooklyn, den 24. Januar 1901.
Teure, liebe Schwester!
Warum ich Dir schon wieder schreibe? -- Ich lebe in qualvollster Ungewißheit über das Schicksal meines Manuskriptes, über den Unter- oder Aufgang meines »Seesterns«. Ein Gefühl habe ich, als schwebe ich an einem Bindfaden hängend über dem Niagara; wenn der Faden nicht reißt, werd' ich gerettet; reißt er, so fall' ich.
Ach, Jennie! Schwester! Denkst Du, meine Dichtung werde durchdringen? Ist so etwas möglich? Um zwei Zeilen Trost und Aufmunterung fleht Dich an Dein armer
Tom.
* * * * *
Brooklyn, den 28. Januar 1901.
Liebe, teure Schwester!
Alles dreht sich vor mir und steht auf dem Kopf, das Unterste wird oben. Warten würgt sonst die Hoffnung -- bei mir wird die Hoffnung blühender, je länger ich warte. Jetzt sind es sechs Tage, oder genau hundertachtundvierzig Stunden, daß ich meine schriftstellerische Produktion dem Verleger einreichte, und noch habe ich keine Antwort. Das würde vielleicht jeden anderen beunruhigen, mich tröstet es. Die ersten paar Tage lebte ich in peinlichster Sorge. Jede Stunde fürchtete ich, das Manuskript werde zurückgeschickt; sah ich den Briefträger über die Straße schreiten, so zitterte ich: er möcht's in der Tasche haben und mir aushändigen -- und was das bedeutet, o Enttäuschung! Nun bin ich glücklich übers Anfangsstadium weg und fühle fester.
O, es ist himmlisches Gefühl, zu wandeln auf dem Pfad zu besseren Tagen. Der erste Schritt aus Waldesnacht, die den Verirrten grauenvoll umgarnte, der Sonne Licht, das die Nebel teilt und dem Schiffer Küsten zeigt, können kaum solche Zauber wecken.
Tom.
* * * * *
Brooklyn, den 4. Februar 1901.
Liebe Schwester!
Es macht mir unerträgliche Pein, daß Du so lange schweigst. Nur ein paar Worte, von Deiner Hand geschrieben, würden mich beruhigen, aber ~nichts~ ist zu wenig. Bist Du krank? Oder quält Dich die Not? Oder bist Du erzürnt auf mich, weil ich Dich unablässig ärgere mit Lamentieren?
Liebe Jennie! Hab' ich Glück mit meinem »Seestern«, dann werden wir alle gute Tage erleben! Es bedeutet totale Umwälzung unserer Lage, von Notstand zu Wohlstand; denn viel Besseres werde ich schreiben nach diesem Erstlingswerk. Getragen vom Erfolg, von Begeisterung, Aufmunterung, Sorgenfreiheit, werd' ich fliegen so hoch -- Freudenschauer schütteln mich, wenn ich denke, wie hoch ich fliegen kann, lastbefreit. Ich werd' dann wohl gar nicht mehr vom Himmel herunterkommen, und meine Berichte zur Tiefe schicken mit irgend einer Post, mit Sonnenstrahlen, Schallwellen, Tau und Regen. Ob mit Blitz und Hagelwetter, soll vorläufig nicht prophezeit noch abgeleugnet werden; unbedingt aber müssen die Menschen sich brüderlicher betragen, oder ich bombardiere die Erde mit Sonnenschlacken und faulen Eiern so groß wie Mondgebirge.
Schwester, Dir besonders werde ich ganz gehörig unter die Arme greifen. Deinen Waschkübel sollst Du zum Bach tragen und schwimmen lassen, den ganzen Mississippi hinunter in den Golfstrom, bis er da als Treibholz landet, wo Nansen den Pol stecken ließ. Dein Söhnchen Peter braucht nicht ins Bergwerk -- nicht so früh untern Boden -- ein passendes Handwerk laß ich ihn lernen. Und Deines Lieblings Wunsch, Pfarrer spielen zu dürfen, werde ich erfüllen; mit der einzigen Bedingung jedoch, daß er reines Christentum predige ohne das vorgeschriebene Beiwerk -- und kost' es ihn seine Anstellung. Allen Deinen Kindern (ach, ich möchte ~allen~ Kindern) soll geholfen werden. -- Glückauf!
Ist das, zusammengezählt und multipliziert mit brüderlichem Segen, nicht ~ein~ Briefchen wert? Bitte, antworte.
Tom.
* * * * *
Brooklyn, den 11. Februar 1901.
Schwester!