Die Geschwister

Part 11

Chapter 113,914 wordsPublic domain

Du antwortest mir also nicht. Dieser wird mein sechster oder siebenter Brief, den ich an Dich richte. Warum antwortest Du nicht auf meine Briefe? Weißt Du denn nicht, daß ich erschöpft bin, an der Grenze bin, daß ich armer, einarmiger, vergessener Krüppel nicht weiterhinken kann und stecken bleibe im Bitten, Flehen: schreibe mir! Schwester, schreibe mir!

Diesen Vormittag besuchte ich den Herrn Verleger. Ich konnte meine Unruhe nicht länger bemeistern und besuchte den Herrn Verleger. Und mein armes Manuskript lag noch ungelesen dort. Nein, viel schlimmer, es lag unter einem Berg von Papier und Büchern vergraben wie ein totes Ding, und der Herr war in schlimmer Laune obendrein.

Was das bedeutet? -- Fehlschlag! Fehlschlag in zermalmendster Bedeutung. O, ~der~ Schlag ist härter als mein Widerstand. Ich werde wahnsinnig, das ist die letzte Offenbarung. Gott will mich vernichten, und weiß ~wie~. Er hat Erfahrung im Fach und trifft jeden Nagel auf den Kopf. Warum? Bin ich ein zu ungeduldiges Ding? Bin ich im Weg? Ist einer zu viel im Schöpfungsraume, der Luft atmet? Was weiß ich von den Launen seiner Majestät, ich bin nicht allwissend. Aber ~den~ Glauben haben sie mir endlich beigebracht: mit Jammern rührt man Götter nicht; eher küss' ich Grönlands Felsen warm, bis seine Gletscher dampfen, eh ich mit allen meinen Klagen einen Gott erweichen kann.

Aber still! kusch! Genug gebellt, genug gepfiffen. Das Allerschlimmste: mein Weib wird kalt. Eva wird mir fremd! Gefühl und Liebe fängt zu rechnen an und multi-dividiert mit kalten Zahlen meinen -- Bankrott. Sie meidet mich. Sie weicht mir aus. Sie fürchtet meine Liebkosungen. Zittert, wenn ich ihr nahe. Erschrickt, wenn ich sie ansehe. So fliehen sie mich alle! Bertie schlägt der Mutter nach und stiehlt sich fort. Das Schicksal ist mir todfeind. Gott auch. Die Menschen alle. Du auch. ... Der ~eine~ nur, den ich am meisten könnt' entbehren, den ich verwünsche bis ins Grab, der mich plagt und hetzt -- mit Bitten und mit Drohen kann ich von seiner schrecklichen Gesellschaft nicht freikommen -- der eine, letzte, der mir folgt in alle Ewigkeit, ist:

Tom.

* * * * *

Pilot Knob, den 16. Februar 1901.

Armer Tom!

Gewiß -- Du hast recht. Sechs oder mehr Briefe habe ich von Dir und keinen beantwortet. Und sag' ich die Wahrheit, keinen gelesen -- oder gelesen und vergessen. Sie sind ja alle gleich. Jeder ist voll von Klagen. Und Du hast recht. Es geht dir schlecht. Herzlich schlecht. Was soll aus Dir werden jetzt? Ich seh' keinen Ausweg aus diesem Labyrinth von Unglück -- gar keinen. Ich hab' nachgedacht, nächtelang, tagelang, und bin, aufrichtig gestanden, müd' und krank darüber. Es wird mir zum Ekel, das Denken. Ich kann Dir nicht helfen. Hilf Dir selbst! Sieh, wie Du fortkommst! Wann nicht, dann nicht. Ich zweifle, ob Du es kannst. Wahrscheinlich wirst Du keine Arbeit bekommen mit Deinem verkrüppelten Körper und -- verkrüppelten ~Geist~. Dein krankes Weib wird noch eine Weile waschen, und dann wird sie ~nicht~ mehr waschen. Man sieht den Schluß des Trauerspiels kommen -- natürlich. Er kann nicht anders lauten als: »verdorben und gestorben.«

Tom, ich schreibe dieses alles nur so hin, wie mir die Worte einfallen. Ich denke nichts dabei. Das Denken hat mich krank gemacht. Das Reden, Bitten, Trösten hat mich krank gemacht. Ich muß mich schonen. Nachgeben. Wenn ich weinen könnte, dann würde mir wohler -- das fühle ich. So recht heiß und lange weinen. Aber schreien hilft nichts. Ich hab' geschrieen, daß ich heiser bin. Es hilft nichts. Es gibt keinen Schrei, der hinüberreicht zu den Toten, Tom. Keinen ... Und das Kind ist fort ... Zerrissen haben sie mir das Kind ins Haus getragen. Als hätten wilde Tiere mein Kind zerrissen, so haben sie es mir ins Haus getragen. Ach Gott! warum ließ ich das Kind ins Bergwerk und schaffen wie ein Sklave um das bißchen Essen, dass es ißt. Jetzt ist es tot. Die Wand fiel auf die liebe, teure Form und zerdrückte mein Kind zur blutenden Masse ohne Atem, Leben. Das war der Anfang und das Ende seiner ersten Woche. So schnell. So gründlich.

O, mein Kopf! Mein weher Kopf! Ich möchte am liebsten liegen -- hinliegen irgendwo im schwärzesten Winkel der Welt und schlafen -- schlafen. -- Das ~eine~ muß ich Dir aber noch sagen, eh ich die Feder weglege: Du sollst mir keine Antwort geben auf diesen Brief. Wir reisen ab ins nordamerikanische Sibirien, zu den Bären und Wölfen, nach ~Montana~. Morgen. Auch das noch! Was dann? -- Peter hat sich anwerben lassen ins Silberbergwerk. Der Vater kann nicht in der Grube schaffen, wo sein Kind erschlagen wurde, das ist die Ursache der Flucht. Und ~ich~, ich kann mich nicht losreißen vom Grab meines Kindes. Beide haben wir recht. Aber ich verliere, er gewinnt. Ich verliere immer, immer. Daß ich ~eine~ Stunde meines Lebens wüßte, wo ich nicht die Verliererin war! -- Aber still, still. Stumpfsinnigkeit, erbarme dich meiner! Es gibt keine Saite der Seele, die nicht wimmerte, würd' ich weiterschreiben jetzt. Darum still, still. Tom, ich muß schließen. Noch vieles, vieles möchte ich sagen. Aber besser so -- wir nehmen Abschied auf Leben und Sterben hier. -- -- --

Die Abendsonne scheint ins Tal herab. Wenn Menschen sterben, die wir lieb gewonnen, so sind ihre letzten, langen Blicke -- wie der Abendsonne Schein in meine Kammer hier. Leb wohl, Licht, Heimat, Welt. Und morgen scheinst du wieder in die Kammer hier -- und Jennie ist gegangen.

* * * * *

Deer Lodge, Montana, den 27. Februar 1901.

Lieber Schwager Tom!

Die Jennie ist jetzt auch gestorben. Sie hat sich das nicht ausreden lassen. Daß es kalt ist. Jetzt ist sie tot am Sonntag. Dann ist sie doch fortgangen. Dann ist sie begraben worden gestern. Das war auch kalt. Das Wetter ist immer kalt. Es schneit auch immer. Dann ist es noch kälter. Dann ist es zugefroren. Wenn man Wasser holt ist es immer zugefroren. Mann muß es aufhacken dann kommt das Wasser. Das Wasser gefriert auch immer in der Küche. Ich sagte zu Jennie daß es kalt ist. Jennie sagte eins muß gehen. Wenn es kalt ist muß doch eins gehen. Am Sonntag geht immer eins. Dann hab' ich gesagt es ist verrückt in die Meß gehen so weit. Weil der Peter tot ist bist du verrückt. Dann ist sie fortgangen in die Meß. Das tut mir leid daß sie ist fortgangen und hat wenig Kleider. Jennie hat auch alte Schuh. Weil ich neue Stiefel hab' hat sie wollen warten. Der Willie hat auch alte Schuh. Dann hat Jennie geweint und ist fortgangen zur Meß. Die ist aber vier Meilen weit oder fünf. Das sind aber acht Meilen weil sie in Buxton liegt auf der anderen Seite. Der Wald liegt auch noch drüben. Die Kirche liegt nicht im Wald. Auf der anderen Seite in Buxton liegt die Kirche wenn man dort ist. Dann ist die Jennie nicht heimkommen. Am Abend ist sie auch nicht heimkommen. Dann hat jeder die Laterne genommen und hat gesucht. Der Mister Kelly hat sie gefunden zuerst. Der ist auch ein guter Freund von mir und hat den Laden. Jennie kaufte meine Stiefel in seinem Laden. Dann hat sie noch gelebt. Sie ist aber schon ganz steif gewesen. Und mitten im Wald. Dann haben wir Jennie heimtragen ins Bett. Dann ist sie gestorben um zwölf.

Dein Schwager

Peter Daly.

* * * * *

Deer Lodge, Montana, 17. März 1901.

Lieber Onkel Tom!

Mama ist tot. Du weißt es. Vater hat es Dir geschrieben. Schon drei Wochen lang ist Mama tot und noch kann ich es nicht glauben. Jeden Morgen wenn ich aufwache schau' ich verwundert herum, warum Mama nicht klappert mit den Tellern in der Küche. Dann fällt mir ein, ach! Mama ist ja tot. Ach, es ist so still bei uns, seit Mama nicht mehr lacht und redet und kocht und wascht. Ich habe schon so viel geweint daß ich nicht mehr kann. Ich kann nur den Kopf schütteln und herumgehen und alles anschauen, antasten, was der Mama gehörte weil sie lebte. Ihr Gebetbuch, den Rosenkranz, ihre Kleider. Ach, Onkel! es ist traurig. Wenn ich schreiben könnte wie ich fühle, dann würdest Du weinen über diesem Brief; aber ich kann nicht schreiben wie ich fühle. Ich kann nicht leben ohne Mama. Warum ist sie fortgegangen von uns? Warum hat der liebe Gott die gute Mama weggeholt und wir brauchen sie doch so notwendig? Molly und Rose muß ich ankleiden jeden Morgen und auskleiden am Abend und waschen und kämmen. Lilli ist auch noch zu klein. Tommy auch. Ach, es ist traurig ohne Mama. Sie fehlt uns. Bei Nacht liege ich stundenlang wach und warte. Ich schließe die Augen und denke: Mama kommt und küßt mich. Ich deck' mich bloß und denke: Mama kommt und hüllt mich warm. Und wenn ich träume von ihr und aufwache mitten in der Nacht und alles nur ein Traum war und gar nichts um mich ist als nur das Atmen meiner schlafenden Geschwister in der Kammer, und draußen der Wind, der rüttelt am Fensterladen und heult im Wald -- -- ach, Onkel! ich kann's Dir gar nicht schreiben wie ich traurig bin. Ich muß dann aufstehen. Ich muß herumgehen im kalten Haus wie ein Geist. Manchmal nehme ich Mamas alte Schuhe ins Bett zu mir und halte sie am Herzen, bis ich wieder einschlafe. Ach, Onkel! tu mich nicht auslachen und nicht den Leuten erzählen. Ich kann mir nicht helfen. Und Vater ist auch ganz verzweifelt. Er mag nicht schaffen und läßt alles verwahrlosen. Er ist so bös, daß ich mich fürchte vor ihm.

Ach, wenn Mama nur noch einmal käm' und wenigstens Abschied nähme. Sie hat gar nicht Abschied genommen. Sie war kalt und ohnmächtig, als sie fortging. Die schöne, gute Mama.

Ach! jetzt muß ich doch wieder weinen. Ich meinte, ich könne nicht weinen, und jetzt muß ich doch wieder weinen.

Lieber Onkel! Jetzt werde ich den Brief schließen. Ich wünsche Dir viel Glück und Arbeit, damit Du Geld verdienst. Der lieben Tante Eva wünsche ich Gesundheit und dem lieben Bertie auch alles Beste. Mama hat so oft von Euch gesprochen. Nun ist sie tot.

Willie Daly.

* * * * *

Deer Lodge, den 24. März 1901.

Lieber Onkel Tom!

Ich habe Heimweh und niemand hier, dem ich's klagen kann. Darum schreibe ich Dir schon wieder. Vater ist zur Schenke gegangen. Er geht jeden Abend zur Schenke, seit die gute Mama tot ist. Er kann's nicht aushalten in der Stube ohne die Mama, sagt er. Ach, es ist ja wahr, es ist schaurig hier im Haus. Eben schlägt die Uhr auf dem Kamin neun. Vier Stunden lang ist es schon Nacht. Und was für eine Nacht. Schnee, Schnee, Eis und Sturm. Und hier sitze ich allein. Die Kinder schlafen nebenan, aber Lilli hustet. Sie ist krank. Sie haben alle Erkältung und Lilli am meisten. Was soll das werden? Wären wir doch nie von der lieben, schönen Heimat weggereist. Dann lebte die gute Mama noch und Vater blieb' zu Hause bei uns. Jetzt bleibt er gar nie zu Haus. Und ist so bös mit uns. Jeden Abend sagt er: wenn wir alle miteinander sterben täten, wär's gut. Das Unglück hat Vater so verändert. Er war gut mit uns in Pilot Knob.

Ach, Onkel! Jetzt sitz' ich hier am Tisch und schreibe. Am alten Tisch, vor der alten Lampe, auf dem alten Stuhl, meine Schulhefte, Tinte und Feder vor mir. Wir brachten alles von Pilot Knob herauf. Die Heiligenbilder an der Blockwand schauen mich an wie früher. Die Uhr tickt wie damals.

O, meine Mama! -- Wie oft bin ich, seit sie tot ist, hier gesessen in der Stube, allein. Bis elf, bis zwölf, bis Vater heimkam von der Schenke, und habe das Licht herabgedreht, daß es schier auslöschte und mit dem glühenden Ofen zusammen überall herum Schatten zittern ließ, am Boden, an der Wand, an der Decke. Und bin herumgegangen von Schatten zu Schatten.

O, ich kann nicht leben ohne meine Mama!!

Willie Daly.

* * * * *

Deer Lodge, den 27. April 1901.

Lieber Onkel Tom!

Du böser Onkel Tom! Warum antwortest Du nicht? Jeden Tag laufe ich nach Kellys Laden und frage, ob der Brief da wäre von Neuyork. Der Mann ist schon ganz ärgerlich. Ich weiß wohl, Du kannst uns nicht helfen. Du bist selber arm. Wir wollen auch kein Geld von Dir -- nur gute Worte wollen wir, Trost und Mitleid. Wir sind so verlassen in diesem wilden, kalten Land -- so verlassen.

Ach, Onkel! Vater hat mir strenge anbefohlen, Dir die Neuigkeit ~nicht~ zu schreiben. Er war wütend, als ich ihm sagte, ich hätte Onkel Tom zwei Briefe geschrieben. Onkel Tom kann uns nicht helfen, sagte Vater, und wenn Du ihm diese Neuigkeit schreibst, ich schlag' Dich tot. Das sind seine Worte. Er hat sich schrecklich verändert seit der guten Mama Tod und Peters Tod. Er spielt den ganzen Tag Karten in der Schenke. Alles verwahrlost. Wir sind alle krank.

Wär' ich allein, ich würde ja schweigen und nichts verraten, aber meine armen Geschwister, ach! die sind so hilflos, daß ich ihretwegen reden muß, sonst wär' ich kein braver Bruder.

Lieber Onkel Tom! Wir haben eine neue Mama. Ein böses Weib. Vater hat sie geheiratet in der Schenke. Dort war sie Kellnerin. Und jetzt ist sie unsere neue Mama. Vater hat sie ins Haus gebracht vor drei Wochen und gesagt: »Kinder, das ist nun eure neue Mama, und die müßt ihr ebenso lieb haben wie die alte Mama.«

Ach, Onkel! wir können das Weib nicht lieb haben. Sie ist schlecht. Sie flucht und lügt und betet nicht. Wir wollen keine fette, große Mama, die immer bös ist. Jeden Tag sagt sie, daß wir eine Last sind und sterben sollen. -- Könnten wir doch sterben. Wir wollen ja sterben. Dann wären wir im Himmel bei der guten, einzigen Mama für immer und immer.

Onkel! wir fürchten sie sehr. Vater fürchtet sie auch und muß jetzt jeden Tag ins Bergwerk, arbeiten. Das ist noch gut. Sie läßt ihn nicht zur Schenke am Tag. Abends gehen aber beide zusammen zur Schenke, trinken und tanzen. Jeden Abend. Jetzt sind sie auch dort und darum kann ich Dir diesen Brief schreiben. Aber sei ja vorsichtig, lieber Onkel, und adressiere an mich »Willie« und nicht an Vater. Mister Kelly weiß alles von mir und wird den Brief nur ~mir~ geben. Mister Kelly ist sehr gut zu mir. Er schenkt mir Briefmarken, Papier und was ich brauche. Er sagt immer: »Willie, deine Mama ist im Himmel, aber dein Vater ist verrückt, seine Familie in diese Wildnis zu bringen. Das tut kein vernünftiger Mann.«

Wir sind auch die einzige Familie im Lager. Zwei sind wieder abgereist die erste Woche schon. Aber wir kommen nicht weg, wir sind zu arm und müssen schon bleiben, bis Gott uns Hilfe schickt.

Ach, Onkel! ich zittere so vor Angst. Ich werde doch besser tun und schließen. Die Tür hat nur einen Schieberiegel, und wenn Vater jetzt heimkäme und mich abfaßte beim Schreiben. Ich bin auch sehr müd.

Leb denn wohl! Ich bete. Gott verläßt keinen Betenden.

Willie Daly.

Die Abendsonne des letzten Maitags tauchte unter hinter dem Felsengebirge, und Schatten füllten langsam die endlich schneefreien Schluchten des Deer Lodge. Als die Röte am Horizont sich löste in farbloser Nacht und drunten im Tal einzelne Lichter blitzten, die Orte bezeichnend, wo Menschen inmitten der Wildnis wohnen, da kam ein Reiter von Buxton her in die Niederung geritten.

Offenbar war er nicht sehr in Eile, trotz der späten Stunde und des gefährlichen, holperigen Weges; vielleicht aber war er so tief in Gedanken versunken, daß ihm jeder Begriff von Tempo abhanden gekommen war und er das Allegretto nicht vom Andantino zu unterscheiden vermochte. Immerhin, das Maultier, das ihn trug, benützte diesen seltenen Fall, einen Dirigenten über sich zu haben, der sparsam mit dem Taktstock hantiert, und wählte den gemütlichsten Marsch, der noch erlaubt werden kann im Bereiche der Bewegung.

Erst als der Reiter an die erste Hütte gelangte und der Lichtstrahl aus dem Fensterchen sein Gesicht streifte, schrak er zusammen, richtete sich im Sattel auf und blickte, wie aus schwerem Schlaf erwachend, ringsum. Dann trieb er das Maultier dicht an die Hüttentür und pochte, ohne abzusteigen, mit dem Fuß. Vier bärtige, wettergebräunte Männer erschienen und tauschten mit dem Fremdling etliche Worte, die jedoch vom Gebell zweier Bulldoggen begleitet wurden. Der Fremde mußte sie doch verstanden haben, er bedankte sich und ritt dann im Trab weiter talwärts. Vor dem größten Blockhaus im Lager hielt er wieder an, sprang aus dem Sattel, warf die Zügel einem Stallknecht in die Hände und verschwand in Kellys Laden.

Schier eine volle Stunde lang konnte man ihn dort mit dem Eigentümer des Ladens gestikulieren sehen; beide nickten und schüttelten häufig die Köpfe, und beide behandelten das Thema als ein außergewöhnlich ernstes. Als er endlich wieder heraus auf den Weg trat, war er in Begleitung eines Mannes, der ihm vorausging, in die Nacht hinein. Vor einer ziemlich abseits vom Lager erbauten Bretterhütte machten sie halt. Der Wegführer empfing ein Geldstück und verschwand, dankend und pfeifend.

Sobald sich der Fremde allein wußte, kam es wie Erleichterung über ihn. Er blieb stehen, atmete auf, reckte sich. Dann zog er seinen breitrandigen Hut vom Kopf, murmelte etliche Worte, sich dabei gegen die Hütte verneigend, als wäre die Holzbaracke eine Kirche oder sonst ein heiliges Gebäude. Hierauf schritt er dicht an die Tür. Durch mehrere Ritzen drang Licht heraus. Er bückte sich und sah durch die größte in das Innere -- in die Küche. Die war eigentlich der einzige Raum und füllte beinahe die Hütte; links waren allerdings zwei Türen zu abgesonderten Räumen, die wohl zum Schlafen dienten; groß konnten sie jedoch nicht sein. Eine Zimmerdecke gab es nicht; das Dach war die Decke. Ebenso fehlte die Tünche an der Wand, der Bretterboden, das zweite Fenster und noch unzähliges mehr. Alles war rauh, flüchtig, robinsonartig zusammengeschustert zu einer Menschenwohnung, ungastlich, unheimlich im höchsten Grad.

Plötzlich kam eine Unruhe in die große, kraftvolle Gestalt des Fremden. Er sah, wie die Tür der einen Schlafkammer sich öffnete und ein Kind in die Küche heraustrat. Es war ein Knabe von etwa zwölf Jahren. Er trug in einer Hand ein Bild im Rahmen, in der anderen eine kleine Statue. Beides stellte er vorsichtig auf den Tisch neben die Lampe. Dann kniete er auf den Boden, wickelte sich eine Schnur mit Kügelchen dran um die Finger und begann laut zu beten: »Gedenke, o seligste Jungfrau! daß noch nie erhört wurde, daß jemand, der zu dir seine Zuflucht nahm, von dir verlassen wurde --«

Der Fremde zog leise am Schieberiegel, öffnete ebenso die Tür und trat ein. Die kältere Luft von außen, die er mit hereinbrachte, störte den Knaben; er drehte sich um, und den Mann sehend sprang er rasch und erschrocken auf die Füße. Mit weitgesperrten Augen musterte er den Eindringling; zuerst dessen Gesicht; dann, heruntergleitend an der Gestalt, bemerkte er an der linken Schulter einen fehlenden -- --

»Onkel Tom!!« schrie Willie und -- --

Blitzesschnell setzte sich der Erkannte auf die Bank, riß das hingestürzte Kind vom Boden auf, warf es über die Kniee, preßte sein Gesichtchen hart an sich, rieb ihm Hände und Schläfe, Stirn und Hals, wiegte es hin und her, wie eine Mutter, wenn sie Schlummer erzwingen will. So gelang es Tom allmählich, das arme, in Konvulsionen zuckende Wesen wieder zu beleben. Ein langer, schriller Schrei entlud sich aus Willies Brust; dann kurze, pfeifende Laute, unterbrochen von Atemholen, begleitet von krampfhaftem Ballen und Öffnen der Hände, von verzweifelten Versuchen, sprechen zu wollen, Schluchzen in Worte formen zu wollen -- bis endlich, wie lang zurückgedämmte Flut, alles wiederkam. Worte über Worte, grauenvolles Klagen ... Wie das Kind gelitten, geduldet; wie es getreten und geschlagen wurde, mutterlos allein, durch Wintersnacht, durch Hungersnot; und keine Menschenseele, die diese Last, zu schwer für Riesen, mit dem Knaben teilte.

Lautes, anhaltendes Weinen, weniger und weniger von Zuckungen gestört, bildete den Schluß. Stiller und weicher wurde das Kind; wärmer, anschmiegender. Die Verzweiflung hatte sich ausgetobt, wie in einem Wolkenbruch, und der Hoffnung Sonne, der heiße Hauch des Mitleids richteten den gebeugten Halm wieder auf. Behutsam drehte Tom, nach einer Weile Wartens, des Knaben Gesicht zur Seite, um es zu betrachten. Es war blaß, langgezogen, mager. Die Augen hatten einen kranken, schläfrigen, geistesabwesenden Glanz und blickten empor, wie eben zurückkehrend aus schwerer Betäubung. Schaudernd drückte Tom das Kind wieder an sich -- seiner Schwester Kind -- und wiegte und wiegte. Summend und schaukelnd, noch fünf Minuten, und -- Willie war im Traumland.

Der Onkel entkleidete ihn jetzt. Die Schuhe fielen von selber ab. Das Wämschen war dünn, aber noch gut. Das Höschen war, von Willies eigener Hand, zum Weinen ungeschickt geflickt. Die Unterkleider -- -- Tom zitterte vor Erregung über die entsetzliche Magerkeit des Kindes, und über mehrere blutunterlaufene Hautflecken -- zweifellos Merkmale brutaler Schläge. Rasch trug er dann seinen Schützling, so gut er's vermochte, mit dem einen Arm und dem Stumpf ins Bett.

Aufatmend kam der Samariter zurück, nahm die Lampe vom Tisch und leuchtete hinein ins Schlafzimmer der Kinder. Drei Mädchen lagen zusammengenestelt am Fußende des Doppelbetts, das beinahe die Kammer füllte. Im selben Bett, aber Fuß gegen Fuß mit den Schwesterchen, schliefen die Brüder ... Der Einarmige schüttelte mehr als einmal sein traurig blickendes Gesicht. Mehr als einmal seufzte er herzbrechend. Dann drückte er geräuschlos die Kammertür zu, trug das Licht auf den Tisch zurück und setzte sich. Vor ihm stand jetzt, angelehnt an den Wasserkrug, das Bild seiner Schwester und blickte ihn an. Geschwind wendete er es um. Neben dem Krug stand eine abgegriffene kleine Statue der Muttergottes von Lourdes. Er führte sie zum Mund und küßte ihr Gesicht mit tiefernster Ehrfurcht. Er hob den Rosenkranz, der am Boden lag, auf und machte den Versuch zu beten. Er konnte nicht. Seine Zähne waren so fest aufeinander gebissen -- er konnte nicht beten.

Darauf trug er die Heiligtümer weg vom Tisch und versteckte sie im Bett der Kinder. Noch einmal sah er über die fünf Schlafenden hin, aber ohne Licht dieses Mal. Im Halbdunkel glich die Kammer so sehr einem Kerker, einem Totenhaus -- und die bleichen Gesichter glichen Leichen. Ein wildes Gefühl erwachte in Tom: die Kinder zu wecken und eins nach dem andern zu drücken, zu umarmen -- eins nach dem andern abzuküssen auf Mund, Stirne, Augen -- so lang und so feurig mit Küssen und Weinen, bis, von Liebkosungen trunken, sie alle wieder schlafen wie zuvor. -- Rasch überwand er das, schloß die Kammer, nahm den Hut -- schloß die Küche ebenfalls -- verließ das Blockhaus und trat ins Freie.

Neben der Hütte war ein kahler Sandhaufen, gegen Unwetter von überhängenden Fichten beschirmt. Spuren bezeichneten den Ort als Spielplatz der Kinder; Tom wich ihm aus. Auf dem Rasenhügel abseits warf er sich nieder und sah herum, empor. Dann wischte er sich die Stirn. Der Mond schien viertelvoll über dem Felsenpaß des Deer Lodge und war nah am Untergehen. Wolkenlos und scharfkühl war die Nacht. Grabesstille herrschte im weit auseinander gebauten Lager. Des guten Himmels Sterne weinten hernieder auf das Tal, die Hütten, die Menschen, die ihre Sünden sogar in diese felsengesperrten Täler trugen.

Tom zog seine Uhr und besah die Zeiger im Mondschein. Zwölf. Er richtete sich auf und schritt die Halde hinab zur Hütte, schloß sich in die Küche ein. Er hatte Geräusch gehört; nun kam es näher und näher. Deutlich vernahm er Lachen, Sprechen, leichtsinniges Gebaren. Jetzt zog jemand am Schieberiegel. Die Tür ging auf; Peter und sein Weib traten ein. Sofort sahen sie den Fremdling, der schweigend am Tisch sitzend sein strenges Profil von der Lampe bescheinen ließ.

Sie erschraken ein wenig, die Eintretenden; Peter mehr als sie. Tom stand auf und gab sich zu erkennen. Nun begrüßten sie ihn; herzlich sogar. Peter stellte den Schwager Tom von Neuyork seiner Gattin vor, und dann seine Neuvermählte dem Einarmigen. Darauf empfand er das Bedürfnis, eine Entschuldigung zu salbadern an den Bruder seiner ersten Frau, wegen der kurzen Trauerfrist.