Part 12
Tom gab ihm die Absolution, mit dem Zusatz, daß mancher Ehmann nicht ~so~ lange warte; es komme ganz auf den Wert der Toten an. Peter fühlte sich unsäglich erleichtert nach der Freisprechung und bekundete seine Dankbarkeit durch hündisch unterwürfiges Gebaren. Tom tätschelte dem Hund den Rücken. Tom war bei allerbester Laune. Tom war zu gerieben, um mit offenen Karten zu spielen; wenn doch der Zweck seiner Reise in dieses Bärenland war: ein Geschäft abzuwickeln mit diesen zwei Leutchen. Warum sich dann Feinde machen, die, wenn sie wollen, alle seine Pläne durchreißen können?
Er ließ die strenge, unbeugsame Wahrheit im Wartezimmer und nötigte die schlüpferige Heuchelei herein. Er schmeichelte vorerst seinem gewesenen Schwager ob des feinen Geschmacks, den er beim Erwählen der neuen Frau Daly bekundet habe. Das erweckte Heiterkeit in der ganzen Küche. Dann machte er einen Schritt weiter ins gute Verhältnis und ließ alle ~die~ Vorzüge der neuen Frau Parade laufen, die dem plumpen, kurzsichtigen Blick des Gatten bisher entgangen sein mußten: denn Peters rostige, von Schmarren und Runzeln durchfurchten Züge glätteten sich wie Lumpenzeug unterm Bügeleisen und glänzten am Schluß der Lobhudelei, daß sämtliche Gegenstände der Küche Doppelschatten warfen -- vom Lampenlicht und von Peters Gesicht.
Endlich wurde es dem Heuchler selber übel zum Erbrechen; denn das Weib da neben ihm -- das wußte er schon -- war eine an Leib und Seele bankerotte Vettel, die sich nirgends mehr in Umsatz bringen kann als nur im Lager zwischen Spielern, Säufern, geistig verwahrlosten Gräbern; eine fünfzigjährige, geschwollene Kokette, die sich mit allen Mitteln der Verstellung, mit allen Farben der Falschheit übermalt, mit wohlstudierter Haltung, mit angepappter Bildung, ach! mit Herzensgüte sogar, mit des Kindes naivem Blick und Lächeln Laster übertüncht, Egoismus, Gemeinheit, und gleich der Natter, die ihr Kleid an Dornen hängen sieht, Gift spritzen möchte, eh der Fuß sie tritt. ~Ein~ unbedachtes Wort vor ~diesem~ Weib, und die Kriegserklärung ist fertig. Daß sie aus so vielen Herren des Lagers den Peter bevorzugte -- das ist für Peter nicht schmeichelhaft.
Tom siegte; siegte, wie er mußte. Er gewann die Kokette als Verbündete in sein Geschäft -- und legte aus -- erklärte, erzählte. Viel wurde zwar herumgeredet, geschachert, gefeilscht. Peter war ein halsstarriger Gegner des Plans; hauptsächlich drehte und krümmte er sich, als man auf ~Willie~ zu verhandeln kam. Schließlich glätteten sich jedoch die Widerspüche, und als die Schlacht geschlagen war, hatten alle Parteien gesiegt. Der Friedensvertrag lautete:
~Erstens~: Peter Daly ist total mittellos, sogar in Schulden. Die Reise nach Klondyke ist Peters heißester Wunsch, kostet aber ~mit~ Frau zweihundert Dollar. Peter Daly und Frau reisen also nach Klondyke.
~Zweitens~: Tom Pratt bezahlt sofort an Peter Daly und Gemahlin hundertfünfzig Dollar, und fünfzig weitere Dollar innerhalb zwei Wochen, die er aus der Bank am Hudson ziehen wird. Das, zusammen mit Peters Monatslohn, der am fünfzehnten Juni fällig wird, reicht zur Auswanderung.
~Drittens~: Peter Daly gibt alle Ansprüche auf seine noch lebenden fünf Kinder ab zu Gunsten des Tom Pratt.
Der Einarmige zog aus der Brusttasche ein schönbeschriebenes Blatt hervor, eine Feder und sogar Tinte; und während Peter und Gemahlin das Dokument lasen, zählte er hundertfünfzig Dollar in Kassenscheinen auf den Tisch.
»Woher hast du all das Geld?« fragte Peter glotzend; er hatte vorhin schon einmal gefragt.
»Ein Seestern!« antwortete Tom und lachte. -- »Nimm's nur!«
Peter unterschrieb mit zitternder Hand. Dann nahm er das Geld und gab es mit ebensolchen Händen seiner »Marianne«.
Beide Eheleute bedankten sich, und der Handel war abgeschlossen.
Eine merkwürdige Veränderung kam über Tom, als er das unterzeichnete Papier faltete und in der Brusttasche verschwinden ließ. Eisige Kälte überzog augenblicklich sein vorher freundliches, gewinnendes Gesicht. Ohne ein Wort zu sagen, stand er auf, griff nach dem Hut und verließ das Haus.
Peter, todmüde von der Tagesarbeit in der Mine, vom Tanzen und Trinken in der Schenke und der Aufregung jetzt, streckte sich auf der Küchenbank aus und suchte in tiefem Schlaf Erholung. »Marianne« überzählte noch einmal das viele Geld und schmunzelte vergnügt.
Es war drei Uhr Morgens und stockfinstere Nacht. Der Mond war untergegangen. Da rollte an die Hütte ein Karren heran, mit zwei Maultieren bespannt. Ein Reiter folgte auf einem dritten; behende sprang er vom Sattel, gab die Zügel dem Fuhrmann auf dem Karren und verschwand im Schuppen. Wenige Sekunden später kam er wieder heraus. Er trug einen Knaben, in Bettzeug gewickelt und schlafend, zum Karren und legte ihn mit Hilfe des Fuhrmanns, der mit der Laterne leuchtete, ins Stroh.
Schnell wiederholte der Mann den Gang und brachte einen jüngeren Knaben heraus, in Lumpen und Laken gewickelt, und legte ihn ebenso in den kistenartigen, halb mit Stroh und Stalldecken gefüllten Karren. Das nächste Mal hatte der Räuber ein schlummerndes Mädchen, etwa fünf Jahre alt, im Besitz. Das vierte Mal trug er ein vierjähriges Mädchen in die Gefangenschaft. Das fünfte Mal -- --
»Marianne« schüttelte den schnarchenden Peter. Er schlief weiter. Endlich zerrte sie ihn von der Bank herunter und schrie ihm ins Ohr: daß seine fünf Kinder gestohlen würden von einem einarmigen Einbrecher. Halbwachend erfaßte der Unglückliche die Situation in so milder Form, daß er mit Gähnen und Gliederrecken sich darüber wegsetzte. Er glaubte sogar ein Opfer zu bringen, als er das bequeme Liegen auf der Bank in Aufrechtsitzen umänderte.
»Peter! deine Kinder nimmt er dir weg!« kreischte die Stiefmutter. »Den Willie hat er, den Tom, die Lilli, die Rose --«
Jetzt trat Tom Pratt mit Molly, der Jüngsten, und zugleich mit einem Habersack voll Schulbücher, Bilder, Hefte, Briefe und Reliquien aus der Schlafkammer und versuchte zu fliehen.
Das war unmöglich. Der Räuber hatte sich überladen und Peter gelang es, ihm den Weg zu vertreten.
»Meine Molly!« jammerte der Vater. »Mein Kind! Laß mir wenigstens eins von fünfen, eins. Den Willie laß mir!«
Beim Versuch, das schlafende Kind zu küssen, taumelte der immer noch Schlaftrunkene seitwärts -- und Tom rannte nach dem wartenden Wagen. Eilig bettete er Molly ins Stroh; der Fuhrmann hieb auf die Esel los; Tom sprang in den Sattel; und fort ging's in die Nacht hinein.
»Tom!« hörte man von der Hütte her ein klägliches Rufen; aber weiter flogen die Räuber durch Staub und Finsternis.
»Tom!« klang es noch einmal.
Dann noch einmal, jedoch so ferne, daß der ächzende Karren und die Hufschläge der Tiere es übertönten: »Tom! O, o, o!«
* * * * *
Der Morgen dämmerte in phantastischen Umrissen über Deer Lodge, als die Flüchtlinge den Hügelrücken erreichten, der es dammartig von Buxton trennt. Die Kinder waren inzwischen alle wach geworden und betrachteten sich gegenseitig; jedoch ohne sonderliches Erstaunen zu bekunden. Sie nahmen die gewiß neue Weltordnung, in welche sie über Nacht, im Schlaf sogar hineingefahren waren, als etwas ganz Selbstverständliches, als hätten sie es vorausgewußt und erwartet. Oder waren die unglücklichen Wesen durch Entbehrungen schon so stumpfsinnig geworden, daß nichts mehr sie bewegte?
Neben der Birkengruppe in dem mit der Axt ausgeschlagenen Fahrweg machte die Karawane halt. Tom stieg ab und befestigte die Zügel am Ast einer Weißrindigen. Der Fuhrmann unterrichtete ihn vom Wagensitz herunter, wie er gehen sollte. »So und so -- fünf Minuten steigen;« dabei zeigte er mit dem Peitschenstiel auf eine riesige Tanne, die das Buschwerk überragte, als das Ziel. »Dort liegt's,« sagte er. »Wenigstens nicht weit von der Rottanne liegt das Grab. Sie können gar nicht fehlgehen, Sir, wenn Sie die Tanne im Auge behalten.«
Tom verschwand in der angegebenen Richtung.
Der Mann vom Lager, der Fuhrmann, sprang nun auch vom Wagen, löste die Halfter der Maulesel, befestigte sie am Karrenrad. Dann langte er einen Sack mit Welschkorn hervor und fütterte die Tiere. Auch Toms Geduldiger bekam sein Teil zu fressen. Darauf griffen zwei barmherzige Hände nach einer Pappschachtel mit süßem Zwieback und übergaben sie den Kindern zur Vernichtung. Dieselben Hände zogen dann einen Tabaksbeutel hervor, eine Tonpfeife, stopften die Pfeife, zündeten sie an und steckten sie einem gutmütig dreinschauenden Mann ins braune, bärtige Gesicht. Der Mann belohnte die zwei Barmherzigen, indem er sofort jede Arbeit ruhen ließ, sich aufs Moos lagerte und blaue Wölkchen hinaufblies in die knospenden Birken. Jetzt war es so ruhig ringsum, so still -- man hörte nur das Kornkauen der Esel und das Knabbern guter Kinderzähne am Zwieback.
Da -- plötzlich gellte aus der Richtung, wo die große Tanne stand, ein wilder Schrei durch den Wald. Kurzes Echo gellte zurück von den Felsen. Erschrocken sprang der Fuhrmann auf und beruhigte die Tiere, die scheu zu werden drohten. Gespannt horchte er: wiederholt sich der Schrei? -- Ein wildes Tier? -- Aber nein. Es blieb still. Die Maulesel begannen ihr unterbrochenes Frühstück zu vervollständigen. Die Kinder ließen sich überhaupt nicht stören.
Jetzt kam Tom zurück. Er ging in gewöhnlichem Schritt und trug den Hut in der Hand. Totenblässe bedeckte jedoch sein Gesicht und Schweiß seine Stirn. Als der Fuhrmann ihn fragend anschaute, schüttelte Tom den Kopf.
»Fehlgelaufen, Sir?«
Statt der Antwort zog der Einarmige seinen Reisegefährten beiseite, damit die Kinder nichts hören sollten, falls sie lauschen wollten. Er redete halblaut. Es schien, als frage er viele Fragen, denn wiederholt zuckte der andere die Achseln und schüttelte den Kopf. Endlich sagte er laut: »Ich werde behilflich sein, aber nicht um Geld, Sir; nur aus Mitleid, einzig aus Mitleid. Ich hab' Kinder in Portland und weiß, wie's tut. Gott helf' Ihnen, Sir!«
Seine Pfeife ausklopfend und einsteckend, ging er zum Karren und langte den Willie, wie er war, in Decken gewickelt heraus. Tom nahm Willies Brüderchen und beide Männer schritten mit ihrer Last in die Richtung der großen Tanne und verschwanden.
Nach zehn Minuten kehrten sie zurück, nahmen dieses Mal zwei der Mädchen und trugen sie den Hügel hinauf.
Wieder kamen sie zurück. Der Mann von Portland legte sich nun lang aus ins Grüne zur verdienten Ruhe. Tom nahm die kleine Molly auf seinen Arm und bahnte sich zum vierten Mal den Weg durch Hecken hinauf.
Erschöpft trat er in die Lichtung neben der Riesenfichte, setzte die Kleine zu ihren Geschwistern und sich selber -- den Hut ab -- etwa zehn Schritte seitwärts. Da kauerten sie nun alle fünf, in Stalldecken und Bettücher eingemummt, auf dem frischgeworfenen Hügel, unter dem frischgezimmerten Kreuz, in der kühlen, frischen Tagesdämmerung.
Die Kinder hatten, obwohl keines je hier war, den Ort gleich erkannt und wußten, was der Hügel, das Kreuz, die Zeremonie der Herreise bedeute. Sogar die Kleinste wußte es und begann das Mündchen zu verziehen zum Weinen. Merkwürdig jedoch, sie weinte nicht -- und niemand. Niemand sprach ein Wort. Mit unnatürlich großen, tiefen Augen schauten die Kinder sich gegenseitig an; schauten ringsherum, mit heftigen, sogar wilden Blicken. Etliche davon trafen den armen Sünder nebenan, als hätte ~er~, der Einarmige, die Mama getötet, ihr das Grab gegraben und sie da hinuntergeschaufelt.
Dann endlich bemerkte Tom, wie drei, vier, sieben, zehn kleine Hände nacheinander aus den Lumpen und Decken krochen; und das war es wohl, auf was er sehnsüchtig gewartet hatte. Denn sofort kniete er nieder, hielt seinen verstümmelten Arm nebst dem rechten in die Höhe, neigte sein Haupt tief zur Erde, und zitternd, leise, dann lauter, glockenreiner klang im Chorus, durch Wald und Wildnis, das göttliche Gebet: »Vater unser, der du bist im Himmel. Geheiligt werde dein Name. Dein Reich komme zu uns. Dein Wille geschehe ...«
Und mit Strahlen auf Strahlen vom Licht der erwachenden Sonne -- durch Tannen, Birken, schwankendes Buschwerk, goldgelbe Bänder flechtend, gleichsam den Hügel und seine Heilige einspinnend in Netze himmlischer Farben -- so kam der ~Gerufene~ herab zu den Kindern.
* * * * *
Mittags kamen sie endlich in die Niederung von Buxton. Der Fuhrmann trieb sein Fahrzeug nach einem abseits in halbwildem Garten stehenden Blockhaus und hielt vor der Umzäunung. Die Herauskommenden, zwei Frauen, grüßten ihn herzlich; die jüngere seine verheiratete Schwester, die andere deren Schwägerin, eine Witwe. Die beiden betrieben ein Waschgeschäft, nebst Flickerei von alten Kleidern. Der Hausherr war, wie schier alle seines Geschlechtes in dieser Weltgegend, Bergmann.
Zwischen Tom und seinem Reisegefährten war viel vereinbart worden während der Fahrt über den Hügel; sie hatten weiter nichts mehr zu unterhandeln. Tom küßte die Kinder, redete etliche wohlwollende Worte und entfernte sich dann auf seinem Reittier in der Richtung von Buxtons einziger Straße.
Jetzt ereignete sich etwas Unerwartetes. Kaum war Tom verschwunden, so ergriffen die drei andern die Kinder, schleppten sie hinter das Haus in den abgelegensten, verwachsensten Winkel und zogen die hilflosen Wesen aus, splitternackt, setzten sie so nebeneinander, dem Alter nach: Willie, dann weiter, auf ein rohes Brett und Holzklötze. Dann bewaffneten sich die beiden Weiber und ebenso der Fuhrmann mit scharfen Scheren, stürzten sich über die Mädchen, dann über die Knaben her und begannen sie völlig glatt zu scheren. Alles, was Haar hieß, schnitten sie herunter, so gründlich, daß die Opfer der Prozedur nach dem Angriff aussahen wie geschorene Schafe und keines das andere erkannte.
Sie ließen es sich aber schweigend gefallen.
Nach dieser Tortur kam der zweite Foltergrad: die Kinder wurden paarweise in warme Seifenbrühe gelegt, unbarmherzig gebürstet, getaucht und abgerieben mit Tüchern, und wieder gebürstet und abgerieben.
Auch das ließen sie sich schweigend gefallen.
Damit nicht genug: jetzt wurden alle die abgerissenen Unterkleider und Bettlaken, nebst den argverschnittenen Haarlocken, auf einen Haufen gekehrt und -- zu Asche verbrannt.
Auch das ließen sie sich schweigend gefallen.
Jetzt schürten die Weiber den Herd mit frischem Holz, das der Portlander herbeischleppte, und stellten Bratpfannen auf. Als es so aussah, als sollten die Gefolterten in der Pfanne elendiglich gebraten und geröstet, mit Schweinefett und Zwiebeln vermischt und jedenfalls dann gefressen werden -- da erschien als rettender Engel ~Tom~. Er schleppte einen großen Pack unter dem Arm und ließ ihn neben der Küchenbank fallen, auf die man die Kinder gesetzt hatte.
»Ach, Onkel Tom!« klagten die kleinen Nackten, »wir sind schier nicht mehr da! Schau doch! schau!«
Der Einarmige lachte und wischte sich den Schweiß. Die Kinder lachten auch, die Folterknechte ebenfalls. Es war die erste heitere Szene.
Tom schnitt dem mitgebrachten Pack den Bauch auf, und lauter neue, schöne, reine Kleider und Schuhe und Strümpfe platzten heraus. Schnell, mit Hilfe der Frauen, wurden die Sachen verteilt und den nackten Gliederchen umgehängt. Schier alles paßte; und was nicht eben paßte, wurde so lange gelobt, bis es dann doch paßte. War das eine Freude! Das erste frohe Lachen seit Monaten kam aus der Kinder Innerstem. Die Mädchen hatten niedliche Kapuzen, die ihre geschorenen Köpfe verdeckten; Rose eine rote Kapuze, Lilli eine weiße, Molly eine blaue. Die Knaben hatten Jockeikappen, die ein Gleiches taten. Alles schillerte in Farben und Flitter.
Nun setzte sich die Gesellschaft an den Tisch; die Pfannen wurden auf die Teller umgeschüttet, und zu essen gab es. Und gegessen wurde mit einem Appetit, der -- unterhalb des Polarkreises nicht wohl überboten werden kann.
Nach der Mahlzeit blieben Onkel Tom, der Fuhrmann, die beiden Frauen am Küchentisch, während die Kinder durch den Garten zogen und ihre neuen Kleider mit den wilden und gezähmten Blumen verglichen, sehr zum Nachteil der Blumen. Am Küchentisch wurden nun Rechnungen gemacht und beglichen, Schulden bezahlt. Viel Geld mußte Onkel Tom auslegen, viel Geld. Ohne Murren noch Seufzen zahlte er jedoch alles auf den Tisch. Endlich war er frei -- und atmete auf.
Dann nahmen sie Abschied; Tom mit den fünfen einerseits, der Fuhrmann mit den zweien anderseits. Wie doch das Unglück Menschen rasch verbrüdert: dem bärtigen Karrenmann stand das Wasser in den Augen, als er dem Einarmigen die Hand drückte. »Sir!« sagte er, »leben Sie wohl, und glückliche Reise! Werd' auch bald nachreisen, nach Portland wieder. Das Geschäft geht miserabel schlecht in Deer Lodge; wird bald ganz aufhören über Sommer.«
Die beiden Frauen küßten die Kinder der Größe nach; die eine von unten nach oben, die andere umgekehrt. »Viel Glück! viel Glück!« riefen sie noch und schwenkten die Taschentücher, als Tom mit seinen Schützlingen schon fast verschwunden war zwischen Hecken und Büffelgras, auf dem Pfad zum Bahnhof.
Schon eine halbe Stunde wartete der Zug, und als die Reisenden eingestiegen waren in die nur schwachbesetzten Wagen, wartete er abermals eine halbe Stunde. Buxton ist Endstation; der Zug ist überhaupt der einzige täglich, der mit Butte City verkehrt, und das Dienstpersonal macht wohlverdiente Ruhepause hier.
Da saßen sie nun endlich im Eisenbahnwagen, fertig zur Abreise nach dem Osten, in die Zivilisation wieder, in die hoffentlich sonnige Zukunft. Tom stützte seinen verkrüppelten Arm auf das Gesimse des offenen Fensters und bedeckte sich mit der Rechten die Stirn, als hätte er Kopfweh oder sonst ein schweres Leiden. Er war seit dem Einsteigen plötzlich wieder tief traurig geworden und niedergeschlagener als je zuvor.
Ihm gegenüber saß Molly, das Gegenteil von Trauer und Niedergeschlagenheit. Vertieft in die Farben und Schönheiten ihrer neuen Kleider, schwelgte die dreijährige Kokette in Glückseligkeit. Abwechslungsweise hoch und höher zog sie ihr Röcklein und betrachtete mit schattenloser Befriedigung die blaubestrumpften, trotz aller Not rund gebliebenen Beinchen.
Neben der Molly saß Lilli -- schneeweiß wie ihr Name. Die Unterlippe hatte sie ein wenig eingezogen; ebenso, nur fester, die Daumen in die innere, halbgeschlossene Handfläche. Mit tiefliegenden Augen, die von krankhaftem Blau unterstrichen waren, starrte das Kind unverwandt den großen, fremden Mann an, der sie von Deer Lodge hiehergebracht hatte. Wie sehr das notwendig war, und beinahe zu spät, bewies ein ungewolltes, erbarmungswertes Seufzen, das jede Minute wiederkehrend ihre kleine, abgemagerte Form erschütterte wie ein Schreck.
Rechts am anderen Fenster unterhielten sich Willie, Tommy und Rose heimlich miteinander. Ziel und Zweck der Reise war das Thema, und Willie zeigte eine an Allwissenheit streifende Prophetengabe.
Ah! jetzt zog die Lokomotive an, mit dem bekannten Ruck. Die Wagen bewegten sich. Die Station ging vorüber, vorüber der angrenzende Schuppen, der Schwellenhaufen, das Wasserfaß, die ärmlichen, verdrückten Blockhütten der Ansiedlung ... Jetzt -- o jetzt -- Tom schaute auf und hinaus. Seine Blicke trafen den Horizont, den waldbewachsenen Hügelrücken, der Buxton trennt von Deer Lodge; sie erkannten die Riesentanne auf dem Hügel, die gleich einem von der Abendsonne vergoldeten Finger gen Himmel zeigte.
Donnernd rasselte der Zug vom offenen Feld in eine Felsenspalte, und das Bild war fort, verschwunden auf Nimmerwiederkehr.
Jennie! dachte Tom, dem die Tränen aus den Augen stürzten. Und dort liegst du nun in alle Ewigkeit allein; niemand, der dein Grab besucht, als das Tier der Wildnis. O, daß es so enden mußte mit dir! Steine statt Blumen; Hagel statt Tränen; statt der lieben Kinder Weinen werden Wölfe heulen. Jennie! Meine Jennie!
Mit schaurigem Gepolter stürzte sich der Zug in den mitternächtigen Tunnel -- wie ein Sarg ins Grab.
Krampfhaftes Schluchzen schüttelte Tom, Tränen auf Tränen rieselten heiß über seine Wangen. »Jennie! Schwester!« hörte man ihn nur hin und wieder seufzen. »Jennie! Schwester!«
Als es wieder heller wurde, und die letzten Abendstrahlen hereinleuchteten in den dahinschießenden Zug, saß er seitwärts gelehnt mit dem Haupt in die Wagenecke -- und schlief.
* * * * *
Ein Sommernachmittag an den Jerseygestaden des Atlantischen Meeres.
Da rollen sie wieder heran und werden nicht müde, die schhaumgekrönten, grünen Wogen der See. In kühlen Armen schaukeln sie die Fischerboote, Ruderboote, Jachten und eisenschweren Dampfer, und werden nicht müde. Ist es die blaue Welt dort oben, die das Meer so harmonisch sekundiert und weiße Wolken, Himmels Segelschiffe, treiben läßt von Land zu Land, gleich der See? Ist es der Südwind, der palmenduftend die Küstenländer streicht und Wiesengras und Weizenhalme wogen macht in langen Reihen, gleich der See? Ein Gefühl ist's vielleicht, wie es unerklärlich, geisterhaft durch die Natur sich webt: wenn Schönheit auf die Bühne tritt, dann überkommt das Haus ein Verlangen, in dem Andacht und Wollust zusammenschmelzen. Das uralte Meer ist kindisch heut und spielt mit lachenden, jauchzenden Kindern am Strande, den ganzen, lieben langen Tag, und wird nicht müde.
Schon früh eh der Morgen graute wusch die Flut, des Meeres Magd, den Strand. Mit Wasser auf Wasser schwenkte sie, so weit ihr Eimer reichen konnte, Sand und Schilf und glättete der Dünen meilenlange, silberweiße Bank zum Spielplatz willkommener neuer Gäste. Und lange eh die Gäste kamen, trocknete des Himmels Licht und Wärme, freudestrahlend, das triefende Ufer. So oft und grimmig sie sonst sich stritten, des Himmels und des Meeres Mächte -- mit Donnerrollen, Wogenbrüllen sich den Krieg erklärten -- der Himmel seine Keulen breit schlug auf des Meeres höckerigem Rücken -- und das Meer in blinder Raserei dem Blitz in seine Feuerpfanne spie -- heute war Friede zwischen den Gegensätzen auf Erden. Heute war Versöhnungstag, Auferstehungstag.
Jetzt kamen sie! Sie kamen! Die Luft zitterte vor Erwartung; des Meeres lange Wogenreihen reckten ihre Hälse, eine die andere überschauend. Und Molly trat zuerst, barfüßig und das Röcklein hoch, in die sprudelnden Wasser. Jetzt folgten Rose und Lilli und hielten ihre nackten Spindelbeinchen hin als Wellenbrecher. Tommy und Klein-Bertie Pratt versuchten das wunderliche, fremde Bad. Und kecker wurden sie von Augenblick zu Augenblick.
»Onkel Tom, wie das kitzelt!« jauchzten die Mädchen, »wie das kitzelt!«
»Und kühlt!« schrieen die Knaben.
»Ach, Onkel Tom! ist das Meer immer so groß wie heute?« riefen die Mädchen.
»Ach, Onkel Tom! -- Papa! lieber Papa! -- Ist das Meer immer so schön wie heute?« lachten Bertie und sein Vetterchen vom Westen und liefen hin und her, in unbändiger Lust Luft atmend, Freiheit saugend.
Und melodisch schwatzte das Meer mit den Kindern, ihnen Märchen erzählend. Das ungeheure Meer, das Stahlkolosse wirft wie Bälle, sich auf Klippenküsten stürzt, bis die Felsen wanken, und bäumend nach des Himmels grauer Decke schnappt -- liebkosend wusch es ihre Beinchen, so dünn und schwach, spülte durch die Zehen, spritzte neckend Schaum in ihre Gesichter, zog schelmisch den Sand weg unter ihren Sohlen und hüpfte vor Lust, wenn die wilden Gäste fielen.
O, Meer und Kind!
Sie hatten sich noch nie gesehen, und gleich erkannt und gleich geliebt, und gleich die Verwandtschaft herausgefühlt, daß ~ein~ großer, guter Vater, der des Kindes Busen hebt und senkt, des Meeres Flut und Ebbe will.