Part 13
Und jetzt kommen die Wasser näher. Ein neues Paar haben sie entdeckt und drängen heran und winken und rufen. Dort sitzt, etwas weiter ab vom nassen Strand, ein schönes Weib und hält auf ihrem Schoß einen schönen Knaben. Sie kann nicht seine Mutter sein, dafür ist sie doch zu jung. Aber die gleichen hellen, nordischen Locken haben beide; die gleichen, wohlgeformten Züge und ach! das gleiche, kranke Blaß der Wangen, mit dem Anflug von Rot, den des Meeres Odem eben angehaucht. Der gleiche engelhafte Friede schaut aus beider Aug' ... Ja, ~das~ kann nicht beschworen werden, denn der Knabe schläft. Gleichmäßig atmet er mit dürstenden Zügen die Salzluft ein, im Traum der Wirkung unbewußt; aber bald wird sein müder Körper stark in dieser Pflege, und bald wird er gesund sein und auch spielen dort unten bei der schäumenden Brandung der See, mit den andern; und so seine Hüterin, die schöne Frau.
Jetzt führt sie mit der rechten Hand ein Buch, in dem sie las (derweil ihr linker Arm den Schützling umschlingt), an die Lippen und küßt es lang, süße Schmeichelworte stammelnd zwischen Küssen und Lächeln.
Jetzt legt sie das Buch beiseite auf den Dünensand und greift nach dem offenen Schirm und hält ihn über sich und den Schlafenden. Sprunghaft schier war die Sonne wieder aus der Wolke getreten; die Licht- und Lebenspenderin versuchte nun schon zum zehnten Mal, mit überraschender List ihren Zweck zu erhaschen, sich satt zu weiden, oder wenigstens mit ~einem~ heißen Kuß die Krankenstubenwangen dieses stillen Paars zu erwärmen. Aber abgeschlagen rollt das Licht vom aufgespannten Schirm herab auf das Buch im Sand; und gierig schier, als wäre dieses Buch und nicht die Leserin der Zweck des Niedersteigens aus der Himmelshöhe, beginnt die Königin zu buchstabieren:
»Der Seestern. Roman von Tom Pratt. (Sechstes bis zehntes Tausend).«
Und wie glühendes Entzücken zieht es hinauf und herunter -- auf Sonnenfäden wie ein Weberschifflein auf- und abwärts, durch die Natur und tote Körper seelische Gefühle webend.
Plötzlich pfeift der Seewind ins aufgeschlagene Buch und schüttelt die Blätter zausend und zerrend durcheinander, gleich einem losen, wilden, schadenfrohen Buben Sand und Muschelscherben darüber streuend; und die gekränkte Sonne verbirgt ihre Enttäuschung hinter Wolkenhaufen.
Und wieder greift die schöne Frau nach dem Buch und senkt den Schirm zu Boden. Aber diesmal liest sie nicht. Suchend schweifen ihre Blicke meerwärts zu der Gruppe lachender, jauchzender Kinder, die sich dort in der Brandung tummeln, und haften fest an dem einarmigen Mann, der bei ihnen steht als Beschützer und Belehrer. Und dieser Mann ist der Dichter des herrlichen Buchs, das sie in der Hand hält; das sie liest und wieder liest, wie man Vaterunser betet unzählige Male. Ja, dieser einarmige Krüppel, dieser arme, tiefgekränkte Bettler hat, wie man Funken schlägt aus kaltem Stein, mit Gottvertrauen aus der Verzweiflung sprühendes Feuer gehämmert, das die Empfänglichkeit zur Flamme schürt und Wärme geben kann an das kälteste, gefrorene Herz. Und dieser einarmige Dichter ist ihr Gatte, ihr teurer, teurer Tom! -- Ein kindischsüßes Lächeln spielt um ihre Lippen und zieht durch die bleichen Wangen aufwärts; -- ein weher Schatten zieht von ihrer Stirn niederwärts. Auf halbem Weg treffen sich die Gegner, und der armen Eva himmelblaue Augen zittern unter dem Druck der streitenden Gäste und heiße Tränen tröpfeln auf den Sand, die Kleider, des Knaben Locken, auf das Buch, das ihr und sein und aller Erlöser wurde.
Als sie ausgeweint hat und mit der letzten Träne jenes Seufzen, fiebergleich doch wohltuend, ihren Körper schüttelt, das den Übergang bildet vom Sturm zur Ruhe -- da ist es ihr, als sei noch nie im Leben diese Welt so schön gewesen wie in dieser Stunde. Weit, so weit ihr Auge reicht, dehnt sich das Meer, und Meer und Himmel, wie zwei ausgespannte Arme, schlingen sich um ~ihn~ und sie und diese lieben Kinder. Was die Wogen rauschen, klingt wie das Reden wohllautender Stimmen. Was die Wasser singen, ob Kinderjauchzen oder Plätschern der Brandung -- alles ist ein einzig herrliches, liebes, oft gehörtes Lied in ihren Ohren, und die Wolken formen sich zu teuren Wesen und Gestalten, und der Schaum der Brandung zu Gesichtern, und jedes Ding ist verschönerte Verklärung.
Da liegt sie endlich tot und ausgetobt, die Angst und Sorge; die Vergangenheit wie eine schwere, schwere, schrecklich lang durchwachte Nacht. Mit Gefühlen, wie der Auferstandene sie haben mag am ersten Tag im Himmel, denkt sie jetzt zurück ans ferne Vaterland im kalten Norden -- an der Heimat hohe Berge, wilde Wälder -- an das Wanderlied, das ihre Eltern lockte übers Meer ins breite Tal des Mississippi -- an die Leiden und Mühen der Armen in dem fremden Land -- an Vaters jähen Tod -- der Mutter frühes Sterben -- die Verlassenheit der Waisenzeit -- die Nächte, die sie mit Gottes Engeln durchbetete im stillen Kämmerlein -- an die schaurigen Gefahren, die Schlangenringen gleich sich legen um ein Mädchenbild, so jung und so wohlgeformt und so bettelarm -- an den Sonntag auf dem Kirchhof in St. Louis -- an Toms Geständnis -- an das erste Licht nach langer Finsternis -- ans Paradies der Liebe -- an der Vermählung Doppelfrucht -- höchstes Glück auf dieser Erde -- -- ach! an Elfies Sterben -- an des Gatten gräßliche Verstümmelung -- Tränen -- Elend -- Hunger und Verzweiflung. Lawinengleich bricht jetzt das Verderben über Haus und Heim. Und dahinein gellt ein Schrei von außen: Jennie ist erfroren in Montana -- der Jennie Kinder verderben -- die Welt geht unter, und es gibt keinen Gott!
Da, o da -- mit welcher Voraussicht hat der große Geist gerechnet! Das gräßlichste Geschehnis wird zum Heil: die abgesägte linke Hand zwingt die verwaiste Rechte zur Selbständigkeit, und verwirrt in ihrer neuen Stellung, greift sie gleich zum Allerhöchsten, was die Menschenhand erreichen kann: Verkörperung von Idealen ... So schreibt sie dem Krüppel Tom sein erstes Buch: »~Der Seestern~.«
Und Glück auf! es gefällt. Die Leser wollen mehr. Und Tom Pratt wird weiterdichten -- ~muß~ weiterdichten; aus Pflicht für Weib und Kinder, aus Dankschuldigkeit gegen Gott, seinen Schöpfer, aus unbändigem Verlangen nach dem Kuß der Musen.
Auch die allerlängsten Nächte haben ihre Morgen!
O, warum wir leiden, leben müssen? Um sterben zu dürfen? -- Nein, um auferstehen zu können! -- Leiden schmieden, Hammerschlägen gleich, die Ketten der Zusammengehörigkeit ums ganze menschliche Geschlecht. Gäb's hunderttausend Wege aus dem Nichts zum Sein, aus Verwilderung zur Veredlung, aus diesem Kampf ums Dasein zur Glückseligkeit und zu Gott, ~keiner~ führt vorbei und ~jeder~ durch die salzigbittere Wüste: ~Schmerz~.
Doch haben die Tränen längst den kürzesten entdeckt. Und der sicherste der Führer bleibt die ~Sehnsucht~ ...
Schon seit einer Weile ist der Knabe wach und schaut empor. Er sieht das Wolkentreiben droben und das grenzenlose tiefe Blau der Welt, hört der Brandung geisterhaftes Rauschen, des Meeres röchelndes Atmen, und alle die Wunder drücken seine Nerven mit Ermüdung.
Jetzt kommt die schöne Frau zurück zur Gegenwart und blickt in die offenen Augen ihres Schützlings. Freude füllt ihre Brust. Dann, sich tief herabbeugend und des Knaben Stirn küssend, haucht sie: »Guten Morgen, Willie! Hast du gut geschlafen?«
Ein selig Lächeln ist die Antwort.
»Und darf ich wissen, was mein Liebling schönes träumt, derweil ihm das Meer die Schlummerlieder singt?«
Hier verändert sich des Knaben Aussehen. Abwehrend, tiefe Schwermut zeigend, senkt und öffnet er die Lider.
»Nicht?« klagt die Frau. Aber plötzlich schrickt sie zusammen -- weicht zurück -- langsam vergrößern sich die Pupillen in ihren Augen und bleiben so.
Zweimal nickt der Knabe, wie ein doppelt Ja.
Die schöne Frau nickt auch.
Sie hatten sich verstanden; das Kind war dort und hat's besucht. Was? Das verschollene Grab.