Die Försterbuben: Ein Roman aus den steirischen Alpen
Part 15
Dann hub er an, ganz leichthin so zu sprechen: »Jetzt hör einmal, Rufmann. Das ist lange nicht so schlimm als es aussieht. Du wirst es sehen. Wieviel hundertmal ist es schon geschehen, daß unglückliche Zufälle einen Verdacht aufgebracht haben und hat sich alles wieder gelöst. Ein weiterer Zufall und es klärt sich auf. Daß sie unschuldig sind, meine Hand ins Feuer! Daß er eingestanden hat! Natürlich hat er ›Ja‹ gesagt, wenn sie ihm einmal so zusetzen, da weiß der Mensch ja nimmer, was er spricht. Schade, daß ich nit bin dabei gewesen. Ich wollt’s ihnen gezeigt haben, denen Herren, wie weit’s erlaubt ist, daß sie gehen dürfen bei so einem Verhör. Und ich fahr’ noch heut nacht nach Löwenburg und geh’ zum Präsidenten.«
Ein trauriges Lächeln hat gezuckt um die Lippen des alten Mannes. »Ich danke dir, Freund. Aber was du jetzt gesagt hast, du glaubst es selber nicht.«
»Deine Verwirrung ist ja begreiflich, Paul. Aber schau, nur nit krank werden darfst uns. In ein paar Tagen kann alles anders sein; wir werden noch oft singen miteinand.«
Der Förster war wieder ganz bewegungslos ein Weilchen. Plötzlich sagte er: »Ich will jetzt aufstehen.«
Langsam hob er sich aus dem Bette und zog sich an und ging zum Waschbecken. Er war plötzlich ganz aufrecht.
»Michel, du könntest so gut sein und mir etwas Wasser holen beim Brunnen. Ich habe mich heute noch nicht gewaschen.«
»Wasser ist wohl im Becken.«
»Will ein frisches.«
Während der Wirt in die Küche hinausrief nach der Sali, sie möge Wasser bringen, war der Förster rasch in die Nebenstube geeilt. Der Michel konnte ihm noch in die Arme fallen, als er das Schußgewehr von der Wand reißen wollte.
»Das brauchst du jetzt nit, Rufmann, das brauchst du jetzt nit!«
Sie rangen miteinander, der Förster ward entwaffnet und das Gewehr zur Tür hinausgeworfen.
Dann setzte er sich an die Wandbank, atmete heftig und blickte unstet um sich. Als er ruhiger geworden war, reichte er dem Freunde die Hand: »Ich danke dir. Will’s versuchen, ob es so geht. ’s hat manch andern auch schreckbar Unglück getroffen -- und ist stehengeblieben. -- Gott -- nein!« schrie er wieder auf, »mein lieber Mensch, ich danke dir für alles, aber ich kann’s nicht! Ich kann’s nicht! Seine Kinder _so_ zu verlieren!«
Er brach nieder, daß der Kopf an den Tisch schlug, und stöhnte.
Weil er nur weint, dachte der Michel. Aber der Förster zuckte auf. In seinem Gesicht lag eine starre Entschlossenheit. Und sah der Wirt, daß in dem unglücklichen Manne nicht ein Funke Hoffnung war, so wenig als in ihm selbst, trotz alles trostreichen Redens vorher. »Viere kunnt man hängen mit diesen Beweisen,« sagen sie in Eustachen. Alles, was da gesagt werden konnte -- nichts als öder Betrug. Betrug seiner selbst und des andern. Betrug, Betrug, wie das ganze Menschenleben ...
Er sann auf irgendwelche Zerstreuung. Wein? Das ist nichts. Laute? Das ist auch nichts. Am besten, glaubte er, mache es die Sali, als sie mit einer Schale heißen Kaffees kam. Aber der heiße Kaffee blieb stehen auf dem Tisch, so lange bis er kalt war, dann trug ihn die Sali wieder hinaus.
Der Michel hatte ein alltägliches Gespräch begonnen.
Rufmann lehnte in der Wandbank und ließ den Freund reden, was er redete. Eine Weile lang. Er war jetzt in einer Art Betäubung. Aber nun hob er die Hand, als ob in der Luft etwas zu fassen wäre. Und plötzlich rief er aus: »Michelwirt!« Und noch einmal rief er: »Michelwirt! Wecke mich auf! Ich habe einen unerträglichen Traum und kann nicht wach werden. Meine Buben! Die hätten einen Reisenden umgebracht! Rüttle mich fest, gib mir eines auf den Schädel mit dem Gewehrkolben. ’s ist ja ganz dumm, daß ich es nicht aus dem Kopf bringen kann!«
»Was?« fiel der Michel lebhaft ein, »Rufmann, dir geht’s auch so? Das ist doch merkwürdig. Schon in früherer Zeit hat’s mich immer einmal gepackt, aber nie lang angehalten. Jetzt kommt’s öfter und bleibt länger. Und kommt’s mir zu Sinn, als ob alles miteinand nix tät sein! Sag, Paul, geht’s dir nit auch manchmal so für? Die ganze Welt und die Lebenszeit und der Mensch -- alles nix. ’s kommt einem nur so für, als ob was wär, wie’s im Traum fürgeht. Man sieht’s und hört’s und greift’s und erlebt’s und ist nix wie ein Traum.«
»Aufwecken! Aufwecken!« rief der Förster in klagendem Tone.
»Wenn’s aber kein Aufwecken gibt, mein Paul. Erwachst am Morgen aus dem einen Traum und verfällst in den andern.«
Rufmann schaute stier drein und schaute drein. Der Michel aber dachte: Jetzt red’ ich weiter, vielleicht kommt er auf andere Gedanken. »Wir sehen’s ja,« sagte er, »wir werden ja alle Tag überzeugt davon. Du schläfst am Abend ein, da ist alles aus, kein Wald, kein Haus, kein Kind. Wachest nimmer auf, so weißt nit, daß du was gehabt, was verloren hast. Und träumst bei der Nacht, singst im Traum, oder erschrickst, hast Angst, hast Leid -- alles nur Einbildung. In der Früh wachst du auf, aus einer Einbildung in die andere. Singst wieder, hast wieder Freud und wieder Leid und in zwölf Stunden ist wieder alles nix. Freund, ich verspür’s, aber kann’s nit sagen, wie’s mir fürkommt. Himmel und Erden, Mensch und Leben, es ist nit wirklich. Ist nur Einbildung. Dir hat geträumt, ein Forstmann wärest gewest, zwei Söhne hättest gehabt. Und sie wären ins Elend gekommen. Aber die Söhne wissen nix davon, verspüren kein Elend, weil sie gar nit sind.«
»Was hilft das Reden!« fuhr jetzt der Förster auf. »Wenn’s weh tut! Wenn’s weh tut!«
Das hat den Dorfphilosophen zum Schweigen gebracht. »Wenn’s weh tut!« Wenn alles sonst Einbildung ist, der Schmerz ist wirklich, er überfällt uns bei Tag und Nacht. Wenn das Leiden wirklich ist, dann ist’s gleichgültig, ob der Anlaß dazu wirklich ist oder Einbildung. -- Wenn’s weh tut! Wenn’s gar nimmer tät aufhören weh zu tun! O, Herr Jesus, erlöse uns von Wirklichkeit und Traum, gib uns die ewige Ruh! --
So ist dem Michel Schwarzaug, dieweilen er mit seinen Darlegungen den Freund hatte beruhigen wollen, selber ein Entsetzen gekommen. Sein dreister Gedanke war ans Geheimnis der Ewigkeit gestreift -- da schaudert den Menschen.
»Laß ihn zu den Vätern gehen!«
Der Ortsvorstand Martin Gerhalt schritt mit seinem Stecken durch das Dorf und beging gesetzwidrige Handlungen.
Wo mehrere beisammenstanden und über das Ereignis tuschelten, da fuhr er drein und fluchte ihnen ein paar Kanaillen an den Kopf oder hob den Stock zum Zuschlagen. Er wußte nicht, gegen wen seine Wut größer war, gegen die beispiellose Freveltat der Försterbuben oder gegen die Leute, die daran ihre heimliche Freude hatten und zu der schrecklichen Wahrheit noch schrecklichere Lügen ersannen. Vor kurzem erst, gelegentlich einer Dienstbotenprämiierung hatte der Bezirkshauptmann Eustachen eine musterhafte Gemeinde genannt. Außer ein paar Wilddieben hatte dieses Dorf seit vielen Jahren nichts mehr vors Gericht geschickt, und jetzt zwei Galgenstricke auf einmal.
Nun kam es dem Gerhalt bei, daß der Fürsteher sich auch um den unglücklichen Vater zu kümmern habe. In dem seiner Haut möchte er jetzt nicht stecken. Aber hineindenken kann sich der Mensch. Der Gerhalt hat ja auch Söhne. Wen Gott verläßt! Kein Mensch kann’s wissen. Was kann ein alter Mann dafür! Der Rufmann hat’s an nichts fehlen lassen. Den einen in die Realschule, nachher zur Arbeit tüchtig angehalten, den anderen in die geistliche Studie. Selbst ein gutes Vorbild in der Sittsamkeit. Vielleicht, daß er zu nachgiebig ist gewesen, an Strenge mag’s schon gefehlt haben. Wo ist ein Vater, der seinen mutterlosen Kindern nicht auch die Mutterliebe ersetzen möchte! Ein wenig weich ist er ohnehin, der Rufmann, so gut er auch schelten kann. Arg leid tut’s ihm jetzt, dem Gerhalt, daß er des Sägewerks wegen mit dem Manne so übers Kreuz gekommen ist. Ganz dumm so was. Vom Förster ist die Sache doch nicht ausgegangen; der muß tun, was ihm seine Herrschaft vorschreibt. Diese Einsicht war dem Bauer jetzt gekommen im Schrecken des Unglücks.
Nun ging er hinauf ins Hochtal, um zu sehen, ob auch wer bei ihm ist. So hat er ihn getroffen, in Gesellschaft des Michelwirts. Langsam trat der schrötige Mann vor ihn, hielt ihm die Hand hin: »Rufmann, wenn ich Sie beleidigt hab, tuns mir verzeihen. Wenn Sie was von mir sollten brauchen, oder sonst einen Beistand -- oder was immer --«
Der Förster schaute ihn mit großen starren Augen an, als ob er solche Red nicht verstünde. Und er selbst fand es ungeschickt genug. Was jetzt diesen Mann eine Feindschaft oder eine Freundschaft kümmern könne. Oder ein Beistand, oder sonst was. Da war ja alles ganz gleichgültig. Hier ist Menschentrost am Ende. Lieb wie Haß kehrt unverrichteter Dinge um ...
Beim Fortgehen winkte er den Michel für einige Augenblicke mit zur Tür hinaus: »Mir ist’s lieb, Michel, daß du bei ihm bist. Wenn’s dir möglich ist, bleib in diesen Tagen bei ihm, du bist ihm noch am besten. Was wir noch mit ihm machen werden, das weiß Gott. Mir kommt er nit recht für. Gib acht auf ihn, Michel, laß ihn nit aus den Augen. In deine Obhut ist ein Vertrau, leicht kannst ihn doch bissel mit was zerstreuen. Hast was auszurichten daheim? Sonst will ich jetzt auf den Ringstein.«
Als der Michel wieder zurückkehrte in die Stube, war Rufmann nicht da. Durch das Kanzleizimmer war er in das Vorhaus gelangt und rasch die Treppe hinaufgeeilt zur Schlafstube seiner Söhne. Sie war verschlossen und versiegelt. Er huschte die zweite Stiege hinauf in den Dachboden, wo altes Gerät und Gerümpel war. Dort verhielt er sich still, so daß die Suchenden ihn nicht sollten entdecken. Als der Michel ihn fand, schleuderte er eine Spinnradschnur in die dunkle Ecke.
Der Michel wollte ihm Vorwürfe machen, sie mißlangen ganz. »Mein armer, mein liebster Mensch, tu uns _das_ nit an! Ich bitt dich tausendmal, tu uns _das_ nit an! Auch deinen Kindern nit. Willst denn noch mehr auf sie laden! Willst ihnen auch dich noch aufs Gewissen legen? Daß sie gar müßten verzweifeln. Weißt, wie wir zwei einmal haben gesprochen von dieser Sach, vor etlichen Monaten erst. Daß einer so was kunnt ausführen, hast du gesagt, ’s wär nit zu begreifen. Und ’s wär nit zu verantworten. Schau, und jetzt wolltest es selber --«
»O Jesus Christus! Wenn’s nit zu ertragen ist!« schrie der alte Mann grell auf. »’s kann ja keinem Menschen auf der ganzen Welt so ums Herz gewesen sein wie mir! Ihr könnt es ja nicht begreifen, ihr könnt es nicht, ihr könnt es nicht! -- Michel, alter Freund!« sagte er zärtlich und ergriff mit Heftigkeit seine Hand, seine beiden Hände: »Sei gut mit mir! Laß mich gehen. Du bist mein Freund gewesen, mein treuester, die vielen Jahre! Dich habe ich lieb gehabt. In keiner Freud und in keiner Not hast du mich verlassen -- hilf mir auch in der letzten. Wohl ein Gedanke ist mir gekommen, aber nein, das nicht, das nicht. Mein Lebtag hab ich mich selbst bedient. Nur fünf Minuten Zeit -- schenke sie mir, du guter Mensch, habe Erbarmen und gönne mir den Frieden!«
»Paul! jetzt denkst ganz an dich allein. Das ist sonst nit deine Art. Du hast auf andere auch noch zu denken. Wie es ihnen auch mag gehen. Könntest du sie denn voreh verlassen, ohne ihnen was zu sagen! Sollten sie _ohne_ deine Verzeihung!«
»Das ist schon gemacht, das ist schon gemacht!« sagte Rufmann. »Der Brief ist in der Schreibtischlade. Überbringe ihn meinen Söhnen, Michel, das ist an dich meine letzte Bitte.«
Sie gingen hinab in die Stube.
Es ist der Abend gekommen, die Sali will Licht bringen, der Alte winkt ab. »Wir brauchen kein Licht.« Der Michel weicht nicht einen Augenblick von der Seite des Freundes. Dieser ist wieder dumpf und stumpf. Der Michel redet von schönen Zeiten und wer weiß, ob sie nicht wieder kommen könnten mit einem besonders glückseligen Tag. »Paß auf, Rufmann, es wird noch einmal sein, daß es dir zu früh kommt, das Sterben. -- Und unsern Herrgott, tust ihn denn ganz vergessen! Schau, Paul, wir haben miteinander so oft gesungen --« Er nimmt die Laute vom Nagel: »Ich weiß ein Lied von der himmlischen Freud.«
Da springt Rufmann auf und ruft in hellem Zorn: »Mensch, weißt du denn nicht, was meine Buben getan haben! Glaubst du, daß ich warten werde drauf, was mit ihnen geschieht?! Kannst du mich jetzt nimmer verstehen?«
Der Michel suchte ihn zu beruhigen: »Ich versteh dich ja, du mein allerliebster Kamerad, mein Reden ist ja dumm, ganz dumm. Wir wollen was anderes tun, wir fahren nach Löwenburg. Zu Land oder zu Wasser, wie es am schnellsten geht.«
Ein Weilchen schwieg der Förster, dann sagte er: »Michel, wir fahren zu Wasser.«
Von außen klopft es ans Fenster. Ein Holzknecht, der vorbeigeht, ruft hinein, sie sollten doch das schöne Feuer anschauen.
»Das Sonnwendfeuer!« sagte der Michel. »Komm, Rufmann!«
Beide eilen aus dem Hause. Kühle Nacht, nur die Ach rauscht wie immer und immer. Und dort auf der Zinne des Ringsteines steht der rote Stern. In stiller, lohender Glut und darüber aufwirbelt der rote Qualm.
»’s ist schön anzuschauen!« sagt der Michel leise. »Die Vorfahren -- hundertmal sind sie in den Gräbern schon vermodert und wieder aufgestanden und wieder vermodert -- aber was sie in uralten Zeiten sind gewesen, das rufen sie lebendig zu uns herüber in diesem Feuer. Wie es so langsam und friedsam hinaufsteigt in den Himmel ... es ist schön anzuschauen!«
Rufmann steht neben ihm, auch sein Gesicht ist dem Feuer zugekehrt, aber er schweigt.
Und der Michel -- dieweilen er diese heilige Glut betrachtet, die dort auf dem Berge wie ein Mahnzeichen hinleuchtet über die deutsche Heimat -- denkt an den, der neben ihm steht.
Wenn einer im Herzen die Todeswunde hat, da gibt’s für ihn nichts weiter mehr, keine Heimat, keine Vergangenheit und keine Zukunft. Da trifft’s zu, daß alles versunken ist in das abgrundtiefe Weh. Da ist nichts und gar nichts mehr vorhanden als das Weh, das Weh allein. Und wenn es so ist, warum will ich ihn denn nicht hingehen lassen in die Ruh? Wo er mich so herzinnig drum hat gebeten. Wenn ich schon selber hab gesagt, daß alles nur Einbildung ist und außer ihr alles nichts und nichts, warum will ich ihn denn nicht hinabgehen lassen? Etwan weil ich den Freund nicht möchte verlieren? Daß er mir noch länger sollt Gesellschaft leisten, er mit seiner Todeswunde! -- Was wartet denn noch seiner? Alter, Verlassenheit, beständiger Vorwurf. Überall zwecklos, gemieden, im Mitleid noch verachtet. Im besten Fall ein umtrübter Geist, das dumpfe Elend eines Halbtoten. Ich wollt mich dafür bedanken. Mein widerwärtigster Feind, der mich festhalten wollte in dieser Hölle! -- So sinnt der Michel Schwarzaug. Alle Gedanken münden immer in den einen aus: Laß ihn gewähren, erweise ihm den letzten Freundschaftsdienst, den es für ihn noch geben kann ... Halte ihn nicht auf.
Unbeweglich steht der Dorfwirt da, während in ihm die Empfindungen gegeneinander streiten. Er schaut nicht nach links und nicht nach rechts, schaut unverwandt auf das Feuer hin. Als ob in dieser Flammenschrift die Ahnen zu ihm sprächen. Sein Sinnen löst sich sachte in Wehmut auf, in eine unsäglich süße Empfindung der Liebe zu seinem Freunde. Die feierlich aufsteigende Riesenflamme dort hält sein Auge gebannt. Und ist es wie ein Mahnen: Laß ihn zu den Vätern gehen! -- So ist er mit Absicht gestanden eine lange Weile und traumhaft. -- Und war es nicht gewesen, als ob ein Bienenschwarm vorübergeklungen hätte? Ein verlorner, heimloser Bienenschwarm! ’s hat just so gesummt in der Luft. -- -- Gib acht, Michel, gib acht, in deine Obhut ist ein Vertrau! -- Er wendet sich rasch. Hat nicht der Gerhalt zu ihm gesprochen? -- Er erwacht aus seiner Versunkenheit und besinnt sich und sieht nach dem Freunde. --
Der steht nicht mehr neben ihm, ist nicht da.
Der Michel erschrickt heftig. »Rufmann!« sagt er, fast stockt der Atem. Er eilt an das Haus, er eilt zur Baumgruppe. »Rufmann!« Kein Mensch da. -- Das Wasser rauscht wie immer und immer. Der Michel eilt wegshin gegen die Brücke. »Rufmann,« schreit er schrill. Im Schimmer der Sternennacht glaubt er dort mitten auf der Brücke am Geländer eine dunkle Gestalt zu sehen. Er läuft hin, auf Zehenspitzen läuft er. Da schwingt die Gestalt sich aufs Geländer und -- war nimmermehr zu sehen.
Im nächtigen Dunkel branden die Wogen und rauschen und rauschen. Kein Haupt taucht auf, kein Arm, in den Alpenfluten begraben, ausgelöscht ist ein wüster Traum.
Meine Schuld
Der Holzstoß war endlich in seinen Gluten zusammengestürzt und hatte noch in diesem Sturze einen feurigen Regen in den nächtlichen Himmel emporgesandt.
Die Feuerlohe und freilich noch mehr der Trank, der in Buschschenken aus mehreren Fässern strömte, hatte die Leute berauscht. All böse Art, Hoffart und Falschheit, Feigheit und wilde Lust war, wie der Feuerspruch dargetan, verbrannt worden. Doch diese Brut erhob immer aufs neue ihre zischenden Häupter aus der Glut. Jene Musikanten, die am Fronleichnamstag dem Sakrament gehuldigt, bliesen jetzt auf ihrem schrillenden Bleche Kampf- und Lustweisen. Was Range war, das raufte und bockte grölend in den nahen Büschen herum, was Mann und Weib war, das tanzte um die große Glutstätte. Etliche wollten versuchen, durch das Feuer zu springen nach alter Sitte. Dazu war der Pfuhl noch zu üppig. Derbe Burschen stießen mit langen Stangen in den glosenden Holzbränden herum, und erst, als die tote Asche dalag, machte sich mancher Recke erbötig, »durch das Feuer« zu gehen.
Aber noch war das Sonnwendfeuer nicht verloht und verglost auf dem Ringstein, als die Botschaft laut wurde, der Förster Rufmann habe sich das Leben genommen. In die Ach wäre er gesprungen und die Leute möchten schnell hinabkommen, um den Leichnam zu bergen.
Das war wie eine Erweckung.
Trotz Mitternacht dachte niemand an Heimkehr. Aus harzigem Kien waren Holzbüschel bereit, mit denen sie den Abstieg hatten beleuchten und unter Fackelschein in die Dörfer marschieren wollen. Solche zündeten sie jetzt an und die roten Lichter strichen zuckend durch das Gestämme dahin. Männer hatten die Stangen erfaßt, mit denen das Feuer geschürt worden war, und eilten talwärts. Etliche hatten am Ende der Stange Nägelhaken festgemacht. So wenig sie des Lebenden gedacht, den Leblosen wollten sie nicht preisgeben.
Sie kamen in das Hochtal und zogen mit den Fackeln am Rande der Ach auf und nieder die halbe Nacht.
An dem neuen Sägewerk, wo schon ein Stück Wehr in das Wasser hineingebaut war, hatten sie den Michelwirt getroffen. Er stand auf dem Geschütte und schaute in den Fluß, ging etliche Schritte weiter und stand still und schaute ins brausende Wasser.
Sie fragten ihn, ob er etwas wisse, er gab keine Antwort. Jetzt stieß auch der Gerhalt auf ihn.
»Gefürchtet hab ich’s ja, gefürchtet hab ich’s!« sagte et zum Wirte. Der gab keine Antwort.
»Gott und Herr, wie ist denn das zugegangen? So red Michel, so sag’s!«
Sagte der Michel: »Kein Mensch kann’s glauben.«
»Wo ist’s geschehen?«
»Auf der Brucken.«
»Und hast ihn nit können halten? Michel, ich hab dir’s so fest aufgetragen!«
»Jetzt hebst du auch an!« schrie der Michel erregt.
Dann verlor er sich.
An beiden Ufern des Flusses jede Böschung und jeden Tümpel haben sie abgesucht. Wo Arm- oder Wurzelwerk des Gebüsches ins Wasser niedergriff, da haben sie hineingeleuchtet. Unten an dem alten Sägewerk des Gerhalt hofften sie ihn sicher zu finden, denn dort wurde der Fluß durch einen Vorbau gebrochen. Aber die Leiche war nicht da und auch nicht im Fluder und nicht im Tümpel unter dem Radwerk. Unterhalb der Säge wallt die Ach breit und mit vermindertem Gefälle dahin, der Murr zu. Sie haben ihn nicht in der Tauernach und nicht in der Murr gefunden.
»Er ist seinen Buben nachgefahren nach Löwenburg,« sagten die Leute.
Am Abende des nächsten Tages auf der Sandbank bei Ruppersbach, da lag er ausgeworfen, ein Häuflein Tod. Der Fischer hatte zuerst gemeint, es sei ein alter Lappen, den jemand weggeworfen. Zerrissen, zerknüllt, voller Sand und Schlamm, aber noch kenntlich -- der Förster Rufmann.
Drei alte Bauern standen beisammen, als man ihn nach der Totenkammer brachte.
»Das muß ich sagen, um den Mann ist’s schad. Hätt noch lang leben können, wie der noch fest ist gewest. Aber -- an seiner Stell hätt ich’s auch nit anders gemacht.«
»Und wenn man sich bei so einem Unglück nit tot machen kunnt, müßte man sich frei neun Klafter tief in die Erden verkriechen.«
»Was sagst denn aber, wenn er jetzt nit in den Friedhof darf -- han!«
»Wenn ein solches Absterben nit verziehen wird, nachher -- jetzt hätt ich aber bald was gesagt!«
»Da gehn wir all miteinander zum Pfarrer und verlangen’s!«
»Ist nicht vonnöten,« sagte ein Hinzugetretener.
»Oh, Hochwürden! Wir küssen die Hand!«
»Ihr glaubt also, euer Pfarrer würde einen unglücklichen Mitbruder dort verscharren lassen, wo ihr alten Heiden alljährlich den Fasching zu begraben pflegt!« --
Aus Sandwiesen war Frau Apollonia mit ihrer Tochter heimgekehrt. Als sie von dem geschehenen Unheile vernommen hatten, dachten sie an den Vater.
Helenerl war noch schweigsamer als sonst. Nur einmal, gleich als sie vernommen, wer die Mörder des Fremden gewesen, hatte sie kurz und scharf gesagt: »Das ist nit wahr!« Wie sie hernach von den unwiderleglichen Beweisen hörte, und daß es der Student eingestanden habe, sagte das Mädel nicht ein Wort mehr. Sie war wie zu Stein geworden. Den Vater fanden sie oben in seinem Stübchen.
Niemand hatte er zu sich hereingelassen. Als jetzt Frau und Kind vor ihm standen, reichte er ihnen die Hand: »Das ist ein Unglück worden! Hättet noch in Sandwiesen sollen bleiben. ’s wär besser gewest.« Und nichts weiter.
Jetzt ist das Mädchen zu sich gekommen, der Mutter an die Brust gefallen: »Der Vater, wie er ausschaut! Ich kenn ihn ja nimmer! Ganz hintersinnig ist er.«
Und Frau Apollonia: »Wenn dein Vater was hat, da ist’s am besten, man läßt ihn allein. Er ist schon lang nimmer recht beisamm. Weiß Gott, wie er fertig werden wird mit allem, was noch kommen kann.«
Der Michel war ja froh, seine Leute in der Nähe zu wissen, aber sprechen wollte und konnte er nicht mit ihnen. Über schwere Anliegen sprechen, das hatte er nur mit einem gekonnt. Und da war’s ihm jetzt, er müsse Hut und Stock nehmen und hinaufgehen ins Forsthaus. Den Rufmann, wenn er hätte fragen können, ob es ihm jetzt recht sei? Er hatte ihm ja seinen Willen getan, er war ihm ja treu gewesen. Und Rufmann würde zu ihm hintreten, nebelleicht und nebelblaß, aber schön und gütig, und würde sagen: Ja, Michel, so ist’s am besten! -- Und wenn er nicht mehr kommen kann, weil er nichts ist, kein Nebel und kein Traum mehr, dann ist’s erst am besten, dann hat alle Qual und alle Ursach zur Qual auf ewig ein Ende. So, wenn sich alle Menschen gegenseitig brüderlich forthelfen wollten aus dieser falschen Welt! Aber halt der liebe Mut! So lange den meisten noch der Mut fehlt, suchen wir den Tröster im Faß.
Er unterbrach sein Denken, kam aber immer wieder drauf zurück. -- Jetzt seh ich’s wohl, daß der Nathan Böhme -- Gott selig! -- eine falsche Lehr hat gepredigt. Der Wein ein Gift! Just im Gegenteil, der Wein tut’s aufs allerbest. Der Wein macht schöne Einbildungen, also eine schöne Welt -- was will man denn noch mehr? Wo gibt’s denn einen größeren Wohltäter, der uns glückselig hinwegtäuscht über diese schreckbare Verdammung! Nein, nein, ich bin schon recht mit dem Wirtshaus und will mir neue Gebinde anschaffen. Und je mehr ihrer bei mir Sorg und Kummer verlieren und sich das Elend kürzen, um so besser erfüll ich die Nächstenlieb. Komm, du güldener Trank, auch mir mußt du’s jetzt ganz sein. Mußt ja mein Rufmann sein!
Das Dorf rüstete sich zum Begräbnisse. Als der Michel sein schwarzes Gewand verlangte, da riet Frau Apollonia in aller Güte: »Mann, bleib du dasmal daheim. Oder fahr aus, fahr nach Sandwiesen oder wohin du willst. Auf dem Kirchhof, da ist heut nix für dich, schau Michel, sei gescheit.«
Er schaute sie bloß betrübt an.
Hatte nicht eine heimliche Stimme ihm schon denselben Rat gegeben? War’s ihm nicht manchmal zumute: Weit weg! Nur weit weg! -- Doch, wozu denn fliehen, wenn man recht getan?