Die Försterbuben: Ein Roman aus den steirischen Alpen
Part 16
Er zog sich also an und ging nach Ruppersbach. Nicht auf der Straße unter den Leuten, sondern an den Feldrainen ging er hin, an den Hecken und über das junge Grün bebauter Äcker mußte er schreiten bis zur langen weißen Mauer hin.
Der Kirchhof war voller Menschen, sie beteten laut ein eintöniges Gebet. Der kleine Mann mit dem schwarzen Bart drängte sich duckend durch bis nahe ans Grab. Aber doch nicht in die vorderste Reihe. Die Leute stolperten über frische Hügel, die nebenhin in einer Reihe waren, und jeder Hügel hatte ein Holzkreuzlein auf sich stecken mit dem Namen des Schläfers. Den meisten ist dieses arme Kreuz ein erstes und ein letztes Denkmal, nur wenige bekommen später aufs Grab einen Stein -- als Ersatz für so manchen, den man im Leben auf sie geworfen.
Von der Totenkammer her den kurzen Weg kamen die Priester und die Chorknaben mit den Weihrauchgefäßen und der Schullehrer mit den Sängern und die Träger mit dem Sarge. Ein langer schmaler Sarg, schwarz angestrichen, ganz schmucklos. Nun ließen sie ihn nieder und senkten ihn hinein -- in ein sehr enges, sehr tiefes Grab. Dem Michel tat’s wohl, daß es so tief war. Lautere Erde, da kommt von diesem schrecklichen Lebenstraum nichts mehr durch. Er hatte im Augenblick eine liebliche Ruhe empfunden, beinahe als ob er selbst ausgestreckt läge da unten in der kühlen Erde. Nun aber kam ein Grauen, denn sie sangen dem toten Sangesfreunde ein Lied:
»Auferstehn, ja auferstehn wirst du, Mein Leib, nach kurzer Ruh!«
Als das Lied aus war, sagte in der Nähe jemand halblaut: »Am jüngsten Tag, da werden zwei junge Büßer neben ihm stehen auf der rechten Seiten.« Dann sprach der Pfarrer seinen Segen: ~Requiescat in pace!~ Dann sprengte er Weihwasser hinab und warf drei kleine Schaufeln voll Erde auf den Sarg. Es dröhnte hohl und dumpf. Nun drängten sich die Leute ans Grab, um auch ihr Schäuflein Erde hinabzuwerfen über den guten Förster Rufmann. Nur der Michel duckte sich nach rückwärts und warf keine Scholle hinab.
Als das Volk den Kirchhof verließ, entstand am Ausgange ein Gedränge. Dort hatte sich eine Gruppe gebildet, die nicht weiter wollte, so daß sich die Leute stauten. Eine Neuigkeit war da, der Briefträger war aus dem Amte gelaufen, keuchend dem Kirchhof zu, und erzählte, daß aus Löwenburg eben zwei Depeschen eingetroffen seien, eine ans Gemeindeamt Eustachen und eine an den Förster Rufmann. Die Försterbuben kommen wieder heim! Sie sind’s nicht! Es hat sich herausgestellt, sie sind unschuldig! --
Wie ein Erdbeben geht diese Botschaft durch die Menge. Unschuldig! Unschuldig! Unschuldig! -- Alles drängte ans Grab zurück, um es hinabzurufen, um ihn zu wecken: Steh auf, Rufmann! Deine Söhne sind unschuldig, sie sind frei, sie kommen wieder heim. Heute noch! O gekreuzigter Heiland, nur den laß noch einmal aufstehen!
Weil es aber stille blieb im tiefen Grabe und weil er nicht aufstand, so brach ein Klagen aus, ein Schreien und Schluchzen. Mehrere waren geradezu zornig und riefen: »Daß er nit ein paar Täg hat warten können! Bei so was wartet man doch die Gerichtsverhandlung ab!«
»Bal er’s ja selber eingestanden hat, der Student!« rief ein Zweiter. »Wird sich doch der Mensch aus Spaß nit lassen henken!«
Darauf ein Dritter: »Erstens wird ein fünfzehnjähriger Bub nit gehenkt. Zweitens wird’s kein Spaß sein gewest. Der Student ist ein Rappelkopf. Er kann sich haben denkt, wenns mir die Wahrheit eh nit glauben, so lüg ich sie halt an. Tuns mir was, so rait ichs halt fürs Sterben.«
»Aber du heilige Maria und Anna, wer wird’s denn nachher g’west sein!«
»Weiß Gott, was wir noch für Neuigkeiten werden hören!«
Ähnliche Gespräche wurden überall geführt, auf dem Kirchhof, auf dem Rückweg, auf dem Dorfplatz. Alles war voller Freuden über die Unschuld der jungen Burschen und voller Entrüstung darüber, daß es der Vater nicht hat erwarten können. Den Glauben an die eigenen Kinder verlieren? Wer wird denn das? Kann so einer noch an Gott glauben? Verloren ist er. -- Und mancher war voller Vergnügen darüber, daß sich so merkwürdige Sachen zutragen in Eustachen und Ruppersbach und Löwenburg. Ein einziger war, den die Nachricht von der Freilassung der Försterbuben zu Boden geschmettert hatte, wie der Blitzstrahl einen hohlen Baum. Es war der, den die Heimkehr der Burschen ins höchste Glück versetzt haben würde, wäre Rufmann noch am Leben! Sie sind unschuldig, sie kommen wieder! Alles ist aus und jetzt ist’s an mir! -- So der arme Michelwirt. Etliche, die ihn beobachteten, wie totenblaß, wie verstört, wie gebrochen der Wirt in die Kirche schwankte, die mußten wohl gerührt sein über diese treue Freundschaft, mit der er an dem unglücklichen Kameraden und Sangesbruder hing. An dem Menschen, der so hat verzweifeln müssen an seinen Kindern und nimmer hat warten können.
Die Kirche zu Ruppersbach war überfüllt. Was in den zwei Dörfern und Umgebung los konnte von der Wirtschaft, das war gekommen zur Totenmesse für den Förster. Am Hochaltare prangten sechs Lichter, an deren Leuchtern sechs Totenschädel waren. Der Pfarrer hatte ein Meßkleid über, schwarz von Farbe und mit einem großen weißen Kreuz. Er las eine stille Messe, bei der nur manchmal das Gemurmel der lateinischen Gebete und das Anschlagen des Altarglöckleins gehört wurde. Viele, die in ihren Bänken saßen, brannten vor sich Kerzen. In solchen Stunden können die Menschen andächtig beten. Sie gedenken des Toten, den sie eben in die Erde gelegt. Sie gedenken ihrer eigenen Eltern, Kinder, Geschwister, Freunde, die sie vor kurzem oder vor Jahr und Tag begraben haben. Und wenn der Priester leise die Totengebete spricht, da senkt die lebende Gemeinde ihr Haupt und schließt die tote Gemeinde in ihre Aufopferung ein.
Es klingt das Glöcklein. Der Priester steigt die Stufen des Altares hinan, beugt seine Knie, beugt das Haupt, klopft an die Brust: »~Mea culpa, mea culpa, mea maxima culpa!~«
»Meine Schuld!«
Alles erhebt sich und schaut gegen den rückwärtigen Kirchenraum, wo der Schrei geschehen war.
»Meine allergrößte Schuld!« wiederholte sich gellend der Schrei, und im Halbdunkel sah man, wie der Michelwirt, mit beiden Händen den Kopf haltend, aus der Bank stolperte und niederfiel auf das Steinpflaster.
Die Messe wurde unterbrochen von der Aufregung, die sich jetzt erhob.
»Was ist das? Was hat der Michelwirt? -- Meine Schuld! hat er ausgerufen!«
»So aufgeregt ist der arme Mensch, dem Pfarrer hat er’s nachgesagt.«
»Meinst du? Ich denk, das wird was anderes bedeuten!«
Frau Apollonia, als sie so die Stimme ihres Mannes hatte gehört, war durch das Gedränge zu ihm gekommen. Sie richtete ihn auf; sie trocknete mit ihrem weißen Tüchlein den Schweiß von seiner Stirn, »Michel,« so redete sie zärtlich auf ihn ein, »mein Mann, was ist dir überfahren! Daß du so krank bist worden! So angegriffen hat’s ihn halt. Schau Michel, es wird alles wieder gut! -- Er weiß nit, wo er ist! -- In der Kirchen bist, mein guter Mann, und ich bin bei dir! -- Wenn wer so gut wollt sein -- ein Wagerl! Schau, Michel, wir fahren heim. Da kommst wieder zu dir!«
Schier fremd schaute er sein Weib an, man wußte nicht, war er bei sich oder nicht. Doch als sie ihn in den Wagen heben wollten, wehrte er ab: »Kann schon selber.«
Als das kleine Fuhrwerk mit dem Wirtspaar langsam wegshin gerollt war, standen die Leute da vor der Kirche und wiegten ihre Köpfe. »-- So, so! Jetzt geht mir ein Licht auf!«
»Ob’s den nit gereuen wird, daß er so laut hat gebeichtet.«
»Mir scheint, jetzt wissen wir’s, wer den Herrn Preußen hat in die Ewigkeit geschickt.«
Der Gerhalt wollte Ordnung machen: »Geht jetzt auseinander. Geht in die Kirchen und hört die Meß zu End!«
»Meine Schuld! hatte er geschrien. Hat ihn doch das böse G’wissen geworfen!«
Dem trat der Gerhalt entgegen: »Still seid, sag ich! Erst vor ein paar Tagen habt ihr die Buben so hergerichtet und jetzt geht’s an den da! Ihr seid doch ein verfluchtes Gesindel!«
Die Menge verzog sich grollend. Dem Reste der Messe wohnten nur wenige bei. -- Die es taten, sie beteten sicher sehr andächtig und dachten an Schuld, aber kaum an ihre eigene.
Das Böse ist Einbildung, das Gute ist wirklich
Am Nachmittage desselben Tages besuchte der Ortsvorsteher den Michelwirt. Er fand ihn in einem Zustande, daß es ihm beikam: Am Ende ist er’s wirklich! Ob er sich könnte ausweisen? Etliche sagen, er wär’ wohl daheim gewest am selbigen Tag. Andere sagen, er wär nit daheim gewest.
Als der Wirt den Gerhalt sah, breitete er die Arme aus: »Hilf mir, Nachbar, hilf mir! -- Dank dir’s nur Gott, daß du gekommen bist, ich kann’s nimmer dertragen. Schau dir einmal das an!« Er hielt ihm die Depesche hin: »Da steht’s. Förster Rufmann, Eustachen ob Ruppersbach. Unschuld der Söhne klar erwiesen. Noch heute treffen sie zu Hause ein. Strählau, Gerichtsrat.«
Als der Gerhalt gelesen hatte, murmelte er: »Kommen heim -- und was finden sie?«
»Ich kann’s nit dertragen, Nachbar. Keinem Menschen kann ich’s eingestehen, aber du mußt mich anhören. Macht mit mir, was ihr wollt!«
Dem Gerhalt verschlug’s den Atem. »Michel,« sagte er dann, »ich kann schon was dertragen, aber wenn’s zu grob sollt werden -- zu grob!«
Der Michel saß auf einer Truhe und stützte den Ellbogen aufs Knie und mit der Hand verhüllte er sich die Augen. »Gerhalt,« sagte er dann und stieß die Worte kurz und dumpf hervor. »Du bist ein ehrlicher Mann. Wenn du glaubst, daß du es anzeigen mußt, so tu’s. Sonst behalt’s bei dir. Mir selber wegen ist schon alles einerlei. Nur meiner Familie wegen ... Seine Söhne. Was ich hab, das soll ja ihnen gehören. Ich bin mit mir fertig. Das einzige, was ich noch tun soll auf der Welt, das kann ich nit. Einen Toten aufwecken.«
Die derbe Gestalt des Gemeindevorstehers begann zu zucken und er sprach herb: »Michelwirt, wenn du mir was zu sagen hast, so sag’s! Mir wird alleweil letzer. Vielleicht, daß es am besten ist, du gehst geradenweges nach Löwenburg.«
»Martin Gerhalt! Vor paar Tagen, wie du mich beim Rufmann allein hast gelassen, da hast du mir’s streng aufgetragen, daß ich acht sollte geben auf ihn. -- In der alten Bibel -- bald am Anfang -- steht die Geschicht, wie ihn der Herr fragt: Wo ist dein Bruder Abel? -- Gerhalt, du hast mich zum Hüter gestellt. -- Wenn du geblieben wärst und gesehen hättest, wie schreckbar der arme Mensch hat gelitten, und kein End, keins, so lange er lebt. -- Das Erbarmen! Mich hat das Erbarmen verführt. Und auch Gedanken, gottlos törichte Gedanken. Nachbar! Es ist eine Sünd geschehen, für die ich keinen Namen weiß. Ein gottlos hoffärtiges Denken. Das all miteinander nix ist auf der Welt, und eine Wohltat, wenn man die Einbildung kunnt löschen. Jesus Maria, und ist jetzt doch was. Unschuldig sind sie und kommen wieder heim. _Nur das Böse ist Einbildung und das Gute ist wirklich!_ Und ich hab’s verkehrt genommen, verkehrt. Die ewige Ruh hab ich gemeint, die sollt ihm ein Freund vergunnen. -- Ich hab gewußt, daß er’s will tun, und hab’s übersehen. Gegen die Ach geht er und hab ihn nit zurückgehalten. Aus Erbarmnis hab ich ihn lassen hingehen, mit Absicht hab ich’s versäumt. Mit Nachlässigkeit und halber Absicht, ich sag es dir! Im letzten Augenblick hab ich ihn freilich zurückrufen wollen. Ist zu spät gewesen ... Gerhalt, jetzt weißt du’s.«
Der Vorsteher war aufgestanden und hob aus der breiten Brust einen tiefen Atemzug und einen Seufzer. »Gott sei Dank!«
Aber der Michel fing an zu toben. »Wenn ich ihn hätt zurückgehalten -- wie wär heut alles in Freuden! -- Kommen glückselig heim und finden das Grab und alles ist aus. Und ich die Schuld. Ich ganz allein ... Wie kann einer da Gott sei Dank sagen!«
»Weil’s noch schlimmer sein kunnt, mein lieber Michelwirt.«
»Noch schlimmer, wie meinst du das?«
»Du weißt nit, was die Leut reden, die’s jetzt wissen, daß es die Försterbuben nit sind, und nit wissen, wer es ist. Und du tust in der Kirchen den Schrei ...«
Jetzt schaute der Michel her. »Die Leut werden doch nit mich --« Er lachte auf.
»Gelt, Michel! Das wär erst das größt’ Unglück, das wär’s erst!«
Wurde der Wirt nachdenklich und sagte: »Hast recht, Gerhalt, das wär’s erst. Aber hörst du: Ist es nit dasselbe?«
»Das nit, Michel. Mord und dein Erbarmnis, das ist wohl nit dasselbe.«
»Ich wollt’s gewesen sein beim Preußen, wenn’s drum ging, daß der Rufmann noch tät leben!«
»Du kannst an seinen Söhnen was tun.«
»Das hab ich mir wohl heilig fürgenommen, ihr Vater will ich sein. Wenns mich mögen. Gelt, Martin, du tust für mich bitten. Ich werd ihnen jetzt entgegenfahren.«
»Entgegenfahren willst ihnen? Michel, das sollst du nit tun,« riet der Gerhalt ab, »du bist nit genug beisamm jetzt.«
»Wenn sie in der Früh von Löwenburg fort sind, so mögen sie in ein paar Stunden da sein. Bis über Ruppersbach hinaus will ich ihnen entgegen. Es wird mir leichter sein, wenn ich sie wieder seh’.«
»Überleg dir’s gut, Michel!«
»Ich denk wohl, ich denk wohl. Mich verlangt’s wie zu meinen Kindern.«
Der Gerhalt sann nach, wie das jetzt zu machen wäre. »Wenn du glaubst, daß du stark genug bist! Es wird was setzen, mein Lieber, wenn sie hören, daß der Vater --«
»Das werdens schon wissen.«
»Wer nit muß, sagt’s ihnen nit. Auf jeden Fall, Michel, muß ich dir _den_ Rat geben, daß du ihnen ja nit gleich sagst, daß du -- daß du -- ihn so hast verhalten. -- Wenn’s überhaupt wer zu wissen braucht? Und du’s sonst noch niemandem gesagt hast. Leicht ist’s besser, Nachbar, wir sind still. Zu ändern ist doch nix mehr. Tät das Unglück nur noch größer machen. Vor dem Gericht hättest dich wohl eh nit zu scheuen, so weit steht die Sach nit. Weißt, Wirt, gar so himmelschwer muß man das auch nit nehmen. Absichtlich versehen, versäumt! Was weißt denn du, wie dir in derselben Stund ist gewest! In so einem Schreck, in so einem Jammer! Da weiß ja kein Mensch, was er denkt und tut. Du bist nit bei dir selber gewest. Wärst du bei dir selber gewest wie heut, du hättest es so wenig tan wie heut, wenn’s wieder so wär. Also schau!«
»Das Richtige wär gewesen, ich -- hätt’s ihm gleich nachgemacht.«
»-- und hättest dir alle Brucken abgebrochen zurück, wo noch was gut zu machen ist. Was hätt denn aus den armen Burschen werden können, wenn gar niemand mehr auf sie schaut? Und hast nit auch selber Weib und Kind? Geh Michel, sei nit dumm. Was geschehen ist, ist geschehen, und wir zwei sind still und wecken’s nimm auf, verstehst?«
»Mich deucht, die verschwiegene Sünd ist noch schwerer zu tragen.«
»Was hast, wenn du’s sagst? Dein Lebtag hast es auf dem Buckel, jeder Lump wird dir’s reimen. Und das mußt auch bedenken: Wenn du’s gestehst, kannst du für die Buben gar nix tun. Glaubst denn du, diese Trutzköpf werden was annehmen von dem, der ihnen so den Vater hat verhütet?«
»Du hast recht, Martin,« antwortete der Michel, »aber meinst, es war nit schon zu viel gesagt?«
»Nix ist gesagt. In der Kirchen bist nit bei dir selber gewest. Was man denken soll bei der Meß, das hast du laut gesagt. Was denn weiter? An so einen Tag ist alles wild auf. Wie es jetzt steht, jetzt hab ich kein Angst mehr.«
»Nachbar,« sprach der Michel und faßte seinen Arm. »Nachbar, an dich halt ich mich jetzt und ist mir schon leichter, weil einer ist, der mir tragen hilft. Das soll dir Gott vergelten. Vielleicht, daß es doch noch einmal anders wird. Jetzt ist’s wohl zum Verzagen. -- Wenn mir unser Herrgott ein Zeichen wollt geben, daß meine Sünd nit gar so schreckbar wäre -- nit gar so schreckbar.«
»Wenn die Buben deine Lieb annehmen -- das kannst für ein solches Zeichen halten. Es wird am gescheitesten sein, Michel, ich fahr mit dir.«
»Jetzt? Du mit mir? Den Buben entgegen?« sagte der Wirt. »Gerhalt, möcht dich wohl recht schön bitten, laß das sein. Schau, kannst dir’s denken, wenn neben meiner einer sitzt, der alles weiß, wie soll ich da den rechten Schick haben? Auf Verstellung muß ich mich jetzt verlegen, auf Falschheit in meinen alten Tagen. Wirst ja kein falscher Zeug sein wollen.«
»So fahr allein. Aber iß vorher zu Mittag. Die Frau Apollonia hat mir’s gesteckt, daß du heut noch nix Warmes in den Magen genommen hättest. Iß wieder einmal ordentlich und nachher fahr. Fahr deinen Buben entgegen.«
Jetzt haben sie ihn!
Wenn die Försterbuben bei ihrer Einlieferung nach den Aufläufen in den Dörfern gedacht hatten, der Kreuzweg sei nun zu Ende, so war das ein Irrtum.
Als sie in die Stadt Löwenburg einzogen, ging es erst recht an. Alle Bürgersteige, alle Plätze, alle Fenster waren voll Menschen, die das jugendliche Verbrecherpaar sehen und ihrer Entrüstung Ausdruck geben wollten. Besonders auf der Murbrücke, da war es schon lebensgefährlich, wie die Leute sich drängten, auf den Geländern saßen und standen und mit hellem Geschrei die gefesselten Burschen beschimpften. Vornehme Herren und Frauen darunter. Leute, die im Alltag selbst ihre bedenklichen Flecken haben: Vor den Raubmördern stehen sie hoch und glänzend da, und dieser Erhabenheit geben sie durch schallende Entrüstung über die Elenden Ausdruck.
Der Friedl, der draußen vor seinen Kameraden die Augen niedergeschlagen hatte, hier machte er sie keck auf und schaute mit Verwunderung auf die strenge Sittlichkeit, die diese Städter aufzeigen. Nun sah er dort am gemauerten Brückenpfeiler einen Bekannten von daheim -- aus der Bärenstuben. Der Krauthas war’s, der, ein Bündel Kräuterwerk auf dem Rücken, stehen geblieben war, um diesen Einzug seiner Heimatsleute anzuschauen. Er hielt seinen hageren Körper schief, bog seinen Hals vor und schaute. Er schrie nicht und schimpfte nicht, machte ein trauriges, fast erschrecktes Gesicht und schob dann ab hinter den Pfeiler.
Dieser verkommene Mensch! Und ist der einzige _Mensch_ auf der ganzen Brücke! -- so dachte der Bursche.
Bald darauf marschierten sie durch ein hohes, finsteres Tor hinein ins Gerichtsgebäude. Schier eine willkommene Zuflucht vor der gewaltigen Tugendhaftigkeit der Menge. Und hier wurde jeder der Burschen in eine besondere Zelle gesteckt.
Am nächsten Tage ein weiteres Verhör. Es begann ähnlich wie die vorhergegangenen im Forsthause -- aber geendet hat es anders.
Es waren etliche fremde Herren da, junge mit Nasenzwickern und aufgestrammten Schnurrbärten; alte mit glatten Gesichtern und grauen Haaren. Alle schauten so gleichgültig drein, als ob jeden Tag so ein paar Jungen eingebracht würden, die einen Touristen ermordet hatten im wilden Birg. Kein Haß und keine Liebe war zu entdecken in diesen ernstgleichgültigen Mienen. Während Elias heimlich fast gewünscht hätte, die Richter möchten recht hart, die Behandlung recht roh, die Strafen schmerzvoll sein, damit das Märtyrertum um so größer wäre.
Die Fragen waren wieder nach Dingen, wie das erstemal. Die Antworten auch wie das erstemal. Der Friedl hatte den Fremden von der Seealmhütte aus noch ein Stück begleitet gegen das Kar und hatte dort nach der Augenschau den Weg beschrieben durch das Knieholz, über das Kar und den Schrund hinan bis zum Joch. Dann war er umgekehrt. Die Uhr hatte er von dem Fremden als Führerlohn erhalten. Sie ging bei den Herren des Gerichts von Hand zu Hand, man beschaute, schätzte sie. Ein gewöhnliches Schweizerwerkel im Stahlgehäuse -- nicht acht Kronen wert. Das Geld, welches in Friedls Bett vorgefunden wurde, hatte er vom Zimmermann Josef ausgeborgt. Einer der Herren konnte bereits angeben, daß das auf Wahrheit beruhe. Das Schriftstück über die Aussage des kranken Zeugen war eben eingelangt. Nun aber das Messer, das am Tatorte gefunden und womit unzweifelhaft der Mord begangen worden! Es war ein Taschenmesser mit zwei Klingen und einer Perlmutterschale. Von dieser war ein Stück weggebrochen; mehrere Leute in Eustachen hatten mit Bestimmtheit ausgesagt, daß es Friedls Messer sei, und dieser leugnete nicht einen Augenblick, aber er gab an, daß er dieses Messer vor ein paar Monaten verloren habe.
Einer der Herren fragte, ob er nicht Tag und Ort angeben könne, wann und wo er glaube, das Messer verloren zu haben.
Der Bursche sann nach und sagte, es sei ihm sicher, er habe das Messer an einem Sonntag in der Fastenzeit in einer Kohlenbrennerhütte der Bärenstuben verloren. Er habe dort am nächsten Tage auch nachgefragt, aber der Kohlenbrenner Krauthas hätte nichts davon gewußt.
»Der Kohlenbrenner Krauthas?« fragte einer der Herren recht gelassen und kühl, während er seinen langen Bart strich. »Wie heißt der Mann mit dem Vornamen?«
»Bartel -- Bartel Krauthas.«
Als der Herr mit dem langen Bart so viel gehört hatte, wandte er sich an den Vorsitzenden und verlangte Unterbrechung des Verhöres. Es müsse der Bartholomäus Krauthas herbei. Der Krauthas sei in Löwenburg polizeibekannt. Er gehe zurzeit in der Stadt hausieren mit Wurzeln und Kräuterwerk. Augenblicklich wohne er bei seiner Tochter, auch eine von solchen, über die Buch geführt werde. Der Mann sei als Wilderer, unbefugten Gewerbes und selbst Diebstahls wegen viel vorbestraft. Gegenwärtig stehe er in dringendem Verdacht eines Einbruches im fürstlich Trustbergischen Jagdschloß auf dem Tauern. Die Polizei sei eben dran, den Vagabunden festzunehmen und werde sich freuen, mit ihm aufwarten zu können.
Das Verhör mit dem Krauthasen verlief überraschend einfach. Im ersten Teile desselben fungierte er gleichsam nur so als Zeuge, im letzten war er -- der Verurteilte.
Fix hatte der Staatsanwalt gearbeitet. Den Einbruch im Jagdschloß hatte der Krauthas gleichgültig, wie eine Bagatelle, eingestanden, und jetzt hatte man ihn. Im Jagdschlosse war neben einem aufgebrochenen Zigarrenkistchen das Stücklein einer Messerschale aus Perlmutter gefunden worden. Dieses Stücklein paßte genau in die Scharte des Taschenmessers, mit dem Nathan Böhme ermordet worden. Anfangs war der Krauthas verblüfft, daß sein schlauer Lebenslauf ein so plötzliches Ende gefunden, dann warf er die Flinte ins Korn und dachte nur daran, so viel Milderung als möglich herauszuschlagen.
»Ich wäre ja eh selber gekommen, meine hochansehnlichen Richter!« sagte er weichmütig mit singendem Stimmlein. »Gestern, wie ich auf der Brucken die jungen Herrn hab gesehen, da habens mir so viel derbarmt, daß ich gleich hab gesagt: Krauthas, das geht nit, daß die etwan gar sollten eingesperrt werden, wegen der Gschicht’. Bist ein ehrlicher Kerl, mußt dich stellen.«
Dann kam er mit seinen Rechtfertigungen. Die Leut hätten schon seinen Vater um Haus und Hof gebracht. Ihn selber hättens auch immer verfolgt, bis er der elendste Lump sei geworden im ganzen Gau. Kein Mensch hätt ihm mehr was borgen, was schenken wollen, keine Arbeit mehr, keine Lebensmittel, keine Kurasch zum sich selber abtun. Für ihn sei es am gescheitesten, er überließe das anderen.
Also wie es zugegangen sei?
Nun ja, zugegangen. Da hätte er halt gehört, daß der fremde Böhm, der sich beim Michelwirt in Eustachen aufgehalten und Geld gehabt, einen Fremdenführer übers Gebirg sucht. »Mich nimmt er nit, dafür sein schon die Leut da, die ihm Angst machen vor meiner. Aber daß die Försterbuben nur bis zur Seealm mitgehen, das han ich mir denkt. Von der anderen Seiten bin ich herüber und han aufpaßt. Und vom Joch herabgesehen, wie der Mann allein durch die Zirben geht. Und sich niedersetzt auf dem Anger, weil er was gessen hat. Wie ich durch die Zirben abischleich, schlaft er. Der Hals is gar so schön nackend gwest. -- Viel han ich eh nit gfunden.«
Ob er dabei allein gewesen sei?
»Ich bitt Ihnen, Herr Gerichtsrat, bei so ein Gschäft wird man wen zuschauen lassen!«
Nach diesen und weiteren Aussagen des Krauthasen war es also klar.
Nun aber der Student! Gar ernstlich wurde Elias befragt, weshalb er eine Tat eingestanden, die er nicht begangen!