Die Försterbuben: Ein Roman aus den steirischen Alpen

Part 14

Chapter 143,795 wordsPublic domain

Da auch weitere Fragen nichts Besonderes ergaben, so sagte der Gerichtsrat, sie wären einstweilen fertig, aber Elias dürfe das Haus nicht verlassen. Das war auch kaum möglich, da am Tore der Gendarm stand, der niemand hinausließ.

Der Förster Rufmann war der Ach entlang hinaufgegangen durch den Hals, dem Friedl entgegen, der am Abende vom Holzschlage heimkehren mußte.

Es brauste das Wasser, es brauste in seinem Kopf, es schwindelte ihm. Traumhaft war, so dahinzugehen in der Schlucht, der Wildnis zu, während es schon dämmerte. Und sein Haus ist zur Stunde von Gendarmen besetzt und seine Buben sollen verhört werden, weil ein Mensch umgebracht worden ist oben im Gebirge. Es wird so was Fieberhaftes sein, man geht in der Irre um. Der Zimmermeister Josef ist ja auch plötzlich erkrankt. Man sollte doch umkehren, daheim werden sie warten, die alte Sali und die Buben.

Aber der Friedl war ja noch nicht vom Schlag zurück. Dem wollte er doch entgegengehen. Oder ihn holen in der Holzknechthütte. Oder ihn suchen in den Wäldern.

An der Stelle, wo das Sträßlein ganz eingeengt ist zwischen Wasser und Felswand, begegneten ihm zwei Holzknechte, die hatten eine Trage, die sie -- einer vorn, einer hinten -- mit niedergestrammten Armen trugen. Auf dieser Trage lag etwas, das mit Fichtenreisig zugedeckt oder vielmehr in solches eingewickelt war. Die Holzknechte gaben dem Förster kurz einen guten Abend. Er hatte zuerst fragen wollen, was sie da trügen. Er tat es nicht -- es schauderte ihn. Er ging rasch vorüber.

Endlich in der Bärenstuben, über den Sandboden herab kam der Friedl getrottet vom Tagwerk. Seine Axt auf der Achsel -- und trällerte ein Liedchen. Und erschrak, als er den Vater jäh vor sich sah in der Abenddämmerung.

»Friedl,« sagte dieser halblaut, stockend, »wir warten schon all auf dich. Ein Gerichtsherr ist da und will mit dir reden, wie es gewesen ist mit dem Nathan Böhme.«

Der Friedl antwortete: »Da geh ich lieber zu den Holzknechten zurück.«

»Um Jesus willen, mein Friedl, du mußt dich ja rechtfertigen gehen! Es ist ein Gerede. Es geht ein schaudervolles Gerede um. Du mußt dich auf der Stelle rechtfertigen.«

Da ging der Bursche mit ihm.

Sie schwiegen und sie gingen rasch. Finster war es geworden in der Schlucht, und das Wasser brüllte zwischen den Steinblöcken dahin. Endlich waren sie an der Brücke, da wendete sich der Friedl plötzlich um und wollte davon. Er hatte den Gendarm bemerkt vor dem Forsthause. Der Alte hielt ihn am Arm.

»Einsperren wollen sie mich!« sagte der Friedl.

»Komm, Kind!« bat, stöhnte der Förster, »komm doch und sage, wie es gewesen ist. Dann ist alles gut, dann ist alles gut.«

Und so brachte er ihn ans Haus. Der Wächter am Tore ließ sie hinein.

An der Küchentür stand die Sali und flehte ihm zu, er solle doch erst seine Suppe essen.

»Ja, ich werd jetzt essen!« lachte der Bursche. Es war ein hartes Lachen. Er wurde in die große Stube geführt.

Da saßen die Männer wieder hinter dem Tische. Auf demselben standen zwei Kerzenlichter, rechts und links an einem Kruzifix. Der Friedl schaute sich um nach dem Bruder. Der war nicht da. Hinten oben an der Ecke stand der Vater, starr aufrecht, unbeweglich.

Nach den einleitenden Fragen begann das Verhör.

Bis zur Seealmhütte stimmte es ungefähr mit den Aussagen des Elias.

»Wie weit habt ihr den Herrn begleitet?«

»Bis zur Seealmhütte.«

»Das stimmt nicht. Sie sind noch weiter mit ihm gegangen, dem Rauhruckjoch zu.«

»Freilich, weil ich ihn bis zum Kareck begleiten wollte, wo man aufs Joch sieht.«

Der Gerichtsrat blickte auf ein Papierblatt, wo der Kommissar die Situation der Gegend mit Strichen und Punkten angegeben hatte, und sagte dann: »Das stimmt wieder nicht. Sie müssen ihn bis ins Rauhruckkar begleitet haben.«

»Nein, so weit nit,« antwortete der Bursche.

»Zwischen Knieholz hin sind Sie zu einem kleinen Anger gekommen. Dort werden Sie gerastet haben. Dann hat er vielleicht sich ein wenig auf den Rasen gelegt und ist eingeschlafen.«

»Davon weiß ich nix,« rief der Bursche. »Ich bin nit so weit mitgegangen.«

»Wie lange Zeit brauchten Sie von der Seealmhütte aus, bis Sie wieder dort zurück waren?«

»Nit dreiviertel Stunden.«

»Wissen Sie das so genau? Haben Sie auf die Uhr gesehen?«

»Uhr?« sagte der Bursche, »ich habe nie eine Uhr gehabt.«

»So haben Sie vielleicht jetzt eine?«

Der Friedl schwieg.

Der Gerichtsrat langte nach einem Päckchen, das auf dem Tische lag, tat das Papier auseinander und sagte mit langsamer und leiser Stimme: »Hier ist eine Taschenuhr.«

Er hob sie an der Kette auf und ließ sie in der Luft pendeln. »Kennen Sie diese Uhr?«

Der Bursche schwieg.

»Diese Uhr ist von mehreren Personen als die Uhr des ermordeten Nathan Böhme erkannt worden.«

Der Friedl zuckte die Achseln.

»Fridolin Rufmann! Und diese Uhr ist in der Matratze Ihres Bettes gefunden worden.«

Rückwärts in der Stube ein dumpfes Aufstöhnen. Der alte Förster wankte zur Tür hinaus.

Der Friedl sagte starr und trotzig: »Es ist die Uhr, die mir der Herr geschenkt hat.«

»Der Herr hat Ihnen die Uhr geschenkt?«

»Ja.«

»Warum haben Sie sie denn nicht offen getragen? Geschenkte Sachen kann man ja aufzeigen!«

»Weil meine Weste keine Uhrtasche hat.«

»Und darum mußten Sie die Uhr in die Matratze verstecken?«

»Wie ich gestern gehört hab, daß der Herr umgebracht worden sein soll, hab ich gedacht, versteck die Uhr, sonst kannst Scherereien haben.«

»Aha, daran haben Sie gedacht!« sagte der Gerichtsrat, dieweilen er ein zweites Paketchen ergriff. »Hier,« er entfaltete das Ding, »hat sich in der Bettmatratze noch etwas vorgefunden. Es ist eine lederne Geldtasche mit Inhalt.«

»Es ist meine Brieftasche,« sagte der Bursche dreist.

»Sie kennen also auch den Inhalt?«

»Es werden zwanzig oder dreißig Kronen sein.«

»Woher haben Sie das Geld?«

»Das geht niemand was an!« rief der Bursche.

»Wie wir in Erfahrung gebracht, sind Sie vor wenigen Tagen in Geldverlegenheit gewesen. Woher haben Sie seither dieses Geld genommen?«

»Das habe ich beim Zimmermeister Josef ausgeborgt.«

»Wer ist dieser Zimmermeister Josef?« fragte der Gerichtsrat den Gemeindevorsteher.

»Der Eustacher Zimmermeister, der das große Holzsägewerk baut, hier in der Nähe,« antwortete der Gerhalt.

»Wenn er in der Nähe ist -- er soll sofort als Zeuge erscheinen.«

»Das wird jetzt nicht gehen, Herr Doktor. Der Mann ist augenblicklich schwer krank. Soll gar nit bei sich sein seit heut früh.«

»Nun, zu der Hauptverhandlung wird er wohl erscheinen können. Einstweilen, glaube ich, wissen wir genug.«

Der Gerichtsrat faltete das Protokoll und steckte es in die Brusttasche. Den Gendarmen trug er auf, die Burschen in strengstem Gewahrsam zu halten -- beide. Er will noch in der Nacht ein zweites Verhör vornehmen.

Dann gingen und standen die Herren ums Haus herum. Die Berge ragten schwarz in den gestirnten Himmel auf. Sie besprachen den Fall und äußerten einander ihr Entsetzen über die Verworfenheit und Verstocktheit dieser beiden jungen Leute.

»Ein leichtes Tuch ist er ja immer gewesen,« sagte der Gerhalt. »Zwar gerade nix Schlechtes. Nur leichtsinnig, das weiß ganz Eustachen. Aber _so_ was. Daß ein so junger Mensch zu _so_ was kunnt fähig sein!«

»Immer ein so lustiger Kampel gwest,« gab der Gemeindediener kecklich bei. »Man hat ihn frei gern haben müssen.«

»Jurament möcht ich just keins ablegen, daß er’s ist,« meinte der Gerhalt, »aber hundert gegen eins ist wohl zu wetten drauf.«

Dann ging er und suchte den Förster. Das neue Sägewerk war vergessen oder vielmehr die Feindschaft deswegen. Ein solches Erbarmen hatte er mit dem alten Mann, den das furchtbarste Unglück, das sich nur ausdenken läßt auf dieser Welt, getroffen hat. Er möchte es ihm nur sagen, daß er nicht sollt verzagen, daß alles doch ganz anders sein könne, als es sich bei dem ersten Verhör dargestellt hat. Bei einem so jähen Verhör sind die Leute verwirrt, da wissen sie oft gar nicht, was sie sagen.

Der Förster war im Freien herumgeirrt.

Durch die Küche wollte er in das Stübchen, wo vor fünfzehn Jahren sein Weib gestorben war. Aber er mochte der alten Haushälterin nicht begegnen. Gegen die Brücke wollte er hinüber, da stand jetzt die klobige Gestalt des Gerhalt. Rufmann kehrte um. Allein sein wollte er und sich flüchten und vergraben. In den Hof eilte er zurück, in die Scheune wollte er flüchten. Aber als er die Brettertür öffnete, prallte er zurück.

Da drinnen stand die Tragbahre mit einem Etwas, das länglich in Reisig gewickelt war. Daneben brannte eine Ampel ...

Das Geständnis

Der Friedl stand in der Forstkanzlei neben dem Lehnstuhl mit den hölzernen Armstützen.

Die Kerze, die ihm der Gendarm angezündet, hatte er nur dazu benutzt, um eine Zigarre in Brand zu setzen, dann blies er sie aus. Im Dunkeln stand er da und rauchte so heftig, daß das Zimmer qualmte. Bei dem Glosen der Zigarre sah er den Schreibtisch, an welchem sein Vater seit länger als dreißig Jahren gearbeitet hatte. Auf der erhöhten Mittelleiste stand eine kleine Photographie seiner Mutter. Dann suchte er in seinen Taschen eine zweite Zigarre, suchte in den Laden. Er ging an die Tür, die war versperrt. Zornig stampfte er den Fuß auf die Diele. Dann ging er zum Fenster und rüttelte einmal an dem zellenartig geflochtenen Gitter und setzte sich schließlich in den Lehnstuhl.

In der Schlafstube war Elias verhaftet. Im Gefängnis! Anfangs spielte er mit dem Gedanken, dachte an manchen Blutzeugen Gottes, der auch so gefangen war. Und selbiger hatte nicht einmal etwas abzubüßen. Elias rief nach seinem Bruder. Die Wache wies ihn barsch zurück. Mit dem Bruder könne er jetzt nicht sprechen. Da rief er noch lauter nach dem Friedl. Heftig und schrill. Erst Abbitte geleistet, dann konnte er vielleicht schlafen. Oft hatte er von dem Gerichte Gottes gehört und gesprochen, nun empfand er’s das erstemal an sich selbst. Es folgt der Missetat rasch. An die Tür ging er und bat: »Macht mit mir, was ihr wollt, nur zu meinem Bruder Fridolin laßt mich einen Augenblick!«

Der Gendarm schob ihn mit hartem Arm zurück.

Endlich legte Elias sich in sein Bett. Da fiel ihm noch der Vater ein, daß auch der nicht zu ihm komme -- und dann schlief er.

Aber nicht lange. Er wurde geweckt. Erst noch schlaftrunken, meinte er, nun würden sie ihn zu Vater und Bruder gehen lassen, aber der Gendarm führte ihn hinab in die große Stube, wo im Lichte der zwei Kerzen wieder die Männer vom Gerichte zusammensaßen.

Er war verstört, aber ruhig. Es schien, als ob er denke: So will ich doch sehen, was da wird. Mir ist’s schon alles eins. -- Nun waren die Herren aber doch gespannt, wie lange diese Gleichgültigkeit dauern würde.

»Treten Sie nur nahe heran, Elias Rufmann,« sagte der Gerichtsrat und hob vom Tisch einen kleinen Gegenstand. »Auf der Seealm ist dieses Taschenmesser gefunden worden. Kennen Sie es vielleicht?«

Elias nahm das Messer in die Hand und besah es. Er kannte dieses Messer, es war dasselbe, das er dem Friedl von der Stadt mitgebracht hatte. An der Schale hatte es jetzt einen Schaden.

So sagte Elias: »Das Taschenmesser gehört meinem Bruder.«

»Können Sie das mit Bestimmtheit sagen?«

»Es ist das Taschenmesser meines Bruders.«

Der Gerichtsrat blickte den Studenten eine Weile an, und dann sagte er mit leiser Stimme: »Dieses Messer ist im Rauhruckkar gefunden worden -- an der Leiche des Ermordeten. Wie Sie sehen können, das Messer hat Blutflecken.«

Elias stand aufrecht und wankte nicht. Sein fahles Gesicht begann sich zu verzerren, die Oberlippe zuckte heftig -- einmal, zweimal. Das Furchtbare, was in ihm vorging, er verbarg es vergeblich.

»Wie glauben Sie, Rufmann, daß Ihres Bruders Messer an die Leiche kam?«

Elias stand starr und schwieg.

»Rufmann, gestehen Sie nun ein, was Sie wissen! Denn was Sie früher angegeben, das ist nicht wahr. Wenn Ihr Bruder den Herrn ins Rauhruckkar begleitet, bis an die Stelle, wo die Leiche gefunden wurde, so kann er nicht in vierzig Minuten nach Abgang von der Seealmhütte wieder dort gewesen sein. Dazu würde der geübteste Geher mindestens doppelt so lange brauchen.«

Elias schwieg.

»Da diese Angabe also nachgewiesenermaßen unwahr ist, so werden auch Ihre übrigen Angaben, die Sie uns gestern gemacht, unwahr sein. Sie wissen mehr, als Sie sagen wollen. Sie wissen, daß Nathan Böhme von Ihrem Bruder ermordet worden ist!«

»Nein!« schrie Elias auf, »mein Bruder hat das nicht getan!«

»-- Und daß Sie ihm wahrscheinlich dabei geholfen haben!«

»Ich? Ich meinem Bruder geholfen?« Er zuckte ab. Stumpf und still stand er da, wie geistesabwesend, und gab auf mehrere Fragen keine Antwort. -- -- Jählings rief er laut: »Ich hab’ es selbst getan, ganz allein. Ich habe den Herrn umgebracht! ...«

Ein wilder, gellender Schrei war es gewesen. Mit vorgestrecktem Haupt, die Fäuste halb gehoben, hatte er es den Männern ins Gesicht geschleudert. »Ich hab’s getan, ich allein!«

Mehrere der Männer waren vor Erregung aufgesprungen. Der Gerichtsrat selbst brauchte eine Weile, um sich fassen zu können. Dieser Knabe, dieses kränkliche, weichmütige Bürschchen, soll die furchtbare Tat begangen haben? Allerdings, die dreistruhige Art, in der er tags zuvor die Aussagen geleistet, stimmt nicht zu der schwärmerisch-pietistischen Eigenheit, die ihm an dem Burschen geschildert wurde. Und nun, nach dem Eingeständnisse, stand er wieder gerade so trotzig verschlossen da als vorher, ohne Zeichen von Reue.

»Elias Rufmann!« so begann endlich und mit heiserer Stimme der Gerichtsrat wieder. »Sie sind sich bewußt, was Sie gesagt haben? Wir wollen heute bloß noch wissen, ob Ihr Bruder daran beteiligt war.«

»Nein!«

»Er war nicht beteiligt, aber er wußte darum?«

»Nein!«

»So hat also nicht Ihr Bruder Fridolin den Herrn von der Seealmhütte bis ins Rauhruckkar begleitet, sondern Sie haben es getan?«

»Ja!«

»Wie kam das mit Ihres Bruders Messer?«

»Das hab’ ich öfters so im Sack gehabt.«

»Also dazumal auch?«

»Ja.«

»Sie haben die Tat begangen, um den Herrn zu berauben?«

»Nein.«

Jetzt entstand eine Pause. Der Gerichtsrat lehnte sich vor, stützte sich mit der Miene einer großen Behaglichkeit auf den Tisch und sagte: »Elias Rufmann! Durch Ihr Geständnis sind Sie zu uns in das Verhältnis des Vertrauens getreten. Wir sind nicht Ihr Feind. Wir haben nichts zu üben als Gerechtigkeit, und diese kann sowohl _für_ als _gegen_ Sie eintreten. Erzählen Sie uns nun freimütig die Ursache und den Hergang dieser Tat.«

Elias fuhr sich mit dem Ärmling über die Stirn. Dann antwortete er: »Ja, ich -- es wird so gewesen sein, es wird schon so gewesen sein.«

»Aber warum, Rufmann, _warum_ haben Sie die Tat verübt?«

Sprach Elias laut und bestimmt: »Weil er die Leute vom Glauben hat abbringen wollen!«

»Das stimmt, das stimmt!« murmelten die Männer durcheinander. »Schon früher soll er mit dem Fremden zusammengeraten sein dieser Sache halber und soll mehr als einmal gesagt haben: der Mensch wär’ ein Unglück und der Herrgott sollt’ ihn fortnehmen aus der Welt. Nun also hat er dem Herrgott dabei Handlangerdienste geleistet.«

Das Nichts der Welt

Auf einen behördlichen telegraphischen Bericht nach Frankfurt und die Anfrage, was zu geschehen habe, kam der Bescheid zurück, daß Professor Nathan Böhme dort schon seit längerer Zeit abwesend, weder Verwandte noch Vermögen zurückgelassen habe; man ersuche, die Leiche des Genannten ortsüblich zu bestatten.

Von der Absicht, die Mörder dem Leichnam gegenüberzustellen, wurde Umgang genommen. So wurde er am nächsten Frühmorgen nach Ruppersbach gebracht und in aller Stille begraben. Ortsüblich war das zwar nicht, doch man wollte den Volksauflauf vermeiden, ebenso auch die Frage wegen eines kirchlichen Begängnisses. Es mußte angenommen werden, daß der Mann nicht zur katholischen Kirche gehörte.

Aber in den beiden Dörfern herrschte ein wahrer Aufruhr.

War der Mord in dieser Gegend schon an sich ein schreckliches Ereignis! Daß die jungen Söhne des Försters, die überall gerne gesehen waren, der eine wegen seiner harmlosen Lustigkeit, der andere wegen seiner Bescheidenheit und treuherzigen Frömmigkeit, daß diese Burschen den Mord begangen hatten -- das war unerhört, unfaßbar -- einfach gräßlich. Das war so niederschmetternd, daß der Ruppersbacher Lehrer, bei dem sie in die Schule gegangen, sagte: »Man wird wahnsinnig vor Entsetzen.«

Aber die Leute waren schon bemüht, diese Burschen so herzurichten, daß sie für die grause Tat paßten. Kein Aprilwetter schlägt so rasch um als die Stimmung der Menge.

»Ein Mord aus Fanatismus ist es also!« rief der Krämer.

»Laß dich nicht anplauschen,« rief der Gerber, »wenn der den Herrn des heiligen Glaubens wegen ersticht, da wird er ihm erst noch Uhr und Geld wegnehmen -- vielleicht auch des Glaubens wegen. Ein gemeiner Raubmord war’s, und dafür sind so viele Beweise, daß man bequem damit viere hängen könnt.«

Und unter diesen Dörflern gab es Leute, deren sittliche Entrüstung so groß war, daß sie mit Vergnügen jeden zweimal hätten hängen sehen.

Gegen die Mittagsstunde war der Wagen mit den Gerichtspersonen durchgefahren vom Forsthause gegen Löwenburg.

Nun hatten sich die Leute aufgestellt zu beiden Seiten der Straße. Viele vertrieben sich die Zeit mit Plaudern über Wetter und Wirtschaft. Andere machten Witze, derbe Späße und lachten dazu. Der nicht fehlende Wegmachersbub wurde angestiegen darauf hin, daß ein kaiser-königlicher Straßenschotterer gewiß sehr notwendig dabei zu sein habe, bei solchen Begebenheiten. Worauf derselbe seine großen Kinnbacken warf und versicherte, daß er auch schon sein Teil wisse. Die Försterbuben seien eben zu viel verhätschelt worden überall. Nichts als immer die lustigen Försterbuben, die braven Försterbuben! Die schönen Försterbuben! Dieweilen andere, wirklich brave Leute, so viel als gar nichts gegolten. Gut, gut, jetzt würden sie bald anrucken, die braven, die lustigen, die schönen Försterbuben!

Es war fast des Zuhörens wert, als er, auf einem Schotterhaufen stehend, im Predigerton seiner Umgebung auseinandersetzte, wie der Mensch durch Lobhudelung, durch Leichtsinn und Schuldenmachen, durch Blauschen und Schwatzen, Leutanschmieren und Mädelverführen endlich zum Verbrecher werden könne. Nun würde es wohl auch die gelbhaarige Wirtstochter wissen, wem man Ohrfeigen geben solle und wem nicht! In einen so hitzigen Eifer geriet der »Kaiser-königliche«, daß unter seinen strampfenden Beinen der Schotterhaufen nachgab und er zu Boden rutschte.

»Jetzt hast ihrer genug, Kruspel, wenn du Steine werfen willst,« rief der Nachbar. Da fuhr Bewegung in die Leute, die Gespräche verstummten, nur hie und da ein Ausruf: »Sie kommen!«

Drei Gendarmen und zwischen ihnen die Försterbuben.

Sie gingen so nahe nebeneinander, daß es zuerst schien, als wären sie zusammengebunden. Der Friedl in seinem lodenen, grün ausgeschlagenen Halbfeiertaggewand, den Hut in die Stirn gedrückt. Elias in seinem dunkeln Studentengewand. Beiden die Hände über der Brust aneinandergebunden. Der Friedl suchte die Stahlfessel unter der Jacke zu verbergen. Elias trug die seine ohne weiteres zur Schau. Der Friedl hielt die Augen zu Boden geschlagen. Nur ein paarmal zuckten sie kurz auf; so beim Michelwirtshause. Elias schaute stumpf drein, worüber etliche Zuschauer sich entrüsteten. Schimpfrufe wurden laut.

Als der kleine Zug vorüber war -- er marschierte soldatisch fix -- trabten die Leute hinten drein und etliche drängten sich so dicht an die Gefangenen, daß der Gendarm mit dem Gewehrkolben sie zurückstieß. Da wurde der Pöbel fast toll. Und ein schrilles Schimpf- und Schmachgeheul begleitete die jungen Missetäter durch ihr Heimatsdörflein hinaus.

»Die Försterbuben! Die Mörderbuben! Die Galgenbuben!« so schrie es da und dort auf. »Die Mörderbuben! Die Mörderbuben!« so lärmte es hin und hin. Einer jedoch war dabei, der sagte zum Nachbar ganz gemütlich: »Du, paß auf! Die sind unschuldig! Merk dir’s, was ich sag, sie sind unschuldig!« Der Mann wurde niedergeschimpft, bis er’s zugab: »Na ja, ’s kann ja sein. ’s mag ja sein ...«

Die beiden Brüder trabten zwischen den Häschern rüstig fürbaß, der eine halb trotzig, halb neugierig, was jetzt werden soll. Der andere in sich verloren.

Endlich hatten sie die zwei Dörfer hinter sich.

Einmal unterwegs hatte der Friedl die Worte gesagt: »Was wollen sie denn mit uns?«

Da hatte ihm Elias einen Blick zugeworfen, einen unheimlich wirren Blick -- wie Zorn, wie die allertiefste Verachtung und dann wie eine grenzenlose Betrübnis. So sagte der Friedl nichts mehr. Hungrig war er schon geworden und durstig, aber sie trabten an den Wirtshäusern vorbei.

Ehe sie gegen Abend nach Löwenburg kamen, in die Gerichtsstadt, blickte der Friedl noch einmal auf, in die weite, sonnige Gegend hin und zum Himmel mit seinen lichten Sommerwölklein. Im nahen Kornfeld, auf welchem roter Mohn und blaue Kornblumen prangten, schlug eine Wachtel. Die Bauern zählten den Wachtelschlag, um den Kornpreis des nächsten Jahres zu erfahren. Was wollen _wir_ wissen? Trotz des Marschierens zählte der Bursche das helle »Ziziwitt«. Drei-, vier-, fünfmal und weiter. Ununterbrochen bis zwanzig schmettert der Vogel sein »Ziziwitt«. Zwanzig Jahre! Ade, du schöne Welt! -- Wie soll man sich denn helfen, wenn alles dagegen ist? Alles! Alles! -- »Nur nit verzagen,« sagte er dann wieder zu sich selbst. »Vielleicht ist der ganze Spuk nix als ein Schligerwitzrausch.«

Daß Elias eingestanden hatte, wußte er zu dieser Stunde noch nicht. --

Das Wirtshaus »Zum schwarzen Michel« war wieder offen, aber es war nur die Kellnerin Mariedl da mit ihrem »Was schaffens, Bier oder Wein?« Frau Apollonia war mit der Tochter Helenerl einen Tag vorher, als noch nichts bekannt, nach Sandwiesen gefahren auf Besuch zu einer Verwandten. Die wirtschaftlichen Arbeiten wickelten sich durch den Hausknecht, Oberknecht und die übrigen Dienstboten wie gewöhnlich ab. Der Michel war nirgends zu erspähen.

Zuerst war er in seiner Stube geblieben und hatte gewartet von Stunde zu Stunde auf die Unschuld der so furchtbar angeschuldigten Söhne seines Freundes. Als aber nichts Ähnliches kam, als vielmehr ein neuer Argwohn nach dem andern auftauchte, bis durch das Geständnis die Vermutung zur Gewißheit wurde, da konnte der Michel in der Enge einer Kammer nicht mehr bleiben. Wie als ob er selbst ein Mitverbrecher wäre, schlich er an der Zaunecke hinauf in den Wald und eilte durch denselben weglos über Böschung und Graben in das Forsthaus.

Das Forsthaus lag da an der rauschenden Ach wie ausgestorben. Waren doch alle fort, die Richter und die Sünder, die Lebenden und die Toten. Einer, der noch dalag in seiner Stube, war nicht lebend und nicht tot.

Schluchzend, mit vor Weinen verschwollenen Augen wies die alte Sali den Wirt in die Stube. Im Bette lag der Förster. Er war es doch? So grau das dünne Haar, so wüst der Bart, so fahl und verfallen das Gesicht. Die Augen halb zugesunken, er schlummerte wohl. Die eine Hand im weißen Hemdärmel lag außen über der Decke.

Der Michel stand vor dem Bette, lautlos und lange.

»Mein heiliger Gott,« flüsterte die Haushälterin, »eine Nacht wie die heutige möcht ich nimmer derleben. Und hat -- hat sich wollen ...« Das erstickte im Schluchzen. »Seit morgens liegt er so dahin.«

Was sonst geschehen, das berührte sie mit keinem Worte. Dann ging sie hinaus.

Der Michel stand da und blickte auf den Schlummernden, wie man auf eine Leiche blickt. Vielleicht weiß er von nichts, vielleicht hat ihm Gott in seinem Haupte die Welt schon ausgelöscht ... So dachte der Wirt.

Da bewegte der Förster ein wenig die Hand, ohne die Augen aufzutun, sagte er mit fremder Stimme: »Ja, mein Freund!« Dann war es, als schlummere er wieder.

Der Michel berührte leicht seine Hand, sie war kühl. »Paul!« sagte er.

Nach einer Weile murmelte Rufmann, immer mit geschlossenen Augen: »Hast du sie noch einmal gesehen? Sie sind schon fortgebracht worden.« Fast ruhig sagte er es.

Der Michel rückte einen Stuhl und setzte sich ans Bett und faßte die Hand des Freundes und hielt sie fest. Und arbeitete mit sich, um die grabende Gewalt seines Innern niederzuhalten.