Die Försterbuben: Ein Roman aus den steirischen Alpen
Part 13
Am Abende saßen sie wieder beisammen im Wirtshaus. Es war sonst niemand da, sie waren unter sich. Sollten sie nicht einmal der Frau Apollonia ein lustiges Ständchen bringen. Von der Frau Apollonia war der Förster ein heimlicher Verehrer, das beteuerte er nachgerade so oft, daß der Michel einmal sagte: »Du, wenn’s keine heimlicheren Weiberverehrer gäbe!« Da wisse er einen jungen Rufmann, der hielte es anders mit der Heimlichkeit. -- Die beiden verstanden sich. -- Klim klim! Es stieg das Lied.
»Wann ich d’ Sonn da drenten Stad siach abi gehn, Und die Hütten glanzt im Sonnenschein, Mahnt mich’s Abendsterndl: Sollst zum Dirndl gehn. Beim saubern Dirndel ist ein lustig Sein. Ja, ja, mei Dirndel, du bist mei Lebn, Du bist mei Freud in alle Ewigkeit.
So komm ich hin zu ihr, ’s hat schon der Mondschein gscheint, ’s war alles mäuserlstill -- es rührt sich nix. Da nehm ich’s her um d’ Mitt Und biag ihr ’s Köpferl zruck, Und han a Busserl ihr aufs Göscherl pickt. Ja, ja, mei Dirndel, du bist mei Lebn. Du bist mei Freud in alle Ewigkeit!«
Und haben es wohl nicht geahnt, daß es das letzte Lied war, so sie gemeinsam gesungen auf dieser Welt.
Dieweilen sie so ihrer Kinder Liebe feiern wollten, weckten sie beinahe ihre eigene auf, jene vor dreißig Jahren, die sich schon so friedsam zur Ruh begeben hatte.
Was ist aber das? Was ist denn das? -- Es klirren die Fenster.
Ein Sausen und Brausen ums Haus.
Der Förster stand auf und sagte: »Ich habe mir’s ja gedacht. Der Sturmwind.«
Fast finster wurde es in der Stube. Mattes Blitzen. Der Donner war dumpf, aber es ächzten die Wände.
»Die Burschen werden doch schon zurück sein von der Alm,« sagte der Michel.
»Wenigstens bis zur Köhlerhütte in der Bärenstuben, oder sie bleiben gar auf der Seealm. Der Preuß, wenn der sich aufgehalten hat, kann noch nicht leicht in Arlach sein.«
»Man kann sich auch auf der andern Seiten, niederwärts, höllisch vergehen,« sagte der Wirt. »Hätten ihn eigentlich doch nicht sollen fortlassen. Der erste Weg im Frühjahr! Alles verschüttet und verschwemmt.«
Nun kam das schlanke Mägdlein von der Küche herein, zog die Hängelampe nieder, zündete sie an und sagte: »Guten Abend!«
»Guten Abend, Helenerl!« dankten die Väter, und so lieblich war das feine Gesichtlein selten beleuchtet wie in diesem Augenblicke vor der Lampe. Es kam ihnen vor wie eine Erscheinung, die man das erstemal sieht oder -- das letztemal. Dann ging sie wieder leise davon. Die Männer schwiegen. Es war, als wäre ein Engel durch das Zimmer gegangen.
Draußen hatte sich der Regen entladen. Anfangs schlug er heftig an die Fenster, dann goß er senkrecht nieder, endlich regnete es in einem leichten gleichmäßigen Schleier, durch den die abendlich dämmernden Bäume des Lärchenschachens noch zu erkennen waren.
Nun kam ein Knecht in die Stube und berichtete, im Garten habe es einen alten Baum zerrissen. Die beiden Männer gingen hinaus. Von dem Ahorn war der große Ast niedergebrochen, auf dem gestern die Bienentraube gehangen. Da lag er auf der Erde, selbst wie ein stattlicher Baum, der seine Äste teils am Boden zerschmettert, teils in den Boden gebohrt hatte. Der Schaft des Astes war teils hohl, teils morsch.
Der Förster deutete auf diesen modrigen Bruch und leise sagte er: »Siehst du, Michel?«
Dieser stand bewegungslos da. Und nach einer Weile: »Könntet ihr sie morgen gleich miteinander in die Kirche tragen, die Pichelbäuerin und -- den Michelwirt.« --
Dann sind sie wieder ins Haus gegangen. Aber es war ein fremder Schatten da, obschon die Lampe hell brannte.
Endlich machte der Förster sich auf den Heimweg. Es war nach dem Sturme eine geruhsame Nacht geworden. Manchmal noch ein matter Blitzschein, ein fernes Donnern. Der Regen rieselte mäßig. Der Förster hatte sich des Wirtes Wettermantel entlehnt und schlug sich in den Loden. Ihn fröstelte ein wenig. Die Ach rauschte, stellenweise schlug sie auf die Straße herauf und trug Holzstücke daher, die im Dunkeln bläulich schimmerten. Wenn es im Hals oder in den Bärenstuben eine Brücke genommen hat, so können sie nicht zurück ...
Als er ans Forsthaus kam, stand dort am Brunnen ein Mensch und wusch sich die Hände. Der Friedl war’s. -- Gottlob, sie sind da.
»Seid ihr denn noch nicht genug naß geworden?« So grüßte ihn der Förster.
Der Bursche mußte es nicht gehört haben, weil der Brunnen rauschte.
»Wo ist dein Bruder?« fragte der Vater laut.
Der Friedl erschrak ein wenig, und als er sah, wer es war, antwortete er: »Der Elias ist schon schlafen gegangen, er hat Kopfweh.«
»Seid ihr ins Gewitter gekommen?«
»Nit arg.«
»Habt ihr zu Abend gegessen?«
»Mir ist nix drum.«
Sie sind müde, dachte der Förster. ’s ist auch ein starker Weg gewesen, besonders für Elias.
Die alte Sali hatte zu greinen über die Torheit der jungen Leute, die allweil an alle Dummheiten denken, nur nicht an die Gesundheit. »Erst kommens vor lauter Raufen mit Nasenbluten heim und nachher mit leerem Magen ins Nest! ’s ist auch der Kleine nit gscheiter.«
Sie trug noch eine Schüssel frisch gekochter Milch zur Schlafstube hinauf, konnte aber nicht hinein; die Tür ging nicht auf.
»Habens schon die Neuigkeit gehört, Herr Förster?«
Am nächsten Morgen kamen ins Forsthaus zwei Jungbauern, einer aus Eustachen und der andere aus Ruppersbach. Schon im Vorhause zogen sie den Hut ab, glätteten sich mit der breiten Hand das schweißfeuchte Haar und klopften recht bescheiden an der Kanzleitür.
»Nur herein!« sagte der Förster, »was gibt’s denn schon wieder für ein Anliegen, daß ihr gar so gut Sitte und Brauch wißt. Ist sonst nicht immer so manierlich.«
»Wenn wir wieder recht schön bitten dürften, Herr Oberförster, um Holz.«
»Bin kein Oberförster. Wozu denn wieder Holz?«
»Zum Sonnwendfeuer. Wir möchten halt gern wieder eins anzünden auf dem Ringstein.«
»Ist schon recht, das, will schon wieder mithalten. Wann denn?«
»Übermorgen wär er halt, der Sonnwendtag.«
»Aber Schlingel seid ihr: Vor drei Jahren habt ihr mir einen ganzen Scheiterstoß verheizt. Ich habe euch gesagt, Scheitholz dürft ihr mir nicht nehmen. Nur Gefällholz. Im Ringwald gibt’s dessen ja genug, nicht zu faul sein zum Zusammentragen!«
»Wir werden G’fällholz nehmen, Herr Förster, und bedanken uns schön.«
»Ich will es euch lieber zeigen, was zu nehmen ist. Heute nachmittags um fünf Uhr, wenn jemand oben ist. Ich werde auf dem Ringstein sein und sagen, was geschehen darf. Das vorigemal seid ihr mir mit eurem Feuer auch dem Wald zu nahe gekommen.«
»Wollen schon alles machen, wie’s der Willen ist, und werden fleißig --«
»Ja, ja, geht nur jetzt, ich habe nicht viel Zeit. Nachmittags um fünf Uhr. Wenn aber niemand oben ist! Ich gehe nicht ein zweitesmal!«
In solch wohlwollend brummigem Tone pflegte Rufmann mit den Leuten zu verkehren. Als die Bauern fort waren, ging er die Stiege hinauf und wollte nachsehen, ob die Buben nicht endlich aus dem Bette wären. Die Tür war versperrt.
Er pochte mit der Faust: »Was ist denn das heute! Sieben wird’s bald!«
»Ja, ja,« antwortete drinnen eine mißmutige Stimme. Sie waren noch verschlafen.
Zum Frühstück waren sie da und aßen tüchtig. Dann verzog sich der Student wieder, und der Friedl erstattete seinen Bericht von der Alm. Hin und hin aper, nur im Rauhruckkar hatten sie noch Schnee liegen sehen. Es sei ganz sommerwarm, täte schon überall grünen. Man könne bald das Vieh auftreiben. An der Seealmhütte müßten die Dachlucken ausgebessert und etliche Fensterscheiben eingeschnitten werden. Stellenweise hätten Lahnen den Weg versperrt, an der Mooskehr hätten sie nur mit Mühe weiterkommen können.
»Hat sich der Preuß gut gehalten?« fragte der Förster.
»Ganz gut.«
»Wie weit habt ihr ihn begleitet?«
»Bei der Seealmhütten hat er gesagt, nun wollt’ er schon allein weiterkommen.«
»Kann er noch vor dem Gewitter hinübergekommen sein?«
»Glaub schon.«
»Gut ist’s. Heute nachmittags gehen wir auf den Ringstein. Das ist wieder was für euch, Buben. Sonnwendfeuer!«
»So?« sagte der Friedl gleichgültig.
»Der Elias wird ja auch mitgehen.«
»Glaub nit.«
Als hernach der Förster nach dem Studenten sah, fand er diesen bei seinem Kasten beschäftigt, die Schulbücher zu einem Pack zusammenzubinden.
»Hat’s dich recht angestrengt, gestern?«
»Ein bissel.«
»Was machst du denn da?«
»Ich -- -- will doch wieder hinein.«
»Wo hinein?«
»Ins Seminar.«
»So dachte ich doch, Elias, du bliebest bis Herbst daheim?«
»Ich will doch lieber hinein.«
Der Alte ist mit Kopfschütteln die Treppe hinabgestiegen. Da hatte er sich manchmal beklagt, wenn einer der Buben so lustig war; wenn sie’s nicht sind, ist es erst recht ungemütlich.
Am Nachmittage gingen sie hinauf, der Förster Rufmann und sein Sohn Friedl. Der Fußsteig durch den Wald ist steil, sie sprachen unterwegs nicht viel. Auf einer Lichtung, wo man in die weiten Berge hinaussieht, stellte der Bursche sich hin und jauchzte eins. Dann trafen sie mit mehreren jungen Männern zusammen. Vormittags war ein Begräbnis gewesen, da gibt’s allemal einen kleinen Feiertag den ganzen Tag. So waren sie heraufgekommen, um den Feuerstoß schichten zu helfen. Darunter auch ein Gerhaltsohn, der mit dem Förstersohn wieder ganz kameradschaftlich stand, als gehe das, was die Alten miteinander hätten, die Jungen nichts an.
»Dich sieht man selten jetzt, Friedl. Bist immer im Holzschlag, oder schon auf der Alm?«
»Vielleicht seht ihr mich bald gar nimmer.«
»Geh, mach dich nicht patzig!«
»Wirst es schon sehen.«
»Was werd ich sehen?«
»Daß ihr mich bald gar nit mehr seht. Oder willst mit? Da draußen im Hessenland oder wo wandern jetzt immer Leut aus nach Afrika.«
»Zu den Mohren? Da muß man ja früher angeschwärzt werden.«
»Das ist das wenigste, mein Lieber!« Dann zuckte das Gespräch ab.
Die Anschuldigung des Gerhalt war noch nicht vergessen. Der Friedl hatte den Wegmacher Kruspel bemerkt, der mit anderen bereits daran war, Gefällholz zu bearbeiten.
Der Förster führte sie im Walde, der hier oben flacher wurde, herum und wies ihnen gefallene Bäume, niedergebrochene Äste und halbabgestorbene Stämme, an die sie sich mit Äxten, Sägen und Stricken machten, um sie klein zu kriegen und an Ort und Stelle zu bringen. Eine auf vorspringender Felswand in die Lüfte hinausgelagerte Felszinne, genannt der Ringstein, war die Stätte, wo seit alten Zeiten am 24. Juni das Sonnwendfeuer angezündet wurde. Aber nur von drei zu drei Jahren. So oft unten im Dorfe das Fronleichnamsfest abgehalten wurde, so oft loderte ein paar Wochen später auf dem Ringstein das Feuer der alten Germanen. Und je glanzvoller die Prozession ausfiel, um so größer war der Holzstoß auf dem Berge. Es war ein alter Tort darin, doch die harmlosen Leute von Eustachen dachten nicht daran, sie übten nur den Brauch, und viele mochten meinen, das Sonnwendfeuer sei so eine Art Nachfeier zum kirchlichen Fronleichnam.
Der Förster hatte angeordnet, daß der Holzstoß möglichst an die Felszinne hinausgerückt werde, da könne das Feuer den nahen Wald nicht gefährden, werde hingegen gesehen in der ganzen weiten Talgegend von Sandwiesen bis Löwenburg.
Wie sie hingestreut liegen da unten an den Ufern der Tauernach und der Mur, die schimmernden Gruppen der Ortschaften! Dort hinten oben, wo das Gebirge mit seinem Halbkreise gleichsam die Talfläche abschneidet, kommen aus den Schluchten Wässer zusammen zu dem großen Fluß, der sich so schlängelt, daß man hie und da ein Spiegelchen von ihm sieht. Tief unten, fast am Fuße des Berges, das freundlich zwischen Wiesen, Feldern, Matten und Schachen ruhende Eustachen. Eine halbe Stunde abseits Ruppersbach mit seinem hohen Kirchturm und ganz unten in blauer Ferne ragt wie ein gläsernes Zacklein das alte Schloß Löwenburg über der Stadt auf.
Der Förster blickte in die Gegend hinaus und mochte denken, wie der Mensch doch nicht immer bloß am Nützlichen hängen, sondern öfter die schöne Welt anschauen sollte. Und dieweilen schleiften die Burschen mit lustigem Geschrei aus dem Walde Holz herfür und bauten den Brandtempel.
Aber dort stand eine kleine Gruppe von Männern beisammen. Sie hörten dem Schnapperjosel zu, der schon Jungvieh auf seine Alm getrieben hatte, gerade vom Gebirge zurückkam und zu erzählen wußte, daß unweit des Rauhruckkares ein Toter gefunden worden sei mit Stichwunden am Hals. Er habe ihn nicht gesehen, wisse weiter nichts, als was die Holzknechte erzählt hätten. Die Gruppe um den Schnapperjosel vergrößerte sich rasch. Ein Mord! Ermordet soll einer worden sein! Im Gebirge? Das war was Seltsames.
Auch der Förster horchte hin und meinte, das sei gewiß wieder einmal erstunken und erlogen, sonst müßten seine Buben davon wissen. Die seien gestern auf der Alm gewesen, kein Wort von so was ...
Als er mit dem Friedl darüber sprechen wollte, war der Bursche nicht da, und jemand sagte, er habe ihn den Waldsteig hinabgehen gesehen.
Bald ging auch der Förster heim, und als er unten an den Weg am Waldrande kam, schritten zwei Zimmerleute vom Sägewerk daher. Die fragte er, wie es dem Zimmermeister Josef gehe.
»Wie’s halt gehen kann bei einer schweren Lungenentzündung. Aber sonst ist was. -- Habens schon die Neuigkeit gehört, Herr Förster? Der Preuß oder wer er war, der sich beim Michelwirt hat aufgehalten, den habens am Rauhruck tot gefunden. Ist erstochen worden!«
Der Förster eilte seinem Hause zu. Dort im Hofe war der Friedl und spielte mit dem Kettenhund. Ein Holzstückchen hielt er ihm vor die Schnauze, und wenn das Tier danach schnappte, zuckte er damit zurück, so daß es bei diesem Scherz schon lebhaft wurde und der Hund dem flinken Burschen angriffsweise an die Brust sprang.
»Laß den Hund in Ruh! Und sag mir, warum du so eilig bist fortgelaufen auf dem Ringstein.« Den alten Mann klemmte es in der Brust, er war zu schnell gegangen.
»Ich -- wegen was ich fort bin?« entgegnete der Bursche gleichgültig. »Wenn ich die Wahrheit soll sagen, ’s ist einer oben, der mir nit ansteht.«
»Der Schnapperjosel?«
»Der Schnapper? Ist der auch oben? Na, der geht mich nix an. Den mein ich nit.«
»Der Schnapperjosel ist heute von der Alm herabgekommen und weiß zu sagen, daß beim Rauhruckkar ein Toter gefunden worden wäre. Und heißt es, der Nathan Böhme! Und wäre umgebracht worden ...«
Der Friedl schaute auf.
»Sag’s noch einmal, Friedl, wie weit seid ihr mit ihm gegangen?«
»Na halt bis --, mein Bruder wird’s eh auch wissen.«
»Von dir will ich’s hören!«
Der Bursche zuckte die Achseln: »Was just von mir?«
Er hielt den starren Blick des Vaters nicht aus, wurde totenblaß, da wurde es auch der Förster Rufmann. Er setzte sich taumelnd an den Rand des Brunnentroges.
Vor Gericht
Die Gassen des Dorfes waren belebt, als ob wieder Fronleichnamstag wäre.
Aber nicht so fröhlich und nicht so klingend. Vielmehr die Leute befangen, hastend, schleichend, munkelnd und flüsternd. Man hörte nichts als ein unzusammenhängendes Zischeln, man sah heftiges Kopfschütteln, man sah Arme sich erheben und die Hände ringen. Nur halb raunte man sich die unerhörte Neuigkeit zu, die andere Hälfte wurde schweigend gesagt mit Mienenspiel. Dann wieder erging man sich in bildlichen Andeutungen. Mancher stöhnte, jammerte, es sei unmöglich, es sei nicht zu glauben, und jeder glaubte es. »Ich glaub’s nit! Ich glaub’s nit!« riefen sie und glaubten alles. Dann kam wieder einmal eine Welle heran: Es ist ja alles nicht wahr, einen alten Rock hat man gefunden auf dem Rauhruck und haben sie gleich einen Ermordeten daraus gemacht. Der Preuß soll ja in Arlach sitzen und von dort aus dem Michelwirt einen Brief geschrieben haben.
»Na, nachher möcht’s doch vielleicht nit wahr sein!« sagte dieser und jener und verzog sein Gesicht zu einem frohen Lächeln, das aber mißmutig ausfiel. Bis die nächste Welle kam: »’s ist heilig nit anders. Der Herr Böhme ist erstochen worden. Sein Leichnam liegt in der Teschenschlagerhütten, und die Försterbuben ...!«
Da wurde der Jammer wieder laut in der Menge, manches Antlitz weinte schmerzliche, manches wollüstige Tränen.
Nicht als ob die Leute so schlecht wären. Eine Abwechslung wollen sie einmal haben in ihrem seichten Alltagsleben, ein Schauspiel, ein Ereignis, an dem sie ihre Gefühle erschüttern und erfrischen, ihre Phantasie kräftigen, ihr kleines Geistesleben mit Mutmaßungen und Kombinationen betätigen, ihren Abscheu vor dem Verbrechen und ihr Mitleid mit dem Opfer aufwärmen können. Sie nehmen die Tragödie des Lebens, sofern es nicht sie persönlich betrifft, wie andere die Tragödie auf der Bühne. Welch gräßliches Leid das Ereignis auf Beteiligte bringt, das kommt ihnen trotz ihrer Gefühlsausrufe nicht deutlich genug zum Bewußtsein.
»Gehen wir zum Michelwirt!« rief jemand. »Der wird schon was Sicheres wissen.«
Und da eilten ihrer mehrere stracks hin bis zum oberen Ende des Dorfes, um dem Michel »ein Viertel« abzukaufen. Es werde wohl kein Platz mehr sein in der Gaststuben an so einem Tag, man könne sich’s denken.
Das Wirtshaus aber war geschlossen wie um Mitternacht. Die Leute pochten am Tore, und der Schwarzmichel möchte die Eustacher doch nicht verdursten lassen. Das Tor blieb geschlossen. Einige stiegen auf die Wandbank vor dem Hause und spähten zum Fenster hinein. Da drinnen alles wie ausgestorben.
»Das bedeutet schon was. Der Michel und der Förster sind gute Kameraden miteinand. Es wird schon wahr sein. Wer weiß, was noch alles dahintersteckt! Man wird’s ja hören! Viel Geld soll er bei sich gehabt haben, der Preuß! Im Wirtshaus wird man’s wohl gewußt haben.«
»An einen Raubmord glaub ich nit,« ließ sich ein anderer vernehmen. »Weiß Gott, was da noch herauskommt. Seit die Welt steht, hat man so was nit erlebt in Eustachen!«
Den höchsten Grad erreichte die Aufregung, als gegen Abend ein Gerichtsherr aus Löwenburg mit einem Schreiber und zwei Gendarmen durch das Dorf fuhr, dort den Gemeindevorsteher und den Gemeindediener mitnahm ins Hochtal hinein. Hinter dem Wagen her lief halb Eustachen, Weiber wie Männer. Aber an der Brücke beim Forsthaus stellte sich die Wache auf, da durfte niemand hinüber. Nur der Löwenburger Wagen rollte über die Holzbrücke und in den Hof des Forsthauses. Der Förster war nicht zu sehen. Aus der versperrten Küche hörte man das Weinen der alten Haushälterin.
Zur selben Zeit war vom Hochgebirge die Kommission zurückgekehrt, zwei Beamte und ein Gendarm.
Und nun begann in der großen Stube das erste Verhör. Der Student hatte sich nicht lange suchen lassen. Er stand vor dem Tisch der Herren, neben ihm der Gendarm mit dem strotzenden Gewehrspieß. Ruhig und schlank stand er da, nur noch ein wenig blässer als sonst.
»Sie sind der Seminarist Elias Rufmann, Sohn des Försters Paul Rufmann und dessen schon verstorbenen Ehegattin Cäcilia. Gebürtig in St. Eustachen ob Ruppersbach, katholisch, zurzeit fünfzehn Jahre alt.« Bei dem Worte »fünfzehn Jahre alt« ward die Stimme des Gerichtsrates gedämpft. »Ich muß bemerken, Elias Rufmann, daß Sie jetzt nur als Zeuge dastehen und als nichts anderes. Sie haben die Fragen, die ich stellen werde, vor Gott und Ihrem Gewissen der Wahrheit gemäß zu beantworten.«
Elias nickte mit dem Kopfe.
»Sie und Ihr Bruder haben vor zwei Tagen einen gewissen Nathan Böhme ins Gebirge begleitet. Da genannter Herr des Weges unkundig war und Sie ohnehin auf der Alm zu tun hatten. Wie weit sind Sie mit Herrn Böhme zusammen gegangen?«
»Bis zur Seealmhütte.«
»Warum nicht weiter, da doch erst von dort ab der Weg schlecht wird und schwer einzuhalten ist?«
Elias zuckte die Achseln. »Wir sind ja nicht als Führer gewesen; wir haben auf der Seealmhütte zu tun gehabt, es war nur ausgemacht, daß er sich uns anschließen sollte.«
»Da sind Sie und Ihr Bruder also bei der Seealmhütte zurückgeblieben und der Fremde ging allein weiter?«
Elias schwieg.
Der Gerichtsrat mit Nachdruck: »Herr Nathan Böhme ist von der Hütte ab _allein_ weiter gegangen? Wirklich so ganz allein?«
»Mein Bruder ist noch weiter mit ihm gegangen.«
»Ihr Bruder ist mit ihm gegangen. Ja, warum haben Sie das nicht gleich gesagt? Wie weit ist er noch mit ihm gegangen?«
»Das weiß ich nicht.«
»Wo sind Sie während dieser Zeit gewesen?«
»Bei der Seealmhütte.«
»Wann ist nachher Ihr Bruder wieder zurückgekehrt?«
»Nach vierzig Minuten war er wieder bei unserer Hütte.«
»Wie wissen Sie denn das so genau?«
»Weil mein Bruder auf die Uhr gesehen und gesagt hat, genau vierzig Minuten wäre er aus gewesen.«
»Hat denn Ihr Bruder eine Uhr gehabt?« fragte der Gerichtsrat.
Der neben ihm sitzende Gemeindevorsteher Gerhalt machte eine ungläubige Gebärde. Es sei merkwürdig, daß der Fridolin Rufmann eine Uhr gehabt habe, bei dem wolle doch sonst nichts hängen bleiben.
»Der Herr Böhme hat ihm ja die Uhr geschenkt,« sagte Elias.
Nun hoben sich die Köpfe. »So, so, geschenkt hat ihm der Herr Böhme die Uhr?! Ja, wann war denn das?«
»Unterwegs.«
»Sie, Rufmann,« sprach der Gerichtsrat, »sagen Sie einmal selbst, wird ein Tourist im Gebirge seine Taschenuhr herschenken, wenn er einen unbekannten Weg geht?«
»Das ist so gewesen,« antwortete Elias ruhig. »Mein Bruder hätte immer gern eine Taschenuhr gehabt und hat unterwegs, wie der Fremde auf die Uhr schaut, davon gesprochen, der höchste Wunsch wäre ihm so eine Uhr. Da hat der Herr gelacht und gesagt, wenn kein Wunsch auf dieser Welt schwerer erfüllbar wäre! Und hat die Uhr samt der Kette gleich von der Weste gelöst und meinem Bruder gegeben. Sie sei als Führerlohn. Mein Bruder hat gleich gesagt, wenn er sie ihm später wollt schicken, über’s Gebirg möcht er sie doch noch behalten. Hat der Herr gesagt: Weiß ich den Weg, so brauche ich keine Uhr. Den Weg zeigen Sie mir ja, und drüben im Kulmtal getraue ich mir eine bessere zu erstehen. Da hat mein Bruder die Uhr angenommen.«
Mit fliegender Hand hatte der Schreiber diese wichtige Aussage aufs Papier gebracht.
Der Gerichtsrat fragte nun weiter: »Als Sie nun beide in der Seealmhütte waren, was haben Sie da gemacht?«
»Wir haben nachgesehen, was fehlt, haben unser Mittagbrot gegessen und uns auf den Heimweg gemacht.«
»Sagen Sie, Elias Rufmann, war Ihnen unterwegs nicht schlecht geworden?«
»Schlecht? Nein.«
»Als Sie nach Hause kamen, gingen Sie sogleich zu Bette, weil Sie Kopfweh hätten!«
»Das ist wahr. Eines Ärgers wegen. Es war eine Dummheit, ich will’s wohl sagen. Mein Bruder und ich hatten unterwegs einen Streit gehabt wegen allerlei so, da hat er mich einen Mucker und Heuchler geheißen, und da habe ich ihm aus Zorn ins Gesicht geschlagen. Darüber habe ich mich nachher gekränkt, weil es mein Bruder gewiß nicht so gemeint hat, und bin daheim gleich ins Bett gegangen.«
»Hat Ihr Bruder denn nicht zurückgehauen?« fragte der Gerhalt.
»Nein, der hat nur gelacht und gesagt, so ein schneidiger Elias gefiele ihm viel besser als ein muckerischer. Darüber habe ich mich noch mehr geschämt, daß er vernünftiger ist als ich.«
»Erzählen Sie mir auch, Elias, weshalb sind Sie denn eigentlich in Streit gekommen?«
»Wir streiten oft, weil mein Bruder manchmal bissel leichtsinnig ist. Und da habe ich ihm vorgehalten, eine Schand wär’s, daß er die Uhr gleich so hätte angenommen. Und mein Bruder spricht: Wenn ich was haben will, so sag ich’s gleich und heuchle nit erst wie die Mucker. Und weiter so auf mich her, und da ist mir jäh der Zorn gekommen. Zweimal hab ich hingeschlagen.«
»Hat Ihr Bruder sonst nichts gesagt? Keinerlei Bemerkung über den Fremden?«
»O ja, wir haben über den Fremden mehreres gesprochen. Er war unterwegs auch recht gemütlich und heiter gewesen, nicht so wie sonst manchmal.«
»Sie haben mit Herrn Böhme schon früher einmal einen Handel gehabt, Rufmann?«
»Weiter nichts. Ich war zornig, daß er den Leuten ihren Glauben nehmen will.«
»War unterwegs ins Gebirge nichts davon gesprochen worden?«
»Nein, da ist alles gemütlich hergegangen.«
»Ist Ihnen gar nichts aufgefallen unterwegs? Ist Ihnen niemand begegnet?«
»Die Holzknechte im Teschenwald. Sonst niemand.«