Die Försterbuben: Ein Roman aus den steirischen Alpen
Part 12
Kaum war dieser Zwiespalt ein wenig verbraust, so gab’s für Elias schon einen andern. Am nächsten Tage, als der Friedl vom Holzschlag heimgekehrt war, ward dieser zutunlich mit dem Bruder, nahm ihn Arm in Arm, zerrte ihn zum Waldrain hinauf und ging ihn um Geld an. Nicht mit schalkhaften Worten wie sonst, sondern kurz und herb.
»Elias, ich muß zwanzig Kronen Geld haben!«
Hierauf antwortete der Student in aller Ruhe: »Du weißt es, Friedl, daß ich dich gern habe, und ich nehme mir vor, alles zu tun, was dir gut ist. Ich sage dir aber, du kannst machen, was du willst, Geld gebe ich dir keines mehr, auch wenn ich eins hätte.«
Er hatte auf diesen Bescheid ein derbes Wort erwartet, aber der Friedl schritt, seine Hände in den Hosentaschen, am Waldrande dahin und schwieg.
Das war dem Elias doch wieder ungut und er fragte:
»Wozu brauchst denn so viel Geld?«
»Wenn du mir keins gibst, sollst es auch nit wissen.«
»Gut, so will ich’s auch nicht wissen.«
»Natürlich! Der junge Pfaff ist ja auch einer, der mich erziehen will. Jetzt will mich ja alles erziehen, weil ich zu wenig fromm bin, ein Lump bin! Weil ich um zwei Heller würfeln tu und weil ich junge Weibsbilder lieber hab’ wie Kirchenfahnen. Hast es schon gehört, der Gerhalt will mich ja nächst Wochen auf die Bank legen lassen.«
»Den bring ich um!« kreischte der Student auf, wie er sein Lebtag nicht aufgekreischt hatte. Dann mußte er lachen.
»Was das für ein dummes Wort ist,« sagte er. »Weil es so viele rohe Leute gibt da im Gebirg, so gewöhnt man sich das an. Für mich ist’s Zeit, daß ich wieder in mein Seminar komme. Und du sollst die Leute reden lassen und dir nichts draus machen. Wirst schon noch drauf kommen, daß Unrecht leiden immer zum Guten ausfällt. Was bedeutet denn alles miteinander? In ein paar Jährlein ist’s vorbei und wir haben den Lohn bei Gott im Himmel.«
»Bissel ein Vorschuß, wenn er mir wollt schicken.«
»Tu nicht immer so freveln, Bruder. Denk doch dran, daß wir Vorschuß genug haben von Gott. -- Jungheit, Gesundheit, einen guten Vater und so viel noch, was andere nicht haben. Sollst nicht so unzufrieden sein, du, mit deinem schönen Namen Fridolin.«
»Kommt auf dich an, du, mit deinem schönen Namen Elias. Leih mir zwanzig Kronen.«
»Also, wozu brauchst du jetzt so viel Geld?«
»Hau, ich werd der Narr sein und dir’s stecken. Daß du mir noch weniger was gibst. Natürlich ist’s wieder eine Lumperei! Daß man einen Wettermantel braucht im Holzschlag, oder eine Taschenuhr! Kommst um eine Viertelstund zu spät, schimpft der Meisterknecht. Und nächsten Monat, wenn mich der Vater auf die Seealm geben will -- soll ich mich da leicht hinausstellen auf die Weid und schauen, wann mein Schatten auf Zwölfe zeigt?«
»Eine Uhr! Was sagst denn das nicht gleich! Wenn mir der Vater nächstens ins Seminar Taschengeld mitgibt, so sollst was haben. Aber zwanzig, das übersteigt! Und nachher, Bruder, sollst du dir auch abgewöhnen, vom Geld _leihen_ zu reden. Bleib doch bei der Wahrheit und sag _schenken_.«
»Ein guter Kerl bist!« rief der Friedl gerührt aus, legte seinen Arm um Elias’ Nacken, dieser den seinen auf des Bruders -- so gingen sie am Raine hin und her.
»Wir sind zu wenig beieinander, Elias. Weil du so fromm bist und ich so gottlos.«
»Geh, hör mir auf! Du gottlos!« rief Elias.
»Und möchten doch einander nit schaden. Nächstens, sagt der Vater, muß ich auf die Seealm nachschauen. Bruder, da mußt du mitkommen, wer weiß, ob wir noch lang beieinander sind.«
»Ja, Friedl, auf die Alm will ich mit.«
Darauf dieser: »Ich geh nachher auch mit dir. Im Ernst, Elias, was ich mir schon ausgedacht hab. Wenn du wieder fortgehst, gehe ich auch. Mich gefreut’s nimmer daheim. Ich gehe nach Amerika.«
Der Student lachte zu dem Spaß.
»Willst mit? Dort kannst recht Heiden bekehren.«
»Ich will niemand bekehren, bin froh, wenn man mich in Ruhe läßt.«
»Herr Bruder,« rief der Friedl lachend, »ich gratulier! Wir werden alle Tag gescheiter.«
So trieben es die Brüder miteinander. Aus jedem Zwiste der beiden verschiedenen Naturen fanden sie sich vermöge Friedls Humor und Elias’ Sanftmut wieder zurecht. Manchmal aber strich wie ein flüchtiges Wehen die Ahnung über sie hin, als stünde ihnen etwas Besonderes zu, um Streit und Treue.
Der verkrachte Weltverbesserer
»Habens vielleicht was zu waschen, Herr Böhm?« fragte die Kellnerin Mariedl, während sie die Stube aufräumte, den Fremden, der am Fenster lehnte und hinaussah.
»Ich? Zu waschen? Nein. Ich habe niemals zu waschen. Da draußen in -- Ruppoldsbach, oder wie’s heißt, habe ich erst frische Wäsche eingekauft. Was ich abwerfe, das können Sie dem Alten geben, der da draußen bei der Bienenhütte sitzt.«
Er hatte tatsächlich ein frisches Wollenhemd am Leibe.
»Sagen Sie ’mal, Mamsell, um wie viel vor dem Auszug aus Ägypten muß man denn hier das Logis kündigen?«
»Was sagens? -- Ja so. Werns a weil kündigen. Wenns gehen wolln, gengens halt.«
»Mich dünkt, es hat niemand was dagegen.«
»Der Herr Böhm sind keinem Menschen im Weg gewesen. Heut werdens aber doch noch da bleiben. Heut wird g’sungen nachmittag.«
Ja, da wollte er doch. Dieses Singen der beiden alternden Männer kam ihm so wunderlich und drollig vor und -- er gestand sich’s -- anheimelnd, herzwärmend.
Und als die Stunde kam, bedeutete die Kellnerin dem Fremden, wenn er zuhören wolle, so möge er nun in die Gaststube kommen, sie seien gerade beisammen allzwei und eingeheizt sei auch. Damit meinte sie, daß die Sänger schon Wein getrunken hätten.
Sie saßen am Tischchen beim Uhrkasten, und der Wirt stimmte die Zither. Der Fremde saß am Nebentisch und wartete, was da wieder Schönes kommen würde.
»Gut ist’s,« sagte der Förster, sich bereit erklärend. »Also Michel, schlag an was Feines!«
Klim klim!
»Ich geh’ herum in weiter Welt, Such’ meinen Raub zusammen Und nimm hinweg, was mir gefällt --«
»Du singst ja ein Totenlied!« rief lachend der Förster.
»Bei meiner Treu, da hab’ ich ein Totenlied erwischt. Wie man sich schon immer einmal vergreift.«
»Ein Totenlied?« fragte Herr Böhme auf. »Die Herren werden ihr Programm haben. Aber ein Totenlied? Singen denn die Toten Lieder? Mich wollte es gelüsten, so etwas zu hören.«
»Wenn’s dem Herrn gelüstet,« sagte der Förster. »Mir ist alles eins. Gesungen ist gesungen.«
»Ist recht,« sagte der Michel, »dann nehmen wir das schönere.«
Und in einer Melodie voll düsterer Schwermut huben sie an, zweistimmig so zu singen:
»Ihr lieben Christen insgemein, All Reiche, Arme, groß und klein, Nun höret zu mit Traurigkeit, Der jüngste Tag ist nimmer weit.
An diesem gar erschrecklichen Tag Da fallen die Stern vom Himmel herab, Die Morgenröt verkehret sich, Die Allmacht Gottes schrecket mich.
Die Sonn’ lischt aus, o großer Gott, Die Welt voll Feuer, Graus und Not. Der Engel Heer Posaunenschall Weckt auf die Toten überall.
Was lang und lang verborgen war, Das wird jetzt alles offenbar. Von Jesus hohem Richterthron Der Sünder Straf’, der Frommen Lohn.
Zu allen Bösen er sich wend’t: Geht hin ins Feur, das ewig brennt, Kein Schreiber kann’s genugsam b’schreib’n, Was der Verdammte in der Höll’ muß leid’n.
Und zu den Frommen insgemein Spricht Gott: Ihr seid die Kinder mein, Kommt all in meines Vaters Reich, Dort werd’t ihr haben ewig’ Freud’.
O Ewigkeit, du festes Haus, Man kommt hinein und nimmer heraus, Drum, liebe Christen, lebet fromm, Damit ihr einst in Himmel kommt.«
Als dieses Lied verklungen war, saß Böhme ein Weilchen nachdenklich da.
Endlich murmelte er: »Kein Schreiber kann’s genugsam beschreiben, was der Verdammte in der Hölle muß leiden. -- Und damit,« rief er laut, »damit tröstet euch eure Religion? Eine Menschenfreundin erster Güte, das muß man gestehen.«
Gegen diesen Hohn wollte Rufmann sich erheben, als im Vorhause Lärm entstand. Auch in der Küche hörte man einen heiseren Schrei. Wenn Frau Apollonia einmal aufschreit, was muß es da geben?
Zur Stubentür lief der lahme Wenzel herein -- denn es gibt Augenblicke, da innere Nötigung alles Gebrest besiegt -- und schrie: »Die Beindel, die Beindel!«
Der Michel sprang von seinem Sitze auf und eilte hinaus. Die Bienen! Die Bienen schwärmen!
Aus dem einen Korbe ist der junge Schwarm ausgeflogen. Surrend höhenwärts wie ein dunkles Wölkchen. Aber die wachsamen Augen des Pfründners haben den Schwarm nicht verloren, und während der Alte zwei blecherne Hafendeckeln aneinanderschlägt, daß es schrillt, und dabei um Hilfe schreit, läßt der Schwarm sich nieder auf dem Ahornbaum, hoch an einer äußersten Nebenkrone. Nun sitzt er fest, nun ist Zeit, daß der Wächter ins Haus läuft, um es zu verkünden, und nun erhebt sich im und um das Wirtshaus eine Katzenmusik.
Auch aus der Nachbarschaft sind Leute zusammengelaufen, mit Blechdeckeln und Pfannen, Kuhschellen, Töpfen, Kübeln und anderem Geräte, dem greller Schall zu entlocken ist, arbeiten sie im Garten, damit das junge Königreich der Bienen nicht davonziehen soll.
»Was bedeutet denn dieses schaudervolle Lärmen?« fragte Herr Böhme.
»Weil sonst die Beindel taten fortfliegen. Wenn sie so scheppern hören, nachher bleiben sie da. Weil’s halt auch gern musizieren tun hören.«
»Das ist ja ein Unsinn!« rief Herr Böhme, »was weiß die Biene von Musik! Diese Leute haben keine Ahnung von Immerei!«
Bald erschien im Garten der Wirt mit einer Stange, an deren oberem Ende ein aufgespannter Sack war. Damit wollte er den Schwarm, der am Ahornast wie eine schwarze Riesentraube hing, einfangen.
»Man wird Sie totstechen, Wirt!« warnte Böhme, »Sie müssen sich Gesicht und Hände schützen.«
»Lächerbar!« rief der Hausknecht, der eine verrostete Blechtafel schüttelte, »wann hat unseren Herrn ein Beindel gestochen? Dem tun sie nix.«
Während schon ein bereiteter Korb aufgemacht wurde, überlegte der Michel, wie er dem alten Riesenbaum beikomme. Unten hinauf eine Leiter, sie war schon zur Stelle. Dann schaute er sich den Weg aus, den er innerhalb des Gezweiges nehmen wollte, bis zu dem großen Seitenast dort oben. An demselben ein paar Klafter hinaus, dann muß die Stange langen.
»Es geht nicht, Michel,« sagte der Förster, »soviel ich sehe, der Ast ist angemorscht!«
»Ei wo! Sonst kann man ihnen ja nit bei.«
»Wie der Will, am Ast laß ich dich nicht hinaus, er ist morsch, er trägt dich nicht.«
»Was sagst zum Abschneiden?«
»Hilft nichts. Damit verscheucht man sie.«
»Ja, du lieber Gott, ich kann doch den Schwarm nit im Stich lassen!« rief der Wirt. »Ein so schöner, großer Schwarm!«
Unter stetem Lärm der Instrumente überlegten sie, wie ihm beizukommen wäre. Da sah man, wie die Traube sich zu lockern begann, die Tierchen kreisten, lösten sich immer mehr, und unter Klagegeschrei der Zuschauer schwebte das schwarze Wölklein himmelwärts, dem Waldhange zu.
»Hin ist er!« rief der Michel, »ist er einmal im Wald, nachher hat man ihn das letztemal gesehen. Ewig schad drum! Ein so großer, schöner Schwarm!«
Am traurigsten war der alte Wenzel. Das Viertelein Rotwein bekam er freilich, aber die Beindel, die Beindel! die er so sorgfältig gehütet hatte, wie die Mutter das Kind in der Wiege. Und jetzt, wie die Brut flügge wird -- auf und davon. »Ich sag’s Ihnen, Herr Förster, mit der lieben Jugend ist wohl ein Kreuz!«
Nach und nach verzogen sich die Leute, auch unsere Genossen gingen wieder in die Stube, mit dem Singen jedoch war es aus.
»Wie’s mir um diesen Schwarm leidtut!« wiederholte der Michel immer noch.
Frau Apollonia nahm es leicht. Sie hätten an den fünf Körben genug. Wenn ihrer zu viele wären, gediehen sie ohnehin nicht mehr.
»’s wird dem Herrn nit grad deswegen sein,« meinte der alte Wenzel. »Weil’s halt ein schlechtes Vorbedeuten ist, wenn ein Schwarm fortfliegt.«
Dem Nathan Böhme wurde langweilig.
Die Leute konnte er nun einmal gar nicht begreifen. Dieser Wirt, da renommiert er mit seinem ewigen Nichts, wie der Kerl sagt, und singt dabei solche Lieder. Es scheint, er glaubt weder an das eine noch an das andere. Das schreckliche Lied vom Weltgerichte! Wie weggeblasen war es, als die Bienen summten. So leicht nehmen diese Leute ihren Glauben. Und es ist ein Glück. Wenn sie sich hingeben wollten dem Schauder des letzten Tages und wenn sie sich sagten: Einmal kommt er! Er kommt gewiß und wir werden dabei sein! Und es ist die größte Gefahr, daß wir ins ewige Feuer geworfen werden! Wie wäre das auszuhalten! Sie nehmen’s nicht ernst, und wie man des Abends in den Schlummer sinkt, möchte er hinüberträumen ins ewige Nichts! Und gleich darauf will er dieses Nichts wieder ausstaffieren mit Gericht, Himmel und Hölle. Selbst das höllische Feuer ist ihnen noch lieber als das Nichts. Was du auch redest, Wirt, der Mensch kann alles ertragen, nur das Leichteste nicht, das Nichts.
»Ist der Herr schläferig worden?« Mit dieser Ansprache weckte ihn der Wirt aus seinem Nachdenken.
Da sprang der Fremde über: »Ihr guten Leute, bei euch ist es nicht mehr auszuhalten. Ich will es den Bienen nachmachen.«
»Fort? Herr Böhme, doch nit fort?« fragte der Wirt lebhaft, und teils aus Höflichkeit, teils berufshalber setzte er bei: »Im Sommer wär’s bei uns auch schön.«
»Möchte einmal wissen,« fragte Böhme, »wie weit man rechnet über das Tauerngebirge bis ins Kulmtal?«
»Wollens doch hinüber? Über den Rauhruck? Neun Stunden, wenns gut gehen und den Weg wissen; ’s wird sich so ausgehen. Zwei Stunden bis in die Bärenstuben, eine starke dort hinauf bis auf die Seealm; nachher zwei Stunden bis auf das Rauhruckjoch -- sind fünf Stunden. Vom Joch dermachen Sie’s in vier Stunden bis Arlach im Kulmtal.«
»Morgen früh heißt’s marschieren!«
»Wollens denn allein gehen? Übers Gebirg?« fragte der Michelwirt bedenklich. »Herr Böhme, das möcht’ ich wohl nit raten. ’s gibt noch Schnee da drinnen, stellenweise ist der Fußsteig hart zu treffen. Der Lahnengang soll auch noch nit vorbei sein.«
»Sie meinen, daß es gefährlich wäre?«
»Gefährlich? Wie man’s nimmt. Für den Einheimischen grad nit, wer sich auskennt. Im Sommer ist’s gar recht schön zu gehn; jedes Frauenzimmer kommt hinüber. Aber halt, wer fremd ist -- und jach der Nebel einfallt! Vor ein paar Jahren erst ist einer verloren gangen im Rauhruckgebirg. Na, Herr, allein solltens jetzt wohl nit gehen.«
»Und schon gar, wenn Sie noch nie im Hochgebirg sind gewesen,« bemerkte der Förster.
»Ich noch nie im Hochgebirge?« lachte Böhme. »Fragen Sie mal den Bergführer Partenoner in Trafoi, das ist in Tirol. Vielleicht kann Ihnen der Mann etwas erzählen. Aber in eurem Mittelgebirge hier bin ich gewohnt, allein zu marschieren.«
»Wie der Will,« sagte der Michel, »da hinüber im Frühjahr -- raten möcht ich’s nit. Na, das sollens nit tun.«
»Also gut, dankbar für Ihre Sorge. Dann, Herr Wirt, hätten Sie vielleicht die Gefälligkeit, mir einen Führer zu besorgen?«
»Ist auch so eine Sach mit einem Führer jetzt. Die Leut sind noch im Anbauen. ’s wird niemand recht Zeit haben.«
»Es verdient sich einer ja etwas.«
»Macht nix. So lang der Bauer sein Feld nit fertig hat, nimmt er sich zu nix Zeit. Am Sonntag, da kriegens schon wen.«
»Am Sonntag. Ich fürchte, daß das Wetter nicht halten wird.«
»Lange bleibt es nicht mehr so,« redete nun wieder der Förster Rufmann dazu. »Seit gestern geht der Landwind. Die Ameisenhaufen sind auch nicht recht lebendig, schon seit ein paar Tagen nicht mehr. Ich möchte raten, daß der Herr über Sandau geht und über den Sandaupaß ins Kulmtal. Fahrstraße, kinderleicht.«
»Und um eine Tagereise länger,« wendete Böhme ein. »Sandaupaß ausgeschlossen. Ich wage es morgen mit dem Rauhruck.«
Der Michel zuckte die Achsel: »Na ja, wem nit zu raten ist!«
»Bis auf die Seealm,« sagte der Förster, gegen den Wirt gewendet, »da wüßte ich schon einen Schick. Da könnte er sich meinen Söhnen anschließen. Sie gehen morgen hinauf, weil die Almhütte einzurichten ist. -- Die fürstliche Gutsverwaltung will die Sennerei doch wieder in Betrieb setzen.«
»Ihre Söhne gehen morgen ins Gebirge?« sprach Herr Böhme. »Das ist schön, Herr Förster, -- da jehen wir mitsammen. Famos!«
»Will’s ihnen sagen, daß Sie mit wollen. Aber zeitig früh. Um sechs Uhr Abgang vom Forsthaus.«
Damit stand der Förster auf, nahm Hut und Stecken und ging auffallend rasch davon. Durch das Fenster hatte er den Ortsvorstand kommen sehen, und mit dem hatte er jetzt nichts zu tun.
Der Gerhalt trat ziemlich viereckig in die Gaststube, setzte sich dann an den Tisch und verlangte ein Glas Apfelmost.
»Einen Wein tragt’s nimmer jetzt,« brummte er; das war auf den Förster gemünzt, der seinen Sägewerkbetrieb zugrunde richtete. »Was ich dich fragen wollt’, Michelwirt, gehst auch mit in die Kirchen? Mit der Pichelbäuerin. Heut nacht hat sie’s überstanden.«
»Gott sei Dank!« rief der Michel aus, »daß die erlöst ist, die arme Haut. Der Herrgott gibt immer einmal lang zu, aber endlich macht er’s halt doch recht.«
»Wenn nur nit bald auch ein zweites nachruckt!« sagte der Gerhalt, »dem’s wohl noch ein bissel zu früh wär. Der Zimmermann Josef. Soll an der Lungenentzündung dahinliegen.«
»Der Zimmermeister? Ist der nit erst vor etlichen Tagen bei mir g’west? An dem Tisch da, wo wir sitzen!«
»Wird ihn ramen,« meint der Bader. »Tut’s kaum aushalten. So viel trunken hat er alleweil.«
»Und immer das Trinken,« rief der Wirt.
»Tuns eh bei dir.«
»Als ob der Tod kein andere Ursache hätt!«
»Warum gibst ihnen so viel?«
»Gibst ihnen so viel. Wenn man muß. Solang sie nit offenbar sternhagelvoll besoffen sind, kann’s ja jeder verlangen. Sonst zeigt er dich noch an, wenn du Wirt bist und schenkst nit. Muß es ja eh selber sagen, es ist ein Laster.«
Dem Böhme war dieses Gespräch sehr vergnüglich. Doch er schwieg und konnte leicht schweigen, wenn andere so laut für seine Lehre sprachen, Lebende und Sterbende. Es ist doch vergebens. Die Menschen wollen es nicht anders. -- Nun wurde er angesprochen.
»Der Herr da,« fragte der Gerhalt, auf ihn mit dem Finger deutend, »will er noch länger dableiben? Bei uns in Eustachen, mein ich.«
Böhme zog seine stählerne Uhr hervor, die an dem Kettlein hing, blickte auf die Ziffern und antwortete: »Noch ungefähr zwölf Stunden.«
»Nachher ist’s schon recht,« sagte der Bauer, der nun, da er als Amtsperson sprach, sich eine würdevolle Schlichtheit zu geben suchte. »Sonst hätt ich Sie müssen eintragen. Ist neuzeit wieder strenge Vorschrift. Habens vielleicht ein Paß oder was mit?«
Nathan Böhme wandte sich zum Wirt: »Hören Sie? Der Mann wünscht von mir jetzt fix eine Legitimation. Bin in nicht geringer Verlegenheit. Wie ich als großer Unbekannter gekommen bin, so hätte ich als großer Unbekannter mögen dahinziehen. Und nun will man wissen, wer ich bin.«
»Um Verstattung, ’s ist vorgeschrieben,« sagte der Gerhalt.
»Gut,« sagte lachend Herr Böhme. »Machen Sie mal Ihre Oogen auf und hören Sie: Ich bin ein ganz gemeiner Kerl! Meines Zeichens ein verkrachter Weltverbesserer, wenn’s Ihnen recht ist. Gedenke mich ins Privatleben zurückzuziehen. Mein Lehramt ist bankerott geworden. Die es nicht einsehen, können sich nicht ändern, und die es einsehen, wollen sich man nicht ändern. Herr Michel Schwarzaug! Sie erkennen die Schädlichkeit des Suffes und werden doch daran zugrunde gehen. Basta! -- Mein letzter Wille, wenn ich nun scheide, der ist folgender, Herr Wirt: morgen lassen Sie nachsehen, ob der Mann nichts Unrechtmäßiges mit sich nahm. Und übermorgen vergessen Sie ihn.«
»Muß noch einmal bitten um die Aufweisung,« mahnte der Gerhalt, dem fast unheimlich wurde.
»Also denn, löbliche Obrigkeit, nun kommt der große Augenblick.«
Mit feierlicher Gebärde zog Böhme aus seinem Sack die Brieftasche hervor und aus derselben ein gefaltetes Papier. Der Gerhalt begann seine Prozedur mit den Hornbrillen. Als diese glücklich im Sattel saßen, nahm er Einsicht in die Schrift und nickte beistimmend: »Ein Professor seins.«
»War ich.«
»Und was seins denn jetzt?«
»Landstreicher.«
Ohne sich von der Frevelhaftigkeit einer solchen Amtsantwort beirren zu lassen, fragte der Gerhalt weiter: »Wo wollens denn hin, von da aus?«
»über das Gebirge ins Kulmtal.«
»Das Kulmtal ist lang. Wege gibt’s viel.«
»Über den Rauhruck nach Arlach.«
»Und weiter?«
»Das geht Sie nichts an.«
Der Gerhalt verlangte Schreibzeug und schrieb in spießiger, klobiger Bauernschrift aufs Papier: »Reiset von Eustachen über den Rauhruck nach Arlach. Martin Gerhalt. Fürst.«
Dann gab er eine gute Reise, bezahlte seinen Obstmost, ohne ihn auszutrinken, und ging seines Weges.
»Fürst?« murmelte Böhme, als er sein Papier besah. »Was unterschreibt sich denn der Kerl Fürst?«
»Abgekürztes Verfahren, Herr Böhme. Soll Fürstand heißen.«
Der gebrochene Ahornast
Am nächsten Frühmorgen stand Herr Nathan Böhme, »Preuße und Landstreicher«, gestiefelt und bepackt am Ausgange des Wirtshauses »Zum schwarzen Michel«.
In demselben Aufzuge, wie er gekommen, ging er davon, nur nicht so bestaubt und verschwitzt, sondern hübsch ausgebürstet und frisch. In seine Ledertasche hatte Frau Apollonia Roggenbrot, Kuchen und gekochte Eier gesteckt für das Mittagsmahl auf dem Rauhruck. Die Kellnerin hatte ihm den Hut mit weißen Nelken und einer freilich schon halbverblühten Pfingstrose geschmückt. Als er ihr die Hand gereicht hatte: »Also, Mamsell Mariedl, adieus, bleiben Sie edel, hilfreich und gut und heiraten Sie bald!« da mußte sie sich mit dem Schürzenzipfel ein Tränlein abwischen. Er war zwar immer einmal »wüscht« gewesen und doch hat man ihm »nit feind sein« können.
Und als sie nachher in der Stube ein Goldstück auf dem Schranke liegen fand, da wollte sie ihm damit nachlaufen, bis der Hausknecht auf die Vermutung kam, das werde ein Trinkgeld sein, für den Hausknecht. Kleider und Stiefel hatte ihm zwar die Kellnerin geputzt, wenn’s aber ein Trinkgeld ist, dann kann’s nur dem Hausknecht gehören. Weibsbilder tun eh nit trinken.
Von den Wirtsleuten hatte Böhme sich artig verabschiedet, dem Michel schließlich aber die großartigen Worte zugeworfen: »Ein gescheiter Mann sind Sie, Herr Wirt. Leben Sie danach, so sind Sie auch ein _ganzer_ Mann.«
»Ja, ist schon recht,« entgegnete der Michel. »Ich sag halt: Auch so viel! Und von Rauhruckjoch nur fein links halten, sonst kommen Sie in die Senklucken hinüber. Das wär’ bös! Recht glückliche Reise!«
Voll Wanderlust, so schritt er rüstig aus, den Fußsteig am Waldrande hin gegen das Forsthaus.
Dort hatten die beiden Burschen schon ihre Rucksäcke aufgepackt und warteten auf ihn. Entzückt waren sie gerade nicht darüber, diesen anmaßenden und immer räsonnierenden Menschen zum Wandergenossen zu haben.
Besonders Elias war verstimmt. Jener Auftritt auf der Wiese war ihm jetzt deshalb so peinlich, weil er sich seines Zornausbruches schämte. Aber das wollte er heute wettmachen. Er wollte dem Preußen gerade einmal durch ein gutes Vorbild zeigen, daß er den rechten Glauben habe. -- Der Vater trug ihnen auf, wie sie für den Fremden Sorge tragen sollten, daß er gut über das Joch komme.
Die alte Sali meinte, es sei eh ein Unsinn, daß so ein Mensch in der stockfremden Welt herumgehe für lauter nichts, oder gar, um Leute in die Ungnad Gottes zu führen. Man könne nur froh sein, daß er endlich einmal fortgehe. Und dann wollte sie ihm ein Fläschlein Wacholdergeist in die Tasche stecken für unterwegs, wenn ihm etwan wollt’ letz werden.
»Was ist denn das?« herrschte Böhme. »Wacholdergeist sagen Sie? Gute Fraue, den trinken Sie man selber, wenn Sie letz werden wollen.«
Und dann ist er in Begleitung der Brüder Rufmann davonmarschiert durch den Hals hinein, durch die Bärenstuben hinauf, über den weiten, steilen Teschenschlag -- den Almhöhen zu.
Der Förster ging hierauf wie gewöhnlich in seine Wälder und zu seinen Holzarbeitern. Es war ein schwüler Tag geworden. Gegen Abend spazierte er noch hinaus der Ach entlang, um nachzuschauen, wie bei dem neuen Sägewerkbaue die Arbeiten vor sich gingen. Und dort ergab es sich, daß er nicht mehr weit nach Eustachen hätte.