Die Försterbuben: Ein Roman aus den steirischen Alpen

Part 11

Chapter 113,786 wordsPublic domain

Auch hierauf die trotzige Antwort: »Soll sie einmal ein anderer tragen. Ich bin kein Kirchenwaschel mehr.«

»So. Zu gering ist dir das. Und beim Faschingbegraben hast du die Ludersstange vorausgetragen. Das war dir nicht zu gering.«

Der Bursche schupfte wieder die Achseln.

»Du sollst gesagt haben, wenn ein Weibsbild dran wär, dann wolltest sie schon tragen. -- Hast du diese abscheulichen Worte gesagt?«

Der Bursche starrte auf den Fußboden und antwortete: »Blödsinn!«

»Siehst du,« sprach der Vater mit einem erleichternden Aufatmen, »ich hab’s ja auch nicht geglaubt. Daß du mit Zigeunerbuben solltest gewürfelt haben ums Geld, wird ebenfalls nicht wahr sein.«

»Mit wem soll ich gewürfelt haben? Mit Zigeunerbuben? Wo hätt ich denn _die_ hergenommen? Mit den Ruppersbacher Schneiderbuben hab ich gewürfelt.«

»Wann?«

»Nu halt -- wird eh am Fronleichnamstag gewesen sein.«

»Um welche Stunde?«

»Das weiß ich nit mehr. Was kümmern mich so Sachen.«

»Aber mich kümmern sie, mein Sohn! Die Leute sagen, du hättest während der Prozession gewürfelt. Wie die Judenbuben um den Rock des Herrn. Das geht im Dorf um und sie wollen dir deswegen was antun.«

»Mir? Weil ich gewürfelt hab? -- Sie sollen nur kommen!«

»Die dürften ein wenig stärker sein als du, mein Junge! Der Fürstand und -- der Gemeindediener! Du kannst dir’s ungefähr denken, was sie dir wollen.«

»Mir?!« Der Bursche lachte grell auf. »Sie sollen achtgeben, daß ich ihnen nit --!«

»Was denn, was denn?«

Der Friedl, glühendrot im Gesichte, stürmte hinaus ins Freie und schlug hinter sich das Haustor zu, daß es schmetterte. Seine Drohung hatte unheimlich ans Vaterherz geschlagen.

Am nächsten Tage trug der Förster sein Anliegen zum Freunde. Der Michel wußte schon davon. Er lachte.

»Aber mir ist’s deinetwegen,« sagte Rufmann. »Daß du nicht etwa glaubst, so ein Weiberjäger, daß er wäre!«

»Wenn die Rechte auf der Fahn wär -- warum denn nit?«

»Aber er hat’s nicht gesagt, sagt er.«

»Warum soll so ein junger Kerl das nit gesagt haben.«

»So was wäre mir neu. Das sollt’ unsereiner gemacht haben.«

»Ich bitt dich, unsereiner!« rief der Wirt. »Unsereiner ist gar nix besser gwest im gewissen Alter. Wir haben unseren Eltern just so viel Sorgen gemacht, nit um ein Tüpfel weniger als unsere Brut uns. Aber nachher alles verschwitzt. Sich den Kindern zum Muster hinstellen wollen! Weißt du, Rufmann, wenn der Vater zum Sohn sagt: Ich bin in meiner Jugend ganz brav gwest, so lügt er gerad so, als wenn der erwachsene Sohn sagt: Ich weiß nix und will nix.«

»Solange einer an _eine_ denkt, ist’s ja so weit in Ordnung.«

»Du! Eine ist keinem genug, so lang er sie nit haben kann.«

»Ah, so meinst. Daß er wüßte, wem er zugehört. Na, mir ist’s nicht zuwider, wenn wir einmal Ernst machen.«

»Daß der Friedl bissel ein leichtes Bürschel ist -- man sieht’s ja,« sagte der Michel. »Aber nur nit gleich alles so aufbauschen. Laß ihn ein paar Wochen im Holzschlag und der Tratsch ist vergessen.« Rufmann ging beruhigt heim.

Frau Apollonia und Helenerl taten am selben Tag Wäsche glätten.

Da unterbrach die Frau auf einmal ihr Schweigen und sagte: »Hast es schon gehört? Vom Förster-Friedl reden sie jetzt saubere Geschichten.«

»Ist ja alles nit wahr!« versetzte die Helenerl und neigte ihr Köpfchen über das Glätteisen.

Da wußte es die Mutter, das Mädel hatte es schon durchgemacht, während sie sich noch besonnen, ob man es ihm mitteilen sollte. Sie sagte jetzt auch weiter kein Wort mehr. Um so lebhafter redete die Helenerl im Gedanken mit sich selber: Dem, wenn er wieder einmal kommt, dem werd ich’s schon sagen! -- Ach Gott, was soll ich ihm denn sagen? Er redet ja nix mit mir ...

Die Ewigkeit ins Wasser gefallen

An dem Baue des fürstlichen Sägewerks wurde tüchtig gearbeitet.

Die Grundmauern waren größtenteils fertig, Zimmerleute hackten große Stämme aus, um auf dem Mauerwerke die Zimmerung zu beginnen. An dreißig Männer waren beschäftigt.

Dazwischen ging der junge Student hin und her und sah den Leuten bei ihrer Arbeit zu. Das Rasenstechen der böhmischen Deichgräber, wo die Ach ihren Fluderarm bekommen sollte; das Behauen der rohen Granitblöcke, aus denen die festgekittete, so hübsch geradlinige Mauer entstand; das Aushacken des klingenden Holzes, das Ineinanderschroten der viereckigen Stämme an den Ecken, und wie sicher und behäbig die Leute daran arbeiteten, das mutete ihn an. Er empfand die Freude, etwas werden zu sehen. Wenn aber die deutschen Zimmerleute mit den welschen Maurern und den böhmischen Deichgräbern haderten, das wollte ihm nicht gefallen. Da suchte er zu beschwichtigen, hin- und herschießenden Spott und Hohn ins Harmlose zu lenken, wofür er schließlich von allen drei Nationen ausgelacht wurde. Daraus machte Elias sich zwar nichts, seine Mission als Friedenstifter machte ihn hochgemut, und der Zimmermeister Josef meinte, wenn das ein Pfäffel werden wolle, so müsse es sich natürlich schon frühzeitig üben im Friedenstiften und im -- Ausgelachtwerden.

An diesem Tage erschien auf dem Bauplatz noch ein zweiter, den sie Lust hatten auszulachen. Taten es aber nicht, denn er war sehr zutunlich und offenherzig. Der Fremde war’s, den sie den Nathan hießen, oder auch den Preußen, der in seinem schwarzen Anzug, mit den Feldblumen auf dem Hute, immer so herumging, ohne daß jemand wußte, weshalb.

Nathan Böhme beglückwünschte die Leute, daß sie hier ein modernes Sägewerk bekommen sollten, worauf einer der Arbeiter entgegnete: »Was geht uns das Sägewerk an, Lohnerhöhung möchten wir haben.«

Gegen die Mittagszeit bildeten sich drei Herde, wo gekocht wurde.

Als ein Zimmermannsjunge für seinen Herd ein paar alte Bretter hernehmen wollte, die von der Ach angeschwemmt worden waren, machte ihn ein Kamerad aufmerksam, daß die Bretter gewißlich von der Eustachkapelle herrührten, die der Schneeball zerstört hat. Sie waren noch so zusammengenagelt und von dem Spruche standen noch die Worte: »In Ewigkeit Amen« drauf.

»Wirst aus dem geweihten Holz doch nit Sterz kochen wollen?«

Da legte der Zimmermannsjunge die Bretter wieder ehrerbietig an das steile Flußufer, wo sie über die runden Kieselsteine ein wenig niederwärts glitten. Es war anderes Brennholz genug vorhanden auf dem Zimmerplatz.

Und dann begannen die drei Völker sich auszuleben. Die Böhmen kochten Powidl, die Italiener Polenta, die Deutschen Brennsterz. Darüber war Nathan Böhme vergnügt, und er wollte es als Beispiel geben, daß Kraft und Macht der Völker aus der Einigkeit und aus der vegetarischen Nahrung komme.

Dann setzten sie sich in drei Gruppen zusammen, die Böhmen an die Weiden der Ach, die Welschen auf einen sonnigen Steinhaufen, die Deutschen in den Schatten einer breitästigen Fichte, die auf der Matte stand. Dann huben sie an, aus riesigen Pfannen zu essen; die Deichgräber packten und zerrissen ihre Kuchen mit den Fingern und schoben die großen Brocken in den Mund. Die Maurer stachen ihren Polenta hastig mit breiten Gabeln auf, und die Zimmerleute huben ihren Sterz mit großen Löffeln aus, langsam und wuchtig.

Nathan, der sich ein wenig abseits auf den Rasen gesetzt hatte, bewunderte die Eigenheit und Tüchtigkeit dieser Leute, die auch im Essen hervortrat.

Elias wollte just sein Überröcklein nehmen, das er an den Baum gehangen hatte, um ins Forsthaus zu gehen, stand aber jählings still und horchte. Dann trat er einige Schritte hintan, zog sein Hütlein vom Haupte, faltete die Hände und betete.

Von Ruppersbach herauf kamen durch die Luft geschwommen die Klänge der Mittagsglocke. Böhme betrachtete wieder den in Andacht versunkenen Jungen, wie er es am Fronleichnamstage getan. Heute möchte er gerne mit ihm anbinden.

Als der Zimmermeister Josef das Beispiel des Studenten sah, stellte er sein Sterzschaufeln ein und sagte: »Läuten tun’s. Wir wollen den englischen Gruß beten.« Da standen sie schwerfällig auf, zogen ihre Hüte ab und beteten laut und einstimmig: »Der Engel des Herrn brachte Maria die Botschaft, daß sie empfangen hat vom heiligen Geist. Gegrüßest seist du, Maria, voll der Gnaden, der Herr ist mit dir, du bist gebenedeit unter den Weibern --«

Als das Gebet vorüber war und sie wieder aßen, trat der Fremde näher zur Gruppe.

»Wollens mithalten?« lud ihn der Zimmermeister ein und suchte nach einem frischen Löffel.

Nathan Böhme ging nicht darauf ein. Sein Auge hatte ein scharfes Feuer, sein Schnurrbart schien sich zu spießen.

»Jammerschade!« rief er aus, »jammerschade um dieses brave Volk! -- Männer, warum habt ihr gerade dieses Gebet gebetet, das die Kirche diktiert hat, warum nicht das vom Herrn Jesus; wie er sagt, so sollt ihr beten: Vater unser, der du bist im Himmel! -- Ihr solltet euch doch mehr ans Evangelium halten.«

»Wir haben den englischen Gruß gebetet,« antwortete der Zimmermeister, »und mir scheint, der steht wohl auch im Evangeli.«

»Allerdings, aber die Kirche hat etwas anderes daraus gemacht.«

»Was lauter!« lachte ein Zimmerer, »beim Fronleichnamsumgang haben wir eine ganze Stund lang: ›Gegrüßt seist du, Maria‹ gebetet.«

»Ja, ja, euer Fronleichnamsfest! Gewiß, hat mir sehr gut gefallen. Festaufzug! Sehenswert. Wenn ihr aber glaubt, es wäre ein christlicher Gottesdienst?!«

»Jesseles, Jesseles, die Ewigkeit ist ins Wasser gefallen!« rief jählings der Zimmerjunge aus; er hatte gesehen, wie das Kapellenbrett mit dem Spruchteil umgeschlagen hatte, in die Ach gerutscht und in derselben verschwunden war.

Allsogleich knüpfte der Preuße wieder an: »Was sagt der Junge? Die Ewigkeit ist ins Wasser gefallen? Komisch! Aber es kann euch schon passieren, Leute. Das kann übrigens uns allen passieren. Vielleicht sprechen wir einmal davon. Ist es euch recht, so kommen wir Sonntags einmal zusammen. Wollen uns jemütlich unterhalten. Der Preuße weiß Neuigkeiten!«

Die Zimmerleute schauten den Sprecher verwundert an, hörten ihm zu und aßen weiter.

Böhme redete noch mancherlei durcheinander, entwickelte dann seine Ansichten über das Heidentum der Kirche und über das Evangelium des Sohnes Gottes. Er sprach von dem großen Religionsreiniger Martin Luther. Der wahre Christ habe zu glauben an die Gnade durch die Erlösung Jesu Christi; die Heiligenanbetung, die kirchliche Prachtentfaltung sei nichts als Heidentum. Die Kirche gehe nur auf Macht, die Geistlichkeit auf Geld, man sehe es überall. Jesus habe es mit den Armen gehalten, seine Lehre wäre nicht die Ausbeutung gewesen, sondern die Nächstenliebe, und der Weg zum Himmel gehe nicht durch allerlei Sakramente, vielmehr durch ein sittenreines Leben.

Als er in solcher Weise sich hervorgetan, da nickte der eine und der andere beistimmend mit dem Kopf, es sei eh wahr, es werde eh so sein!

»Jetzt ist eine Zeit der Veränderung,« sagte Böhme, »überall traten die Leute zum evangelischen Glauben über, wollet nicht auch ihr einmal darüber nachdenken? Bei dem Mauteinnehmer in Löwenburg kann man die Schriften bekommen, ganz umsonst, wer sich unterrichten will.«

»Mit dem Mauteinnehmer wollen wir nichts zu tun haben!« rief einer.

Und ein anderer sagte fröhlich: »Wenn die Lutherischen nit müssen mautzahlen, werde ich auf der Stelle lutherisch!«

»Abscheulich, wer so redet!« schrie Böhme. »Wer nicht aus Überzeugung übertritt, der soll bleiben, was er ist!«

»Wir bleiben Zimmerleut und jetzt wollen wir’s wieder angehen.« So der Meister, und damit war das unerquickliche Gespräch abgeschnitten und die Tafel aufgehoben.

Wer bei den Ausführungen des Fremden den Studenten beobachtet hätte! Der stand hinter dem Baum, horchte zu, und dabei begann sich sein blasses Gesichtlein zu verzerren, als ob er einen Schmerz hätte. -- Also, das ist so einer! Ein Seelenfänger! dachte Elias. Wenn sie sich beschwatzen lassen und wenn sie ihm ihr Wort geben wollen, da werde ich schreien, soviel meine Brust kann, schreien und sie auf den Knien beschwören, daß sie ihrem alten Glauben treu bleiben. Als er sah, daß die Arbeiter ohne weiteres an ihre Zimmerei gingen, beruhigte er sich und nahm seinen Weg über Matten und Wiesen, dem Forsthause zu.

Nathan Böhme ging ihm nach.

Als Elias es bemerkte, wollten seine Beine eilend werden, dann aber sagte er sich: Vor _dem_ davonlaufen!

Der Fremde holte ihn ein. »Der junge Rufmann, nicht wahr, der Studiosus!«

Ohne stehen zu bleiben, grüßte Elias kühl und schweigend.

»Der Zufall ist gut,« sagte Nathan Böhme. »Ich habe dir schon lange nachgesetzt, junger Rufmann. Weißt du wohl, daß du ein rührender Mensch bist? Den Götzendienst hast du zwar auch mitgebracht, aber wenn ich damals Herrgott gewesen wär -- direktemang auf die Arme hätte ich dich genommen und in den Himmel getragen.«

Also, ohne alle Einleitung, wie gewohnt, hatte er den Jungen angepackt, gleich mit dem vertraulichen Du.

Aber Elias zuckte trotzig mit den Augenwimpern.

»Um das kindliche Glauben ist’s ja was Köstliches,« redete Böhme weiter. »Aber merke dir, Junge, es bleibt nicht lange. Wie ich höre, bist du Schüler in einem Priesterseminar. Na, Prost die Mahlzeit! Da möchte ich jerade in paar Jahren wieder nachsehen, ob du die Monstranze noch so engelhaft anbetest als jetzt. Mit äußerer Miene vielleicht, im Inneren nicht -- dafür werden deine Lehrer mit ihrem Unterricht sorgen. Den Kopf wirst du eines Tages voll Theorien und Dogmen haben -- und das Herz voll Gleichgültigkeit oder Bitterkeit. Eine Weile wirst du dich abquälen um deinen Kindheitsglauben, dann gibst du es auf. Schließlich kommt’s so: Das, was du erst bei der Fronleichnamsdemonstration fromm angebetet hast, ist ein dünnes Mehlbrötchen geworden, so du der Gemeinde aufstellen sollst als wahren Gott und Menschen.«

Elias war stehen geblieben, über sein Gesicht flammten rote Flecken. Aber sanftmütig sagte er: »Was wollen Sie denn von mir, lieber Herr?«

»Ja gewiß, gewiß, so wird es sein,« rief der Fremde lebhaft. »Aber ich will dich behüten, lieber Knabe. Du sollst kein heuchlerischer Götzendiener werden.«

Elias war erschrocken, aber nicht von der rücksichtslosen Rede, sondern deshalb, weil der wunde Punkt in ihm berührt worden. Seine quälende Ahnung war hier plump ausgesprochen. Aber er antwortete immer noch gelassen: »Wenn ich Rat bedarf, so wende ich mich an meinen Gott.«

»An deinen Beichtvater, willst du sagen. Da bist du schon am richtigen. Nee, nee, Junge, du darfst nicht katholischer Priester werden. Du weißt nicht, was dir bevorsteht. Ich weiß es. Ein einsames, glückloses Leben wartet deiner, ein elendes Knechteleben, ohne Freiheit und Freude, ohne Freund und Familie. Ganz das Werkzeug fremder unfaßbarer Mächte. Merke auf: kein Mensch, nur Werkzeug, um die Menschheit vom Erdenglück loszureißen und ihr Phantome dafür zu bieten. Und was du tust, das wird nicht etwa ein Irrtum sein, sondern Betrug, denn du wirst sagen, was du nicht glaubst. -- Junger Freund, noch ist es Zeit, rette dich zum Evangelium.«

Da sagte Elias schon unsicher: »Ich bete jeden Tag zum göttlichen Heiland um Erleuchtung.«

»Was heißt göttlicher Heiland!« rief Nathan Böhme barsch. »Das ist ein Ausdruck der Kirche. Glaube an den einzigen Gott, _das_ steht in der Schrift. Zu Gott mußt du beten, nicht zu Jesus, der selbst bloß Mensch gewesen ist.«

»_Was_ haben Sie jetzt gesagt?« fuhr der Student auf. »Jesus bloß ein Mensch?«

»Die Wahrheit über alles.«

»Die Wahrheit? Wo Sie vorher eben gelogen haben!« Mit Heftigkeit rief es Elias: »Haben Sie nicht gerade früher zu den Leuten anders geredet? Haben Sie ihnen nicht gesagt von der Erlösung durch Jesum Christum? -- Die Heiligen, ja, die haben Sie schon dort an der Ach weggeworfen. Die Mutter Gottes haben Sie auch weggeworfen. Jetzt werfen Sie den Heiland weg und sagen, Sie glaubten allein an Gott. Und morgen werfen Sie Gott weg.«

»Morgen werfe ich Gott weg, meinst du?« versetzte der Fremde, seinerseits nun sanftmütig geworden: »Ja, mein Kind, dafür kann man natürlich nicht garantieren, daß unsere Anschauung die gleiche bleibt. Sie ändert sich mit unseren Erfahrungen, mit unseren Fortschritten in der Wissenschaft. Und wenn die Wissenschaft uns mal dahin belehrt, daß wir Menschen animalische Wesen sind, nichts weiter, jeder einzelne aus dem Nichts gekommen und in das Nichts versinkend, wie jenes Stück Holz dort im Wasser versank -- so müssen wir uns eben beugen vor der Wahrheit. So schwer es uns werden mag, so viel sogenanntes Seelenglück dabei verloren gehen mag. Der heiligen Wahrheit seine Seele, seinen Heiland, seine Ewigkeit opfern -- _das_ ist das göttliche Opfer, _das_ ist das allerheiligste Sakrament, welches du einmal ebenso fromm und demütig anbeten wirst als jenes am Fronleichnamstage.«

Während dieser Worte war der Mann dem eilenden Studenten stets auf der Ferse gefolgt, bis Elias sich plötzlich umkehrte und ihm wütend das Wort ins Gesicht schleuderte: »Geh hinter mich! Du bist ein Teufel!«

Mit beiden Fäusten hieb Elias in die Luft hinein und sprang in weiten Schritten dem Forsthause zu, das schon nahe war.

Böhme starrte verblüfft drein. Was hatte er denn nur gesagt, daß der Junge sich so entsetzte?

Rasse hat er, dachte er dem Studenten nach, ob sie aus dem nicht noch einen Kirchenheiligen machen!

Eine schwankende Christenseele

Die alte Sali behauptete geradezu, der Student werde das Nervenfieber bekommen. Mit eingefallenen Wangen, in sich zusammengesunken, saß er beim Abendessen, genoß aber kaum ein paar Löffel Suppe. Er redete nichts, auf Fragen seines Vaters gab er nur halbe Antworten. So saß er da, war traumhaft und erschrak, wenn die Tür ging. Und ganz jäh schrie er auf: »Solche Leute sollten nicht leben!«

»_Wer_ sollte nicht leben?« fragte der Förster.

»Solche Leute sollte Gott von der Erde nehmen. Nicht in die Hölle, nein, in die Hölle nicht. Nur von der Erde weg. Weil sie ein Unglück sind!«

Was das heißen solle?

Dann hat der Junge sich ausgesprochen, wie dieser fremde Mensch, der beim Michelwirt wohnt, in der Gegend umherstreiche und Leute verführe. Von den Protestanten einer.

»Den Glauben bricht er ab!«

Einen Glauben hätten doch auch die Protestanten, meinte der Förster.

»Aber einen falschen. Einen, der keiner ist. Nicht, weil sie was Unrichtiges glauben, sondern weil sie gar nichts glauben. Sie tun nur so. Erst werfen sie ein Stück Glauben weg, wie man den Überrock abtut, wenn’s warm ist; dann werfen sie den Unterrock ab, dann die Weste und so fort, bis sie nackend dastehen. Dann sagen sie: Da schaut her, das ist die Wahrheit.«

Da erinnerte der Vater: »Der Glaube ist kein Gewand, der Glaube ist inwendig. Wer einen Glauben hat, den man ausziehen kann, der soll ihn nur gleich ausziehen; es ist ehrlicher, wenn er ihn auszieht, als wenn er ihn anbehält.«

Diese Bemerkung des Vaters gab dem Jungen die ganze Nacht zu schaffen. War ihm doch selber schon zumute gewesen, man könnte ihm seinen Glauben vom Leibe reißen wie einen Rock. Wenn das möglich ist, dann kann’s ja der rechte Glaube nicht sein, dann ist es ehrlich, ihn auszuziehen. Der rechte Glaube ist inwendig. -- Und jetzt kam es ihm vor, als wenn er zweierlei Glauben hätte, einen inwendigen, der angeboren ist, und einen auswendigen, der angelernt wurde. Und der Fremde, hat er nicht an dem auswendigen gezerrt, der ohnehin schon ein paarmal vom Leibe fallen wollte? -- Den inwendigen Glauben mit seinem Gewissen aber fühlte er in diesen Stunden sehr lebhaft. Denn dieser fragte ihn hart: Hast du dem Böhme nicht unrecht getan? Wie kannst du sagen, morgen würde er auch nicht mehr an Gott glauben? Wer kann, wer darf denn so reden, wer kann es entscheiden? Unser Pfarrer hat einmal gesagt, daß auch der Irrlehrer ein gutes Werk tut, wenn er nur glaubt, die Wahrheit zu lehren, weil alles auf den guten Willen ankommt.

So setzte sich Elias ins Unrecht, leistete dem Fremden im Geiste Abbitte und betete gleichzeitig zu unserer lieben Frau, sie möchte machen, daß dieser Mensch aus der Gegend fortkomme, besser heute als morgen. »Sonst muß ich fort, du liebe Jungfrau Maria, daß ich meinen heiligen Glauben vor ihm mag retten.«

An einem der nächsten Tage begegnete der Student auf dem Talsträßlein dem Pfarrer von Ruppersbach, der von einem Krankenbesuch zurückkehrte.

»Ja, Elias, was ist’s denn mit uns zweien?« fragte der Pfarrer freundlich.

Hierin empfand der Junge gleich einen Vorwurf. Er hatte schon lange nicht mehr vorgesprochen bei seinem Gönner, durch dessen Vermittlung er ins Seminar gekommen war. Die Unsicherheit mit sich selber! Solange er da nicht im Reinen war, mochte er dem Herrn nicht gern vor die Augen treten. Und jetzt stand er auf einmal vor ihm.

Dem Pfarrer mußte jemand geplaudert haben, denn geradehin fragte er: »Sage mir einmal, Elias, kennst du den Fremden, der sich jetzt in Eustachen aufhält? Jakob Böhme oder wie er heißt.«

»Nathan Böhme heißt er.«

»Du kennst ihn also.«

»Den kenne ich freilich.«

»Was hältst du von ihm?«

Der Junge gestand es und erzählte. Er sei ein gebildeter, sicherlich viel gereister Herr. Aber irrgläubig!

»Wenn den jemand bekehren könnte!«

»Den Mann bekehren?« fragte der Pfarrer, der gar klug war, seinen jungen Theologen in- wie auswendig kannte und ihn nun doch wieder einmal loten wollte. »O mein, wenn es ein gebildeter, viel gereister Herr ist, so wird er sich ja umgesehen und sich das ausgesucht haben, was für ihn am besten paßt. Obschon ich diesen Nathan nicht für Nathan den Weisen halte. Was sagt er denn?«

»Zum Beispiel gegen die Mutter Gottes hat er’s und ein Lutherischer ist er.«

»Nun, wenn er meint, unsere Mutter Gottes entbehren zu können, und wenn er an die heiligen Sakramente nicht glauben kann, so werden sie ihm auch nichts helfen. Denkst du nicht, Elias, daß solche Leute trotzdem gute Menschen sein können und auch ihre religiösen Schätze haben, die wieder wir nicht kennen und nicht verstehen? Wir können für die Irr- und Ungläubigen nur beten und sollen sie in Ruh’ lassen, solange sie uns in Ruh’ lassen. Und wenn sie uns angreifen, so sollen wir nicht gleich zurückschlagen, sondern uns gutmütig verteidigen und durch ein vorbildliches Leben ihnen zu verstehen geben, daß wohl wir den richtigen Glauben haben. Denkst du nicht auch so, Elias?«

Auf dieses Priesterwort jubelte des Knaben kindliche Seele und es war ihm gewiß: wer so kann sprechen, der hat den wahren Glauben. Und der unduldsame Fremde soll mir nimmer gefährlich werden.

»Nur das eine, Elias, laß dir gesagt sein,« setzte der Pfarrer noch bei, »lasse dich mit solchen Leuten nie in ein Gespräch ein über Kirche und Religion. Sie sind schwer zu widerlegen. Die weltliche Vernunft ist brutal. Fliehe die Gefahr und lasse jene ihre Wege gehen.«

»Ich habe es ja getan, Herr Pfarrer, aber er geht mir nach!«

»Ich sage dir noch einmal, schweige mit der Zunge, antworte mit den Beinen und fliehe.«

Elias nahm es sich vor. Doch als er wieder allein war, fiel ihm ein: wie kann das ein Mensch? Wenn er seinen Menschenbruder auf dem Irrwege sieht und er weist ihn nicht auf den richtigen Weg? Das ist ja lieblos, das ist ja schlecht!

Und an demselben Abende las er lange in einem seiner Religionsbücher. Er las von den Aposteln, die in die weite Welt zogen, um Juden und Heiden zu bekehren; von den Märtyrern, die den Weisen und den Königen trotzten, um den Gekreuzigten zu verkündigen. Er las von den heldenhaften Missionären, die heute noch in ferne Länder ziehen, um fremden Völkern das Christentum zu bringen. Er las von der Inquisition, durch welche die Kirche arme Verirrte mit liebender Gewalt auf den rechten Weg geführt und den Teufel mit Feuer und Schwert aus der Menschenseele vertrieben hat. -- Und da sagt der Pfarrer, man solle sie in Ruh’ lassen! Lassen die Ketzer uns in Ruh? Geht dieser Mensch nicht herum wie ein brüllender Löwe, zu sehen, wen er verschlinge? -- Endlich entschied Elias dahin: Die eigene Seele steht einem näher als die fremde. Dem Preußen ausweichen so weit als möglich. Wenn er aber wieder zudringlich werden sollte, dann laufen; und wenn er nachläuft, dann sich wehren, und sollt’s ums Leben gehen!