Die Flucht der Beate Hoyermann
Part 17
»Auf mich, Nathan, mußt du nicht warten,« sagte Kyrill Petulikow mit einem leisen Lächeln. »Es könnte sonst sein, daß du den Rest deiner Tage da am Walde zubringen müßtest. Nein ... Aber vielleicht schicke ich dir meine Leute zu -- den Dmitri und die anderen ... Die nimmst du in deine Schlitten und fährst mit ihnen zu Wladimir Prontoff und sagst ihm, er möchte sie in seiner Obhut behalten, bis meine Mutter ihm Nachricht zugehen ließe -- hast du mich verstanden?«
»Ja, Herr ...« sagte Nathan Löb etwas zögernd und sehr ernst. Er sah Kyrill Petulikow nachdenklich an und schien nicht zufrieden zu sein mit dem, was er gehört hatte.
»Dann leb wohl, alter, braver Freund -- und du, Jakob, laß es dir gut gehen!«
Er drückte dem Vater und dem Sohne herzlich die Hand und reichte dem Alten die verheißenen fünfhundert Rubel. Aber Nathan Löb nahm sie nicht.
»Für e Spazierfahrt und e Stund', wo ich soll warten, nehm' ich kein Geld,« sagte er. »Und das Geld will mer nicht gefallen, Herr -- nichts für ungut ...«
»Nimm's nur -- nimm's für deine kranke Tochter.«
»Nu, Herr --«
Kyrill warf das Geld in den Schnee.
»Vorwärts, vorwärts --!«
Beate streckte ihre beiden Hände aus.
»Du wirst noch von mir hören, Nathan -- du wirst noch von mir hören!« rief sie fast schluchzend.
Der alte Jude nickte und lachte.
»Wird mer sein e hohe Ehre und e Freid!« rief er zurück.
Sein Sohn stand still neben ihm. Die listigen und die schwermütigen Augen des Morgenlandes schauten der Frau nach, die sich zu ihnen umwandte, so lange sie konnte. Dann gab der alte Nathan Löb seinem Sohn einen Stoß.
»Gott der Gerechte, Jakob, was stehste da wie Lots Weib? Haste die Sprach' verloren?«
Der junge Jakob Löb antwortete seinem Vater nicht. Er ging zu seinen Pferden. Der alte Nathan schaute ihm kopfschüttelnd nach. Aber er fragte nicht weiter. Sie fuhren schweigsam davon ...
Auch Kyrill und Beate schwiegen zunächst.
Noch immer war die Frau in einem Zustand halber Betäubung, der sich zum Unglauben gegen sich selbst steigerte, wenn sie dachte: Hier, auf dieser selben Straße, bin ich gestern gefahren -- es ist noch keine vierundzwanzig -- noch keine zwölf Stunden her -- und was liegt dazwischen ... Und was soll nun noch kommen?
»Kyrill Iwanowitsch ...«
»Was wünschen Sie, Mascha ...«
»Warum reden Sie nicht zu mir?«
Der Russe zögerte mit der Antwort. Dann sagte er, mit dem gleichen bitteren und herben Ton, den sie schon einmal von ihm vernommen: »Ich schäme mich dessen, was Sie erleben mußten, Mascha -- bei Gott, ich schäme mich dessen ...«
Sie verstand ihn recht gut.
»Ich weiß Unterschiede zu machen, Kyrill Iwanowitsch, und werde mich hüten, Ihr Vaterland nach seinen Gefängnissen und seinen Polizisten zu beurteilen ...«
»Alles in einem Lande ist ein Maßstab -- im guten wie im schlechten,« antwortete der Russe. Beate schwieg.
Kyrill Petulikow wandte sich um, aber nicht nach ihr. Er sah die Straße zurück, die sie gekommen waren.
»Schauen Sie nach den Juden aus?« fragte die Frau.
»Nein ...«
Er hieb auf die Pferde ein, zweimal -- dreimal ... Der Schlitten sprang über Schneewellen und Straßenlöcher. Kyrill Petulikow hatte drei der Pferde vorgespannt -- die anderen drei trabten frei nebenher.
»Kyrill Iwanowitsch!«
»Mascha --?«
»Ich wollte Sie fragen ... warum schicken Sie Ihre Leute vom Gut davon?«
Abermals wandte der Russe den Kopf über die Schulter. Und spähte ...
»Mag sein, daß es besser für sie ist ...«
»Das verstehe ich nicht, Kyrill ... Wollen Sie nicht offen mit mir reden?«
»Später, später ...«
Sie kamen an die Postmeisterei.
Kyrill Iwanowitsch sprang vom Schlitten und donnerte an die Haustür.
Ein Licht wurde hinter den trüben Scheiben angezündet. Der Postmeister kam; er hatte in den Kleidern geschlafen und glotzte verwundert, als er den gnädigen Herrn vom Gut erkannte.
»Hast du Pferde, Andrej Ljonotschka --?«
»Nein, Herr.«
»Du hast Pferde, gib sie her.«
»Ich hab' keine zum Totfahren übrig, Herr -- oder willst du sie tauschen?«
»Ich will sie weder totfahren noch tauschen -- ich will sie kaufen, für mich, verstehst du, Andrej Ljonotschka.«
»Ich will sie nicht verkaufen -- ich will sie eintauschen gegen zwei von den deinen, Herr, anders nicht ...«
»Kerl, du wirst mir die Pferde geben, die du im Stalle hast, oder ich zünde dir das Haus überm Kopfe an ... Vorwärts, bring sie her!«
Andrej Ljonotschka wehrte sich bis an die Grenze der Grobheit, aber Kyrill Petulikow blieb Sieger. Er holte sich die Pferde selber aus dem Stall, bezahlte sie um das Doppelte ihres Wertes und koppelte sie mit denen zusammen, die frei liefen.
Sie hatten vor der Postmeisterei eine Viertelstunde Aufenthalt gehabt. Während der ganzen Zeit hatte Beate das Schreien des kleinen Kindes gehört, und es hatte ihr weh getan. Sie suchte nach etwas, das sie ihm hätte schenken können. Aber sie besaß nichts mehr. Sie nahm das seidene Tuch, das sie um den Hals getragen, und gab es dem Manne, der verdrossen unter der Türe stand.
»Gib es deinem kleinen Kinde um, wenn es ins Freie geht,« sagte sie.
Andrej Ljonotschka bückte sich bis zur Erde. Er rief dem Schlitten seine Segenswünsche nach, bis er das Geläut der kleinen Glocken nicht mehr hörte.
Beate blickte nach ihm zurück.
»Was ist das, Kyrill Iwanowitsch?« sagte sie.
Er wandte den Kopf.
»Was -- Mascha --?«
»Dort hinten -- sehen Sie? Die kleinen schwarzen Punkte im Schnee ... Ist das Nathan Löb mit seinen Pferden?«
Kyrill Petulikow erwiderte nichts. Er peitschte auf die Pferde, daß sie sprangen. Der Schlitten tanzte wie ein Boot bei schwerer See -- gerissen und geschleudert. Beate Hoyermann beugte sich vor zu dem Manne.
»Sind es Wölfe, Kyrill Iwanowitsch?«
»Wir haben hier keine Wölfe.«
»Wer ist dann hinter uns? -- Und warum lassen Sie die Pferde so rasen? Das ist unbarmherzig, Kyrill Iwanowitsch!«
»Vorwärts, vorwärts, meine Schwalben!« schrie der Russe. Die Nagajka sauste durch die Luft.
»Kyrill -- Kyrill Iwanowitsch --!«
»Vorwärts, vorwärts, meine Lieblinge -- meine Falken --!«
»Kyrill« -- Beate Hoyermann richtete sich auf, hielt sich mit der einen Hand krampfhaft fest und versuchte mit der anderen, dem Manne in den Arm zu fallen -- »Kyrill, haben Sie den Verstand verloren --?!«
Keine Antwort. Kyrill Petulikow schlug auf die Gäule ein und rief ihnen zu. Sie galoppierten, daß ihre Hufe nicht mehr zu unterscheiden waren. In großen Flocken flog der Schaum von ihren Mäulern.
Beate rüttelte die Schulter des Mannes mit aller ihrer Kraft.
»Ich will jetzt wissen, was das bedeutet!« rief sie leidenschaftlich.
»Später, später, Mascha!«
»Jetzt auf der Stelle --! Ich bin kein Kind. Ich habe genug erlebt, um noch mehr ertragen zu können! Aber ich will wissen, um was es sich handelt!«
»Sind sie uns näher gekommen?«
Beate wandte sich um.
»Nein ... Nun sehe ich sie überhaupt nicht mehr ...«
»Wir haben die besseren Pferde,« murmelte Kyrill Petulikow.
»Die besseren -- als wer?« fragte Beate zupackend.
»Als die Kosaken ...«
»Was gehen uns die Kosaken an, mein Gott!«
»Haben Sie vergessen, Mascha, daß Sie vor zwei Stunden noch eine politische Gefangene waren -- der Spionage angeklagt?«
»Nun --?!«
»Waska hat gute Freunde unter guten Reitern -- und er wird ihnen nicht verschwiegen haben, daß hier vielleicht noch einmal ein fettes Trinkgeld zu holen wäre ... Das wollen sie sich nicht entgehen lassen ... Und ich habe sie erwartet. Warum soll ein Verräter nicht zweimal verraten -- nach rechts und nach links? Er ist vielleicht mitten unter ihnen ...«
»Und --« Beate fiel im Schlitten auf die Knie ... »und wenn sie uns einholen?«
»Sie holen uns nicht ein ...«
»Vielleicht nicht unterwegs ... Aber wenn sie aufs Gut kommen?«
»Darum schicke ich die Leute fort ...«
»Und wir --?«
»Wir -- wir werden nicht mehr auf dem Gute sein, wenn sie kommen.«
»Kyrill Petulikow, wohin wollen Sie mich bringen --?!«
Der Mann wandte den Kopf. Für einen Augenblick sahen sie sich ganz nahe in die Gesichter.
»Wohin ich Sie bringen will? -- Nach Deutschland ...«
Beate stieß einen Schrei aus, den ihre eigenen Hände erstickten.
»Nicht scherzen, Kyrill Iwanowitsch --! Damit nicht --!«
»Bei der Liebe Gottes, Mascha, meine Schwester -- es ist kein Scherz!«
»Kein Scherz --? Ich soll ... ich soll nach Deutschland kommen?« Beate Hoyermann schluchzte auf; sie lachte, und die Tränen liefen über ihr Gesicht. »Ich soll nach Deutschland kommen?!«
»Wenn nicht ein Unglück geschieht, Mascha, ja -- dann werden Sie nach Deutschland kommen!«
»Aber wann -- mein Heiland im Himmel -- wann --?«
»Heute noch -- noch an diesem Morgen ...«
»Heu ...« das Wort erstarb ihr auf den Lippen. Sie richtete sich auf. »Verlangen Sie von mir, daß ich an Wunder glauben soll, Kyrill Iwanowitsch?«
»Es bedarf keines Wunders ... Sie brauchen dazu nichts als einen Freund und eigenen Mut ...«
»Mut habe ich.«
»Wirklich, Mascha? Unbedingten, tollkühnen, todverachtenden Mut --?«
»Allen Mut, den Sie wollen, wenn es sich darum handelt, nach Deutschland zu gelangen.«
»Das ist gut,« sagte Kyrill Petulikow. »Dann haben Sie auch den Freund, den Sie brauchen.«
»Sind Sie es, Kyrill Iwanowitsch?«
»Ja, meine Schwester ...«
Sie legte ihre Hände auf seine Schulter. »Ich glaube Ihnen,« sagte sie einfach. »Ich werde tun, was Sie von mir verlangen. Was haben Sie mit mir vor?«
»Vertrauen Sie mir Ihr Leben an?«
»Das tue ich.«
»Ohne sich zu besinnen?«
»Ohne mich zu besinnen.«
»Danke, Mascha ... Wenn mein Plan mißlingt, dann werden wir wenigstens ~beide~ nicht mit dem Leben davonkommen. Aber ich werde das Menschenmögliche tun. Ich werde Sie im Flugzeug mit mir nehmen, die deutsche Grenze zu überfliegen versuchen und Sie auf deutschem Boden landen ... Das ist alles ...«
»Kyrill -- Kyrill!«
»Wollen Sie --?«
»Herr mein Gott -- Herr mein Gott ...«
»Sie sagten eben, daß Sie mir Ihr Leben anvertrauten -- und nun nehmen Sie Ihr Wort zurück ...«
»Nicht um meinetwillen, Kyrill Iwanowitsch! Bei Gott, nicht um meinetwillen! Es geht auch um ~Ihr~ Leben ...«
»Nun, was weiter?«
»Was weiter? -- Und Ihre Mutter, Kyrill Iwanowitsch?«
Er lachte. »Meine Mutter ist in Moskau sehr in Sicherheit, Mascha, das dürfen Sie mir glauben ... Und wenn ich ein Unglück hätte, so wäre es das meine und nicht das meiner Mutter. Auch das dürfen Sie mir glauben ... Sprechen wir nicht mehr, Mascha! Achten wir auf den Weg ... Wir brauchen noch zehn Minuten ... Können Sie die Reiter hinter uns jetzt sehen?«
»Ja, ich sehe sie.«
»Sind sie uns nahe?«
»Sie sind so groß wie Krähen, Kyrill Iwanowitsch ...«
»Sie konnten keine frischen Pferde haben -- das war gut,« sagte der Russe. Er ließ die seinen rasen, als sollten sie den Wind einholen, der über sie wegjagte -- der von Westen kam. Weder er noch Beate sprachen mehr ein Wort. Und wenn er sprach, galt es den Pferden ... »Vorwärts, meine Falken, meine schnellen Falken ...!«
Ein schwarzer Fleck im Schnee, so tauchte das Gut vor ihnen auf. Noch unterschieden sie kein Licht.
»Mascha!«
»Kyrill Iwanowitsch?«
»Sehen Sie die Verfolger noch?«
»Sie sind näher gekommen ...«
»Wie nahe --?«
»Ich kann es nicht schätzen, Kyrill Iwanowitsch ... Sie sind so groß wie Füchse ...«
Der Russe stand auf. Im Stehen holte er aus und wirbelte die Nagajka um den Kopf.
»Vorwärts, meine Falken, meine Tauben, vorwärts --!«
Die ersten Bäume des Dorfes -- wie festgefrorene, entsetzte Gespenster, die sich am Wegrand reckten und vergebens einem Schrecknis zu entfliehen suchten ... vorüber ...
Die ersten Häuser, armselig, geduckt -- die Fenster vom Schnee geblendet ... vorüber ...
Die elende Kirche -- der Friedhof -- vorüber ...
Die letzten Häuser -- wieder freie Straße ...
Schwarz schob sich der Klumpen des Gutes gegen sie heran. Doch brannte ein Licht hinter den niedrigen Scheiben am Eingang. Das Tor stand offen; sie stoben in den Hof.
Kyrill Iwanowitsch wickelte die Leinen um seine Hand; er stieß einen gellenden Pfiff aus.
»Dmitri --!!«
Er stemmte sich rückwärts, als sollten seine Muskeln und Adern bersten. Die Pferde vor dem Schlitten stiegen kerzengerade und peitschten mit den Vorderhufen die Luft. Sie geiferten und knirschten; der Schweiß troff ihnen von den blanken Leibern ...
»Dmitri! Dmitri --!!«
Ein Schatten, gebückt und schwankend, glitt über die hellen Scheiben -- verschwand. Die Riegel der Haustür kreischten. Der Schlüssel drehte sich, einmal, zweimal ... Licht fiel durch die sich öffnende Tür.
Kyrill Iwanowitsch war vom Schlitten gesprungen und strängte die Pferde aus.
»Rufe die Leute zusammen -- alle!« schrie er dem Diener zu. Dmitri wandte sich um. Er rief etwas ins Haus hinein und winkte. Kyrill Iwanowitsch trieb die frischen Gäule aus der Stadt vor dem Schlitten zusammen. »Komm her, -- hilf mir --!«
Dmitri kam.
Im Handumdrehen war der Schlitten neu bespannt. Beate war ausgestiegen. Sie lehnte mit verhülltem Gesicht an der Hauswand. Sie hörte, was um sie her vorging, wie durch einen dicken Nebel. Kyrill Petulikow sprach.
»Hört mich gut an, ihr Leute ... Ihr nehmt den Schlitten -- und die Pferde, die ledig sind -- und laßt sie laufen, was ihre Beine hergeben, bis ihr an der Grenze des Waldes von Wladimir Prontoff auf den Juden Nathan Löb trefft. Der wird euch sagen, was ihr weiter zu tun habt. Aber eilt euch, als hinge euer Leben von eurer Eile ab! Und seht euch nicht um! Seht euch nicht um -- hört ihr? Und wenn ihr es dennoch tut, bei Gott, bei den Heiligen, ich prügle den mit eigenen Händen wie einen Hund, der es wagen sollte, zurückzukommen --! Habt ihr mich verstanden?«
Gemurmel ringsum ... Flüstern ... hastige Schritte ... Die Glöckchen der Pferde klangen ...
»Dmitri --!«
»Herr!«
»Du hast noch etwas gutzumachen, du weißt es!«
»Ja, Herr!«
»Du wirst der letzte sein, der geht ... Du wirst das Tor abschließen und verriegeln. Du wirst im Hause alles Licht brennen lassen, damit niemand auf den Gedanken kommt, es könnte verlassen sein -- hörst du?«
»Ja, Herr.«
»Wenn ich selbst das Gut verlassen habe, wirst du es auch verlassen -- fortgehen und dich nicht umschauen, hörst du?«
»Ja, Herr!«
»Jetzt sollst du mir helfen -- komm!«
Kyrill Iwanowitsch ergriff Beate am Arm.
»Nun ist es Zeit, Mascha ...«
Sie leistete keinen Widerstand. Sie hörte die Hoftür sich in den Angeln drehen. Sie hörte den weichen Galopp von vielen Pferden, der jenseits des Gutes verklang. Dmitri lief an ihr vorbei, öffnete die Tür des Schuppens, an dem die Werkstatt lag.
Mit einer krampfigen Anstrengung blieb sie stehen und riß sich los. Sie machte eine Bewegung auf das Tor zu. Kyrill Iwanowitsch sprang ihr in den Weg.
»Was wollen Sie tun, Mascha!«
Ihr Atem flog, daß sie kaum reden konnte.
»Ich will -- ich will mich denen da draußen ausliefern.« Sie wehrte mit beiden Händen, als er reden wollte. »Lassen Sie mich sprechen, Kyrill Iwanowitsch! Sie haben das Unerhörteste für mich getan! Kein Bruder, kein Freund -- mein eigener Mann nicht hätte mehr für mich tun können! Das -- kann ich nicht von Ihnen annehmen! Der Flug, den Sie unternehmen wollen, ist das grausigste Spiel mit dem Tode, das ein Mensch sich ausdenken kann -- grausiger als jedes andere, das Sie bisher gewagt haben! Ich will nicht die Veranlassung dazu sein -- ich nicht, bei Gott!«
»Sie haben keinen Mut, Mascha -- das ist es! Sie wagen den Flug nicht -- das ist es!«
»Ich --! Ich wage ihn nicht --! Kyrill Iwanowitsch, ich will Ihnen etwas sagen! Als ich hierherkam, als ich Sie mit der Maschine arbeiten sah, als ich merkte, daß nichts zum Fliegen gehörte als die Kenntnis von zehn Griffen und Mut -- faßte ich den Entschluß: wenn es mir auf keine andere Weise gelang, nach Deutschland zu fliehen, dann wollte ich Sie bitten, mich das Notwendige zu lehren ... Ich wäre mit Ihnen geflogen, dreimal -- zehnmal -- und eines Tages hätte ich den Flug allein gewagt -- bei Gott, Kyrill Iwanowitsch, das hätte ich getan! Und ich hätte Ihnen einen Brief hinterlassen, der alles gesagt hätte, was nötig gewesen wäre, um mir Ihr Verstehen, Ihr Verzeihen zu sichern. Aber so nicht! So nicht --! Ich will für mich selbst mein Leben wagen und werde mich nicht einen Augenblick besinnen -- aber nicht das Ihre, Kyrill Petulikow! Nicht das Ihre --!«
Er hatte ihre Hände gepackt und hielt sie fest. Sie hatte nicht gewußt, daß er so viel Kraft besaß. Er stand ganz dicht vor ihr.
»Nun hören Sie mich auch!« sagte er halblaut, und seine Stimme glühte. »Ich schwöre Ihnen bei dem, was mir das Heiligste auf der Welt ist, Mascha -- bei Ihrem Haupte und bei Ihrem Leben! -- daß ich mir in dem Augenblick, wo Sie Ihr Vorhaben, sich auszuliefern, ernstlich versuchen, eine Kugel durch den Kopf jage. Bei Ihrem Haupte und bei Ihrem Leben, Mascha! Es ist mein tödlichster Ernst --!«
»Wollen Sie mich unglücklich machen, Kyrill Iwanowitsch --?«
»Ich will Sie retten -- ~das~ will ich! Ich will Sie in Sicherheit -- ich will Sie nach Hause bringen -- ~das~ will ich! Ich will -- o, weit mehr als das, Mascha -- auch für mich das Höchste und Größte, das ich gewinnen kann: das Bewußtsein einer Tat, die man vielleicht die eines Helden nennen kann -- und was mehr wert ist als dies: die Tat eines guten Menschen ... Sie wissen, daß ich Sie liebe ... Sie fragen nichts danach -- nun, du großer Gott, was kümmert es Sie auch --? Aber ich will, wenn wir beide am Leben bleiben, daß Sie an mich denken, Mascha, meine Schwester, daß Sie mit Achtung und Stolz an mich denken -- ~das~ will ich! Nun entscheiden Sie sich!«
Beate schlug sich die Fäuste vor die Stirn. Ihre Augen suchten mit einer Art von Wildheit den wolkenschweren Himmel.
Aber der Himmel gab ihr keine Antwort.
»Es ist gut!« sagte sie und wandte sich nach dem Schuppen, an dessen Türe Dmitri wartend stand. »Wenn Sie ums Leben kommen, so werden Sie es wenigstens nicht allein ...«
Sie hatten keine Zeit mehr zu verlieren.
Auf der Dorfstraße fieberte der kurze Galopp kleiner, harter Pferde.
»Vorwärts, Herr -- im Namen Gottes!« schrie Dmitri.
Kyrill Iwanowitsch warf der Frau alles zu, was die Werkstatt an Decken und Tüchern besaß. Er wickelte ihr selbst den Schal um die Ohren, ließ nichts als Nase und Augen frei. Durch die ungeschliffenen Gläser der Brille erschien alles sehr fremd und fern; sie war fast taub und hatte ein Gefühl, das dem sehr ähnlich war, wenn sie, tief unter stehendes Wasser tauchend, mit offenen Augen emporblickte.
Sie ließ sich zerren und schieben ...
Die Rückwand des Schuppens, die nach dem freien Felde zu lag, war klaffend offen. Das bleiche Schneelicht war doppelt unwirklich und wie von unten, von der Erde her, durchleuchtet unter dem Himmel, den der wärmere Wind immer bräunlicher färbte. Die Schultern und Fäuste der beiden Männer stießen und schoben an dem stählernen Riesenflieger, dessen Flügel in grenzenloser Spannung erstarrt schienen. Sie schrien sich zu, die Männer -- Beate sah es, aber sie hörte es nicht ...
Aber das hörte sie, daß jenseits des Hofes, vor dem Tor, Geschrei und Rufen sich erhob und wütende Tritte das Tor summen machten.
Auch Kyrill hatte es gehört. Er wandte das hochrote, schweißtriefende Gesicht Dmitri zu.
Er schrie etwas ...
Dmitri machte einen Sprung und riß Beate vorwärts.
»Hinauf --!«
Sie kletterte -- vergaß sich zu bücken, rannte mit der Stirn gegen stählernes Gestäng, daß ihr der Kopf dröhnte -- fiel auf einen schmalen Sitz.
Der Lärm vor dem Tore steigerte sich zum Geheul. Die Bohlen waren nicht von Eisen; sie mußten schließlich nachgeben, wenn Fäuste, Fußtritte und Kolbenstöße weiter gegen sie anstürmten.
Beate zitterte vor Erregung, daß ihr die Zähne gegeneinanderschlugen. Sie klammerte sich mit beiden Händen rechts und links am stählernen Leib der Maschine fest. Das Brüllen der Einlaßbegehrenden vor dem Tore wurde übertönt von dem jäh einsetzenden, tosenden Brummen des Motors. Kyrill Petulikow tauchte neben ihr auf; er hatte die Fliegerkappe über den Kopf gezogen. Sein Anzug triefte von Öl. Er streckte eine Hand aus und schrie Dmitri etwas zu. Beate hörte die Worte nicht, sie erriet ihren Sinn; er hatte nach dem Hofe gewiesen.
»Halte sie auf!« hießen Wort und Gebärde.
Dmitri fiel auf die Knie. Er bückte sich, raffte sich wieder auf.
Kyrill Petulikow schwang sich in den Führersitz. Er blickte vorwärts und rückwärts, seine griffsicheren Hände packten zu. Das Brummen des Motors legte sich wie eine Maske über die Ohren ... Beate schloß die Augen -- riß sie wieder auf ...
Das tote Geschöpf hatte Leben bekommen.
Es rannte geradeaus, wie blind, nahezu wie wahnsinnig, holperte, stieß und sprang -- die irrwitzige Angst eines Wesens, das von Feuer gepeitscht wird, lag über dieser hemmungslosen Vorwärtsbewegung ...
Aber mit einem Male hatte es sich auf sich selbst besonnen. Es löste sich von der Erde, deren Rauheit und spröde Gesetze nicht für ein Wesen solcher Art geschaffen waren. Es hob sich; es schwebte ...
Es flog mit der Kraft und dem weitausholenden Schwunge des Triumphes. Die Stimme des sausenden Stahls wurde zum Siegesgesang. Die Träume armer Jahrtausende warfen sich -- unsterblich durch die Sehnsucht, deren Kinder sie waren -- unter die breiten Schwingen des brausenden Menschengeschöpfs.
Beate wagte nicht, in die Tiefe zu blicken, deren Feindseligkeit gegen das beschwingte Wesen sie fühlte. Sie rang minutenlang mit dem schnürenden Gefühl tödlichster Übelkeit, das ihr den Magen und den Schlund zerwürgte. Der Schweiß brach ihr aus allen Poren. Sie preßte Zähne und Lippen übereinander und krallte sich die Nägel ins Fleisch. Mit einer ungeheuren Anstrengung gelang es ihr, den Aufruhr des Körpers und der Nerven zu überwinden. Tiefatmend öffnete sie die Augen.
Und nun empfand sie, daß sie flog ...
Sie blickte seitwärts in die Dunkelheit der Erde hinab, die unter ihnen wegzutaumeln schien -- wie von einem ungeheuren Schlund eingesogen. Und sie bemerkte, daß sie weniger vorwärts kamen, nur daß sich die Flugmaschine in weiten Spiralen höher und höher schraubte ...
Der dunkle Fleck im weißen Schneefeld unter ihnen -- war das Gut?
Noch während sie es fragend dachte, gewann das Bild unter ihr eine fremde Farbe. Es rötete sich. Die bläuliche Bleichheit des Schnees schien wegzuschmelzen, als sei die Erde unter ihr in Brand geraten. Aber nicht die Erde brannte, sondern das Gut.
Beate Hoyermann wollte schreien: »Kyrill! Kyrill --!« Aber es wäre sinnlos gewesen; er hätte sie nicht gehört. Und dann -- was hätte er tun können? Vielleicht sah er alles viel besser als sie, gewohnt, die Erde aus mehr als Berghöhe zu betrachten. Sie schwieg und starrte auf das rote Glosten unter sich. Die Lautlosigkeit des irdischen Geschehens unter ihnen war grausiger als das Brüllen der menschlichen Tiere, deren Tun sie gestern miterlebt.
Nun stiegen sie nicht mehr; mit einem Schwung stieß sich die Maschine in die Luft hinein, vorwärts -- und nahm den Flug nach Westen.
Beate beugte den Kopf bis fast auf ihre Knie; sie konnte nicht atmen, so pfiff ihr der Wind entgegen, nicht fühlbar als etwas, das glitt und strich, sondern wie ein Brett -- wie ein gepreßter Sack -- unteilbar und unbeweglich. Sie fühlte eine Faust auf ihrem Kopf ... Sie hatte nicht gewußt, daß Wind wie schweres Wasser sein kann. Sie bückte sich, um nicht Widerstand leisten zu müssen; er hätte ihr die Halswirbel verdreht.
Aber nun, da sie sich bückte, schlug ihr der Öldunst stinkend entgegen ... sie rang sich wieder hoch ... das war unmöglich, unmöglich ... Sie hielt sich nicht mehr fest; sie nutzte die Hände, sich gegen den Wind zu schützen und hinter ihnen Atem zu holen. Sie fühlte die kleine Erleichterung wie ein Geschenk und gab sich ihr hin -- aaah --!
Allmählich löste sich die Taubheit von allen Sinnen. Sie horchte auf das unentwegte brausende Brummen des Motors und gewann ein großes Vertrauen zu seiner Kraft und Ausdauer. Sie konnte ein sehr persönliches Verhältnis zu Maschinen gewinnen. Lokomotiven und Schiffsturbinen wurden ihr zu wesenhaften Dingen, mit denen man Zwiesprache halten konnte. Und sie tat es auch mit dem Motor, dem sausenden Herzen des Flugkörpers ...