Die Flucht der Beate Hoyermann

Part 16

Chapter 163,859 wordsPublic domain

Man brachte sie in ein Zimmer, das von der Hitze zu bersten schien. An dem Tisch in der Mitte, unter einer blakenden Petroleumlampe, saßen ein paar Kerle, die Schnaps auswürfelten. Beim Eintreten Beatens wandten sie nur die Köpfe, ohne sich unterbrechen zu lassen.

Einer der Polizisten wollte Bericht erstatten; aber der älteste der Kerle fuhr ihm entgegen.

»Schweig, Hundesohn --! Hat dir einer zu reden erlaubt?«

Die Polizisten zogen sich nach der Tür zurück. Beate blieb mitten in dem freien Raum zwischen Tür und Tisch stehen. Noch war kein eigentlicher Schrecken in ihrem stillen Gesicht. Sie wandte den Kopf mit einer langsamen und zaghaften Bewegung, wie manchmal Tiere sie haben, die lange im Dunkeln waren und jäh ins Lichte gebracht werden. Sie war sehr müde, und die stinkende Hitze des niedrigen Zimmers legte sich ihr wie ein schnürendes Band um die Stirn.

»Ich bitte Sie um Verzeihung, meine Herren,« sagte sie, und ihre Stimme klang in der großen Erschöpfung so hoch wie die eines Kindes und ganz verschleiert, »würden Sie mir gestatten, daß ich mich setze?«

Keiner der Männer gab eine Antwort.

Was den Schmähungen und Mißhandlungen des Pöbels nicht gelungen war, das gelang der gleichgültigen Unfreundlichkeit. Beate fühlte, daß es nicht mehr lange dauern konnte, dann würden ihre Nerven nachgeben und sie selbst in Tränen ausbrechen. Sie senkte den Kopf und biß sich auf die Lippen. Sie dachte an ihren Mann. »Wenn du da wärst!« -- und: »Gut, daß du mich so nicht siehst ...« Der Jammer ihrer Verlassenheit würgte sie in körperlichem Schmerz an der Kehle. Sie legte die Hände ineinander, als wollte sie sich an sich selbst festhalten.

Endlich, nach mehr als einer halben Stunde, waren die Kerle mit ihrem Spiel zu Ende, warfen die Karten zusammen und rückten die Stühle vom Tisch. Der eine, der Beate gerade gegenübersaß, stand auf und trat auf sie zu.

»Hast du Geld?« fragte er.

»Ja,« antwortete sie.

»Gib es her.«

Sie öffnete ihre kleine Tasche und nahm alles Geld heraus, das sie besaß. Es waren vielleicht achtzig Rubel.

Der Russe zählte die Summe, blies über die Lippen und steckte das Geld ein.

»Das ist nicht genug,« sagte er. Seine Kameraden lachten dröhnend. Beate blickte von einem zum anderen. Sie verstand nichts.

»Ich habe nicht mehr,« meinte sie sanft.

»Du hast ~wohl~ mehr ...«

»Nein ...«

Der Mann ging auf eine Tür im Hintergrund des Zimmers zu, stieß sie auf und brüllte: »Nastaßja --!«

Ein Frauenzimmer erschien, bei deren Anblick Beate unwillkürlich fror. Sie hatte anscheinend geschlafen; das Haar hing ihr in die Augen. Sie keuchte, denn sie war unförmlich dick. Auf der linken Seite ihres roten Gesichts war ein blauunterlaufenes Mal, das sehr vermutlich von einer Schlägerei herrührte. Wenn dem so war, so hatte ihr Gegner den Hieb zu bereuen gehabt, denn es war durchaus unwahrscheinlich, daß dieses Weib in einem Zweikampf unterliegen konnte, den sie nicht mit einem Ringkämpfer von Beruf unternahm.

»Nastaßja, meine Taube,« sagte der Mann, der sie gerufen hatte, »verzeih, daß ich deinen Schlummer störte, aber es gibt zu tun. Nimm das Weib in deine Obhut und sieh nach, ob sie wirklich nicht mehr als die paar Rubelchen in der Tasche hat, wie sie behauptet ... Aber sieh gut nach, hörst du?«

Das Weib sah Beate an; sie fuhr sich mit der Zunge über die dicken Lippen.

»Komm her,« sagte sie.

Beate folgte ihr. Sie hatte das Gefühl, daß sie ihre Kräfte noch zu ganz anderen Dingen brauchen würde, und wollte sie nicht verschwenden in zwecklosem Widerstand. Die Türe schloß sich hinter ihr und der Frau.

»Gib dein Geld her,« sagte das Weib.

»Ich habe nichts mehr, Mütterchen,« antwortete Beate. Ihre Stimme rief.

Das Weib sah sie an. Sie murrte etwas und zog die Augen zusammen. Beate rang mit der fürchterlichen Übelkeit, die der Dunst des Zimmers, in dem sie sich befand, in ihr erweckte.

»Es nützt nichts, wenn du lügst,« sagte das Weib. »Ich werde dich durchsuchen, und das sehr genau. Waska läßt nicht mit sich spaßen, wahrhaftig ...«

Und sie griff nach dem Mantel ihrer Gefangenen.

Das Entsetzen, das Beate durchfuhr, als sie die rohen Hände an ihrem Leibe fühlte, machte sie schlau.

»Mütterchen,« sagte sie und bückte sich, um im Nebenzimmer nicht gehört zu werden, »ich schwöre dir, ich habe kein Geld bei mir ... Ich habe alles dem Manne gegeben, den du Waska nennst. Ich habe nicht eine Kopeke mehr in meiner Tasche noch sonst Geld versteckt oder eingenäht ... Aber ich habe ein wenig Schmuck ... nicht viel -- doch immer noch mehr an Wert als die Rubel, die Waska bekommen hat. Wenn du mich nicht durchsuchen willst, so will ich ihn dir schenken -- dir allein. Waska braucht nichts davon zu erfahren, verstehst du ... Wenn du mich durchsuchst, wirst du den Schmuck auch bekommen, aber ich werde dann Waska sagen, daß du ihn hast, und dann wirst du teilen oder ihn ganz hergeben müssen ... Nun, was willst du tun?«

Das Weib drückte die Lider zusammen und verzog den Mund.

»Gib her,« sagte sie unterdrückt.

»Wache an der Tür,« flüsterte Beate.

Das Weib gehorchte. Die Gier hatte sie gepackt.

Beate nahm ihren Trauring und schob ihn mit einer krampfhaften Bewegung tief in ihr dichtes Haar. Dann zog sie ihre anderen Ringe ab, löste ihre Schmucknadel und die feine goldene Kette vom Halse, legte die Uhr auf den Tisch und streckte die nackten Hände vor sich hin.

»Ich bin fertig,« sagte sie, tief atemholend.

Das Weib überschaute ihre Beute, raffte sie mit der Schnelligkeit der Diebin zusammen und schob sie in das Stroh ihres Bettes.

Sie stieß die Türe auf und sagte verdrossen: »Sie hat nichts, die Hündin ...«

Beate lehnte sich einen Augenblick gegen den Türpfosten; dann ging sie weiter und stand vor den Männern still.

»Schafft sie weg,« befahl Waska mit einem Fluch. Die Polizisten nahmen Beate in die Mitte; sie verließen das Zimmer und schritten durch Gänge und Gänge über Treppen und winzige Höfe, Luftschächten gleich, in ein abseits liegendes Gebäude hinein. Es hatte Fenster so groß wie zwei Hände, und sie waren vergittert.

»Was ist das?« flüsterte Beate mit einem versagenden Laut.

»Wart's ab,« sagte der eine ihrer Wächter. »Du wirst es noch zeitig genug erfahren.«

Er donnerte mit dem Absatz an eine Tür.

»He --! Schläfst du, Lumpenkerl? Mach auf, es gibt etwas Neues!«

Die Türe ging auf. Ein Licht flackerte in einem schmalen und schmutzigen Gang. Ein Mann stand auf der Schwelle. Er trug Uniform und Mütze. Hinter ihm an der Wand lehnte sein Gewehr. Er war sehr verschlafen.

»O zum Teufel, Bruder, warum kommst du mitten in der Nacht? Es wäre besser gewesen, du hättest das Frauenzimmer laufen lassen, anstatt mir Scherereien und Arbeit zu machen ...«

»Halt's Maul, Freund, und mach deine beste Kammer auf. 's ist eine Spionin, die wir bringen ... eine deutsche Bestie, verstehst du? Gib acht, daß sie nicht entwischt, sonst gebe ich keine Kopeke für deinen Hals, Brüderchen ...«

»Wie soll sie entwischen?« brummte der Gefängniswärter. »Aus diesem Hause entwischt keine Ratte, sei gewiß, Brüderchen ... Ich passe auf ... Ich werde mir ein Liedchen singen, um munter zu bleiben ... Nun, vorwärts, deutsches Vieh -- kriech in deinen Stall -- pascholl!«

Beate taumelte vorwärts -- in ein dunkles Loch hinein, das völlig leer zu sein schien bis auf ein wenig Stroh, das sie unter den Füßen fühlte. Unwillkürlich blieb sie regungslos stehen, als sich die Türe hinter ihr geschlossen hatte und die Stimmen ihrer Wächter nur noch gedämpft zu ihr hereindrangen. Sie hatte so viele Schrecknisse durchgemacht an diesem Tage und in dieser Nacht, daß sie vor jedem Schritt bebte, den sie zu gehen gezwungen war. Sie hätte sich nicht gewundert, wenn in der Mitte dieser Gefängniszelle ein Loch gewesen wäre, in das man sie stürzen lassen wollte, um sie loszusein und nichts von ihrem Verbleib zu wissen.

Minutenlang stand sie so, die gespreizten Hände ein wenig von sich abhaltend. Sie hatte Angst -- eine wahnsinnige Angst, deren sie nicht Herr werden konnte. Die Dunkelheit des Lochs, in dem sie steckte, und die todestraurige Bleichheit der Nacht, die durch das Fenster hoch über ihrem Kopfe schimmerte und nur dazu gemacht schien, die Dunkelheit noch trostloser zu gestalten -- die Stille, die fast einen Körper gewann und zu wachsen schien, je länger sie währte, die sich auf sie heranwälzte und unendlich langsam und unendlich sicher ihr die Luft zum Atmen abschnürte -- der Gestank, der in dem Gefängnisloch herrschte und förmlich in Wolken zu ihr aufstieg ... alles das vereinigte sich zu einem Schrecknis, dem ihre höchstgespannte Kraft zu erliegen drohte. Sie zitterte vom Kopf bis zu den Füßen. Über ihre Lippen kam ein wimmernder Laut, vor dem sie selbst erschrak. Sie bedeckte sich den Mund mit ihren Händen und stand ganz still, mit vorgebeugtem Kopfe.

Hinter ihrer Türe rührte sich etwas -- ein Schritt ... Der Wächter ...

Er summte vor sich hin.

Jetzt hörte sie, wie er sein Gewehr aufnahm und die Patronenkammer füllte ...

Es war also Ernst -- vollkommener Ernst ...

Gott -- großer Gott im Himmel ... Das war ja Wahnsinn ... sie hatte ja nichts getan, das auch nur im entferntesten den Verdacht gerechtfertigt hätte, um dessentwillen sie hier war. Warum hatte sie sich nicht gewehrt? Warum hatte sie nicht zu entkommen versucht -- warum war sie mitgegangen wie ein Stück Schlachtvieh --?

Es konnte noch nicht zu spät sein! Sie mußte doch mit irgendeinem Menschen reden können, den sie aufklären konnte ... Man konnte sie doch nicht ins Gefängnis werfen, ohne sie verurteilt zu haben -- und verurteilen konnte man sie nicht, denn sie war ja nicht schuldig ...

Sie hörte vor ihrer Türe das gleichmäßige und gelassene Auf und Ab des Postenschrittes; der Mann summte noch immer vor sich hin. Er hatte eine hübsche, weiche russische Stimme und sang ein kleines Volkslied; Beate kannte die Worte gut. Aber sie entsetzte sich vor ihnen in dieser Umgebung ...

Unwillkürlich wich sie von der Türe zurück und tastete mit der vorgestreckten Hand an der Mauer hin, ob sie vielleicht auf eine Bank stoßen würde, um einmal für Sekunden auszuruhen ...

Plötzlich zuckte ihre Hand zurück.

Es war etwas über ihre Finger gelaufen ... Eine Spinne? ... Sie schleuderte das Unsichtbare von den Fingern ... Aber es war noch da ... Es kroch nicht, nein, es rieselte gleichsam über ihre Haut ...

Sie streifte mit der rechten Hand über ihre linke ... Sie fühlte ... das war keine Spinne, das war überhaupt nicht ein Tier -- das war eine Heerschar von gleitenden, behenden und unentwegten Geschöpfen ... Sie spürte das rasche Rieseln an ihrem Halse; etwas brannte sie -- ein Tropfen Gift ... Sie schlug sich mit beiden Händen nach der Kehle ...

Da kam ihr ein Geruch in die Nase ...

Und im gleichen Augenblick schrie sie auf, gellend, kreischend, wie von allen Teufeln der Hölle gepackt -- schlug mit Armen und Händen um sich und schrie und fühlte, wie unter ihren Kleidern, an ihren Haaren, in ihrem Gesicht -- bis in ihre Augen hinein das Brennen, Rinnen -- der höllische Gestank von ihr Besitz ergriff ...

Wanzen ...

Und da war der Mut der Beate Hoyermann zu Ende. Sie fiel auf die Knie in den Kot des faulenden Strohs, das auf dem Boden der Zelle verstreut lag, und schlug mit beiden Fäusten gegen die Türe ihres Gefängnisses. Sie schrie nicht mehr mit offenem Munde, denn die Wanzen waren ihr über die Lippen gekrochen, und sie hatte sie auf der Zunge gespürt. Sie schrie mit geschlossenen Zähnen wie ein gefangenes Raubtier, dem man die Zähne verschnürt hat -- schrie, daß ihr das Blut aus der Nase sprang -- schlug sich die Fäuste wund an der summenden Türe.

Aber der Wächter hörte sie nicht, denn er wollte sie nicht hören ... O, er kannte das -- so schrien die meisten, die man dort hineinbrachte in die hübschen kleinen Zellen des Gefängnisses. So donnerten die meisten mit den Fäusten gegen die Tür; aber die Türen waren verläßlich, die hielten fest, auch wenn die Aufgeregtesten statt der Fäuste die Absätze nahmen. Wenn sie heiser wurden, hörten sie schon auf zu schreien, und wenn sie sich müde getobt hatten, dann ließen sie auch die Türen in Ruh. In der zweiten Nacht pflegten sie bereits viel vernünftiger zu sein. Man mußte ein wenig Geduld mit ihnen haben ...

Der Wächter summte sanftmütig weiter ...

Aber bei Gott, die deutsche Bestie trieb es arg ... Er mußte sie doch wohl ein wenig zum Schweigen bringen, sonst brachte sie das ganze Haus in Aufruhr ...

»Willst du still sein, du --?!«

Er stieß den Gewehrkolben gegen die Zellentür, daß sie dröhnte. Aber die da drin war nicht still, sie rüttelte mit aller Kraft an den Bohlen und röchelte dazwischen -- als spräche sie mit geschlossenen Zähnen, so sonderbar klang's --: »Mach auf --! Mach auf --!«

»He, mein Täubchen, das werde ich bleiben lassen ... Es steht eine strenge Strafe darauf, wenn man sich mit den Gefangenen einläßt -- und du scheinst mir eine ganz Gefährliche zu sein, Ljuba, meine Liebe ... Geduld, Geduld -- auch diese Nacht geht vorbei ... Morgen wird man sehen, was mit dir geschehen muß ...«

Beate konnte ihre Hände nicht mehr rühren. Sie konnte auch nicht mehr rufen, nicht einmal mehr röcheln. Sie lag vor der Schwelle der unerbittlichen Türe und brannte am ganzen Leibe in einem fressenden Feuer des Ekels -- in einem Entsetzen, das keine Worte und fast keine Gedanken mehr hatte. Sie fuhr sich mit den Händen, an denen die Wanzen in Trauben hingen, nach dem Gesicht und streifte sich das beißende stinkende Gezücht von der Stirn, von den Wangen, von der Kehle -- sie fühlte sich mit Blasen bedeckt wie mit Brandwunden, und ihr Bewußtsein ging unter in einer so grenzenlosen Verzweiflung, daß sie zu fühlen glaubte, wie ihr Verstand sich zerrüttete. Dann schlug sie mit der Stirn gegen die Türe ... Nur ein Ende machen ... ein Ende machen ... ganz gleich, welches -- nur ein Ende ...

Als sie mit voller Wucht, in der irrsinnigen Hoffnung, sich den Schädel einzuschlagen, den Kopf gegen die Türe hämmerte, fiel ihr Trauring aus ihrem Haar und mattklingend vor ihr auf den Boden.

Mein Gott, mein Gott, den hatte sie vergessen ...

Nun suchte sie ihn und fand ihn, hob ihn mit einem jämmerlichen Wimmern auf und rieb ihn mit einem Zipfel ihres Kleides. Sie lallte etwas, das ganz Zärtlichkeit und Verzweiflung war, und suchte, worin sie den Ring verbergen konnte, um ihn nicht vom Schleim des stinkenden Ungeziefers besudeln zu lassen. Schließlich barg sie ihn in ihrem Munde.

Sie dachte an ihren Mann. Sie nannte sich seinen Namen, wie ein Ertrinkender nach einem Seile greift. Sie kauerte sich in der Ecke neben der Türe zusammen und fiel in einen Zustand, der zwischen völligem Stumpfsinn und heulenden Ausbrüchen ihrer Verzweiflung hin und her schwankte; schließlich überließ sie sich, ohne mit einem Finger Widerstand zu leisten, den gierigen, vergiftenden, zerfressenden Angriffen des Ungeziefers. Sie hoffte sehr, zu sterben. Sie war so ganz ohne Kraft und Willen, daß man sie hätte abschlachten können; sie würde sich nicht gewehrt haben ...

Der Kopf sank ihr auf die Brust ...

Und plötzlich hob sie ihn wieder.

Sie hatte etwas gehört -- nicht die Schritte des Postens -- nicht sein Summen noch das dumpfe Aufstoßen seines Gewehrkolbens auf dem Gange. Sie hatte eine Stimme gehört ... Die Stimme kannte sie ...

Sie richtete sich mühsam auf; die Knie gehorchten ihr nicht. Ihre Hände, ihre Füße waren verbrannt von der Fäulnis, in der sie gelegen hatten ...

Die Stimme vor ihrer Türe sprach mit dem Posten -- ein anderer redete dazwischen -- das war Waska ...

»Da hast du dein Geld, Hundesohn -- scher dich zum Henker!« zischte er.

»Du wirst dich um deinen Hals bringen, Brüderchen,« murmelte der Posten halb betrübt.

»Schuft, was geht dich mein Hals an? Kümmre dich um den deinen und mach dich fort!«

Stille. Tritte, die sich entfernten ...

Und wieder eine Stimme: »Die Schlüssel? -- Wo hast du die Schlüssel --?!«

»Geduld, Geduld -- ich werde doch die Schlüssel nicht vergessen haben --! Hier hast du sie, Herr ...«

Ein Kreischen im Schloß der Zellentür; ein Spalt, der sich öffnete; ein Lichtschein, der dünn und scheu in das Dunkel des Zellenloches leuchtete; eine Stimme, die rief, als würde sie erwürgt: »Mascha --!«

Beate taumelte vorwärts, in den Lichtstrahl hinein; er fiel auf ihr Gesicht.

Der Mann an der Türe, der die Lampe hielt, schrie beinahe auf: »Jesus -- um Gottes willen!!« Und wollte nach ihr greifen. Aber sie wich vor ihm zurück, schüttelte sich, streckte beide Arme zur Abwehr aus ...

»Rühren Sie mich nicht an! Seien Sie barmherzig -- rühren Sie mich nicht an --«

Kyrill Petulikow warf einen Blick auf den Menschen neben sich; der zuckte die Achseln: »Was willst du, Herr? Es ist nun einmal nicht anders bei uns ... Die Wanzen sind mächtiger als wir ... Niemand kann etwas gegen sie ausrichten ...«

Kyrill Petulikow stieß die Türe weit auf, daß sie zur Mauer zurückflog.

»Kommen Sie,« sagte er.

Beate taumelte an ihm vorbei, durch die Zellentür, durch die Haustür, hinaus in den Hof, in dem der Schnee fußhoch lag. Und sie warf sich in den Schnee und wälzte sich darin -- sprang auf und schüttelte sich und fiel wieder im Schnee zusammen ... griff mit beiden Händen in das lockere Weiß und wusch sich das besudelte Gesicht, tauchte die Hände, die Arme hinein -- hob den Schnee zu ihrem Halse.

Kyrill Petulikow bückte sich zu ihr.

»Mascha, Mascha --! Wir haben keine Zeit zu verlieren --! Stehen Sie auf --!«

Sie gehorchte. Doch als er sie beim Arm nehmen wollte, wich sie wieder zurück.

»Das nicht!« sagte sie. »Das nicht ...«

»Wir müssen weiter, Mascha -- Jesus Christus, wir können in jeder Minute verloren sein ...«

»Gehen Sie ... ich folge Ihnen. Aber rühren Sie mich nicht an --!«

Kyrill Petulikow wandte sich um. Waska trat ihm in den Weg. Er streckte die Hand aus.

»Herr, mein Geld --?«

»Du wirst es bekommen, wenn wir in Sicherheit sind, nicht eine Minute eher. Geh voran!«

Waska lächelte schlau. Er nickte und ging. Es schien ihm ein guter Gedanke gekommen zu sein.

Kyrill Petulikow und Beate folgten ihm auf den Fersen. Sie begegneten niemand. Es war zwischen zwei und drei Uhr morgens.

Sie kamen auf die Straße, in der das Gefängnis lag. An der nächsten Ecke hielt ein Schlitten. Ein Mann, bis über die Ohren eingehüllt und unkenntlich, hielt die Pferde fest. Beate stieg ein; der Mann rührte sich nicht. Kyrill Petulikow bückte sich zu ihm und flüsterte etwas. Der Mann nickte und setzte sich neben Beate. Er hob ihr die Pelzdecken um Knie und Hüften. Seine Hände waren ungeschickt vor Kälte oder Aufregung.

Kyrill Petulikow nahm die Zügel auf und setzte sich zurecht. In dem gleichen Augenblick, da er den Pferden die Nagajka über die Rücken jagte, richtete der Mann im Schlitten sich auf und schleuderte Waska ein schmales Bündel vor die Füße.

»Tausend Rubel für dich, Brüderchen -- weil du ein braver Schurke bist --!«

Waska bückte sich ... Die Pferde gingen in wildestem Galopp. Der Schlitten bog um die Ecke -- das Gefängnis verschwand.

Und der kleine Mann im Schlitten beugte sich vor und suchte die Hände der Frau, die mit klirrenden Zähnen neben ihm saß, und lachte ...

»Was wird sich freuen Rahelche, mein Kind, und die Rebekka, meine Frau, daß ich ihnen bringe mitten in der Nacht so e feinen und hochgeehrten Besuch ...!«

»Nathan Löb?« murmelte Beate. Sie war wie betäubt.

»Der alte Nathan Löb aus der Jüdengass', ja --! Und der alte Nathan Löb hat viel erleben müssen an Schlimmem und Gutem in beinah sechzig Jahr' ... Aber ihm will scheinen: daß er hat helfen dürfen herauszuholen die gnädige Frau aus dem Hundeloch, dem Gefängnis ... das ist doch von seinem ganzen Leben das Beste gewesen ...«

Beate antwortete nicht. Es ging ein ganz verwirrtes Lächeln über ihr Gesicht. Sie nahm den Ring -- ihren Trauring -- und schob ihn wieder an seinen rechten Platz. Es ging nicht so leicht. Ihre Finger waren gequollen und wund, mit Blasen bedeckt.

Beate holte zitternd Atem. Und dann schluchzte sie, den Kopf in die Hände legend, ganz haltlos, im Jammer aller Erkenntnis dessen, was hinter ihr lag ...

Der alte Nathan Löb schüttelte den Kopf und seufzte.

»Es is e lumpige Welt,« murmelte er und rückte an seiner Mütze, »e Welt, als ob se wär' gemacht von e Menschen ... und der wär' gewesen meschugge ...«

9

Rebekka und das Rahelche hatten nicht viel Zeit gehabt, sich über den feinen Besuch zu freuen, den Nathan Löb ihnen zwischen Mitternacht und Hahnenschrei ins Haus brachte.

Kaum eine Stunde waren sie geblieben; Beate warf ihre Kleider, ihre Wäsche von sich, als seien sie aus den Nesseln des Märchens gewebt, und wusch sich das Haar, um sich dann vors offene Feuer zu setzen, um es zu trocknen. Rebekka Löb, die mit solchen Sachen gut Bescheid wußte, nahm den Pelz der gnädigen Frau und ihre Mütze und steckte beides in den Backofen, unter dem sie ein Höllenfeuer anschürte. Zuletzt wurden die ausgeglühten Stücke einem Schneebad unterzogen, geklopft und gefettet und tadellos befunden. Es bedurfte einiger Mühe, Beate, trotz aller selbstbeobachteten Gewaltmaßregeln, von der Tadellosigkeit ihres Eigentums zu überzeugen.

Kyrill redete ihr zu. Und er tat es mit einem so eigentümlichen Gesicht, daß Beate schließlich dachte, er müsse seine guten Gründe haben. Vielleicht traute er den Pelzen, die Nathan und Rebekka eilfertig herbeischleppten, auch nicht ganz, obgleich sie in keinem russischen Gefängnis gewesen waren. Aber es gab schließlich noch andere Liebhaber ... hm ...

Nathan Löb hatte im Auftrag von Kyrill Petulikow mitten in der Nacht zwei sehr gute Schlitten und sämtliche Pferde aufgekauft, die Simon Asser, sein Freund, vorrätig hatte. Es waren zehn. Mit den Pferden und Schlitten fuhren Nathan und sein Sohn durch die Stadt voraus, bis auf die freie Straße, die nach dem Gute Kyrill Petulikows führte. Dort sollten sie auf ihn und Beate warten.

Beate wand sich die noch feuchten Zöpfe um den Kopf und zog die Pelzmütze darüber.

Von Rahelche aufs liebevollste ausstaffiert und unter den Schwüren der Mutter, daß ihre Kleider und Pelze jetzt schöner und sauberer seien, als sie gewesen, da sie neu waren, kleidete sie sich an und war fertig, als Kyrill an die Türe klopfte.

»Mascha -- es ist die höchste Zeit ...«

»Ich bin bereit, Kyrill Iwanowitsch ...«

Es waren die ersten Worte, die Beate mit freier Stimme zu ihm sprach, seit sie das Gefängnis verlassen hatte.

»Nehmen Sie gut Abschied von Rebekka und Ihrer kleinen kranken Freundin,« sagte Kyrill Petulikow vom Schlitten herunter. »Sie sehen sie nicht wieder ...«

Er sagte es mit einer gewissen Herbheit und Bitterkeit, die Beate nicht entgingen -- aber sie fühlte, daß sie sich nicht gegen ihre Person richteten.

In völliger Dunkelheit waren sie angekommen und fuhren sie weiter. Die Stadt lag im bleiernen Schlaf, der der Trunkenheit folgt. Sie kamen an Brandstätten vorüber, die noch rauchten. Niemand kümmerte sich darum. Je mehr von den Judenlöchern niederbrannten, desto besser ...

Tausend Schritte hinter der Stadt hielten Nathan Löb und sein Sohn.

»Nathan, willst du dir fünfhundert Rubel verdienen?«

Der alte Jude blinzelte vergnügt.

»Nu, Herr -- warum sollt' ich sagen nein --? E gutes Geschäft is e gutes Geschäft, und mer kann's brauchen ...«

»Dann fährst du mit deinem Sohne querab über die Felder, bis an den Wald, der die Grenze ist zwischen meinem Gut und dem von Wladimir Prontoff -- du kennst ihn?«

»Werd' ich ihn ~nicht~ kennen ...! Hab' gemacht oft genug gute Geschäfte mit dem gnädigen Herrn von Prontoff ...«

»Und kennst auch den Wald -- und wirst ihn finden ...?«

»Der gnädige Herr kann sein ohne Sorge ... Wenn der alte Nathan Löb sagt, er kennt den Wald, dann findet er ihn auch ...«

»Gut, gut ... Dorthin also fährst du ... brauchst deine Gäule nicht zu überanstrengen ... Aber dort mußt du warten ... Vielleicht nur kurze Zeit -- vielleicht eine Stunde -- vielleicht auch noch länger ...«

»Wird der alte Nathan Löb warten, bis der gnädige Herr kommt und schickt ihn nach Hause.«