Die Flucht der Beate Hoyermann

Part 15

Chapter 153,849 wordsPublic domain

Kyrill Iwanowitsch war im Begriff gewesen, den nächsten besten Ackergaul zu nehmen, um nach der Stadt zu reiten und nach Beate zu suchen. Aber Lisa Petulikowa lag ihm mit ihrer krampfhaften Furcht vor dem Alleinbleiben vor den Füßen. Sie traute keinem Menschen außer ihm, Kate Mathew und Dmitri. Wenn alle sie zu gleicher Zeit verließen, würde sie verrückt werden vor Angst.

Also blieb er.

Das Zimmer Beatens war das einzige, von dem aus man nach der Landstraße blicken konnte, die zur Stadt führte. Kyrill Petulikow hatte es noch nie betreten. Jetzt schlich er um die Türe herum wie ein Verfluchter um die Kirchentür. Und endlich drückte er die Klinke nieder.

Das Zimmer war unverschlossen. Kate Mathew hatte keine Geheimnisse, die man mit Schlüsseln sichern konnte. Die warme Dunkelheit und der Duft des Menschen, der es bewohnte, gab ihm etwas von der Lebendigkeit des Menschen selbst. Die drei kleinen Fenster glotzten bleich und in ihrer Dreiheit gespenstisch wie die Augen eines Märchenwesens.

Kyrill Petulikow drückte den Kopf an die kühle, gleichgültige Scheibe. Er war sehr hilflos, weil er schweigsam sein mußte. Er starrte die Straße an, als sei sie verantwortlich für das, was auf ihr entlang kommen mußte -- und endlich auch kam.

Mit zwei Pferden war Dmitri fortgefahren; mit dreien kam er zurück. Kyrill Petulikow war sehr geneigt, diesen unvermuteten Zuwachs des Reichtums für ein böses Zeichen zu halten. Für sein Wesen war das Unvermutete und Unvorhergesehene auch immer das Unglückbringende.

Er lief quer durch das ganze Haus; Lisa Petulikowa öffnete ihre Türe; ein Lichtschein fiel auf die ersten Treppenstufen; die anderen verloren sich im Dämmer des Lämpchens vor dem bunten Heiligenbild.

»Kyrill --! Kyrill, wohin läufst du so --?«

»Sie kommen!« antwortete Kyrill Petulikow. Er riß seinen Hut vom Nagel und zerrte an den Riegeln der mächtigen Haustür. Lisa Petulikowa beugte sich über das Treppengeländer.

»So nimm doch den Pelz, Kyrill!« rief sie. »Willst du dir den Tod holen --? Was willst du mit dem Hut anfangen? Der Wind bläst ihn dir fort, ehe du ans Tor gekommen bist ... Um der Heiligen willen, Kyrill, laß dir den Pelz bringen! Es ist dein Ende, wenn du so hinausgehst --!«

Kyrill rüttelte an der Türe, die er nicht öffnen konnte, weil die Riegel seinen unruhigen Händen widerstanden.

Die Stimme Lisa Petulikowas jammerte fort; hinter ihrer breiten Gestalt tanzte das Licht ihres Zimmers.

»Sprich nicht zu mir, hörst du --!« schrie Kyrill Petulikow in einer plötzlichen Wildheit. Er sah seine Mutter mit einem Blick an, der sie von ihrem Posten verscheuchte. Knirschend riß er an dem trägen Eisen, das endlich nachgab. Die Türe flog auf. Im gleichen Augenblick, da Kyrill Petulikow auf den Hof hinauslief und der Schneewind ihm den Atem nahm und den Hut vom Kopfe fegte, läuteten die Schlittenglocken unter der Einfahrt in das Gut.

Kyrills Augen bohrten sich in die Dunkelheit. Er unterschied zwei Gestalten auf einem Gefährt, das nicht das seine war, und keine davon war eine Frau.

»Dmitri --!!«

Niemals in seinem Leben hatte der Diener seinen Herrn in Wut gesehen. Er hatte sich aus den Decken des Karrens befreit und war von seinem Sitz gesprungen, bevor Nathan Löb die Pferde zum Stehen bringen konnte.

Jetzt fiel er mitten im Schnee auf die Knie.

»Herr, -- Herr, ich kann nichts dafür --! Bei der Seele meiner toten Mutter -- ich kann nichts ...«

»Wo hast du die Frau gelassen --?!«

Kyrill Petulikow stand vor ihm, barhäuptig, Dampf vor dem Munde. Er schüttelte den Diener an beiden Schultern, wie ein starker Hund ein Wild schüttelt.

»Wo hast du die Frau gelassen -- du ...?!«

»Ich kann nichts dafür, Herr! -- Ich kann nichts dafür --!«

»Wofür kannst du nichts! Willst du reden? -- Wofür kannst du nichts --?!«

»Ich kann nichts dafür, Herr -- bei meiner armen Seele! -- Ich kann nichts dafür!«

Kyrill Petulikow ließ ihn los. Dmitri fiel ganz in sich zusammen und lag, ohne sich zu rühren, im Schnee, den Kopf zwischen die Hände drückend, als erwarte er einen Hieb ins Genick. Ratlos und in erbitterter Verzweiflung blickte Kyrill Petulikow auf das Bündel Menschheit zu seinen Füßen nieder, das der Schreck um jeden Rest seines Verstandes gebracht zu haben schien.

Ein vorsichtiger Finger rührte ihn an.

»Wollen wir nicht gehen ins Haus, Herr?« fragte Nathan Löb zuredend. »Es nützt nichts, daß Sie schlagen Ihren Diener zu Brei ... sind andere, die müßten zerschlagen werden, da drin in der Stadt ... Muß noch vieles geschehen in dieser Nacht, Herr, wenn es nicht sein soll zu spät ... Hat Dmitri gemeint, Eile sei das Beste ... Hat er gefahren ein Pferd zu Tode. Hat er es gut gemeint -- nu ... kann er dafür, daß er war allein und wußte nicht zu helfen sich selbst und der Herrin?«

»Wo ist sie?« fragte Kyrill Petulikow. Er hatte nichts von allem gehört, was der Jude sagte. Er hatte nur begriffen, daß der Jude etwas von dem wußte, was geschehen war -- vielleicht auch alles. Er fragte und fuhr sich mit der Hand über die Stirn, die vom Schweiße troff: »Wo ist sie --? Weißt du, wo sie ist --?«

»Gehen wir ins Haus, Herr!« bat der Jude und zerrte an Dmitri, der noch immer wie ein Sack am Boden lag. »Willst du aufstehen, alter Bursche --? Wird dich der Herr nicht fressen, weil du ein Narr gewesen bist! Steh auf -- he!«

Dmitri rührte sich nicht. Der Jude zuckte die Achseln und wandte sich ab. Kyrill war ins Haus gegangen; er wartete, in der Türe stehend, auf Nathan Löb. Als sie verschwunden waren, taumelte Dmitri von den Knien auf, klopfte sich den Schnee vom Leibe und rieb sich den Schädel. Und dann fing er die Pferde ein und brachte sie in den Stall. Aber er tat alles, als sei er betrunken. Als er fertig war, fiel er ins Stroh zwischen die Hufe der Pferde, die zu müde waren, um zu fressen. Und so schlief er ein. Denn Dmitri war über siebzig Jahre alt, und das Leben hatte ihm das Mark aus den Knochen gesogen. Er schnarchte mit offenem Munde.

Nathan Löb hatte die Haustüre hinter sich geschlossen.

»Wo ist die Frau ...?« fragte Kyrill Petulikow. Er stand mit dem Rücken gegen den Tisch im Flur gelehnt und stemmte die Hände rückwärts auf die Platte.

»Müßt' ich lügen, Herr, wenn ich wollte sagen, ich wüßte, wo sie ist,« antwortete der Jude und hob die Hände. »Aber ich hab' gesehen mit meinen eigenen Augen, wie sie ist worden verhaftet und fortgeführt ...«

»Was sagst du --?« murmelte Kyrill Petulikow und beugte sich vor.

»Ich sag' die Wahrheit, Herr -- Gott soll mir helfen!«

»Sie ist verhaftet worden --?«

»Verhaftet, Herr!«

»Aber warum -- warum! -- im Namen Gottes?!«

»Nu, Herr -- warum wird mer verhaftet in Rußland? Gott behüte, der alte Nathan Löb will nichts gesagt haben! -- Aber warum wird mer verhaftet aus heiterem Himmel als e anständiger und feiner Mensch --? Wenn mer hat e Herz für die Armen, für die Juden, die se haben ausgeräuchert, die Henker ... wollen Se verzeihen, Herr ... und für die Deutschen, denen se haben eingeschmissen die Fenster und die Türen, denen se haben angezunden die Dächer über den Köpfen, denen se haben gegossen das brennende Öl über die feinen guten Stoffe und haben e mächtiges Feuer angerichtet und hineingeschmissen alles, was hat werden können zu Asche ... Se haben können sparen für de ganze Nacht de Straßenbeleuchtung von der halben Stadt, Herr, wahrhaftig ...«

»Wo ist die Frau --?« fragte Kyrill Petulikow mit einer gewaltsamen Drehung seines Nackens. Er glaubte den Dunst des Brandes zu riechen, der schwelend aufstieg von der fernen Stadt.

»Nu, Herr ... ich hab' se gesehen, wie se gekommen is und hat gestanden neben der Frau, der se wollten das Kind wegnehmen -- wozu? Um se zu machen gefügig für die Herren ... Ich hab' se gleich gekannt -- is se doch gewesen freundlich zu mir und zu Rebekka, dem alten Trödler Nathan Löb seiner Frau, und zu Rahelche, meiner Tochter, die der Herr mit Krankheit geschlagen hat seit ihrem fünften Jahr ... Is se doch gekommen oft genug zu dem alten Nathan Löb und hat gekauft -- schöne Sachen, feine Sachen, Herr -- für e Spottpreis -- weil se is freundlich gewesen zu meinem Rahelche ... hab' ich se gleich wiedergekannt, wie se sich hat geworfen über die Frau, die der Kerl hat von sich weggeschleudert wie 'nen Sack, weil se hat verteidigt ihr Kind, ihr kleines ... ›Du Feigling!‹ hat se gesagt, was is e deutsches Wort für en Lumpenkerl -- ›Du Feigling --!‹ Und hat gedeckt mit ihrem Leibe die Frau, die gelegen hat im Dreck auf der Straße ... Is der Nathan Löb e alter Mann geworden und hat doch nie gesehen soviel Verachtung und Mut und hat noch nie gehört soviel Haß, wie is gewesen in den Augen und in der Stimme von der Frau, die immer freundlich und sanft gesprochen hat zu Rebekka, meiner Frau, und zu Rahelche, meiner kranken Tochter ...«

Der alte Nathan Löb hob beide Hände, zu Fäusten geballt, und rüttelte sie gegen einen Unsichtbaren in großer Begeisterung.

»So hat se gemacht, die Frau -- und ›Du Feigling!‹ hat se gesagt ... Es is geworden förmlich e schönes Wort, wie se das gesagt hat ...«

»Und dann?« fragte Kyrill Petulikow; die Lippen blieben ihm offen stehen.

»Nu -- hat der alte Nathan Löb gedacht ... Es is e mutige Frau, aber e unvorsichtige Frau ... hat se gemacht gemeinsame Sache mit den Deutschen ... hat se Deutsch gesprochen ... ›Du Feigling!‹ hat se gesagt ... Das wird ihr kosten den Kragen, wenn se wird erkannt als e Deutsche. Und der alte Nathan Löb hat versucht, zu machen glauben die Leut', daß die Frau is e reiche, feine Russin, die aus Mitleid sich annimmt der deutschen Weiber und Kinder ... Aber es is gewesen ze spät ... Es sind gekommen zwei Kerle, die haben verhaftet die Frau und haben se fortgeführt ...«

»Wohin --?«

»Zum -- Pristaw, Herr ...«

Der alte Nathan Löb sprach das Wort nur zögernd aus. Kyrill Petulikow starrte ihn an.

»Du weißt noch mehr ...?«

»Ja, Herr ... Ich bin ihr nachgegangen ... hab' gewartet am Tor -- e halbe Stund -- dann is se wiedergekommen ... zwischen zwei Polizisten is se gegangen ... die haben se weitergeschafft -- nach dem Gefängnis ...«

Kyrill Petulikow erwiderte nichts. Er machte eine schwerfällige Bewegung zur Seite hin. Da stand ein Stuhl am Tisch. In den ließ er sich fallen. Er stützte die Ellbogen auf die Knie und legte den Kopf in die verschränkten Hände. Sein weiches dunkles Haar fiel über seine Finger ...

Oben am Treppengeländer erschien die träge Gestalt von Lisa Petulikowa. Ihr bleiches, ein wenig gedunsenes Gesicht beugte sich aus dem Dunkel vor; sie lauschte mit offenen Lippen.

Nathan Löb wartete eine Weile. Er trat von einem Fuß auf den anderen und zermürbte die alte Pelzmütze zwischen seinen knochigen Händen.

»Herr,« fing er schließlich wieder an, »Se haben gescholten den Dmitri, weil er hat den Kopf verloren und is davongefahren ohne die Frau ... Ich hab' ihn gefragt: Dmitri, alter Esel, warum bist du davongefahren ohne die Frau, wo du hast wissen müssen, se wird kommen in Gefahr und wo's is gewesen deine Pflicht, se zu behüten vor Schaden. Er weiß nix, was is vorgegangen, in seinem dummen Schädel. Er is gefahren wie besessen und hat wollen melden, was is geschehen, auf dem Gut ... Dmitri, alter Esel, hab' ich gefragt, warum hast du nicht einfach angerufen den Herrn? -- Hat er gesagt, er weiß nicht Bescheid mit den neumodischen Erfindungen ... Nu, Dmitri, hab' ich gesagt, wollen wir hoffen, daß wir kriegen frei die junge Frau -- sonst geht's um deinen Kopf, weil der Herr wird sehr böse sein auf dich ... Aber Herr -- es wird nicht gut, was der Dmitri hat schlecht gemacht, wenn wir sitzen hier und legen den Kopf in die Hände ... Wir müssen etwas tun mit unsere zwei Händ' für die junge Frau ... noch in dieser Nacht, Herr ... Sonst bringen sie se fort -- nach Moskau oder weiter ... weil es heißt, se hat gehabt en falschen Paß und hat getrieben Spionage für die Deutschen ...«

Kyrill Petulikow stand auf und ging im Treppenhaus hin und her, mit tief gesenktem Kopfe, als suche er den Weg zur Rettung in den weißen, knirschenden Sandkörnern unter seinen Füßen.

Lisa Petulikowa schlich die Treppe hinab bis zu der Biegung, wo das Heiligenbild hing.

»Was sagt der Jude?« murmelte sie mit ihrem kurzen Atem.

Kyrill Petulikow blieb stehen. Er sah seine Mutter an, gab aber keine Antwort. Nathan Löb bückte sich bis zur Erde. Er zog sich nach der Tür zurück.

»Nun, Kyrill ...«

»Sie ist verhaftet worden,« sagte Kyrill Petulikow.

»Verhaftet -- wer ...«

»Sie -- Kate Mathew ...«

»Kate Mathew --? Warum, um der Heiligen willen --?!«

Kyrill Petulikow sah seiner Mutter in das bleiche, schlaffe, ein wenig gedunsene Gesicht. Vielleicht kam ihm für einen Augenblick der Gedanke, sich mit allem, was er fühlte, mit allem, was nun zu einer Tat werden mußte, der Frau anzuvertrauen, die seine Mutter war. Und vielleicht hätte Lisa Petulikowa, die trotz ihrer Trägheit und Eigensucht gutmütig und leicht zu rühren war, die Probe bestanden. Aber Kyrill Petulikow wagte die Probe nicht. Es stand zuviel auf dem Spiele, um es von der Laune einer kranken Frau abhängig zu machen. Und Kyrill Petulikow wußte auch, daß Frauen nicht immer gerecht sind, wenn es sich um eine Frau handelt.

»Mach dich fertig, Mutter,« sagte er mit einem plötzlichen Entschluß, »du mußt noch in dieser Nacht zur Stadt und weiter -- mit dem nächsten Zug, der nach Moskau fährt ...«

»Warum?«

»Du bist hier nicht sicher genug ... Es ist -- es ist etwas vorgefallen, das mich fürchten läßt, man werde uns auch hier auf dem Gute belästigen ... Kate Mathew ist als Ausländerin erkannt und festgehalten worden ... Ich wünsche nicht, daß du in die Angelegenheit verwickelt wirst ... In Moskau, bei deiner Schwester, bist du davor sicher ... Du hast eine Schlittenfahrt vor dir, die ein wenig beschwerlich sein wird -- und dann eine Reise -- nun ja ... aber das ist das kleinere Übel -- nicht wahr? Es wird mich beruhigen, wenn du in Sicherheit bist.«

»Und du -- was willst du tun?«

»Ich komme dir nach, sobald ich kann.«

»Und Kate Mathew?«

Kyrill Petulikow zuckte die Achseln. »Ich werde den englischen Konsul benachrichtigen -- mehr kann ich für sie nicht tun ... Es wird sich alles aufklären ...«

Lisa Petulikowa sagte nichts mehr. Sie stieg die Treppe wieder hinauf und rief nach ihrer Jungfer.

Nathan Löb machte ein schlaues und sehr zufriedenes Gesicht.

Kyrill Petulikow stand einen Augenblick, die Hand vor der Stirn; und sah ins Leere. Dann schien er mit sich im klaren zu sein. Das machte ihn still und gab ihm seine Sanftheit wieder.

»Du wirst mit uns fahren,« sagte er zu dem Juden. »Und du wirst mir helfen, nicht wahr? -- Weil die fremde Frau freundlich zu dir und deiner Frau und deiner kranken Tochter gewesen ist ...«

»Herr, wenn ich nicht helfen wollte mit allem, was der alte Nathan Löb vermag -- wär' ich dann hergekommen?«

»Es ist gut,« sagte Kyrill Petulikow mit einem flüchtigen Lächeln. »Sag dem Dmitri, er soll die Pferde einspannen ... Sie werden müde sein; aber das hilft nichts. Wir werden sie wechseln und ihre Hälse in acht nehmen ... Nun geh ...«

Nathan Löb zog sich die Pelzmütze über die Ohren und ging. Er mußte wacker schreien, bevor er den schnarchenden Dmitri wach bekam. Der kratzte sich den Pferdemist, in dem er gelegen hatte, aus den Haaren und machte sich wortlos daran, den Befehl seines Herrn auszuführen. Hätte er ein besseres Gewissen gehabt, so würde er sich wahrscheinlich geweigert haben, die Pferde noch einmal in die Nacht hinauszujagen. So aber schwieg er. Nathan Löb schleppte alles Stroh, dessen er habhaft werden konnte, zusammen und polsterte den Karren damit aus. Er wünschte, daß Lisa Petulikowa möglichst wenig Grund zu Klagen haben sollte, denn er hoffte, dann würde sie auch wenig fragen.

Kyrill Iwanowitsch nahm alles Geld, das er im Hause hatte, legte einen Teil für Lisa Petulikowa beiseite und steckte das übrige zu sich. Er wußte, er würde es brauchen. Obgleich er sich beeilte, das Notwendige erwog und tat und nichts vergaß, war über seinem Gang und seinen Händen etwas von dem Wesenlosen einer Maschine. Er war wie ein Mensch, der weiß, daß er wach ist, und hofft, daß er träumt -- er überlegte jeden Schritt der nächsten zehn Stunden mit dem heimlichen Gedanken: Vielleicht habe ich ihn nicht nötig. Und sein Verstand sprach über diese Gedanken fort: Dies und noch viel mehr ...

Zuletzt ging er in das Zimmer, das Kate Mathew bewohnt hatte. Er nahm alles, was er an beschriebenen Papieren fand, ihr Ausgabenbuch, den kleinen Kalender, auf dem sie sich Notizen gemacht hatte -- selbst das Löschpapier ihrer Schreibmappe. Er machte ein Bündel daraus, das er verschnürte und versiegelte und mit sich nahm. Als er an der Türe stand, sah er sich noch einmal in dem weiten und niedrigen Raume um, neigte sich, als stünde er vor Lebendigem, löschte das Licht und schloß die Türe hinter sich.

Er ging die Treppe hinunter und rief nach Lisa Petulikowa. Es war nicht mehr weit von Mitternacht, aber niemand vom Gesinde hatte sich schlafen gelegt. Die Mädchen drängten sich im Winkel der Treppe zusammen. Sie fürchteten sich und schienen darauf zu warten, daß jemand sie beruhigte. Aber keiner dachte daran. Die Älteste betete ununterbrochen, ohne zu wissen, was sie sagte. Als Lisa Petulikowa aus ihrem Zimmer trat und, fast unkenntlich in ihren Pelzen, mit Augen, die von der Überstürzung aufgerissen und blöde zugleich erschienen, die Stufen herunterkam, brachen die Mädchen grundlos und dennoch einmütig in ein jämmerliches Geheul aus.

»Ja, ja, meine Kinder,« stammelte Lisa Petulikowa, mehr erschreckt als gerührt, mit einem Blick auf ihren Sohn, der schon wartend an der Türe stand, »ja -- weint nicht ... Warum weint ihr? Ich fahre nach Moskau ... was weiter? Seid nicht närrisch, meine Kinder ...«

Aber nun fand sie selbst, daß sie bejammernswert sei, und weinte heftig. Die Gebete der ältesten Dienerin wurden fast zu Beschwörungen. Die Grundlosigkeit und Heftigkeit dieses Jammers gab dem Abschied Lisa Petulikowas ein Gewicht, als sei er nur die Vorbereitung zu wahrhaftem Unheil, das gewiß kommen würde. Nur Wassilissa, die Jungfer, hatte blanke, freche Augen. Sie freute sich auf Moskau, das bei Gott ein lustigerer Aufenthalt war als dieser Kuhstall zwischen Feldern und Wald.

Sie war die einzige, die mit leichtem Herzen in die Nacht hineinsah.

An den Köpfen der Pferde stand Dmitri und schien bereit, vor seinem Herrn abermals auf die Knie zu fallen.

»Laß, laß --!« sagte Kyrill Petulikow. »Höre, was ich dir sage, Dmitri ... Es ist sehr ernst und wichtig, und du wirst gut aufpassen, verstehst du ...«

»Ich will ewig verflucht sein, Herr ...«

»Laß das -- höre! Du wirst wach bleiben während der ganzen Nacht. Du wirst an der Türe sitzen und warten, ob ich wiederkomme. Und wenn du mich rufen hörst, öffnest du die Türe und wirst tun, was ich dir sagen werde, ohne dich einen Atem lang zu besinnen ... Wenn aber nach mir -- noch in dieser Nacht oder morgen früh -- ein Mensch kommt und fragt dich nach dem, was in dieser Nacht geschehen ist, so hast du geschlafen und weder gehört noch gesehen, was vorgefallen ist. Du wirst sagen, Lisa Petulikowa und ich seien fortgereist, doch du wüßtest nicht wohin und noch weniger, wann wir wiederkämen ... Hast du mich verstanden?«

»Ja, Herr.«

Drei Minuten später fuhren sie davon. Lisa Petulikowa, ihr Sohn und der Jude. Kyrill hörte noch, wie Dmitri die Haustür schloß und die Riegel vorschob. Er wußte, daß das Haus in Flammen aufgehen konnte, aber Dmitri würde auch dann seinen Posten nicht verlassen.

Wassilissa, die zu den Füßen ihrer Herrin im Stroh kauerte, schlief ...

Kyrill Petulikow spürte den Wind in seinem Gesicht. Er kam von Westen und roch nach Schnee.

Kyrill Petulikow dachte an die Frau, um derentwillen er diese Fahrt unternahm.

»Sie wird wissen, daß ich alles für sie tun werde, was ein Mensch tun kann,« ging es ihm durch den Kopf. »Darum wird sie mutig sein und warten ...«

Der Gedanke machte ihn ruhig. Aber er irrte sich. Beate Hoyermann wartete nicht auf ihn ... Und sie war auch nicht mutig.

Sie war es gewesen; ja. Sie hatte sich bei dem ersten Verhör, dem man sie unterzog, ganz aufrecht gehalten bis zum letzten Augenblick. Auch als sie merkte, daß sie verloren war. Auch als sie das sicher wußte.

Sie hatte sich von den Polizisten fortführen lassen und nicht den geringsten Widerstand geleistet, als der eine ihr die Faust zwischen die Schultern stieß: »Vorwärts, deutsches Schwein -- soll ich dir Beine machen?«

Sie war still geblieben, als man sie durch die Straßen schleppte und das Volk, das von der Plünderung der deutschen Läden, dem Feuer und ihrer Beute, von dem Rausch der Nacht und Grausamkeit noch trunken war, auf sie aufmerksam wurde, ihr nachzulaufen begann und seine Wut und seine Freude johlend über sie ergoß.

Es war nicht bei Worten geblieben, freilich, nein ... Sie hatten wissen wollen, warum man die Frau ins Gefängnis führte. Nikolai Sontscheff hatte sein Licht leuchten lassen. Noch etwas zerkratzt von seinem Kampf mit dem stärkeren Gegner, stieg er auf den Vorsprung eines Kellerfensters, schwang die Arme durch die Luft und brüllte ...

»Das, teure Freunde, war eine deutsche Bestie, die das heilige Rußland an seine Feinde verriet. Eine Spionin, Herzensbrüder --! Die Geliebte eines Großfürsten, die in einer Nacht das Einkommen von zwei Ministern verspielte -- eine von denen, die schuld daran waren, daß das Volk hungerte --! Hört ihr wohl, sie hat Papiere gestohlen! Festungspläne hat sie gestohlen und an die Deutschen ausgeliefert --! Sie hat sich eingeschlichen und Rußlands Gastfreundschaft mißbraucht --! Sie hält es mit den Juden und liefert ihnen kleine Christenkinder ans Messer --! Betet zu allen Heiligen, daß man sie aufhängt an einem doppelten Strick, der ganz gewiß nicht reißt --! Hängen soll sie, die Bestie!«

Nikolai Sontscheff war so betrunken, daß er sich zwischen jedem Satz seiner geifernden Wut erbrach. Schließlich verlor er das Gleichgewicht auf seinem erhöhten Standpunkt, stolperte und fiel vornüber. Niemand kümmerte sich um ihn. Er blieb im Schnee und Schlamm liegen und schluchzte in herzzerreißendem Mitleid mit sich selbst. Endlich schlief er ein. Einer seiner guten Bekannten hatte nur auf diesen Augenblick gewartet, um sich in voller Ruhe über ihn herzumachen und ihm die Taschen auszuleeren. Er hatte ein gutes Ergebnis, denn Nikolai Sontscheff war bei der Plünderung eifrig tätig gewesen ...

Kein Mensch hatte ein Wort von dem geglaubt, was der Betrunkene über die verhaftete Frau an Unflätigkeiten ausgeschüttet hatte. Aber seine Rede war doch ein willkommener Anlaß gewesen, schmutzige Klumpen harten Schnees von der Straße aufzuraffen und sie der Frau, die einen Pelz und einen Schleier trug, an den Kopf zu werfen. Die Polizisten, die sie führten, ließen das Volk gewähren, bis ein ungeschickt gezieltes Wurfgeschoß dem einen die Mütze vom Schädel schlug. Mit einem Fluch wandte sich der Getroffene gegen die Nachdrängenden; -- sie wichen zurück. Sie begnügten sich damit, der Verhafteten das Geleite zu geben, bis das Gefängnistor sich hinter ihr schloß.

Mit einer wunderlichen krampfartigen Neugier hatte Beate ihre Umgebung betrachtet. Das Grausen, das sie aus hundert russischen Schilderungen zorniger oder entsagender Dichter von den Gefängnissen des Zarenreiches in sich hinein gelesen, stellte sich noch nicht ein. Sie war sich noch nicht klar geworden, in welcher Lage sie sich befand. Noch schien alles ein Scherz zu sein -- ein schlechter und roher Scherz vielleicht ... Aber kein Ernst -- o nein ... Sie würde eine Nacht hier zubringen müssen; man würde sie abermals verhören und sich davon überzeugen, daß sie wahrhaftig keine Spionin sei -- und dann würde man sie wegschicken ... Ob Dmitri freilich so lange warten würde --?

Armer Bursche ...

Sie hatte noch Zeit, an ihn zu denken, fast mit einem Lächeln. Aber nicht lange mehr.