Die Flucht der Beate Hoyermann
Part 18
Wirst du aushalten? Wirst du gehorsam sein bis zum Ende? Wirst du mir dienen und die Luft beherrschen? ... Die Maschine donnerte und heulte ein einziges erschütterndes Ja ...
Und Beate glaubte ihr.
Je ruhiger sie wurde, desto stärker wurde sie sich des Erlebnisses dieser Stunde bewußt. Sie schaute.
Da waren dunkle und lichte Flecken in der ungeheuren Leere des Raums vor ihr. Wolken? Sie rasten darauf zu ... Nun spülte es um sie her, wehende Nebel ... Nässe, eisige Kälte ... Was war das --? Sie bekam den Wind nicht mehr von vorn -- seitwärts drückte er sich gegen sie an ... Der Apparat zitterte heftig, er schwankte ...
Die Todesangst krallte sich um das Herz der Frau; sie öffnete die Lippen zu einem Schrei des Entsetzens ... Aber sie hatte keinen Atem zum Schreien ... Sie klammerte die Hände um den federnden Stahl, der ihr als Stütze diente, schloß die Augen und überließ sich dem Sterben ...
War es nur das Gefühl ihrer Ohnmacht, der körperlichen Schwäche -- oder war es Wirklichkeit, daß der riesige Stahlvogel um sich selbst gewirbelt wurde wie ein Stein, der in einen Strudel fällt --? Tanzte das donnernde, heulende Menschengeschöpf auf den schiefen Wänden dieses Luftwirbels den grausigen Todestanz --?
Das Flugzeug schwebte nicht mehr auf seinen weitgespannten Flügeln -- es taumelte, es rollte wie ein schlechtgeladenes Schiff herüber, hinüber ... Wie die Saiten einer übergewaltigen Harfe summten und schwangen die Drähte ... Aber sie hielten -- sie hielten sich gut ...
Und plötzlich ... sank es nicht, nein -- es fiel, fiel wie ein Sack, lotrecht hinunter, als fiele es in einem luftleeren Raum ... Die Luft trug es nicht mehr -- sie war gleichsam nicht mehr da ... nicht die Zeit noch die Tiefe dieses Fallens ließen sich messen ...
Beate hatte ein Gefühl, als sollte ihr der Sturz die Eingeweide aus dem Halse jagen. Sie biß die Zähne tief hinein in ihre Lippen; in eisigen Strömen rann ihr der Schweiß über das verzerrte Gesicht ... Sie dachte: Gott ist nicht in der Welt ... nirgends ist Gott ...
Und dann schwebten sie wieder.
Nach der gräßlichen Leerheit des Luftloches war es nun, als glitte das Flugzeug auf tragenden Wellen Wassers dahin ...
Triumphierend brüllte die Maschine ...
Beate brach in Tränen aus. Sie machte nicht die geringste Bewegung, sich diese Tränen abzuwischen -- mochten sie laufen! Es war schön, zu weinen -- es war wunderschön, ganz einfach loszuheulen ... Alles war schön -- das Leben, das Atmen, das Fliegen ... Sogar die Kälte, der Wind und der Ölgestank waren schön ... Alles wirkte so unsagbar versöhnlich, zum Lächeln und Weinen lockend. Ja, mein Gott -- Nathan Löb hatte Unrecht ... deine Welt ist ein herrliches Geschöpf ...
Eine Menschenstimme gröhlte hinter ihr ... Ja so, der Kyrill --! Der Kyrill Iwanowitsch Petulikow! Der sorgte sich um sie und wollte wissen, ob sie noch lebte! Keine Angst, du lieber, guter Kerl --! Ich lebe! Und ob ich lebe! Jauchzend, jauchzend lebe ich --! Hei --!
Sie winkte mit der Hand nach rückwärts. Sie verspürte eine sehr ausgeprägte Lust zum Singen. Aber es singt sich schlecht mit einem Wollschal von drei Meter Länge und entsprechender Breite rund um den Kopf gewickelt. Also ließ sie es bleiben. Sie würde noch Zeit zum Singen haben -- noch viel, viel Zeit ... Wie alt war sie? Vierundzwanzig Jahre kaum -- noch viele tausend Tage lang konnte sie singen ...
Wie lange flogen sie nun schon? Sie konnte die Zeit nicht raten. Und die Winternacht war unendlich lang ... Wo waren sie? Hatten sie sich trotz des wütenden Kampfes mit der Luft in gerader Richtung halten können? Flogen sie nach Westen, nach Deutschland -- Herrgott in deiner blauen Höhe! -- nach Deutschland zu --?!
Wieviel Kilometer durchrasten sie in einer Stunde? Würden sie unterwegs landen müssen, um Benzin zufassen -- oder trug die Maschine Kyrill Iwanowitschs genug von ihrer Nahrung bei sich, um achthundert Kilometer zu überwinden?
Übrigens -- Nahrung ... Es war schon eine gute Weile her, seit sie zum letzten Mal gegessen hatte. Das fiel ihr jetzt ein -- keineswegs zur rechten Zeit, wie sie meinte. Aber zum Kuckuck, das fehlte noch, daß sie nicht einmal vierundzwanzig Stunden fasten konnte, wenn es nach Hause -- nach Hause ging ...
Sie flogen so hoch, daß sie die Erde nicht erkennen konnte; sie waren über den Wolken, manchmal versanken sie ganz darin. Dann tauchten sie wieder auf und erblickten den reineren Himmel. Es war sehr viel stiller geworden. Die Heftigkeit des Windes flaute mehr und mehr ab; nur tief unter ihnen jagte er Schneelasten vor sich her; das war schön anzusehen ...
Alle Märchen aus Tausendundeine Nacht, alle erfüllten Sehnsüchte der Kindheit des Menschen drängten sich zusammen in diesem königlichen Schweben eines Geschöpfes aus stählernstem Stahl, von Menschen geschaffen. Beate beugte den Kopf zurück und sah in den Himmel hinauf, dessen bläuliche Schwärze alle Sterne verschluckt zu haben schien. Er war ganz lichtlos und unbeschreiblich ernst ...
Sieh mich nicht streng an, dachte Beate. Ich gehe nach Hause ... nach Hause ...
Mit einem Male weiteten sich ihre Augen. Was war das -- was war das --?!
»Kyrill! Kyrill, was ist das --? Oh -- oooh!«
Vor ihnen, über dem wallenden Ziehen der Schneewolken, erhob sich etwas -- ein Berg? Ein Riesenfelsen --? Nein, nein, es hätte denn ein Wunder geschehen müssen, das den gewaltigsten Giganten des Himalaja hierhergezaubert hätte ... Noch schien es grenzenlos fern und füllte dennoch aufragend allen Raum zwischen Erde und Himmel. Es ruhte in unerschütterlicher, erhabenster Gelassenheit mit seiner Grundfläche tief unter den ziehenden Wolken und hob einen Gipfel -- einen einzigen, doch war er von zackiger Krone gekrönt -- in das verblassende Dunkelblau des Himmels hinauf.
Und dieser gekrönte Gipfel, der so weiß war wie die Brustfedern eines weißen Schwans, begann zu glühen -- er wurde ganz Glut, goldenste Glut. Und über ihm der Himmel tönte sich lichter und lichter, bis er zu einer Kuppel wurde, die aus einem einzigen Türkis geschnitten schien. Von dem Gipfel des fernen Riesen floß das helle Glühen breit ausgegossen über seine Hänge, und Hunderte, Tausende von zarten Wolken lösten sich gleich einem Schwarm von Flamingos aus dem Meer der tiefer ziehenden, bis der stählerne Vogel unter dem Himmel aus Türkis in einem Lichte schwamm, das seinesgleichen auf der Welt nicht hatte, außer in der Farbe milder Rosen.
Die Sonne war aufgegangen und warf den Schatten des Flugzeugs in weichstem Blau über die durchglühten Wolken.
Der Schneeriese der Ferne löste sich auf und verschwand. Die Offenbarung der Schönheit zerstörte sich selbst. Das Flugzeug stieg abermals und suchte die höheren Höhen mit der Kraft und Sicherheit des Adlers.
Beate schloß die Augen und neigte den Kopf auf die Seite. Eine große Müdigkeit kam über sie; die Erschöpfung des Grauens, der Verzweiflung und der Angst des Fliehens hatte der süßeren und beinahe tieferen des Erlöstseins Platz gemacht. Das gleichmäßige, sehr tiefe Brummen des Motors verklang immer ferner und ferner. -- Sie schlief ein ...
Was sie weckte, war ein Schuß.
Sie öffnete die Augen, doch nur, um sie gleich wieder geblendet zu schließen. Denn die Sonne stand ihr gerade im Gesicht. Sie brauchte einige Minuten, um sich zurechtzufinden. Sie blickte sich um --: wo waren sie --?
Das Meer von Schneewolken unter ihr war verschwunden; sie konnte die Erde sehen; doch flog ihr stählerner Vogel noch viel zu hoch, als daß sie mehr zu unterscheiden vermocht hätte als dunklere und hellere Flächen, zumal die Sonne schräge, blitzende Bänder dazwischen spann.
Aber eines sah sie ... von der Erde unter ihr löste sich eine winzige weiße Wolke -- und Sekunden später vernahm sie den Knall eines Schusses ... galt das ihnen? Hatte man sie entdeckt --? Und wenn: kam der Schuß aus russischem oder -- lieber, lieber Gott! -- kam er aus einem deutschen Geschütz --?!
Sie machte eine Kopfbewegung zur Seite hin -- im gleichen Augenblick hörte sie die brüllende Stimme Kyrill Petulikows, der sie anrief.
Sie gab ihm mit der Hand ein Zeichen, daß sie ihn hörte, und wandte ihm so weit als möglich das rechte Ohr zu.
Er brüllte: »Nehmen Sie das weiße Tuch, das zu ihren Füßen liegt, und lassen Sie es seitwärts flattern ... Wir sind über der deutschen Grenze und werden beschossen und von deutschen Fliegern verfolgt ...!«
Beate bückte sich und riß das Tuch empor; es war aus leichter, weißer Wolle und flog ihr fast aus der Hand, als sie sich damit über den Rand ihres Sitzes beugte.
Gleichzeitig spürte sie, wie das Flugzeug sich tiefer schraubte, und als sie unwillkürlich nach der Höhe zurückblickte, aus der sie kamen, entdeckte sie über sich, so nahe, daß sie die Gesichter des Fahrers und des Beobachters im Gestänge des Apparats erblicken konnte, ein anderes Flugzeug -- und an den Enden seiner starren Schwingen das Zeichen des Eisernen Kreuzes ...
Da lachte Beate Hoyermann aus ihrem tiefsten Herzen auf und ließ ihre weiße Fahne flattern ...
O, schön war das anzusehen, wie sich über ihr, unter ihr, neben ihr die deutschen Stößer sammelten, schwebten und wachten, daß ihnen die Beute nicht entkam.
Kyrill Petulikow drosselte den Motor ab -- Beate schloß die Augen -- he, wollte sie zum Schluß noch schlapp werden --?! In sausendem Gleitflug glitten sie in die Tiefe ... es war, als sause ihnen die Erde entgegen zu unabwendbarem Zusammenprall ... Aber die Maschine gehorchte der Menschenfaust und schwebte noch einmal, wich und lief ... sprang federnd über die Erdschollen -- stand ...
Hunderte von Menschen rannten auf den Apparat zu. Soldaten in fremden, graugrünen Uniformen ... Waren das Deutsche?
Beate versuchte sich aufzurichten; es gelang ihr nicht. Die Knie versagten ihr den Dienst. Kräftig gehoben und geschoben von unbedenklichen Fäusten, wurde sie aus ihrer Haft befreit und wußte noch immer nicht, ~wer~ sie befreite ...
Bis einer der Soldaten ihr ins Gesicht sah und laut und fröhlich zu seinen Kameraden sagte: »Nu kiek mal, Franz -- det is ja 'n Mächen --!!«
Da wußte Beate, wo sie war ...
10
Beate hatte einen wunderschönen Traum.
Sie stand auf einem Turm -- oder der schmalen Spitze eines Berges, schwindelfrei, leicht und glücklich, und fühlte den Wind, der ihr weich um die Schläfen spielte. Unter ihr in grenzenloser Tiefe lagen Wälder, Felder, Wiesen; die Obstbäume blühten. Über einen blanken, blauen See glitt ein weißes Segel -- das sah sehr lieblich aus.
Und mit einem Male tauchten aus dem blanken, blauen See Hunderte und Hunderte von weißen Schwänen auf, als würde jede Welle, die das Boot mit dem gleitenden Segel schuf, zu einem weißen Schwan. Und die weißen Schwäne hoben sich aus dem Wasser und flogen mit einem weiten, starken Flügelschwung aufwärts und der Höhe entgegen, auf der Beate stand. Es waren ihrer so viele, daß sie zusammen wie eine einzige schimmernde Wolke erschienen, und sie flogen einmütig und schön zu ~einem~ Ziele.
Aber als sie näher kamen, verwandelten sie sich abermals und wurden zu Hunderten und Hunderten von Flamingos, deren Gefieder die Farbe von milden Rosen hatte. Und sie erreichten Beate und schwebten um sie her, immer engere Kreise ziehend -- und endlich waren sie ihr so nahe, daß ihre Schwingen Beatens Füße streiften.
Und in diesem Augenblick schien der Berg oder der Turm, auf dem sie gestanden, unter ihr wegzusinken, und sie schwebte frei in der Luft, getragen und gehütet von den rosenroten Schwingen der Wundervögel. Und sie ließ sich ruhig sinken und lag mit ausgebreiteten Armen auf dem Rücken und fühlte die ganze tiefentzückte Seligkeit des Fliegens, das die Vögel selber haben, wenn sie die Luft mit ihrem klingenden Schrei erfüllen ...
Und dann erwachte sie ...
Sie war nicht ohnmächtig gewesen, o nein; sie hatte ganz einfach geschlafen. Köstlich geschlafen wie ein Kind ... Es war ihr nur nicht ganz klar, wie sie in das Bett geraten war, in dem sie diesen kostbaren Schlaf vollbracht hatte ... Sie hob den Kopf und sah sich um.
Das war nicht so leicht. Sie mußte über einen Berg von Federbetten hinweg -- oha! was für Federbetten! Jedes wog einen Viertelzentner, schlecht gerechnet. Und dann hatte sie einen Wärmkrug an den Füßen; das war sehr mollig. Im übrigen konnte sie von ihrem Asyl nichts entdecken als den spielenden Feuerschein an der niedrigen, schneeweißen Decke, als die rosenroten Rosen und die himmelblauen Vergißmeinnicht, die, von sinnigen Sprüchen umrahmt, im Innern der mächtig hohen Bettstatt gemalt waren, als ein Fenster, das die Eisblumen in funkelndes Kristall verwandelt hatten -- und einen Riesenschrank, gleichfalls herzerfrischend bemalt und mit einem Schlüssel abgeschlossen, der dem St. Peters an der Himmelspforte an Gewicht wenig nachgab.
All das war schön; aber das Schönste war, daß draußen vor der Türe jemand in scharfem Flüsterton sich folgendermaßen äußerte: »Damliches Kamel, mußt du mit deinen Riesenlatschen auftrampeln wie'n Nilpferd --?!«
Herrgott, war das schön ...
Mit einem schluchzenden Lachen wandte Beate den Kopf zur Wand. Ach --! sie war glücklich! Sie war glücklich! Daheim war sie ... daheim ...
Liebes damliches Kamel, trample du ruhig auf, soviel es dir Freude macht ... Wenn du mich zu solchem Erwachen weckst, dann soll dich keiner darum schelten ...
Sie war so munter, als hätte sie vierundzwanzig Stunden geschlafen; nur die Glieder schmerzten sie und hingen an ihr wie taub. Nun, man macht nicht umsonst einen Flug von tausend Kilometern, vom Herzen Rußlands bis nach Deutschland hinein. Aber das schadete nichts. Sie war auf ihre Schmerzen so stolz, als seien die ihre Erfindung ...
Sollte sie rufen? Nein ... Sie war sehr geneigt, die Dinge auf sich zukommen zu lassen. Alles, was kam, mußte schön sein ... Denn sie war daheim -- sie war daheim ... Wenn sie ein Vogel gewesen wäre -- sie hätte sich aus den drei Worten ein Liedchen gemacht und es unaufhörlich gesungen.
Noch eine kleine Weile -- nur noch eine kleine Weile in diesem lässigen Hingegebensein ...
Dann wollte sie fort. Es konnte sie ja keiner mehr hindern, in ihrer Heimat zu wandern, wohin sie wollte. Wohin wollte sie? Nach Berlin ... Da gab es Menschen, die ihr sagen würden, wo Gerhard war ... Und wenn sie ihr sagen mußten, daß er nicht nach Deutschland gelangt sei ... Nun, dann würde sie auf ihn warten und in der Zwischenzeit beide Hände kräftig rühren. Arbeit gab es genug ... Und sie war nicht umsonst zwei schwere Jahre lang die beste Kraft in Doktor Heßreuters Klinik gewesen.
Und wenn sie hören würde, Gerhard sei zurückgekommen und ins Feld -- und sei gefallen ...
Ja so ... ja ...
Es war noch nicht die Zeit, von weißen Segeln und Schwänen zu träumen; noch nicht die Zeit der sieghaften Gewißheit. Nur des Hoffens -- nur des Hoffens. Und der Arbeit und der Zuversicht ...
Leise und noch ein wenig mit zerschlagenen Knochen stand sie auf, flocht sich das Haar und tauchte mit halbem Leibe hinein in ein Ungetüm von Waschschüssel, deren herzerfrischender Inhalt sie völlig munter machte. Sie kleidete sich an und öffnete die Stubentür. Der Gang davor war mit roten Ziegeln ausgelegt, und es duftete im Hause nach Holzbrand und frischem Kaffee.
Ihr gegenüber war ein weißes Schild über der Türe angebracht, darauf stand: Gastzimmer. Sie war also in einem kleinen Wirtshaus. Sehr schön! Dann würde sie ja wohl auch endlich etwas in den Magen bekommen. Das hatte sie redlich verdient.
Sie trat in das Gastzimmer; eine kleine vergnügte Glocke über der Tür verkündigte ihren Eintritt mit lang anhaltendem Gebimmel. Die Stube war leer; aber ein breites Fenster, das von ihr nach der Küche zu führte, wurde schleunigst aufgeschoben, und eine kleine, dicke Wirtin mit Backen wie die blankgeriebenen Weihnachtsäpfel, einem blonden Ringelzöpfchen hoch droben auf dem Kopf und dem gutmütigsten Lächeln von der Welt fragte aufmunternd, ob die gnädige Frau was zu essen haben wollte.
»Und ob!« antwortete Beate.
Die beiden Frauen lachten sich an; warum Beate lachte, das wußte sie. Aber die liebevolle Fröhlichkeit der Wirtin konnte sie sich nicht recht erklären. Doch sie tat ihr zu wohl, als daß sie sich versucht gefühlt hätte, nach ihrer Ursache zu forschen.
Während sie auf das Essen wartete, kniete sie auf der Bank am Fenster und hauchte ein Guckloch in die Eisblumen hinein. Sie wußte nicht, wo sie war. Das brauchte sie vorläufig auch noch nicht zu wissen. Innerhalb der deutschen Grenze -- das war genug. Sie kam sich vor wie eine Prinzessin, die durch die Luft entführt wurde und im Unbekannten landete. Doch war der Empfang ein zu liebevoller gewesen, als daß sie sich um das Weitere hätte sorgen müssen.
Sie dachte an Kyrill Petulikow; wo der wohl stecken mochte. Sie hatte ihm noch nicht einmal gedankt. Und sie schüttelte den Kopf über sich selbst, weil sie fühlte, daß dieser Mann, der sein Leben für sie gewagt hatte, der sie mit einem kleinen Vermögen freikaufte und sein Besitztum um ihretwillen der Plünderung und dem Brande überließ -- der sie liebte mit einer großen Liebe, ehrfürchtig und ernst, -- daß der nun aus ihrem Leben gehen würde -- und es schmerzte sie nicht.
Das Gefühl, das sie für ihn hegte und über das sie sich klar werden wollte, war nicht frei von einem schmerzlichen und ungeduldigen Zorn. Wie alle glücklichen Menschen hielt sie das Glück für eine Willenssache und vergaß, daß es eine Eigenschaft ist wie jede andere auch.
Über ihrem Grübeln hatte sie nicht gehört, daß die Türe aufgegangen war, und wandte sich erst, als sie angerufen wurde.
»Guten Morgen, Mascha!«
Sie streckte ihm die Hand entgegen.
»Guten Morgen, guten Morgen, Kyrill Iwanowitsch! Wie geht es Ihnen?«
»Wie geht es ~Ihnen~, Mascha?« fragte er lächelnd dagegen und hielt ihre Hand fest.
»O Kyrill Iwanowitsch -- ich bin in Deutschland ... Was soll ich Ihnen weiter sagen?«
»Nichts, nichts -- das ist genug, nicht wahr? Sie sehen wohl aus, Gott sei Dank! Und Sie haben rund zwanzig Stunden geschlafen ...«
»Nein!«
»Ja ... Sie taten recht daran. Sie haben wahrhaftig genug hinter sich, Mascha, meine liebe Schwester ...«
Sie sah ihn an. Nun ergriff er sie doch mit seinem russischen glücklosen Lächeln, das voller Güte war. Aber Beate Hoyermann hatte eine ehrliche Seele.
»Seien Sie nicht so freundlich zu mir, Kyrill Iwanowitsch,« sagte sie und rüttelte leise seinen Arm. »Kurz ehe Sie kamen, war ich in meinen Gedanken ungerecht gegen Sie.«
»Das können Sie nicht sein, Mascha.«
»Doch, doch, doch --! Kommen Sie mir jetzt nur nicht mit Ihrer russischen Gottähnlichkeit aus der Karwoche! Ich ~war~ ungerecht, denn niemand kann aus seiner Haut heraus -- und obwohl ich das weiß, hatte ich eine kleine Wut auf Sie ...«
»Warum, Mascha?«
»Warum ... Weil Sie unglücklich sind, Kyrill Iwanowitsch -- darum!«
Sein Lächeln verstärkte sich.
»Machen Sie mir daraus einen Vorwurf?« fragte er und setzte sich ihr gegenüber.
»Ja -- gewiß! Lieber Kyrill, manchmal habe ich Sie im Verdacht, daß Sie in Ihre Traurigkeit verliebt sind.«
Er wiegte den Kopf. Er lächelte, und seine rechte Hand, die auf dem Tische lag, zeichnete die Maserung des Holzes nach.
»Vielleicht haben Sie da gar nicht Unrecht, Mascha,« antwortete er. »Es liegt dem Russen vielleicht im Blute. Was können wir dafür? Wir sind kein fröhliches Volk und haben gute Gründe. Aber wir haben uns daran gewöhnt und lieben unsere Schwermut, wie andere Völker ihre Laster lieben. Das heißt, wir haben aus der Not eine Tugend gemacht ... Vielleicht kommt für uns einmal eine Zeit, in der wir von uns selbst erlöst werden ... Dann werden wir glücklich sein und unser Glück lieben. Jetzt sind wir noch sehr weit davon entfernt ... Lassen Sie uns nur, Mascha, liebe Schwester -- und vor allem: lassen Sie mich. Es ist alles gut, wie es ist ... Und das Maß meiner Traurigkeit, die Sie mir zum Vorwurf machen, geht nicht über die Grenze hinaus, an der die Schönheit verletzt wird. Wenn ich mich nie in schlechterer Gesellschaft befinde als in der meiner Schwermut, so will ich ganz zufrieden sein ...«
»Ich habe Sie verletzt,« sagte sie leise. Die Tränen traten ihr in die Augen.
»Gott im Himmel, Mascha -- nein! Wie kommen Sie auf diesen Gedanken?«
»Ich bin ungeschickt, ich weiß es,« fuhr sie fort und senkte den Kopf mit der Betrübtheit eines Kindes. »Ich möchte Ihnen helfen und weiß nicht, wie ich es anfangen soll. Ich möchte Sie fröhlich sehen und finde den Weg nicht dazu.«
Er beugte sich über den Tisch und nahm ihre Hand, die er mit einer sanften und schönen Bewegung an seine Stirn hob, wo er sie festhielt.
»Sie wissen den Weg wohl, aber Sie gehen ihn nicht und werden ihn nie gehen,« sagte er mild. »Und das ist herrlich an Ihnen, Mascha, daß Sie auch die kleinste Gebärde der Liebe nicht an das Mitleid oder die Freundschaft -- oder die Dankbarkeit verzetteln ... Ich liebe Sie darum -- ich liebe Sie um dieses leisen Zuckens willen, mit dem Sie Ihre Hand aus meiner befreien wollen ... Nun gebe ich sie frei -- und Sie nehmen sie fast eilig zurück, wie das anvertraute und gefährdete Eigentum eines Dritten. Warum weinen Sie, Mascha, meine liebe Schwester? ... Sie sind sehr schön, so wie Sie sind ... und unverletzlich in Ihrer Schönheit ... Darum liebe ich Sie ...«
Beate hatte den Kopf auf die Hände gesenkt und ihre Augen geschlossen.
»Seien Sie still, Kyrill Petulikow,« sagte sie flüsternd.
Er schwieg.
In dem warmen, weiten Zimmer tickte die Uhr eilfertig. Der Kuckuck sprang aus dem Häuschen und rief zwölfmal. Kyrill Petulikow schaute und horchte ihm zu und lächelte.
Die Wirtin kam herein und brachte die Teller und Schüsseln auf einem Brett, auf dem ein Kalb Platz gehabt hätte. Und während sie ihre Schätze vor den zweien ausbreitete, strahlten ihre wasserblauen Augen mit einem Ausdruck unverkennbar mütterlichen Stolzes auf Beate Hoyermann.
»Gesegnete Mahlzeit!« wünschte sie, strich mit der flachen Hand über das schimmernde Tischtuch und ging davon.
»Wenn ich nur wüßte,« fing Beate an und füllte die Suppe auf, »warum mich die gute Frau so verklärt anguckt ...«
»Darüber dürfen Sie sich nicht wundern,« antwortete Kyrill Iwanowitsch. »Sie sind hierzulande eine Berühmtheit geworden, Mascha ...«
»Nein!« sagte Beate in großer Verblüffung.
»... und Sie haben alle Aussicht, es immer mehr zu werden.«
»Gott soll mich bewahren,« sagte die Frau. »Wie kommen Sie auf die Vermutung?«
»Lesen Sie!«
Er stand auf und holte aus seinem Mantel eine schon ziemlich verwitterte Zeitung -- eine Nummer der »B. Z.« vom Anfang November.
»Was soll ich damit?« fragte Beate kopfschüttelnd.
»Lesen Sie nur, Sie werden schon finden, worauf es ankommt ... Außerdem war der Herr, der mir die Zeitung überließ, so freundlich, den Artikel anzustreichen ...«
Beate entfaltete das Zeitungsblatt mit aller gebotenen Vorsicht, denn es war gewiß schon durch mehr als hundert Hände gegangen und hielt nur noch durch gütige Unterstützung von Briefmarkenschnitzeln. Auf der dritten Seite stand ein rot angemerkter Aufsatz. Er trug die Überschrift »Als Heizer und Stewardeß nach Deutschland zurück« und war unterzeichnet Chr. Ty.
»Tystendal!« rief Beate und ließ die Zeitung fallen vor Überraschung. »Christian Tystendal, der Schwede!«
»Richtig.«
»Ja aber ...« Beate überlas die ersten Zeilen und unterbrach sich von neuem. »Wie kommt diese Schilderung unserer Flucht aus Japan in die ›B. Z.‹? Und wie kommt Tystendal dazu, unsere allerprivateste Angelegenheit in die Öffentlichkeit zu bringen?«
»Nun, Mascha -- eine Tat, die einer Gesinnung entspringt, auf die ein ganzes Volk stolz sein kann, die darf man wohl getrost in die Öffentlichkeit bringen; außerdem sind Ihre Namen nicht ausgeschrieben, wie Sie bemerken werden ...«
»Gut. Aber Tystendal selbst -- was hat er mit der Berliner Presse zu tun?«
»Er ist Berichterstatter einer führenden schwedischen Zeitung, meine liebe Mascha, und als solcher im Hauptquartier des Ostens wohl bekannt und gelitten.«
»Sie scheinen sich sehr geschwind in deutschen Verhältnissen zurechtgefragt zu haben,« meinte Beate, mehr erstaunt als erfreut.