Die Flucht der Beate Hoyermann
Part 12
»Nein. Nicht so ... so ohne Sinn ...« Kyrill Petulikow beugte den Kopf in den Nacken und sah in den lichtgetränkten Himmel hinauf. »Es ist vielleicht eine närrische Torheit ... nun, was mehr? In meinem Leben ist nichts, das weise wäre. Und ich kenne nichts Schöneres, als zu fliegen -- die Erde unter sich wegsinken zu sehen -- losgelöst zu sein von allen Gesetzen, denen wir hier unten dienstbar sind ... Ich habe einen Freund, der auch Flieger ist; er war nicht sehr glücklich vordem ... Nun hat er den Rausch gefunden, dem kein Ekel folgt ... dieses Gaukeln mit dem Tode ... Mein Bruder ging in den Krieg und fand den Tod im Meere ... Da sie mich als Soldat nicht brauchen können und meine Mutter mir das nicht verzeiht ...«
»O Kyrill Iwanowitsch --!«
»Was wollen Sie, Mascha? Es ist so ... Sie liebt mich nicht, weil sie nicht stolz auf mich sein kann. Und es mag närrisch sein, das gebe ich freilich zu -- aber ich sehne mich nach der armen Rechtfertigung meines Lebens, daß ich den Tod nicht fürchtete ... und daß meine Mutter es erfahren wird ... ja, danach sehne ich mich sehr ...«
»Sie lieben Ihre Mutter, Kyrill Iwanowitsch ...«
»Ja,« sagte der Mann. »Ja, ich liebe meine Mutter ... Oder ich weiß nicht einmal, ob ich sie liebe ... Ich möchte nur, daß sie mich liebt und daß ich ein Recht dazu hätte, es von ihr zu fordern -- da sie mir das Recht nicht schenkt ...«
»So einsam sind Sie?« murmelte die Frau.
»Wir alle sind einsam, der eine mehr, der andere weniger, Mascha ... Und dieses große Einsamsein macht uns zu Schwächlingen ... Jetzt spreche ich, weil es Nacht ist und weil wir am Rande der Wüste sind und gleichsam unkörperlich zwischen zwei Ewigkeiten. Morgen, wenn es Tag sein wird und wir in der Stadt einander wiedersehen werden, bereue ich es wahrscheinlich, daß ich ein Schwächling war und Sie beim Namen meiner toten Schwester nannte, um Ihnen meine tiefste Seele in die Hände zu schütten ... Kennen Sie die Sage von den Memnonsäulen? ... Ich glaube, wir alle haben eine Stunde, in der wir zu klingen anfangen ... Und dann verstummen wir wieder und sind Stein ... Man sagt, die Memnonsäulen klingen bei Sonnenaufgang ... Sie sind in mein Leben hineingetreten, Mascha, wie ein starkes, klares Licht und haben alles in mir zum Klingen gebracht, was steinern war ... Sie brauchen nicht zu erschrecken ... Was ich sage, ist ganz ehrfürchtig und ohne Wunsch. Ich habe Sie an jenem Tage -- in jener Nacht, da die ›Princeß of India‹ unterging, gesehen, wie Sie sich mit beiden Händen ins Haar griffen, weil da auf dem untergehenden Schiffe ein Mann war, dem das Blut übers Gesicht lief, und ich habe ihre irren Augen gesehen und die Gebärde, mit der Sie sich ins Meer warfen ... Und ich habe Sie gesehen, wie Sie die Augen schlossen, als ich Ihnen sagte, der Mann sei gerettet worden ... Sie haben Ihr Geheimnis, und ich rühre nicht daran. Und ich sage Ihnen, was ich davon erriet, nur, um Sie meiner ganz sicher zu machen ...«
Beate Hoyermann faltete die Hände und hob sie vor ihre Stirn; und dann ließ sie sie auf die Knie fallen und reckte sich in den Schultern.
»Ich will kein Geheimnis vor Ihnen haben, Kyrill Iwanowitsch,« sagte sie fest, und die Worte fielen klingend in die Stille. »Ich habe Ihr Vertrauen genommen wie ein Geschenk und gebe Ihnen das meine ... Der Verwundete, den Sie auf dem Schiffe gesehen haben, war mein Mann.«
Kyrill Petulikow sagte nichts. Er wartete.
»Er hat als Heizer die Reise auf der ›Princeß of India‹ angetreten, wie ich als Stewardeß, um nach Hause zu gelangen ...«
»Nach England?«
»Nach Deutschland ...«
Stille ...
Kyrill Petulikow hob die Hand und fuhr sich über die Stirn.
»Sie müssen Ihr Vaterland sehr lieben,« sagte er still.
»Das tun wir. Und nun habe ich's in Ihre Hände gelegt, Kyrill Iwanowitsch, ob ich den Weg nach Hause finden werde oder nicht ...«
Kyrill Petulikow lächelte schwermütig.
»Sie irren sich, Mascha ... Selbst wenn ich wollte -- ich könnte nichts gegen alle Ihre Schritte tun. Ich glaube, Sie sind einer von jenen Menschen, die in ihrer Liebe gehen wie in einem Mantel aus Stahl und Gold; nichts kann sie verletzen noch aufhalten. Wie die Heilige der Sage gehen sie mit schlafwandlerischer Sicherheit über Drachen und Teufel, die sich unter ihre Füße werfen ... Das Leben ist sehr seltsam, Mascha. Immer gibt es uns so viel, daß wir von dem, was mehr wäre, träumen müssen ... Auch das ist sehr schön ... Ich will Ihnen helfen ...«
»Geben Sie mir die Hand, Kyrill Iwanowitsch,« sagte Beate.
Der Russe nahm die Hand, die sie ihm gab, und hob sie an seine Lippen. Aber er küßte sie nicht. Er bog den Kopf in den Nacken und gab ihre Hand wieder frei.
»Wollen wir gehen?« fragte er, atemholend.
Beate stand auf. Sie weckten ihre schlafenden Helfer und begannen den Abstieg, dem der Mond leuchtete.
»Ich möchte noch einmal der Sphinx ins Gesicht sehen,« sagte Beate.
Schweigend wanderten sie durch den feinen losen Sand.
Das volle Licht des Mondes lag auf dem kantigen Schädel des Rätsels der Jahrtausende. Und um den Mund der steinernen Riesin lag der grauenhafte Zug des Alleswissens und der Erkenntnis in das Nichts alles Irdischen. Und ihre toten Augen, die dem Sonnenaufgang entgegensahen, waren voll grenzenloser Gleichgültigkeit gegen das Lebende.
Schweigend, wie sie gekommen waren, gingen die Menschen.
Auf dem Heimwege nach Kairo, den Achmed der Eseljunge nur unter standhaften Anrufungen Allahs auf sich nahm, blieb Kyrill Petulikow, plötzlich anhaltend, stehen.
»Was war das?« fragte er und neigte den Kopf auf die Seite.
Beate hatte nichts gehört. Achmed, der an die Dämonen der Wüste dachte, fing an, die heilige Fatah zu beten.
Über sein Flüstern hinweg ging ein heller, bretterner Ton. Es klang, wie wenn dünne, harte Hölzer sehr rasch gegeneinandergeschlagen werden.
»Gewehrfeuer,« flüsterte Beate. Sie kannte den Laut aus ihren ostafrikanischen Tagen.
Kyrill Petulikow trieb seinen Esel an. Achmed trabte ihm dicht zur Seite. Er fürchtete sich anscheinend bedingungslos vor Menschen und Geistern.
Plötzlich stieg aus dem trübgoldenen Schimmer der noch fernen Stadt eine feine, sehr helle Flamme nadelspitz in die Luft. Und Sekunden später folgte der Knall, den die Entfernung schwächte.
»Das sieht nicht sehr nach nächtlicher Übung aus,« murmelte der Russe.
Als sie näher kamen, schwirrte die Luft von einem grellen, doch schon erstickenden Geschrei.
An der Nilbrücke standen zwei Posten, das Gewehr schußfertig in der Hand. Sie verweigerten die Freigabe des Weges in die Stadt.
»Was ist denn los?« fragte Kyrill Petulikow durch Beates Vermittlung, die sich als gute Britin auswies. Die Posten zuckten die Achseln. Achmed schimpfte und machte sich mehrerer Beamtenbeleidigungen schuldig. Nach einer Stunde ergebnislosen Hinundherredens kam die Ablösung der Wache aus der Stadt, mit ihr ein Offizier, an den sich Kate Mathew wandte, um gegen den Eingriff in die von Gott und aller Welt anerkannte persönliche Freiheit jedes britischen Staatsangehörigen Verwahrung einzulegen.
Der Offizier hörte sie ruhig bis zu Ende und sagte dann, ziemlich einsilbig: »Es ist Krieg ...«
»In Ägypten --?!«
»Es scheint so ... Sie können weiterreiten ... Gute Nacht ...«
»Was heißt das?« fragte Kyrill Petulikow unterdrückten Tones, als sie die Brücke hinter sich hatten.
Beate zuckte die Achseln. Sie atmete fieberhaft, und ihre Augen funkelten vor Freude.
»Wartet --!« sagte sie vor sich hin, und nun sprach sie deutsch. »Wartet nur!«
Am anderen Morgen erfuhren sie, daß in dieser Nacht zwanzig Rädelsführer eines meuternden indischen Regiments erschossen worden seien. Ein Pulvermagazin war in die Luft geflogen ...
Die Stadt war ruhig ...
7
»Lieber Freund!
Ich schreibe Ihnen englisch, weil mir das sicherer erscheint. Ob der Brief überhaupt in Ihre Hände kommen wird, das weiß Gott. Vielleicht sind Sie gar nicht mehr in Japan. Vielleicht haben Sie meine Zeilen, die ich aus Kairo an Sie richtete und die Ihnen soviel erzählen sollten, auch nicht mehr erhalten. Manchmal, wenn ich mir überdenke, was ich erlebt habe, seit Sie mir im ›Garten des Freundes‹ in Ihr kleines Boot halfen, glaube ich meiner eigenen Erinnerung nicht und bin wie im Traum. Aber das Leben träumt nicht, das ist sehr wirklich und läßt es uns fühlen.
Seit vierzehn Tagen sind wir nach einer endlosen und höchst ungemütlichen Reise auf dem Gute Lisa Petulikowas. Sie würden wahrscheinlich sehr erstaunt sein, wenn Sie dieses Gut kennenlernten. Es ist größer als manches kleine deutsche Fürstentum, und das Herrenhaus sieht aus wie eine große Scheune. Ein langgestreckter, einstöckiger Kasten, grau beworfen, mit winzigen Fenstern. Das Land ist so flach wie ein Tisch, aber nicht reizlos, namentlich nicht jetzt, da der Schnee kniehoch liegt.
Ja, mein Freund, als wir uns trennten, war es Sommer auch hier. Nun ist es November geworden und Winter. Seit drei Monaten weiß ich nicht mehr, wo meine Gedanken den Mann suchen sollen, den sie lieben. Sie haben mir redlich geholfen, den Weg zu finden, der mir versperrt zu werden drohte, um wenigstens nach Europa zu gelangen. Nun bin ich in Europa. Bin ich meinem Ziele näher? Ich weiß es nicht!
Die Überwachung aller Grenzen -- auch der neutralen -- ist so streng, daß es ein Ding der Unmöglichkeit zu sein scheint, ohne genügenden Ausweis an sein Ziel zu kommen ... Sie wissen, ich kann mich nicht deutlicher ausdrücken. Ich fürchte schon bei jedem Wort, zuviel gesagt zu haben. Von Rumänien oder Griechenland aus wäre ich als Kate Mathew wohl nach Österreichs Grenze gekommen -- aber als Kate Mathew nicht hinüber. Und da wohl Kyrill Petulikow weiß, wer ich bin, aber nicht seine Mutter, habe ich es vorgezogen, in dieser Richtung keine weiteren Schritte zu unternehmen, sondern auf bessere Gelegenheit zu warten ...
Meine dringlichste Bitte an Sie, lieber Freund, ist nun die: Schicken Sie einen genauen Bericht der Vorkommnisse in Japan in ihren ganzen Einzelheiten an eine schwedische Persönlichkeit, zu der Sie Vertrauen haben und an die ich mich wenden kann, wenn ich von Rußland aus über Schweden nach Hause zu kommen versuche. Und teilen Sie mir mit, ob Sie das getan haben und was Sie mir weiterhin raten. Selbstverständlich werde ich auch alle anderen Wege einzuschlagen versuchen, aber ich möchte die Beruhigung haben, daß ich mich im Notfall auf Sie berufen kann und wenigstens einen ungefähren Zeitpunkt vor Augen habe, an dem ich auf meine Heimkehr rechnen kann.
Wie ich mich danach sehne, kann ich Ihnen nicht schildern. Sie wissen es! Denn Sie wissen, wie ich mich nach Hause gesehnt habe. Meine Gefangenschaft hier ist eine sehr gelinde, denn Kate Mathew genießt das Vertrauen, das die Behörden für das Haus Petulikow haben, mit. Aber meine Nerven ertragen es doch nicht mehr allzulange, nichts zu wissen und alles zu befürchten ... Der Krieg geht seinen fürchterlichen Weg, und ich erhalte keine Nachricht ...
Übrigens geht es mir nicht schlimmer als den meisten russischen Familien selbst. Die mörderischsten Schlachten werden geschlagen, aber weder das Ergebnis noch die Verluste werden bekannt. Die russischen Mütter und Frauen brauchen ihr ergebenes Lächeln jetzt sehr notwendig und auch ihre Dumpfheit gegen das Schicksal. Ich, weiß Gott, besitze weder das eine noch das andere ...
Was soll ich Ihnen noch schreiben? Meine Tage sind einförmig in verschiedenste Pflichten eingeteilt. Die oberste heißt Lisa Petulikowa. Sie bedarf meiner, und das macht mich ein wenig ruhig in aller Unruhe, daß ich doch einem Menschen etwas nützen kann, wenngleich ich tausendmal lieber in einer Seuchenbaracke daheim Pflegerin wäre. Die Menschen hier sind gut gegen mich. Und ich bin ungerecht, ich weiß es, denn es geht mir wohl. Aber ich wäre doch lieber zu Hause und teilte die Not meines lieben Landes, als daß ich hier in der braven Sicherheit der Fremde sitze.
Man redet in den Zeitungen viel von dem baldigen Ende Deutschlands. Nun, dann wäre der Krieg aus ... Was soll ich darüber sagen? Ich kann es mir nicht denken, daß das wahr sein soll. Wir hören hier nur die Kriegsberichte der Entente ...
Und Kiautschou ...
Lieber Freund, Sie waren ein sehr, sehr guter Prophet ...
Was soll ich Ihnen noch erzählen? Es ist sehr schwer, Lebensberichte um den halben Erdball herumzuschicken. Alles wird schwerfällig und unklar. Auch muß ich immer denken, daß der Brief doch nicht in Ihre Hände kommen wird, und das macht mich ganz unfrei.
Ich lerne Russisch. Kyrill Petulikow gibt sich viel Mühe mit mir. Wenn nicht diese verwirrende Fülle fremder Schriftzeichen wäre, käme ich wohl noch rascher voran. Aber ich fürchte -- oder ich hoffe, -- mein Aufenthalt in Rußland wird nicht ausreichen, um mir die Sprache ganz zu eigen zu machen.
Kyrill Petulikow bastelt halbe Tage und Nächte lang an seiner Flugmaschine. Er behauptet, eine Erfindung gemacht zu haben. Ich verstehe nichts vom Technischen, aber er hat einen ansteckenden Eifer. Ich fange wirklich an, mich auch dafür zu interessieren. Im Grunde genommen ist es ganz einfach. Die Beherrschung einiger Handgriffe -- nicht einmal so sehr viel körperliche Kräfte gehören dazu. Nur die Nerven muß man in der Hand behalten -- und namentlich dann, wenn es das Menschlichste wäre, die Augen zuzumachen und das Ende dem Zufall zu überlassen. Manchmal denke ich ...«
Beate Hoyermann unterbrach sich im Schreiben, richtete sich auf und sah gerade vor sich hin. Dann legte sie die Feder aus der Hand und stützte den Kopf in die Hände.
Es war drei Uhr nachmittags und dämmerte schon. Aber das Schneeleuchten gab noch ein feines, unirdisches Licht.
Das Zimmer, in dem Beate Hoyermann wohnte, lag im Giebel des Gutshauses und schaute mit seinen drei niedrigen Fenstern auf das flache Feld hinaus. Der Himmel über dem Felde war so ungetönt wie Wasser. Seit Wochen hing er voller Schnee. Und Schnee lag, grenzenlos weit und dicht, über dem demütigen Lande.
Beate liebte das Bild, das sich ihr von ihrem Platze aus bot, mit einer Art von schmerzlicher Liebe. Es störte sie nicht; es war traurig und still und paßte zu sehnsüchtigen Tagen und schlaflosen Nächten gut.
Nach Westen zu schloß ein Wald den Augenkreis -- einer von jenen unendlichen Wäldern, die tief und unerforschlich sind wie die Wüste und wie das Meer. Er schien ganz unlebendig; die Bäume standen bewegungslos. Wenn eine Axt sie getroffen hätte, so wäre ein Klang durch sie hingefahren wie von zerspringendem Kristall. Zuweilen strichen die Krähen von ihren Horsten aufs Feld hinaus oder zum Gutshof hinüber. Sie starben zu Tausenden in den strengen Stunden der Frühdämmerung. Wenn der Wind ging, blies er ihre Federn in Wolken über das fleckenlose Weiß rundum.
Tausend Schritte vom Gut entfernt lagen die geduckten Holzhäuser der Bauern, bis an die Fenster im Schnee versunken. Manchmal -- ganz selten -- kam ein Wagen, ein Schlitten aus der Stadt; die zwei Pferde, eins vor das andere gespannt, dampften, daß sie kaum zu erkennen waren. Und ihre kleinen Glocken klangen -- es war ein fast rührender Klang in dieser furchtbaren und ihrer selbst ganz unbewußten Einsamkeit, in die er sich verirrt hatte und sich selbst zum Trost geschaffen schien.
Beate beschloß, ihren Brief selbst in die Stadt zu bringen und auf die Post zu tragen. Sie schloß ihn mit drei Worten, unterschrieb und steckte ihn in den Umschlag, den sie offen ließ, schrieb die Adresse in russischen und englischen Worten und fügte den Absender dazu. Bei all dem dachte sie: Es ist sinnlos, daß ich es tue; Tystendal wird den Brief nie bekommen. Aber das hoffende »Vielleicht doch!« behielt die Oberhand.
Sie verließ das Zimmer und ging die Treppe hinunter, die, mit weißem Sande bestreut, vor Sauberkeit leuchtete.
Dmitri, der Diener Kyrill Petulikows, tauchte aus dem Winkel neben der Türe seines Herrn auf, wie ein alter lichtscheuer Kauz ins Helle blinzelnd.
»Dmitri, wo ist dein Herr?«
Der Alte deutete mit dem Kopf nach dem Hofe hinaus, in der Richtung der Werkstatt, die Kyrill Iwanowitsch sich eingerichtet hatte. Dmitri sprach nicht gern. Seine Stimme war wie eingerostet und schwer aus ihrem Verlies heraufzulocken. Aber er hatte Ohren wie eine Katze und Augen wie ein Sperber und hätte sich für seinen jungen Herrn lebendigen Leibes zerreißen lassen. Und er liebte die junge fremde Frau, die mit seinem Herrn gekommen war, weil er es wohl gemerkt hatte, daß Kyrill Iwanowitsch vom Morgen bis zum Abend nach den Händen dieser Frau blickte, daß sie seine Herrin geworden war und daß seine Seele sich vor ihr bückte bis auf die Erde. Da hatte sich auch Dmitri stillschweigend in ihren Dienst gestellt.
Als er ihr den Pelz umgegeben hatte und sie die Mütze über das Haar zog -- denn der Weg bis zum Werkstattschuppen genügte, um sich die Ohren zu erfrieren, wenn man aus dem Süden kam --, blieb der Alte vor ihr stehen, und seine wunderlichen Kropfbewegungen deuteten darauf, daß Dmitri sprechen wollte, was immer, seiner Seltenheit entsprechend, einiger Vorbereitungen bedurfte.
Beate, die mit ihren Gedanken sehr fern war, bemerkte es nicht. Sie wandte sich zum Gehen. Aber der Alte trat ihr in den Weg und legte die Hand auf die Klinke, die sie erfassen wollte.
Beate blieb stehen und sah ihn an.
»Nun, Dmitri!« sagte sie zuredend und lächelte, denn sie wußte, daß ihr sehr junges Russisch auf eine harte Probe gestellt werden würde.
Dmitri bückte sich, um den Saum ihres Kleides an die Lippen zu ziehen.
»Ich bitte dich um Vergebung, Mütterchen!« sagte er, mit einer gewissen Feierlichkeit. »Aber es ist nicht gut ...«
»Was ist nicht gut, Dmitri --?«
»Es ist nicht gut, was unser Herr tut, Mütterchen ... Ich sage es dir, Mütterchen, und ich weiß, was ich sage ...«
»Was tut denn unser Herr, das nicht gut wäre?« fragte Beate geduldig. Sie sah ein, daß sie so leichten Kaufes nicht davonkommen würde, und lehnte sich gegen die Wand.
»Was er tut, Mütterchen, das heißt Gott versuchen -- in Wahrheit, Mütterchen, das heißt Gott versuchen,« sagte der Alte und rüttelte die aufgehobene Hand. »Sascha Alexandrowitsch, der auch ein Flieger war und unseren Herrn dazu verleitet hat, daß er es ihm nachtut, war ein kühner junger Mann und fürchtete den Tod nicht. Aber er liebte ihn auch nicht -- er liebte das Leben mehr ... Aber unser Herr liebt das Leben nicht, und das ist Sünde ...«
»Warum glaubst du, daß er das Leben nicht liebt?« fragte Beate mit einer unwillkürlichen Schwermut, der sie sich nicht entziehen konnte.
»Du gehst ihm nicht nach, Mütterchen -- du siehst ihn nicht ... Ich gehe ihm nach, und ich sehe ihn. Ich habe meine scharfen Augen noch, obgleich ich alt geworden bin, und ich gebrauche sie, meine scharfen Augen ... Wenn unser Herr zum Flug aufsteigt -- die Pest über die Maschinen, Mütterchen: sie denken nicht, sie sind tot --, gehe ich aufs Feld hinaus und warte, bis der Herr wiederkommt. Wenn er wiederkommt, kreist er über dem großen Felde wie ein Adler. Ich stehe unter ihm im Schnee und recke meine alten Arme hoch und schreie, denn ich glaube in jedem Augenblick: nun stürzt er, dein Herr ... Aber er hört mich nicht -- wie sollte er? Er ist viel zu hoch über mir, um mich zu hören. Und doch kann ich das Schreien nicht lassen; es preßt mir das Herz aus dem Halse, Mütterchen, dem Herrn zuzusehen ... Er fliegt nicht, wie die Vögel tun ... Fliegen ist ein schönes Ding, und Sascha Alexandrowitsch lachte immer, wenn er davon erzählte ... Aber der Herr fliegt nicht, -- er stürzt und steigt, stürzt und steigt -- wie die Lerchen tun ... Aber eines Tages wird er stürzen und nicht mehr steigen ... Er wird fallen und ein Loch in die Erde hineinschlagen, tief genug für ein Grab ... Er wird das tun, weil er Gott versucht und weil er das Leben nicht liebt, Mütterchen -- ich, Dmitri, sage es dir ...«
»Warum sagst du es mir, Dmitri,« meinte Beate und sah über den Alten fort ins Leere, »und sagst es nicht dem Herrn selbst? Er würde auf dich hören.«
Der Alte schüttelte den Kopf.
»Er würde auf mich nicht hören und nicht auf Lisa Petulikowa und auf Sascha Alexandrowitsch auch nicht, Mütterchen ... Er würde sagen, daß wir töricht seien, weiter nichts. Und er würde mir vielleicht verbieten, ihm nachzugehen und ihm zuzusehen, wenn er über dem großen Felde fliegt ... Aber auf dich würde er hören, Mütterchen; darum sage ich es dir. Und du mußt mit ihm reden, daß er davon abläßt, Gott zu versuchen. Denn was er tut, ist eine schwere Sünde, für die er verdammt werden wird, wenn er nicht davon läßt. Niemand darf sein Leben so wegwerfen, wie unser Herr es tut ... Sprich zu ihm, Mütterchen, ich bitte dich darum ...«
»Ich will es versuchen, Dmitri,« sagte Beate und wandte sich zum Gehen. »Aber du mußt es nicht auf meine Schultern schieben, wenn dein Herr auch auf mich nicht hört ...«
Dmitri antwortete nicht. Er bückte sich, um Beates Kleid zum zweiten Male an die Lippen zu ziehen. Mit einer tiefen Verbeugung öffnete er das schwere Haustor vor ihr und ließ sie hinaus.
Wie ein bissiger Hund sprang der Wind in den Flur hinein.
Beate hob den Muff vors Gesicht und stemmte die Stirn dem Druck der eisigen Luft entgegen. Es schneite nicht, aber der Wind blies die scharfgeschliffenen Kristalle von den Dächern und ließ sie tanzen; sie zerschnitten die Haut wie unsichtbare winzige Messer. Auf dem Wege vom Haus zum Werkstattschuppen jenseits des Hofes hatte sich der Muff Beates vom Hauch ihres Mundes mit Eis bedeckt.
Die Werkstatt Kyrill Petulikows war ein sehr großer, niedriger Raum, an den sich der Schuppen für die Flugmaschine anschloß. Kyrill hatte sich die Werkstatt selbst gebaut, indem er die alte Scheune ausräumte und in alle vier Ecken einen mächtigen Herd einsetzte. Auf diesen Riesenherden brannten die Feuer unausgesetzt. Es wäre sonst vor Kälte nicht zu ertragen gewesen. Im Schein der Feuer arbeitete Kyrill Petulikow am Schraubstock. Mitten im Raum stand der rohe Tannentisch, mit Werkzeugen aller Art bedeckt. Kyrill Petulikow hatte keinen Gehilfen; er tat alles selbst. Und wenn Beate ihn bei seiner Arbeit beobachtete, fühlte sie, daß dies die einzigen Stunden waren, in denen Kyrill Petulikow etwas wie Glück empfand.
Sie trat bei ihm ein, ohne anzuklopfen. Sie wußte, daß es ihn freute, wenn sie wie eine Schwester, unangemeldet, zu allen Stunden, zu ihm kam. Er saß auf der Ecke der Hobelbank und prüfte das Gewinde einer Schraube. Als er die Türe gehen hörte, hob er den Kopf und grüßte die Frau mit seinem stillen Lächeln, das immer unerwidert blieb.
»Lassen Sie sich nicht stören,« sagte Beate etwas schüchtern, da sie russisch sprach. Ihrer Gewohnheit getreu, ging sie der fremden Sprache mit großer Hartnäckigkeit zu Leibe. Sie versäumte keine Gelegenheit, sich darin zu üben.
»Setzen Sie sich, Mascha,« entgegnete Kyrill Petulikow und schob mit der Hand einen Haufen von Berechnungsplänen von einem hölzernen Schemel.
Sie setzte sich und sah ihm zu.
»Sind Sie zufrieden mit Ihrer Arbeit?« fragte sie nach einer Weile.
»Ja, Mascha ... Aber Sie kamen nicht, um mich das zu fragen, nicht wahr?«
»Nein,« sagte sie ehrlich und sanft.
In seinem Gesicht rührte sich kein Muskel. Er nahm die Feile zur Hand.
»Ich bin gekommen,« fuhr sie fort, »um Sie zu fragen, Kyrill Iwanowitsch, ob ich heute noch zur Stadt fahren könnte -- oder ob Sie anders über die Pferde verfügt haben.«