Die Flucht der Beate Hoyermann

Part 13

Chapter 133,791 wordsPublic domain

»Warum fragen Sie das, Mascha?« sagte Kyrill Petulikow und sah sie kopfschüttelnd an. »Sie wissen, daß Sie die Herrin in diesem Hause sind, solange Sie darin wohnen. Ich bin eigensüchtig: ich hoffe, daß es lange ist. Sie wünschen sich das Gegenteil, und ich sehe Sie nie nach der Stadt fahren, Mascha, ohne daß ich darauf vorbereitet wäre, Sie nicht wiederkommen zu sehen. Aber ich bitte Sie -- nicht um meinetwillen, sondern weit mehr noch für Sie selbst und Ihren eigenen Wunsch --: unternehmen Sie nichts Unbedachtes ... Sie kennen Rußland und seine Verhältnisse nicht. Sie kennen vor allem nicht die russische Polizei. Es genügt der allergeringste Anlaß, um Sie den Behörden verdächtig zu machen. Dann wird man Ihnen den Paß abfordern, und dann sind Sie jeder Willkür ausgeliefert. Als Ausländerin sind Sie den Leuten sowieso eine unheimliche Erscheinung. Erkennt man Sie als Deutsche, Mascha, so stehe ich für nichts ein ...«

»Ich werde vorsichtig sein,« versicherte sie mit einem Lächeln, das seiner Sorge dankte. »Ich werde auch nichts unternehmen, ohne Sie um Rat gefragt zu haben. Aber setzen Sie sich in meine Lage, Kyrill Iwanowitsch ... Ich bin nicht Ihr Gast -- ich bin durch die Verhältnisse eine halbe Gefangene, und während ich hier sitze und die Hände in den Schoß lege, bricht vielleicht mein ganzes Leben zusammen, und ich weiß es nicht einmal ... Ich will nach Hause ... Ich muß nach Hause ... Geben Sie mir ein wenig Hoffnung, daß ich bald nach Hause komme, Kyrill Iwanowitsch -- und ich will mich gedulden ...«

Kyrill Petulikow arbeitete schweigend. Dann sagte er: »Ich verspreche Ihnen, daß ich in nächster Woche nach Moskau fahren werde, um mich für Sie einzusetzen, daß man Ihrem Wege nach Schweden nichts in den Weg stellt. Vielleicht gelingt es mir; es kommt auf die Stunde an. Niemand kann in Rußland sagen, was ein Beamter tun wird, wenn er schlechter Laune ist. Der Himmel ist hoch, und der Zar ist weit. Er ist sogar sehr weit ... Aber ich will es versuchen ... Genügt Ihnen das?«

»Ja, Kyrill Iwanowitsch -- ich danke ...«

»Danken Sie mir nicht, Mascha,« sagte Kyrill Petulikow leise.

Sie schwiegen beide.

Kyrill Petulikow schob einen der riesigen Holzklötze, die am Herde lagen, an die Flamme, die ihn spielend zu belecken anfing. Mit einem verlorenen Blick sahen der Mann und die Frau dem Spiele zu; aber ihre Gedanken gingen sehr verschiedene Wege.

»Darf ich Sie darauf aufmerksam machen, Mascha,« begann der Russe, »daß Sie sich beeilen müssen, wenn Sie heute noch in die Stadt wollen? Es dunkelt früh, und die Wege sind keine Wege mehr ... Sie haben mir nie erlaubt, Sie zu begleiten, und ich achte Ihre Gründe, obgleich sie ein wenig schmerzlich für mich sind ... Aber Sie können mir nicht verwehren, daß ich mich um Sie sorge ...«

»Dazu haben Sie keinen Grund, Kyrill Iwanowitsch,« antwortete Beate. »Ich nehme mich schon in acht ... aber ich kann nicht fortgehen, ohne Ihnen gesagt zu haben --«

»Was -- Mascha?«

Sie hob den Kopf und sah ihn an.

»Kyrill, warum spielen Sie mit dem Tode?«

Er machte eine Bewegung, mehr des Erstaunens als des Unwillens.

»Wer hat Ihnen gesagt, daß ich das tue?«

»Ich weiß es, das ist genug. Warum tun Sie das, Kyrill?«

»Nun,« fragte der Russe versonnen, »und wenn ich es tue? Das Spiel ist schön!«

Sie schüttelte den Kopf mit ernsten Augen. »Es ist ein unedles Spiel, Kyrill Iwanowitsch ...«

Er lächelte. »Wie Sie das sagen, Mascha! -- So ernsthaft, als wenn Ihr Herz es sagte ... Und das fragt nichts danach ... Seien Sie unbesorgt ... Wir spielen mit dem Leben oder mit dem Tode -- es kommt am Ende auf eins heraus; nur daß das Spiel des Todes keinen Ekel kennt. Und das ist schon viel wert ... Als ich den Gedanken faßte, Flieger zu werden, hatte er einen Sinn. Jetzt hat die Wirklichkeit einen anderen. Und ich liebe sie beide und weiß manchmal nicht, welcher der stärkere ist. Das, was ich auf der Erde niemals hatte, das breite und zufriedene Herrengefühl -- da oben habe ich es. Und wenn ich es ausgekostet habe, was soll ich dann die Gewohnheit an seine Stelle treten lassen, und die Übung an die Stelle der Kühnheit? Das wäre schal, Mascha -- das wünschen Sie mir nicht ...«

»Sie sagen es also -- Sie sagen es, daß Sie das Leben wegwerfen wollen!« rief die Frau mit einem tiefen und schönen Zorn.

Er schüttelte den Kopf. »Nicht ohne Zweck, Mascha -- ganz gewiß nicht ohne Zweck ... Seien Sie unbesorgt ...«

Sie stand auf und legte ihm die Hände auf den Arm.

»Ich will nicht, daß Sie so reden!« sagte sie und rüttelte ihn, während ihr die Tränen übers Gesicht liefen.

Kyrill Petulikow beugte den Nacken. Er schob ihre Hände von seinem Arm.

»Bitte, tun Sie das nicht --!« sagte er leise.

Beate Hoyermann ging.

Er sah ihr einen Augenblick nach; dann nahm er die Schraube wieder zur Hand. Aber er arbeitete nicht. Der Widerschein der großen Feuer spielte in seinen dennoch unerhellten Augen ...

Eine halbe Stunde später wateten die Pferde, die Dmitri lenkte, durch den kniehohen Schnee der Straße, die zum Dorfe führte. Es war ein weiter Weg nach der Stadt; sie würden die Gäule wechseln müssen.

Als sie das Dorf hinter sich hatten, blies der Wind über die flachen Felder. Die Bäume am Straßenrand waren bis zu den Kronen eingeweht. Es war nicht mehr so kalt, wie es am Morgen gewesen war; Schnee drohte in dem tiefgespannten, gleichsam gelockerten Himmel.

Beate hatte sich an diese Schlittenfahrten auf Straßen, die keine Straßen waren, allmählich gewöhnt. Sie wußte schon, wie man sich festhalten mußte, um nicht zermalmt und zerschleudert am Ziele anzukommen. Die Pferde stöhnten und dampften. Dmitri fluchte vor sich hin und redete den Gäulen zu, indem er ihnen schmeichelte ...

»Vorwärts, vorwärts, meine Täubchen, meine Schwalben -- vorwärts, meine Prinzessinnen, meine Edelsteine! Ihr, schneller als der Wind und ausdauernder! Vorwärts, lauft, lauft, meine goldenen Rosen! Ihr sollt in Hafer stehen bis an die Augen! Ihr sollt Brot und Zucker haben und Schnaps zu saufen! Brecht euch das Genick, aber lauft!«

Schließlich erstickte auch sein Gemurmel hinter dem Vorhang aus dampfendem Eis, zu dem sein Bart geworden war.

Im Hause des Postmeisters, wo sie die Pferde wechseln mußten, war Beate wohlbekannt; sie hatte immer die Taschen voll Süßigkeiten für das Kindergewimmel, das vom ersten Schneefall bis zur Schmelze nicht vom Backofen herunterkam.

In dem niedrigen halbdunklen Raum, der vor Hitze zu beben schien, knisterten die Holzkohlen des Samowars, und es dauerte keine Minute, daß vor Beate das glühende Glas mit frischem Tschai stand. Während Dmitri und der Postmeister die Pferde aussträngten und wechselten, saß Beate am Herde und ließ die Kinder auf sich herumklettern, und unter ihren Füßen balgten sich friedlich die Schweine und die Hühner -- die Überreste des Paradieses, auf die mit weltabgewandten Augen die bunten Heiligenbilder niederblickten.

Es war völlig Abend geworden, als Dmitris Schlitten in die Stadt einbog.

Die Stadt war nicht groß -- ein sehr weit vorgeschobener Vorposten von Mütterchen Moskau. Zur Zeit des Friedens hatte sie einen starken und gesunden Pulsschlag. Aber der Krieg hatte ihr das beste Blut aus den Adern gepumpt; das dralle junge Weib war zur Vettel geworden.

Wie immer, wenn sie in die Stadt fuhr, hatte Beate alle Hände voller Aufträge für das Gut. Aber da es ihr darum zu tun war, möglichst rasch wieder nach Hause zu kommen, übertrug sie die Erledigung der Hälfte Dmitri und erklärte ihm, sie werde sich zu Fuß auf den Weg machen, das übrige besorgen und nach einer Stunde im Gasthof sein, wo er ausspannte.

Dmitri war mit dieser Anordnung durchaus nicht einverstanden. Und er wußte, auch sein Herr hätte es nicht geduldet, daß die Frau, die er Mascha nannte, zu Fuß wie eine Bäuerin durch die schmutzigen Gassen der Stadt lief, sich neben stinkende Weiber in die Läden drängte und sich mit den betrügerischen Hundesöhnen von Kaufleuten bei jedem Handel um dreißig Kopeken die Lunge aus dem Halse schreien mußte.

Aber Dmitri hatte den bedingungslosen Gehorsam der Leibeigenen noch im Blute; er widersprach nicht; er bückte sich vor der jungen Frau und tat, wie sie ihm gesagt hatte ... In einer Stunde, wie die Herrin befohlen, würde er wieder zur Stelle sein, gut, gut ... Gott schütze dich, Mütterchen ...

Beate ging zuerst nach der Post und gab ihren Brief an Tystendal auf. Um zu bezahlen, zog sie ihre Pelzhandschuhe aus, die sie behinderten. Ein Mann stieß an sie an; die Handschuhe fielen zu Boden. Er entschuldigte sich sehr höflich und bückte sich, um seine Ungeschicklichkeit wieder gutzumachen. Beate dankte freundlich und gedankenlos. Sie verließ das Postgebäude und sah nach ihrem Zettel, auf den sie die notwendigen Besorgungen aufgeschrieben. Sie konnte ihn aber nicht finden.

Sie entsann sich, daß sie ihn in den rechten Handschuh gesteckt, um ihn immer griffbereit zu haben. Wahrscheinlich war er ihr bei dem kleinen Zwischenfall in der Post verlorengegangen. Sie nahm es nicht sehr schwer. Sie hatte ein gutes Gedächtnis und würde wohl nichts vergessen. Schlimmstenfalls wiederholte sie an einem der nächsten Tage ihre Fahrt.

Sie blickte auf die Uhr und setzte ihren Weg beschleunigten Schrittes fort. Die Zeit drängte. Lisa Petulikowa liebte es nicht, wenn sie warten mußte.

Als Beate auf die Straße trat, hörte sie in der Entfernung lebhaftes Schreien und Rufen, ohne sonderlich darauf achtzuhaben. Aber das Schreien lief ihr in den Weg. Es spülte sich von weit her heran wie eine ständig steigende Flut, auf der, gleich weißen Gischtflocken, die hellen Stimmen von Weibern tanzten. Was sie riefen, war nicht zu verstehen, aber das Brausen der Rufe war nicht freundlich.

Unwillkürlich blieb Beate stehen. Kyrill Petulikow hatte ihr genug von den Aufläufen in russischen Städten erzählt, daß sie wünschen mußte, keinem zu begegnen. Sie sah sich um, unschlüssig, wohin sie sich wenden sollte. Aber sie kam nicht dazu, für sich selbst einen Entschluß zu fassen. Was sie sah, mehr noch als was sie hörte, hielt sie fest auf der Stelle, wo sie stand.

Am äußersten Ende der Straße, in der das Postgebäude lag, erschien ein Mensch -- ein Mann, der in lang flatterndem Kaftan, barhäuptig, in Sprüngen wie ein gehetzter Hund, über den Schneeschlamm des Fahrweges setzte. Den Kopf über die Schulter gewandt, rannte er taub und blind drauflos. Beate sah, daß er alt war; die langen, schmutzigen Locken hingen ihm grau um das zerpflügte Gesicht. Der Mund stand ihm offen; bei jedem Sprunge, den er tat, pfiff ihm der Atem durch die klaffenden Lippen.

Die Menschen auf der Straße blieben stehen und gafften. Ein Jude, der um sein Leben lief -- nun ja, was weiter? Die einen spuckten aus, die anderen lachten ...

Aber dann überlegten sie ... Warum lief der Jude um sein Leben? Er wurde verfolgt -- was hatte er getan? Gleichgültig, was er getan hatte ... Man mußte ihn aufhalten ... He --! He ...! Zwei -- drei -- fünf der Gaffer schlossen sich zu einem neuen Trupp von Verfolgern zusammen.

Aus der Richtung, von der der Flüchtende gekommen war, schwoll das Geschrei näher heran. Immer spritzten die gellenden Stimmen der Weiber über das dumpfere Brausen hinaus. Jetzt spülten sie um die Ecke, die ersten trüben Wellen einer Empörung, die satt werden wollte.

»Haltet den Juden fest --! Haltet ihn fest, den Hundesohn --!«

Schrille Pfiffe von rechts, von links ...

»Was hat er denn getan -- was --? Was ...?!«

Nun, was wird er getan haben! Es war eine sehr einfache Sache ... O, es gab noch eine Gerechtigkeit auf der Welt --! Die Gerechtigkeit soll leben ...

Michail Michailowitsch war ein guter Wirt; seine Kneipe erfreute sich des regsten Besuches, denn er war ein gemütlicher Mann und verstand es, zur rechten Zeit beide Augen zuzudrücken ... Nein, niemand hatte Ursache, sich über Michail Michailowitsch zu beklagen ...

Aber der Zar -- Gott segne ihn! -- hatte in seiner Weisheit verboten, daß irgend jemand im russischen Reiche Schnaps ausschenken sollte. Gegen den Willen des Zaren gab es keine Auflehnung. Es wurde kein Schnaps mehr ausgeschenkt; die Welt wurde so nüchtern wie am ersten Tage ihrer Schöpfung.

Doch das Unglück -- oder die Gerechtigkeit (für die Sünder ist die Gerechtigkeit immer das Unglück) -- wollte es, daß gestern Abend ein paar Dutzend Soldaten in die Stadt einrückten, die nach Moskau weiterbefördert werden sollten. Es war Krieg, und man brauchte die Soldaten, gut --!

Als sie ankamen, waren sie so nüchtern wie frisches Stroh. Heute hatte man sie sternhagelvoll in sämtlichen Kammern der Kneipe Michail Michailowitschs zusammensuchen müssen.

Die Offiziere hatten geflucht, daß die Fenster bebten. Sie hatten geschworen, der Ursache dieser Schweinerei auf den Grund zu kommen. Sie hatten den Wirt in den Hof geschleppt und ihm mit der blanken Klinge unter der Nase herumgefuchtelt: »Kerl, wo hast du den Schnaps her, den du gestern nacht an die Soldaten verkauft hast --?! Weißt du nicht, du Dreckseele, daß es verboten ist, Schnaps zu verkaufen --?!«

Michail Michailowitsch fiel auf die Knie und beschwor seine sämtlichen Ahnen in ihren Gräbern: er hatte keinen Schnaps -- nicht ein Fäßchen, nicht ein Glas voll, so wahr er selig werden wollte!

Aber die Juden hatten Schnaps -- ja, die verbargen ihn in ihren Kellern ...

Sein Nachbar -- der hatte Schnaps! Man mußte nur suchen! Die Fässer würden ja wohl noch übrig sein.

War sein Nachbar ein Jude --?

Ein polnischer Jude, meine Herren -- ein krummer Hund, der es mit den Deutschen gehalten hatte. Niemand wußte, mit wem er es jetzt hielt -- er trieb sich in den Nächten viel draußen herum ... Wenn man seiner habhaft wurde, kam sicherlich manches an den Tag, wovon man sich bis heute nichts hatte träumen lassen ...

Aber der Jude wartete es nicht ab, daß man ihn fing wie eine Maus in der Falle. Er kannte die russischen Gefängnisse und die russische Polizei. Und er wußte, wenn die russische Polizei einen Schuldigen brauchte, dann fand sie ihn, und wenn der, den sie finden wollte, ein Jude war, dann war er schuldig, und hätte der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs selber für seine Unschuld gezeugt.

Die Keller des Juden waren ebenso frei von gefüllten wie von leeren Fässern, und drüben bei Michail Michailowitsch brauchte man nur ein paar Säcke voll Lumpen wegzuräumen, um zu entdecken, was man suchte. Aber Michail Michailowitsch war ein getreuer und gehorsamer Untertan des Zaren und ein gutgläubiger Christ, und er würde einen Eid schwören, so hoch und teuer man es nur irgend von ihm verlangte, daß er von dem Vorhandensein der Fässer nichts geahnt bis zu dem Augenblick, da man sie ihm zeigte -- und daß der verfluchte Hund, der beschnittene, die Fässer heimlich in den Keller von Michail Michailowitsch geschafft hatte, um ihm zu schaden ...

Der Jude, dem die Verfolgung von Jahrhunderten ein gutes Gehör vererbt hatte, lief, sobald der Tumult in der Nachbarschaft nach der Polizei schrie, zu seiner Frau und seiner Tochter, die an der Schwindsucht litt; er jagte sie, wie sie gingen und standen, auf die Straße hinaus -- durch die Hintertüre, nach der Judengasse. Er ließ ihnen nicht so viel Zeit, sich warm anzukleiden. Die Kälte konnte barmherzig sein -- die Polizei gewiß nicht ...

Die Frau warf der Tochter eine Tischdecke um den Kopf und die Schultern; sie hasteten über die unerhellten Stiegen ihres Hauses. Die Frau hielt die Hintertüre offen und schrie nach ihrem Manne. Sie wollte nicht ohne ihn davon.

Aber er jagte sie -- er fand harte Worte für die schlechte Mutter, die ihr Kind in die Hände der Henker fallen lassen wollte ... Willst du wohl gehen --?!

Das Weib und das Mädchen drückten sich schluchzend an den Mauern entlang; sie wandten bei jedem Schritt die Köpfe nach dem Gatten und Vater. Aber der kam nicht.

Es war nicht genug, daß er Frau und Kind zur Flucht verholfen -- er mußte auch die Verfolger auf sich hetzen -- er selbst ... Sie durften nicht Zeit gewinnen, um nachzuforschen, wieviel Türen das Haus des Juden hatte ...

Und er rannte und rannte. Und die Meute hinter ihm drein ... O, es war eine lustige Jagd, wahrhaftig! Sie rafften Schneeballen auf, so groß wie Kindsköpfe. Steine waren darin versteckt und Eisklumpen ... Um so besser flogen sie. Und wie sie flogen --! Da hatte einer den Juden am Kopfe getroffen ... Taumelst du, Jude --? Du sollst noch ganz anders taumeln --! Wartet, wartet --! Sperrt ihm den Weg ab! O zum Teufel, ihr seid nicht schnell genug! Er hat Feuer unter den Sohlen, der Jude --! Da ist er euch unter den Händen entwischt ... Gelächter, Fluchen, Pfeifen ...

Und plötzlich ein wiehernder Schrei -- er liegt! Er liegt --! Ein Klumpen Eis -- wer hat ihn geworfen? es muß, bei den Heiligen, eine wackere Faust gewesen sein! -- der hat ihn zwischen den Schultern getroffen. Und da ist er gestolpert und gefallen ...

Nun liegt er im Schneeschlamm, der ihm den Mund füllt ... Ersticken sollst du daran, schmutzige Bestie ... Aber erst sollst du gestehen: Wo hast du den Schnaps her, Hundesohn --?!

»Ich habe keinen Schnaps, ihr Herren ...«

Seht doch, seht doch -- sie will leugnen, die Dreckseele! Hund, man wird dir das Geständnis aus allen Gedärmen treten --! Wo hast du den Schnaps her -- hörst du nicht? Sie wollen eine Antwort, die Frager ...

»Ich habe keinen Schnaps, ihr Herren! Ich habe keinen! Und wenn ihr mich totschlagt, ich weiß nicht, was ihr wollt --!«

»Man wird dich totschlagen, sei ganz ruhig -- aber alles zu seiner Zeit! Erst gestehe! Du hast den Soldaten gestern Schnaps verkauft!«

»Nein, nein, nein --!«

»Willst du die Wahrheit sagen, du Mistkäfer?!«

»Ich sage die Wahrheit ...«

Er sagt sie mit blutigem Munde. Er liegt am Boden, sie lassen ihn nicht aufstehen. Fußtritte regnen auf seinen Rücken, auf seine Hüften. Er soll gestehen. Er gesteht nichts, weil er nichts zu gestehen hat. Sie müssen von ihm ablassen -- es ist nichts aus ihm herauszubekommen.

Aber die Menge hat einen Gedanken! Daß man nicht schon viel eher auf diesen erleuchteten Gedanken gekommen ist! Mag sein, daß dieser Jude nichts zu bekennen hat, daß er sogar unschuldig ist, so unwahrscheinlich das auch wäre ... Aber es gibt viele Juden in der Stadt! Wenn man bei denen nachforschte ...

Begeistert greifen sie den Gedanken auf ...

Zum Judenviertel --! Zum Judenviertel!

Was scheren sie sich noch um den Einzelnen, der am Boden liegt und dem das Blut aus Nase und Mund läuft und den Schnee rot färbt ... Jetzt haben sie höhere Ziele ... Die Polizei setzt sich an die Spitze der Menge ... Hunderte, Tausende folgen ihr. Das Geschrei löst sich auf in johlende Lieder. Sie müssen sich Luft machen; die Begeisterung macht sie trunken. Es gilt eine heilige Sache -- eine herrliche Sache, Brüderchen ... die Juden haben unseren Herrn ans Kreuz geschlagen ... wir wollen ihn rächen ... Wer nicht mittut, ist ein schlechter Christ und ein Lump ...

Beate steht, die Hände rückwärts an die Hauswand stemmend; ihre Augen klaffen vor Grauen und Entsetzen und jammervollem Mitleid. Sie will schreien, aber der Laut erstickt ihr auf den Lippen. Sie will sich wehren, aber sie muß mit. Wenn sie nicht zertreten und zerrissen sein will von der Horde, die der Mordrausch toll gemacht hat, dann muß sie mit, eine Welle im siedenden und brodelnden Strom. Und sie taumelt vorwärts und sieht -- muß sehen und hören ...

Ohne Füße gleichsam geht sie diesen Weg ...

In der Judengasse sind alle Fenster und Türen geschlossen und verriegelt. Seht doch -- das schlechte Gewissen! Wie sie sich verkriechen! Wie sie ihre stinkenden Höhlen verrammeln! Es soll euch nichts nützen -- ihr Kinderschlächter!

Wo haben sie die Äxte, die Hacken, die Steine her? Niemand weiß es. Aber mit einem Male sind alle Fäuste bewaffnet und hochgeschwungen. Ein Steinhagel prasselt gegen das erste beste Haus ... Kriech aus deinem Loch, du Hundeseele ...!

Willst du nicht? Nur Geduld -- Geduld, sie werden dich schon holen --!

Ein Axthieb schmettert gegen die Haustür ... Weicht doch zurück, zum Teufel -- ich kann nicht ausholen ... Zum zweiten Male ... klingend trifft Eisen auf Eisen ... das Schloß kreischt und singt ...

Die gutgefügten Bänder platzen beim vierten, fünften Hieb ...

Aber die Türe gibt noch nicht nach, so wütend sich auch die Schultern des Stärksten dagegen pressen. Sie haben den Eingang durch Möbel verstellt -- o, einmal werden sie doch nachgeben müssen ... fester -- fester --! Noch einmal -- hoi --!

Nun haben sie's erzwungen ... Sich stauend, stoßend und drehend schwemmen die Angreifer in das gestürmte Haus ...

Die Weiber bleiben auf der Straße. Mit offenen Mäulern und zuckenden Fäusten. Die Männer werden ihnen die Beute schon zutreiben; sie brauchen sich keine Mühe zu geben, selbst die Judenbrut aus den Schlupfwinkeln zu zerren.

Im Innern des Hauses erhebt sich ein jämmerliches Geschrei ... Sie schleifen die Kinder aus den Betten, in die sie sich verkrochen hatten ... Ein junges Weib, eine Mutter, der das Haar in langen wirren Strähnen um die zerkratzten Wangen hängt, klammert sich an den Arm eines Kerls, der so lang ist wie Saul und einen Säugling hoch über seinen Kopf hält ...

»Gib deinen Schmuck her, Judenhexe, oder ich schlage dir mit deinem eigenen Wechselbalg den Schädel ein ...!«

Das Weib reißt sich die dünnen Goldringe aus den Ohren, zwei, drei Ringe von den Fingern ...

»Da -- da, nimm --!«

»Das ist nicht genug ... Du hast mehr, viel mehr, meine Taube --!«

»Nein, Herr, nein -- lieber, guter Herr, ich habe nicht mehr! Will ich tot hinfallen, wenn ich mehr habe!«

»Such nur -- du wirst schon noch was finden, das du vergraben hast!«

»Herr, Herr -- ich habe nichts mehr -- nichts!«

»Such, Hündin -- sage ich dir!«

Das Kind schreit auf ...

Und das junge Weib, dem die Verzweiflung fast die Augen aus den Höhlen treibt, greift nach ihm, kann es nicht erreichen -- springt mit versagenden Flechsen, unter dem johlenden Gelächter der anderen -- und wendet sich plötzlich, reißt laut heulend alle Fächer, alle Schränke, alle Schübe auf, daß die Kästen herausfallen und ihr Inhalt sich in den Stuben verstreut ...

»Da --! ... Da -- ... da --!!«

Fluchend bückt sich der Kerl und läßt das Kind fallen. Das Weib fängt es auf, wendet sich zur Flucht.

»Wohin willst du, Kröte --? Hiergeblieben!«

Sie duckt sich, kriecht in eine Ecke, hält ihr Kind auf dem Schoß und schlägt die Arme über dem Kopf zusammen.

Die Beute war ganz gut -- aber sie muß noch besser werden. Das lohnt sich nicht, das Gewerbe ... Was ist da unten los? -- Ein junger Bursche spielt auf der Ziehharmonika.

O Nikolai Sontscheff -- du bist eine Seele -- ein Gemüt von Wachs ... Und außerdem bist du betrunken, Brüderchen! Wo hast du den Schnaps her --?

Nikolai Sontscheff gröhlt aus vollem Halse:

»Meines Mädchens rote, rote Lippen ...«

Zum Teufel mit den roten Lippen deines Mädchens, Geizkragen -- wo hast du den Schnaps gefunden --?

Geht zu Michail Michailowitsch, ihr Narren -- er wird ihn euch schon verschaffen! Michail Michailowitsch ist ein braver Junge und schlauer als ihr Dummköpfe alle miteinander ...

Nimm dich in acht, Brüderchen -- du wirst dich um den Hals reden ... die Polizei ist da ...

Hol' der Henker die Polizei -- wo ist sie?

Verschwunden ...

Was ging es die Polizei an, wie sich das Volk mit den Juden auseinandersetzte? Michail Michailowitsch hatte jedem der Beamten zwanzig Rubel in die Hand gedrückt ... Gott segne ihn ... Die Polizei hatte seine Keller durchsucht und nicht das geringste gefunden. Das genügte für eine Berichterstattung vollständig. Michail Michailowitsch war ein Ehrenmann; wenn man ihm ein Winkchen gab, fand die Polizei vielleicht Gelegenheit, die zwanzig Rubel auf gute Weise wieder loszuwerden ...

Was in der Judengasse vorging, stand auf einem ganz anderen Blatt ...

Nikolai Sontscheff kletterte auf einen Mauervorsprung. Er schrie, bis alle auf ihn horchten.