Die Flucht der Beate Hoyermann

Part 11

Chapter 113,819 wordsPublic domain

»Halten Sie mich für eine verbannte Königin?« fragte Beate, unwillkürlich lächelnd.

»Vielleicht,« antwortete Kyrill Petulikow etwas verträumt.

»Das ist etwas sehr Trauriges,« meinte die Frau.

»Nein, Miß Kate. Sie sind, so wie Sie nun leben müssen, doch ganz gewiß ein königlicher Mensch -- wie Raffael ohne Hände der große Maler ... Irgendein deutscher Dichter hat einmal so etwas gesagt.«

»Sie irren sich, Kyrill Petulikow.«

Der Russe schwieg, aber sie fühlte, daß er es nur tat, um ihr nicht noch einmal zu widersprechen.

Sie gingen allein. Achmed war bei seinen Eseln zurückgeblieben; die drei Beduinen, die ihnen bei der Ersteigung der Cheopspyramide helfen sollten, waren vorausgegangen und erwarteten sie am Fuße des Grabmals. Die Sonne stand nur noch zwei Hände breit über dem Horizont. Die Luft war sehr dunstig.

Als sie droben standen, ging die Sonne unter.

Und die drei braunen Männer, denen die weißen Mäntel um die langen, hageren Glieder schlugen, lösten sich die Gürteltücher von den Hüften, breiteten sie aus und warfen sich zum Beten auf ihr Gesicht.

»Es ist kein Gott außer Gott ...«

Kyrill Petulikow und Beate hatten sich am Rande der platten Kuppe niedergelassen und schwiegen.

Unter ihnen, vom Sande der Jahrtausende halb begraben, lag die Sphinx und wandte ihr fremdes, strenges Haupt nach Osten, gen Sonnenaufgang. Fern drüben schimmerten die Kanäle, vom Grün der Sykomoren überlaubt. Und ganz verloren im Duft des Sonnensinkens ruhte die Stadt -- die »Siegreiche«. Ihre schlanken, unwirklich zarten Kuppeln und Minarette blickten aus den Träumen einer anderen Welt herüber zu den lastenden Gräbern ihrer Königsahnen, und mitten zwischen beiden pfiff der Schnellzug von Assuan.

Beate Hoyermann sah und hörte dies alles und bemerkte es doch nicht. Sie spürte in der Tasche ihres Mantels das grell gebundene Heft über die Greueltaten der Deutschen in Belgien, und sie kam sich vor, im Angesicht der ausgebreiteten Herrlichkeit zu ihren Füßen, wie ein Mensch, der Brot braucht und jemand schenkt ihm eine Perlenkette.

»Sagen Sie mir, Kyrill Petulikow,« flüsterte sie, um die Betenden nicht zu stören, »würde es schwierig sein, von Rußland aus nach Schweden zu reisen?«

Kyrill Petulikow sah aus, als müsse er seine Gedanken erst zusammenrufen, ehe er antworten konnte.

»In Rußland ist alles schwierig,« meinte er dann; »aber in den meisten Fällen ist es eine Geldfrage.«

»Das würde keine Rolle spielen ...«

»Wie die Verhältnisse jetzt im Kriege liegen, kann ich natürlich nicht sagen, da ich Rußland verlassen habe, bevor der Krieg ausgebrochen war. Aber ich glaube, mit einigem guten Willen wäre es zu erreichen, daß Sie Schweden ... Übrigens, was wollen Sie in Schweden, Miß Kate?«

»Ich suche eine Brücke, um nach Hause zu kommen,« antwortete Beate.

»O -- und Sie wollen mit uns nach Rußland fahren --?«

»Es bleibt sich gleich für mich, auf welchem Umweg ich nach Hause reise,« antwortete Beate etwas herb. Sie merkte an seinem Schweigen, daß er diese Herbheit sehr wohl empfand. Mit einer unwillkürlichen und starken Gebärde faltete sie die Hände.

»Es ist, wie es scheint, eine unglückliche Bestimmung, Kyrill Petulikow, daß ich auf alle Ihre guten Worte eine rauhe Antwort haben muß, wenn ich nicht heucheln will ... Aber in alles, was ich denke, redet mir der Krieg hinein ... Wenn ich zu anderen Zeiten und nicht als die Kate Mathew, die Sie kennen, auf dem Gipfel der Cheopspyramide säße, dann würde ich's vielleicht den Männern da drüben nachtun, meine Augen nach Sonnenaufgang wenden und anbetend sprechen: ›Es ist kein Gott außer Gott‹ ... Aber dies ist dafür nicht die Stunde ... Und zu anderen Zeiten wäre ich vielleicht sehr stolz darauf gewesen, daß Ihnen und Ihrer Mutter so viel daran liegt, daß ich mit Ihnen reise -- und daß Sie mir die Kranke anvertrauen. Aber heute ist die Reise nach Rußland für mich nichts als ein Weg, der auch ein anderer sein könnte, um mich nach Hause zu bringen -- und den ich nur darum gehe, weil er vielleicht trotz allem der beste ist ...«

»Sie nehmen großen Anteil am Kriege,« meinte der Russe nach einer Pause.

»Ja, das tue ich ... Sie nicht?«

»Nein,« sagte Kyrill Petulikow. »Nicht sehr. Nicht so, wie Sie es meinen.«

»Das wundert mich,« meinte Beate und schüttelte den Kopf.

Kyrill Petulikow schwieg. Er wandte den Kopf von Beate ab und schaute nach Westen, wo die Sonne nun ganz versunken war, wo die Wüste anfing und die Nacht. Sie kam sehr rasch, ohne Dämmerung; alle Farben erloschen, als stürben sie für immer. Die Unendlichkeit der erstarrten Wellen im »Meere ohne Wasser« schien gleichsam mit geschlossenen Augen unter dem blassen Himmel zu liegen, an dem die Sterne groß und weit voneinander verstreut zu funkeln begannen.

Der Wind, der während des ganzen Tages fast unfühlbar gewesen, machte sich nun auf und wehte von Nordwesten, mit einem langen, sehr sanften Hauchen, schwermütig und einsam. Das kaum hörbare Gleiten, Rieseln und Beben des Sandes wurde in der Vollkommenheit der Stille ringsum ein Klang.

Die Sphinx war ganz in Dunkelheit versunken. Über Kairo, jenseits des Nils, war der Himmel trüb golden vom Widerschein der erleuchteten Stadt.

Die Beduinen hatten sich niedergehockt und schwatzten leise miteinander. Allmählich verstummten sie auch. Ihre weißen Burnusse schimmerten in der Finsternis.

»Jetzt bin ich Ihnen ganz fremd geworden,« sagte Kyrill Petulikow nach einer tiefen Stille, ohne sich umzuwenden.

»Ist es nicht ein wenig sonderbar,« meinte Beate dagegen, »wenn ein Mensch -- und noch dazu ein Mann -- eines der größten Ereignisse der Weltgeschichte miterlebt und sagt, er nehme keinen rechten Anteil daran?«

»Was nennen Sie miterleben?« fragte Kyrill Petulikow. »Zur selben Zeit auf der Welt sein? Ich bin nie Soldat gewesen und werde es nie sein können.«

»Und ich bin eine Frau,« sagte Beate, -- »ich bin auch nie Soldat gewesen und habe meinen Platz ein gut Stück hinter der Front, wo diese auch sein möge ... Aber wer seine Heimat und sein Vaterland liebt, der erlebt den Krieg mit allen Nerven und Fasern seines Herzens, und wenn er nie einen Schuß mit eigenen Ohren zu hören bekommt.«

»Ich weiß nicht, ob ich mein Vaterland liebe,« sagte Kyrill Petulikow.

»Dann wollen wir nicht mehr über den Punkt sprechen,« antwortete Beate und richtete sich ein wenig auf.

Es war wieder still zwischen ihnen. Kyrill Petulikow stützte den Kopf in die Hand.

»Ich wünschte mir doch, Sie hörten mich an,« meinte er schließlich, und seine stille Stimme tastete sich vorsichtig durch die Dunkelheit, als sei sie ein lebendiges Wesen, das in der großen Einsamkeit verirrt und müde nach Hause verlangte. »Aber ich weiß nicht, ob Sie mich verstehen können, Miß Kate. Wir sind einander so unendlich fern und fremd. Wenn wir reden, so müssen wir unsere Worte im Geist aus zwei verschiedenen Sprachen in eine dritte übersetzen; glauben Sie, daß es dann wirklich noch dieselben Worte sind, die wir gedacht haben? Und warum soll ich es Ihnen nicht sagen, Miß Kate ... ich habe es mir sehr gewünscht, einmal mit Ihnen zu sprechen ... wie man eben nur ein einziges Mal mit einem Menschen spricht, in besonderen Stunden, die nie wiederkommen ... Und nun habe ich nicht den Mut dazu ... Denn man kann sein Tiefstes nicht so hinschütten in den Sand, vor die Füße eines Menschen, der nicht darauf achtet -- wenn man weiter mit ihm leben will. Es darf keine Scham zwischen zwei Menschen sein, die unter einem Dache wohnen ... Scham ist schlimmer als Haß; und manchmal ist sie seine Mutter ... Man muß seine Seele in zwei Hände legen können, die sich zu einer Schale zusammenfügen. Dann ist das Reden leicht ... Aber ich weiß nicht, ob Sie mir Ihre Hände so geben wollen ...«

»Das will ich, Kyrill Petulikow,« sagte Beate geduldig.

»Ja, vielleicht. Aber Sie wissen nicht, ob Sie es bis zum Ende wollen. Wer sind Sie und wer bin ich? Ich kenne nicht einmal Ihren Namen. Denn Sie sind nicht die Kate Mathew, für die Sie sich ausgeben; daraus haben Sie mir gegenüber nie ein Hehl gemacht, und das danke ich Ihnen. Und ich möchte doch gern wissen, wie Sie eigentlich heißen, damit ich Sie manchmal bei Namen nennen kann, wenn ich Sie selber rufe und nicht irgendeine fremde Frau ... Und ich möchte, daß Sie mich nennen, wie mich meine Freunde nennen, Kyrill Iwanowitsch ... Ah, ich möchte, daß Sie ein wenig Russisch könnten, um mir dieses oder jenes Wort zu sagen, das nur in der Muttersprache einen Sinn hat ...«

»Um Russisch zu lernen,« meinte Beate, »werde ich wohl kaum genügend Zeit haben, Kyrill Iwanowitsch ... Aber bei Namen will ich Sie gerne nennen, wenn Sie es wollen. Vielleicht kommt auch einmal eine Stunde, in der ich Ihnen meinen Namen sagen werde ... Aber dann müßte es Frieden sein, oder wir müßten einander in meiner Heimat wiedersehen, was ich schwerlich glauben kann, solange es Krieg ist. Können Sie sich nicht an Miß Kate gewöhnen?«

»Nein,« sagte der Russe kopfschüttelnd. »Miß Kate ist irgend jemand, aber nicht Sie ... Ich hatte eine kleine Schwester, die Mascha hieß. Sie ist als Kind gestorben; meine Mutter liebte sie nicht sehr. Meine Mutter liebte nur Jewgenij Iwanowitsch, der ein schöner und starker Mensch war und immer lachte ... Meine kleine Schwester war kein heiteres Kind, aber wir liebten uns sehr. Und sie war ein schönes Kind, obwohl sie immer vor irgend etwas zu zittern schien und sich in sich selbst verkroch. Als sie starb und begraben werden sollte, versteckte ich mich auf dem Friedhof in ihrem Grabe. Aber sie entdeckten mich, wie sie den Sarg hinunterließen, und zogen mich herauf, und meine Mutter war ganz verstört, weil sie sich vor allen Menschen meiner schämen mußte. Ich habe meine Schwester nie vergessen. Sie ist in mir lebendig geblieben, mit mir gewachsen und nun groß geworden. Aber nun weiß ich nicht mehr, wie sie aussieht, und manchmal quält mich das ... Wenn ich Ihren Namen nicht wissen soll, so möchte ich Sie Mascha nennen. Und der Name ist sehr schwer von trauriger und inniger Verehrung ...« Kyrill Petulikow lächelte ein wenig. »Das mag daher kommen, daß ich als Knabe glaubte -- und heute noch nicht ganz sicher bin, ob ich mich in meinem Glauben getäuscht habe --, daß meine kleine Schwester nun viel klüger und stärker sei als ich, weil sie das Leben und den Tod gleichermaßen überwunden hatte und bei Gott war, der sie liebte ...«

Kyrill Petulikow schwieg. Beate hatte den Arm aufs Knie gestemmt und ihr Kinn in die Hand gelegt. Sie sah mit ganz verträumten Augen in den grenzenlosen Schatten des »Meeres ohne Wasser« hinab.

»Soll ich nun sprechen?« fragte der Mann behutsam.

»Ja ... ja ...«

»Ich glaube, Sie lieben Ihr Vaterland sehr, Miß Kate, nicht wahr ...«

»Ja, weiß Gott ...«

»Sie lieben es, weil Sie an seine Zukunft glauben -- ist es das?«

»Ich weiß nicht, was der Grund ist -- und ob man überhaupt einen braucht, um zu lieben. Aber ich glaube an seine Zukunft, und ich liebe es ...«

»Ich könnte mir denken, daß es so wäre,« fuhr der Russe fort, »daß man sein Vaterland mit dem Gefühl umschlösse, das eine Mutter, die nicht wie die meine ist, für ihr Kind haben mag. Ja, das ist wunderlich, nicht wahr ... Wir sind doch selbst die Kinder des Landes und müßten zu ihm aufschauen als zu dem Älteren -- dem, das vor uns war, geheiligt durch Überlieferungen, durch die Größe des Vergangenen -- das Geliebte um der Ehrfurcht willen ... Und dennoch weiß ich: wenn ich mein Vaterland lieben würde, dann würde ich es tun in einem Gefühl -- jenem sehr verwandt, das wir für die Jüngeren haben, für die, die sind, wenn wir nicht mehr sein werden, für die Kommenden, die Zukünftigen ... in einem Gefühl des grenzenlos beglückten Beiseitestehens, unverlangend, voller Ergriffenheit, dankbar und vertrauend ...«

»Ja,« murmelte Beate.

»Und ich könnte mir auch denken, wenn das Land, das man so liebt, in den Krieg zöge, daß man mit jedem Herzschlag, mit jedem Atemzug und jedem Gedanken bei ihm wäre in Angst oder Zuversicht, weil es um ein Höher oder Tiefer die Würfel schüttelte ...«

»Ja ... ja ...«

»Ich könnte mir auch denken, daß man im Kriege sein Bestes opfert, sein Leben wegwirft und fühlt: es ist nicht zuviel ... Denn das Opfer ist gut und hat einen Sinn. Es wird Früchte tragen und gesegnet sein ... Das liebe Land, das geliebte Land wird größer durch die Opfer, die es fordert -- wir fallen ihm wie Ähren dem Schnitter, damit es neue Aussaat hat -- dieses Land, das junge, das zukünftige -- das Land von morgen ... Ja, das wäre schön. Das könnte einem dazu verhelfen, sein Leben zu lieben, nur um es als gedoppeltes Opfer darbringen zu können ... Aber Opfer, die Rußland gebracht werden, haben keinen Sinn ...«

»Das ist ein sehr hartes Wort, Kyrill Iwanowitsch ...«

»Sie werden Rußland sehen, Miß Kate -- Sie werden es mit Ihren klaren germanischen Augen sehen und werden sagen: er hatte Recht, der Kyrill Iwanowitsch ... Glauben Sie mir, es ist ein sinnloser Zufall, daß die Grenze Europas quer durch Rußland läuft. Wir gehören nicht mehr zu Europa. Wir sind Asien. Wir sind ein Koloß auf tönernen Füßen. Unsere Dichter -- und wir haben herrliche Dichter! -- halten uns den Spiegel vors Gesicht: Seht -- seht, wie ihr in Wahrheit ausseht ... Wir betrachten uns und nicken: Ja, ja, du hast Recht, Brüderchen ... aber was willst du? So sind wir nun einmal -- Gott hat uns so geschaffen ... Wenn ich das Saufen lasse, Brüderchen, so wird die Welt darum nicht besser. Und der Schnaps schmeckt mir; warum soll ich ihn nicht trinken, wenn er mir schmeckt? Er ist dazu da, um getrunken zu werden. Und wenn ich ein Beamter bin, so ist es nicht schön von mir, wenn ich mich bestechen lasse -- aber sage selbst, Brüderchen: soll ich das Geld einem anderen lassen, einem Amtskollegen, der es doch auch nur versäuft --? Wir sind allzumal Sünder vor Gott; aber Gott ist gut, er verzeiht uns ...

»Es gibt auch andere -- Schwärmer, ja ... die machen Revolutionen. Und es gibt auch Schurken; die machen den Krieg. Die einen wollen das Heil für Rußland, die anderen für sich selbst. Und die Revolutionen kosten Blut und Geld, und der Krieg kostet Blut und Geld, und wenn irgend jemand dabei gewinnt, so ist es nicht Rußland. Wir haben uns in eine Sackgasse verrannt und finden nicht den Mut zur Umkehr, das ist es ... Wenn der russische Soldat sich schlägt und sich opfern läßt, wie man Stiere opfert -- glauben Sie, er weiß, wofür er sich schlägt und geopfert wird? Es ist ein Bild zum Heulen, Miß Kate: Millionen von Menschen, die dumm und gutmütig in den Krieg ziehen -- für nichts ... Denn wenn dieser Krieg überhaupt einem Lande Nutzen bringt, dann wird es nicht Rußland sein.«

»Warum,« fragte Kate Mathew etwas hart, »gab sich Rußland dann zum Schilde von Mördern her?«

»Ich glaube, diese Frage wird man Ihnen in London besser beantworten können als in Petersburg,« antwortete Kyrill Petulikow vorsichtig.

Kate Mathew wollte etwas sagen, aber sie verschluckte es.

»Vielleicht wird man einmal behaupten,« fuhr Kyrill Petulikow fort, »daß dieser Krieg auch von Rußlands Seite aus wirtschaftlichen Gründen geführt worden ist. Und die Worte vom eisfreien Hafen und vom Einfluß in Kleinasien werden wieder auftauchen ... Aber der schönste eisfreie Hafen kann dem russischen Reiche das nicht geben, was es braucht: eine andere Volksseele ...«

Beate hob den Kopf.

»Ich habe bisher geglaubt, daß die russische Volksseele sehr liebenswert sei,« meinte sie.

»Ja. Für die anderen. Wir sind so unendlich sanft, nicht wahr ... Wir sind die Ergebungsvollen und die Ungefährlichen. Wir haben das Lächeln, das Christus hatte, als er seinen Feinden verzieh -- wissend und wehrlos. Darum wurde er auch ans Kreuz geschlagen. Aber mit all unserer sanften Ergebung in den Willen Gottes, der in Rußland sehr schlechte Statthalter besitzt, sind wir so weit gekommen, daß wir keine Rettung für den Staat mehr haben als Krieg oder Revolution. Und beide sind zwecklos. Man rettet einen blutkranken Menschen nicht dadurch, daß man ihn wirtschaftlich unabhängig macht; man erleichtert ihm höchstens sein Siechtum. Aber darauf kommt es nicht an ... Man müßte ihm ein Bethesda weisen, in dem er sich gesund baden könnte, und das liegt nicht am Persischen Golf und nicht am Bosporus. Das müßte im Herzen Rußlands selber liegen ...«

»Was nennen Sie das Herz Rußlands?« fragte die Frau.

»Das Herz jedes Volkes -- seine Mütter,« antwortete der Russe.

Kate Mathew machte eine Bewegung. »Die Mütter,« wiederholte sie. Und unwillkürlich kam das Wort sehr versonnen aus ihrem Munde.

»Ja -- die Mütter ...«

Es war wiederum eine Weile zwischen den beiden Menschen ganz still. Und als Kyrill Petulikow weitersprach, geschah es so leise und so stockend, daß die Frau Mühe hatte, ihn zu verstehen.

»Vielleicht ist es nur ein neues Narrentum -- wer weiß es? -- Vielleicht sucht man immer in dem das Alleinseligmachende, was man selbst am meisten entbehrt ... Vielleicht ist es eine Torheit mehr, die Genesung des russischen Volkes in einem Traum von sehr mütterlichen Frauen zu suchen ... Ich weiß es nicht ... Und wenn ich es auch gewiß wüßte -- das wäre noch kein Schritt weiter zur Erfüllung dieses Traumes. Es ist ein Irrtum, zu glauben, daß Unglück zur Stärkung eines Menschen notwendig und gut sei ... Die Glücklichen sind die Starken ... Und wir sind nicht glücklich. Wir betrinken uns nicht um des schönen Rausches willen und feiern unsere Feste nicht, weil wir das Leben lieben. Wir betrinken uns, weil wir dann vergessen, und sind ekstatisch heiter in der Erkenntnis, daß wir nichts anderes haben als den Taumel. Und dann kommen die grauen Stunden der Ernüchterung, aus denen es keine Errettung gibt als die neue Trunkenheit des Vergessens ... Und wir müssen sehr viel vergessen und haben nichts, daran wir uns gern erinnern -- nicht einmal die Stunden, da wir Kinder waren. Wir haben auch keine Hoffnungen -- wir haben nur das Vergessen.«

»Sie sprechen von sich selbst,« meinte Beate halblaut. Es war eine Mahnung.

»Ich spreche von mir wie von hundert und tausend anderen. Wir sind arm und müde, weil unsere Kindheit arm und müde ist und sehr einsam. Wir wissen nicht, was wir lieben sollen, und lieben uns selbst am wenigsten. Es ist etwas Gespenstisches um unsere Heiterkeit wie um unsere Trauer. Wir wissen, daß wir krank sind, aber wir glauben an keinen Arzt. Die Schönheit der Erde stimmt uns traurig. Denn es hat uns niemand gelehrt, als wir Kinder waren, daß sie für uns schön ist und uns gehört. Das Leben schenkt uns nichts, wir müssen uns alles erobern, ohne Eroberer zu sein. Denn niemand sagt uns, wenn wir Kinder sind, welchen Weg wir gehen müssen, um glücklich zu werden; vielleicht wissen unsere Mütter es selber nicht; auch das mag sein. Diese Frauen, die immer ein wenig träge sind, die das Leben bitter gemacht hat, weil sie es nicht verstanden, das Leben auszulachen -- die legen ihre breiten Schatten auf unsere kindischen Wege und nehmen uns den Glauben daran, daß unsere Zukunft einmal schöner sein könnte als ihre Gegenwart. Sie lieben uns vielleicht als Menschen, wenn wir erwachsen sind. Aber sie lieben uns nicht als Kinder, die beständig fragen, wünschen und hoffen. Und das Erbe dieser Frauen ist es, das ein Volk von Männern mit sich schleppt. Die Freudlosigkeit, die wir ererbt haben, die Sanftheit des Entsagens und der Unglaube an morgen -- das ist's, woran wir elend geworden sind. Aber nun liegt es uns im Blute ...«

»Vielleicht«, sagte Beate nach einer Stille, »wird dieser Krieg das alles wachrütteln, was an Liebe, an Kraft und Hoffnung im russischen Volke schläft ...«

»Wenn es eine Liebe ist, so ist es eine verzweifelnde,« antwortete Kyrill Petulikow. »Denn wir werden am Ende dieses Krieges an nichts reicher sein als an Gräbern.«

»So mutlos sind Sie ...«

»Ja ...«

Beate Hoyermann wandte den Kopf und sah dem Manne ins Gesicht.

»Sie sind nicht glücklich, Kyrill Iwanowitsch,« sagte sie gelind.

»Wer ist glücklich?« fragte der Russe mit einem Lächeln.

»Ich,« sagte die Frau. Dann verstummte sie. Sie legte ihren Kopf in beide Hände.

»Nun wissen Sie,« fuhr Kyrill Petulikow fort, »warum ich an dem großen Kriege weniger Anteil nehme, als Sie von einem Manne erwarteten -- und vielleicht auch zu erwarten berechtigt waren. Man kann ein großes Unglück lieben, wenn es der Weg zu großen Zielen ist. Aber das Sinnlose kann man nicht lieben ... Ich bin ein Bauer, wenn Sie so wollen, und mein Vaterland ist meine Erde, die nimmt und gibt. Aber der Bauer treibt keine Politik und kümmert sich nicht um die Händel der Welt, solange man ihm die Äcker nicht verwüstet. Und auch dann denkt er: Sie mögen die Städte und die Dörfer niederbrennen -- die Erde können sie nicht verbrennen. Und das ewige Gesetz von Saat und Ernte bleibt bestehen, wenn alle anderen Gesetze aufgehoben werden. Was will ich mehr?«

»Es würde Sie also nicht bekümmern, wenn Rußland schwer geschlagen würde?« fragte Beate Hoyermann.

»Nein, Miß Kate. Denn wenn die Männer, die Rußland in den Krieg geschickt haben, Recht behielten, dann wäre das ein viel größeres Unglück für das Land als eine Niederlage.«

»Und nach der Niederlage -- was dann?«

»Was dann? -- Nichts ... Sommer und Winter, Frost und Hitze, Samen und Ernte -- Tag und Nacht ...«

»Und Sie stehen abseits und bauen den Acker. Auch das ist schön ...«

»Sie irren sich, Miß Kate. Sie denken jetzt, auch Bauerndienst sei Vaterlandsdienst. Aber daran habe ich nicht gedacht. Und auch bei dem, was ich tun will, wenn ich in Rußland sein werde, denke ich nicht an Vaterlandsdienst ...«

»Was wollen Sie tun, Kyrill Iwanowitsch?«

Der Russe gab keine Antwort. Sie hörte an seinem Atmen, daß er reden wollte, aber er schien die Worte nicht zu finden, die er suchte. Beate Hoyermann ließ ihm Zeit. Und dann fragte sie noch einmal und mit aller Zartheit einer guten Schwester: »Mascha fragt, was Sie tun wollen, Kyrill Iwanowitsch ... Mögen Sie es ihr nicht sagen?«.

Er schwieg aber.

Beate fragte nicht weiter. Den Kopf in die Hand gelehnt, sah sie in die Dunkelheit hinein, die immer blasser und blauer geworden war. Im Nordosten über der Stadt war der Mond heraufgekommen. Er badete die Stirn der Sphinx mit einem kühlen, weißen Licht. In El Kafr heulten die Hunde; sie hatten Furcht. Die Nacht am Saume der Wüste hatte keinen Frieden; sie war ganz unerlöst und schön wie eine schöne Tote.

»Warum fragten Sie mich, Miß Kate?« sagte Kyrill Petulikow tonlos.

»Sie wollten mich wie Ihre Schwester nennen -- warum tun Sie's nicht?«

»Ich weiß nicht, ob Sie mir antworten würden, wie Mascha getan hätte ...«

»Versuchen Sie's nur, Kyrill Iwanowitsch,« sagte die Frau, in der stillen Sicherheit ihres Herzens gütig und fest.

Kyrill Petulikow holte tief Atem.

»Sie haben meinen Bruder nicht gekannt,« begann er. »Er war der Abgott meiner Mutter, weil er ihr Ritter war. Während er lebte, liebte sie ihn; als er gestorben war -- und als ein Held gestorben --, betete sie ihn an ... Miß Kate, Kain war kein Russe ... Was wissen wir, wieviel er litt, bevor er Abel erschlug?«

»Haßten Sie Ihren Bruder so sehr?« fragte Beate mit einer schweren Bewegung.

»Nein. Ich haßte ihn nicht. Aber ich wünschte, ihm ähnlich zu sein. Jewgenij Iwanowitsch ähnlich sein, das hieß: ganz sorglos, ganz leichtsinnig, ganz ohne Schwermut sein, niemand in Wahrheit lieben und die Liebe aller besitzen. Ich wünschte mir nur eine Liebe: die meiner Mutter. Diese Sehnsucht meiner Kindheit und meiner Knabenjahre ist mir sehr treu geblieben ... bis auf den heutigen Tag ... Und vielleicht habe ich das Mittel gefunden, meine Mutter zu zwingen, daß sie mich wenigstens nach meinem Tode liebt ...«

»Wollen Sie sterben, Kyrill Iwanowitsch?«