Die Flucht der Beate Hoyermann
Part 10
Als das letzte Boot dreißig Meter von dem verlorenen Schiffe entfernt war, erschien droben, an der Reling der »Princeß of India«, ein Mann, dem das Blut über das Gesicht lief. Er hob den nackten Oberkörper; der linke Arm gehorchte ihm nicht; er winkte mit dem rechten. Und er schrie mit der ganzen Kraft seiner Lungen zu den deutschen Matrosen hinüber: »Kameraden --!«
In dem Boot, in dem Kyrill Petulikow saß, entstand eine Bewegung. Eine Frau war aufgesprungen und hatte sich mit einem Rufe, den niemand verstand, ins Wasser geworfen, um nach der sinkenden »Princeß of India« zurückzuschwimmen.
Ein Mann neben ihr, ein englischer Matrose, packte sie bei den Haaren und hob sie ins Boot zurück, wo sie regungslos liegenblieb.
»Es ist nichts, es ist nichts,« sagte er gleichmütig und schob ihr seinen Rock unter den triefenden Kopf. »Sie hat wahrscheinlich den Verstand verloren.«
6
Wellen kamen -- aus einer unendlichen Tiefe her. Sie stiegen auf ... müde, müde ... waren so dunkel und so schwer wie schwarzer fließender Marmor. Und immer, wenn sie dem Lichte des Bewußtseins und dem Tage nahe kamen, ebbten sie langsam wieder zurück und versanken in einem Meere von Verwirrung und Unlösbarem.
Beate schlief nicht. Sie träumte auch nicht. Sie lag nur unbeweglich und fühlte mit weit offenen Augen, wie die dunklen Wellen aus ihrer Tiefe heraufkamen und zu ihr emporstiegen, immer schwerer, immer breiter -- langrollend und unaufhaltsam. Im nächsten Augenblick würden sie über sie wegfluten oder sie fassen und mit sich saugen in die grenzenlose Dunkelheit, aus der sie gekommen waren, um wieder in ihr zu versinken.
Dann suchte sie irgend etwas, an das sie sich anklammern konnte -- vermochte kein Glied zu rühren und fühlte das Versagen ihrer Lungen, wollte schreien und schrie doch nicht ...
Denn immer, wenn sie die Lippen öffnen wollte, blitzte als einziges Licht in der Finsternis das Warnen ihres Verstandes auf: nichts verraten -- verrate dich nicht ...
Dieses wachende Licht erlosch nicht einmal im Fieber. Aber es war schuld daran, daß ihr Puls und ihr Hirn nicht zur Ruhe kommen konnten -- daß sie mit fliegendem Atem und dem Herzschlag eines kleinen kranken Kindes in der Kabine des holländischen Dampfers lag, der die Mehrzahl der Fahrgäste von der »Princeß of India« dem deutschen Kreuzer abgenommen hatte.
Von der »Buitenzorg« wehte der Heimatwimpel; sie kam von Batavia und wollte nach Amsterdam. Kyrill Petulikow und seine Mutter hatten beabsichtigt, auf gleichem Wege heimzukehren, wie sie ausgefahren waren. Aber die Pforte hatte die Dardanellen gesperrt, und schon der Gedanke an die Möglichkeit, noch einmal zwischen zwei Staaten zu geraten, die in Meinungsverschiedenheiten waren, genügte, um Lisa Petulikowa krank zu machen -- um so mehr, als die Ereignisse, die hinter ihr lagen, ihrer Gesundheit schon einen schweren Stoß versetzt hatten.
Kate Mathew fehlte ihr.
Die junge Holländerin, die ihre Pflege übernommen hatte, konnte sich mit ihr nicht verständigen und brachte die Kranke, der alle Nerven bebten, zu Weinkrämpfen durch die Unerschütterlichkeit ihrer heiteren Seelenruhe, durch ihre roten Pausbacken und ihre blanken Augen -- und durch die unschuldige Freude, die sie an den Tag legte, wenn Lisa Petulikowa das Essen zurückschickte.
Am Tage, bevor die »Buitenzorg« in den Suezkanal einfuhr, fragte Kyrill Petulikow, ob er Kate Mathew sprechen könne.
Der Schiffsarzt zuckte die Achseln. Gewiß könne er das; aber es sei die Frage, ob sie ihm antworten würde. Sie war nicht eigentlich krank; es lag nur eine Starrheit über ihr, wie über einem Menschen, den der Schreck versteint hat. Es bestand nicht die geringste Gefahr für ihr Leben; aber es schien, als weigere sie sich, zum vollen Bewußtsein zurückzukehren. Ihr Geist tastete sich einen weiten Weg zurück, aus der Dunkelheit ins Licht; aber wenn sie an der Türe des Erkennens stand, die Klinke schon in der Hand hatte, schauderte sie und kehrte wieder um -- tauchte von neuem unter im Nichts.
Kyrill Petulikow sagte, er wolle sie trotzdem sprechen. Sie sei die Pflegerin seiner Mutter gewesen und habe immer gewußt, wie man am besten mit der Kranken fertig werden konnte. Vielleicht war sie doch imstande, ihm das Mittel zu nennen, das sie angewandt, um Lisa Petulikowa zur Ruhe zu bringen ...
»Versuchen Sie's,« meinte der Arzt. »Es wäre ein großes Glück, wenn es Ihnen gelänge, dieses Mädchen aus seiner Stumpfheit aufzurütteln. Der Zustand, in dem sie sich befindet, erinnert verzweifelt an eine beginnende Geisteskrankheit ...«
Kyrill Petulikow antwortete nicht.
Das saubere und freundliche Geritje, das die Kabine mit Kate Mathew teilte, war sehr erstaunt, als der junge Russe bei ihnen eintrat; es lächelte sein hübschestes Lächeln und wollte ihm das Feld überlassen. Aber Kyrill Petulikow nickte ihr zu, sie möge nur getrost dableiben. Von Geritje wußte er, daß sie kein Französisch verstand.
Kate Mathew hatte seinen Eintritt nicht bemerkt.
Sie lag, wie sie seit vielen Tagen zu liegen pflegte, mit weit offenen, trockenen Augen, die nichts sahen, und mit krampfhaft geschlossenen Kinnbacken, als müsse sie etwas in ihrem Munde festhalten, an dem ihr Leben hing. Ihre Hände, die ganz durchsichtig geworden waren, lagen bleich und schmal ausgestreckt auf der bunten Decke ihres Bettes. Ihre Wangen waren so eingefallen, daß sich alle Zähne dahinter abzeichneten. Sie glich sich selbst so wenig, daß Kyrill Petulikow Mühe hatte, sie zu erkennen.
Und er dachte, während er auf sie niedersah, daß Kate Mathew nicht der Mensch war, den die Angst, das eigene Leben zu verlieren, um seinen klaren, starken Verstand brachte.
Er hatte nicht nach Kate Mathew gefragt um seiner Mutter willen; aber er glaubte, vielleicht sei die Mahnung an ihre Pflicht das einzige, was imstande war, die Wand zu durchstoßen, die sie vom Bewußtsein schied.
»Miß Kate,« sagte er behutsam, indem er sich über sie beugte, »meine Mutter ist sehr leidend; sie verlangt nach Ihnen. Werden Sie kommen?«
Ja, nun war es geschehen. Nun hatte eine andere Hand die Türe aufgemacht, vor der Kate Mathew sich so geängstigt hatte. Sie schrak zusammen und faltete die Stirn, als besänne sie sich auf die Worte, die sie gehört; und dann begriff sie.
Es ging nicht an, daß man sich vor dem Leben verkroch und sich taub und blind stellte. Das Leben kannte seine Diensttauglichen ganz genau und rüttelte sie wach, wenn es glaubte, daß es Zeit sei.
Sie war nicht Beate Hoyermann, die sich fallen lassen durfte und ihre Not austrinken wie eine Schale voll von betäubendem Wein. Sie war Kate Mathew, Stewardeß auf der »Princeß of India« und Pflegerin einer kranken Frau, die nach ihr verlangte.
In ihre Augen kam der Blick zurück. Sie faßte die Gegenstände und den Menschen, der sich über sie beugte, und begriff sie und was sie von ihr wollten.
»Ja,« sagte sie, die Lippen regend, als müsse sie erst wieder sprechen lernen. »Ja, ich komme.«
Kyrill Petulikow hatte noch weitersprechen wollen; aber die Enge und Ungemütlichkeit des Raumes bedrückte ihn.
Er sagte: »Danke, Miß Kate,« und ging hinaus. Auf dem Gang, den sie durchschreiten mußte, wartete er auf sie.
Er brauchte nicht lange zu warten.
Nach zehn Minuten kam sie aus der Kabine, in dem schwarzen Kleid, das sie am Tage der Schiffskatastrophe getragen und das um ihren abgemagerten Körper schlotterte. Sie ging mit ganz unsicheren Füßen und dennoch eilig, mit den ausgestreckten Fingerspitzen rechts und links die Wände des Ganges berührend. Ihre Augen standen noch immer viel zu weit offen, und es sah aus, als hätten sie sich nie mehr geschlossen, seit sie das Letzte -- das Bild des verwundeten Mannes auf der »Princeß of India« -- geschaut, und als sähen sie es noch immer. Über ihre Lippen, die das Fieber verbrannt hatte, flog der Atem. Ihre Füße schlürften über den Boden, als seien sie sich selbst zu schwer.
Unwillkürlich machte Kyrill Petulikow eine Bewegung, als wollte er ihr entgegengehen. Aber er besann sich und ließ sie auf sich zu kommen.
Kate Mathews geweitete Augen schienen durch ihn hindurch zu sehen. Er stand an der Treppe, die zum Deck hinaufführte, und hielt die Kommende mit einer kleinen Bewegung seiner Hand zurück.
»Verzeihen Sie,« murmelte Kate Mathew und schwankte, als sie stehenblieb. »Ihre Mutter --?«
»Meine Mutter, Miß Kate,« sagte Kyrill Petulikow mit seinem mildesten und ehrerbietigsten Lächeln, »mag ein wenig warten ... Sie haben sehr lange keine Sonne gesehen und keinen Salzwind geatmet ... Das würde Ihnen gut tun. Und ich möchte Ihnen dies und jenes sagen, ehe Sie zu meiner Mutter gehen. Bitte, kommen Sie ...«
Sie machte nicht den leisesten Versuch des Widerstandes; sie ging sofort auf die Treppe zu und begann, die Stufen hinaufzusteigen. Kyrill Petulikow hatte das Gefühl, daß sie mit derselben Widerstandslosigkeit in brennendes Feuer hineingegangen wäre, so völlig war sie ihres eigenen Willens beraubt.
»Hier ...« sagte er und schob ihr einen Stuhl hin. Das Sonnensegel dämpfte Licht und Wärme. Sie setzte sich und legte die flachen Hände im Schoß zusammen. Sie sah den Mann nicht an; ihre Augen irrten über das schöne, stille Meer, wie Vögel, die nicht wissen, wo sie ruhen sollen.
Kyrill Petulikow setzte sich ihr gegenüber.
»Miß Kate,« begann er mit einem vorsichtigen Rufen, als wünschte er, sie aufzuwecken, damit sie seine Worte gut begriff, »ich möchte Ihnen sagen ... vielleicht tut es Ihnen gut, das zu wissen ... der Mann, der -- damals -- auf der ›Princeß of India‹ zurückgeblieben war und verwundet schien und rief ... er ist gerettet worden ...«
Eine Weile schien es, als hätte die Frau ihn nicht verstanden. Sie starrte ihn völlig blicklos an. Und dann ging ein Zittern über ihre Lider, ihre Lippen, über ihre Hände, die sie ihm entgegenhob. Sie hielt den Atem in der Brust zurück und schluckte krampfhaft, ehe sie mit einem fast blöden Ausdruck fragte: »Was sagten Sie eben, Kyrill Petulikow?«
Der Mann wiederholte seine Worte mit einer merkwürdigen Bitterkeit des Tons. Er sah die Frau an und dachte: Ich bin ein Narr ... Und er stand auf, um fortzugehen.
Aber er ging nicht.
Kate Mathew hielt ihn zurück -- weit mehr noch durch ihren Blick als durch die unschlüssige Gebärde ihrer Hände.
»Er ist also gerettet worden?« fragte sie. »Er ist gewiß gerettet worden?«
»Ja, Miß Kate,« antwortete Kyrill Petulikow.
Kate Mathew schloß die Augen. Und dann lächelte sie.
»Das ist gut,« sagte sie, mit einem schluchzenden Atemholen. »Das ist gut ...«
Und dann stand sie auf. Sie hatte ihren Willen wiedergefunden, und sie konnte auch wieder, was sie wollte.
»Sie wünschten mir etwas zu sagen,« meinte sie mit einem helleren Ton und Blick. Sie stand vor Kyrill Petulikow, als erwartete sie seine Anordnungen.
»Das Wichtigste habe ich Ihnen gesagt,« entgegnete der Russe ernst.
Die Frau sah ihm ins Gesicht. Und sie begriff, als sie seinem klaren und etwas schwermütigen Blick begegnete, daß er, wenn auch auf falschem Wege, zum mindesten ein Stück der Wahrheit erraten hatte. Und sie begriff zugleich mit dem Instinkt der Frau, die sich in ihrer Liebe sicher weiß und es nur natürlich finden würde, wenn Gott und seine Engel, die Menschen und die Tiere und alles, was auf der Welt ist, einzig dieser Liebe dienen würden, daß hier ein Mensch war, von dem sie alles erbitten und alles nehmen durfte, weil er wußte, wie groß ihre Liebe zu einem anderen war.
Sie wollte reden, aber Kyrill Petulikow schüttelte den Kopf.
»Sagen Sie mir jetzt nichts, Miß Kate,« kam er ihr zuvor. »Wenn Sie die Bitte, die ich an Sie richten will, erfüllen werden, dann haben wir noch reichlich Zeit vor uns, Geheimnisse aufzuklären -- falls Sie glauben, daß Sie das tun möchten ...«
»Ihre Bitte, Kyrill Petulikow?«
Er zögerte einen Augenblick. Er schien ein Wort zu suchen, das dem Mädchen gezeigt hätte, wieviel ihm an der Erfüllung seines Wunsches lag. Aber dann sagte er ganz einfach: »Ich wäre Ihnen so sehr dankbar, Miß Kate, wenn Sie meine Mutter nach Rußland begleiteten ...«
Er schwieg und wartete, ob sie etwas sagen würde; aber sie schien von seinem Vorschlag so überrascht zu sein, daß sie zunächst nichts erwiderte und ihn auch nicht ansah.
»Meine Mutter,« fuhr Kyrill Petulikow darum nach einer Pause fort, »hat Sie sehr entbehrt, Miß Kate. Sie haben eine feste und sanfte Art und sind der einzige Mensch, von dem sich meine Mutter etwas abschlagen läßt, das ihrer Krankheit förderlich wäre. Wir haben noch eine endlose Reise vor uns, die der Kriegszustand doppelt erschwert. Die Pforte hat die Dardanellen gesperrt. Ich glaube kaum, daß meine Mutter die Geduld besitzen wird, so lange in Ägypten zu bleiben, bis die Meerstraße wieder geöffnet ist. Wir wollen über Griechenland und Rumänien nach Rußland reisen ... Sie können sich denken, was solch eine Reise für meine Mutter bedeutet ... Sie würden ihr alles so sehr erleichtern ... Und auch mir, Miß Kate ... Aber ich bitte nicht um meinetwillen ...«
»Ich will nicht sofort eine Antwort von Ihnen,« schloß er seine Rede, da Kate Mathew noch immer schwieg und vor sich niedersah. »Ich will Ihnen gern Zeit lassen, mit sich zu Rate zu gehen. Ehe wir an die Weiterreise denken können, bleiben wir mindestens vierzehn Tage in Kairo. Vielleicht schenken Sie uns diese Zeit und sagen mir dann, was Sie tun wollen. Ist es Ihnen so recht?«
»Ja,« sagte Kate Mathew mit einem dankbaren Lächeln. Sie holte tief Atem und sah sich um.
»Was suchen Sie?« fragte Kyrill Petulikow.
Sie zögerte ein wenig; dann sagte sie, während ihr das Blut in die Schläfen stieg: »Ich habe Hunger ...«
»Gut, gut,« sagte der Russe, nun seinerseits lächelnd. »Wir wollen also wieder leben, wie es scheint ...«
Die Frau sah ihn an und nickte. Die Tränen standen ihr in den Augen.
»Sie sind sehr gut zu mir,« meinte sie ernst.
Kyrill Petulikow erwiderte nichts ...
Sechs Wochen nach der Abfahrt der »Princeß of India« von Japan kamen die Fahrgäste der »Buitenzorg« in Ägypten an. Und am Abend des nächsten Tages mietete Kyrill Petulikow für seine Mutter, deren Pflegerin und sich die stillsten und schönsten Zimmer von Shephards Hotel in Kairo.
Man hatte ihre Pässe und ihr sehr bescheidenes Gepäck -- die Riesenkoffer Lisaweta Petulikowas waren mit der »Princeß of India« untergegangen -- mit einer Gründlichkeit und Strenge durchsucht, die in schroffem Gegensatz zu der früheren Großzügigkeit der englischen Zollbeamten stand.
Kairo war nicht mehr die Stadt, die sie sonst gewesen. Sie hatte sehr viel von den Zügen der Weltdame verloren, sehr viel von ihrer Lebhaftigkeit, ihrem gastfreien Sinn und ihrer Sicherheit. An deren Stelle war das Gesicht des Feldherrn getreten, der Soldaten suchte -- Wachsamkeit und Nervosität.
Es gab auf den Straßen sehr viele Männer, die keine Polizeiuniform trugen, aber auf alles aufpaßten und stets bereit schienen, ihre Berechtigung dazu nachzuweisen. Sie waren sehr höflich, aber ebenso bestimmt, wenn sie es für gut befanden, ein Haus, eine Brücke, eine Straße für etliche Zeit zu schließen. Man erfuhr niemals den Grund dieser Maßnahmen; aber sie häuften sich von Tag zu Tag.
Kyrill Petulikow ermüdete die Beamten der öffentlichen Sicherheit durch seine Freude an dem fremden und starken Leben der Stadt, dem er mit einer sanften Unentwegtheit nachforschte, ohne sich im mindesten um politische oder militärische Grundsätze zu kümmern. Er geriet mitten hinein in eine Abteilung frisch angekommener indischer Soldaten, deren schmale und leidenschaftliche Gesichter er mit einer Art künstlerischer Freude anstaunte. Er bat sehr höflich um Entschuldigung. Er wußte mit solchen Dingen nicht Bescheid. Sein Lächeln entwaffnete jede Entrüstung. Schließlich hatte man sich an ihn gewöhnt und betrachtete ihn als einen liebenswürdigen und wohlwollenden Halbnarren einer verbündeten Nation. Sollte man ihn in Gottes Namen laufen lassen ...
Lisa Petulikowa war großmütig genug, ihrer Pflegerin zuzureden, sich den forschenden und genießenden Streifereien Kyrills anzuschließen. Aber Kate Mathew machte keinen Gebrauch von dieser Erlaubnis. Die Augen taten ihr weh, wenn sie über die Straßen ging und die turmhohen Buchstaben der angeschlagenen Extrablätter ihr in allen Farben entgegenbrannten.
Ja, die Deutschen hatten Lüttich erobert, hatten Brüssel besetzt und Maubeuge genommen ... O, niemand dachte daran, zu leugnen, daß sie tapfere Leute seien, diese armen Soldaten eines wahnsinnigen Kaisers ... Aber dann war die Schlacht an der Marne gekommen -- glorreiche Tage für Frankreich und seine erhabenen Verbündeten ... mehrere Armeekorps waren teils gänzlich aufgerieben, teils gefangen genommen ... Und die Gefangenen erzählten greuliche Dinge über das Gemetzel, das die eigenen Maschinengewehre in ihren Reihen angerichtet hatten, um Rebellion und Empörung gegen die Führer zu unterdrücken ...
Ja, die Deutschen hatten die Russen ein wenig geschlagen, nachdem diese ganz Ostpreußen besetzt und das Land einer Wüste gleich gemacht hatten ... Mein Gott, was hieß das, wenn Rußland ein paar tausend Soldaten verlor ... Rußland hatte Millionenheere genug ... Und die Russen hatten Lemberg erobert ...
In wenigen Wochen würden sie in Wien sein und bald darauf in Berlin, und die Schlacht an der Marne feierte ihren Triumph in der endgültigen Vertreibung des Feindes bis an das rechte Ufer des Rheins.
Bis Weihnachten war alles erledigt ...
Nun, Kate Mathew, die Engländerin, aus Sheffield gebürtig, hätte mehr Freude über all diese Dinge an den Tag legen müssen, als sie in Wirklichkeit tat. Sie war selbst für eine Engländerin ein wenig zu gleichgültig gegen die Dinge der Weltgeschichte ...
»Miß Kate,« sagte Kyrill Petulikow eines Abends zu dem Mädchen, als sie der Kranken das Orangenblütenwasser bereitete, »ich kann es begreifen, daß man nach Japan fährt, ohne den Fujiyama zu sehen; denn wir haben es in der Tat fertiggebracht, meine Mutter und ich ... Aber daß man in Kairo ist, ohne die Pyramiden aufgesucht zu haben, das heißt, diese Methode des Reisens ein wenig zu weit treiben ...«
Kate Mathew begriff sehr gut, daß dies eine Bitte sein sollte. Sie sah die Kranke an und zögerte.
»Meine Mutter wird Sie entschuldigen,« fuhr Kyrill Petulikow mit seiner liebenswürdigen Sanftheit fort, gegen die es kein Mittel gab. »Wir reisen in wenigen Tagen ab ... Es ist ganz gewiß eine besondere Schönheit der Erde, Sonnenuntergang und Mondaufgang bei der Sphinx von Gizeh zu erleben ... Verderben Sie mir die Freude nicht -- kommen Sie mit!«
»Wenn Sie es ausdrücklich wünschen, Kyrill Petulikow -- und Ihre Mutter es gestattet ...«
»Beides, Miß Kate -- da es nötig zu sein scheint ...«
»Und wann wollen Sie aufbrechen?«
»In zehn Minuten werden die Esel vor der Treppe stehen.«
Der Eseljunge war pünktlich, und Kate Mathew war es auch. Achmed, der jugendliche und reichlich verschlagen aussehende Besitzer der beiden Reittiere, beschloß, als er Kyrill Petulikow in Begleitung einer Dame kommen sah, ihn unerhört zu betrügen, was ihm am Ende auch in Vollkommenheit gelang.
Da er den Russen französisch sprechen hörte, erwies er ihm die Ehre, seinen Esel Napoleon zu nennen, während Miß Kate auf Lord Nelson saß. Vor dem Kriege hatten sie zuweilen auch Bismarck und Radetzky geheißen, aber seit der europäischen Verwicklung, von der Achmed nichts begriff, als daß seitdem sein Geschäft zurückging, waren die Vertreter der Mittelmächte beurlaubt.
Sie ritten langsam, solange sie sich im Getriebe der Straßen befanden, das sich verstärkte, je mehr sie sich der Nilbrücke näherten. Wasserverkäufer mit ihren schwappenden Ziegenschläuchen, Obsthändler und Schuhputzer priesen Gott und sich selbst als die Wohltäter der Menschheit. Ihre singenden Rufe gingen unter im Geschrei der Zeitungsverkäufer, die das neueste Extrablatt ausriefen und eine grellrote, mit schwarzen Schrägstreifen geschmückte Broschüre: »Die Greueltaten der Deutschen in Belgien, nach amtlich beglaubigten Aussagen von Augenzeugen!«
Kate Mathew kaufte sich das Heft. Es war billig -- einen Sixpence kostete es. Der Verleger hoffte auf Massenabsatz, den er wahrscheinlich auch fand. Kyrill Petulikow sah, daß sie das Heft kaufte, schien sich ein wenig zu wundern, sagte aber nichts. Kate Mathew hatte das Gefühl, daß sie ihn in diesem Augenblick enttäuschte, und sie freute sich darüber. Sie steckte die Broschüre in ihre Manteltasche.
Längs der Straße, durch die sie ritten, säumten zu beiden Seiten, dichtgedrängt wie Datteln auf einer Schnur, bettelnde Kinder, Weiber und Greise den Weg, die meisten blind oder mit entsetzlichen Augenkrankheiten behaftet, von der Not und der Sonne zu Gerippen gedörrt, mit Lumpen bedeckt, ihre Krankheiten und Gebrechen entblößend; sie streckten ihre leichendürren Hände aus und murmelten, zu faul, das Wort »Bakhschisch« in seinem vollen Umfang auszusprechen, unaufhörlich: »-- schisch, schisch -- schisch ...«
Kyrill Petulikow warf Hände voll kleiner und großer Münzen unter sie, aber es war ein nutzloses Beginnen; das Elend schluckte seine Gaben ein wie die Wüste den Tau -- und blieb Elend, wie sie Wüste bleibt.
Eine Schar von schwatzenden Fellachenweibern, verschleiert, dampfend vor Hitze, kehrte über den Kasr en Nil nach ihrem Dorfe zurück. Über ihren nackten Füßen klirrten die Spangen. Sie trugen die leeren Körbe auf den Köpfen und hatten den Gang von jungen trächtigen Gazellen. Vom Rücken ihrer Mütter herunter bettelten die Kinder, die noch nicht laufen konnten, mit ausgestreckten Händchen: »--schisch.«
Als Beate den Nil erblickte, hielt sie unwillkürlich ihren Esel an. Sie blickte nach Süden, woher er kam, und dachte an das Land, in dem seine Quellen lagen -- das sie geliebt hatte und dessen Wasser sie getrunken.
Ein plötzlicher tiefer Jammer würgte sie am Halse. Kyrill Petulikow fragte sie etwas; sie gab keine Antwort. Blind vor Tränen, die ihr die Augen beizten, ritt sie weiter. Sie überließ es dem Russen und Achmed, mit den bettelnden Bewohnern von El Kafr fertigzuwerden, die die Straße nach Gizeh belagerten und unermüdlich neben den Fremden herliefen, um ihnen unechte Skarabäen, falsche Münzen und Mumienglieder aus jüngster Zeit der Schöpfung aufzudrängen.
Achmed schlug mit dem Stecken unter zornigen Anrufen Allahs, des Allvermögenden, in das zudringliche Gesindel hinein, wobei er nicht verfehlte, den scheinbar unerschöpflichen Sack seiner schwerstwiegenden Schimpfwörter über das Gezücht von Hunden und Schakalen auszuschütteln. Aber es nützte ihm nur wenig. Bis an die Türe des Menahouse-Hotels, vor dem die mauerngefaßte Straße zu den Pyramiden schon in blauem Schatten lag, blieben ihnen die Schmarotzer der Pharaonen getreu. Dann erkaufte sich Kyrill Petulikow ihren Verzicht auf weitere Annäherungsversuche durch Vermittlung des Portiers mit einem Bakhschisch, dessen Höhe ihn für ewige Zeiten zu einem Nationalheiligen von El Kafr erhob.
Kyrill Petulikow und Beate hatten auf dem Wege von Kairo nach dem Menahouse-Hotel kaum ein Wort miteinander gewechselt. Jetzt, als sie nach einer kurzen Pause der Erfrischung ihre Wanderschaft zur Cheopspyramide fortsetzten, kam er an ihre Seite und sprach sie an.
»Ich wußte nicht, daß Ihnen dieser Ausflug so sehr ungelegen kommen würde,« begann er das Gespräch. »Ich hätte Sie sonst nicht um Ihre Begleitung gebeten, Miß Kate.«
Kate Mathew sah geradeaus.
»Verstehen Sie mich nicht falsch, Kyrill Petulikow,« antwortete sie. »Ich bin wahrscheinlich sehr ungerecht ... Das wird man, wenn man unfrei ist. Ich weiß, wie gut Sie es meinen, und danke Ihnen ehrlich dafür. Aber ich wünschte mir eben so sehr, Sie möchten mich in Zukunft nur als die dienende Pflegerin Ihrer Mutter betrachten, wie ich mir anderseits wünschen muß, daß ich von Ihrem guten Willen weniger abhängig wäre.«
»Sie sind keine Dienerin,« sagte Kyrill Petulikow kopfschüttelnd.
»Ich bin es, denn ich bin im Dienst ...«
»Ja, ja ... Seien wir nicht kleinlich, Miß Kate ... Wenn eine Königin zum Rocken greift, so wird sie keine Spinnerin; aber sie macht das Spinnen zu einer königlichen Arbeit.«