Part 17
Ocollo, die Gattin des unglücklichen Atahulpas, voller Liebenswürdigkeit und Reize, dazu geweiht, ihre Mühen zu erleichtern, war der Abgott jener Unglücklichen, und auf sie konnte sie entfernte Hoffnungen gründen.
Das peruanische Lager bot die tiefste Ruhe dar, und der Statthalter, der sah, daß keinerlei Gefahr drohte, fühlte in seiner Brust die Liebe neu erstehen, und voller Verzweiflung zog er sich, von seinen feurigen Begierden hingerissen, von der Mauer zurück. Kaum war er bei seinem Zimmer angelangt, ließ er anmaßenden Geheißes Ocollo rufen. »Peruanerin«, sagte er zu ihr, »bald ist es Zeit, daß meine Liebe Trost in deinen Armen finde: In dieser Nacht, in dieser selben Nacht....« »Die Unruhe des Krieges, Pizarro,« entgegnete sie ihm.... »In dieser Nacht vielleicht wiederholt der Feind den Ansturm.« »Nein, er wird nicht so verwegen sein, ich schwöre es dir, er wird seinen Hochmuth nicht von Neuem gedemüthigt sehen wollen; sollte er es aber anmaßend wagen, so sind die Mauern nahe, beim ersten Schrei schüttle ich die Liebe ab, und fliege zum Kampf: Die Gefahren sind mir köstlicher als die Liebkosungen.« Vergebens mochte Ocollo die Hülfsquellen erschöpfen, welche ihr ihre furchtbare Einbildungskraft anbot, die Verzweiflung hatte sich der Seele Pizarros bemächtigt, seine Liebe war ein schwarzes Ungewitter, vielleicht wußte er um seine Leidenschaft, und wollte den glücklichen Augenblick, nach dem er so viele Male geseufzt hatte, nicht unter seinen Händen entwischen lassen.
Schnell flog der Statthalter nach der Stadt, und an die Mauern, und mit seiner Gegenwart belebte er die Soldaten, und gab allen militärischen Anordnungen Kraft. In Thränen versunken, sah Ocollo den Augenblick, den sie auf eine wunderbare Art so sehr verzögert hatte, unvermeidlich herankommen. Zu entfliehen wäre unmöglich: Ihr Tod war sicher, und sie wollte das großartige Schauspiel der Befreiung Perus genießen. Ihre starke, in den Stürmen große Seele bewahrte Ruhe genug, um die Gefahr zu erwarten; und durch den Schatten Atahulpas und durch die Liebe beseelt, die noch in ihrem Busen brannte, dachte sie nur an ihre Rache.
Da die Garnison von Cuzco auf fünfhundert Mann beschränkt und Pizarro bis zum Verkennen der Gefahren unerschrocken war, setzte er seine Wache auf eine geringe Anzahl von Soldaten herab, aber seine unendlichen Sklaven, von dessen Wildheit gewitzigt, zitterten bei seiner Stimme. Weltklug genug, spiegelte Ocollo niemals eine Vereinigung mit jenen Unglücklichen vor; manchmal behandelte sie dieselben ebenfalls mit Anmaßung, und der Statthalter nahm sie mit seinen Interessen verschmolzen an, weil er in seinem Liebestaumel der Gegenstand zu sein glaubte, den sie verehrte! Aber Ocollo seufzte um die unglücklichen Sklaven, und in das Geheimniß der Verstellung eingeweiht, entsprachen sie ihrer Zärtlichkeit. Einige flößten ihr, bald wegen ihres Muthes, bald wegen ihren Talenten, größeres Vertrauen ein und sie waren ihre Hauptagenten für die Mittheilungen mit dem Lager Huascars; und auf sie gründete sie ihre Hoffnungen und vertraute ihnen einige ihrer Geheimnisse an. An jenem Tage ermunterte sie ihre Seelen, indem sie ihnen versicherte, daß in der Nacht die Unabhängigkeit Perus ausgerufen würde, daß aber ihre Anstrengung unerläßlich war. Die wehrlosen Peruaner konnten kaum mehr, als großmüthig dem Tode ihre Brust aussetzen, aber stets vorsehend, wollte Ocollo glückliche Augenblicke benutzen.
Die geringe Wache, welche die Sicherheit des Palastes des Statthalters verbürgte, bestand aus Soldaten, die die Nacht auf den Mauern tödtend zugebracht hatten, die sich zur Feier des Sieges ebenfalls der Schwelgerei und den geistigen Getränken überlassen hatten, und denen die Müdigkeit und die Dünste ihre Glieder lähmen, und ein tiefer Schlaf ihre Augenlider schließen und ihre Köpfe umnebeln würde. Jene Nacht war die von Pizarro bezeichnete, um seine unkeuschen Begierden zu sättigen, und die gleichfalls von dem Schicksal bezeichnete, um die Freiheit Perus auszurufen, und Ocollo kannte ihre Lage, und in ihrer Brust glühte die Liebe zu ihrem Vaterlande und ihre Rache. Obwohl zu den Ketten der Knechtschaft herabgewürdigt, bewahrten die Peruaner die Seelenstärke eines Volkes, das die Wonne der Freiheit gefühlt hat, und bei dem Ruf der Freiheit flögen sie in den Tod, und Ocollo gab ihren Lieblingen die erforderlichen Anweisungen, damit sie die Menge vorbereiteten.
Nach so vielem Bemühen gab Pizarro der Müdigkeit schon nach; wiewohl seine Glieder stahlhart waren, giebt auch der Stahl nach. Nachdem alle militärischen Vorsichtsmaßregeln getroffen waren, zog er sich bereits beim ersten Sturmgeschrei nach seinem Palaste zurück, um einen Augenblick der Ruhe zu haben, aber die Liebe verzehrte sein Innerstes, und eine trostlose Unruhe beunruhigte seine Brust. Ausdrucksvoller denn je, ging Ocollo, ihm tausend verstellte Liebkosungen erweisend, ihm entgegen, und bei dem Anblick der Schönen erwarb die Seele Pizarros Kraft und Leben, seine Liebe brannte heftig, und sich entsinnend, daß jene Nacht die letzte der Verstellung wäre, hielt er den glücklichen Augenblick für gekommen. Ocollo jedoch, welche Pizarros erregte Leidenschaften bereits kannte, nahm ein strenges Aussehen an und begann seinen Liebkosungen auszuweichen. Da wurde der Statthalter wieder stolz, und erinnerte sie an das Geheiß: »In dieser Nacht, Ocollo, in dieser selben Nacht; es ist Alles umsonst....«
»Hoffe es nicht, Unmensch,« versetzte die Peruanerin, »niemals wird Ocollo der Stimme des Mörders Atahulpas nachgeben.« »Ah! Treulose, und du wagtest.... In dieser Nacht, in dieser selben Nacht ... umsonst wirst du versuchen, deine Hand loszumachen, in meinen nervigen Armen wirst du dein Verbrechen sühnen....« Wie ein schwaches Rohr riß Pizarro das Opfer mit sich fort; bleich, in ihrer Ruhe, schien Ocollo von einer göttlichen Macht beseelt; schon betastete der Statthalter mit seinem schwarzen Munde die purpurnen Wangen, als Ocollo muthig einen Dolch in seine Brust stieß und ihn mitten durchbohrte. Pizarro fiel, sich in einem Strom von Blut wälzend, und Ocollo rannte tapfer mit dem rauchenden, im Blute des Eroberers gerötheten Dolche davon, gab den Ruf der Freiheit, und die Sklaven flogen in Schaaren herbei. Alle Vorsichtsmaßregeln waren genommen; die Peruaner bemächtigten sich der Waffen der Wache, welche träge einen lethargischen Schlaf abschüttelten, um mordend unter dem Getöse der Sklavenketten zu sterben; die ganze Wache wurde, wiewohl zu theurem Preise, niedergemacht, und die Aufrührerischen flogen nach einem Thore der Stadt, um es ihren Gefährten zu öffnen. Die Spanier, welche die Mauern besetzten, hielten den Tumult für eine Ueberraschung des Feindes, der Statthalter fehlte ihnen an ihrer Spitze, und sie geriethen in Unordnung. Zu spät ja erkannten sie, was die Bewegung und den Tod Pizarros verursachte, man hatte die Thore gesprengt, und das peruanische Heer rückte eilfertig heran; es entspann sich jedoch, bei der Dunkelheit der Nacht, ein lebhafter Kampf in den Straßen, und die Spanier hätten den Sieg angestimmt, aber wie ein starkes Donnerwetter brach Almagro herein und entschied den Triumph. Das peruanische Heer weidete sich mit Entsetzen an den Besiegten; vergebens mochte Almagro in jenen Augenblicken die Macht der Disziplin anrufen: Ein jeder Soldat hatte tausend Opfer seiner Familie zu rächen, er mußte seine Schmach in dem Blute seiner Unterdrücker waschen, und man hörte nur furchtsames Todes-, Freiheits- und Rachegeschrei.
Kapitel 25.
Schluß.
Die Stadt war in ihrem ganzen Umkreise ein Schlachtfeld, und die peruanischen Abtheilungen rückten, Tod und Verderben hinter sich her reißend, überall siegreich vor. Ohne sich von der Spitze der Bataillone zu entfernen, siegte Almagro, jedoch die Truppe zügelnd und die Mannszucht bewahrend, und er warf durchdringende Blicke rings umher, den Statthalter, seinen Gegner zu entdecken, um mit ihm Körper an Körper die Waffen zu messen, und Coya, stets an seiner Seite, entflammte die Tapferkeit der Peruaner, und flößte ihnen Muth und Todesverachtung ein, um Siegeslieder und Freiheitsgesänge anzustimmen. Obschon den Befehlen Almagros gehorsam, obschon von edler großmüthiger Seele, führte, eine Division von verschiedenen Flanken anführend, Huascar hinter seinen Fußstapfen das Verderben nach, und ließ genugsam erkennen, daß er künftighin den Krieg bis auf den Tod führen würde; und in Mitten so vielen Greuels nahm die Nacht ihren schwarzen Schleier zusammen, das Licht des neuen Tages begann den Horizont zu erhellen und glänzend brach die Morgenröthe der Freiheit Perus an.
Gar bald aber gelangte die Nachricht von der Ermordung Pizarros, den er unter den Kämpfenden glaubte, an Almagro, und da zeigte der junge Kriegsheld seinen ganzen Seelenadel: Er beweinte den Tod seines Feindes, und schwermüthig warf er den Degen weg, den seine Rechte schwang. Huascar, inzwischen siegreich vorrückend, bemächtigte sich des Palastes des Statthalters, der früheren Wohnstätte der Inkas, und in starrer Betäubung betrachtete er den Leichnam des kühnen und ruhmvollen Spaniers, der das kolossale Reich in Staub versenkt hatte, als auch Almagro herzutrat; und Ocollo ermüdet, und mit schwerem und ängstlichem Athem in tiefer Ohnmacht dalag. »Inka«, sagte der Spanier zu ihm, »bereits bewohnst du die Stätte deiner Vorfahren; hier hast du meinen Degen; ich werde nicht mehr an deiner Seite kämpfen; ich habe keinen Feind mehr zu besiegen; dieser kalte Leichnam hat meine Rechte entwaffnet.« »Wie, tapferer Almagro, ich konnte dich beleidigen!« »Nein, Huascar, nein, du bist edel und großmüthig, aber mein tadel- und fleckenloser Name wird mit Schmach bedeckt werden, wenn ich fortfahre, gegen meine Brüder zu kämpfen. Pizarros Stolz und Luques Fanatismus, die Unduldsamkeit und die Gewaltherrschaft der beiden, brachten mich in dein Lager, und die persönlichen Beleidigungen des Statthalters forderten einzig meine Rache heraus. Die entfernten Geschlechter werden vielleicht glauben, daß aus dem Blute Pizarros die Freiheit Perus hervorquoll, weil seine Ermordung uns den Sieg verliehen hätte; die peruanischen Waffen würden sich, den Eroberer überwindend, mit Ruhm bedeckt haben, nun aber sind sie befleckt, und ich muß mich, von dem Schauplatz des Krieges abtretend, vor der Schmach retten.« »Ocollo rächte den Schatten Atahulpas; sieh, wie sie zuckend in tiefer Ohnmacht versunken ist.« Da fing Ocollo an, ihre Schlafsucht abzuschütteln, und sich von den Armen der sie umstehenden Peruaner losmachend, wollte sie erschreckt entfliehen, und schrie krampfhaft: »Nein, Unmensch, niemals, der Schatten Atahulpas.« Mit großer Mühe konnten sie sie in ein gesondertes, ruhiges Zimmer bringen, wo sie, nachdem man ihr die eifrigste Sorgfalt angedeihen ließ, bald wieder stille wurde und in ihrem Geiste entsetzliche Erinnerungen vorüberziehen sah.
»Nein, Huascar,« wiederholte Almagro, »ich beschuldige Ocollo nicht; ihre Rache und ihre Ehre erforderten ihre Tollkühnheit, doch Pizarro ist todt, und es ist bereits meine Pflicht, die Waffen abzulegen. Ich habe dich schon zum Siege vorbereitet, Benalcazar und andere berühmte Kapitäne verstärken deine Reihen; du hast bereits gelernt, die europäischen Waffen nicht zu fürchten; das Reich jauchzt dir als seinem Herrscher zu, und du bemeisterst den Sieg schon. Lebe wohl, großmüthiger Huascar; lebe wohl, Heer der Peruaner, lebe wohl. -- Im Osten geboren, kam ich, um euer Glück zu stören; der barmherzige Gott wollte mich mit weniger Ehrgeiz, oder mit mehr Empfindsamkeit, als meine Gefährten ausstatten, und ich trachtete, in eurem gemeinsamen Unglück eure Stütze und euer Trost zu sein. Die Undankbarkeit und der Stolz Pizarros, die Liebe Coyas, die Einflüsterungen meines Herzens brachten mich in euer Lager; ich kämpfte für eure Freiheit, und habe euch vielleicht zum Siege verholfen. Wenn ihr mir etwas schuldet, wenn ich würdig wäre, nach eurer Erkenntlichkeit zu trachten, so verzeiht die Verbrechen meiner Gefährten, flucht ihrem Andenken nicht.... Ihre Verbrechen sind Verbrechen ihres Jahrhunderts gewesen.«
Reichliche Thränen vergossen die einfachen Gemüther; eine tiefe Stille herrschte unter den berühmten Personen, und die Blut- und Greuelscenen, welche die neue Welt entsetzten, fingen an, sich in Scenen der Rührung und der Freude zu verwandeln. Coya, die an den Blicken Almagros ihr reines Herz entflammte, hing immerwährend an seinen Lippen; der Wille, die Launen ihres Geliebten waren für die Schöne heilige und unverletzliche Gebote, und wenn sie an der Seite ihres Almagros stand, hielt sie ihre ganze glückliche Zukunft und ihre goldenen Träume verwirklicht. Huascar, welcher in dem herzhaften jungen Manne keinen Nebenbuhler, sondern einen Freund, eine unüberwindliche Stütze sah, erschöpfte alle möglichen Hülfsquellen, damit er nicht die Waffen ablegte, doch der herzhafte Spanier konnte nicht einem Feldzuge folgen, worin sein mächtiger Nebenbuhler ermordet worden war. Es war alles umsonst; Almagro hatte unwiderruflich seinen Entschluß gefaßt, und er wandte sich endlich an Huascar: »Du weißt es,« sagte er zu ihm, »Sklave der Schönheit und der Reize Coyas, ist die ganze Glückseligkeit, nach der ich mich sehne, sie als Gattin zu besitzen, da ich schon vor so langer Zeit ihr Herz besitze. Gewähre mir, als Herrscher von Peru, als Oberhaupt der Familie der Inkas, diese Gabe, und meine geringen Dienste für die Sache des Reiches, werden höchlich belohnt sein.« Huascars größte Ehre war, Almagro unter die Familie der Inkas zu zählen, und bald vermählte sie, indeß in dem ganzen ausgedehnten Reiche die Vermählung unter Lustbarkeiten und herrlichem Gepränge gefeiert wurde, der ehrwürdige Priester Las-Casas, mit allen kirchlichen Bräuchen, im Tempel von Cuzco; und nach den gleichzeitigen Chroniken lebten die beiden Gatten noch lange Jahre froh und glücklich in dem prächtigen Palaste Coyas, den unsere Leser bereits kennen.
Der tugendhafte Las-Casas blieb als Oberhaupt und Generalverweser der christlichen Priester des Reiches ebenfalls in Cuzco und predigte unermüdlich von der Zärtlichkeit und dem balsamischen Troste der hehren Religion des Gekreuzigten; er ertheilte den neuen Priestern die heiligen Befehle, er war der Schutzengel der Unglücklichen, und er ließ in seinen Tugenden das wahrhaftige Bildniß eines allmächtigen und anbetungswürdigen Gottes wiederstrahlen. Ocollo, die Tugenden des frommen Dieners bewundernd, und durch die Bekehrung Huascars angespornt, haßte die Christen nicht; sie hätte vielleicht sogar bereitwillig das Wasser der Taufe empfangen, aber die Liebe Atahulpas lebte unauslöschlich in ihrer Brust, und niemals wollte sie den Glauben ihres angebeteten Inkas aufgeben, und in stiller Einsamkeit sah sie ihr von herrlichen Erinnerungen kontrastirtes Leben dahinziehen; und bald stellte sich der blutige Schatten Atahulpas ihrer beunruhigten Einbildungskraft vor, bald ließ ein rächender in eine anmaßende Brust gestoßener Dolch ihre Seele lächeln.
Wie irrende Kometen gingen die Helden Perus dem Ende ihrer Laufbahn und ihrem Untergange entgegen; doch knüpfen wir, um ihre Seiten abzuschließen, wieder an die Erzählung unserer Geschichte an.
Trotz des vollständigen Sieges der Peruaner konnten doch noch einige Spanier aus Cuzco und dem Tode entrinnen, welche auf die Befehle des Kapitäns Soto eiligst nach Cajamalca flohen. Die Beharrlichkeit und die Tapferkeit waren bereits vergebens, die Revolution Perus war bereits ausgebrochen, um nicht wieder zurückzugehen; die Peruaner hatten bereits mörderische Waffen, sie waren tugendhaft und kämpften für ihre Freiheit, das ist es, was die Völker zum Siege führt, und schwächere und ohnmächtigere Streitkräfte würden sich dem reißenden Strome widersetzen können. Der fanatische und blutdürstige Luque rettete sich ebenfalls vor dem Gemetzel von Cuzco, und floh, wenngleich er nicht mehr auf jene zauberhafte und unwiderstehliche Gewalt rechnete, die ihm der Aberglaube in den ersten Augenblicken verlieh, weil sein düsterer Fanatismus sogar die Fanatiker ermüdet hatte, mit den Ueberresten des besiegten Heeres.
Der herzhafte Huascar schlief nicht unter den Lorbeeren seiner ersten Triumphe ein, und Sieger über die Mauern von Cuzco, war er noch immer nicht Sieger über das Reich der Inkas. Die Eindringlinge beherrschten viele Provinzen, und sie mußten sich von Neuem vorbereiten, zu kämpfen und zu siegen. Die Kundschafter Huascars und der Freiheit durchzogen das Land nach allen Theilen, das Mangels an Garnisonen nur aus einer eingebildeten Furcht seinen Hals der Gewaltherrschaft bog, und mit Leichtigkeit erhoben sich die Provinzen und gaben, auf den geringen Schutz, den ihnen eine Division Huascars anbot, den Ruf der Freiheit und Unabhängigkeit. Einzig von Cajamalca nach San Mateo breitete die Herrschaft ihren Schrecken aus, weil es der Punkt war, wo die geringe feindliche Macht, welche immer noch die neue Welt besetzte, zusammengezogen war.
Jeden Tag rief eine Provinz ihre Freiheit und Unabhängigkeit aus; im ganzen Reiche brannte ein heftiges, unterirdisches Feuer der Revolution; mit bewunderungswürdiger Thätigkeit war Huascar allerorts zugegen; die Eindringlinge waren, schon auf einen kurzen Raum beschränkt, und zu Tausenden strömten die Peruaner nach Cuzco, das Heer der Freiheit zu vergrößern. Huascar konnte nicht mehr länger dulden, daß Cajamalca und San Mateo unter fremder Herrschaft fortfuhren, und an der Spitze eines mächtigen und wohlorganisirten Heeres brach er auf, jenen köstlichen Gegenden die Freiheit zu geben, und der Thron von Madrid und der Vatikan erbebten bei den Schritten des Befreiers der neuen Welt. Auch in dieser Provinz loderte das Feuer des Aufruhrs; vergebens strengten sich die Eindringlinge an, um es zu ersticken, und Huascar zog eilig daher, und sie mußten sich zum Kampfe vorbereiten. Eine kurze, entmuthigte, besiegte, von der Metropole verlassene Division, konnte ohne Hülfsquellen, und auf dem Boden, den sie betrat, mit Wuth befeindet, nicht gut dem Siege trauen; aber Soto und seine Soldaten waren tapfer und kriegerisch, sie konnten nicht einmal den Schimpf ertragen, besiegt zu werden, und sie würden nicht vom Platze weichen, ohne mit Anstrengung die Waffen zu messen.
Gleichwie ein reichhaltiger Strom, der seine Dämme durchbrechend sich dahin stürzt und sich majestätisch über die Fluren ergießt, so dehnte und breitete Huascar seine Kriegsmacht auf den Feldern von Cajamalca aus, und schickte sich an, der Anmaßung der Eindringlinge den Todesstoß zu versetzen. Soto hatte seine Kriegsmacht ebenfalls zusammengezogen, und rüstete sich kühnen Muthes zur Schlacht, und die alte und neue Welt erwarteten mit Begierde den Schlag, der ihre moralische und politische Zukunft so sehr beeinflussen sollte.
Wie wir schon angezeigt haben, erfreute sich Luque weder einer so großen Macht, noch eines so großen Ansehens; sein Fanatismus beherrschte nicht mehr ausschließlich die Gewissen, und es fing an, eine Umgebung von Vorurtheilslosigkeit zu herrschen, welche den Seelen eine ziemlich deutliche Stimmung verlieh. In jenen Gegenden waren ebenfalls die beiden Culte vorherrschend, das Christenthum und die Sonnenanbetung, welche in vielen Peruanerherzen geweihte Tempel hatte; die Glaubensunduldsamkeit und die militärische Gewaltherrschaft fuhren fort, mit mehr oder weniger Rohheit ihre Schrecken zu verbreiten, und die Peruaner würden einen ruhmvollen Tod vorziehen, als die Fesseln der Sklaverei weiter schleppen. Die Nachrichten von der Annäherung Huascars entflammten die Gemüther, und in Cajamalca heulte ebenfalls eine fürchterliche Revolution.
Aufbrausend und anmaßend zog Soto bei den Neuigkeiten von der Ankunft Huascars hinaus auf’s Feld, und von seiner tollen Heißblütigkeit getrieben, schickte er sich an, einen verwegenen Zusammenstoß zu wagen. Luque konnte nicht begreifen, wie der Gott der Schlachten, die Waffen der Nazarener verlassend, den Sieg einem von ihm mit dem Kirchenbann belegten Heere verlieh, und in seinem barbarischen Fanatismus sah er die Kehrseiten ihres Lagers als eine sichtbare Strafe der Sünder und als einen schwierigen Beweis dessen an, wozu der gerechte Gott die Christen aussetzte, und inbrünstig eröffnete er öffentliche Bußpredigten, belegte das Reichsheer und die abtrünnigen Christen, welche ihm nachfolgten, von Neuem mit dem Kirchenbann, und feierte, so den Muth der Besiegten in etwas aufrecht haltend, tägliche Gebete.
Huascar verdankte Almagro eine kluge Tapferkeit und eine strenge Mannszucht, und er zweifelte nicht daran, den Kampf, wozu ihn Soto herausforderte, anzunehmen, weil er kaltblütig seine gewaltigen Vortheile erwog und überdachte. Gar bald entspann sich angesichts Cajamalcas der hartnäckige Kampf; der so muthige und todesverachtende Soto hatte nicht das Ansehen wie Pizarro, noch dessen Takt und militärische Kenntnisse; die kriegerischsten Soldaten und die erfahrensten Anführer waren in den Anden und in Cuzco umgekommen, und bald sahen sich die Eindringlinge umzingelt und in die Flucht geschlagen, und sie mußten den Rückzug antreten.
Unglücklicherweise hatte sich in Cajamalca zugetragen, was Soto hätte voraussehen sollen. In dem Augenblick, in welchem er seine ganze Kriegsmacht auf das Feld hinausnahm, um Huascar eine Schlacht zu liefern, platzte in der Stadt der Vulkan los, der im Verborgenen glühte; die geknechteten Bewohner liefen mit viel früher ausgedachter Absicht zu den Waffen; bemächtigten sich der Mauern und der wichtigsten Punkte, überraschten und hieben die geringe Wache nieder, womit man die Ruhe gesichert glaubte, und nicht ein einziger Eindringling konnte sich von dem Tode befreien. Die Sklaven tödteten mit äußerster Erbitterung, aber sie sehnten sich darnach, ihre ganze Wuth an dem barbarischen Luque auszulassen.
Pizarro’s Verweser hatte einen unauslöschlichen Haß auf sein Haupt zugezogen, weil er, so sehr der Fanatismus seines Jahrhunderts seine Grausamkeit und seine Mordthaten für die kommenden Geschlechter bedeckt, wie wir gesehen haben, in Mitten eines See’s von Blut gelebt hatte. Umsonst suchte ihn wüthend das empörte Volk durch die Stadt und an den verborgensten Orten, da Luque sich angesichts der Gefahr in den Tempel flüchtete, den er für eine unverletzliche Freistätte hielt und sich in inbrünstigem Gebete vor dem Altare niederwarf; aber die Aufrührer hatten es bald erfahren, und sie fielen über den Tempel her, sprengten dessen Thüren ein, warfen sich wie hungrige Wölfe über den Fanatiker her und zerfleischten ihn wüthend an demselben Altare, an welchem er betete. Ihre Wuth war noch immer nicht gesättigt; sie schleiften seine zuckenden Glieder durch die Stadt, und verbrannten sie endlich unter Jubel und Freudengeschrei auf einem fürchterlichen Scheiterhaufen. Luque starb, wie er so viele Unglückliche hatte sterben lassen, die neue Welt verweigerte ihm sogar einige Fuß Erde, wo dessen sterbliche Ueberreste ausruhten, seine Asche wurde in den Wind gestreut, wie er diejenige Atahulpas und tausend anderer Märtyrer seines barbarischen und blutgierigen Fanatismus gestreut hatte. Inzwischen veranstaltete Almagro im Gegentheil für den unsterblichen Eroberer des Inkareiches ein prächtiges und königliches Leichenbegängniß.
Zwar besiegt und in die Flucht geschlagen, erfuhr Soto die Empörung und die Schrecknisse von Cajamalca; ohnmächtige Verzweiflung war seine Qual, aber der Strom war bereits durchaus unwiderstehlich. Ohne Hülfsquellen irgend welcher Art, von der Metropole, wo sie sich umsonst auf Verstärkungen und Beistand beriefen, verlassen, konnten die Eindringlinge dem Andrange eines mächtigen, siegreichen Heeres, nicht gut die Stirne bieten, da es ihnen sogar an befestigten Punkten, um sich darin zu wehren, fehlte. Unter tausend heldenmüthigen Anstrengungen erreichte Soto, die Eindringlinge auf San Mateo zurückzuwerfen, wo es ebenso wenig möglich war, daß er bestünde, und sie mußten sich an Bord schwacher und zerstörter spanischer Schiffe flüchten, welche die Bucht durchfuhren.