Die Eroberung von Peru

Part 11

Chapter 113,428 wordsPublic domain

Das peruanische Heer war unter dem Befehle des allgemein zum Nachfolger des Inkas und Oberhaupt des Reiches anerkannten Huascars in Cuzco eingezogen, wo es, durch neue Truppenaushebungen verstärkt, zu einer nach ihrer Art Kriegsführung vollständig ausgerüsteten Streitmacht von siebzigtausend Mann anwuchs. Die von den Eindringlingen in Cajamalca begangenen Gewaltthätigkeiten waren ihnen wohl bekannt, sie wußten um die Opfer, welche dieselben bei den Nachgrabungen der Bergwerke und der Führung der Transporte hinmordeten; sie kannten das unbillige Gesetz, welches sie zur Sklaverei und dazu verdammte, ihren süßen Glaubenslehren zu entsagen, oder in den Flammen zu sterben, und das ganze von Huascar beseelte Heer war entschlossen, eher auf dem Schlachtfelde zu sterben, oder unter den Trümmern von Cuzco zu versinken, als Sklaven der von Osten Gekommenen zu sein. Eine ansehnliche Versammlung von Aeltesten trug mit ihrem Rathe zur Regierung des Reiches bei; und Vericochas, im Namen der Sonne, in der Sprache der Götter, nicht mit der des Todes und des Verderbens, zu den Peruanern redend, entzündete sanft die Gemüther, eher rühmliche Opfer zu werden, als den Wohlthätigkeiten des leuchtenden Gestirns undankbar zu sein.

Untröstlich, beweinte Ocollo ihren angebeteten Inka; ihre Tugenden und ihre reine Keuschheit erwarben ihr die Achtung und die Bewunderung Huascars, Vericochas und des Senates; und bei den frommen Handlungen war sie die erste, welche vor dem Altar der Sonne schwur, für den Glauben und die Freiheit ihres Vaterlandes zu sterben, und bei der Erinnerung an die unzüchtige Liebe, welche Pizarro ihr in den kummervollen Stunden erklärte, zog sich ihr Herz zusammen und entsetzte sich ihre Seele. Voll Feuer in Liebe zu Almagro entbrannt, fand Coya nur darin Trost, an ihrem eigenen Schmerz zu zehren. Almagro war ihr Athmen und ihre Wonne, sie hatte das Gleichgefühl ihrer Seelen erkannt und Coya war das traurigste Opfer der Liebe. Sie hatte ihren Glaubenslehren entsagt und das Glaubensbekenntniß eines Gottes abgelegt, den sie nicht kannte, den sie aber verehrte, da er der Gott ihres Almagros war. Der Schatten ihres Vaterlandes beunruhigte ihre Träume, der Schatten ihres Angebeteten zerriß ihr das Herz.

Das war die Lage der Helden des Reiches; Alle seufzten und ihre Thränen fruchteten dem Vaterlande nichts. Tapfer, kühn, gefühlvoll, mit denjenigen seiner Landsleute viel überlegeneren Kenntnissen, war Huascar der Abgott des Heeres und des Senates, und er handelte mit der größten Thätigkeit, um sich zum Kriege zu bereiten; er kannte jedoch die Ueberlegenheit der Waffen der von Osten Gekommenen und zweifelte an dem Siege. Seine ersten Besorgnisse waren, seine Feinde auszuspähen, um ihre Bewegungen im Voraus zu wissen, und er erfuhr die Ankunft neuer Streitkräfte und den Marsch Pizarros auf Cuzco. Obwohl bereits weit entfernt, die Eindringlinge für Söhne der Sonne, noch für Gottheiten zu halten, sank den Peruanern doch der Muth, als sie erfuhren, daß sie Verstärkungen empfingen; sie setzten schon einen sehr zusammengesetzten Plan voraus, und fünfzig bis sechszig ihrer Unterdrücker zu tödten, hatte dem Reiche mehr als fünfzehn- bis zwanzigtausend Opfer jeden Standes und Ranges gekostet; aber immer edel und menschlich, behielten sie eine kleine Anzahl Gefangener, welche sie in ihrer Gewalt hatten, am Leben. Die moralische Stärke der Heere stand etwa auf gleicher Höhe; der Ehrgeiz der Eindringlinge und ihr düsterer Fanatismus befahlen die Ausrottung der Peruaner; die Religion und die Freiheit des Reiches forderten das Blut der Eindringlinge.

Zwanzig Tagereisen war Cuzco von Cajamalca entfernt, und es gab Engpässe und Gebirge, welche, mit einer geringen peruanischen Kriegsmacht besetzt, der Feldzugsabtheilung nichtsdestoweniger Verlegenheiten verursachten, aber in diesen kleinen Scharmützeln blieben, obschon sie dennoch einige Verluste erlitten, stets die Europäer Sieger, und von Neuem bewunderten sie die heldenhafte Tapferkeit und den wilden Muth der Peruaner. Alle Tage boten sich ihnen Beispiele von Kriegern dar, welche, die Griechen bei Thermopylä nachahmend, bald um ihre Gefährten zu retten, bald um im Grabe eine unverletzliche Zufluchtsstätte ihrer Freiheit und ihrer Religion zu finden, einem sichern Tod entgegengingen. Pizarro und die Seinen wälzten todesmuthig ihre Feinde fort, und bereiteten sich zu neuen Siegen vor; die Tapferkeit der Spanier war im sechszehnten Jahrhundert die Bewunderung Europas, die neue Welt die Wiege der Helden und der Thron der Gothen ein die Erde verachtendes, dem Himmel zustrebendes hohes Gebirge.

Nach tausend Mühseligkeiten bekam die spanische Abtheilung Cuzco zu sehen, und der Senat, das Heer und das Volk erzitterte. Die Auftritte von Cajamalca waren allgemein bekannt; Cuzco, die Hauptstadt des Reiches, war der letzte Seufzer ihrer Freiheit und ihrer Anbetung, das Grab that sich unter den Füßen der Krieger auf und das Getöse der schnarrenden Ketten erschreckte das Kind und den Greis. Oh! verfluchte Schätze! Es wäre besser gewesen, wenn euch die Natur in die tiefsten Meeresgründe gestürzt hätte und die Erde sich nicht in dem Blute Unschuldiger tränkte!

Als Almagro die Mauern von Cuzco entdeckte, glänzte ein süßes Lächeln auf seinen Wangen und eine einschmeichelnde Wehmuth heftete sich an seine Blicke; dort war seine schöne Coya, seine Wonne und seine Qual. Das Wohl seines Vaterlandes befahl die Eroberung des Reiches, seine religiösen Gefühle die Zerstörung der Sonnenaltäre; Coya verehrte den wahrhaftigen Gott, aber Coya liebte ihr Vaterland glühend, und ihre Liebe wäre ein trauriges Gespenst, das, so lange als das Vaterland der beiden Liebenden nicht ein einziges wäre, ihr Dasein quälen würde. Bei den Scharmützeln unterwegs waren viele peruanische Gefangene festgenommen worden, Alle frug Almagro nach seiner Angebeteten und Alle antworteten ihm, reichliche Thränen vergießend: »Coya ist eine Abkömmlingin der Inkas, sie ist eine Tochter der Sonne, ihr Vaterland ist ihr Abgott und für ihr Vaterland zu sterben, ist all’ ihre Wonne.«

Wenn Coya in einem Augenblick der Zärtlichkeit, des Entzückens, ein Opfer der Liebe, ihren Cultus verließ, hatte sie mit reichlichen Thränen ihren Meineid geläutert, und ihr Vaterland zu verrathen wäre nicht ihr zweites Verbrechen.

Da die spanische Abtheilung vielen Kämpfen zu trotzen hatte und mit Schnelligkeit marschirt war, nahm sie vor Cuzco einige Tage Ruhe, um sich von ihren Mühseligkeiten zu erholen und um die Politik der Belagerten zu beobachten. In Cajamalca kamen die Spanier wie Freunde an, und bequeme, mit Lebensmitteln versehene Zelte und eine mit Früchten gesegnete Flur boten ihnen bequeme Rast und reichlichen Unterhalt dar; bei der Ankunft in Cuzco fanden sie nur dichte Wälder, welche ihnen Schutz gewährten, und kräftige Stämme, um die Scheiterhaufen zu schüren, vor; die Flur aber war verwüstet, und Pizarro stieß auf nicht geringe Schwierigkeiten, um sich Lebensmittel zu verschaffen, da ihm die Peruaner innerhalb der Mauern Alles entrissen hatten.

Wenn er mit seiner einzigen Abtheilung von achthundert Mann Alles abgewartet hätte, so wäre er auf noch größere Hindernisse gestoßen, viertausend Sklaven aber führten ihm die Transporte von Cajamalca, und von einigen Spaniern geleitet, durchstreiften sie die Fluren von Cuzco und brachten aus großen Entfernungen Lebensmittel her. Von diesen Unglücklichen, die, ohne daß ihr Herz der Anbetung der Sonne entsagt hatte, vor dem Tode fliehend, das Wasser der Taufe empfingen, schaffte ein jeder fünf Viertelcentner fort, ein den Kräften eines Peruaners weit überlegenes Gewicht, und zu Hunderten fielen sie von ihren Lasten erdrückt und erstickt an den Wegen hin, oder ließen mangels an Nahrungsmitteln schweißtriefend nach. Aus Mangel an Pferden und durch die Erfahrung des Schreckens und der Verheerungen, welche die Reiterei bei ihren Feinden veranlaßte, überzeugt, hatten die Eindringlinge sogar die Zugpferde der Artillerie bestiegen, und die Sklaven schleppten die Kanonen, welche gegen ihre Brüder donnerten. In den unterbrochenen Gegenden und in den Gefechten war die unerbittliche Peitsche des Gebieters immer gehoben, und der Unglückliche, welcher fiel, wurde überfahren und zerfleischt, um mit Blitzesschnelle durch einen Andern ersetzt zu werden, der auch lebte um zu leiden. Trotzdem die Sklaven in fünffacher Anzahl als die Eindringlinge waren, war es ihnen nicht möglich, sich gegen ihre Herren aufzulehnen. Ein großes Reservekorps sorgte dafür, die Menge unterwürfig zu halten, und bei dem geringsten Anzeichen von Ungehorsam wurde der Schuldbewußte auf die Folter gespannt und das Blut von hundert Unschuldigen floß zum Schrecken ihrer Gefährten.

Nachdem sich die Abtheilung auf den anmuthigen Auen von Cuzco ausgebreitet hatte, schickte sie sich zur Einnahme der Stadt und zum Untergange des Reiches an. Das peruanische Heer hatte innerhalb der Mauern keinen Platz, und mächtige Korps streiften, bald die Mittheilungen mit der Hauptstadt aufrecht haltend, bald dem Feinde furchtbare Drohungen zurufend, in der Gegend umher. Alle Tage entspannen sich mehr oder weniger beträchtliche Scharmützel, aber niemals wagte man entscheidende Zusammenstöße, weil das eine wie das andere Heer, sich gegenseitig beobachtend, dieselben vermied. Die Eindringlinge kannten ihre geringe Anzahl und die Peruaner fürchteten sich vor den Wirkungen der europäischen Waffen; aber stets verwegen und ungestüm, stets wie ein unwiderstehlicher Strom zog Pizarro den Siegeswagen hinter sich her und fügte jeden Tag seinem Lorbeerkranz ein Blatt hinzu. Oh! wenn es gefühlvoll gewesen wäre!...

Almagro, der seine Coya nicht sah, verabscheute sein Dasein und die Sonne glänzte nicht strahlend vor seinen Augen. Ein wenig mehr mit seinen Gefährten vereinigt, sprach er, ihnen stets Milde einflößend, endlich eines Tages in einer seinem Charakter eigenen Sprache: »Um etwa die neue Welt zu erobern, wird es nicht nothwendig sein, sie in Blut zu röthen; die Sanftmuth, die Bewunderung und die Ueberzeugung geben uns einen sicherern Sieg.« »Nein,« erwiderte Pizarro, »nur auf die Zerstörung kann sich die Eroberung des Reiches gründen.« »Die Götzendiener,« setzte Luque hinzu, »schwören ihre Götter nur auf dem Scheiterhaufen ab: Jesus Christus und der Satan vergleichen sich nicht.«

Bald von dem Drange seines Herzens getrieben, bald von dem brennenden Wunsche hingerissen, seine Coya zu sehen und zu sprechen, machte sie Almagro beredt mit den Launen des Kriegsglückes, dem Kostbaren eines jeden Tropfen spanischen Blutes, das man vergösse, bekannt, und brachte sie endlich dahin, daß er eine Botschaft nach der Stadt auf sich nahm, worin ihnen Bedingungen, um Tributpflichtige des Königs von Spanien zu werden und das Christenthum zu umarmen, angeboten würden; und wenigstens einmal behielt im sechszehnten Jahrhundert die Stimme der Vernunft und der Menschlichkeit über die fanatische Wuth die Oberhand.

Kapitel 18.

Botschaft.

Beredt und von allen Tugenden beseelt, gab Huascar seinen Soldaten nicht nur ein Beispiel, die Gefahren zu verachten, sondern er hielt ihnen auch jeden Augenblick eine begeisterte Ansprache über die Reize der Freiheit und schilderte ihnen das Knarren der mächtigen Ketten, welche, wenn sie sich von den von Osten Gekommenen besiegen ließen, ihre Arme festbänden. Von Dankbarkeit durchdrungen, rief Vericochas die unendlichen Gaben im Tempel aus, welche der Vater des Tages über die Erde ergoß, wie die Menschen zu seiner Anbetung verpflichtet seien, und was für ein schrecklicher Meineid, für ein schwarzes Verbrechen es wäre, wegen dem Gotte gefühlloser Menschen, welche die Ausübung ihrer Glaubenslehren mit nichts als Dolch und Scheiterhaufen erzwangen, den Kultus ihrer Ahnen, den Kultus der Vernunft zu verlassen.

Nachdem die Seelen entbrannt waren, stürzten sich die Peruaner muthig in den Tod und die Tapferkeit der Spanier schwebte tausend Mal in Gefahr. Aber die Spanier waren im sechszehnten Jahrhundert die Bewunderung Europas, ihre Tollkühnheit hatte ihnen das Reich zweier Welten gegeben; Pizarro war von dem Schicksal so hingerissen, wie geschmeichelt, und bei der Wucht seiner mörderischen Waffen gaben die zahlreichen Heere des Reiches nach. Das Blut der Unglücklichen röthete die anmuthigen Fluren von Cuzco, schon erbebten beim Donner der Kanonen die Grundfesten der Stadt, als eine weiße Fahne vor den Mauern vorzeigend, Almagro den Belagerten ein Zeichen gab, daß ein freundschaftliches Abkommen gefeiert werden würde.

Die Lage der beiden Heere war schwierig, die einen wie die andern hatten kaum mehr die Wahl als Sieg oder Tod, es war nicht nur ein politischer, es war auch ein religiöser Krieg, und die traurige Geschichte der Vorurtheile und des Fanatismus hat mehr als die Thronfolge und der Ehrgeiz der Könige, die Blätter der Geschichte mit Blut gefärbt. Das Abkommen wäre den einen wie den andern Streitern vortheilhaft, es lag aber nicht in der Möglichkeit, die gegenseitigen Interessen zu vereinbaren; Usurpation und Freiheit, Fanatismus und Duldsamkeit haben keinerlei Berührungspunkte. Huascar und der Rath beschlossen endlich, Almagro, welcher von zwei Reitern begleitet sich den Mauern genähert hatte, den Eintritt zu gestatten.

So sehr auch Coya das Feuer verbarg, welches in ihr glühte, war ihre Liebe den Großen des Reiches bekannt, aber duldsam und der Tugenden der Heldin sicher, tadelten die Peruaner niemals ihr Betragen, noch zweifelten sie an ihrer Treue und ihrer Liebe zum Vaterlande. Im Gegentheil, Coya, welche ihre Wonne darin setzte, den Namen Almagros zu wiederholen, erzählte Allen seine Tugenden, versicherte Allen, daß er nicht von dem Geschlechte der von Osten Gekommenen sein konnte, und der Name Almagros wurde unter den Opfern der Sieger nicht mit Haß angesehen. Als Coya sah, daß er der Führer der Botschaft war, als sie den Augenblick, ihren Angebeteten von Neuem zu sprechen, nahe sah, versicherte sie, daß sie eine glückliche Zukunft ahnte, daß ihr Herz ihr sagte, daß die Schrecknisse aufhören und wieder Ruhe und Glück entstehen würde.

Hastig eilte Coya an das Thor, und die beiden gefühlvollen Geliebten verstummten in tiefer Entzückung. Jene Empfindlichkeiten des Todes Atahulpas entflohen aus dem Gedächtniß der Tochter der Sonne, und nur die Zärtlichkeit begeisterte die Seelen. Zu welch’ theurem Preise die Liebe gefühlvollen Herzen ihre Wonne verkauft! Unfreiwillige Thränen liefen an den Wangen der beiden Liebenden herab und ihre Thränen schienen der Strenge ihres Schicksals zu fluchen, aber Coya, an der Seite ihres Abgottes, wiederholte ihm unter Schluchzen: »Ein süßer Liebesblick lohnt ein Jahrhundert voller Qualen«.

Die Peruaner kannten die Namen der Spanier, und überhaupt diejenigen der drei Anführer des Feldzuges sehr wohl, und derjenige Almagros war, weil seine Tugenden bekannt waren, im Reiche beliebt: Bald gab er, ihn von dem harten Halseisen losmachend, einem Sklaven die Freiheit, bald rettete er einen unglücklichen Gatten vom Tode, bald half er der Betrübniß der Besiegten auf, und Alle hatten, vor Dankbarkeit aufathmend, seine Wohlthätigkeit und seine Frömmigkeit in Cajamalca, Cuzco und in dem Heere bekannt gemacht. Ein ungeheures, blutiges Volk, mit den Zeichen der Todesangst in dessen Zügen, umstand in einer Grabesstille den Krieger auf Plätzen und Straßen; und ungeduldig erwartete der im Vorhofe versammelte Rath und der Kaiser den Boten.

Kostbarer Marmor und Porphyr bedeckte den Boden des geräumigen Saales, einfach angeordnete Bretter von Gold und Silber unterstützten die Decke, und prächtige, tausendfarbige Federn schmückten die Räume mit zarter Kunst. Nachdem Almagro dahin geführt worden war, herrschte in der Versammlung und unter der ungeheuren Zuhörerschaft eine Grabesstille, als Huascar sich von dem Präsidentenstuhle erhob und ruhigen Tones ausrief: »Krieger, die Peruaner lassen sich eher unter den Trümmern ihres Vaterlandes begraben, als schimpflich nachzugeben; sprich, ob du einen ehrenvollen Frieden bringst, wenn nicht, gehe und sage den Deinen, sie sollen unsere Gräber öffnen.« Ein dumpfes Beifallsgemurmel rührte die Versammlung und beredt brach Almagro aus: »Nein, unschuldige Peruaner, die von Osten Gekommenen haben keinen Gefallen an Blut und Verderben, sie wollen eure Freundschaft und wollen eure Brüder sein.« Die Arglosigkeit und das Lächeln erglänzte in der Versammlung und Thränen der Rührung unterbrachen das Geschluchze. Ohne ihre Blicke von Almagro abzuwenden, schien Coya in Mitten der Ruhe bereits den köstlichen Kelch der Liebe zu kosten, und sie segnete den Gott der Wahrheit, den sie anbetete.

»Ja, Almagro«, fuhr Huascar fort, »das Reich kennt deine Tugenden und zweifelt nicht an der Aufrichtigkeit deiner Worte: Aber erinnere dich der freundschaftlichen Anerbietungen, welche deine Gefährten von dem unheilvollen Augenblicke an machten, da sie diesen Boden betraten; erinnere dich ihrer ganzen Geschichte und der blutigen Auftritte, die wir durchgangen haben, und du weißt wohl, daß wir unsere Waffen nicht ablegen und auf neue Versprechungen hoffen können.«

»Nein, Peruaner, ich verbürge das Abkommen, mein Degen haftet euch für dessen Heiligkeit und dessen Erfüllung.« »Sprich, würdiger Sohn der Sonne, Abgott des Reiches,« brach eine unbekannte Stimme in der Versammlung aus.

»Die von fernen Himmelsstrichen, wo die Sonne aufgeht, hieher gekommenen Spanier,« fuhr Almagro fort, »haben ihrer Arbeitsamkeit und ihrem Glücke eine wenn nicht gefühlvollere Seele als die eure, so doch einen erleuchteteren und vielleicht kräftigeren Verstand zu verdanken. Ihr werdet es bemerkt haben, unser Verstand und unsere Arme haben eure zahlreichen Heere besiegt. Unser Herrscher, welcher über ausgedehnte Länder gebietet, regiert ein ungeheures Reich, und wie der Hauch des Allmächtigen, würde sein Hauch genügen, um euer Land zu begraben. Die ewige Hand, welche dieses Weltall regiert, das euch mit Bewunderung erfüllt, ertheilte auch uns ihre Gaben und bot uns die unaussprechliche Glückseligkeit an. Jesus Christus, der Sohn Gottes, stieg in Gestalt eines Menschen auf die Erde hernieder und sterbend am Kreuze offenbarte er uns Geheimnisse, setzte uns mit Wundern in Erstaunen und hinterließ uns, um die ewige Seligkeit zu erlangen, den Glauben und die Taufe. Vielleicht wird eure Vernunft diese tiefen Geheimnisse nicht durchdringen; wenn ihr aber den Gott der Spanier anbetet, wenn ihr Vasallen ihres großen Herrschers seid, werden die Kriegsrohheiten aufhören und eure Brüder werden euch bereitwilligst erleuchten, sie werden euch auf den Weg des Heiles bringen und werden euch glücklich machen.«

Ein tiefes Stillschweigen herrschte in der Versammlung, während Almagro sprach, bis daß Huascar von Neuem ausbrach: »Großmüthiger Spanier, wenn deine Gefährten deine Tugenden hätten, wären wir eure Brüder und es flösse kein Blut, noch flöge die Zerstörung umher. Wir anerkennen die Ueberlegenheit eures Verstandes, eurer Fortschritte, und bereitwillig werden wir euch auf Kosten der Schätze, welche diesen Boden bedecken, nacheifern. Doch sieh die leuchtende Sonne an, wie sie so erhaben in Mitten des Firmamentes glüht; durch sie entstehen die Blumen und wachsen die Früchte; ihr Licht belebt das Weltall und beseelt die Menschen; sieh, wie unglücklich die Welt ist, wenn sie sich in’s Meer vergräbt und uns der Finsterniß überläßt. Die Pflicht, die Dankbarkeit, das hehre Beispiel unserer Vorfahren, unsere Vernunft, Alles stellt sie uns unsern Augen als das erste Wesen der Welt vor. Jene unschuldige Anbetung hat die Glückseligkeit dieser Regionen ausgemacht und ihre Verlassung dem Tode vorzuziehen, wäre das schwärzeste Verbrechen. Wir kennen euren Gott nicht, wir haben nur die entsetzlichen Scheiterhaufen gesehen, worauf die Unglückseligen, welche euren Cultus nicht umarmt haben, ihren Geist aushauchten. Wir haben das Blut unsere Felder überfluthen sehen, wir haben eure Meineide gesehen, und die Qualen und die Flammen sind uns ein Bett von Blumen, ehe wir es an unsern frommen Glaubenslehren fehlen lassen. Wenn ihr Frieden wollt, wird der erste Artikel die Unverletzlichkeit unserer Tempel und unserer staatlichen Freiheit sein.«

Almagro inzwischen vergoß Thränen der Rührung und des Mitleids. »Der Seligkeit würdig sind diese Seelen,« sagte er zu sich; »Jesus Christus wird ihren Verstand erleuchten und ihnen seine Lehren offenbaren.« »Gefühlvolle Peruaner,« wiederholte er, »ich stelle mich euch nicht als ein Krieger und noch weniger als ein Eroberer vor, nur als ein gefühlvoller Mensch, der euch liebt und euer Glück wünscht. Eure Empfindsamkeit und eure Tugenden machen euch des irdischen Glückes und der ewigen Seligkeit würdig; glaubt dem, der euch liebt, umarmt den Glauben an Jesus, werdet Vasallen des großen Königs von Spanien, und daß das Weinen und die Zerstörung aufhöre.«

»Mein ist, als Priester des Reiches, das Recht,« brach Vericochas aus, »auf deine frommen Uebereinkünfte zu antworten, und das Volk und der Senat werden vielleicht die Meinung des Priesters achten. Den Vater des Tages verehrend, blühte das Reich Jahrhunderte lang, die Dankbarkeit begeistert dessen Anbeter, aber das leuchtende Gestirn will in seinen Söhnen die Ueberzeugung der Vernunft, nicht die Sprache der Lippen. Wenn jener erhabene Gott, an den du glaubst, die Herzen der Peruaner begeistert und die Vernunft sie ihrer Anbetung entreißt, mögen euch eure Proselyten glücklich folgen, aber ebenso ruhig loben wir, die wir seinen Wohlthaten niemals undankbar sein werden, in unsern Tempeln den Gott, der die Tage entflammt. Peruaner, im Namen der Sonne verlange ich von euch, daß, ehe wir ihn, wenn sie unsere Vernunft gefangen nehmen, uns mit seinem finstern Zorne bedrohen sehen, ehe wir davon lassen, ihn anzubeten, wir unter die Trümmer des Reiches versinken.«

Heftige Rufe leisteten von allen Seiten den Schwur, den Vericochas verlangte, und Almagro erhob seine Hände zu dem wahrhaftigen Gott, damit er diese Seelen aus der Götzendienerei herausrisse.

»Ich, als euer Herrscher,« rief Huascar aus, »stimme in Bezug auf unsere staatliche Freiheit überein, und das Volk und die Priester werden vielleicht meiner Stimme beipflichten. Entfernt von mir der Ehrgeiz nach dem Oberbefehle, würde ich, um meinen Thron aufrecht zu erhalten, niemals an meinem Vaterlande zum Meineidigen werden. Unsere staatlichen Gesetze haben die Glückseligkeit unserer Vorfahren gemacht, in unsern Gesetzen steht unser Glück geschrieben, und wenn wir die von Osten Gekommenen in das Meer stürzen könnten, würde unser Blut den Baum unserer Glückseligkeit begießen. Ich stimme für den Krieg: Beweinen wir, um glücklich zu sein, nicht die Noth des Vaterlandes, das Grab bietet uns eine ruhige Stätte an....«

»Nein, Huascar,« unterbrach ihn Almagro, »laß dich nicht von der Tapferkeit und der Begeisterung hinreißen. Ich schwöre euch noch einmal, wir werden euer Glück machen, wir wollen keine Sklaven, wir wollen Brüder, wir wollen mit euch glücklich sein. Werft einen dichten Schleier über das Vergangene, traut meinem Schwure.«