Die Eroberung von Peru

Part 12

Chapter 123,568 wordsPublic domain

Ein greiser Rath erhob die Stimme und sagte: »Der Friede oder der Krieg entscheiden das Schicksal des Reiches; wenn sich der Gesandte zurückzieht, werden wir mit mehr Freiheit und Gelingen das Schicksal unseres Vaterlandes entscheiden können.« Coya, welche in Mitten der Rathsversammlung, bei der Erinnerung an die traurige Nacht, da sie, den Cultus der Sonne verlassend, das Wasser der Taufe empfing, die Liebe, die in ihrem Herzen brannte, noch die Unruhe, die ihre Seele verzehrte, verbergen konnte, beeilte sich, Almagro einzuladen, daß er, in soweit der Rath berathschlagte, nach ihrem Palast auszuruhen ginge. Der edle Krieger, welcher sich, von seinem gefühlvollen Herzen hingerissen, so sehr nach Frieden sehnte, den die Liebe zu Coya, das Glück, sie zu sehen, einen Augenblick mit ihr zu sprechen, nach Cuzco getrieben hatte, hielt den Augenblick, wonach sein Herz sich sehnte, für gekommen, und der Jubel und das Lächeln erglänzten auf seinem Antlitze. »Jedoch,« rief er eilig aus, »und meine Gefährten, die von euren Waffen besiegt wurden, segnen sie eure Tugenden, kann ich sie in meine Arme schließen?«

»Ja, Almagro,« erwiderte Huascar, »in Ausübung ihres Cultus sind sie, mit Menschenwürde behandelt, weder zu harten Sklavendiensten verdammt worden, noch haben sie weder Dolch noch Scheiterhaufen dem Glauben an Jesus entrissen, um den Gott des Tages anzubeten.«, »Oh! herrliche Seelen! Ich schwöre euch von Neuem meine Liebe zu; mein Degen wird das Bollwerk eurer Freiheit sein. Jesus Christus wird euren Verstand erleuchten und vielleicht werdet ihr eines Tages die von Osten Gekommenen segnen,« sagte Almagro, und gefolgt von Coya und einem zahlreichen Volke, ging er aus dem Senat, um sich den Liebkosungen der reinsten Liebe zu überlassen.

Coya, eine Abkömmlingin der Inkas, Tochter der Sonne und Prinzessin des Reiches, hatte einen einfachen, mit prächtigen, tausendfarbigen Federn verzierten Palast, mit Decken und Fußböden von Gold. Dahin geführt, warf sich, ohne weitere Zeugen als glänzendem Gefolge, welches die fernen Thore und die Räumlichkeiten der Säle bedeckte, Almagro mit vor Liebe entflammtem Herzen, und in den Blicken Coyas brennenden Blicken, wie von einem Strome, von einem Sturmwind hingerissen, zu Füßen Coyas, indeß Coya ihren edeln und großmüthigen Geliebten mit ihren Thränen benetzte.

»Oh, erhabene Gottheit!« sagte er zu ihr; »diese Thränen des Mitleids verrathen doch noch deine Liebe. Liebst du mich noch?« »Undankbarer!« »Nein, Coya, ich liebe dich so sehr wie die Morgenluft, so sehr wie den Glanz der Morgenröthe, so sehr wie meinen Gott!« Unfreiwillige Thränen quollen an den Wangen der beiden Liebenden herab und tiefe Seufzer unterbrachen ihre Worte. »Oh! Almagro! Denke an jene einsame Nacht, an jenen klaren Bach, wo ich den Glauben meiner Vorfahren verließ, wo ich, das Wasser der Taufe empfangend, an meinem Gotte meineidig wurde.... Ich betete Jesus an, nicht daß ich ihn kannte, sondern weil er der Gott meines Almagros war; mein Verbrechen ist, in Finsterniß und in ewigem Geheimniß begraben, in der Tiefe meines Herzens geblieben; aber beim Niederknieen vor den Altären der Sonne haben dunkle Gewissensbisse meine Seele zerrissen und nur die Erinnerung an Almagro tröstete mich in meinem Wahnwitz.... Undankbarer, und du wirst in das Lager der Deinen zurückkehren, und du wirst das Vaterland deiner Coya verheeren, und vielleicht auf meinem Grabe sitzend, wird dir mein Gedächtniß nicht eine Thräne, nicht einen Seufzer gelten!« »Ach, Coya! Deinen Namen wiederholend, deinen Namen anbetend, deine Schönheit preisend, deinem Gedächtniß tausend Thränen weihend, habe ich hundert Mal die Sonne in den Abgründen der Erde untergehen und ebenso manchmal von den Tiefen des Meeres aufgehen sehen. Die Hoffnung, dich zu sehen, dich zu sprechen, dir meine Liebe zu schwören, hat mein Dasein erhalten und hat mich in den Kämpfen unbesiegbar gemacht.« »Und bereitest du dich etwa schon vor, mir den letzten Abschiedsgruß zu geben.« »Ich werde dich in dichten Wäldern, unter den Pfeilen deiner Krieger, auf unbekannten Meeren suchen.« »Unter den Trümmern meines Vaterlandes, zwischen den Leichen der Peruaner wirst du mich wohl im Blute schwimmend suchen.« Vielleicht würde ihr Almagro bei seinem Gott geschworen haben, seine Gefährten zu verlassen und seinen Degen für die Unabhängigkeit Perus zu schwingen, wenn die schöne, in Trauer gekleidete Ocollo, mit der Traurigkeit und dem Schmerze in ihrer Miene, Almagro suchend, unter einem zahlreichen Volke nicht ebenfalls im Palaste Coyas angekommen wäre. »Du, der du gefühlvoll bist, Krieger, wirst den Wahnwitz einer Unglücklichen verzeihen, welche deine Gefährten zur Wittwenschaft und zu den Thränen verdammten. Sind die Ueberreste des unglücklichen Atahulpas, seine Asche, noch in eurem Lager vorhanden? Wenn sie noch da sind, Sohn der Sonne, bitte ich darum, gieb mir einen so unaussprechlichen Schatz zurück, damit ich sie alle Tage mit meinen Thränen benetze.« »Ah! unglückliche Ocollo, sie wurden in den Wind gestreut, er starb als ein Götzendiener.« »Er starb als ein Tugendhafter.« »Ich war nicht verbrecherisch.« »Die Geschichte wird das Verbrechen bekannt machen, die entfernten Geschlechter werden seine Mörder hassen.« »Tröste deine Thränen, göttliche Ocollo, denke nur an die Glückseligkeit deines Vaterlandes; deine Schönheit und deine Reize vermögen mehr als die zahlreichen Heere.« »Ich kann meinem betrübten Vaterlande nur das unfruchtbare Opfer meiner Thränen anbieten.« »Nein, Ocollo, du kannst es vor seinem Untergange retten, du kannst die Ketten der Sklaven zerbrechen, du kannst den Eroberer deines Reiches überwinden. Pizarro liebt dich rasend, deine Blicke sind in sein Herz gedrungen und haben in ihm einen schrecklichen Vulkan entzündet, du weißt es, er hat dir das Geheimniß enthüllt, du kannst ihn lieben....« »Den Mörder Atahulpas!« »Das Wohl Perus befiehlt es.« »Ein Opfer, das meine Kräfte übersteigt, der Schatten Atahulpas, welcher Schrecken!...«

Almagro, der Pizarros ungestümen Charakter und die Liebe, die in dessen Herzen glühte, kannte, sah, als er die feste Entschlossenheit der Schönen gewahrte, die traurigsten Schicksale in der Zukunft der neuen Welt voraus. Beredte Blicke auf seine Coya heftend, »gehen wir,« sagte er zu ihr, »der Rath wird das Schicksal des Reiches bereits entschieden haben.« Unter glänzender Begleitung zogen Ocollo, Coya und Almagro in der größten Besorgniß nach der Rathsversammlung. Die Räthe hatten bereits berathschlagt und überreichten dem Boten den Frieden. »Wenn deine Gefährten,« rief Huascar aus, »den Frieden wollen, sind sie ihrer Tapferkeit und der Macht ihres großen Herrschers würdig; wenn sie aber unsere Vorschläge verweigern, hoffet nicht auf die Demüthigung der Peruaner, ihre Gesetze und ihre Tempel aufrecht haltend, werden sie rühmlich unter den Trümmern des Reiches begraben werden. Von dem unglückseligen Augenblick an, in dem sie diesen Boden betraten, sind wir die Opfer unserer Unschuld gewesen, und wir wollen, wenn uns nicht Gewährleistungen geboten werden, uns nicht von Neuem auf Treu und Glauben hingeben.«

Almagro brach aus: »Ich bin der Beauftragte, den Frieden zu unterhandeln: Meine Gefährten werden ihren Schwur nicht verfehlen. Es ist schwierig, euch zufriedenstellende Bürgschaft zu geben; aber wenn sie die Vorschriften unserer heiligen Religion nicht hören wollen, schwöre ich euch bei Jesus Christus, daß ich ihre Reihen verlassen, daß ich an eurer Seite kämpfen werde; ich habe ebenfalls Anhänger in meinem Lager, die vielleicht den Krieg blosstellen würden.«

»Deine Tugenden haben das Zutrauen des Reiches verdient,« erwiderte Huascar; »mit dir wäre der Sieg unser: So höre denn das Abkommen.«

1. Die Tempel und Gesetze Perus sind frei und nur die Peruaner können ihre politischen und religiösen Gesetze wieder einsetzen oder abändern.

2. Die Spanier leben unter dem Reiche der Gesetze ihres Herrschers und der freien Ausübung ihres Cultus.

3. Die Spanier können ihre Religion verkünden, indem sie sich, um zu ihrem Glauben zu bekehren, dabei der Ueberzeugung bedienen.

4. Das peruanische Reich bezahlt an den großen Beherrscher im Osten jährlich hundert Viertelzentner Gold und zwölf Tausend Silber.

5. Die Spanier können in Peru frei kaufen und verkaufen.

6. Auswechselung der Gefangenen.

»Das sind die Uebereinkünfte,« wiederholte Huascar, »an den Artikeln darf nichts geändert werden; wenn ihr den Frieden wollt, wenn Almagro die Schwüre gewährleistet, werden Tod und Verderben aufhören; wenn ihr aber unsere Schande sucht, erklären wir euch den Krieg, bis wir in den Staub versinken.«

Bedächtig schrieb Almagro die Artikel nieder und rief in der Rathsversammlung aus: »Der Frieden ist eurer und des großen Herrschers im Osten würdig, ich nehme ihn an; ich werde darnach trachten, daß meine Gefährten ihn vor dem heiligen Evangelium beschwören, und alsdann wird Almagro dessen Unverbrüchlichkeit verantworten. Aber Peruaner, ein einfaches Mittel bietet uns das Schicksal an, um unsere Bande zu umschlingen; Ocollo seufzt in der Wittwenschaft, Pizarro vergöttert sie; die Schöne gebe ihm vor dem Altare den süßen Namen eines Gatten.«

»Dem Mörder Atahulpas,« schrie Ocollo auf, »ich kann ihn nur verabscheuen....«

Vericochas bestätigte, daß in Peru die Liebe unverbrüchlich sei, daß es einzig Ocollo anginge, dem Krieger zu antworten. »Ich verabscheue ihn,« wiederholte sie. »Sage Pizarro, er solle seine Liebe ersticken,« brach Huascar aus, »daß das Reich nicht über die Herzen befiehlt, daß Ocollo ihn nicht lieben kann.«

Tausend rührende Betrachtungen stellte Almagro an den Senat, aber auf der Stirne Ocollos erglänzte der Abscheu, den ihre Seele zu Pizarro hatte, und es war kein Abkommen möglich, weil die Peruaner die Schöne niemals zum Opfer ihrer Angelegenheiten machen würden. Nachdem der Spanier Huascar, Vericochas und den Räthen tausend zärtliche Umarmungen ertheilt, bat er sie, ihm zu gestatten, auch die Gefangenen zu umarmen; er weinte innig mit ihnen, versprach ihnen, daß sie bald in ihr Lager und in ihr Vaterland zurückkehren würden, und fröhlich ging er aus der Stadt, um die Uebereinkünfte mit seinen Gefährten zu behandeln.

Die schöne Coya schwur ihrem Geliebten von Neuem ihre Liebe zu. Tausend Zärtlichkeiten und tausend Liebkosungen versicherten ihr diejenige Almagros und glücklich sahen sie dem Ende ihrer Qualen entgegen. Obschon im Heere erzogen, segnete Coya den Frieden, und obwohl unter dem Getöse der Waffen geboren, fand Almagro nur im Frieden das Mittel, sich an den Liebkosungen seiner Coya zu erfreuen. Die Peruaner behielten ihre Gesetze und ihre Tempel, ihre Ehre war in Nichts herabgewürdigt; wenn sie auch den Spaniern ungeheure Summen bezahlten, lernten sie doch ihre Wissenschaften, ihre Künste und ihre Civilisation; die einen wie die andern wären glücklich, die Zeiten und die Sitten umschlängen ihre Bande, in Spanien würden Ströme peruanischen Goldes fließen und Freunde und freie Brüder wären ihnen vortheilhafter als unglückliche Sklaven. So schrieb es die Zukunft vor und befahl es das Wohl der Nationen, aber im sechszehnten Jahrhundert wogen am Hofe Karls des Fünften und seiner Abgesandten das Schwert und das Kreuz mehr als die Vernunft, mehr als die Menschlichkeit und mehr als das Wohl der Nationen.

Kapitel 19.

Sieg.

Der Donner der Kanone erschreckte die Cuzcaner nicht, es glänzten keine Waffen in den Strahlen der Sonne und zwischen den beiden Heeren herrschte die tiefste Ruhe. Voll von den süßen Hoffnungen, welche ihm seine Vernunft, seine Empfindsamkeit und seine Liebe einflößten, ging Almagro aus der Stadt hinaus, und der Senat und die Peruaner warteten ruhig das Endergebniß der Unterhandlung ab. An der Spitze ihrer Bataillone, schien Coya jene kriegerische Begeisterung, welche sie in den einheimischen Kämpfen zum Siege geführt hatte, bereits zu verlieren; das Schmachten der Liebe glänzte in ihrer Miene, und die Liebe versüßte ihre Seele und erhöhte ihre Reize. In Schmerz versunken, weinte Ocollo um Atahulpa und den Untergang ihres Vaterlandes; sie an den Namen Pizarros zu erinnern, war ihre größte Qual; die Erde konnte den Mörder des Inkas nicht zugleich mit der Schönen tragen.

Almagro kam in seinem Lager an, und unermüdlich dachten Pizarro und Luque nicht an einen ehrenvollen Frieden mit den Peruanern, sie dachten nur daran, ihre Zerstörungs- und Eroberungspläne mit Feuer und Schwert auszubreiten und zu entrollen. Sie warteten jedoch ungeduldig auf den Boten, um den Zustand der Niedergeschlagenheit zu kennen, in welchem sich zufolge der von ihm einzuleitenden Friedensvorschläge der Hof befand, und um die Tapferkeit und die Begeisterung der Peruaner vollends zu kennen. Voller Zufriedenheit umarmte Almagro seine Gefährten; »einen eurer Tapferkeit und der Größe unseres Herrschers würdigen Frieden anerbietet uns das Reich: Dieses sind die Bedingungen, sie werden unsere Brüder sein, sie werden unsere Größe ausmachen und werden uns ihr Glück verdanken. Wenn ihr den Frieden annehmt, wie es die Vernunft und das Interesse vorschreibt, werden die Schwüre nicht von Neuem übertreten werden, mein Schwert ist für deren Heiligkeit eingestanden«. Pizarro und Luque schwiegen mit geheimnißvollem Stillschweigen.

Nachdem die Bedingungen, welche Almagro brachte, gesehen worden waren, schrie Pizarro, daß er Sklaven wollte, und Luque, daß er im Namen Jesus die Zerstörung der Sonnentempel verlangte. »Nein, weder Waffenstillstand, noch Frieden«, sagte der Statthalter, »niemals«. »Die Ehre der spanischen Waffen, das Interesse meines Herrschers befiehlt den Krieg; die an Ketten gebundenen Peruaner werden das Kreuz anbeten und werden dem Innern der Berge die Schätze erpressen, um den Thron des Königs von Castilien zu zieren«. »Du weißt es, Pizarro,« unterbrach ihn Almagro, »im Kriege erzogen, bin ich der erste gewesen, sich in Gefahren zu stürzen, der Tod macht mir nicht bange, die Unehre entsetzt mich; für mein Vaterland zu kämpfen und zu sterben ist meine Wonne gewesen und wird mein Ruhm sein. Das Interesse aber unseres Monarchen, die Vernunft, die Billigkeit, Alles schreibt den Frieden vor, welchen uns das Reich anbietet; euch reißt vielleicht euer allzugroße Eifer, eure Tapferkeit hin. Zur Sklaverei der Knechtschaft verdammt, durch unsere Waffen zerfleischt, wird das Geschlecht der unglücklichen Peruaner von der Erde verschwinden, und Menschen und Städte sind vortheilhafter als Schutt und Leichen.«

Von Fanatismus erfüllt schrie Luque übermäßig auf: »Und du, Almagro, du sähest die Tempel der Götzendiener, und fürchtetest dich nicht vor dem Zorne deines Gottes?« »Mein Gott«, antwortete Almagro, »wird ihren Verstand mit der Fackel des Glaubens erleuchten, sie werden seine Allmacht kennen und seine Barmherzigkeit anbeten lernen. Dolch und Flammen nehmen die Vernunft nicht gefangen, sie erpressen den Lippen nur kalte Worte, die Seelen rühren sie nie, und Jesus Christus will den innern Glauben, der äußere ist eitle Pracht.« »Satan bemächtigt sich deines Herzens; flehe die Gnade Gottes an, den du verehrst.« Luque schauderte vor Entsetzen. In tiefes Stillschweigen versunken löste Pizarro dort in seinen Gedanken blutige Pläne.... »Und Ocollo«, sagte er zu Almagro, »ist sie meiner Liebe zugänglich, geben ihre Reize der Macht des Siegers von Peru nach? Deine Schmeicheleien und deine Liebkosungen könnten vielleicht, wenn dein Herz auf die Zärtlichkeit hört, ihre Seele fesseln, jetzt aber graut ihr davor, den Namen Pizarros zu hören. -- Sie schaudert. -- Noch fließt in ihrem Gedächtniß das Blut Atahulpas.« »Und soll die Liebe«, sagte Luque, »die kostbaren Augenblicke, welche ihr Gott und eurem König schuldet, mit Gewalt entreißen! Denkt einzig an die Eroberung von Peru, verachtet die eitle Pracht des Satans: Ocollo und Coya sind vom Teufel besessen, um die Zwietracht in unserm Lager zu säen; hört auf die Stimme eures Verwesers. Meine Söhne, eilt zu den Waffen, verkündigt den Sieg, fordert nicht den Zorn Gottes heraus, macht nicht, daß euch der fürchterliche Bannstrahl zerschmettere«. »Hört das Mitleid an,« rief Almagro. »Dein Gott befiehlt den Sieg«, sagte Luque. »Die Ehre der spanischen Waffen verlangt die Zerstörung« rief Pizarro aus.

Umsonst war die Vermittlung Almagros; der Fanatismus trifft niemals Vergleiche, der Untergang des Reiches war beschlossen. Inzwischen litt sein Herz die roheste Qual. Würde der Friede nicht angenommen, sähe er seine Angebetete nicht wieder: An der Spitze ihrer Krieger ginge Coya in den Tod, das Grab entrisse seine Wonne, oder die Erbitterung des Krieges trennte sie auf ewig. Pizarro im Gegentheil, fand nur im Kriege seine Hoffnungen von wegen Ocollo; seine Gemüthsart gestattete ihm nicht, sich der Zärtlichkeit nachgiebig zu zeigen, und der Stolz als Sieger vermochte in seiner Seele mehr, als die Einflüsterungen der Liebe.

Tausend Gedanken quälten Almagro. Seiner Liebe zu entsagen, war ihm nicht möglich; sein Vaterland zu verrathen, war ein Verbrechen; wider sein Leben zu trachten, war eine dem Christenthum entgegengesetzte Moral. In so bedauernswerthem Zustande rannte er, vor Wahnwitz außer sich, in die Nähe von Cuzco: »Fliegt zu den Waffen«, sagte er zu den Peruanern, »Luque und Pizarro leugnen den Frieden; sagt dem Senate, daß Almagro die Seelen seiner Gefährten nicht zu erweichen vermochte, daß der Untergang des Reiches beschlossen ist; sagt Coya, daß Almagro sie anbetet.« Ebenso schnell wie der Blitz floh er von den Mauern und kehrte, die Cuzcaner voller Schrecken und Verwirrung lassend, zu seinen Zelten zurück; und indessen Luque und Pizarro sorgfältig das Entzücken ihres Gefährten beobachteten, sahen sie sich vor, sich vor einem Verrath seiner Waffen zu sichern und bereiteten den Schlag vor, um einen Anführer, der ihnen bei ihren Plänen in keinerlei Hinsicht nützlich sein konnte, zu vernichten.

Das Abkommen wurde nicht so geheim gehalten, als daß nicht das ganze spanische Lager die Bedingungen wußte, welche die Peruaner anboten, und wenn die Mehrzahl für Raub und Angriff war, hatte auch Almagro seine Anhänger, weil es gefühlvolle Menschen gab. Pizarro jedoch setzte, gewaltthätig in seinen Befehlen, auf den Ungehorsam den Tod, und Luque hatte, im Namen des Himmels redend, über die Fanatiker des sechszehnten Jahrhunderts eine zauberische Gewalt. Einer wie der andere wußten sie, den militärischen Schwenkungen Ueberstürzung gebend und so keinen Raum zu Vernunftgründen und Verschwörungen lassend, sich die Augenblicke nutzbar zu machen, und Pizarro drohte mit dem Tode und Luque mit dem Kirchenbann. Den gewaltthätigen Schritt zu thun, Almagro abzusetzen, konnte sie in den mißlichsten Augenblicken bloßstellen, und einmüthig beschlossen sie, bis zur Vervollständigung des Sieges sich weiter zu verstellen.

In der Stadt nahm man eine schnelle Bewegung wahr, die Rufe Almagros griffen gar bald bis vor die Rathsversammlung um sich und widerhallten in den fernsten Umkreisen von Cuzco; Alle eilten zu den Waffen: Unermüdlich beseelte Huascar mit seiner Begeisterung die Krieger und die Sonnenpriester ergossen mit trügerischen Schmeicheleien und Prophezeihungen das Zutrauen unter die Tapfern. Von Vaterlandsliebe entflammt, zerrissenen Herzens bei der Erinnerung an die Verlassenheit ihrer Altäre, ermuthigte Coya, andrerseits die in ihren Augen erhabenen Tugenden Almagros bewundernd, ebenfalls ihre Soldaten, und Alle gingen, Gesänge an die Sonne und an die Freiheit anstimmend, in den Tod.

Pizarro stellte seine Division von Neuem auf und wild begann der Kampf. Die schwachen, beinahe schon zertrümmerten Mauern erbebten beim Donner der Kanone und stürzten zusammen. Drei Mal rückte Pizarro an der Spitze seiner Colonne zum Ansturm vor, drei Mal schlugen die Peruaner, mit wehrlosen Brüsten gegen die Panzer und die Waffen fechtend, die Spanier von den Mauern zurück; tausende von Peruanerleichen dienten den Belagerern als Sturmleiter, aber die den Gefahren und dem Tode überlegene Tapferkeit der Indianer erschrak nicht beim Zischen des brennenden Bleies, noch beim Glanze der Waffen. Der Kampf war blutig: Die kriegstüchtigen und von den Waffen ihrer Gegner unverwundbaren Spanier gaben jedoch der Zahl und der Anstrengung nach und die Fahne des Reiches flatterte ruhig auf den Mauern.

So lange Zeit in Peru kämpfend, kannte Pizarro die Taktik und die Art der Kriegsführung der Peruaner. Bald aus sichern Beobachtungen, bald aus Nachrichten, welche er von Gefangenen nahm, wußte er, daß, die Fahne des Reiches ergreifend, das Heer sich zur Flucht erklärte und der Sieg dem Feinde war. Von diesem Gedanken überzeugt, ordnete er sein Angriffssystem an. An die Spitze von hundert auserlesenen Soldaten gestellt und von seiner ganzen Abtheilung in geschlossener Colonne unterstützt, ging er rasch auf die Fahne zu, welche auf den Trümmern der Bresche wehte. Huascar und die vornehmsten Krieger thaten hier Wunder der Tapferkeit; mit hundert Klauen verschlang hier der Tod jeden Augenblick tausend Opfer, das Blut floß, die Zerstörung flog umher, aber die unwiderstehliche Gewalt Pizarros, seine Waffen, seine Mannszucht sollten über den Sieg entscheiden, und den Degen in seiner Rechten schwingend, riß Pizarro mit seiner Linken die Fahne weg, und das Reichsheer erklärte sich in eilfertiger Flucht.

Das Verderben hinter sich her führend, stürzten sich die Sieger auf die Stadt und gaben sich lieber der Plünderung hin, als daß sie den Resten des besiegten Heeres folgten; Pizarro aber, vorhersehend und immer nach der schönen Ocollo ausschauend, hatte, indeß er siegreich die Hauptstadt überzog, dem verwegenen Kapitän Soto befohlen, dem übrigen Heere, das durch Feld und Fluren floh, mit der ganzen Reiterei so lange nachzusetzen, bis daß er sich im schlimmsten Falle mit aller Gewalt der Schönen bemächtigte, die er vergötterte, indem er ihm, wenn es ihm gelänge, seinen entscheidenden Schutz für sein Vorrücken und einen unermeßlichen Antheil an der Beute von Cuzco anbot. So würde, wenn Ocollo in der Stadt geblieben war, Pizarro sich ihrer bemächtigen, floh sie mit dem Heere, war es möglich, daß sie die Gefangene des kühnen Sotos wurde; denn er glaubte, daß die Eroberung von Cuzco ihm auch den Triumph seiner brennenden Wünsche sicherte, und nur das Grab Ocollo vor ihrem unwiderstehlichen Verfolger retten könnte.

Ihre Hauptstadt verlierend, kamen die Peruaner um das ganze Reich: Die ungeheuren Ebenen stellten ihnen, wenn sie, schon schwach und zu Boden geworfen, auf’s Neue wagten, ihre Arme mit den unwiderstehlichen Waffen der Spanier zu messen, nur Gräber vor. Dennoch boten sie von den Cordilleren der Anden, wie Covadonga den Gothen, immer noch eine Zuflucht dar; zwischen den steilen und uneinnehmbaren Gebirgen konnten sie ihre physische Freiheit und ihr Dasein erhalten, um den Untergang des Reiches zu beweinen.

Zwanzigtausend Peruaner fielen unter der Wucht der Waffen; zwanzigtausend legten auf Gnade oder Ungnade der Sieger die Waffen ab; viele flohen in entlegene Gegenden und noch andere folgten Huascar und dem Rathe auf die Gipfel der Anden. Ocollo, welche als schwaches Weib ebenfalls floh, war nicht im Stande, der Flucht des Heeres längere Zeit zu folgen; Soto hieb den Nachtrab der Besiegten unwiderstehlich nieder, und umsonst verkauften tausend Peruaner theuer ihr Leben, um die Schöne zu retten, welche endlich Sotos Gefangene wurde, mit der er stolz nach der Stadt marschirte. Coya, die nach Almagro, nach ihrem Vaterlande seufzte, fuhr, um ihre Krieger jammernd, fort, sich zu schlagen und sich in den Tod zu stürzen, aber das Blei und die Waffen achteten ihr kostbares Leben und sie rettete sich mit den Ihrigen in die Anden.