Die Eiks von Eichen: Roman aus einer Kleinstadt
Part 2
»Eine Geige? Eine ganz wirkliche Geige? Und du kannst richtig spielen? Ist es eine kleine Kindergeige? Darf ich mal drauf probieren?«
»Oho, das ist nicht so einfach. Meine Geige ist außerdem eine echte Amati.«
»Was ist denn das?«
»Oho, nun fragst du auch, und ich könnte dir sagen: du weißt aber auch gar nichts. Amati und Stradivarius, das waren die zwei berühmtesten Geigenbauer.«
»Ach so, dann will ich Väterchen bitten, daß er mir Stra--ti--«
»Stradivarius -- -- --«
»Ja, -- so ein Stratifarius kauft.«
»O du Dummerchen! Weißt du denn, wo man ihn so schnell kriegt? Meine Amati hat Vater in Nürnberg gefunden, auf einer Bodenkammer, in einer alten Truhe von einem alten Fräulein, die gar nicht wußte, wer sie da mal reingelegt hatte, und dann machte Vater sie zurecht, und nun soll sie fünfzigtausend Mark kosten.«
»So!!« Liselotte sah sehr nachdenklich aus. »Ich habe nur achtunddreißig Pfennige. Von Herrn Organisten Brennstoff. Das ist ein guter, lieber Mann. Immer, wenn er mich sieht, sagt er: Sing mal a, dann tu’ ich’s und dann zieht er die Stimmgabel raus und probiert und dann ruft er: Heil’ge Cäcilie, es stimmt! Du bist doch ä Luderchen. Und dann schenkt er mir einen Pfennig.«
»Achtunddreißigmal!« rief Bertold, »das muß sehr lustig für dich sein. Aber eine Stradivarius kriegst du nicht dafür.«
»Das ist einerlei, -- ich habe ja auch noch ’ne Akkordzither.«
Herr Rektor Dillen zog jetzt die beiden aus ihrem Plauderwinkel.
»Kinder, Kinder, ’s is die hechste Zeit, -- schreiben missen mer.«
Das war eine weitere Eigentümlichkeit des Herrn Rektors, -- er sprach in der Aufregung, im Zorn und in der Begeisterung immer arg thüringisch, aber sobald er in Ruhe war, redete er ein völlig einwandfreies Hochdeutsch.
Und sie schrieben eine ganze Stunde lang Sprichwörter, und wieder mußte Rektor Dillen den Neuen loben, der eine geradezu vorbildliche Handschrift hatte.
»Aber ich kann nicht dahinter kommen, was du mit _diesem_ Sprichwort gemeint hast, Bertold -- --«
Und der Lehrer las aus des Knaben Heft vor: »Wer achtunddreißigmal a sagt, muß auch b sagen.«
Da lachte die ganze Klasse schallend, Bertold und Liselotte lachten auch ihr schönes, klingendes Glöckchenduett, und Rektor Dillen legte dem Knaben die alte runzlige Hand auf den dunkeln Lockenkopf und sagte leise: »Lache nur zu, mein Junge, -- die im Eichenhause können Sonne brauchen.«
Dann war der Unterricht beendet.
Man konnte von diesem Tage an von Schwarzhausen das Bild gebrauchen: »Sturm im Wasserglase«.
Früher hatte es der alte gallige Herr Eik von Eichen öfter einen stehenden Teich genannt, -- Teich mit Entengrün.
Es hatte ihm immer ungeheuern Spaß gemacht, ab und zu ein Steinchen hereinzuwerfen in die grünüberzogene Stille, aber der Stein, den sein eigenes, vergöttertes Kind durch kopflose Heirat und heimliches Durchbrennen in den Teich warf, war zu schwer und wuchtig gewesen. Der hatte einen brodelnden Morast aufgewühlt, dessen übelriechende Dünste dem alten Vater das Leben, mindestens aber die letzten zehn Jahre vergiftet hatten.
Jetzt war das Wasser heller und reinlicher geworden, aber es stürmte, brauste und zischte, wie eitel Kohlensäure.
Also der Name Malcroix sollte einfach abgetan werden?
Und der Knabe war etwas ganz Besonderes? Der die ganze Stunde hindurch über den Schellenkönig gelobt wurde und in den Pausen in Herrn Rektors Grasgärtchen sitzen durfte, damit nur ja kein Schwarzhausener Kind ihn necke und hänsele?
Man erwog ernstlich, ob der Rektor nicht etwa zu alt und kindisch würde und durch eine strammere Kraft ersetzt werden müsse. --
Franziska aber zog ihren Jungen mit einem Jubelruf in die Arme, sie war nur vier Stunden von ihm getrennt gewesen, aber ihr hatten es Tage gedünkt, und Bertold schmiegte sich innig an die Mutter und plauderte von seinen neuen Eindrücken und Erlebnissen.
Nur die Tränen des plötzlichen Heimwehs verschwieg er ihr, vielleicht, weil sie zu rasch getrocknet waren durch Liselottes Plaudereien. Immer wieder kam der Name des kleinen Geschöpfes in Bertolds Erzählungen vor: »Da sagte Liselotte, -- da meinte Liselotte, -- und da lachte Liselotte, -- und ich soll sie besuchen. Und denk dir, Mutter, sie ist altklug und hat absolutes Tonbewußtsein und eine Akkordzither, und sie hat noch nie gewußt, was ’ne Amati ist.« --
Durch Frau Franziskas Herz war während dieser Erzählungen ihres Jungen etwas gehuscht, über das sie sich selbst ausschalt.
Wäre es möglich, daß sie Eifersucht empfand?
Aber sie war bis heute so ausschließlich das A und O ihres Jungen gewesen, bisher hatte er nach jedem Schultag so aus Herzensgrund gerufen: »Gottlob, Mutter, daß ich wieder bei dir bin!« Deshalb erblaßte sie heute leicht, als dies Jubelwort fehlte und Bertold statt dessen sagte: »Und nachher will ich Liselotte besuchen.«
Herr von Eichen ~senior~ kam ihr zu Hilfe. Er hatte dem Plaudern des Knaben mit ganz merkwürdigem Gesichtsausdruck zugehört. --
»Daraus wird nichts,« erklärte er finster. »Die Schule bringt Unruhe genug. Das fehlte noch gerade, daß mir hier kreischende, polternde, unzurechnungsfähige Sprößlinge fremder Leute ins Haus kämen -- -- --«
»Da bin ich,« sagte in diesem Augenblicke eine frohe Kinderstimme und ein warmes, kleines Händchen schob sich vertrauensvoll in die behaarte große Rechte des Scheltenden. »Ihr habt gewiß schon gewartet, aber ich konnte wirklich nicht eher, immer muß ich von dem Bertold erzählen, die Leute sind schrecklich neugierig. Und kein Mensch wollte es glauben, daß ich zu dir dürfte, denk bloß -- --«
Und Liselotte Windemuth lachte silberhell und lehnte ihr weiches Körperchen an den grimmigen alten Herrn, so daß ihre blonden langen Locken über seinen grauen Flaus fielen.
Niemand von der Tafelrunde, die um den Familientisch der Eik von Eichens saß, sprach ein Wort. Aber von dem einen Ende des Tisches kam ein häßliches, meckerndes, hölzernes Lachen, und dies Lachen berührte um so verwunderlicher, als es aus dem Munde des »schönen Eiks« kam. So nannte man Eik von Eichen ~junior~, den Pflegesohn und Haupterben der Eichenschen Besitztümer, den vorbildlichen Prachtmenschen, den korrekten, fleißigen, wohltätigen Handels-, Fabriks- und Gutsherrn, den »Heiligen von Schwarzhausen«.
Liselotte warf einen etwas scheuen Blick auf ihn, dann drückte sie rasch die Hand des stummen, alten Herrn und küßte sie, wie sie es von ihrem Vater gewohnt war, darauf wandte sie sich an den Jungen:
»Komm, Bertold, -- komm rasch und zeige mir deine Geige,« rief sie, anscheinend höchst froh, aus der stummen Gesellschaft fortzukommen. »O, ich kann’s ja gar nicht erwarten, die Amati zu sehen, und Herrn Organist Brennstoff habe ich auch schon davon erzählt, der freut sich halbtot. Stunden will er dir geben, hat er gesagt, und etwas Großes aus dir machen, und er rief immer: Heilige Cäcilie, habe Dank!«
Das Kind verstummte, denn der alte Herr von Eichen hatte sich langsam aufgerichtet und sein verändertes Gesicht war furchtbar anzusehen. Die Adern lagen wie große, blaurote Schwielen auf der breiten Stirn und die grauen, düsteren Augen schossen Blitze. Schwer fiel seine Faust auf den Tisch, daß das Kaffeegeschirr tanzte und klirrte. --
»Die Geige« -- keuchte er und faßte das Handgelenk seiner Tochter, die blaß und schreckensbang zu ihm aufschaute. »Du hast es gewagt, Franziska, sie mitzubringen?« -- --
Und nun folgte ein Jähzornsausbruch, so gewaltig, so wuchtig und tobend, daß die jahrhundertealten Wände zu beben schienen. »Hinaus!« schrie er mit einer Stimme, die nichts Menschliches an sich hatte, und Frau Franziska nahm mit zitternden Händen die beiden Kinder und flüchtete mit ihnen auf die große Diele. Von hier aus lief sie, wie gejagt, in ihr eigenes Zimmer, während Bertold und Liselotte sich erschreckt ansahen.
Liselotte strich sich die wirren Locken hinter die Ohren.
»Na so was!« meinte sie empört. »_Das_ erzähle ich aber zu Hause, -- das ist ja ffffurchtbar nett, daß ich nun auch den schlechten Kerl mal gesehen habe.«
»Meinen Großvater,« stammelte Bertold, blaß bis in die Lippen.
»I wo, den mein’ ich ja gar nicht. Ich mein’ natürlich deinen Onkel, der so gräßlich lacht und grinst.« -- -- --
Sie streichelte liebevoll den verstörten Kameraden. »Fürchte dich nur nicht, Bertold, ich beschütz’ dich schon. Weißt du, ich hab’s furchtbar gern, wenn einer so losballert wie dein Großvater, mein Väterchen tut auch so, wenn die Base ihm Papiere verkramt, -- komm, Bertold, komm zur Amati.«
* * * * *
Am andern Tage ging es in der Schule weit lebhafter zu als am ersten.
Denn in den letzten zwölf Stunden des vergangenen Tages und der vergangenen Nacht hatte man in Schwarzhausen so viel Neues erfahren, wie sonst nicht in Wochen, und in jeder Familie, die schulpflichtige Kinder besaß, ermahnte man die Kinder, den Bertold Malcroix ein bißchen auszuhorchen und vor allen Dingen es nicht zu leiden, daß er während der Pausen sich mit Liselotte Windemuth verkrümele.
Rektor Dillen war beim alten Herrn Eik von Eichen gewesen, das wußte man auch, und er hatte dort verbrieft und versiegelt vorgefunden, daß der Bertold wirklich Eik von Eichen hieß und daß der durch leichtsinnige und schlechte Streiche des verstorbenen Malcroix besudelte Name durchaus verschwinden solle. Das heißt, wenn dies Frau Fama, das geschwätzigste aller Weiber, das in Schwarzhausen Ehrendienstwohnung besaß, zuließ. Vorläufig nannte man den Bertold _erst recht_ Malcroix, und es war ein fortgesetzter Ärger von den Schwarzhausenern, daß der hergelaufene Junge nicht auf ihn hörte, sondern den Rufenden höchstens mit ernsten, stillen Augen ansah, -- mit höchst unbequemen Augen, vor denen man sich beinahe schämte.
Ja, einer schämte sich so gründlich, daß er ein guter, zuverlässiger Freund von Bertold wurde, trotzdem er wenige Minuten vor diesem Schamprozeß recht hämisch quer über die Straße gerufen hatte: »Komm einmal her, kleiner Malcroix!«
Dieser Mann, dem dann der abweisende, ernste, tiefe Kinderblick »bis an die Nieren« gegangen war, war der Apotheker von Schwarzhausen, Herr Nothnagel, -- und da er zu den gewichtigen Leuten zählte, konnte sich Bertold zu dessen plötzlicher Freundschaft wohl beglückwünschen.
Und Herr Nothnagel bekräftigte diese Freundschaft mit einem halben Pfund »Abfallschokolade«, die er einem geheimnisvollen Fache seiner Apotheke entnahm und die Bertold und Liselotte auf einen Hieb vertilgten.
Darauf bekamen sie drei Tage heftigen Durchfall, ohne zu ahnen, daß sie ihn der plötzlich erwachten Zuneigung des Herrn Nothnagel verdankten.
In der Pause saßen Bertold und Liselotte doch wieder eng aneinander geschmiegt im Grasgärtchen.
Sie hörten gar nicht auf das Höhnen und die Schmährufe der anderen Kinder, sie waren auf der fernen, glückseligen Insel der Jugendfreundschaft und des ersten rückhaltlosen Vertrauens.
Liselotte erzählte stürmisch und temperamentvoll die wichtigsten Ereignisse ihres jungen Daseins.
Daß ihre Lieblingspuppe Emmy ein schleichendes Fieber habe und schon seit einem Jahre ohne Kopf daliege, aber »zu süß« sei und gescheiter und netter als alle anderen dreiundzwanzig Puppenkinder, -- daß ihr Papa ein grundgelehrter Professor sei und »Väterchen« heiße, daß ihre Mama schon seit vier Jahren im Himmel sei, gerade dort, wo er am Tage am allerblauesten sei und wo des Nachts der Abendstern stünde -- -- -- so hätte es Väterchen ihr erzählt. Und daß die Base Juliane den Haushalt führe und die alte Trine koche und flicke und stopfe und schimpfe, aber sonst beinahe so lieb sei, wie Puppe Emmy, -- nur eben leider _mit_ Kopf.
Bei der Trine waren auch alle Puppen in »Penzion«, denn die Base Juliane erlaube nicht, daß Liselotte viel mit ihnen spiele, und es seien doch ihre Kinder, ihre süßen, wonnigen Kinder, die der Storch gebracht habe und der habe sie Liselotte, ganz richtig ins Bein gebissen, sie könne Bertold jeden Augenblick ihre große Zehe zeigen, wo die Narbe noch dran wäre.
Liselottes Phantasie war großartig und ging jeden Tag zwölfmal mit ihr durch, aber für den ernsten Jungen war es ein tiefes Glück, in die begeisterten Augen seiner kleinen Gespielin zu schauen.
»Bring’ mir nur deine Puppen,« meinte er, »ich will sie auch lieb haben.«
Diese Aussicht überwältigte Liselotte dermaßen, daß sie die Ärmchen um seinen Hals legte und ihm einen Kuß gab, worauf sie sich beide den Mund abwischten.
»Du bist ein _lieber_ Junge,« rief Liselotte, »willst du Puppe Emmy heiraten, oder lieber Vater sein?«
»Vater sein,« erklärte Bertold, und die Sache war abgemacht.
Als Rektor Dillen die Pause für beendet erklärte, hatte man sich schon für denselben Nachmittag verabredet, um fünf Uhr nach den Schularbeiten auf Windemuths Oberboden zusammen zu kommen, und zwar sollte Bertold seine Amati mitbringen und Liselotte ihre sämtlichen Puppen.
»Und wenn Base Juliane es nicht erlaubt, dann werde ich brüllen und um mich schlagen, daß das Haus wackelt,« erklärte Liselotte, »dann darf ich’s schon, denn Väterchen braucht Ruhe.«
Bertold lachte wieder sein herzliches, tiefes Lachen. Dann meinte er sinnend: »Meine Mutter hat früher auch immer mit Puppen gespielt, sie erzählt mir wunderschöne Geschichten davon. Deine Base Juliane ist wahrscheinlich nie Mutter gewesen.«
Dies rührende Kinderwort sollte später die Schwarzhausener darin bestärken, daß Bertold »Malcroix« ein grundverdorbener Bengel sei.
Denn als der Kampf mit Base Juliane an demselben Nachmittag wirklich entbrannte und Liselotte wie eine Löwin um ihre Jungen kämpfen mußte, rief das Kind ihrer Base empört zu: »Sag’ mal, bist du mal Mutter gewesen?«
Und auf die wütende Gegenfrage der alten Jungfrau: »Wer, -- wer wagt es, so gemein zu fragen?« kam die Antwort: »Der Bertold.«
* * * * *
In all solchen Dingen handelte Schwarzhausen immer unglaublich rasch und holte die zehntausend Meilen, die es sonst in der Kultur zurück war, oft in einer Stunde ein.
Schon am Nachmittag brachte es Base Juliane dem Professor Windemuth, der natürlich gerade in einer wichtigen archäologischen Arbeit saß, unter Tränen, Wut, Zittern und schamhaftem Erröten bei, daß, -- (o du mein himmlischer Vater, Vetter Windemuth, ich kann’s dir kaum andeuten), daß der hergelaufene Bengel Malcroix an ihrer, Julianes, Jungfrauschaft frech gezweifelt hätte, und der nun sehr aufgebrachte Professor, der sich ohnedem nach seiner schnöde unterbrochenen Arbeit zurücksehnte, rief: »Der Junge darf mir selbstverständlich nie ins Haus.«
Und am selben Abend wußte es ganz Schwarzhausen mit Ausnahme des Hauses Eik von Eichen, daß der neunjährige Bertold ein ganz und gar verdorbenes Früchtchen sei.
»Sie sind alle wild und verrückt,« plauderte Liselotte und sah ihren neuen Freund, der mit dem sorglich behüteten Geigenkasten vor ihr stand, ängstlich an. »Du darfst nicht rein zu uns, Bertold, ich soll nicht mit dir spielen.«
Ganz schwarz wurden seine Augen in der Schmach dieser Minute. Wortlos drehte er Liselotte den Rücken und ging zurück ins Eichenhaus. Sie sah ihm nach und begriff mit der ganzen Stärke ihres Empfindens seinen Schmerz, und nun schrie und tobte Liselotte so ausgiebig, wie sie sich’s am Vormittag vorgenommen, und weinte die Hausbewohner zusammen mit dem unerklärlichen Jammerwort: »Ohhh, er wollte Vater sein und ihr erlaubt es nicht.«
Ja, Schwarzhausen, das moralische Schwarzhausen, ging schweren Zeiten entgegen.
* * * * *
Im »Eichenborn« gab es einen Raum, ein echtes, rechtes Poetenwinkelchen, das hatte sich der alte Hieronymus Teichmann, der im übrigen eine schöne, geräumige Dienstwohnung besaß, ganz besonders für sich ausbedungen, und in diese heiligen Hallen verirrte sich nicht einmal seine liebe, gute, runde Frau.
Fingerdick lag der Staub allüberall, aber alles, was er bedeckte, waren für Hieronymus Heiligtümer und unantastbare Geheimnisse.
Nur einmal hatte Frau Thereschen Teichmann in diese Blaubartkammer hineingeschaut, und nachdem sie einen Schrei der Entrüstung ausgestoßen, hatte sie sich schnurstracks Wassereimer und Schrubber, grüne Seife, Besen, Schaufel und Wischtuch geholt.
Aber der unmelodische Schrei hatte die beiden Hüter des Heiligtums herbeigelockt, und Frau Thereschen fand sich einem Doppelposten gegenüber, der ihr den Eintritt samt den Abzeichen ihrer Hausfrauenwürde wehrte.
»Bei allem Respekt vor deiner Weiblichkeit, Teichweibchen, -- halt’s Maul,« rief ihr der Gatte Hieronymus entgegen. »Staub ist alles hier auf Erden, auch du sollst einst zu Staube werden. Und nun mache kein Federlesen und heb’ dich hinweg mit deinem Besen.«
Frau Therese warf noch drei vorwurfsvolle Blicke zurück, den einen auf ihren Gatten, den andern auf den Staub und den dritten auf den Organisten Brennstoff.
Das war der andere Teil des Doppelpostens, der beste und geliebteste Freund ihres Hieronymus, an welchen niemand auch nur »tippen« durfte. Vom sechsten Jahre ihres Lebens an waren die beiden unzertrennliche Kameraden.
Brennstoff, selbst Lehrerssohn, hatte Musik studieren dürfen, gab sämtlichen Musikunterricht in Schwarzhausen und war Organist der Stadtkirche; Hieronymus Teichmann dagegen war der Nachfolger seines eigenen Vaters geworden, -- die Teichmanns dienten seit Menschengedanken den Eik von Eichens, waren Schloßverwalter, Silberdiener und Haushofmeister seit Generationen. Originale waren sowohl Brennstoff wie Teichmann.
Beide liebten in ihrer Jugend das gleiche Mädchen, aber Teichmann durfte sie heiraten und hatte es nie bereut.
Thereschen Balian aber ahnte nichts von Kantor Brennstoffs Liebe und so wurde sie Teichweibchen.
»Das paßt und klingt gut,« meinte der Kantor entsagungsvoll. »Der Teichmann und das Teichweibchen. Hingegen _der_ ›Brennstoff‹, und weiter gar nichts, noch mehr Brennstoff bringt nur Explosion.«
Ganz allmählich waren aus den zwei Freunden _vier_ Unzertrennliche geworden, es hatten sich Beethoven und Wagner zu ihnen gesellt.
Auf irgendeinem spinnewebdunkeln Oberboden des grauen Hauses hatte ein Spinett gestanden; Hieronymus erhielt die Erlaubnis, es sich herunterzuholen, und auf diesem Spinett tippte er leise und andächtig in seinen Mußestunden herum, bis dann abends Organist Brennstoff kam und mit weichen, großen Händen wunderbare Töne daraus hervorlockte.
Diese Töne wühlten das Innere auf und sänftigten es wieder, diese Töne ließen die beiden alten Herzen wunderbar schwingen, also daß die Hände, die zu den Herzen gehörten, sich falten mußten.
»Die Himmel rühmen des Ewigen Ehre!«
»Herrgott, lieber Zacharias Brennstoff, -- gibt es denn nur noch so etwas auf dieser Erden! Man könnte wahrlich närrisch werden, -- spiel’ weiter, Brennstoff, -- damit ich mein’, es musizieren die Engelein.«
Dann präludierte der Stadtorganist weiter, und die schlichten Töne verdichteten sich zu einem Gemälde, und es war den beiden Alten, als hinge das Adagio der fünften Symphonie in breitem, wunderbarem Goldrahmen an der Wand über dem alten Spinett.
Aber den Beschluß machte immer dasselbe Lied, das so gut zu dem glutroten Ball stimmte, der allabendlich hinter den Tannen des Thüringer Waldes versank:
»Fahr wohl, du goldne Sonne, Du gingst zu deiner Ruh, Und voll von deiner Wonne Gehn mir die Augen zu. Schwer sind die Augenlider, Du nimmst das Lied mit fort, Fahr wohl, wir sehn uns wieder, Hier unten oder dort. Und trägt des Tods Gefieder Mich statt des Traums empor, Dann schau’ ich selbst hernieder Zu dir aus höherm Chor.«
So war es jahrelang gewesen, -- da sah und hörte und fühlte der Organist Brennstoff zum ersten Male Bayreuth.
Ein Stipendium, eine Fahrkarte und eine Berechtigungskarte für den Nibelungenring fiel vom Himmel hernieder in seine Hand, -- so meinte er heute noch, und doch hatte er den eingeschriebenen Brief dem Postboten selbst abgenommen.
Wie im Traum war er damals aus Bayreuth zurückgekommen, und die Schwarzhausener merkten es nicht, daß die heiligen Hallen der Stadtkirche sich mit Wotans und Siegfrieds Gesängen füllten, und daß sich von dem Platze ihres Organisten aus ein goldener Regenbogen spannte, auf dem der verzückte Orgelspieler geradeswegs in Walhalla einzog.
Es war ein Glück, daß Hieronymus Teichmann eine so gleichgestimmte Seele war, -- Meister Richard Wagner brauchte gar nicht lange auf dieser Harfe zu schlagen, da hatte er den ganzen Menschen schon mit Haut und Haar.
Alles ersparte Geld ging beinahe auf Partituren drauf, die Brennstoff dem Freunde mit himmelhochjauchzender Begeisterung vorspielte, und Hieronymus sang beim Silberputzen: »Winterstürme wichen dem Wonnemond« und »Heialaweia«.
Und jedesmal, wenn die beiden Freunde über Wagner philosophierten, schlossen sie ihr Zwiegespräch: »Es war ein herrlicher Mann und ein göttlicher Musiker, aber auch der, der uns die Bayreuther Karten gab, soll bis in die Knochen gesegnet sein!«
»Uns« -- sagten sie, -- denn wenn auch nur der eine im gnadenreichen Bayreuth gewesen war, -- sie fühlten sich eben beide als dieser eine.
Heute waren sie wieder einmal in Walhall gewesen, -- hatten dann den herabsinkenden Sonnenball mit Beethoven heimgeleitet und wollten nun selbst die Ruhe aufsuchen, als der Organist plötzlich sagte: »Meister Beethoven hängt tatsächlich in der Luft. Mir ist’s, als hätte ich ihn heute immerfort in den Ohren, auch wenn dieses Klavizimbel schweigt, -- hörst du nichts, Hieronymus?«
»Freilich, -- ich wollt’ es nur nicht wagen, und dir von der Erscheinung sagen, -- hör’ nur -- -- als ob’s hier oben wär’. Oder kommt es von draußen her?«
Die beiden Freunde sahen sich an und lauschten wieder.
Es war wie der Gesang einer Äolsharfe.
Aber Äolsharfen pflegen nicht Beethoven zu säuseln, und doch unterschieden die beiden alten Freunde gar genau, wenn auch nur harfenfein, die Töne.
»Heil’ge Nacht, o gieße du Himmelsfrieden in dies Herz -- -- --«
Sie forderten sich nicht zu irgendeiner Tat auf, -- wann wären sie jemals uneins in ihren Gedanken gewesen?
Mit dem Finger auf dem Mund stiegen sie die gewundenen, schnörkeligen Holztreppen hinauf, und auf dem zweiten Absatz kam Beethoven schon deutlicher zu Wort. Aber nirgends eine Spur von dem Sänger oder Spieler, nur -- die Tür eines uralten Schrankes klaffte ein wenig, allein dem strengen Auge eines ordentlichen Haushofmeisters bemerkbar, und dann zogen die Freunde aus den Tiefen des Riesenschrankes das Geigerlein hervor, das ganz betäubt war von Dunkelheit, Musik und -- Mottenpulver.
»Jesus! Unser Junker Bertold!« rief Hieronymus »Nun sag’ nur mal, wie kommst du rein in diesen dunkeln Kleiderschrein?«
Bertold blinzelte die beiden an.
»Ach, nirgends darf ich spielen, -- und nun hast du mich auch hier gefunden, Hieronymus. Wirst du es dem Großvater sagen?«
Der Alte schüttelte begütigend den Kopf und zog ihn mit sich die Treppe hinunter. Organist Brennstoff aber hatte vorsichtig die Geige dem Knaben abgenommen und prüfte nun beim Dämmerlicht, das durch das Flurfenster fiel, die herrliche Maserung des alten Holzes und erkannte schließlich mit andächtigem Entzücken den Namen auf dem Boden der Geige durch das geschwungene ~S~ hindurch.
»Heilige Cäcilie, ich halte eine Amati in der Hand, -- Herr, nun lässest du deinen Diener in Frieden fahren.« Brennstoff drohte zu explodieren, »Das, was ich sagte, ist keine Gotteslästerung, -- das sei ferne von mir, -- aber es ist etwas Heiliges um eine Amati, und dieser Jungherr scheint zu wissen, was er Kostbares hegt.«
Sie waren wieder in das Poetenwinkelchen eingetreten.
»Ja, ich weiß es,« entgegnete Bertold ernsthaft. »Vater hat sie mir ja gegeben, ehe -- ehe er starb. Heiligtum, sagte er nur, und dann -- -- --«
Die Augen des Knaben waren wieder ganz schwarz vor Erregung, und Hieronymus strich ihm hastig über den dunkeln Kopf. Still bei sich dachten beide Männer dasselbe.
Daß der Name Malcroix auch ehemals ein Heiligtum gewesen sei und durch die Schuld des Mannes, der eine Geige so hoch hielt, zu einem wertlosen Fetzen geworden war, den man seinem Knaben zum eigenen Besten fortgenommen.