Die Eiks von Eichen: Roman aus einer Kleinstadt

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Anmerkungen zur Transkription

Das Original ist in Fraktur gesetzt. Im Original gesperrter Text ist _so ausgezeichnet_. Im Original in Antiqua gesetzter Text ist ~so markiert~.

Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am Ende des Buches.

Die Eiks von Eichen

Roman aus einer Kleinstadt

von

Felicitas Rose

Sechsundvierzigstes bis fünfzigstes Tausend

Berlin * Leipzig * Wien * Stuttgart

Deutsches Verlagshaus Bong & Co.

~Alle Rechte vorbehalten~

~Copyright 1910 by Deutsches Verlagshaus Bong & Co.~

~Graphia Akt.-Ges. vormals C. Grumbach in Leipzig~

_Motto_:

Dort an der Ecke das alte Haus Wird doch noch stehn? An dem die Leute tagein, tagaus Vorübergehn? -- -- -- -- -- -- -- -- -- O heil’ge Heimat, ich grüße dich An jedem Ort -- -- --

Carmen Sylva.

Da stand es noch. -- Genau wie einst im Schatten der uralten Eichen.

Grau und langgestreckt mit einer langen Reihe niedriger Fenster. Und aus dem Giebelfenster schauten die steinernen Pferdeköpfe, beide von einem steinernen Eichenkranz umschlungen.

Wie ging noch die Sage? Die Sage vom Eichenborn?

Im Jahre 1298 hatte von diesem Fenster aus ein Jungfräulein Eik von Eichen nach ihrem Liebsten ausgeschaut.

Das war ein Musikant gewesen, »ein fahrender Schüler, ein wilder Gesell«, den erst die allmächtige Liebe zahm gemacht. Der ergrimmte Vater hatte gesprochen:

»Ebensowenig wie meine Rösser hier oben in deine Kemenate steigen, sich unser Wappen umhängen und aus dem Fenster hinabschauen ins Tal der wilden Gera, ebensowenig sollst du und dein Buhle jemals es tun.«

Aber da hatte es plötzlich getrammst und getrappelt, und die beiden Rosse waren die gewundenen Treppen hinaufgestiegen, umschlungen von einem Eichenkranz. Sie hatten sich eng aneinander geschmiegt und schauten ins Tal der wilden Gera, darinnen der herzwunde, einsame Spielmann seines Weges zog.

Darauf gab es eine fröhliche Hochzeit und -- wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie heute noch.

Es gab kaum einen alten Mann oder eine alte Frau in Schwarzhausen, die nicht auf diese Legende schworen.

Hinter dem schloßähnlichen Gebäude lag der weite, große, grasbestandene Hof, in seiner Mitte standen steinerne Bänke um einen Riesentisch, und über diesem Platz wölbte ein alter Nußbaum seine Riesenzweige.

O wie duftete ein Blatt von diesem Baum, wenn man es in die warme Kinderhand nahm -- -- --

Alles kann man vergessen in der raschen, hastenden, lockenden Welt da draußen, aber diesen Duft nicht, -- niemals -- -- --

Und auch jenen leisen Klang nicht, so eng verwachsen mit der Kinderzeit, -- jenes melancholische Rieseln und Rauschen des alten Brunnens im Grashof, der unter einem knorrigen Fliederstrauch stand.

Hatte man sich müde gespielt, dann setzte man sich unter den Nußbaum, oder lief nach dem Fliederstrauch und pflückte sich schwere zartlila Dolden. Die kleinen Blütchen steckte man ineinander und hing sich dann die langen Ketten um den Hals, -- wie stolz sah man aus! Nicht nur die Gespielen, -- nein, alle Hühner und Enten und der große, kollernde Truthahn und der bunte, häßlich schreiende Pfau bewunderten die kleine Tochter des Hauses.

Und ab und zu lief man nach dem Brunnen und besprengte die lila Fliederdolden -- -- oh -- Nußbaum und Fliederstrauch -- -- --

* * * * *

Schwer seufzte die junge Frau auf.

»Mutter, sind wir jetzt daheim?« fragte eine klare Knabenstimme.

Da konnte sie zum erstenmal wieder weinen.

»Ja, Bertold, wir sind daheim!«

Und sie nahm den Knaben fest an der Hand und schritt mit ihm über die Schwelle ihres Vaterhauses.

* * * * *

In der dämmerigen Diele, in die sie eintraten, war es köstlich kühl. Die schwere Eichentür schloß sich hinter ihnen und sperrte die sengende Mittagsglut eines heißen Julitages ab.

Der von langer Postfahrt ermüdete Junge atmete hoch auf. »Hier ist’s schön, Mutter.«

Rings an den Wänden hingen Ölbilder. Ehrbare, ernste Gesichter in steifen Ratsherrnkrausen sahen aus schwarzen, strengen Augen auf die beiden Ankömmlinge nieder.

»Sind das die Onkel und Tanten, zu denen wir wollen, Mutter?« fragte der Knabe.

»Nein, Bertold, -- diese hier sind lange tot.«

»Aber Großvater lebt!«

»Ja, mein Junge.«

Es fröstelte plötzlich die junge Frau.

Sie setzte sich auf die schmale Bank, die sich rings an der Diele entlang zog, und lehnte den Kopf an die Holztäfelung.

Die feinen Nasenflügel bebten und sogen den Duft des Heimathauses ein. Thymian und Lavendel. --

Spurlos war die Zeit an diesem Hause vorübergegangen -- -- alles deutete auf Thymian und Lavendel.

Der kleine Bertold schlief auf der harten Holzbank und seine Mutter saß und dachte nach in schwerer Beklommenheit.

Sie wußte, daß jetzt niemand kam.

Die Tante hielt ihren Mittagsschlaf, der Vater -- war wohl auch, wie früher, zu dieser Stunde in seinem Arbeitszimmer, und Herr Eik von Eichen ~junior~ kam nie in diesen Flügel des ausgedehnten Gebäudes.

Sie sehnte sich plötzlich nach einer Menschenstimme.

Wenn doch der alte Teichmann käme oder seine Frau, oder irgendeiner der alten dienstbaren Geister.

Sie wußte, daß auch in ihren Reihen die letzten acht Jahre keine Veränderung gebracht hatten.

Nervös strich sie an ihrem Trauergewand herunter. Herrgott, wie die Gedanken auf sie einstürmten!

Sie krochen aus den Wänden und aus den Fugen der Holztäfelung, sie schwebten wie kleine Spukgeisterchen in der Luft und hingen in den Verschnörkelungen der Goldrahmen.

»Weißt du noch?« fragten sie wieder und wieder.

Und die junge Frau dachte daran, wie sie vorhin scheu aus der Postkutsche gestiegen war, damit der Postverwalter sie nicht sehen sollte und auch seine Frau nicht, die hinter dem »Spion« saß und strickte.

Sonst würde es ja sofort jeder im Orte wissen --

Und wie sie den schwarzen, fadenscheinigen Regenschirm aufgespannt und in der brennenden Mittagsglut unter seinem Schutze an den Häusern entlang geschlichen war.

Nur niemandem begegnen von den Menschen da draußen, -- von den guten Freunden, getreuen Nachbarn -- -- und desgleichen.

Aber jetzt -- jetzt sehnte sie sich nach einem Willkomm, -- nach einem einzigen, kurzen, guten Wort.

»Alle guten Geister loben Gott den Herrn, -- da sitzt Fräulein Franziska!«

Mit einem Schrei sprang sie auf, man wußte nicht, war’s ein Wehlaut oder ein Jubelruf, und der alte Mann, der aus einem Seitengang hervorgetreten war, setzte sich mit zitternden Knien auf dieselbe Stelle, wo sie vorhin geruht, und starrte die Dame an.

Der Knabe war jäh erwacht. Er rieb sich die Augen.

»Bist du der Großvater?« fragte er beherzt.

»Gott soll mich bewahren in meinen alten Jahren. Wie sollt’ ich mich vermessen, auch nur zum Schein, und dein Großvater sein?«

»Hieronymus!« jubelte die blasse junge Frau, -- »alter Hieronymus Teichmann! Du bist’s noch! Gott Lob und Dank! Als du vorhin riefst: ›Da sitzt Fräulein Franziska‹, gab es mir einen Stich ins Herz. Er reimt nicht mehr, mein alter Teichmann -- -- -- dachte ich, -- aber nun --«

Der alte Diener hatte die runzligen Hände vor das Gesicht geschlagen, schwere Tränen quollen zwischen den Fingern hervor.

»Herrgott, es war der erste Schreck, den hatt’ ich weg,« stammelte er und trocknete sich die Augen.

»Guter, lieber Teichmann!«

Die junge Frau liebkoste seine rauhe Hand, sie lachte und weinte in einem Atem. »Teichmann, ich bin daheim!«

Der Alte war immer noch fassungslos. Er deutete auf den Knaben.

»Ja, Teichmann, das ist mein Junge, -- hab’ ihn lieb, hörst du?«

Er nickte lebhaft.

»Herrgott, das Fräulein ist wieder da. Gott sei gepriesen, halleluja!« murmelte Hieronymus Teichmann.

* * * * *

An diesem Abende wurden drei Dinge in die Annalen der Schwarzhausener Geschichte aufgenommen.

Da waren zum ersten die neuen Gaslaternen angekommen und aufgestellt, zum zweiten war Franziska Malcroix, geborene Eik von Eichen wieder heimgekehrt, nachdem ihr plötzlich verstorbener Mann sie völlig mittellos und mit beflecktem Namen zurückgelassen, und drittens sollte Fräulein Adelgunde Eik von Eichen so etwas wie der Schlag getroffen haben, weil die verlorene Tochter des Hauses ihr die acht Jahre lang geführten Schlüssel abverlangt und sich wieder an die Spitze des Haushaltes gestellt hatte.

Der Provisor der Apotheke hatte unter dem Siegel der Verschwiegenheit einigen Honoratioren erzählt, daß ~Dr.~ Hempel im Hause Eichenborn Schröpfköpfe gesetzt habe, wem?, wußte er nicht zu sagen.

Aber mit ungewissen Dingen gaben sich die Schwarzhausener ungern ab und wenn auch dem schlechten Kerl, dem alten Eiken zuzutrauen war, daß er aus reiner Bosheit seinen Familienmitgliedern Schröpfköpfe setzen ließ, -- so löste der Gedanke an einen Schlaganfall Fräulein Adelgundens doch mehr Befriedigung aus in den Herzen der lieben Mitmenschen. --

Der nächste Tag war ein Sonntag.

Die Schwarzhausener waren heute alle in der Kirche, und der alte Herr Pfarrer Klingenreuter lächelte fein, als er die Kanzel bestieg.

Er hatte halb Schwarzhausen getauft, konfirmiert und getraut, er kannte seine schwarzen und weißen Schäflein als getreuer Hirte. Er sah durch ihre fromm emporgerichteten Stirnen in ihre unfrommen Gedanken. Und predigte sehr schön und höchst unbequem heute vom Splitter im Auge des Nächsten und vom Balken im eigenen Auge. Man war nicht befriedigt. Vom Hören nicht und auch vom Sehen nicht. Denn der Kirchenstuhl der Eik von Eichens blieb leer, und Fräulein Adelgunde, die nach dem schweren Schlaganfall eigentlich auf dem Schragen liegen sollte, saß am Fenster und häkelte ihre bekannte Gardinenspitze, von der Böswillige behaupteten, sie ginge schon um das ganze Fürstentum herum. --

Es ward ein höchst langweiliger Sonntag vom Morgen bis zum Abend. Denn man hatte gehofft, wenigstens an einem der Fenster des »Eichenhauses«, wie es kurzweg genannt wurde, einen Schatten von Franziska Malcroix oder ihrem Sprößling zu sehen, und vom Mittagessen an pilgerte ganz Schwarzhausen dort vorbei, -- vergebens. Nur der alte Teichmann, der so unverständig war, nie einen Ton über seine Herrschaft zu sagen, der er seit fünfzig Jahren diente, -- ihn nur erspähte man. Er saß auf seinem bekannten Platz, auf einer der steinernen Bänke im Grashof, hatte sich das stadtbekannte Luftkissen untergeschoben, welches seit zehn Jahren schadhaft war und von der guten Frau Teichmann unentwegt aufgeblasen wurde. Man fürchtete sich etwas vor Hieronymus Teichmann, denn man begriff immer noch nicht seine wunderliche Art zu reden, trotzdem er schon als zehnjähriges Kind derselbe Reimschmied gewesen war. Ja, die verstorbene Hebamme von Schwarzhausen behauptete unter ihrem Eide, er sei »mit’n Versch« auf die Welt gekommen.

Was sie damit sagen wollte, verstand niemand, aber unheimlich war’s.

Nur Fräulein von Bebeleben, eine der zwanzig Stiftsdamen des adligen Klosters Schwarzhausen, fürchtete sich nicht vor ihm und überhaupt vor keinem Menschen und keinem †††.

Deshalb stelzte sie mit großen Schritten in den Grashof, und nun stand sie vor dem ungeheuer pfiffig Dreinschauenden.

»Warum waren Sie heute nicht in der Kirche, Teichmann? Es könnte Ihnen doch wahrhaftig nichts schaden, sich mit unserm Herrgott ein bißchen auf du und du zu stellen.«

Die Antwort war unbefriedigend.

»Bei allem Respekt vor der Heiligkeit,« meinte Teichmann bedächtig, »ich hatte dazu heut keine Zeit, und wo soviel Schafe im christlichen Stall, kann so’n alter Hammel wohl fehlen mal, der liebe Gott ist ’n braver Mann, aber ich schau’ ihn ganz gern von ferne an.«

»Ketzer!« rief die Stiftsdame entsetzt und wendete ihm den Rücken. Da lachte der alte Teichmann wieder sein feines, pfiffiges Lachen und nahm sein geliebtes Buch vor seine große Hornbrille, das Buch, das er Sonntags kaum aus den Händen legte, -- das Neue Testament.

Aber die Frau Postverwalterin Nehring war heute die Heldin des Tages.

Sie hatte ja die schwarzgekleidete Fremde, welche mit der Post ankam, gesehen und -- erkannt.

»Blaß, -- liebe Damen, war sie und verweint.« So lautete später ihr Bericht. »Weiß wie mein Tischtuch, wenn ich’s Sonntags auflege, und der Schirm zerlöchert; und das Kleid, -- höchstens eine Mark fünfzig Pfennig das Meter bei Dingelmann und Sohn. Und der kleine Junge machte ’ne närr’sche ›Fichur‹, -- ich weiß nicht, hat er ’n Buckel, oder war’s ’n Rucksack.«

Die Schwarzhausener beschlossen, daß es ein Buckel gewesen sei.

Acht Tage später waren schon in aller Morgenfrühe die Fenster samt den Spionen in Schwarzhausen besetzt, und junge und alte Leute drückten sich die Nasen platt, -- Franziska Malcroix brachte ihren Sohn zur Schule. Und vor dem Schulhause nahm sie das schöne Köpfchen in beide Hände und küßte ihn auf die Augen. Dann ging sie heim.

»Na, nun werden wir doch endlich was zu wissen kriegen.«

»Wundern kann’s einen doch, daß der reiche Eik von Eichen dem Enkel keinen Hauslehrer hält.«

»Wenigstens bis zum richtigen Gymnasium.«

»Man kann gespannt sein, was es für ein Früchtchen ist.«

»Nun, auf den Kopf gefallen sind ja die Eik’s nicht.«

»Die Franziska schon mal gar nicht.«

»Und der Lump, der Malcroix, auch nicht, sonst wäre er nicht mit der reichsten Schwarzhausener durchgegangen.«

»Du lieber Gott, man freut sich ja wahrhaftig, wenn die Vaterstadt sich durch Zuwachs vergrößert, ob aber der Buckolorum uns Ehre unters Dach trägt -- der Enkel von so einem -- und der Sohn von so einem -- -- --«

Nun, jedenfalls schärfte man den Kindern der Schule ein, heute tüchtig aufzupassen und gleich, aber auch gleich nach Schulschluß heimzuspringen, ohne erst vorher Stinnerte zu spielen. -- -- --

* * * * *

Bertold Malcroix stand mit sehr unbehaglichen Gefühlen in der Schulstube und wartete mit zwanzig andern Kindern, Knaben und Mädchen, auf den Herrn Rektor.

Es war eine Vorschule, die er bis zum zehnten oder elften Jahre besuchen sollte, je nachdem er für reif erklärt wurde, ins Gymnasium nach E. zu kommen. Auch Mädchen waren in der Klasse, die entweder beim Herrn Rektor bis zu ihrem vierzehnten Jahre »weitergingen« und dann in einen Dienst traten, oder -- eine Gouvernante bekamen. Die Rektorschule erfreute sich eines großen Zuspruches und ungeteilter Beliebtheit nicht nur im Orte, sondern auch in der Umgegend.

Denn, was der Herr Rektor lehrte, das saß fest.

Ja selbst die ganz Vernagelten profitierten noch etwas von ihm, ehe sie abgingen; den dummen Buben gab er den ehrlichen Rat, nie zu heiraten, damit diese Rasse ausstürbe, und den »törichten Jungfrauen« schenkte er wenigstens »Kochrezepte«.

Zu jedem einzelnen dieser Unbegabten aber meinte er gütig:

»Du Brät! Sag’s nur kei’ Menschen, wie dei Lehrer geheißen hat.« -- --

Rektor Dillen war eigentlich kein Rektor, er hatte nur das zweite Examen bestanden, aber zu seinem 50. Geburtstage beschloß man in Schwarzhausen, ihn zu ehren, indem man ihn von diesem Tage an »Rektor« nannte. Ihm selbst bekam die Standeserhöhung verhältnismäßig gut, aber seine zarte, kleine, bescheidene Frau, die sogar vor der Köchin des Herrn Bürgermeisters einen tiefen Knicks hinsetzte, war dem nicht mehr gewachsen, und sie flüchtete sich aus dieser Welt der Titulaturen.

Das war nun fünf Jahre her, und seitdem führte »Fräulein Rektor«, seine alte Schwester, ihm die Wirtschaft.

Sie pflegte zu sagen: »Ich habe bei Präsidents und bei Rats und bei Majören gedient, -- nu werd’ ich wohl genug Benehmigung for’n Rektor Dillen, meinen Herrn Bruder, haben.«

Doch auch der Name des Rektors war falsch, er hieß eigentlich »Tüllen«. Aber mit so unerhörten sprachlichen Anstrengungen befaßt sich der echte »Dhiringer« nicht, und der Mann selbst stellte sich vor: »Mei Name is Dillen.«

Und als diesen Biederen einmal ein junger Kreisschulinspektor anschrie: »Herr, wenn Sie Tüllen heißen, warum nennen Sie sich nicht so?«, da antwortete er: »Es glingt so ibermit’ch, -- -- wenn ich ämol Gultusminister bin, -- dann!«

Und zu ihm kam Bertold Malcroix, d. h. vorläufig noch nicht, denn es war erst acht Uhr und Rektor Dillen hatte die Angewohnheit, das akademische Viertel innezuhalten, das einzige Zugeständnis, das er einer glorreichen Vergangenheit machte, -- er hatte einst Theologie studieren sollen. -- An seinem fünfzehnten Geburtstage war ihm diese schwindelnde Aussicht eröffnet worden, die sich dann auch als Schwindel erwies. Denn er bekam nach und nach vierzehn Geschwister, und die fraßen ihm mit ihren hungrigen Mäulern die Zukunftshoffnungen auf, wenigstens knabberten sie so lange an der »Kanzel« herum, bis nur ein schlichtes »Katheder« übrig blieb. --

Vor diesem Katheder wartete Bertold Malcroix, bis es ein Viertel nach acht sein würde, sämtliche Mitschüler und Mitschülerinnen standen um ihn herum, aber sie redeten ihn nicht an, sie kicherten nur, schubsten ihn ein wenig oder traten ihm auf die Füße, es mußte irgend etwas Ehrenrühriges darin liegen, ein »Neuer« zu sein.

Aber fünf Minuten vor ein Viertel auf neun flog ein kleines Mädchen zur Tür herein, bahnte sich mit zwei rührigen Ellbogen durch die Kinderschar eine Gasse und stand nun vor Bertold, den sie von allen Seiten mit prüfenden Blicken musterte.

»Du hast ja gar keinen Buckel!« rief sie dann. Das war ihre Begrüßung. Bertold lachte.

Es war ein herzliches, sonniges, frohes Kinderlachen, so recht aus dem Innersten heraus, wie man es sonst nur bei ganz jungen Dreijährigen hört, und das Gesicht des kleinen Mädchens erstrahlte bei diesem Lachen, sie nahm den Jungen gleich fest bei der Hand.

»Warum sollte ich denn einen Buckel haben?« Und wieder lachte Bertold. Diesmal war’s ein Duett mit dem Mädel.

»Sie sagten’s alle, -- aber es ist gut, daß du keinen hast, denn sonst hätte ich sanft mit dir sein müssen, meinte Trine.«

»Wer ist Trine?«

»Trine ist -- Trine.«

»Wie heißt du denn?«

»Liselotte Windemuth. Aber halt jetzt nur den Mund, da ist der Herr Rektor.«

Rektor Dillen sah erst den kleinen Ankömmling gar nicht, so groß und schlank das Bürschchen auch war.

Oder _wollte_ er ihn nicht sehen?

Wurde die Erinnerung zu mächtig in ihm, die Erinnerung an die Mutter dieses Knaben, die mit so sonnigen Augen in diese düstere Welt und insbesondere in die düstere Welt der Eichenborns geschaut hatte, und die seine Lieblingsschülerin gewesen war?

Neunzehn Zeigefinger fuhren in die Höhe, der zwanzigste lag still geborgen in der Hand des einundzwanzigsten Schülers.

Bertold hielt Liselottes Händchen fest umklammert.

»’s is ein Neuer da! Herr Rektor.«

»Ruhig, liebe Kinder! Wir wollen erst unser Morgenlied singen.«

»Unsern Eingang segne Gott, Unsern Ausgang gleichermaßen, Segne unser täglich Brot, Segne unser Tun und Lassen, Segne uns in sel’gem Sterben, Und mach’ uns zu Himmelserben.«

Schon bei dem ersten Vers, lange ehe die Strophe zu Ende ging, hatte der Lehrer die Geige sinken lassen, -- denn eine helle, glockenreine Knabenstimme führte den Chor fest und sicher bis zu Ende.

»Tausend Wetter, mein lieber Junge,« rief Rektor Dillen in ehrlicher Begeisterung, aber dann mußte er sich umständlich die Nase schneuzen, weil die Bewegung ihn übermannte. Zwei wunderschöne tiefe Kinderaugen schauten ihn an, wie früher die stahlblauen Augen der Franziska, und dieselbe klare Kinderstimme, die einst das Schulstübchen mit Wohllaut erfüllte, rief ihm zu: »Ich soll Sie von der Mutter grüßen, und sie würde ihren verehrten Lehrer bald aufsuchen.«

»Schön, schön, mein Junge.« Wieder schluckte er heftig. »Und nun sage mir noch, wie du heißt und wie alt du bist.«

»Ich bin neun Jahre alt, und ich heiße: Bertold Eik von Eichen.«

Es ging ein Summen und Tuscheln durch die Kinderschar.

»Is ja gar nich wahr.«

»Malcroix, -- Malcroix --«

»_Wie_ heißt du, Kleiner? Besinne dich einmal!«

»Bertold Eik von Eichen. Großvater hat es gesagt, ich sollte so antworten.«

»Ahhh! So so -- gut und schön! Setz’ dich! Oder nein, lies mir gleich einmal ein Stückchen aus dem Kinderfreund. Seite einhundertachtundsechzig oben, damit ich sehe, was du kannst. Liselotte Windemuth, ich glaube gar, du willst schon frühstücken, das ist sehr ungehörig.«

Liselotte wurde rot, aber es achtete niemand darauf, denn der neue Bertold las ganz unerhört schön und gänzlich fehlerfrei das schwierige Lesestück.

»Das war ja sehr gut, Bertold.« Die guten Augen des Lehrers strahlten. »Ich sehe schon, du bist der echte Sohn meiner braven Schülerin Franziska.«

Sei es nun, daß seine Stimme bei diesen Worten bebte, oder war es sonst etwas, -- Bertold Eik warf plötzlich beide Arme auf den Tisch, legte sein Gesicht darauf und fing an bitterlich zu weinen. --

Liselotte Windemuth saß verstört neben ihm, -- -- die anderen waren je nach Veranlagung frech oder verlegen, beinahe aber alle stellten innerlich fest, daß es noch nie so »fein« in der Schule gewesen sei, -- Mütter und Tanten würden Augen und Ohren aufsperren, was sie heute erführen.

Und Rektor Dillen stellte bei sich fest, daß die erste Stunde recht unruhig verlaufen sei und die Kinder wenig in ihr gelernt hätten, -- nur ihm selbst hatte sie einen Gewinst gebracht.

Durch schöne, reine Kinderaugen hatte er in ein schönes, reines Kinderherz geschaut, ein Erlebnis, das einem Lehrer wohl einen ganzen Tag verklären konnte.

Er beschloß, die Pause heute etwas zu verlängern, um den Kindern Gelegenheit zu geben, ihre Neugierde zu befriedigen und sich zu sammeln. Und den arg verweinten Kinderaugen wollte er erlauben, sich zu waschen und zu kühlen, damit sie wieder hell würden für den Rest des Tages.

Rektor Dillen war ein erfahrener Lehrer, der ja auch in den dreißig Jahren seiner pädagogischen Tätigkeit viel hatte strafen müssen, aber Kindertränen waren seinem liebevollen Herzen immer etwas Heiliges gewesen. --

Kaum hatte das kleine, heisere Schulglöckchen, von Fräulein Rektor in Bewegung gesetzt, den Stundenschluß verkündigt, so wandte sich der Rektor gleich an Bertold.

»Du kannst in das Grasgärtchen gehen, mein Sohn, und die Liselotte wird dich begleiten, wenn du sie bittest.«

»Er braucht nicht zu bitten,« rief Liselotte rasch, »und ich hatte mir gerade dasselbe ausgedacht, während er das lange Lesestück vorlas. Komm, Bertold.«

Ihre schlanken Beinchen liefen sehr schnell, Bertold konnte kaum folgen, und dann saßen sie einträchtig auf dem kleinen Holzbänkchen in der Geißblattlaube.

»Warum hast du geweint, Bertold?« fragte die Kleine energisch.

»Ich weiß es nicht.« Seine Augen wurden schon wieder verdächtig blank.

»O, dann ist es sehr dumm. Man weint doch nicht, wenn man’s nicht weiß. Man hat schon genug zu weinen bei Ungerechtigkeiten und Leibweh. Willst du jetzt wieder heulen, oder kann ich dich viel fragen?«

»Frag’ mich nur.«

»Ich möchte wissen, ob wir sehr gut zusammen passen. Sieh mal, du bist schon neun und ich erst sieben, das paßt doch schon nicht. Aber sag’ mal, bist du auch altklug, Bertold?«

»Das weiß ich nicht, -- bist du es denn?«

»Freilich, -- sie sagen’s alle in Schwarzhausen. Es tut nicht weh, aber es ist nichts Schönes.«

»Nun dann sei es doch nicht.«

»Phh! Als ob das so ginge. Das ist so was Festgewachsenes, wie Haare und Augen.«

»Das glaube ich nicht.«

»Dann laß es bleiben.«

Eine Pause entstand.

»Schade wär’s, wenn wir gar nicht paßten,« meinte die Kleine endlich nachdenklich. -- »Und dann habe ich auch absolutes Tonbewußtsein!«

»Was ist denn _das_?« rief Bertold in ungemessenem Erstaunen.

»Junge, du weißt aber auch rein nichts. -- Das ist so: Wenn ich a singe, denn ist es auch a.«

»So? Und wenn du nun b, c, d, e, f, g, h, i, k, l, m, n, o, p singst?«

Da lachten sie beide und es klang wie zwei Glocken, eine hohe und eine tiefe, und der alte Rektor, der in einiger Entfernung an der Geißblattlaube vorbeiging, meinte, sie läuteten gewiß eine schöne, frohe Lehrstunde ein.

»Sag’ mal, Liselotte,« fragte jetzt Bertold, »warum meintet ihr denn alle, ich hätte einen Buckel?«

»Ach so! -- Na ja, du hattest so ’ne Erhöhung auf dem Rücken, sagte die Frau Postverwalter, wie du aus der Postkutsche stiegst.«

»I, seid ihr komische Menschen! Das war meine Geige!«