Die drei Ostindienfahrer

Part 11

Chapter 113,728 wordsPublic domain

Was ich so oft gehört habe, finde ich nun vollkommen bestätigt: das Clima von St. Helena ist wirklich sehr angenehm. Dies kommt besonders von dem Paßatwinde her, der unaufhörlich über die Insel weht, und die Luft beständig rein und kühl erhält. Erdbeben und Orkane, in den tropischen Gegenden sonst so häufig, sind hier unbekannt. Es regnet selten, oft, wie man behauptet, in zehn, zwölf Monaten und darüber nicht. Als Ursache hiervon giebt man die Stätigkeit des Paßatwindes, so wie die abgeschnittene Lage, den geringen Umfang, und die verhältnißmäßige Kahlheit der Insel an. Indessen scheint gewiß, daß die hiesige Atmosphäre seit ungefähr 50 Jahren etwas feuchter geworden ist, daß seit dem vermehrten Anbaue ungleich mehr Regen fällt, und daß man eine anhaltende Dürre immer weniger zu fürchten hat.

Wichtig scheint die Bemerkung, daß die Luft auf St. Helena überall, in den Thälern wie auf den Bergen, an den Küsten wie im Innern der Insel, gleich vortreflich ist. Der Wärmegrad hingegen wechselt natürlich nach den Höhepunkten ab. Auf den höchsten Punkten fällt der Wärmemesser bis unter 54° Fahr. herab, während er im St. Jamesthale bis 84° steigt. Beides wird aber freilich nur selten bemerkt. Der sogenannte Wintermonat, der halbe Juni und Juli, pflegt hier am kühlsten zu seyn. Der Himmel ist dann häufig bedeckt, es fallen ziemliche Regenschauer, und nicht selten ist die ganze Insel in einen leichten Nebel verhüllt.

Wie gesund die Luft von St. Helena sey, beweißt unter andern auch das Ansehen der Einwohner, besonders derer, die hier geboren sind. Da ist keine Spur von jener Totenfarbe, jener Abmagerung und Schwäche, wie man sie in andern Theilen von Asien und Afrika bemerkt. Ohne etwas von schweren Krankheiten oder peinigenden chronischen Uebeln zu wissen, erreichen die meisten Einwohner ein sehr hohes Alter, und zeigen noch oft im 70, ja 80sten Jahre, ungemeine Kraft und Munterkeit. Eben so erholen sich die siechsten Personen, an deren Leben man in Ostindien verzweifelte, auf St. Helena größtentheils mit unglaublicher Schnelligkeit.

Von der gefährlichen Nachtluft, die in den tropischen Ländern oft so tödtlich ist, weiß man hier ebenfalls nichts. Im Gegentheil, man kann sogar am Strande schlafen, ohne daß man das Mindeste davon zu fürchten hat. Dies geschieht denn auch von den Matrosen sehr häufig, indem die Schiffe gerade der Stadt gegenüber vor Anker gehen. So vereinigt sich denn Alles, um St. Helena zu einem macenarischen Posten zu machen, der für den englisch-ostindischen Handel sehr wichtig ist. Hier finden nämlich die nach Europa segelnden Schiffe gleichsam auf halbem Wege, den besten Erfrischungsort. Ich sage, die nach Europa segelnden, weil nur diese über St. Helena gehen. Die aus Europa kommenden legen nämlich am Kap an. Dieser Unterschied wird durch die Abweichung des Paßatwindes bestimmt.

Der Umfang der Insel wird auf höchstens 12 Stunden geschäzt. Die größte Länge soll von 6, die größte Breite von 4 Stunden seyn. Die Bevölkerung giebt man auf 2300 Seelen an, worunter 5-600 Mann Garnison, und 7-800 Neger mit begriffen sind. Für die Sicherheit der Insel ist nach Möglichkeit gesorgt. Nicht genug, daß jede Landung durch die hohen Felsen und die heftige Brandung sehr erschwert wird; es sind auch auf den vornehmsten Punkten Batterien und Bollwerke angelegt.

Zugleich sind auf den benachbarten Felsengipfeln immer große Steinvorräthe in Bereitschaft. Auf dem höchsten Punkte der Insel, auf dem Dianenpik, ist ein Wachthaus, von dem man alle Schiffe in der Entfernung von vielen Stunden signalisirt. Eben so sind rund um die Insel Telegraphen errichtet, die sämmtlich mit St. Jamestown in Verbindung stehn. Die Disciplin der Garnison ist sehr gut, und alle Morgen sorgfältiger Namensaufruf. Sobald man nun einen Mann vermißt, wird sogleich Embargo auf die Schiffe gelegt. Dies macht das Desertiren beinahe unmöglich, indem nicht leicht ein Schiffer die Hand dazu bieten wird.

Der jetzige Gouverneur ist ein sehr thätiger und einsichtsvoller Mann. Er hat sich bereits in vielen Hinsichten um St. Helena sehr verdient gemacht. Unter andern hat er eine Einrichtung getroffen, die äußerst nüzlich geworden ist. Alle Vergehungen werden nämlich mit einer verhältnißmäßigen Strafarbeit gebüßt. So wurden mehrere öffentliche Gebäude aufgeführt, die Inselwege verbessert, wüste Strecken angebaut u. dgl. mehr. Der schöne Compagniegarten z. B. entstand allein auf diese Art. Vorher war es ein wüster Platz, wo aller Unrath von St. Jamestown zusammenfloß. Jezt ist es die herrlichste Pflanzung, die man sehen kann.

Die Feldarbeiten werden hier durch Neger verrichtet, die zum Theil freie Leute sind. Der Sclavenhandel ist schon seit 25 Jahren und darüber abgeschafft. Dies hat auf den Anbau der Insel den glücklichsten Einfluß gehabt. Indessen halten sich auch die freien Neger freiwillig zu den einzelnen Gutsbesitzern, was für beide Theile gleich vortheilhaft ist. Eben so sieht man deren als Bediente, Jäger, Aufwärter, theils auf dem Lande, theils in St. Jamestown. Man rechnet in allem 7-800 zusammen, worunter die Weiber die Mehrzahl sind.

Von diesen leben sehr viele in der Stadt. Sie werden besonders als geschickte Näherinnen, Köchinnen und Wäscherinnen gelobt. Die jüngere und schönere treiben ein bekanntes Nebenhandwerk, das während der Anwesenheit der ostindischen Flotten sehr einträglich ist. Die meisten Negerinnen berechnen ihr Alter theils nach dem Monde, theils nach den Proviantschiffen aus England. -- »Ich bin 300 Proviantschiffe alt!« -- gab mir eine sehr betagte Frau zur Antwort. Dies macht, 4 Proviantschiffe auf das Jahr gerechnet, nicht weniger als 75 Jahre.

Zwei Tage nachher.

Werden Sie glauben, theuerster Freund, daß von der Fortsetzung meiner Reise nach der Kapstadt die Rede gewesen ist? Hören Sie nur! Vor ungefähr 5 Tagen lief hier ein kleines Kapsches Schiff mit Wein und Butter ein. Der Capitain hörte von uns, und bot uns gegen gute Bezahlung sofort die Ueberfahrt an. Meine sämmtlichen Gefährten entschlossen sich fast augenblicklich dazu, ich aber nahm mir vor, etwas bedächtlicher zu Werke zu gehn.

Den andern Tag ward ich zu dem Capitain unseres Kriegsschiffes eingeladen; was schon mehrmals der Fall gewesen war. Er erklärte mir, er würde in 5, 6 Tagen unter Segel gehn. Ob ich ihn begleiten, meine Reise nach dem Kap fortsetzen, oder auf St. Helena bleiben wolle, sey mir freigestellt. Ich bat um eine Stunde Bedenkzeit, und entschloß mich zur Reise nach -- England.

Sie werden erstaunen, verehrter Freund, aber hören Sie meine Gründe an. Zuerst ist das Kapsche Schiff ein kleines, altes und sehr schlechtes Fahrzeug, wie sie es in der Regel fast alle sind. Zweitens sind wir im Regenmonßon, wo es in diesen Gewässern, und gerade in der Nähe des Kaps, sehr heftige Stürme giebt. Drittens ist die Reise von St. Helena nach dem Kap ohnehin schon beschwerlich, da man, um den Paßatwind zu bekommen, einen bedeutenden Umweg machen, und wenigstens einen Monat darauf rechnen muß. Viertens endlich glaubte ich, allen Umständen zufolge, durchaus an mein erstes Schiff und dessen Schicksal gebunden zu seyn. Der Capitain selbst gab mir vollkommen Recht. Ich werde nun noch eine Rundreise um die Insel machen, wozu die Erlaubniß bereits ausgewirkt ist, und dann mit vollen Segeln nach Europa zurück!

~Neunter Brief.~

~Bai~ von ~St~. ~Helena~, August 1805.

Jezt erst kann ich sagen, daß mir St. Helena in jeder Hinsicht bekannt geworden ist. Vorgestern in aller Frühe brach ich von St. Jamestown auf. Mein Führer war ein alter ehrlicher Bootsmann, aber in Wahrheit noch rüstig genug. Wir stiegen zuerst einen hohen, kahlen Felsen, den sogenannten Ladderhill, hinan. Von der Bai aus gesehn, faßt er die rechte Seite des Thales ein. Der ziemlich steile Weg ist in den Basalt gehauen, und überall mit einer gemauerten Brustwehr versehn. Gewöhnlich wird bis auf den Gipfel nur eine halbe Stunde abrechnet; wir brauchten aber an drei Viertelstunden dazu.

Auf dem höchsten Punkte befindet sich eine Batterie, die einen beträchtlichen Theil der Bai bestreicht, nebst einem Flaggenbaum. Daneben sind mehrere Baraken für die Artilleristen, die diesen Posten, wegen der reinen kühlen Luft, allen andern vorziehn. Sie haben ihre Weiber und Kinder bei sich, und bauen ihre kleinen Gemüsegärten sehr sorgfältig an. Die Aufsicht vom Ladderhill ist aber nichts weniger als schön. Auf der einen Seite hat man nichts als nakte Felsen; auf der andern das einsame Meer. Die Stadt selbst nimmt sich in der furchtbaren Tiefe wie ein Haufen Kartenhäuser aus.

Wir erquickten uns mit einem Glase Rum und stiegen dann einen zweiten, gleichfalls ganz kahlen Felsen hinan. Aber wie angenehm werden wir dafür auf dem Gipfel überrascht! Ein liebliches Thal mit grünenden Bergen eingefaßt, lag im glänzenden Morgenlichte vor uns da. Die Pisangs, die Cocospalmen, die Orangen und Bananas; weidende Heerden auf üppigen Wiesen; zierliche Landhäuser zwischen Fruchtbäumen versteckt; alles blühend und grünend, alles in Schönheit und Herrlichkeit; ein irdisches Paradies vom liebenden Himmel geküßt.

Wir wanderten nun am Rande dieses entzückenden Thales immer am Abhange des Berges hin. Der Weg war mit Lorbeer- und Myrthensträuchen, mit Citronen-, Orangen- und Feigenbäumen eingefaßt. Sie bildeten einen so dichten Schattengang, daß uns die Sonne nicht im mindesten beschwerlich fiel. Ich kaufte von einem alten Neger einige Orangen zu einem halben Stüber[23] das Stück, und fand dieselben von vortrefflichem Geschmacke. Gegen Mittag kamen wir an ein schönes Landhaus, das dem Gouverneur gehört. Wir fanden blos einige Neger und Negerinnen daselbst, und konnten es also nach Belieben besehen. Es ist ein treffliches Gebäude, vorn mit einer großen schattigen Kastanienallee, hinten mit einem herrlichen Garten versehen. Am Ende des Gartens befindet sich ein Hügel, auf den man Bäume, Gebüsche und Blumen aus China und aus England vom Kap und von den Südseeinseln beisammen sieht.

Das Innere dieses Landhauses ist sehr geschmackvoll verziert; überall sind die schönsten englischen Möbeln, auch eine Menge ostindischer und chinesischer Kostbarkeiten aufgestellt. Unter andern bemerkte ich ein schönes Fortepiano von Mahagony. Es war, wie ich hörte, auf der Insel selbst gebaut, und zwar von einem Deutschen, der mit den holländischen Truppen aus Surinam hierher gekommen ist. Er besizt bereits ein schönes Haus zu St. Jamestown, und schickt jährlich eine Menge musikalischer Instrumente, besonders aber Pianofortes, theils nach dem Kap, theils nach Batavia. Die wohlfeilsten werden ihm mit 60 Guineen, die theuersten mit 180 bis 200 bezahlt. Leztere sind mit den feinsten ostindischen Holzarten ausgelegt. Nachdem wir dies alles besehen hatten, nahmen wir eine ländliche Mahlzeit von Milch und Eiern zu uns, und sezten nach einem kleinen Mittagsschlafe unsere Wanderung weiter fort. Der ehrliche alte schwarze Castellan fand sich mit einem guten Stück Tabak über seine Erwartung bezahlt.

Wir wendeten uns nun südöstlich, und kamen bald zu einem anderen schönen Landhause, das einem Herrn Vrangham gehört. Die hier gezogenen Früchte und Gemüse sollen die besten auf der ganzen Insel seyn. Kein Wunder, daß daher blos der Obstgarten für 200 Pfund jährlich verpachtet ist. Ich bemerkte viel herrliches Wiesenland, sah aber nirgends Vieh darauf. Gleichwohl befindet sich ein starker Bach in der Nähe, der sich ins Meer ergießt. Das Wasser ist krystallhell, die Ufer sind mit den schönsten Blumen bedeckt.

Wir steuerten weiter nach ~Sandybay~, immer längs einer Reihe mit Lorbeern und Myrthen bedeckter Berge hin. Dies ist der breiteste und bequemste Weg auf der Insel, so daß man selbst zu Wagen fortkommen kann. Allmählig stiegen wir aufwärts, und bald sahen wir das große liebliche Sandybay Thal vor uns. Das Farbenspiel der untergehenden Sonne war entzückend schön; die ganze Landschaft schien in Rosenglut getaucht.

So kamen wir bei dem Landhause eines Herrn Doreton an, das sehr romantisch an dem Abhange liegt. Ich hatte einige Zeilen an den Verwalter, und war daher ein sehr willkommener Gast. Augenblicklich sezte er uns herrliche Milch, frisches Brod und köstliche Früchte vor, während seine Frau ein vollständiges Abendessen versprach. Ich erfrischte mich mit einem Paar Stücken Ananas, und betrachtete die Landschaft, über der jezt der Mond aufgieng.

Nach ungefähr einer kleinen Stunde rief mich der alte ehrliche Neger zum Abendessen hinein. Ich trat in einen freundlichen Gartensaal, der mit den schönsten Kupferstichen verziert war. In der Mitte war ein ziemlicher Tisch gedeckt, und mit allerhand guten Sachen besezt. Wir hatten ein treffliches Stück Rostbeef, eine Schüssel mit Lamscerbonade, zwei andere mit Yams und Erdäpfeln, zwei Teller mit europäischen Pfeffergurken und Eingemachtem, ein Körbchen voll herrlicher Früchte, und eine große Flasche Maderasekt. Hungrig, wie wir nach einer solchen Tagereise waren, langten wir nunmehr herzhaft zu. Es war ein wunderschöner Abend; ich blieb bis nach zehn Uhr auf.

Endlich wieß mir der Verwalter ein Schlafzimmer an. Es war äußerst kühl und reinlich, dennoch that ich die ganze Nacht kein Auge zu. Hieran war eine Legion von Mäusen Schuld, die ihr Unwesen ins unglaubliche trieb. Sie liefen über mich hin und her, gänzlich ungenirt. Endlich kleidete ich mich an, und begab mich auf die Terrasse, wo ich von zwei bis sechs Uhr vollkommene Ruhe fand. Als es Morgen geworden war, brachten die guten Leute ein treffliches Frühstück, auf dem feinsten japanischen Porcellan. Ich beschenkte den Mann mit einem tüchtigen Stücke Tabak, und die Frau mit einigen Briefen Nadeln, nebst einem Röllchen Seidenband, was ihre Erwartung übertraf. So war es fast sieben Uhr geworden; endlich brachen wir auf.

Wir nahmen nun unsern Curs nach ~Longwood~, ein der Compagnie gehöriges Gut, das auf der östlichen Seite der Insel liegt. Der fast zweistündige Weg dahin ist äußerst angenehm, und führt am Fuße des Dianenpik hin. Dies ist der höchste Gipfel von St. Helena, der sich fast 2700 Fuß über die Meeresfläche erhebt. Weiterhin sahen wir die artigen Landhäuser der Herren Pierin und Bazelt mit weitläuftigen Pflanzungen umringt. Hier wird das meiste und vorzüglichste Gemüse auf der ganzen Insel gebaut, was den Besitzern große Summen einträgt. Der Kohl wird für den besten auf der ganzen Welt gehalten, giebt aber keinen Marktartikel ab. Ich sah auch hier eine schöne Rinderheerde, so groß und fett, wie bei uns in Holland.

Zu meinem Erstaunen ward ich auf diesem ganzen Wege eine Menge Kaninchen gewahr. Sie haben Lager wie die Hasen, und schweifen unaufhörlich umher. Man fängt sie daher fast auf die nämliche Art. Zu gleicher Zeit bekamen wir auch sehr viel Tauben, Fasanen und Rebhühner zu Gesicht. ~Longwood~[24] selbst, ist eine sehr schöne Besitzung. Sie liegt auf der Fläche eines Berges, der nicht weniger als drei englische Meilen[25] im Umfange hat. Das Haus ist mit einem weitläufigen Parke, einem vortrefflich unterhaltenen Garten, und herrlichen Wiesengründen umringt. Von der Gallerie und aus den meisten Zimmern hat man eine entzückende Aussicht auf die benachbarten pittoresken Thäler, auf die Bay von St. James und den Ocean. In der Regel wird Longwood von dem Vicegouverneur bewohnt.

Von hier aus führen nun wieder zwei Wege nach St. Jamestown; der eine mitten durch die Insel; der andere längs der Küste hin. Jener ist äußerst pittoresk, wegen des beständigen Auf- und Absteigens aber sehr unbequem. Dieser ist weniger romantisch, ja zuweilen sogar unangenehm; doch bietet er nur selten beschwerliche Stellen dar. Ich beschloß den lezteren zu wählen, um auch die minder angebauten Gegenden des Eylandes zu sehen. In der That fanden wir auch nichts als kleine einsame Negerhütten mit Frucht- und Gemüsegärten umringt. So wanderten wir unter Lorbeer- und Cypressenbäumen bis Mittag fort, wo unter einem Pisang Halt gemacht ward. Mein Führer hatte sich nämlich auf Herrn Doretons Gute mit Wein, Brod und Schinken versehen, und wir hielten auf diese Art eine sehr gute Mahlzeit. Auf den benachbarten waldigen Bergen schwärmten Rehböcke herum, und aus der Ferne donnerte ein herrlicher Wasserfall.

Nach einigen Stunden Ruhe machten wir uns wieder auf den Weg, und bekamen nachher den Wasserfall selbst zu Gesicht. Er stürzt sich an dreihundert Fuß hoch von einem pittoresken Felsen herab, und bildet einen crystallhellen ziemlich starken Bach. Das Wasser wird theils in Röhren nach St. Jamestown geleitet, theils fließt es dem Meere zu, wo es von den Schiffen benuzt wird. Bald näherten wir uns nun wieder der St. James-Bay. Auch hier, wie durchaus längs der Küste, war der Weg mit guten Brustmauern versehen. Endlich ließen wir einen hohen Berg mit einem Fort seitwärts liegen, und stiegen gerade Ladderhill gegenüber wieder nach St. Jamestown herab. So hatte ich denn die ganze Rundreise um die Insel von Westen nach Osten in zwei Tagen gemacht. Morgen und übermorgen besorge ich noch meine Einkäufe, und dann für wenigstens zwei Monate wieder an Bord.

~Zehnter Brief.~

~In See~, August 1805.

Gestern verließen wir St. Helena. Ich schlief noch ganz ruhig in meiner Koje[26], als ich durch die Signalschüsse geweckt ward. Schnell zog ich mich an, und eilte auf das Verdeck. Eben stieg die Sonne aus dem Meere auf, und alle Schiffe glänzten im Morgenroth. Wir hatten deren noch sechs in unserer Begleitung, lauter große Ostindien- und Chinafahrer mit Ladungen von unermeßlichem Werth. Der Südostpassat war uns äußerst günstig, bald lag die Insel gleich einem schwarzen Streifen hinter uns, und heute sind wir schon viele Meilen davon entfernt. Ich habe jezt die eine Hütte ganz für mich. So kann ich mich der zweiten Koje als Vorrathskammer bedienen, und bin in allem weit besser daran, als ehedem. Die Kost ist erträglich, das beste müssen aber auch diesmal die eigenen Provisionen thun.

12. August.

Vorgestern segelten wir die Insel St. Ascension vorbei, sie bietet dem Auge nichts als kahle Klippen dar. Das Segeln in Convoy hält unsere Fahrt nicht wenig auf. Immer bleibt ein und das andere Schiff zurück, auf das gewartet werden muß. Dann ist bald dies, bald jenes zu thun. Dann ruft bald dieser, bald jener das Kriegsschiff an. So lagen wir oft drei und mehrere Stunden bei, wobei es nicht an gegenseitigem Besuchen fehlt. Auf dem einen Ostindienfahrer giebt es fast alle Abende große Musik. Es sind besonders Blasinstrumente, was auf der See von ganz eigener Wirkung ist. Morgen passiren wir die Linie, doch finden keine Feierlichkeiten statt.

30. August.

Seit 10 Tagen haben wir den Südostpassat verloren, und rücken nur langsam fort. Der Himmel ist bedeckt, der Barometer gefallen, der Wind veränderlich. Wir sahen unter der Linie einige Wallfische, sie glichen von weitem einem großen umgekehrten Schiffe, das mit den Masten nach unten liegt. Sehr schön nahmen sich die hohen von ihnen ausgeworfenen Wasserstrahlen aus. Sie bildeten, ehe sie wieder niedersanken, einen majestätischen Bogen im herrlichsten Farbenspiel.

Vorige Nacht hätten wir beinahe ein großes Unglück gehabt. Der eine Ostindienfahrer war nämlich vom Curse abgekommen, und schoß in der Nacht kaum anderthalb Fuß vor unserm Vorderstewon[27] vorbei. Wir haben Wassermangel, so eben höre ich aber, daß man uns vom Kriegsschiffe drei große Fässer zugeschickt hat. Nun so will ich mir denn seit 8 Tagen den ersten Thee wieder machen, der mir wie Nektar schmecken soll.

9. September.

Der Capitain hat die Luken öffnen lassen, um nach der Ladung zu sehen. Es ist viel Seewasser eingedrungen, der Schaden scheint größer als man geglaubt hat. Dies ist aber sehr natürlich, da alles unter einander geworfen worden war. So liegen die Kisten mit den feinen Tüchern oben auf. Auch die meinigen sind bis auf den Grund durchnäßt. Die Bücher z. B. bilden nichts als eine verschimmelte Masse, so daß ich sie nur ins Meer werfen kann. Die Matrosen sind jezt beschäftigt, das Schiff anzumalen, und bringen überall, wo sichs nur schicken will, eine Stückpforte an. Wir sollen von weitem recht furchtbar aussehn, damit sich kein französischer Kaper an uns macht. Unsere Fahrt war bei dem veränderlichen Winde langweilig genug. Allein gegen Ende der vorigen Woche bekamen wir den Westpassat, und nun geht es fröhlich den europäischen Gewässern zu.

27. September.

Gestern war ein angstvoller Tag für uns. Ohngefähr auf der Höhe von Kap finisterre rief uns am 24. ein englischer Kutter an. Er gab uns Nachricht, daß der ganze Golf von Biscaya, und besonders die Einfahrt des Kanals mit französischen Kriegsschiffen bedeckt sey. Sie hätten den größten Theil eines nach Westindien bestimmten Convoys genommen, und sich sogar an der englischen Küste gezeigt. Der Capitain unseres Kriegsschiffes hielt es daher fürs beste, seinen Kurs so nördlich als möglich zu nehmen, theilte indessen auf jeden Fall die nöthigen Befehle aus.

Gestern um 9 Uhr Morgens tauchten in großer Entfernung einige Kriegsschiffe auf. Man sah sie allgemein für englische an. Allein um 1 Uhr Nachmittags zeigte sich leider das Gegenteil. Es waren 3 französische Fregatten, von denen die eine mit vollen Segeln auf unser Kriegsschiff zukam. Indessen dauerte es doch noch fast eine Stunde, ehe das eigentliche Gefecht seinen Anfang nahm. Es scheint, daß man auf beiden Schiffen noch mit den Zurüstungen beschäftigt war. Endlich schickte die Fregatte dem Kriegsschiffe einige Kugeln und bald darauf eine ganze Ladung zu, und nun begann der Kampf mit Heftigkeit.

Unser Kriegsschiff leistete den tapfersten Widerstand, selbst als schon in der ersten halben Stunde die zweite, und endlich auch die dritte Fregatte dazu gekommen war. So dauerte das Gefecht, mit einer kleinen Pause bis gegen Abend fort. Jezt aber mußte das Kriegsschiff streichen, worauf es von den Franzosen in Besitz genommen ward. Wir sahen jezt die eine Fregatte auf die Convoy loskommen, benuzten aber den Vortheil des Windes und der Dämmerung, und entgiengen ihr. Doch zweifle ich, ob dies allen Schiffen geglückt seyn mag.

Unsere Offiziere und Matrosen waren über den Sieg der French Dogs[28] vor Wuth ganz außer sich. Sie schwuren, die Prise bis auf das Aeußerste zu verteidigen, und sollte es ihr lezter Augenblick seyn. Die Lichter wurden bedeckt, die Kanonen und Gewehre in Stand gesezt. Jeder hielt sich auf seinem Posten, und spähte in die düstere See hinaus. Indessen bekamen wir nur einige Schiffe und diese sämmtlich nur an der französischen Küste zu Gesicht. Wir erkannten sie in ziemlicher Entfernung an den drei großen Laternen des Hintertheils.

Heute Morgens um 8 Uhr aber erblickten wir ein Schiff, das mit vollem Winde auf uns zugesegelt kam. -- »Jezt gilt es Leben oder Tod!« -- rief der englische Lieutenant und munterte das Schiffsvolk durch eine kräftige Anrede zum Gefechte auf. Wir Passagiere, der vorige Capitain, der Schiffsarzt und ich, mußten uns in den Raum begeben, und brachten hier eine Stunde in Todesangst zu. Doch endlich hörten wir ein lautes Freudengeschrei, wurden hinaufgerufen, und sahen, daß jenes Schiff ein englischer Kutter von 34 Kanonen war. Er kam uns nun in kurzem zur Seite, und theilte uns allerhand Neuigkeiten mit.

5. October 1805. Morgens.

Wir haben die Küsten von Cornwallis in Gesicht, der Wind ist südost, und also in hohem Grade günstig für uns. Die schönen grünenden Berge mit ihren alten Kastelen glänzen im Sonnenschein, und eine Menge freundlicher Häuser ragen zwischen Baumgruppen hervor. -- Ein Amerikaner hat uns mit herrlichem Pökelfleische und Kartoffeln ein erwünschtes Geschenk gemacht. Auch wird so eben ein Netz mit Sardellen aufgefischt. Alles auf dem Schiffe ist Leben und Fröhlichkeit. Wir sehen eine abgehende westindische Kauffartheiflotte von mehr als hundert Segeln, die von zwei Kriegsschiffen escortirt wird. Es ist ein unaussprechlich erhabener Anblick. Noch diesen Abend segeln wir um Cap Lezard herum.

~Plymouth~, 7 October 1805.