Part 12
Als ich gestern Morgens erwachte, befanden wir uns in der Cawsandbay. Welcher Mastenwald! Welches Leben und welche Thätigkeit! Ich sage nicht zu viel, es lagen hier an 500 Schiffe zusammen, und dazwischen fuhren unzählige Schaluppen hin und her. Nicht weniger angenehm war der Landprospect. Ein Halbzirkel von herrlichen angebauten Bergen, in den Abhängen mit freundlichen Landhäusern, an dem Fuße mit schönen Dörfern bedeckt. Hier weidende Heerden, dort wohlgekleidete Feldarbeiter, und im Hintergrunde auf der höchsten Spitze ein Telegraphenthurm. Bald kamen nun eine Menge Boote mit Lebensmitteln an unser Schiff. Ich kaufte mir Wasser, Milch, Brod, Butter und Obst, und hielt ein köstliches Frühstück damit. Wenn man so nach drei Monaten zum erstenmal wieder einen frischen Trunk reines Quellwasser kostet -- es ist ein Genuß, der sich nicht mit Worten beschreiben läßt.
Unterdessen ward es von Stunde zu Stunde immer lebhafter in der Bay. Ich zählte an 300 Boote, blos mit Frauenzimmer angefüllt. Alle diese Damen hatten die Nacht auf der Flotte zugebracht, und kehrten jezt ans Land zurück. Sie waren in Mäntel und Pelze gehüllt, und schienen äußerst lustig zu seyn. Aber werden Sie wohl glauben, daß die ganze Gesellschaft, wohl an 2000 zusammen, aus feilen Mädchen bestand? Dies gehört zur englischen Marinepolizei. So wie eine Flotte in einem der fünf Haupthäfen eingelaufen ist, werden die Matrosen abgeholt. Den meisten brennt das Geld in der Tasche; es muß so bald als möglich wieder fort. Nun dürfen sie aber nur bei Tage ans Land, also helfen sie sich auf die obige Art. Es ist sogar ein Gesetz vorhanden, daß es ihnen kein Admiral u. s. w. verwehren darf. So kommt das Geld durch diese Mädchen sofort wieder in Umlauf, und die nächtliche Ruhe der Einwohner bleibt ungestört.
Unser Prisenmeister hatte sich inzwischen an Bord des Admiralschiffes begeben, und ließ uns einen ganzen langen Tag in peinlicher Ungewißheit. Endlich kam er Abends spät zurück, und kündigte uns die weitere Fahrt nach Portsmouth an. Das Kriegsschiff war aus diesem Hafen ausgelaufen; also gehörte auch die Prise dahin. Heute früh lavirten wir demnach wieder aus der Bay heraus, so ungünstig sich auch Wind und Wetter anließ.
Vier Stunden waren wir bereits unter Segel gewesen, und hatten doch kaum zwei Seemeilen zurückgelegt; als die Heftigkeit des Windes zum Sturme anwuchs. Der Regen floß in Strömen herab, und die Wellen schlugen unaufhörlich über das Verdeck. Mehrere die Bay einsegelnden Schiffe riefen uns zu, daß See zu halten unmöglich sey, allein unser Lieutenant kehrte sich nicht daran. Bald verloren wir das Boogspriet, und gleich darauf die Stange vom Besaanmast. Jezt erst schien der Lieutenant die Gefahr einzusehen, befahl das Schiff zu wenden, und rief durch Nothschüsse einen Lootsen an Bord. So liefen wir vor einigen Stunden in Plymouth ein, ich erhielt Erlaubniß, mich ans Land zu begeben, und lasse nun diesen Brief sofort über London an Sie abgehen.
~Eilfter Brief.~
~Plymouth~, 14. October 1805.
Der preußische Consul hat mich anerkannt, und ich bin nun vollkommen frei. Es ist ein geborner Engländer, aber ein sehr wohlwollender Mann, der mir bereits eine Menge Gefälligkeiten erzeigt hat. Ich habe auch bereits eine Privatwohnung bezogen, mit der ich vollkommen zufrieden bin. Für Tisch und alles zusammen, zahle ich nicht mehr, als eine Guinee die Woche, was wirklich sehr billig ist. Meine zwei Coffers habe ich nun auch vom Bord erhalten, und mit großer Freude gefunden, daß wenig oder gar nichts davon verdorben ist. Die Bücherlisten aber mögen in Gottes Namen im Raume liegen bleiben, die verschimmelte Waare ist keine zehn Gulden mehr werth. Doch genug von mir selbst; ich theile Ihnen jezt einige Bemerkungen über Plymouth mit.
~Plymouth~ mit 43,000 Einwohnern liegt am Abhange eines Hügels, der sich zwischen den Mündungen der Tamor und des Plym in die See hinaus erstreckt. Die Mündung der Tamor ist unter dem Namen Hamoare, die des Plym, die zugleich der Stadt den Namen giebt, unter der Benennung Catwater bekannt; die vor der Stadt selbst befindliche Bay heißt Plymouth-Sound. Die Mündung der Tamor ist am weitesten von der See entfernt. In der Regel werden daher alle abgetakelten Kriegsschiffe, und besonders die erklärten Prisen dahin gebracht; auch befinden sich die Gefängnißschiffe daselbst. Catwater, oder die Mündung des Plym ist besonders für Kauffahrer, und noch unter Prozeß liegende Prisen bestimmt; beide Ankerplätze sind wegen ihrer Sicherheit berühmt. Plymouth-Sound hingegen, so wie die benachbarte Cadsandbay pflegen bei stürmischen Wetter gefährlich zu seyn. Was man endlich Sutton Poot nennt, ist eine Art natürlichen Hafens im Catwater, an der einen Seite der Stadt. Er ist mit einem Kay eingefaßt, und bietet zum Ein- und Ausladen der Schiffe große Bequemlichkeiten dar.
Plymouth liegt also, wie gesagt, am Abhange eines Hügels, so daß sich die Straßen von oben nach unten ziehen, und die Häuser fast amphitheatralisch über einander gebaut sind. Die Straßen sind mit wenig Ausnahmen eng und düster, und wie man denken kann, ziemlich steil; eben so sind die Häuser fast durchgängig in altväterischem Stile gebaut, und haben bei den vielen zugemauerten oder mit Brettern vernagelten Fenstern ein doppelt häßliches Ansehen. Es ist dies eine Folge der übermäßigen Fenstertaxe, indem für jedes nicht geblendete Fenster, eine Abgabe von 15 Schillingen[29] bezahlt werden muß.
In dem niedrigsten Theile von Plymouth sind die Häuser am häßlichsten, und selten oder nie mit Gärten versehen. In dem mittleren Theile sind sie schon etwas besser, und haben fast alle jene Annehmlichkeit. Auf dem höchsten Theile des Hügels endlich, sind sie fast durchgehends neu und geschmackvoll, auch mit herrlichen Gärten umringt. Sie haben zu gleicher Zeit eine vortreffliche Aussicht auf die ganze Stadt, die umliegende Gegend, und die ganze Bay. So schlecht sich indessen auch der größte Theil der hiesigen Häuser von außen ausnimmt, im Innern sind sie dennoch sehr bequem eingerichtet, und häufig eben so prächtig, als geschmackvoll verziert.
Plymouth wird durch eine Citadelle gedeckt, die eine Viertelstunde im Umfange hat, und deren 5 Bastionen mit 165 Kanonen vom schwersten Kaliber besezt sind. Dazu kommt noch eine starke Wasserbatterie, die mit 18 24pfündern besezt ist. Im Innern der Citadelle befinden sich unter andern auch die Magazine für die Vorräthe der königlichen Flotte besonders an Mehl, Zwieback und Brod. Zu gleicher Zeit sind zwei große Backhäuser vorhanden, wovon jedes vier Oefen hat. Diese Oefen werden alle 24 Stunden nicht weniger als achtmal geheizt, so daß für 16,000 Mann darin gebacken werden kann.
Der Citadelle gegenüber, befindet sich auf einer kleinen Insel, St. Nicolas genannt, ein anderes Fort, das ebenfalls von großer Wichtigkeit ist, indem es die Mündungen des Plym, und der Tamor deckt. Hierzu trägt besonders die Lage desselben gerade vor der Stadt, und in der Mitte von Plymouth-Sound bei. Auch die Insel selbst wird nicht nur durch ihre felsige Küste, sondern überdem durch mehrere Batterien vertheidigt, wovon jede mit einem Roste zu glühenden Kugeln versehen ist.
Die hiesigen Lebensmittel sind vortrefflich, besonders was Fleisch, Gemüse und Fische anlangt, ohne eben sehr theuer zu seyn. So wird z. B. das Pfund Rindfleisch mit 5 bis 6 Stüvern[30], die Maas Kartoffeln mit einem Stüver; ein großer Schellfisch mit anderthalb bis zwei Stüvern bezahlt. Das Pfund Waizenbrod kostet einen Stüver, das Pfund Wachslichter zehn Stüver, das Pfund Thee von vorzüglicher Güte, noch nicht volle drei Gulden u. dgl. mehr. Ueberhaupt kann man annehmen, daß die ersten Bedürfnisse ziemlich wohlfeil, Luxusartikel aber, wie Wein, Liköre u. s. w. sehr theuer sind. Das leztere scheint auch vor allem zu gelten, was zur männlichen Kleidung gehört, während die gewöhnliche Frauenzimmerkleidung hingegen, sehr wohlfeil ist.
Gesellschaftliche Hülfsquellen trifft man zu Plymouth in Menge an. Zuerst sind mehrere gute Leihbibliotheken vorhanden, worunter ich besonders die von einem Herrn Bornickel, einem Deutschen auszeichnen muß; versteht sich, daß man nur nach englischen Büchern fragen darf. Ferner giebt es eine Menge guter Kaffehäuser und Tavernen, eben so ein recht artiges Schauspielhaus. Endlich fehlt es auch an Concerten, Assembleen und Bällen nicht. Wer Spaziergänge liebt, findet in der umliegenden Gegend hinlängliche Gelegenheit dazu.
Sehr schöne Aussichten hat man besonders von der Citadelle, die auf einem hohen, die ganze Bai beherrschenden Felsen liegt, und wohin der Zugang jedermann offen steht. Eben so auf einem andern hohen Berge, ungefähr eine halbe Stunde von der Stadt, von dessen Gipfel man weit in die See hinaussehen kann. Sehr angenehm sind auch die Parthien nach Catwater, oder der Mündung des Plym, wo man mehrere artige Wirthshäuser findet, eben so nach Plymouth-Dock, und dergl. mehr. Ich behalte mir die Beschreibung dieser Abstecher für die Zukunft vor.
Was meine eigene Lebensart anlangt, so wechsele ich mit Studieren und Beobachten, mit Arbeiten und Vergnügungen ab. So bringe ich z. B. den Vormittag bis ungefähr 11 Uhr zu Hause zu. Dann gehe ich auf eine Viertelstunde in ein Kaffehaus, das der Sammelplatz aller hier befindlichen holländischen Schiffer ist, und dann entweder auf das Rathhaus, um dem öffentlichen Gerichte beizuwohnen, oder in eine Leihbibliothek, oder ins Freie hinaus. Bei diesen öffentlichen Gerichten nehme ich gar sehr in der Sprache zu. Bemerkenswert ist auch, mit welchem Selbstgefühl und welcher Unerschrockenheit hier auch der ärmste Einwohner aus den untersten Classen seine Sache vorzutragen pflegt.
Um zwei Uhr ist bei uns Essenszeit, worauf ungefähr eine Stunde verwendet wird. Gegen 4 Uhr mache ich gewöhnlich allein, zuweilen auch in Gesellschaft einen großen Spaziergang. Um 6 Uhr komme ich zurück, trinke Thee, und bringe den Abend meistens mit Lesen, dann und wann aber auch im Theater zu. Hier ist jedoch immer ein solcher Lärmen, daß man wenig oder gar nichts vom Stücke verstehen kann. Die Zuschauer laufen nämlich beständig von einem Platze zum andern, wo es dann besonders in der Nähe gewisser Damen sehr laut zugeht. Diese benehmen sich indessen mit vieler Züchtigkeit, weil der Zutritt in das Theater nur den beiden ersten Klassen gestattet ist. Man erkennt sie jedoch sehr leicht an ihrer Kleidung, und besonders an ihrer wirklichen bezaubernden Artigkeit. Nichts reizenderes, als wenn ein solches Mädchen ihrem Geliebten eine Weintraube oder Orange aufdringt. Doch genug! denn eben ruft mich unsere gute Wirthin zum Abendessen ab.
~Zwölfter Brief.~
~Plymouth~, 27. October 1805.
Gestern war hier ein allgemeiner Freudentag. Es liefen nämlich 5 französische, bei Trafalgar genommene, Linienschiffe ein. Majestätisch wehte die englische Flagge vom Quarterdecke, während die französische tief ins Wasser hieng. Der Enthusiasmus des Volkes war unbeschreiblich. Dazu das Glockengeläute, der Donner der Kanonen, und das Freudengeschrei von allen Schiffen ringsumher! Aber bald ward nun auch Nelson's Tod bekannt. -- ~Nelson is killd! -- Nelson is killd!~[31] riefen sich Männer und Frauen, mit Thränen und Händeringen zu. Lebhaft fühlte ich was Volksgeist und Vaterlandsliebe ist.
Seit meinem lezten habe ich nun mehrere Abstecher in die umliegende Gegend gemacht. Zuerst nach Plymouth-Dock, oder gewöhnlich schlechtweg ~the Dock~, nur eine halbe Stunde von hier. Es ist dies eine neue, weit größere und volkreichere Stadt, als Plymouth selbst. Ihr Name zeigt ihren ersten Ursprung, nämlich ein Schiffswerft an. Der Weg dahin ist sehr belebt und angenehm. Zuerst kommt man durch Stonehouse, ein artiges Dörfchen, dessen niedliche Häuser sich fast eine Viertelstunde neben der Straße hinziehen. Dann übersteigt man Stonehouse-Hill, einen ziemlich beträchtlichen Hügel, von dem man eine ausgebreitete Aussicht auf die beiden Nachbarstädte hat. Am Fuße desselben kommt man durch das Dörfchen Stock, und bald tritt man in die schönen, geraden und breiten Straßen von the Dock ein.
In der That, ich ward hier äußerst angenehm überrascht. Alles ist so nett, so freundlich, so lebendig; daß Plymouth wie ein düsteres Gefängniß dagegen erscheint. Wer daher nicht an jenen Aufenthalt gebunden ist, oder von seinen Renten leben kann, zieht in der Regel gewiß diese Stadt vor. Von öffentlichen Gebäuden sind besonders das außerhalb den Thoren liegende Marinehospital, die neuen Kasernen, das schöne Wachthaus, und die prächtigen Schiffswerfte sehenswerth. Die Lebensmittel sind etwas theurer als in Plymouth, man zahlt z. B. ungefähr ein Viertheil mehr als dort. Uebrigens gehen zwischen beiden Städten unaufhörlich eine Menge Postkutschen hin und her, die man zu jeder Stunde des Tages miethen kann.
Eine angenehme Seefahrt machte ich vor einigen Tagen nach Edystone. Dies ist der Name einer Klippenreihe, die sich in der offenen See, gerade vor der Mitte der Bay hinzieht. Auf dem höchsten Punkte derselben, vorzugsweise Edystone genannt, ist ein Leuchtthurm erbaut, der auf den englischen Seekarten, unter dem Namen Edystone-Lighthouse verzeichnet ist, und von den Schiffern sehr sorgfältig beobachtet wird. Ich fuhr in Gesellschaft einiger Bekannten dahin. Wir wählten natürlich einen vorzüglich schönen Tag dazu, weil man diesen gefährlichen Klippen sonst nicht nähern kann. Auch vergaßen wir die nöthigen Vorräthe an Wein, Rum, Rostbeef, Chesterkäse, Brod und Porter nicht.
Das Wetter war vortrefflich, das Meer fast spiegelglatt, der Wind sanfter Ost-Süd-Ost; schon nach einer Stunde langten wir daher bei dem Leuchtthurme an. Einer der Wächter wartete bereits auf uns, befestigte unser Boot an einem eisernen Ringe, und half uns dann durch das stille niedrige Wasser, von Klippe zu Klippe, bis an den Thurm hinan. Hierauf holte er unsere Vorräthe aus dem Boote, und führte uns eine zwar dunkle, aber bequeme Treppe hinauf. Bald öffnete er eine Thür, und wir traten in ein geräumiges Zimmer, das zwar etwas düster, jedoch recht artig meublirt war.
Wir fanden hier seinen Kameraden, einen schon ziemlich bejahrten Mann, der uns mit ungemeiner Freude empfieng. Ein Tag, wo diese armen Leute Besuch erhalten, ist immer ein Festtag für sie. Nach einer kleinen Unterhaltung, die wir mit einem Geschenke von Tabak eröffneten, stiegen wir vollends zur Laterne hinauf, und besahen die Einrichtung zur Erleuchtung, die jezt mit Lampen geschieht. Hierauf folgte eine tüchtige Kollation, von der natürlich unser alter Wirth nicht ausgeschlossen blieb, während dem andern sein Theil zurückgelegt ward. Dies machte denn den guten Alten so gesprächig, daß er uns nicht nur eine kurze Geschichte des Leuchtthurms selbst, sondern auch seine eigenen Lebensumstände zum Besten gab.
Der Leuchtthurm, wie er jezt dasteht, ist eigentlich schon der dritte auf Edystone. Der erste ward in den Jahren 1696 bis 1698 gebaut, stand aber nur bis 1707, wo er bei einem heftigen Herbststurme in einer Nacht von den Wellen verschlungen ward. Der zweite ward 1708 angefangen, und im folgenden Jahre vollendet. Er hielt gegen alle Stürme bis 1755 aus. Hier brannte er ab, und die zwei Wächter fanden einen sehr schrecklichen Tod. Der jetzige Leuchtthurm endlich ward in den Jahren 1756-59 vollendet, und hat seitdem den wüthendsten Orkanen getrozt.
Was den alten ehrlichen Wächter selbst anlangt, so befand er sich schon seit 30 Jahren hier, und trieb zugleich das Schuhmacherhandwerk. Er hatte diese Stelle anfangs aus Bequemlichkeit gesucht, worauf ihm erst die Arbeit lieb geworden war. Troz seinem geringen Gehalte, der nur 25 Pfund betrug, war er dennoch vollkommen zufrieden, und wünschte sich nie von seinem lieben Thurme hinweg.
Mitunter war es ihm freilich manchmal sehr hart gegangen, besonders im Winter, wo die Verbindung oft Monate lang mit dem Lande abgeschnitten ist. So z. B. als einmal sein Mitwächter gestorben war. Sechs und dreißig Tage mußte er den Leichnam bei sich behalten, und obendrein den beschwerlichen Dienst allein versehen. An diese fünf schicklichen Wochen dachte er noch immer mit Entsetzen zurück. Seitdem sind regelmäßig drei Wächter angestellt. Der dritte war gerade auf einige Tage in Plymouth. So hörten wir dem guten Alten einige Stunden mit Vergnügen zu, bis endlich die Nachmittagsfluth eintrat. Jezt machten wir ihm ein kleines Geschenk an Gelde, und segelten mit dem günstigsten Winde nach Plymouth zurück.
Eine andere sehr angenehme Partie machten wir gestern nach Edgecumbe. Dies ist eine Art hohen Vorgebirges, das am jenseitigen Ufer der Tamor liegt, und von der Cadsand-Bay bespült wird. Wir ließen uns über die Tamor setzen, was durch zwei schmucke, rothbäckige Dirnen geschah, wandelten noch eine halbe Stunde zwischen herrlichen Wiesen hin, und langten endlich am Fuße des pittoresken Berges an. Edgecumbe gehört einer der ältesten Familie von England, und bildet im Grunde einen Park, der über eine Stunde im Umfange hat.
So wie wir allmählig aufstiegen, fanden wir nun die herrlichsten Anlagen aller Art. So sah ich z. B. eine Menge Lorbeer- und Myrthen-, Orangen- und Citronen-Pflanzungen, und glaubte mich plözlich wieder nach St. Helena versezt. Sie überwintern hier, wie ich höre, in freier Luft, woraus sich auf die Milde der Temperatur in diesem Theile von England schließen läßt. Auf dem höchsten Punkte, und in der Mitte des Ganzen, befindet sich das große schöne Wohnhaus, mit einer Aussicht, die einen Horizont von 7 bis 8 Stunden, und die herrlichsten Land- und Seeprospekte umfaßt. Das Innere dieser Villa ist eben so bequem als geschmackvoll eingerichtet, und mit Kunstwerken aller Art angefüllt. Der gegenwärtige Besitzer davon ist der einzige Sohn des Grafen von Edgecumbe, Lord Valleton. Er ist unaufhörlich auf neue Anlagen bedacht, so daß Edgecumbe in kurzem unter die ersten Merkwürdigkeiten von England gerechnet werden wird.
Um auf einem andern Wege nach the Dock zurückzugehen, beschlossen wir einen Berg zu übersteigen, an dessen Fuße das Dorf Cadsand, an der Bay gleiches Namens liegt. Auf dem Gipfel jenes Berges fanden wir eine Kirche, auf deren Thurme ein Telegraph befindlich war. Daneben stand ein kleines Haus, für die beiden Wächter bestimmt. Nachdem wir einen sehr beschwerlichen Abhang herunter gestiegen waren, aßen wir zu Cadsand zu Mittag, und kehrten auf einem sehr angenehmen Fußsteige erst nach the Dock, und dann nach Plymouth zurück.
~Dreizehnter Brief.~
~Portsmouth~, 7. November 1805.
Ich verließ Plymouth, um geradesweges nach London zu gehen. Zuerst nahm ich meinen Weg nach Exeter, das eine gute Tagereise von Plymouth entfernt ist. Ich that dies in der gewöhnlichen Morning-Coach, deswegen so genannt, weil sie immer des Abends liegen bleibt, während die Evening-Coach Tag und Nacht durchfährt. Es war 5 Uhr Morgens; meine Gesellschaft bestand aus zwei Herren und einer Dame; indessen währte es geraume Zeit, ehe es zwischen uns zum Gespräche kam.
Der erste Ort, wo wir anhielten, war Irybridge, ein vortreffliches Wirthshaus, das nur wenig Schritte von dem Dorfe gleiches Namens, höchst romantisch zwischen baumreichen Hügeln liegt. Wir fanden hier das Frühstück schon bereit, und die ganze Einrichtung äußerst geschmackvoll. Dann fuhren wir durch eine reizende Landschaft bis nach Aschburton, einem Städtchen, wo in einem gleichguten Wirthshause zu Mittag gegessen ward, passirten weiterhin Chudleigh, einen Marktflecken, der seiner Obstgärten wegen berühmt ist, und kamen endlich Abends um 7 Uhr in Exeter an.
Ich trat mit meinen Reisegefährten in einem großen Wirthshause ab, wo auch die Morning-Coach liegen blieb. So einsilbig sie den ganzen Tag über gewesen waren; so redselig wurden sie nach dem Abendessen, als der Portwein zu wirken anfieng. Ich habe dies aber bei allen Engländern bemerkt. Sie pflegen meistens erst bei der Flasche lebendig zu werden, und scheinen dann wirklich ganz andere Menschen zu seyn.
Den andern Morgen gieng ich aus, die Stadt zu besehen. Sie liegt an der schiffbaren Exe, ist im Ganzen nicht übel gebaut, hat mehrere schöne öffentliche Gebäude, und mag ungefähr 2000 Einwohner zählen, deren Hauptnahrung in Wollfabriken und Handlung besteht. An der Nordseite der Stadt befindet sich ein vortrefflicher Spaziergang, Northernhay genannt, der unter die schönsten von England gehört. Sonst sind die Umgebungen von Exeter etwas einförmig, denn sie bestehen blos aus Weideland. Dafür wird aber auch starke Viehzucht getrieben, und sehr viel Butter verführt. Ein artiges Dörfchen ist Drewstington, man kann daselbst mehrere alte Denkmäler sehen. Nicht weit davon fließt der Teign in einer sehr romantischen Gegend, und zwischen hohen Felsen eingepreßt. Ein anderes schönes Dorf ist Exminster an der Exe, deren Ufer mit herrlichen Landhäusern eingefaßt sind.
Am folgenden Abend nahm ich einen Plaz in der großen Londoner Evening-Coach bis Salisbury. Die Gesellschaft war klein, wir schliefen überdem sämmtlich in einem Stücke weg. Um Mitternacht indessen hielten wir an, tranken Thee, und fuhren dann wieder in einem bis Exminster, wo gefrühstückt ward. Dies ist ein Stätdchen, das seiner schönen Teppiche wegen bekannt, und nicht mit obigem Dorfe zu verwechseln ist.
Als der Tag anbrach, befanden wir uns in einer schönen gebirgigen Landschaft, die vortrefflich angebaut zu seyn schien. Wir kamen durch eine Menge Städte, Flecken und Dörfer, deren Namen ich vergessen habe, und erreichten endlich zu Mittag das alte häßliche Dorchester, wo gegessen ward. Meine bisherigen Gesellschafter giengen hier ab, dafür stiegen drei neue ein. Es waren drei junge Leute aus London, von denen besonders der eine mit vieler Selbstgefälligkeit von seiner Vaterstadt spracht: -- »~=Yer in my town!=~« -- hieß es immer, sobald die Rede auf London kam. Abends um 5 Uhr waren wir in Salisbury; ich beschloß hier einen Tag auszuruhen.
Salisbury liegt am Zusammenflusse des Avon, der Nadder, und des Villey, und ist eine finstere, häßliche Stadt. Die Straßen sind eng, winklicht und schlecht gepflastert, die Häuser altväterisch und geschmacklos gebaut. Sehr sehenswerth indessen ist die Kathedralkirche, die mit ihrem herrlichen Thurme für das schönste gothische Gebäude in ganz England gehalten wird. Eine andere Merkwürdigkeit von Salisbury sind die alten Denkmäler aus den Zeiten der Druiden, auf einer ungeheuern wüsten Ebene, Stoneheng genannt.
Ich war jezt willens, ohne weiteren Aufenthalt geradesweges vollends nach London zu gehen. Unvermuthet aber kam in unserem Wirthshause eine Postchaise aus Portsmouth an, und bot mir eine eben so bequeme, als wohlfeile Gelegenheit dahin dar. Ich eilte also davon Gebrauch zu machen, verließ Salisbury noch denselben Abend, und kam am folgenden Morgen über Ramsey in Southampton an. Hier beschloß ich den Tag über zu bleiben, und erst den Abend mit der Evening-Coach weiter zu gehen.
Southampton liegt eben so vortheilhaft als angenehm zwischen den Flüssen Test und Itchin, die beide tief in das Land hinein vollkommen schiffbar sind. Die Stadt ist im Ganzen sehr gut gebaut, und verräth überall Wohlstand und Lebhaftigkeit. Unter den vielen Kirchen und Kapellen, befindet sich auch eine französische, zum Dienst der Einwohner von Jersey und Guernesey, von denen hier immer eine gewisse Anzahl vorhanden ist. Eine andere Merkwürdigkeit von Southampton ist der schöne Spaziergang the Beach genannt. Man findet hier mehrere Reihen herrlicher, schattenreicher Bäume, und hat die Aussicht über die spiegelnde Bay bis auf die gegenüberliegende Insel Wight. Noch größere und mannichfaltigere Aussichten aber hat man auf dem in der Nähe der Stadt befindlichen Bewis-Mount. Hier kann man noch den ganzen Hafen von Portsmouth, und selbst einen Theil des Kanals übersehen.