Part 10
Diesen Morgen gieng ich nur auf das Verdeck, fand aber dort alles in der größten Unordnung. Das Schiff ist so voll geladen, daß man die besten Sachen nicht mehr in den Raum bringen kann. So müssen z. B. die Fleisch- und Gemüse-Tonnen sämmtlich oben bleiben, was den Platz gar sehr beengt, und die Schiffsarbeit nicht wenig erschwert. Dazu kommen die Passagiergüter, alles darunter und darüber, wovon jeder nach dem Seinigen sucht. Man will versuchen, aufzuräumen, ich fürchte aber, daß es wenig helfen wird. Von allen den schönen Vorräthen an Hämmeln, Geflügel u. s. w. die uns der Capitain versprochen hatte, ist nicht das mindeste zu sehen. Mehrere Passagiere denken daher, mit der Schaluppe nach Embden zu fahren, und einzukaufen, was zu bekommen ist. Auch für uns werden Hühner, und einige Ochsenviertel mitgebracht. So eben kommt unser Rheder zum Abschiedsbesuch. Ich muß schließen, man ruft mich.
Morgens 7 Uhr.
Der Wind ist günstig, der Lootse an Bord. Eben wird das Anker aufgewunden, wir gehen in See. So leben Sie denn wohl, herzlich wohl. Die Inlage an meine liebe Frau. Gott gebe, daß wir uns alle glücklich wieder sehn! Noch einmal, leben Sie herzlich wohl, und denken Sie meiner mit Freundschaft, wie Ihrer ewig denken wird.
Ihr P.
~Vierter Brief.~
~In See~ Mai 1805.
Wir laviren im Kanal; die Küsten von England und Frankreich liegen deutlich vor uns. Besonders sind wir jener so nahe, daß wir die herrlichen Landhäuser zu erkennen im Stande sind. Es ist das herrlichste Wetter von der Welt, nur Schade, daß uns der Wind entgegen ist. Anfangs gieng es sehr gut, wir kamen schon am zweiten Tag in den Kanal. Aber seitdem haben wir schon vier verloren, und Gott weiß, wie lange das dauern kann. Mein Reisegefährte sagt mir, daß auf diese Art oft drei bis vier Wochen vergehn.
Unterdessen suche ich mich zu beschäftigen, so gut ich kann. Ich lese, ich schreibe, ich meditire, bald sitzend, bald stehend, wobei mein kleines Pult in die Koye gesteckt wird. Meistens wachen wir schon um vier Uhr auf. Dennoch bleibt jede Parthei allein bis acht Uhr, wo alles zum Frühstück in der großen Cajüte zusammenkommt. Dann folgt ein Spaziergang auf dem Verdecke, worauf jeder wieder in seine Hütte geht. Um elf Uhr versammelt man sich wieder im Caffehause, das von uns selbst errichtet worden ist.
Wir haben nämlich die Einrichtung getroffen, daß jeder nach seiner Reihe den Wirth machen und die andern mit Genever u. s. w. traktiren muß. Um 12 Uhr wird zu Mittag gegessen, wobei jeder aus seinen Provisionen etwas zum Nachtisch hergiebt, und so die ewigen Kartoffeln und das ewige Pökelfleisch etwas erträglicher macht. Wer eine halbe Stunde Mittagsruhe halten will, mag es thun, ich selbst befinde mich wohl dabei. Von drei bis sieben Uhr beschäftigen wir uns mit Lesen, Schreiben, Kommerzspielen und dergl. mehr. Um sieben haben wir das Abendessen, und dann kleine Wein- oder Punschparthien meistens auf dem Verdeck. Um zehn Uhr ist Schlafenszeit, wenigstens muß es in allen Hütten still seyn. Da haben Sie unsere Einrichtung, Tag für Tag, ohne Abänderung.
~Fünf Tage darauf.~
Gott Lob, wir haben endlich günstigen Wind bekommen, und nun geht es im Fluge den Kanal hinaus. Schon nähern wir uns dem Cap Lezard, oder der südwestlichsten Spitze von England. Indessen gab es diesen Morgen einen so heftigen Streit an Bord, daß wenig fehlte, wir wären umgekehrt. Ich habe ihnen schon gesagt, wie schlecht es mit den frischen Vorräthen des Capitain bestellt war. Dazu kam, daß er uns bei weitem nicht die kontraktmäßige Tafel gab. Hieraus entstand nun zwischen ihm, und dem Supercargo ein heftiger Wortwechsel, wobei natürlich jeder von uns des lezteren Parthei ergriff. Allein dies sezte den Capitain in solche Wuth, daß er sofort das Schiff wenden, und gegen den günstigen Wind anlaviren ließ. Nach einigen Stunden indessen nahm er seinen unvernünftigen Befehl zurück, und ersäufte seinen Zorn in einigen Flaschen Portwein, wovon er ein großer Liebhaber ist. Sie können jedoch leicht glauben, daß dieser Vorfall einen sehr unangenehmen Eindruck auf uns gemacht hat.
27. Mai.
Das herrlichste Wetter, der günstigste Wind. Gestern Morgens segelten wir bei Teneriffa vorbei. Herrlich war der Wiederschein des majestätischen Pics in der klaren, spiegelnden Fluth. Nachmittags begegneten wir einem englischen Kaper, der uns beilegen hieß. Hierauf kam der Capitain desselben mit einiger Mannschaft zu uns an Bord. Er verlangte die Schiffspapiere, sah sie durch, erklärte sie endlich für gut, und verließ uns. Wir Passagiere hatten uns inzwischen in unseren Hütten verborgen gehalten, und kamen so mit dem bloßen Schrecken davon.
* * * * *
Die Hitze wird nur täglich stärker, wir fühlen sie besonders des Nachts. Schon früh um neun Uhr ist das Holzwerk so heiß, daß man die Hand nicht darauf legen kann. Mit unserem Tische geht es so, so; wir helfen uns mit dem Mitgebrachten aus. Das Meer ist sehr schön, und bietet uns eine Menge wunderbarer Erscheinungen dar. Wir bleiben oft bis Mitternacht auf dem Verdeck. Alles ist dann Glanz und Feuer um das Schiff. Dazu der sternbedeckte Himmel gleich einem reinen ätherischen Lichtmeere! Ich kann Ihnen nicht sagen, wie sehr dieser Anblick das Herz erhebt!
Eine Stunde darauf.
Während ich obiges niederschrieb, tagte in Südost ein Fahrzeug auf, das bald für ein dänisches Schiff erkannt ward. Es hielt auf uns zu, und kam endlich ganz nahe heran. Es lag drei Wochen in der Tafelbai, und ist nach Rotterdam bestimmt. Unser Supercargo hat eine lange Unterredung mit dem Capitain gehabt, und giebt ihm ein Paket mit. Mein Brief soll darin eingeschlossen werden, daher für diesmal genug. Leben Sie wohl, verehrter Freund; meinen nächsten erhalten Sie wahrscheinlich aus der Kapstadt selbst.
~Fünfter Brief.~
Insel ~St. Helena~, Juli 1805.
Erschrecken Sie nicht, mein werthester Freund, unser Schiff ist von den Engländern genommen, und hier als gute Prise eingebracht. Noch weiß ich nicht, was aus mir werden soll, fast dürfte die weitere Reise unmöglich seyn. Doch ich will Ihnen in der Ordnung erzählen, wie Alles zugegangen ist. Wir hatten den Passatwind bekommen, und rückten nun immer nach der Linie vor. Sonnenaufgang und Untergang, der Mond und die Sterne, es war ein neuer glänzender Himmel in der reinsten Pracht. So sahen wir unter andern einmal einen Regenbogen, der durch den ~Mond~ gebildet ward, und dennoch dem schönsten Sonnenregenbogen nur wenig nachgab.
Auf diese Art waren wir ungefähr bis unter den fünften Grad nördlicher Breite gekommen, als wir am ~sechsten Juni~, Morgens, gerade in Südwesten ein großes Schiff auftagen sahen. Wir freuten uns sehr darüber, denn wir hielten es für einen heimkehrenden, holländischen Ostindienfahrer, dem es auch vollkommen in Bauart und Segelwerk glich. Jeder beeilte sich nun Briefe an seine Freunde zu schreiben, und ich selbst fieng einen an Sie Geliebter an. Doch wie schrecklich sahen wir uns in unserer Hoffnung getäuscht! Das Schiff kam näher, und ward bald für ein englisches Kriegsschiff erkannt. Jezt erfolgten die zwei gewöhnlichen Schüsse, das erstemal blind, das zweitemal hinter dem Schiffe hin, und wir waren gezwungen, beizudrehen. Sofort sezten die Engländer ein Boot aus, und schickten zwei Offiziere, nebst ungefähr zwanzig Mann Seesoldaten nach uns ab. Kaum waren nun diese an Bord, so wurden die Schiffspapiere untersucht, unzulänglich befunden, und Schiff und Ladung für gute Prise erklärt.
Denken Sie sich, wie uns Passagieren bei dieser Nachricht zu Muthe war! Um keinen Argwohn zu erregen, hielten wir uns während der Untersuchung, troz der erstickenden Hitze, in unsern Hütten auf. Hier brachten wir zwischen Furcht und Hoffnung wohl eine Stunde zu. Endlich erfuhren wir unser Schicksal. Unser Supercargo, Herr Van der Pulten, mußte sich an Bord des Kriegsschiffs begeben; eben so wurden auch unsere sämmtlichen Matrosen dahin gebracht. Unser Capitain verlor das Commando, und an seiner Stelle übernahm es ein englischer Lieutenant. Auch erhielten wir eine englische Schiffsmannschaft. Um uns andere schien man sich wenig oder gar nicht zu bekümmern, wie uns denn auch nicht das Mindeste genommen ward.
Aber welcher Lärm, welche Verwirrung auf dem Verdeck! Alles unter, und durch einander; ein Schreien, Fluchen und Rasen, daß man sein eigenes Wort nicht verstand. Dazu das Ueberpacken der Hangmatten, Kisten u. s. w. Die fremden Gesichter, die fremde Sprache, der ganz veränderte Zustand. Endlich drangen ein halbes Dutzend englische Matrosen in die Cajüte, erbrachen die Kisten unseres Capitains, und bemächtigten sich seines Eigenthums. So gieng es fort bis vier Uhr, wo alles allmählig wieder in Ordnung kam. Bald darauf gab das Kriegsschiff ein Signal, und sogleich ward alles zum Weitersegeln in Bereitschaft gesezt. Endlich steuerte das Kriegsschiff voran, und das unserige hinter demselben drein. Der Curs war südlich; doch wohin es eigentlich gieng, blieb ein Geheimniß für uns.
Am folgenden Tage neue Verwirrung, neue Angst. Die Engländer beschlossen die Ladung Stück für Stück zu untersuchen, um der Prise desto gewisser versichert zu seyn. Da sie nämlich unser Schiff durchaus für ein verkapptes holländisches hielten, vermutheten sie auch Pulver, Blei, Gewehre u. s. w. unter der Ladung, was bekanntlich gegen die Kriegsgesetze ist. Zu diesem Ende wurden nun alle Kisten und Fässer auf das Verdeck gebracht, und theils zerschlagen, theils angebohrt. Sie wurden dabei so hoch aufgestapelt, daß fast das Umschlagen zu befürchten war. Man fand indessen nichts, als einige Fässer Harz, was dann zur Contrebande gestempelt ward. Hierauf ward alles wieder in den Raum geschafft, wiewohl in größter Unordnung. Diese ganze Untersuchung dauerte von Morgens sechs, bis Abends acht Uhr, und zwar während der Himmel mit furchtbaren Gewitterwolken bedeckt war. Ein einziger Windstoß, ein einziger Wetterschlag, und es würde um uns geschehen gewesen seyn.
Die Nacht war still, aber drückend heiß. Endlich gegen Morgen brach das Ungewitter mit tausend Donnerschlägen los. Das Echo in den Wolken war fürchterlich; der Regen floß in Strömen herab; der Sturm peitschte die Wogen himmelan; unzählige Blitze durchkreuzten sich. Zum Glück waren wir auf diese ~Travate~ -- dies ist der Schiffsausdruck -- schon seit dem Abende vorbereitet, so daß sie uns nicht den mindesten Schaden that.
Am 20. Juni passirten wir die Linie, was mit den gewöhnlichen Feierlichkeiten geschah, und steuerten immer tiefer nach Süden hinab. Oft nahm uns das Kriegsschiff nunmehr aufs Schlepptau[18], wobei es natürlich tüchtige Stöße gab. Am 3. Juli verließ uns das Kriegsschiff auf eine kurze Zeit. Es beschloß auf einige Schiffe Jagd zu machen, die man in Osten erblickte, und der Capitain für spanische ansah. Er gab uns den Curs auf, den wir in der nächsten Nacht halten sollten, und versprach am andern Morgen wieder bei uns zu seyn. Allein wir harrten vergebens; selbst am dritten Tage erschien er noch nicht. So kreuzten wir immer in der Irre herum.
Das schlimmste dabei war, daß unser Wasser zu Ende gieng, und daß nun jeder auf eine Kanne täglich gesetzt ward. Zum Unglück hatten sich die Ratten auch schon längst über unser Selteserwasser gemacht; wir waren daher auf Wein und Branntewein eingeschränkt. Gekocht konnte nun durchaus nichts weiter werden, wenigstens in süßem Wasser nicht; dagegen machte das Seewasser alle Speisen beinahe ungenießbar.
Um einmal eine gute Tasse Caffe zu haben, gab ich zwei Flaschen Genever, jede zu sieben bis acht Gulden, für eine einzige Flasche Wasser hin. Zwar hatten wir zuweilen starke Regenschauer, allein dies half uns nichts. Segel, Holz- und Tauwerk waren nämlich so stark mit Salztheilen besezt, daß das herabfließende Wasser durchaus denselben Geschmack bekam. An unserem Mangel waren indessen die englischen Offiziere und Matrosen eigentlich selbst Schuld. Bei dem Umladen hatten sie nämlich mehrere Wasserfässer, die ihnen im Wege waren, zerschlagen; eben so hatten sie den größten Theil unseres Vorrathes zum Waschen verbraucht.
Fünf Tage hatten wir so aufs ungewisse herumgekreuzt, als endlich unser Lieutenant den Kurs nach ~St. Helena~ zu nehmen beschloß. Der Wind war heftig, aber auch äußerst günstig für uns. Dies war ein großes Glück, da jeder nur noch ein einziges Glas Wasser erhielt. So durchschnitten wir den ungeheuern Ocean ohngefähr vom Rio de la Plata an bis nach diesem einsamen Eiland. Vierzehn Tage waren vorüber, wir hatten nur noch Wasser auf einen einzigen, was gestern war. Da sahen wir mit aufgehender Sonne die schwarze, verbrannte, tausendfach in sich zerklüftete Felsenmasse vor uns. Aber bald verloren wir den Wind, und kamen nur mit Mühe heran. Doch als wir endlich um die hohen Felsen bogen, welch ein erfreulicher Anblick! Es war St. Jamestown, von hohen tropischen Bäumen beschattet, im Hintergrunde einer herrlichen Bai. Unvergeßlicher Abend! Meere und Himmel glänzten in Rosenglut. Bald erkannten wir auch unser Kriegsschiff, das vor 3 Tagen hier eingelaufen war, und ankerten sofort nicht weit davon.
Abends erhielten wir einen Besuch von einem Hamburger Capitain, der unter dänischer Flagge von Ostindien kommt. Er erbot sich, Briefe von uns mitzunehmen, und so wird ihm auch dieser zugestellt. Eben trifft die Antwort des Gouverneurs auf unser Bittgesuch ein, an's Land zu gehen. Sie ist, wie gewöhnlich, bejahend, und wir machen noch heute Gebrauch davon. -- Ich umarme Sie mit Herzlichkeit; nächstens mehr von mir.
~Sechster Brief.~
~Bai~ von ~St. Helena~~, Juli 1805.
Es ist ein trüber, regnigter Tag, wie immer in dieser Jahrszeit. Ich bin allein in der Cajüte, alle meine Reisegefährten befinden sich am Lande, so werde ich denn von Niemanden gestört. In der ersten Nacht, nachdem wir vor Anker gegangen waren, hatten wir noch einen gewaltigen Schrecken. Denken Sie, im Vertrauen auf den guten Ankergrund, hatte sich der Capitain mit einem einzigen Anker begnügt. Dieser »~raakte los~«, wie es in der Schiffersprache heißt, und wir trieben in die offene See. Es war kurz vor Mitternacht, als es die Wache zum Glück noch inne ward. Jezt entstand ein entsezlicher Lärm, und alles mußte sofort an die Arbeit. Wir Passagiere fuhren aus dem ersten Schlafe auf, und glaubten anfangs, daß Feuer ausgekommen sey. Mit vieler Mühe ward nun das Schiff wieder gewendet und in Sicherheit gebracht. Wir wurden indessen nicht eher ruhig, als bis auf jeder Seite ein großer Anker gefallen war.
Nachmittags fuhr ich nun mit dem Supercargo, der uns vom Kriegsschiffe aus besucht hatte, ans Land. Wir stiegen an einem schattigen Wege aus, der längs den Batterien bis zu dem Thore hinläuft. Was einem nun zuerst in die Augen fällt, ist Jamestown, zu deutsch Jacobsstadt. So heißt der einzige Ort, der auf der Insel befindlich ist. Denken Sie sich ein schmales, noch keine halbe Stunde langes Thal, auf beiden Seiten mit 2000 Fuß hohen Bergen eingefaßt. In diesem Thale denken Sie sich nun 3 bis 4 Straßen mit zierlichen Häusern besezt, und hier und da mit Bäumen vermischt, und Sie sehen Jamestown in der Natur vor sich. Die vornehmste Straße geht von Süden nach Norden, und endigt in einem sehr schönen Graben, der der Regierung gehört. Hier findet man die besten Häuser, alle in orientalischem Geschmacke, mit platten Dächern, und Gallerien erbaut. Sie haben sämmtlich kleine Gärten, wo man die herrlichsten Blumen zieht. Da das Thal aufwärts steigt, ragen die hintersten Häuser etwas über die vordersten empor, und haben die Aussicht auf die Bai. In der Mitte der Straße befindet sich ein Grasplatz mit Bäumen besezt, auf dem ein schöner Brunnen steht. Ganz am Ende liegt ein schöner schattiger Gottesacker, wo wir einige geschmackvolle Grabmäler sahen.
Als wir die Straße wieder herunter giengen, traten wir einen Augenblick in den oben erwähnten Graben hinein. Er steht jedermann offen, und ist mit den herrlichsten Pflanzen aller Welttheile bedeckt. Ein artiges Haus von Bananas, Citronen, Orangen und Palmen beschattet, zog besonders unsere Aufmerksamkeit auf sich. Es schien uns der beneidenswertheste Aufenthalt auf der Welt. Plözlich hörten wir hinter uns holländisch sprechen, und erfuhren zu unserm Erstaunen, daß ein großer Theil der gefangenen Garnison von Surinam hier in englische Dienste getreten sey. Die Soldaten klagten aber sehr über die Theurung, besonders über den Mangel an frischem Fleisch. Es ist freilich natürlich, daß man alles für die Schiffe aufhebt, und daß sich folglich der gemeine Mann mit seinen gesalzenen Rationen begnügen muß.
Wir giengen nun weiter, um die übrigen merkwürdigen Gebäude von Jamestown zu besehen. Hier wurde uns zuerst das Haus des Gouverneurs gezeigt. Es liegt hart am Strande, mit der Vorderseite nach der Bai gekehrt, wird aber von dem Wege, der an der Batterie hinläuft, durch eine Mauer getrennt. Es ist unstreitig das schönste und größte Gebäude auf St. Helena. Die meisten Zimmer sind mit persischen Teppichen, ostindischen Moußelinbehängen u. s. w. verziert, und mit prächtigen Mobilien von Ebenholz versehen. In einem derselben sind die Bildnisse der englischen Könige von Carl =I.= bis Georg =III.= ausgehängt; auch findet man einen schönen Waffensaal. Der Graben enthält eine Menge seltner Pflanzen, und zeichnet sich durch seine trefliche Lage aus. Allein es ist ein eigener Anblick, wenn man die hohen Felsen dahinter so darüber herhängen sieht.
Weiter besahen wir die Kirche, die auf einem freien Platze steht. Sie ist von innen und außen recht zierlich anzusehen, und hat auch einen schönen Thurm mit Glocke und Uhrwerk. Eben so nimmt sich das Schauspielhaus, in geringer Entfernung davon, nicht übel aus. Dasselbe gilt von der Freimaurerloge, der neuen Offizierscaserne, und dem Billiardhaus. Lezteres ist zugleich ein Wirthshaus, wo ich die Nacht zu bleiben beschloß, indem der Supercargo zu einem Bekannten eingeladen war. Mein Abendessen bestand aus Salat, und einem Schinkenbeine, nebst zwei Gläschen Rum. Mein Bett war nicht das beste, und ein Frühstück forderte ich nicht. Jezt rathen Sie einmal, was die Zeche war? O nur eine Kleinigkeit! Nicht mehr als sechs und zwanzig Gulden holl., man kann nicht billiger seyn! -- So sah ich denn mit einemmale, wie theuer hier Alles ist. Gegen Mittag fuhren wir an Bord zurück.
~Siebenter Brief.~
~Bai~ von ~St. Helena~, Juli 1805.
Vorgestern erhielt ich einen unvermutheten Besuch von einem unserer Landsleute, der hier ein artiges Haus und einen großen Kaufladen besizt. Ich mußte ihn an's Land begleiten, und den Sonntag bei ihm zubringen, was ich natürlich sehr gern annahm. Er bewirthete mich aufs Beste, und ganz auf vaterländische Art. Bis auf den Roodkorß[19], nichts, gar nichts fehlte; alles war da. Später nahmen wir den Thee in seinem Garten unter einem herrlichen Orangenbaume ein.
Das Innere der guten Häuser ist sich hier fast durchgehends gleich. Die meisten haben zwei, auch wohl drei Stockwerke, die sehr regelmäßig eingetheilt sind. Um die beiden ersten Stockwerke pflegen Gallerien zu laufen, was sehr viel zur Kühlung beiträgt. Verwundert bin ich indessen, keine steinerne Fußböden zu sehen. Die Möbeln sind alle aus England; doch werden auch Stühle und Kanapees aus einer Art hiesigen ostindischen Binsen gemacht. Diese schönen Häuser sind aber einen großen Theil des Jahrs gänzlich unbewohnt.
Die Eigenthümer halten sich nämlich im Innern der Insel auf ihren Landgütern auf. Diese sind als eben so viele Einsiedeleien zu betrachten, indem jedes von dem andern durch Felsen und Schluchten getrennt ist. Nur wenn die ostindischen Flotten ankommen, eilt alles nach der Stadt. Jedes Haus wird dann ein Gasthaus, wo der Fremde Kost und Wohnung finden kann, sobald er kein Geld zu sparen braucht. St. Jamestown ist dann äußerst belebt; Concerte, Bälle u. s. w. wechseln unaufhörlich ab. Auch werden zu dieser Zeit große Geschäfte in ostindischen und chinesischen Waaren gemacht. Hieraus wird erklärlich, warum die hiesigen Kaufläden so überflüßig damit versehen sind.
Man lebt hier im Allgemeinen ganz auf englische Art. Zum Frühstück: Thee, Butterbrod, kaltes Fleisch, gebackenen Fisch, und Kapwein. Zum Mittag: Rostbeef, oder Beefsteeck, gesottenen oder gebackenen Fisch, Gemüse und Pudding. Der Nachtisch von den auserlesensten Früchten; Kapwein, Madera und Bordeaux. Abends eine Kleinigkeit. Ein kleines Gebäcke, oder auch nur Brod mit einem Glase Milch, Ale, Groy[20], oder Wein. Ich finde dies sehr gesund; man schläft vortrefflich darauf.
Die Insel selbst bringt mancherlei Lebensmittel hervor. Dahin rechne ich außer etwas Weizen, vorzüglich die vortrefflichen Erdäpfel, die man das ganze Jahr hindurch in Ueberfluß hat. Dann die köstlichen Yams, die mit den Erdäpfeln verbunden das beste Brodsurrogat sind. Eben so eine Menge herrlicher Früchte, wie Citronen, Orangen, Melonen, Ananasse u. dgl. mehr. Auch fehlt es nicht an europäischen Gemüsen fast aller Art. Mehrere antiscorbutische Gewächse und Kräuter, wie z. B. eine Art Portulak, und Sellerie, die Petersilie, die Wasserkresse u. s. w. findet man hier das ganze Jahr an der Küste im Ueberfluß.
Das hiesige Rindfleisch ist vortrefflich, aber freilich so theuer, daß es nur der Wohlhabende bezahlen kann. Dieß kommt von den Viehseuchen her, die nicht selten aus Mangel an Wasser entstehen. Noch vor wenig Jahren z. B. kamen mehr als 2000 Stück schöne Rinder bei einer anhaltenden Dürre um. Schaafe und Ziegen giebt es viel, doch ist das Hammelfleisch etwas zäh. Das Schweinefleisch hingegen ist ausnehmend gut. Wir hatten gestern ein Spanferkel von einzigem Geschmack.
An Geflügel und kleinem Wildpret fehlt es ebenfalls nicht. Man hat Rebhühner, Fasanen, Tauben u. s. w. besonders aber Hühner und Enten in Ueberfluß. Der aus Ostindien eingeführte Reisvogel vermehrt sich hier außerordentlich, und zwar sonderbar genug auf den Anhöhen. Auch die Kaninchen und Guineahühner, die der Gouverneur aus Liebhaberei unterhält, dürften in kurzem sehr zahlreich seyn. Seefische werden in ungeheurer Menge gefangen; man zählt nicht weniger als 70 Arten davon. Auch an Schildkröten fehlt es nicht, doch erhält man die größten von der Insel Ascension. Das Trinkwasser ist das treflichste, das man finden kann.
Was St. Helena sonst noch braucht, wird aus Englands vom Kap, aus Brasilien und von Angola zugeführt. Jährlich kommen nämlich wenigstens vier, und zuweilen noch mehr Proviantschiffe mit den nöthigen Artikeln, wie Mehl, Pökelfleisch, Schinken, Zungen, Weizen, Schaafen, Butter, Wein, Manufakturwaaren u. s. w. an. Es fehlt daher in der Regel an nichts in St. Helena, nur daß alles, zumal wenn die ostindischen Flotten da liegen, ungemein theuer ist.
So kostet z. B. ein Huhn nicht weniger als zwölf Gulden holländisch[21], während ein kaum jähriges Ferkel mit hundert siebenzig Gulden bezahlt wird. Ein Pfund Havanah Cigarren kostet 36 Gulden, ein Glas Liqueur einen Gulden, und so fort. Jeder Verkäufer nimmt hier 180 bis 200 pro Cent. So der Einwohner, der an die Schiffe abgiebt, so der Schiffer, der seine Waaren absezt. Man sollte gar nicht glauben, wie viel Geld hier in Umlauf kommt. Vor einigen Tagen z. B. verkaufte nur ein Capitain in weniger als 2 Stunden für 7000 Pagoden[22] an Werth. Die Kriegsschiffe, die hier mit Prisen einlaufen, lassen oft hunderttausende zurück. Auf diese Art leben die Einwohner, wenn man die Beamten abrechnet, durchgehends von der Landwirtschaft und dem Schiffsverkehr.
~Achter Brief.~
~Bai~ von ~St. Helena~, Juli 1805.