Die drei Ostindienfahrer

Part 9

Chapter 93,658 wordsPublic domain

Die folgende Tagereise bis ~Paßourang~ war kurz und angenehm. Die Landschaft ward immer schöner, wir konnten uns nicht satt daran sehen. Um zehn Uhr begegneten wir einem schönen offenen Wagen, mit vier Pferden bespannt. Er kam von Paßourang, gehörte dem dortigen holländischen Commandanten, und war für uns bestimmt. Wir zogen indessen vor, zu Pferde zu bleiben, und langten so bald bei unserem freundlichen Wirthe an. Er hieß Heßetaar, und nahm uns mit vieler Güte auf. Bei einem Einkommen von fünfzehn tausend holländischen Thalern machte er ein ansehnliches Haus. So hat er z. B. an dreißig Sclaven, worunter zehn musikalisch sind. Sie lernten die meisten Instrumente von einem Chinesen spielen, der der Schüler eines ~Deutschen~ gewesen war.

Paßourang, an einem schiffbaren Strome gelegen, ist der Hauptort eines ansehnlichen Fürstentums, und mit schönen Caffe- und Pfeffer-Plantagen umringt. Die ostindische Compagnie hat ein Werft für Küstenfahrer daselbst. Zwei Lieuen von Paßourang liegt ein mäßig hoher Berg, an dessen Anhängen alle ~europäischen~ Gemüse, ohne alle Ausartung gedeihen, dies giebt zu einem bedeutenden Gemüsehandel nach Surabaye Gelegenheit. Wenig Tage vor unserer Ankunft war der Oberwundarzt unseres Bataillons hier durch gereist. Er wollte im Innern der Insel die Schuzblattern einführen, was von den wohltätigsten Folgen seyn wird.

Am 3. März gieng es bis Bangall; auch diese Tagereise war sehr angenehm. Der Fürst, ein siebenzigjähriger Greis, empfieng uns mit vieler Zuvorkommung. Er sprach viel von Europa, besonders von den lezten Feldzügen in Italien, und schien ein sehr unterrichteter Mann zu seyn. Seinem ältesten Sohn und Nachfolger hatte er von einem Holländer erziehen lassen, daher dieser junge Prinz sehr gute Kenntnisse, besonders in der Mathematik besaß.

Am folgenden Morgen brachen wir nach Surabaye auf. Der Weg war gut, die Gegend schön, der Boden vortrefflich angebaut. ~Surabaye~ selbst ist eine kleine artige Stadt, und als erster Posten in der Meerenge von Madure von Wichtigkeit. Sie wird von dem Flusse Calianas durchschnitten, der für Küstenfahrer landeinwärts ziemlich weit schiffbar ist. Am Ausflusse desselben befinden sich zwei Hafendämme, mit Batterien versehen. Gewöhnlich laufen hier alle Schiffe ein, die nach China und den Philippinen bestimmt sind, besonders wegen des Wintermonßuns. Sie finden hier alle mögliche Erfrischungen, worunter auch die vortrefflichen Gemüse von Paßourang. Die Luft von Surabaye ist sehr gesund, und die Gebend entzückend schön.

Bei unserer Ankunft wurden wir zu einem Juden geführt, der eine gar nicht schlechte Herberge hielt. Wir machten die Bekanntschaft eines holländischen Capitains, des Herrn Rußler, und wurden durch ihn, am folgenden Morgen, seinem Schwiegervater, dem Gouverneur, Herrn Rothenthal, vorgestellt. Dieser nahm uns mit vieler Güte auf, und versprach wegen unserer ferneren Reise sein möglichstes zu thun. Wir wünschten nämlich bis Batavia zu Lande zu gehen. Dies erforderte jedoch Bericht an den Generalgouverneur. Ich machte hierauf dem Commandanten, dem Major von Franquemont, aus dem Würtembergischen, einen Besuch. Er empfieng mich aufs beste, räumte mir ein Zimmer in seiner Wohnung ein, und überhäufte mich mit Höflichkeiten aller Art. Dasselbe muß ich von dem Admiral Hartsink sagen, der hier mit seiner Escadre vor Anker lag.

Nach ungefähr vierzehn Tagen traf die Antwort des Generalgouverneurs ein. Sie war, wie wir befürchtet hatten, abschläglich, man fand die Kosten gar zu groß. Herr Rothenthal bekam daher den Auftrag, uns die Ueberfahrt nach Samarang, an Bord einer Brigg zu verschaffen, die ohnehin zu einem Kreuzzuge bestimmt war.

Plözlich mußte es sich fügen, daß ein Schiff von der Escadre des Admirals Hartsink nach Batavia abgieng. Sofort suchte ich nebst meinem Freunde Harsaud um Plätze darauf an. Unsere Bitte ward bewilligt, und so begaben wir uns an Bord, wo uns der Capitain mit vieler Güte aufnahm (5. April).

Siebentes Capitel.

Wir waren noch denselben Abend unter Segel gegangen, und kamen bei dem ziemlich günstigen Winde, schon am folgenden Tage aus der Meerenge heraus. Capitain ~Ruysch~ hatte uns die Hälfte seiner Cajüte eingeräumt, und wir speisten regelmäßig Mittags und Abends bei ihm. So kamen wir ohne weitere Vorfälle am neunten Tage (14. April) auf der Rhede von ~Samarang~ an, welches der Hauptposten auf der ganzen Nordküste ist. Samarang giebt nämlich den Mittelpunkt aller Verbindungen, und die Hauptniederlage aller Erzeugnisse der Insel ab. Die dortige Gouverneursstelle ist, nach der von Batavia, die einträglichste im ganzen holländischen Indien. Sie wirft jährlich an 250,000 Piaster ab. Herr Engelhard, der sie jezt bekleidet, macht daher ein sehr glänzendes Haus. Die Luft von Samarang ist gesund, die Gegend schön, das gesellschaftliche Leben angenehm. Wir lernten unter andern einen Major ~Keller~ kennen, der früher General-Adjutant in französischen Diensten, und schweizerischer Kriegsminister gewesen war.

Nach einem achttägigen Aufenthalte giengen wir am 23. April wieder in See, und segelten zwei Tage lang, längs der reizenden Küste hin. Am 26. Mittags ankerten wir auf der Rhede von ~Tcheribon~, und begaben uns sogleich ans Land. Hier wurden wir bei dem Wachtposten sehr feierlich empfangen, und fanden zwei prächtige Wagen bereit. Der Resident, Herr Roose, der anderthalb Lieuen von der Küste wohnt, hatte uns dieselben entgegengeschickt. Wir fuhren hierauf durch eine sehr schöne Landschaft, die einem großen Graben glich, und kamen so bei Herrn Roose an. Er vereinigt asiatischen Luxus, und europäische Eleganz auf eine seltene Art. Der Distrikt von Tcheribon liefert den besten Caffe von ganz Java; die Residentenstelle trägt jährlich an 60,000 Piaster ein.

Wir blieben drei Tage in Tcheribon, und giengen dann mit mehreren kleinen Küstenfahrern, die wir unter Convoy nahmen, in See. Die Küste wimmelt von Seeräubern aus Banca, Sumatra und Java selbst. Diese fallen kleine Schiffe, besonders chinesische Junken, mit vieler Kühnheit an. Europäer werden ermordet, Asiaten zu Sclaven gemacht. Der Hauptschlupfwinkel dieser Seeräuber ist die Insel Carimon, zehn Seemeilen von der Küste, auf der Höhe von Samarang. Hier sind ihrer oft hundert, ja hundert und fünfzig bis zweihundert beisammen, besonders, wenn ein Hauptschlag ausgeführt werden soll. Vor kurzem hatte man von Batavia zwei Fregatten, und eine Brigg gegen sie abgeschickt. Diese Schiffe kamen gerade zu rechter Zeit an, denn eben war die ganze Bay von Carimon mit Seeräubern angefüllt. Man blokirte daher sogleich den Eingang, und bereitete den Angriff auf den folgenden Morgen vor. Es schien um die Räuber geschehen zu seyn, allein zum Unglück war der Capitain der Brigg nicht wachsam genug. Sie entwischte daher in der Dunkelheit, und waren am andern Morgen längst aus dem Gesichte der Division.

Am 27. April kamen wir endlich auf der Rhede von Batavia an. Kaum zeigte ich mich in der Stadt, als ich mit Freude und Erstaunen aufgenommen ward, denn jedermann hatte mich todt geglaubt. Der Gouverneur wünschte mich von neuem in Dienste zu nehmen; allein alles rief und zog mich nach Europa zurück. Zum Glück befand sich gerade ein Caper von jener Insel auf der Rhede, der dahin zurückzugehen im Begriffe war. Nach einigen Unterhandlungen erhielt ich einen Plaz darauf, und begab mich demnach am 8. Mai an Bord. Diesmal war unsere Fahrt glücklicher; am 1. Juni bekamen wir schon die Insel Bourbon zu Gesicht.

Der Engländer wegen, hatte der Capitain von seinen Rheden den Befehl, mit der größten Vorsicht zu Werke zu gehen. Wir suchten daher die Küste zu gewinnen, um wo möglich Erkundigungen einzuziehen. Allein der Wind war fortdauernd ungünstig; wir brachten also sechs volle Tage damit zu. Endlich erhielten wir Nachricht, daß die englische Escadre verschwunden sey. So sezten wir unsere Fahrt nach Isle de France fort, und erkannten am 8. Juni Morgens, einen der höchsten Berge dieser Insel, Morne Brabant genannt.

Gegen Mittag erblickten wir nicht weit von uns ein dreimastiges Schiff, zogen die Flagge auf, und riefen es an. Es zog ebenfalls französische Flagge auf, und zwar dreimal hinter einander, was uns, da es keine Antwort gab, äußerst verdächtig vorkam. Um acht Uhr Abends waren wir nur noch einige Seemeilen von der Insel entfernt. Plözlich stiegen von einem Bergposten zwei Raketen auf; bekanntlich das Signal, wodurch die Nähe des Feindes angezeigt wird. Wir hielten es indessen für einen Irrthum, und glaubten nicht daran. Als aber das Signal, nach Verlauf von zwei Stunden, der Regel gemäß, wiederholt ward, drehten wir plözlich um, und sezten alle Segel bei. Jezt gieng es abermals auf Isle de Bourbon zu, wo auch am 10. Morgens der Anker fiel.

Mein Aufenthalt auf dieser Insel dauerte jedoch nur kurze Zeit. Schon am 18. gieng ich nämlich, meiner mündlichen Mittheilungen wegen, auf einem Aviso nach Isle de France ab. Dies Fahrzeug war mit Rudern versehen, und ganz zu einer schnellen Ueberfahrt geschickt. Wir entkamen den Engländern glücklich, und liefen am 22. Juni Abends in der Riviere Noire ein. Bei meiner Ankunft zu Port Louis, ward ich von dem General Decaen mit großer Freude empfangen; auch er hatte mich auf den Bericht eines amerikanischen Schiffers todt geglaubt.

Er machte mir Hoffnung, mich in wenig Monaten nach Europa abzusenden, und stellte mich inzwischen wieder bei dem Ingenieurscorps an. Allein es vergieng ein volles Jahr, ehe sich eine passende Gelegenheit zu meiner Rückreise fand. Erst im August 1806 war endlich das dazu bestimmte Schiff segelfertig, und alles gehörig in Richtigkeit. Am 11. August schiffte ich mich ein, am 15. November kam ich, nach einer ziemlich glücklichen Fahrt, in dem spanischen Hafen Passages bei St. Sebastian an. Von dort sezte ich meine Reise über Bayonne, Bordeaux u. s. w. nach meinem Geburtsorte, wo meine Familie lebte, zu Lande fort.

Dritte Abtheilung.

~Heinrich Potter.~

~Quelle.~

=L'otgevallen en Ontmoetingen op eene mislukte Reize naar de Kaap de Goede Hoop. Door ~H. Potter~. 1807 -- 9. IV. Vol. 8.=

~Einleitung.~

Der Verfasser war Prediger zu Peins, in der Nähe von Franken, und erhielt im Jahre 1804 einen Ruf nach dem Vorgebirge der guten Hoffnung. Allein da bald darauf der Krieg wieder ausbrach, so fand sich keine sichere Gelegenheit zur Reise dahin. Erst zu Ende des genannten Jahres bot sich eine solche in einem preußischen Hafen dar. Wir haben uns bemüht, die ~niederländische~ Manier des Verfassers sorgfältig beizubehalten, überzeugt, daß es den gemüthlichen Lesern gewiß Vergnügen machen wird.

~Erster Brief.~

~Leer~ Novemb. 1804.

Liebster Freund. Am 15. October erhielt ich Befehl und Anweisung, bis zum 10. November an Bord zu seyn. Ich eilte daher sofort nach Amsterdam, um alle meine Einrichtungen zu treffen, welches Gott sey Dank, über meine Erwartung von statten gieng. Hierauf kehrte ich am 27. October nach Peins zurück, wo meine Frau inzwischen alles eingepackt hatte, und reiste am folgenden Morgen mit ihr und den Kindern nach Dockum ab. Hier sollte sie bleiben, bis sich bequeme Schiffsgelegenheit nach der Capstadt fand.

So war alles in Ordnung gebracht. -- Endlich am 5. Morgens -- Nie werde ich den Augenblick vergessen, liebster Freund. -- »O bleibe bei uns Vater! Verlaß uns nicht!« -- riefen meine ältesten drei Kinder, und klammerten sich an mich an, während der Säugling ruhig in der Wiege schlief. -- Wäre meine Frau nicht standhafter gewesen, als ich -- Ich glaube, ich hätte in diesem Augenblicke auf Alles Verzicht gethan. So riß ich mich endlich mit gepreßtem Herzen los. Meine Sachen wurden jezt in die Schuit[16] gebracht, und ich folgte mit thränenden Augen nach. Zu meiner Freude waren nur noch zwei Personen in dem Roef[17] daher ich ziemlich ungestört blieb. Abends kamen wir so in Gröningen an.

Ich hatte von Gröningen am nächsten Tage mit der Schuit nach Delfzyl zu gehen gedacht, wo ich Gelegenheit nach Leer zu finden sicher war. Allein es fror die Nacht so heftig, daß ich nicht weiter daran denken konnte. Ich ließ daher meine Sachen auf einen Wagen laden, auf dem sich zugleich ein Siz für mich und den Fuhrmann befand. Da es schon zwei Uhr war, als wir abfuhren, kamen wir Abends nicht weiter als Scheemda, ein großes, schönes Dorf, wo Nachtquartier gemacht ward.

Am folgenden Morgen gieng es bei schönem hellen Wetter, durch den reichsten und fruchtbarsten Theil der Provinz, nämlich das Oldampt. Besonders groß und prächtig sind die Pfarrwohnungen, wie denn die Geistlichen hier solche Einkünfte haben, wie vielleicht nirgends anderes in unserem Vaterland.

In der Nähe von Neuschanz (=de Nieuwe Schans=) war der Weg außerordentlich schlecht. Indessen kamen wir Abends ohne Unfall an. Hier lohnte ich meinen Fuhrmann ab, weil mit seinem schweren Wagen unmöglich weiter zu kommen war. Ich hielt es fürs beste, zwei kleinere zu nehmen, worauf die Reise am nächsten Tage weiter gieng.

Bald kamen wir nun auf preußischen Boden, indem der Grenzpfahl ganz nahe bei Neuschanz steht. Das Land verräth viel Wohlstand, besonders der Theil, der unter dem Namen, der Preußische Polder bekannt ist. Ueberall herrliches Wiese- und Ackerland, und die schönsten Bauernhöfe, von städtischem Ansehen. Dies machte mich den schlechten Weg vergessen, der bei dem eingetretenen Thauwetter fast ganz ungangbar war. So kamen wir Nachmittags an dem Wirthshause an, das am rechten Ufer der Ems, ungefähr eine Viertelstunde von Leer, gelegen ist.

Ich hätte mich gern noch diesen Abend über den Fluß setzen lassen, allein es war unmöglich, weil er mit Treibeis gieng, und nur das kleine Boot mit großer Mühe hin und wieder fuhr. Da ich nun meine Sachen unmöglich zurücklassen konnte, ließ ich sie abladen, und in einen Schoppen bringen, wo nach der Versicherung des Wirthes alles in Sicherheit war. Bei meinem Eintritt in das Zimmer sah ich sogleich an dem schmutzigen Boden, und der sparsamen Erleuchtung, daß ich mich außer dem Vaterland befand. Ein Dutzend Münsterländer mit langen blauen Hemden, und dicken weißen Schlafmützen, saßen mit dampfenden Pfeifen vor dem Kamine, und erwiederten meinen Gruß in ihrer eigenthümlichen platten Mundart.

Nachdem man mir an der einen Ecke Plaz gemacht hatte, brachte mir der Wirth eine Pfeife, und stellte einen kleinen Tisch mit einer Flasche Wein vor mich. Hierauf fuhr er in einer Erzählung fort, die durch meine Ankunft unterbrochen worden war. Sie betraf seine Jugend, Verheiratung, und Ehe. Nach dem Tode seiner ersten Frau hätte er gern eine zweite genommen, allein er war zu alt dazu. Eine junge würde ~ihn~ nicht gewollt haben, und zu einer von seinen Jahren hatte er selbst keine Lust gehabt.

Auch schmerzte es ihn bitter, daß er in seiner Jugend nicht hatte reisen können, es würde etwas ganz anderes, als ein Landwirth aus ihm geworden seyn. Zum Beweise seiner großen Kenntnisse sprach er dann vom Vorgebirge der guten Hoffnung, was bei ihm Ostindien hieß, und von der unerträglichen Hitze, und den hottentottischen Affen daselbst, und dergleichen mehr. Die guten Münsterländer hörten mit offenen Mäulern und Ohren zu, ganz erstaunt über die unerhörte Gelehrsamkeit des alten dicken Wirths. Indessen muß ich ihm lassen, daß er mir ein Abendessen vorsezte, das gar nicht übel war. Auch bekam ich im oberen Stocke ein reinliches Zimmer mit einem rechten guten Bett.

Am andern Morgen ließ ich mich nun mit meinen Sachen übersetzen, und gelangte in einer Viertelstunde nach Leer, mein vorläufiges Reiseziel. Hier nahm ich ein Zimmer in einem großen Wirthshause, bei einem gewissen Wagner, wo es mir aber durchaus nicht gefiel. Besonders stieß mich der gemeine liederliche Ton des Wirthes ab, den dieser am Gesellschaftstische angab. Ich sahe mich also noch denselben Tag nach einer andern Wohnung um, und fand auch bald ein recht artiges Zimmer mit einer angenehmen Aussicht obendrein.

Es war bei einer Schiffscapitainsfrau, die mir zugleich Kost, Licht und Heizung zu geben versprach. Für alles zusammen, das Zimmer mit eingerechnet, forderte sie nicht mehr als sieben Gulden, die Woche, was gewiß äußerst billig war. Das Schiff ist leider noch nicht angekommen, man erwartet es aber, so bald die Ems vom Eise frei ist. Unterdessen habe ich einen Theil meiner Bücher ausgepackt und beschäftige mich so gut es gehen will. Leer selbst, mit seinen 4000 Einwohnern, und seiner jetzigen Handelsstille, bietet so gut als gar keine gesellschaftlichen Hülfsquellen dar. Indessen kann mein Aufenthalt nicht lange dauern, und so nehme ich mit allem vorlieb.

~Zweiter Brief.~

~Leer~ Febr. 1805.

»Der harte Frost macht alle Schiffarth unmöglich; drum will ich noch einmal Frau und Kinder sehn!« -- So rief ich am Neujahrstage aus, und trat sofort die Reise an. Ich überraschte meine Lieben, brachte noch einiges im Haag in Ordnung, und kam vor ungefähr acht Tagen wieder hierher zurück. Seitdem hat es nun so stark getaut, daß die Ems völlig offen ist. Schon liegt ein Schiff nach dem Cap in Ladung, allein das unserige kommt erst übermorgen an. Der Himmel gebe, daß kein neuer Aufenthalt entsteht, damit ich doch endlich einmal meine Gemeinde begrüßen kann.

Unterdessen habe ich Leer ziemlich kennen gelernt. Würden Sie glauben, daß dieser kleine Ort eine lutherische, eine reformirte, eine katholische und eine mennonitische Kirche, so wie eine Synagoge hat? Die Ems fließt hinten daran weg, und ist im Flecken selbst nur von einigen Stellen zu sehen. Indessen trägt sie sehr große Schiffe, so, daß diese vor den Packhäusern ankern können, die an jener Seite befindlich sind.

Als ich gestern fortfahren wollte, kam meine Wirthin, mir zu sagen, daß eben unser Schiff angekommen sey. Sofort ließ ich mich übersetzen, stieg auf den Damm, und sahe es in der untergehenden Sonne gerade vor mir. Bald darauf langte der Capitain mit den übrigen Passagieren an, und wir machten die erste Bekanntschaft bei einer guten Abendmahlzeit. Diesen Morgen kam das Schiff vollends an den Wal, wie man hier sagt, so, daß es die Ladung einnehmen kann. Ich gieng mit einigen Freunden, es zu besehen, und fand, daß es ein gutes, festes, aber etwas kleines Fregattenschiff war. Nun, wir werden uns zu behelfen suchen, so gut es gehen will. Der Capitain, ein geborner Ostfriese, scheint ein recht guter Mann, und sorgt, dem Vernehmen nach, aufs reichlichste für unsern Schiffsbedarf. Er ist das freilich wohl im Stande, da jeder von uns eine sehr ansehnliche Summe für die Ueberfahrt zahlt. Dies ist indessen seine erste große Reise dieser Art. Doch hat er einen erfahrnen Steuermann, einen gebornen Holländer, der schon mehrere Reisen nach Ost-Indien gemacht hat. Eben so erwartet er einen Supercargo, der gleichfalls sehr gute Kenntnisse von diesen Gegenden haben soll. Indessen fand ich die Mannschaft, nur sechszehn Köpfe zusammen, für eine so weite Reise etwas schwach, weil doch immer ein Drittheil davon erkranken kann.

Leer ist der vielen Schiffe und Fremden wegen jezt äußerst lebendig, wobei sich der reiche Theil der Kaufleute besonders in Gastmählern zu zeigen sucht. Gewöhnlich sind es Abendmahlzeiten, von denen man aber oft erst Morgens aufsteht. In diesen legt man hier den größten Luxus zur Schau, besonders was die Weine betrifft. Der Bordeaux macht dabei den Anfang, und der Champagner den Beschluß. Ueberhaupt ist der Ostfriese von ruhigem, gutmüthigem, gastfreundlichem Charakter, so, daß es fast allen Fremden hier sehr wohl zu gefallen pflegt.

Dazu tragen denn auch in vieler Hinsicht die angenehmen Spaziergänge in der Nachbarschaft bei. Der besuchteste davon führt nach Bollinghusen, eine Art Gehöfte mit einem Herrenhause, das dem Baron von Reede gehört. Dabei befindet sich ein schöner Park und Garten, die jedermann offen stehn. Ein großes wohleingerichtetes Wirthshaus mit einem Tanzsaal fehlt ebenfalls nicht. Es ist daher alle Tage, besonders aber Sonntags, große Gesellschaft hier.

Ein anderer angenehmer Weg führt nach Loga, ohngefähr eine halbe Stunde östlich von Leer, auf der großen Straße nach Deutschland. Dieses Loga ist ein ansehnliches Dorf, das aus einigen Straßen besteht und viele stattliche Gebäude hat. Unter diesen befinden sich mehrere Landhäuser, die sehr geschmackvoll eingerichtet sind. Besonders zeichnet sich das Schloß des Grundherrn, des Grafen ~von Wedel~, aus. Es ist fürstlich zu nennen, und mit den herrlichsten Park- und Gartenanlagen versehen.

Eine Viertelstunde nördlich von Leer erhebt sich mitten im freien Felde eine nicht unbedeutende Anhöhe, der ~Plettenberg~ genannt. Der Weg dahin führt zum Theil durch eine hohe Ulmenallee, bei den Ruinen eines alten Schlosses vorbei. Man hat von diesem Anhöhe eine sehr ausgebreitete Aussicht auf den schlängelnden Fluß, und einen großen Theil von Ostfriesland. Bei heiterem Wetter kann man selbst Embden, und die Schiffe auf der dortigen Rhede sehn. Nun, in kurzem werden wir selbst dort liegen, und dann mit Gott in offene See.

~Dritter Brief.~

An Bord, auf der Rhede von ~Embden~, April 1808.

Da bin ich denn an Bord unserer Anna Wilhelmina, dies ist der Name unseres Fregattenschiffs. Nach Abgang meines lezten blieb ich ohngefähr noch acht Tage in Leer. Unterdessen nahm das Schiff den Rest seiner Ladung ein, und segelte den Fluß hinab. Wir Passagiere, acht zusammen, folgten zu Lande nach. Morgens fuhren wir ab, Mittags kamen wir in Embden an. Die Rhede von Embden hat das Unbequeme, daß kein großes Schiff in der Nähe der Stadt vor Anker gehen kann. Man muß daher oft eine Stunde, ja zwei Stunden fahren, ehe man zu seinem Schiffe kommt. Dies war leider auch unser Fall, doch endlich hatten wir die gehörige Höhe erreicht, und konnten unser Schiff gerade vor uns sehn. Da es aber gerade Ebbe war, entstand ein neuer Aufenthalt. So harrten wir bis sechs Uhr Abends am Strande, bis endlich die Schaluppe uns abzuholen kam.

Sobald wir uns an Bord befanden, wies uns der Capitain, je zwei und zwei zusammen, unsere Hütten an. Mit meinem Gefährten hatte ich schon in Leer Bekanntschaft gemacht. Es war ein alter herzensguter Mann, der als Aufseher der afrikanischen Wallfischfang-Gesellschaft ebenfalls nach der Kapstadt gieng. Ich übernahm die Mühe, unsere Hütte in Ordnung zu bringen, was mir denn auch nicht übel gelang.

Denken Sie sich einen kleinen Verschlag, der höchstens drei Personen fassen kann, und das Licht nur durch ein kleines Fenster in der Thür erhält. Denken Sie sich ferner in der einen Wand derselben zwei Koyen, oder Schlafstellen über einander, so haben Sie unsere Hütte vor sich. Hier muß man denn nun sehn, wie man seine Sachen unterbringt. Ein Glück, daß ich beim Einladen unserer Provisionen zugegen war, so ward alles gleich in die Hütte gesezt.

Was wir daher am nöthigsten brauchten, wie Wäsche, Bücher u. s. w. kam unter die Matrazze, oder fand an den Enden der Koye einen Plaz. Andere Sachen, wie Töpfe mit Eingemachtem, Thee, Kaffee, Zucker, Gläser, Seife, Liqueur u. s. w. wurden in einen Schrank verschlossen, der an der entgegengesezten Wand befindlich war. Einige Kleidungsstücke wurden zwischen die Balken an der Decke der Koye gesteckt. Die größeren Vorräthe, wie die Weinkisten, das Selteserwasser u. s. w. befanden sich im Raume, doch oben aufgesetzt. Auf diese Art war unsere Haushaltung sehr bald in Ordnung gebracht. Wir nahmen hierauf bei dem Capitain das Abendessen ein, und sanken zulezt unter dem Rauschen des Wassers in tiefen Schlaf.

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