Die deutsche Dampfer-Expedition zum Nyassa-See.

Part 51

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Während der Regenzeit, die jetzt herangekommen war, liegen regenschwere Wolken über der weiten Fläche des Nyassa-Sees; starke Winde treiben die schwarzen Massen vor sich her, die tiefhängend, die mächtigen Felswände dem Auge entziehen. Plötzliche Sturmböen fegen mit rasender Gewalt von den Bergen herab und wühlen die leicht erregten Fluthen auf, Wind- und Wasserwirbel fliegen über diese hin, und im Gegensatz zum blinkenden Sonnenlicht liegt eine graue Dämmerung über die bald ruhigen, bald schaumgekrönten Wogen des Sees gebreitet. Nah und fern hallt der Donner, tausendfachen Wiederhall erweckend, und zuckende Blitze rings um den Horizont erscheinen wie hunderte glühender Schlangen, die das Wolkenmeer zertheilen. Die Atmosphäre ist mit Elektrizität überladen, die Luft schwül und drückend, bis das Unwetter hereinbricht mit einer Gewalt, wie nur die Tropenwelt sie kennt. Und unbeirrt durch alles dies zieht der »H. v. Wißmann« seine Straße, bald gegen Sturm und Wellen kämpfend, bald die beruhigten Gewässer durchfurchend.

Vor Likoma lagen wir in der Scheidestunde des Jahres 1893 zu Anker und begingen die Neujahrsfeier im Verein mit den englischen Missionaren an Bord des »H. v. Wißmann«. In mitternächtlicher Stunde donnerten die Geschütze, die an Felsen und Rocks von elektrischen Licht erhellt, tausendfachen Widerhall weckten, dem scheidenden Jahr zum Gruß knatterten die Gewehre und prasselnde Leuchtkörper zischten in die Lüfte, die bei dem am Strande versammelten Hunderten Staunen und Verwunderung hervorriefen.

Vor Langenburg eingetroffen, war der längere Aufenthalt daselbst in dieser Anfangsperiode der Regenzeit zuweilen recht unangenehm. Nordwestliche Winde, wenn auch nicht stürmisch, regten doch den See so auf, daß das dort vor Ankerliegen namentlich Nachts recht ungemüthlich wurde, dazu die furchtbaren Regenschauer, die über alle Beschreibung schrecklichen Gewitter. Die Feuerschlangen, die oft die dunkelste Nacht momentan wie mit magischem Lichte erhellten, zuckten unablässig aus der tiefhängenden Wolkenmasse hernieder, die an der Felsenwand des Livingstone-Gebirges sich aufgeballt; prasselnd folgte Schlag auf Schlag, der furchtbarste Donner hinterher, mit einer Gewalt, als würden die Felsen zersplittert, und der Furchtbarkeit der entfesselten Elemente steht Mensch und Thier schaudernd und zitternd gegenüber. Jeder Blitzstrahl, der in nächster Nähe des Schiffes herniederfuhr und heller als das Tageslicht die mächtige Dunkelheit durchzuckte, schien die hohen Masten des Schiffes treffen zu wollen. Obgleich keine unmittelbare Gefahr vorhanden, da gute Blitzableiter an denselben angebracht waren, so war es doch geradezu unheimlich, sich noch in geschlossenen Räumen, die nahe den Masten auf oder unter Deck lagen, aufzuhalten; der blendend zuckenden Gluth, die scheinbar aus einem wallenden Feuermeer herabfuhr, dem furchtbar wüthenden Elemente schaute man lieber im Freien zu. Schwefelgeschwängert war die Luft, schwer und drückend, wie ein Alp machte sie die Sinne befangen und selbst die That und Willenskraft erlahmte unter einem eigenthümlichen Gefühl der Bangigkeit, welches man nicht abzuschütteln vermochte. Auf den Ozeanen finden die wildesten Gewitterstürme, die rasenden Orkane und Pamperos etc., abgesehen von der alles zerstörenden Gewalt des Windes, sind mir die Entladungen der Elektrizität nie so furchtbar erschienen, wie hier auf dem Nyassa-See. -- Reich und üppig sprießt die Natur, nun der Regen die durstige Erde durchtränkt hat, auf Bergeshöhen und in den Thälern blüht und grünt es, als hätte eine Zaubermacht mit einem Schlage schlummerndes Leben geweckt --, den Frühling brachte die Regenzeit. Korn und Erdfrüchte, als Mais, Mtama, Bataten etc., hat, auf reiche Ernte hoffend, der Bewohner Afrikas in die Erde gebracht, alles treibt mit Macht zum Licht empor und verspricht den erhofften Segen, der nicht ausbleiben darf, den die gütige Mutter Erde tausendfach spenden muß, sollen nicht viel tausend Menschenkinder, die keinen anderen Ernährer finden, noch kennen, durch Hunger und Elend zu Grunde gehen.

Und sie thut es auch, sie lohnt dankbar auch die kleinste Müh und Arbeit. Aber was sie überreich gespendet, was sie fast mühelos dem unter einer heißen Sonne geborenen Menschenkinde in den Schoß wirft, ist doch mitunter gefährdet ehe noch die Frucht zur Reife gelangt; dann dem Hunger preisgegeben, wenn die Vorrathskammern leer, steht der arme Neger und schaut der Vernichtung seiner Felder zu, der er, machtlos gegenüber, nicht Einhalt gebieten kann.

Die Heuschrecke ist sein schlimmster Feind, zu Millionen in blühende Gefilde einfallend, vernichten sie jede Hoffnung, keinen Grashalm, Blüthe noch Blatt verschonen sie, und ziehen sie wieder, lassen die Schaaren Schrecken und Tod zurück. Vom Tanganjika-See herunter waren die gefräßigen Thiere gekommen, an den Abhängen des Livingstone-Gebirges eingefallen und hatten der Ernte der Eingeborenen und aller Vegetation Vernichtung gebracht. Tausende schwirrten auf Strauch und Bäumen, tausende in der Luft umher, jeder Grashalm war dicht besetzt und zahllos die unersättlichen Nager; jeder Fußtritt im kahlgefressenen Grase, selbst noch an den dürren Stengeln, scheuchte hunderte auf, die gewaltigen Blätter der Bananen und deren wohlschmeckende Frucht wurden eine willkommene Beute, kahl ragt der saftige Stamm dieser herrlichen Pflanze in die Lüfte, ein trauriges Bild unglaublicher Vernichtung darstellend; selbst die abertausend jungen Keime der gewaltigen Baumriesen, Baobab und Tamarinden, verschonte das Thier nicht.

Welche Verheerung in kurzer Zeit die Heuschrecke anzurichten vermag, sah ich hier auf der Rambira-Landzunge und am Fuße des Gebirges zum ersten Male, und doch waren es nur kleine Schwärme, die sich hier niedergelassen hatten. Viel verheerender haben sie die Länderstrecken ostwärts heimgesucht: später auf dem Heimwege, im ganzen Schirethal fand ich nur ödes Land, Vernichtung überall, die die bitterste Noth und den Hunger im Gefolge haben mußte.

Am 9. Januar 1894 trat ich wieder die Reise südwärts an und war erst wenige Tage von Langenburg entfernt, als dort ganz unerwartet am 13. die Nachricht eintraf, daß Seine Exzellenz der Gouverneur von Deutsch-Ostafrika, Freiherr von Schele, mit einer gewaltigen Expedition am nächsten Tage in Langenburg eintreffen werde.

Auf einer militärischen Expedition begriffen, war Freiherr von Schele von der Küste aus bis zum Fuße des Livingstone-Gebirges vorgedrungen und nun dem Nyassa-See ziemlich nahe, beschloß er, sich persönlich von der Lage der deutschen Station und den Verhältnissen am See zu überzeugen. Wohl war das Ueberschreiten des hohen Gebirgskammes mit 600 Mann keine Kleinigkeit, aber quer durch das Gebiet der Wagwangwara, an steilen Abhängen entlang den Weg suchend, erblickten die zahlreichen Theilnehmer -- 17 Offiziere allein begleiteten den Gouverneur -- auf der Höhe der Kayser-Bucht den im Sonnenglanz gebadeten Nyassa-See zuerst. Schwieriger noch ward der Weg von hier nordwärts, entlang den tiefen Felsengründen, und mehrere Maulthiere stürzten vom schmalen Gebirgspfad abwärts in die Tiefe, die aufgegeben werden mußten, da keine Möglichkeit vorhanden war, diese Thiere aus den Abgründen wieder herauszuschaffen.

Nach Eintreffen des Gouverneurs in Langenburg wurde unverzüglich ein Eilbote über Land nach Karonga gesandt, der, wie gehofft wurde, dort die Domira vielleicht noch antreffen könnte, die mir dann den Befehl zur sofortigen Rückkehr überbringen sollte. Allein nur einen Tag zu spät traf der Bote ein, und obwohl dem Schiffe noch bis Pankanga nachgeeilt wurde, war dieses auch schon von dort wieder abgefahren.

In voller Unkenntniß der Ereignisse im Norden (mir Nachricht zu senden, war ja ausgeschlossen), setzte ich meine regelmäßige Tour südwärts fort; selbst in Amelia-Bai, wo ich einer sich sammelnden Araber-Karavane den Bescheid bringen sollte, daß sie mit dem Schiffe später abgeholt werden würde, wußte man von der Annäherung der deutschen Expedition noch nichts.

Am Südende des Sees feierten wir am 27. Januar noch Kaisers Geburtstag, und zur selben Zeit als im Süden der »H. v. Wißmann« im Flaggenschmuck aus dem ehernen Mund der Geschütze dem deutschen Kaiser den Gruß entbot, brachte im fernen Norden des Sees der Kaiserliche Gouverneur Frhr. v. Schele auf Station Langenburg seinem Kaiserlichen Herrn ein Hoch aus, und der Mund der Geschütze sandte auch hier der deutschen Pioniere Gruß dem deutschen Kaiser zu.

Am 28. Januar brach ich erst wieder von Fort Johnston auf, erreichte am 2. Februar Amelia-Bai und war überrascht, hier eine ganze Anzahl Araber versammelt zu finden, mehr noch, als der große Häuptling der Wagwangwara Raschid selbst mit an Bord kam und mir ein arabisches Schreiben überbrachte, das vom 28. Januar die Unterschrift des Frhr. v. Schele trug und in Langenburg ausgefertigt war. Was mir kaum glaublich schien, mußte dem Schreiben nach wahr sein, und jeder Zweifel schwand, nachdem Raschid mir den Inhalt desselben in Kisuaheli übersetzt hatte; darnach theilte der Gouverneur Raschid mit, daß er beabsichtige, in den nächsten Tagen mit seiner Expedition aufzubrechen und von Amelia-Bai den Weg über das Gebirge wählen würde, er solle für Proviant etc. in seinem Gebiet Sorge tragen.

Direkt nach Langenburg zu dampfen war mir nicht möglich, weil ich eilige Post und Güter für Karonga an Bord hatte, kürzte aber, dort angekommen, den Aufenthalt nach Möglichkeit ab und setzte die Reise nach Einschiffung des französischen Bischofs Monsigneur Laschaploir und dessen Begleiter, die vom Tanganjika-See hier angekommen waren, fort. Gegen Abend des 3. Februar 1894 vor der deutschen Station eingetroffen, donnerte im Moment, als der Anker in die Tiefe rauschte, vom Schiffe der Kanonensalut für den Gouverneur, und ehe noch der Dampfer wie üblich befestigt war, kam Frhr. v. Schele zur Besichtigung an Bord. Unter der Zahl seiner Offiziere aber fand ich manchen alten Bekannten wieder aus jener Zeit, wo an der ostafrikanischen Küste unter Führung des Majors von Wißmann der große Araberaufstand blutig niedergeworfen worden war.

Tag für Tag hatte man sehnsüchtig auf die Ankunft des »H. v. Wißmann« gewartet und, obgleich ich mit dem Schiffe doch erst zur bestimmten Zeit eintreffen konnte, waren schon alle Vorbereitungen getroffen, mit dem großen Stahlboot und der von Major von Wißmann seinerzeit gekaperten Dhau wenigstens einen Theil der Expedition nach Amelia-Bai abzusenden, selbst nach Ankunft des Dampfers sollte dieser Befehl noch zur Ausführung kommen. Mit der unbeständigen Witterung besser vertraut als jeder andere, war es meine Pflicht, auf die Gefahr aufmerksam zu machen, welche für das offene Stahlboot eintreten mußte, sobald der See vom Winde erregt unruhig werden würde.

Auf die Hinweisung, daß es unter solchen Verhältnissen besser und sicherer sein werde, der Dampfer nehme die Fahrzeuge im Schlepptau, änderte Se. Exzellenz den Befehl und die Abfahrt wurde um einen Tag verschoben.

Seine Anwesenheit im Nyassa-See hatte der Gouverneur dazu benutzt, sich eingehend über die Beschaffenheit der Konde-Ebene zu orientiren, auch die deutschen Missionsstationen zu besuchen, wollte aber nun auch noch die deutsche Grenze, den Songwe-Fluß besichtigen, sowie sich die Lage der englischen Station Karonga ansehen. Demnach dampften wir in der Frühe des 4. Februar hinüber zur Westseite des Sees und, da eine Exkursion den Songwe hinauf geplant worden, wurde solche mit zwei Schiffsbooten unternommen, und eine in jeder Beziehung angenehme Fahrt in diesem reichen Gebiet war es für die Theilnehmer.

Die Einschiffung der Maulthiere, Esel, Geschütze und des gewaltigen Gepäcks begann am 5. früh, dazu war mit 27 Europäern und 380 Mannschaften der »H. v. Wißmann« recht schwer belastet. 200 Mann wurden im großen Stahlboot, der Rest in der Dhau untergebracht und gegen 11 Uhr Vormittags konnte die Abfahrt vor sich gehen. Frei von Rambira, war das Unangenehmste, die über Nacht aufgekommene südliche Schwell, gegen welche nun mit halber Maschinenkraft angedampft werden mußte, zu überwinden, oftmals mußte langsam gefahren werden, brach doch die See zeitweilig in das schwer beladene offene Boot hinein, sodaß unablässig eingeschlagenes Wasser ausgeschöpft werden mußte. Besser hielt sich die Dhau im Schlepptau, allein durch das lange Liegen am Strande leck geworden, nur nothdürftig von den Arabern abgedichtet, glaubte ich manchmal, sie würde sich nicht über Wasser halten können, wenigstens für die Mannschaft in derselben war es keine beneidenswerthe Arbeit, unablässig zu schöpfen, um nur des eindringenden Wassers Herr zu werden.

Es war nicht gut möglich die Nacht hindurch zu dampfen wegen der unbeständigen Witterung, daher wurde auch die Kayser-Bucht als das Endziel festgesetzt.

Gegen Abend erreichten wir denn auch die Bucht und zur Sicherheit, um nicht dem Strande zu nahe zu kommen, hatte ich schon den Anker auf 20 Faden = 120 Fuß fallen lassen, damit, wenn wie häufig Nachts westlicher Wind und See aufspringen sollte, der Hintersteven nicht auf Grund stoßen könnte; allein als um Mitternacht wirklich der Wind mit einer starken Regenboe einsetzte, gab das Anker an der steil zur großen Tiefen abfallenden Felswand nach und bald erschütterten heftige Stöße das Schiff. Es blieb hierbei nichts anderes übrig, als Kette einzuhieven, vielleicht daß der Anker auf geringer Tiefe wieder Halt fände, was auch zum Glück der Fall, und nur froh war ich, als gegen Morgen die See abnahm und der neue Tag heraufdämmerte.

Da der See am Morgen, wenigstens dicht unter der Felsenwand, ziemlich ruhig war, konnte früh schon die Reise fortgesetzt werden und ohne besondere Schwierigkeit erreichten wir gegen Mittag des 6. Februar die Mündung des Buhobu-Flusses, südlich von Amelia-Bai. Die Ausschiffung, da hier dem Lande nicht recht nahe geankert werden konnte, währte bis zum Abend, namentlich machten die Maulthiere und Esel uns recht viel Mühe.

Der Abmarsch der Expedition war auf den nächsten Morgen festgesetzt, deshalb entfaltete sich an dem Ufer des Flusses im provisorischen Lager ein recht reges Leben bis alles geordnet war, Soldaten und Träger vertheilt, und nach deutscher Art alles klappte. Zur Weiterfahrt mit dem Dampfer wurde nur Leutnant Fromm kommandirt, der die Verhältnisse auf dem Schire und Zambese erkunden und gleicherzeit den Transport eines erkrankten Unteroffiziers leiten sollte, sowie Doktor Lieder, der mit einer kleinen Zahl von Trägern von Mbampa-Bai quer durchs Land zur Küste marschiren und geologische Untersuchungen im südlichsten Theil des unbekannten deutschen Gebietes anstellen wollte.

Gleichzeitig am 7. früh, als die Trompete zum Aufbruch rief und die langen Kolonnen der Expedition sich in Bewegung setzten, lichtete auch der »H. v. Wißmann« die Anker und über Neu-Helgoland trafen wir noch selbigen Tages in der Mbampa-Bai ein. Hier landeten wir noch Dr. Lieder mit seinen Lasten und Leuten, der sein kleines Lager etwa 100 Meter vom Schiff entfernt am öden Strande aufschlug.

Tiefe Ruhe lag über Land und See ausgebreitet, selbst die Stimmen der Nacht tönten nur schwach aus der weiten Ebene herüber und nichts deutete darauf hin, daß der König der Thiere uns einen Besuch abstatten würde. In tiefster Ruhe und vermeintlicher Sicherheit lagen um das Zelt des Dr. Lieder dessen Leute, nach Negerart mit dem Lendentuche bedeckt, um sich so gegen die Stiche der Mosquito zu schützen, und schliefen fest auf dem kühlen Sande, dem Wachposten es überlassend, für ihre Sicherheit zu sorgen.

Plötzlich, es mochte zwei Uhr Morgens geworden sein, hallte ein wilder Schrei durch die Stille der Nacht, der, mit dem zugleich eröffneten Gewehrfeuer, alle Schläfer an Land sowohl wie auch an Bord jählings aufschreckte. Lauter aber als das Stimmengewirr und der Schmerzensschrei eines Mannes, tönte die gewaltige Stimme des Löwen, der grollend abzog, da ihm seine Beute, die er mit der Tatze geschlagen, entgangen war.

Schulter und Brust des überfallenen Mannes hatte der Löwe mit seinen scharfen Krallen aufgerissen, nur der Schmerzensschrei wilder Angst hatte den Menschenräuber stutzig gemacht, und ehe er seine Beute sicher gefaßt hatte, feuerte schon der Posten. Dr. Lieder hielt es für geboten, da der Löwe sich nicht gescheut hatte, bis in den Kreis der schlafenden Leute einzudringen, jetzt doppelte Posten der Sicherheit halber aufzustellen; war es auch ausgeschlossen, daß der Räuber einen neuen Versuch wagen würde, so gebot doch die Vorsicht, fortan achtsamer zu sein.

Bald hatte sich die Aufregung gelegt und tiefe Ruhe war wieder eingetreten, als plötzlich, noch mochten kaum 2 Stunden seit dem ersten Angriff verflossen gewesen sein, heftiges Gewehrfeuer die Nacht durchschallte. Wild brüllend, seinen Groll über den abermaligen Mißerfolg kundgebend, zog der Löwe ab. Die Posten, die jetzt wachsamer gewesen waren, hatten den schleichenden Löwen, der, geschützt durch die Dunkelheit, wieder ganz nahe gekommen war, rechtzeitig bemerkt, und ehe er zum zweiten Male, dann wohl mit besserem Erfolge, einen der Schläfer fassen konnte, scheuchten ihn die Stimmen und die Schüsse fort.

Man kann sagen, es war ein Glück, daß dem zum Sprunge bereiten Löwen keine der ersten Kugeln getroffen hatte, das Thier, jedenfalls von heftigem Hunger geplagt, hätte dann sicher, nur verwundet, wüthend angegriffen und außer denen, die er mit den Tatzen niedergeschlagen, würde er mit einem Unglücklichen doch entkommen sein.

Nun war es vorbei mit der Ruhe und als der junge Morgen anbrach, rüstete sich die kleine Schaar, um den ungastlichen Strand zu verlassen, wir aber wünschten dem kühnen Forscher, der sicher mancher Gefahr entgegen ging, eine glückliche Reise durch unbekanntes, unerforschtes Gebiet. Mehrfach habe ich der wilden Thiere Erwähnung gethan und namentlich auf die zahlreichen Leoparden und Panther, die uns überall am meisten belästigt hatten, hingewiesen, den Löwen aber als weniger gefährlich bezeichnet, weil dieser auf unserem Wege nicht in so großer Zahl aufgetreten ist.

Wohl ist das richtig, da der Löwe sich nicht so bemerkbar macht, auch nicht gleich dem Panther sich auf feigen Raub einläßt, vielmehr seine Stärke an ebenbürtigeren Gegnern, als Büffel etc., erprobt, und nicht der wehrlosen Ziege und dem Schafe nachstellt. Mit Stolz verschmäht der König der Thiere es, wenn seine markigen Glieder noch elastisch genug sind, die friedlichen Heerden zu gefährden, thut er es aber und treibt ihn der Hunger dazu, wählt er sich den starken Bullen aus und bringt ihn zu Fall, gefährlich nur wird er, wenn das Alter ihn drückt, die sehnigen Glieder erschlafft sind und er dem flüchtigen Wilde nicht mehr folgen kann, den Büffel nicht mehr im tödtlichen Kampfe angreifen darf; dann erst sucht er die Wohnstätten der Menschen auf, raubt in den Heerden und wird ein gefährlicher Menschenräuber, sobald er erst einmal Menschenfleisch geschmeckt hat.

Niemals, noch im Vollbesitz seiner Kraft, wird der Löwe, sofern ihn nicht wilder Hunger plagt oder er aufgestört und verwundet worden ist, sich aus Blutgier auf den Menschen stürzen. Wie alle Thiere, meidet auch der Löwe den Menschen, wenn er kann, wird aber der gefährlichste Gegner, wenn er gereizt zum Angriff übergeht.

In einzelnen Distrikten des Seengebietes ist der Löwe, der nie hier gejagt wurde, für die Bewohner eine Plage geworden, selbst Auswanderungen und das Aufgeben einzelner Ortschaften haben stattgefunden, nur weil zu häufig die Heerden gefährdet und Menschen geraubt worden sind, steht doch der Eingeborene dem Löwen fast machtlos gegenüber.

Die Eingeborenen wehren sich selbstverständlich nach ihrer Art und suchen durch vergiftete Pfeile, Fallgruben oder Gift sich des gefährlichen Feindes zu entledigen, was ihnen jedoch seltener gelingt; haben sie aber, schließlich zur Verzweiflung getrieben, den Zufluchtsort eines Löwen, der ihnen unaufhörlich Schaden zugefügt, erkundet, umstellen sie das dann meistens vom Raube übersättigte Thier, stören es auf, und suchen es zu tödten, oft freilich unter schweren Verlusten ihrerseits.

Die Engländer, als bekannte Sportsleute, haben sich, namentlich Offiziere der Kanonenboote, auf die gefährliche Löwenjagd gelegt, und meistens in dem hügeligen Terrain hinter der Pankanga-Bucht ist es Einzelnen gelungen dem Löwen nahe zu kommen.

Doktor M'ckay und Mister Crawshay hatten auch das Glück, einige zu erlegen, was mir aber letzterer bestätigte, ist, daß ein angeschossener Löwe nie direkt den Jäger angenommen hat, sondern, wenn auch langsam, stets entfloh. War der Schütze sicher, daß seine Kugel gut getroffen hatte, wurde erst nach Tagen eine allgemeine Treibjagd mit Hilfe der Eingeborenen unternommen, um das verendete oder dem Verenden nahe Thier im dichten Gebüsch aufzusuchen. Einst auch hatte Mister Crawshay eine große Löwin angeschossen und diese nach Tagen suchend, stieß einer seiner Leute unerwartet auf das sterbende Thier, das aber noch so viel Kraft besaß, den im ersten Augenblick höchst erschrockenen Mann anzufallen und mit den Zähnen und Tatzen an den Beinen arg zuzurichten, ehe dessen Rufe gehört und eine Kugel ihn aus den Krallen der wüthenden Katze befreite.

Schlimmer erging es Doktor M'ckay, derzeit an Bord des Kanonenbootes »Pionier«, auch einst in Port Herald mein freundlicher Arzt. Er hatte gehört, im Gebiete Jumbes, in der Nähe des »Livlezi-Flusses« sei eine Elephanten-Herde gesehen worden und machte sich auf, diese zu jagen; schon weit den Spuren gefolgt, traf er am 22. Oktober 1894 aber mit Löwen zusammen, und als ein kühner Jäger, der schon zweimal mit Erfolg dem König der Thiere entgegengetreten war, nahm er die gefährliche Jagd auf. Es gelang ihm auch, einen der Löwen zu verwunden und verfolgte das Thier, bis er nahe gekommen war, um es den Gnadenschuß zu geben.

In dem Augenblick, als der Löwe sich seinem Verfolger zugewendet hatte, feuerte Dr. M'ckay; das Thier war aber nicht tödtlich getroffen, es sprang, ehe er einen zweiten Schuß abzugeben im Stande war, vor Schmerz brüllend, auf ihn, riß ihn, seinen linken Arm zerbrechend, zu Boden und grub die Tatzen tief in die Schultern des Gefallenen ein.

Nach Aussage der Begleiter, die außer einem Diener, »Musa« mit Namen, auf Bäumen geklettert waren, hat nun ein furchtbarer Kampf stattgefunden; der Löwe, von Blutverlust schon sehr geschwächt, versuchte die Kehle des Doktors zu fassen, was dieser mit dem rechten Arm und Hand abzuwehren suchte, dabei rufend, daß Musa feuern solle.

Die kurzen Augenblicke, die vergangen waren, ehe der Diener zum Schießen kam, hatten aber hingereicht, daß der Löwe den Unglücklichen gräßlich zurichten konnte, und erst, als die Kugel das Thier getroffen, ließ dieses von dem Doktor ab und wandte sich dem neuen Gegner zu, brach aber bei diesem Versuche zusammen. Sobald der Doktor mit Hilfe des Dieners hochgerichtet war, sah er wenige Schritte entfernt den gewaltigen Löwen liegen, und obgleich er fühlte, daß dieser ihm die Todeswunde beigebracht hatte, wollte er doch Sieger bleiben. Er hieß den Diener vor ihm niederknien, faßte mit der schwer verletzten Rechten seine ihm entfallene Waffe und diese auf der Schulter des treuen unerschrockenen Schwarzen ruhen lassend, gab er dem sterbenden Löwen den Gnadenschuß, der dem zähen Leben der mächtigen Katze ein Ende machte.

Jetzt der grimme Feind besiegt und todt, verließen auch dem kühnen Jäger die letzten Kräfte; schrecklich von den Tatzen des Löwen zugerichtet, schwand diesem das Bewußtsein, eine Wohlthat, die die brennenden Schmerzen auf dem beschwerlichen 15 englische Meilen langen Wege bis zum provisorischen Lager an der Küste linderte. Von seinen Leuten behutsam getragen, konnte dort dem Doktor nur die Hilfe zu Theil werden, welche der Sikhsposten zu leisten im Stande war, und so starb er nach zwei Tagen, ein Opfer seiner Kühnheit, betrauert von allen, die ihn gekannt haben. Seine Ruhe aber fand er auf dem Missionskirchhof der Insel Likoma, wohin ihn der Tags darauf zurückkehrende »Pionier« gebracht hatte.