Die deutsche Dampfer-Expedition zum Nyassa-See.

Part 52

Chapter 521,979 wordsPublic domain

Nun kam auch bald für mich die Stunde, Abschied zu nehmen, das große Werk war vollendet, in rastloser Arbeit das Mögliche erstrebt; zwei Jahre waren wieder hingegangen in Kampf und Streit, in Mühen und Gefahren, und so konnte auch ich mit dem Bewußtsein, die ganze Kraft und Können für die Ehre des deutschen Namens eingesetzt zu haben, zufrieden von der Stätte der Arbeit scheiden und die Schritte heimwärts lenken. Nachdem unsere Ablösung in Fort Johnston gegen Ende März eingetroffen war, fuhr ich mit Spenker in einem Missionsboote flußabwärts nach Matope und als das Schiregebirge überschritten war, setzten wir die Fahrt auf dem Schirefluß unterhalb der Katarakte stromabwärts nach Chilomo fort, wo wir uns auf einem Flußdampfer einschifften und mit solchem Chinde und den Ozean wieder erreichten. Was ich aber auf diesem langen Wege (einen Monat gebrauchten wir bis zur Küste vom Nyassa-See) an Elend und Verderben gesehen, welches die Heuschrecken über das ganze Land gebracht hatten, will ich zusammenfassen, indem ich dem Empfinden Ausdruck gebe, mit welchem ich aus eigener Anschauung die Vernichtung gesehen.

Der Hunger, der grausamste Feind der Menschheit, zieht vernichtend, schlimmer als der unerbittliche Krieg, durch ungeheure Gefilde Afrikas, deren Bewohner, abgeschlossen von allen Mitteln, -- die niedrige Kulturstufe, auf der sie stehen, hat solche ihnen noch zu wenig an die Hand gegeben -- dem bleichen Tod in das Angesicht schauen und unter Qualen, wie sie die lebhaftigste Phantasie nicht zu ersinnen vermag, dahinsterben. Hohlwangig bis zu Skeletten abgezehrt, vom bittersten Schmerz, wie ihn nur der Hunger bereiten kann, gefoltert, schleichen die wankenden Gestalten über die von der Sonnengluth ausgedörrte Erde hin, oder in rauchgeschwärzten Hütten liegend, ergeben sie sich in das unvermeidliche Schicksal.

Kein Grashalm, keine Erdfrucht, die sonst in Zeiten der Noth den Hunger gewehrt, bis die nächste Ernte Ueberfluß an Allem gebracht, ist mehr zu finden, um den furchtbaren Schmerz in den Eingeweiden zu lindern; überall Vernichtung, soweit das Auge schweift, nur öde, harte Grasstengel, selbst für den Urheber all' dieser unsäglichen Qual unverdaulich, absolut nichts hat die gierige Heuschrecke, zu Millionen einfallend, verschont, jedes keimende Pflänzchen an Mais, Mtama oder Erdfrucht ist vernichtet, und die Ernte, die einzige Lebensbedingung, die der Neger kennt und wofür er noch arbeitet, ist zerstört.

Der Vernichtung ist alles Pflanzenleben und mit diesem auch des Menschen Existenz preisgegeben. Heben sich auch Abertausende dieser unersättlichen Nager von einem vernichteten Distrikt hinweg, um anderen blühenden Gefilden dasselbe Loos zu bereiten, so lassen sie doch die junge Brut zurück, die das Werk vollenden und durch Hunger schließlich der eigenen Vernichtung anheimfallen. Unsäglich traurig ist der Anblick einst blühender Anpflanzungen, leer sind längst die Vorrathskammern, die der Ueberfluß einst gefüllt hatte, und der bittere Hunger treibt die Eingeborenen hinweg, um vielleicht unbarmherzigen Feinden in die Hände zu fallen, die alle Bande trennend den Aermsten das Sklavenloos bereiten, aber bitterweh thut der Hunger -- selbst das herbste Loos scheint dem Menschen leicht, wenn er dadurch nur dem grimmen Feinde wehren kann!

Zwar erklärt der Eingeborene den Heuschrecken nicht minder den Krieg, und in solchen Fällen kennt die Noth kein Gebot, in Massen werden sie über Feuer geröstet, verzehrt, aber ohnmächtig steht er doch schließlich dem schrecklichen Feinde gegenüber, der selbst, wenn er alles zerstört hat, auch den Menschen nicht mehr als Nahrung dienen kann.

Auf dem hochgeschwollenen Schireflusse, der pfeilgeschwind seine schmutzig grauen Fluthen über dem starken Gefälle dahinwirbelte, suchte ich an vielen Stellen für meine Leute Nahrung, aber wenig konnten die Uferbewohner nur geben, denn am Zerstörungswerke arbeiteten auch hier die Heuschrecken, die Hungersnoth mußte kommen, keine Menschenmacht konnte hier mehr Einhalt gebieten.

In Chilomo an der Mündung des Ruo-Flusses bot sich mir ein abschreckendes Bild furchtbarer Zerstörung dar, die Gräben waren thatsächlich fußhoch mit todten Heuschrecken angefüllt, auf deren Leibern die junge Brut wimmelte, und jeder Fußtritt des Menschen in dem abgenagten Gestrüpp scheuchte Tausende auf, die, unfähig zu fliegen, sich an die kahlen Stengeln klammerten und noch gierig nach Nahrung suchten, die Luft war verpestet, und selbst der Mensch floh vor dem Würger Tod; so sind weite Strecken von dieser furchtbaren Plage heimgesucht und sie forderte ungezählte Opfer!

Der Schirefluß ist während der Regenzeit unberechenbar, er hatte im Februar 1894 schon eine abnorme Höhe erreicht und war hier bei Chilomo 19 Fuß hoch so plötzlich gestiegen, daß die große Handelsniederlassung gefährdet wurde, ebenso schnell fiel er auch, sonst wäre wohl der durch die fessellosen Fluthen entstandene Schaden sehr groß geworden. Die Stromschnelle bei Ziu-Ziu, die wir 1892 mit so vieler Mühe passiren mußten, war jetzt ganz verschwunden, die Insel Pinda überschwemmt, und jenes versandete Flußbett, worin der »Pfeil« lange Zeit festgelegen hatte, durch die starke Strömung wieder schiffbar geworden; überhaupt waren die Ufer des Schire streckenweise ganz verändert und mir bekannte Punkte, wo wir einst mit der Expedition gerastet hatten, unkenntlich geworden. Auffällig aber war es, welchen großen Aufschwung der Handel und Verkehr in kaum zwei Jahren auf dem Zambesi und Schire genommen hatte. Schon in Katunga sah ich, daß die dort lagernden Güter, zum Theil nach dem Nyassa- und Tanganjika-See bestimmt, nicht bewältigt werden konnten, in Chilomo überzeugte ich mich, daß hier das Gleiche der Fall war, Häuser und Schuppen waren mit Waaren überfüllt.

Zwischen hier und dem aufblühenden Misongwe waren allein 4 neue Stationen errichtet, und trotz der an Zahl mehr als das Doppelte zugenommenen Flußdampfer, der vielen Leichter, war der Waarenandrang nicht zu bewältigen. Zwar war durch Konkurrenz das Privilegium der einstigen African-Lakes-Comp. durchbrochen worden, die Handel und Verkehr allein in Händen gehabt, dennoch, durch die Macht des englischen Kapitals, erkennend, welche hohe Bedeutung die Wasserstraße Zambesi-Schire gewinnen werde, nahm dieselbe Gesellschaft, nur unter neuem Namen, den Kampf erfolgreich auf.

Ein thunlichst gehütetes Geheimniß von englischer und zum Theil von portugiesischer Seite war einst die Schiffbarkeit des Chinde-Armes zum Zambesi, erst die Wißmann-Expedition brachte allgemeine Kenntniß hierüber und dieser namentlich ist der ungeahnte Aufschwung des Handels zu verdanken. Die Engländer, die Portugals Besitz sozusagen sich dienstbar gemacht haben und die deutsche Konkurrenz fürchten, warfen ihr allgewaltiges Kapital auf dieses Gebiet und eroberten es mit der bekannten Rücksichtslosigkeit.

Der Ort Chinde, zur Zeit, als wir mit der deutschen Expedition dort lange gerastet, bestand fast nur aus wenigen Negerhütten; zurückgekehrt fand ich eine Stadt vor, die sich mit Hilfe des englischen Kapitals unglaublich schnell entwickelt hatte; vom Tanganjika-See bis zur Chinde-Mündung hat der Engländer alles an sich gerissen, die Konkurrenz, die ihm entstanden, fürchtet er nicht mehr.

Hat sich doch leider das vorzügliche deutsche Transportmaterial, Dampfer und Leichter, auf dem Zambesi-Schire, weil das deutsche Kapital zu bedächtig, zögernd vorging, den Engländern auch noch zur Verfügung gestellt, womit, wenn entschlossener der deutsche Handel hier vorgegangen und der mächtigen Expedition unmittelbar gefolgt wäre, nicht blos ein ebenbürtiger Konkurrent dem Engländer erwachsen wäre, sondern auf der internationalen Wasserstraße hätte deutscher Einfluß sich schnell ein ertragreiches Feld erobert, was um so dringender geboten war, als der mit so enormen Kosten und Mühen am Nyassa-See erbaute Dampfer »H. v. Wißmann« dann nicht blos ein Machtobjekt, sondern dem deutschen Handel auch eine starke Stütze geworden wäre.

Mit der schnellen Entwicklung des Landes steigt der Verkehr und Bedarf, immer mehr erschließen sich die reichen Quellen, die Wohlstand und sichern Gewinn versprechen. Selbst Portugal, den Reichthum seiner Kolonie nicht ahnend, durch seinen schlimmsten Gegner, den Engländer, der es überall abzudrängen sucht, erst darauf aufmerksam gemacht, rafft sich auf; Zuckerplantagen, die ölhaltige Erdnuß etc. werden am Zambesi und Schire angelegt und angebaut. Die Morambala-Berge kultivirt, versprechen wie das Schire-Hochland für Kaffee etc. ein ergiebiges Feld, und namentlich ist es hier ein Deutscher, Herr Wiese, der für Portugal gewaltige Anstrengungen macht.

Liegt es auch im Interesse der Deutschen Ostafrikanischen Kolonie möglichst unabhängig vorzugehen auf eigenem Gebiet, und direkte Handelswege mit den großen Seeen herzustellen, so war doch das Natürlichste, vorerst den gewiesenen Weg zu gehen und in doppelter Beziehung für den deutschen Kaufmann geboten, hier festen Fuß zu fassen und den friedlichen Konkurrenzkampf aufzunehmen, als erstens, wo England reiche Früchte erhofft, blühen uns solche nicht minder für die Zukunft, und zweitens, unter der Aegide des deutschen Schutzes wäre das deutsche Kapital eine Macht geworden, das, wenn über kurz oder lang der Fall eintritt, daß Portugal seine Kolonie aufgeben muß, den englischen Uebergriffen Halt gebieten konnte. Nichts liegt im Interesse der deutschen Kolonie näher, als zu verhindern, daß einst der Rowumafluß deutsch-englische Grenze wird. Noch ist es an der Zeit, das reiche und fruchtbare portugiesisch Ostafrika für uns zu sichern, ehe englische Handelspolitik uns den Weg verlegt und wir einen geschulten Gegner finden, der rücksichtslos vorwärts schreitet.

Es ist eine dringende Pflicht, und jede Verzögerung bringt Gefahr, auch hier mit aller Kraft das Feld zu behaupten, schnelles Entschließen und rasches Handeln ist erforderlich, denn mit Riesenschritten schreitet die Entwicklung fort und Deutschland sollte gewonnenen Einfluß nicht gefährden dadurch, daß dem englischen Kapital auf streitigem Gebiet der Vorrang gelassen wird, was wir versäumen, wird voraussichtlich für immer uns verloren sein.

Sehr oft schon ist von manchem berufenen Kenner unserer afrikanischen Besitzung ein warmer Apell an das deutsche Volk und dessen Vertreter gerichtet worden; mit felsenfester Ueberzeugung wurde für die Rentabilität der deutschen Kolonien eingetreten und gefordert, schneller und energischer vorzugehen. Die Eigenart und Bedächtigkeit der deutschen Natur aber folgte den lockenden Rufen nicht; vor allen jene Kreise, die durch überseeische Handelsbeziehungen und Erfahrung die Berufensten gewesen wären, zögerten, dem freien Kaufmanne schien die Entwickelung seiner Handelsprinzipien nicht sonderlich förderlich unter der strengen Aufsicht eines bureaukratischen Systems, das mit dem Militarismus Hand in Hand gedeihliche Zustände zu schaffen sich bemühte. Bedenkt man aber, daß beide Kategorien nur so positiv dauerndes schaffen können -- wie es der Aufbau des preußischen und deutschen Staates auf solcher Grundlage bewiesen -- wird sich auch in den deutschen Kolonien, langsam zwar aber sicher, System auf System aufbauen und der rechte Weg gefunden werden; die Zugehörigkeit zum Mutterlande wird eine dauernd bindende dadurch werden, und nicht wie im Kolonialreich England sich nach erfolgtem Aufblühen, der Wunsch nach Selbständigkeit und Unabhängigkeit frühzeitig regen.

Obwohl, und das sei ausdrücklich betont, der deutsche Kaufmann, der im Auslande einen freien unbefangenen Ueberblick für sein Streben gewonnen, sich durch ein gewisses Vorurtheil noch beengt fühlt, wird doch, sobald sich auf Grund gemachter Erfahrungen ein bestimmtes Kolonialsystem herausgebildet hat, wozu mit der Ernennung des Herrn Majors von Wißmann zum Gouverneur von Deutsch-Ostafrika glücklicherweise der Anfang gemacht ist, schließlich sich damit befreunden und seine Erfahrung und Kapital, woran es bisher so vielfach gemangelt hat, in die deutschen Kolonien hineinwerfen. Die Nothwendigkeit, eine beschleunigte Erschließung des deutschen Gebietes durch zeitgemäße Verkehrswege in die Wege zu leiten, tritt immer zwingender hervor, durch sie aber wird auch das reiche Seeengebiet, wo dem deutschen Geist und der deutschen Arbeit ein weites Feld sich öffnet, schnell erschlossen werden.

Der Deutsche, durch seine Beständigkeit und Fleiß, ist der beste und geeignete Kulturarbeiter der Erde, was er ja schon tausendfach bewiesen hat und unter dem Schutze des mächtigen Vaterlandes, unter dem Schutze einer seebeherrschenden, wehrkräftigen und starken Marine wird er auch die deutschen Kolonien, das größere Deutschland über See, zur hohen Blüthe bringen; hoffen wir solches für die Zukunft, und möge das Werk, wofür die deutschen Pioniere, vor allem Major von Wißmann, gerungen und gestrebt haben, dem Vaterlande und dem deutschen Volke zum dauernden Segen gereichen! --

~Ende.~

Druckfehler-Verzeichniß.

Seite 65, Zeile 8 lies: Unsere Fahrt flußaufwärts ging dennoch gut von Statten, auch änderte sich die Scenerie, als nicht wie bisher blos Grassteppen, von Busch und Wald unterbrochen, die einzigen Objekte blieben, sondern neben den weithin sichtbaren Moramballa-Bergen, bei klarem Wetter auch die Sasuni-Hügel und Schimvara- Berge zu sehen waren. Zu unserer Rechten treten schon die Ausläufer etc.

" 84, " 43 " Mädchen statt Männer.

" 91, " 20 " flußabwärts statt flußaufwärts.

" 106, " 18 " Wissemann statt Wißmann.

" 151, " 20 " abwärts statt auswärts.

" 163, " 40 " nicht statt der.

" 164, " 12 " ich war nicht.

" 166, " 26 " wahren statt waren.

" 215, " 6 " genährt statt gewährt.

" 217, " 31 " von statt nach.

" 372, " 21 " Kayser-Bucht statt Kroyser-Bucht.

" 391, " 21 " Merere statt Marara.

" 404, " 20 " Rinne statt Ruinen.

" 419, " 30 " und doch.

" 420, " 27 " Station statt Nation.