Die deutsche Dampfer-Expedition zum Nyassa-See.

Part 50

Chapter 503,563 wordsPublic domain

Er hatte nämlich nichts Geringeres geplant, als die Engländer zu tödten und dann gegen die englische Macht einen Guerillakrieg zu eröffnen. Dieser Plan aber blieb nicht unentdeckt, zu offen zeigte der junge übelberathene Tyrann seine Absichten, und als eines Tages der »H. v. Wißmann« mit dem englischen Magistrat Mister Nikol in Kota-Kota einlief und dieser sehr bald von allem unterrichtet war, erklärte er den jungen Häuptling, der ihn ohne Scheu, auf seine Macht pochend, am Lande empfangen hatte, sofort für verhaftet. Zwar setzte der Häuptling mit seinem Gefolge seiner Gefangennahme Widerstand entgegen, war aber bald nach kurzem Messerkampf von den zur Vorsicht mitgenommenen indischen Soldaten (Sikhs) entwaffnet und überwunden. Als nun am nächsten Morgen noch die Kanonenboote einliefen, bemächtigte sich der Bevölkerung eine solche Panik, daß alle Einwohner aus der Stadt in die Berge oder zu den Schambas flohen, das Wenigste, was sie erwarteten, war, ihre Hütten in Flammen aufgehen zu sehen.

Bei einer Untersuchung der zahllosen Hütten wurden wohl 10 Centner Pulver gefunden, welches Quantum für den beabsichtigten Aufstand angesammelt worden war. Um nun für die Folge den Gefahren vorzubeugen, Leben und Eigenthum durch die Willkür eines Häuptlings gefährdet zu sehen, wird bald in Kota-Kota ein englisches Fort jeden Widerstand beseitigen und auch die Sklavenausfuhr wird für die Zukunft unmöglich gemacht werden. Während der Zeit noch, als die endlosen Festlichkeiten, Pombetrinken und wilde Tumulte, zu Ehren des neugewählten Oberhauptes stattfanden, kam hier ein Fall des krassesten Aberglaubens vor. Ein junger Mann, der der Hexerei beschuldigt ward, hatte sich, wie es bei solchen Fällen der Brauch ist, auf ein Gottesurtheil berufen und »pande« trinken müssen, und wie immer, stets zu spät, kam dieser Vorfall zur Kenntniß der Europäer. Man muß den Neger, wenn in ihm der Fanatismus geweckt worden ist, gesehen haben, um von solchen Scenen sich eine Vorstellung machen zu können; in Wahrheit, schwarze Teufel in Menschengestalt sind es, ohne Mitleid und Erbarmen, die gegen den- oder diejenige wüthen, welche durch ein solches Gottesurtheil schuldig befunden und verdammt werden. Der Schwerkranke wurde zwar den Händen der fanatischen Horde entrissen und gepflegt, starb aber trotz aller angewendeten Gegenmittel bald.

Als der Todte darauf seinen Verwandten ausgeliefert worden war, damit er von diesen begraben werde, übergaben dieselben statt dessen den Körper einer Anzahl junger Männer, die ein Tau am linken Fuß des Verstorbenen befestigten und ihn mit wildem Halloh aus der Stadt schleiften. Außerhalb derselben, an einem Orte wo zwei Wege sich kreuzten, ließen sie ihn liegen, bedeckten den Toten mit trockenem Gras und legten an dieses Feuer, wodurch er dann scheußlich entstellt wurde. Um die Wegschaffung und Beerdigung des Körpers zu erzwingen, mußte erst auf den betreffenden Häuptling, in dessen Distrikt solche Scheußlichkeit verübt worden war, ein ganz energischer Druck ausgeübt werden, ehe dieser sich bereit fand den Toten beerdigen zu lassen.

Auf diesen Vorfall hin wurden alle Häuptlinge und Aeltesten, die das +pande+-Trinken nicht verhindern oder zur Anzeige bringen würden, mit schweren Strafen bedroht, und dafür verantwortlich gemacht, wenn solches nicht unterbliebe.

Erst Ende November 1893 kehrte ich mit dem Schiffe nach Langenburg zurück und fand dort die Herren Prince und Wyneken auch zur Abreise bereit. Da der Kompagnieführer Prince den kühnen Plan gefaßt hatte, von Amelia-Bai aus quer durch das Gebiet der Wagwangwara zu marschiren, so hatte ich dort anzulaufen und bis zum Abmarsch der kleinen Karawane zu warten. Es bedurfte aber vieler Unterhandlungen, ehe von Seiten des Arabers Raschid die Erlaubnis zum Durchzug erlangt werden konnte und dieser hätte niemals solche gegeben, wenn nicht seine gestellte Bedingung, die ihm von Major Wißmann genommene Sklavendhau wieder zu geben, erfüllt worden wäre. Nicht minder schwierig war es, Träger zu erhalten, weil von den Wakissi und Wampotti keiner zu bewegen war weiter als bis zum Fuße des Gebirges mitzugehen. Erst als nach Tagen der Unterhändler Mirambo zurückgekehrt war, konnte der nicht ungefährliche Marsch längs dem Luhobu-Fluß aufwärts angetreten werden. Eine größere Schwierigkeit aber stellte sich dem kühnen Unternehmen nochmals entgegen. Nämlich ehe noch der Weitermarsch vom Hauptsitz Raschid's angetreten werden konnte, gelangte die Nachricht dorthin, daß eine Araber-Karawane in der Konde-Ebene durch deutsche Soldaten (Sudanesen) ausgehoben und nach Langenburg geführt worden sei; Herr von Eltz hätte derselben Träger und Elfenbein abgenommen und sie dann ziehen lassen.

Aus einem an mich gerichteten Schreiben des Leutnants Prince, das Mirambo, den ich auf der Rückreise von Amelia-Bai wieder abholte, mir übergab, ersah ich, wie sehr das Unternehmen gefährdet gewesen war und der glückliche Ausgang der endlosen Verhandlungen allein dem Eingreifen des Arabers Mirambo zu danken sei.

Mit der abgefangenen Araber-Karawane hatte es indes folgende Bewandniß: schon weit in das Gebiet der Wakonde vorgedrungen, versuchte eine große Sklavenkarawane das Livingstone-Gebirge zu erreichen, um auf einsamen Pfaden das Gebiet der Wagwangwara zu durchziehen und so Sklaven und Elfenbein in Sicherheit zu bringen. Allein die Wakonde sandten frühzeitig Boten nach Langenburg und hielten die Karawane, die einmal das Gebirge erreicht, sicher entkommen wäre, unter allerlei Vorwänden auf. Die Araber aber, doch wohl davon unterrichtet, sandten ihrerseits ebenfalls eilige Nachricht dorthin und ließen um ungehinderten Durchzug bitten; Sklaven hätten sie nicht, nur Träger für ihr Elfenbein. In kluger Voraussicht, daß sie in Sicherheit sein würden, ehe vom Fort aus ihnen Halt geboten werden könnte, da die Entfernung ziemlich groß war, hatten sie ihre Boten erst abgesandt, als sie befürchten mußten, gänzlich aufgehalten zu werden.

Wahrscheinlich ist, daß die Araber gewußt haben, daß der »H. v. Wißmann« zur Zeit weit im Süden sich aufhielt, ein schnelles Eingreifen also nicht befürchten brauchten, aber unbekannt muß es ihnen gewesen sein wie schwach das Fort besetzt war -- thatsächlich machten nur 15 Soldaten, einige Sudanesen und der Rest Suaheli, die ganze Besatzung aus -- sonst, da sie wohl bewehrt und zahlreich genug waren, würde es dem abgesandten Sudanesenchaus und seinen 3 Untergebenen schwerlich wohl gelungen sein die ganze Karawane nach Langenburg zu bringen. Wohlbedacht war es, daß Herr v. Eltz zu solcher Aufgabe keine Suaheli mitgesandt hatte, denn mit den Arabern sympathisirend, wäre, wenn diesen die wirkliche Stärke des Forts verrathen worden, das Aufhalten der Karawane und deren Ueberführung nach Langenburg der kleinen Truppe wohl nicht möglich geworden. Es gelang indes und stellte sich heraus, was die Wakondeboten berichtet, daß es eine Sklavenkarawane war. Mit Vorsicht, da Herr v. Eltz seinen Suaheli nicht allzusehr trauen durfte, wurden allen bewaffneten Männern zunächst die Gewehre abgenommen, dann wurde die Karawane im Bereich der Geschütze gelagert und eine Untersuchung eingeleitet, wer von den Arabern im Besitze von Sklaven sei. Ueber 200 Weiber und Kinder konnten als geraubte Sklaven frei gemacht werden, darunter nur 5 junge Männer, alle übrigen, vornehmlich die Träger des Elfenbeins, bezeugten, daß sie keine geraubten Sklaven seien und mußten deshalb den Arabern zurückgegeben werden.

Entschieden ungünstiger, namentlich für die Sklaven-Besitzer, wäre die Sache ausgefallen, wenn Herr v. Eltz eine entsprechende Macht hinter sich gehabt hätte, oder wenn wenigstens der »H. v. Wißmann« vor Langenburg gelegen hätte; keinesfalls würden dann die Sklavenjäger, die nach Recht und Gerechtigkeit für das Elend, welches sie über Hunderte unschuldiger Menschen gebracht, den Tod verdient hatten, so glimpflich weggekommen sein. Somit war es jedenfalls das Richtigste, die äußerst erbitterten Sklavenjäger mit den Elfenbeinhändlern, die Elephantenzähne und Waffen wieder zurückerhielten, weiterziehen zu lassen, und möglichst schnell solche Gesellschaft abzuschieben, weil ihre Zahl der Besatzung der Station nahezu zehnfach überlegen war, und es gewiß auch nicht rathsam war durch längeres Aufhalten den Arabern Gelegenheit zu geben, vielleicht einen Ueberfall zu versuchen; für die kleine Mannschaft würde es sehr schwer geworden sein einen nächtlichen Ansturm auf die Pallisaden abzuschlagen, und hätte bei dem ungleichen Kampf die Araberhorde möglicherweise das Fort überlaufen. Mit Recht führte Herr von Eltz an, daß er in solchem Falle den Suaheli nicht habe vertrauen können.

Wie richtig die Vermuthung gewesen, die Araber könnten vielleicht doch einen Handstreich unternehmen, zeigte sich, als in Wirklichkeit ein solcher geplant worden war, und zwar hatte sich die Kolonne in der ersten Nacht nicht weit das Rambirathal aufwärts gelagert, um durch einen nächtlichen Ueberfall sich wieder in den Besitz der Sklaven zu setzen. Wie eine zuverlässige Nachricht ergeben hat, war der Führer besonnener als die rachedürstenden Sklavenjäger und weil keine rechte Einigkeit erzielt wurde, unterblieb ein Angriff auf die Station.

Es war gewiß ein schwerer Verlust den die Räuber erlitten hatten, als sie ohne ihre Sklaven abziehen mußten; sie trachteten daher sich durch Jagden auf die im Gebirge wohnenden Wakinga schadlos zu halten, fanden aber solchen ernsten Widerstand, daß sie unter Verlust von Trägern und Elfenbein fliehen mußten.

Weit her vom Innern Afrikas, wo diese Räuberhorden die friedlichen Dörfer überfallen, die Männer, Väter und Brüder der befreiten Sklaven erschlagen lagen, wurden diese Opfer unmenschlicher Raubgier in die Sklaverei und einem ungewissen Schicksal entgegengeführt. Wie viele der Unglücklichen, in die Sklavenscheere gespannt, sind wohl am Wege niedergesunken, kraftlos und schwach, die selbst der unbarmherzige Treiber nicht mehr mit harten Schlägen vorwärts bringen konnte, und wurden verlassen in der Wildniß, ein Raub der Hyänen und anderer Thiere. Kann auf monatelangem Marsch, oft Hunger und Durst erleidend, eine Mutter, erschöpft und unfähig, ihr Kind, neben der ihr aufgebürdeten Last, nicht mehr nähren oder tragen, reißt ihr ein Unmensch den Säugling fort und schleudert das hungernde Wesen ins Gebüsch am Wege, um dann noch die Unglückliche mit Peitschenhieben weiterzutreiben. Barmherzig ist noch der zu nennen, der einen Sklaven, wenn er absolut nicht mehr fort kann, den Gnadentod giebt -- der Gefesselte kniet nieder und ein Schlag mit dem schweren doppelschneidigen Dolch macht dessen Leiden ein Ende. --

Hier hatte man den Müttern nur die Säuglinge und die kleinsten Kinder gelassen, sonst alle Bande mit grausamer Hand zerrissen. Was wunder, wenn sie mit stoischem Gleichmuth alles über sich ergehen ließen, selbst die Wiedergabe ihrer Freiheit für nichts achteten, in dem Befreier eher einen neuen Herrn als einen Wohlthäter erblickten. Was war die Freiheit noch werth für sie, wo man ihnen die Heimath und alles Liebe genommen!

Sieht man an Ort und Stelle dieses Elend, dann möchte man an das Schicksal die Frage richten, wann endlich werden die Völker Afrikas von dem furchtbaren Joch, unter dem sie seit Jahrhunderten seufzen und verkommen, befreit, wann wird die Macht der Araber gebrochen und ihrem schändlichen Gewerbe ein Ende gemacht sein! --

Segensreich ist das Wirken der Missionare, in ihrem Schaffen und Streben bethätigen sie die Liebe zur Menschheit und den Antheil, den sie an der Kulturarbeit haben, ist ein großer, es ist ein Pflichtgebot aller Kolonial-Staaten, den christliche Konfessionen das Feld frei zu geben, sie mit der ganzen Macht zu schützen; in dem Vertrauen, das sie sich durch stille mühevolle Arbeit erringen, liegt schon die hohe Gewähr für ein aufkeimendes Kulturleben. Dies erkennend, hat auch Major v. Wißmann den deutschen Missionaren im Norden des Nyassa-Sees freie Hand gelassen, ihnen Schutz und Beistand gewährt, soweit es in seiner Macht lag. Das dankten sie nun und nahmen in Ikombe und Wangemannshöhe die befreiten Sklaven auf, die auf die Dauer für die Station Langenburg eine Last geworden wären, insofern als die Verpflegungskosten für eine so große Zahl beträchtliche waren, auch lag es außer dem Bereich des deutschen Kommandos die Befreiten in ihre ferne Heimat zurücksenden zu können.

Um hier den Angriffen entgegen zu treten, denen Major v. Wißmann ausgesetzt gewesen, weil er konfessionelle Unterschiede gemacht haben soll, sei erwähnt, daß er den deutschen und den am Tanganjika-See wirkenden französischen Missionaren sein Schiff vorläufig auf ein Jahr zur Verfügung gestellt hatte, d. h. es wurde allen, welche mit dem »H. v. Wißmann« süd- oder nordwärts zu fahren wünschten, freie Passage gewährt, was schon allein in Betreff der bedeutenden Kosten große Anerkennung verdient, da eine gleiche Beförderung mit der langsamen »Domira« für den Betreffenden recht kostspielig war und ich selbst habe während der Zeit, in welcher ich den deutschen Dampfer geführt, eine ganze Anzahl Missionare befördert; trotz solchem beträchtlichen Ausfall an Passagiergeld aber doch noch in wenigen Monaten 8000 Mk. mit dem Schiffe verdient, so daß die Unkosten für Schiff und Station gedeckt werden konnten.

Die Bereitwilligkeit der deutschen Missionare, die armen Sklaven in ihre Obhut zu nehmen, führte dazu, daß so eingehend als möglich nachgeforscht wurde, in welchem Lande diese geraubt worden waren und das Resultat war, daß alle diejenigen, etwa 30 Weiber und 20 Kinder, die angaben, an der Grenze der englischen Interessensphäre aufgegriffen zu sein, zurückbehalten werden mußten, da der englische Vertreter in Dunp-Bai Mister Crawshay solche reklamirt hatte, um sie, wenn angängig, in ihre Heimath zurückzusenden. Viel zu ängstlich und nicht begreifend, was der weiße Mann mit ihnen vorhat, kam es vor, daß bei der Feststellung Mütter ihre Kinder irrthümlich zur Mission ziehen ließen und erst als die Einschiffung stattfinden sollte, nach diesen verlangten und weinend baten bleiben zu dürfen wo ihre Kinder sind, sie sahen nun erst ein, es würde eine Trennung für immer sein.

In Abwesenheit des Herrn v. Eltz, der am 13. Dezember auf die Nachricht hin, der Häuptling Marara sei gestorben, eilig hatte aufbrechen müssen, um, wie es von den Söhnen des Verstorbenen gewünscht wurde, aus ihrer Mitte den neuen Sultan zu wählen und einzusetzen, suchte ich der Schwierigkeit, die Mütter mit ihren Kindern wieder zu vereinen, dadurch abzuhelfen, daß, wo letztere nicht so schnell herbeigeschafft werden konnten, erstere auf ihren speziellen Wunsch zurückblieben und später ebenfalls der Missionsstation überwiesen wurden, bei welcher die halberwachsenen Kinder Aufnahme gefunden hatten. Die Einschiffung der Weiber und Kinder unternahm ich am 14. erst dann, nachdem ich mich überzeugt hatte, daß alle, die bestimmt waren, den Engländern übergeben zu werden, keinen Wunsch mehr hatten, namentlich keine Mutter durch ihr eigenes Versehen von einem ihrer Kinder getrennt werde. Manch armes Weib, von übernatürlicher Furcht beherrscht, konnte aufgefordert nicht mal für sich sprechen, kroch auf Händen und Füßen heran und weinte nur, erst von den Schicksalsgenossen konnte mit Mühe erfahren werden, wie es um solches bestellt war und warum es weint.

Schrankenlose Furcht muß der Araber den geraubten Sklaven einzuflößen wissen, sonst ist es nicht verständlich, wie menschliche Wesen gleich gescholtenen und geschlagenen Hunden vor ihren Herren so sich beugen und im Staube kriechen können. Selbst das offenbare Wohlwollen, das der Europäer ihnen zeigt, selbst die Aufforderung aufrecht vor diesen zu stehen oder wenigstens zu sitzen fruchtet nichts, und wahrlich, jeden muß es mit äußerster Erbitterung gegen diejenigen erfüllen, die den freien Menschen solchen Sklavensinn einzuflößen vermochten. Herzlose Grausamkeit, die Beraubung alles dessen was solchen Geschöpfen einst lieb und theuer war, kann diese nur so tief beugen. Vor dem Richterstuhl menschlicher Gerechtigkeit müßten solche Räuber, die Feuer, Tod und Elend in die Hütten friedlicher, wehrloser Menschen tragen, niemals Gnade finden, unerbittlich dem Tode verfallen, der für all den Jammer und Elend kaum eine Sühne zu nennen ist; es sollte jeder erreichbare Sklavenjäger damit bestraft werden und so für seine Thaten büßen.

Mehrfach kam eine Kunde zu uns, die meines Wissens keine Bestätigung gefunden hat, daß weit im Innern Afrikas ein Volksstamm von heller Hautfarbe wohnen soll; kaum denkbar ist es, und befanden sich unter den geraubten Sklaven zwei, ein Mädchen und ein junger Mann, die ich für Geschwister hielt, von heller kupferbrauner Färbung. Auch diese gehörten zu der Zahl, welche ihre Heimat weit im Westen vom Nyassa-See liegend, bezeichnet hatten und auch an der englischen Administration in Pankanga ausgeliefert werden mußten. Ich war erst versucht, diese beiden für die Nachkommen eines reinblütigen Arabers zu halten, doch wiederum die Gesichtsbildung, die keinen Negertypus verrieth, ebenmäßig, hübsch sogar zu nennen, machte mich zweifeln, wozu die Annahme, daß, wäre meine Voraussetzung richtig gewesen, diese wohl nicht als Sklaven von den Arabern behandelt worden wären, das ihre beitrug, allein ich konnte nichts genaueres erfahren.

Noch am Abend des 14. Dezembers, nach einer stürmischen Ueberfahrt -- zu allem schon ausgestandenen Leiden mußten die Weiber und Kinder noch die Seekrankheit kennen lernen -- traf ich in Pankanga ein und übergab im englischen Fort dem in Abwesenheit des Mister Crawshay den Befehl führenden Sikhs Unteroffizier alle, dafür sorgend, daß ihnen Wohnung und reichlich Speise und Trank verabfolgt wurde.

In Bandawa angekommen erfuhr ich, daß etwa 20 Seemeilen südlich vor der Bana-Point, der Dampfer »Ilala« zusammengebrochen sei. Auf diese Nachricht hin, die von Eingeborenen vor mehreren Tagen schon an Dr. Elmslin überbracht worden war, beschloß ich dennoch unverzüglich aufzubrechen und das Schiff zu suchen, weil mir bekannt war, daß erstens an Bord der »Ilala« kein Boot sich befand und zweitens ein etwas heftiger Südost-Wind, der eine schwere See in der Marenga-Sanga-Bucht hineinfegen mußte, das Schiffchen äußerst gefährden konnte. Die ganze Küste von Bandawa südwärts und die große Bucht suchte ich ab, und schließlich fand ich den Dampfer noch unterhalb der Bana-Point auf flachem Wasser, in gefährlicher Lage vor.

Da es nicht möglich war, mit dem »H. v. Wißmann« der »Ilala« nahe zu kommen, war es das Erste, diese in tieferes Wasser zu bringen, dann erst wurde versucht ob wir den Schaden am Dampfkessel nicht repariren könnten. Dies indes stellte sich nach 36stündiger Arbeit als unmöglich heraus und dem Führer blieb nichts anderes übrig, als mein Angebot, sein Schiff nach Fort Johnston zu schleppen, anzunehmen. Zum Glück, was in dieser Jahreszeit seltener der Fall, behielten wir einigermaßen gutes Wetter, sodaß wir schon nach einigen Tagen ohne weiteren Unfall vor der Schirebarre ankern konnten.

Schon die Reise vorher, als ich kaum vor der Schirebarre vor Anker gegangen war, kam mit mehreren kleinen Kanoes, der mit der Bewachung der deutschen Nation betraute Suaheli Hamissi mit der überraschenden Nachricht an Bord, daß sowohl die deutsche, als auch die nebenliegende englische Handelsstation von Leuten Kassambe's und im Einvernehmen mit diesen, Mgonda-Leute, die Stationen überfallen hätten, aber, obwohl die Banden zurückgeschlagen wurden, wären die Angriffe doch nächtlicher Weile immer wieder erneuert worden. Mir blieb darauf hin nichts anderes übrig als von den für die englische Administration angeworbenen Abonga eine Anzahl guter Leute auszuwählen, alle gut bewaffnen und sie als Verstärkung in die deutsche Station zu legen; ich rechnete darauf, es würde den Feinden unbekannt bleiben, wieviel Gewehre in der Station seien und sie sich großer Gefahr aussetzen, wenn sie aufs neue einen Ueberfall versuchen sollten. Fast unter den Kanonen von Fort Johnston -- die beiden Stationen liegen nur etwa 10 Minuten oberhalb desselben -- wagten doch die Feinde, wohlunterrichtet wie schwach das Fort besetzt war, solche Angriffe und es blieb zum eigenen Schutz nichts übrig, als die unbeschützten Stationen ebenfalls durch Erdwerke und Pallisaden zu befestigen.

So war die Weihnachtsnacht herangekommen und in Sicherheit gewiegt, da seit mehreren Wochen alles ruhig geblieben war, hatten die drei auf der englischen Station anwesenden Europäer, wozu sich noch später der Führer der »Ilala« gesellte, auch ich war eingeladen worden, beschlossen, Christmas (Weihnachten) zu feiern.

Wie gewöhnlich, da der Engländer, die deutsche Sitte, einen Christbaum auszuschmücken, weniger kennt, besteht die Feier nur aus einem Festessen, das mit Whisky und Sodawasser oder anderen Getränken, wenn solche vorhanden und erhältlich sind, gewürzt wird. Mir lag an solcher Feier nichts, zumal ich an Bord einen provisorischen Christbaum ausgeschmückt hatte und es vorzog, mit meiner Mannschaft das Fest in deutscher, sinnigerer Art zu begehen, darum folgte ich der Einladung nicht, obwohl ich, hätte irgend ein Anzeichen vorgelegen, daß die Stationen gefährdet sein könnten, sicher Vorkehrungen getroffen haben würde, wenigstens die deutsche, nach Möglichkeit zu schützen. Fraglos war es, daß die Engländer scharf bewacht wurden und von Spionen umgeben waren, denn jeder nächtliche Angriff hatte gezeigt, wie gut die Feinde orientirt waren. So war es auch in dieser Weihnachtsnacht 1893. Die Europäer, die wohl nicht mehr recht taktfest gewesen, suchten erst in später Stunde ihre getrennten Lagerstätten auf um bald in festen Schlaf zu fallen. Da sie sich nur auf die fragwürdige Zuverlässigkeit zweier Wachtposten verlassen hatten, so wurden sie plötzlich durch heftiges Gewehrfeuer aufgeschreckt. Die Feinde, die durch Verräther unterrichtet waren und wohl im Glauben die Weißen würden zu einer schnellen Abwehr nicht fähig sein, hatten ihr Feuer auf die Lagerstätten der Europäer gerichtet und mit solcher Sicherheit, daß die Engländer nur durch Zufall den tödlichen Kugeln entgangen sind. Wie schnell aber auch die immer bereiten Waffen ergriffen und das Feuer auf die Feinde erwidert wurde, schneller war die Besatzung der deutschen Station; sie eilte zu den Erdwällen und, trotz der Dunkelheit, die Feinde auf dem rasirten Terrain hinter der englischen Station erkennend, eröffnete sie ein nutzloses Schnellfeuer, das aber doch die Feinde stutzig machte und diese zum eiligen Rückzug hinter deckendes Gebüsch veranlaßte.

Wohl war von Seiten der Angreifer versucht worden, Feuer an die Grasdächer zu legen, und hätten diese gebrannt, wäre der Ausgang des Kampfes wohl fraglich, zum mindestens der Schaden ganz enorm gewesen, diese aber zündeten zum Glück nicht, weil sie vom Regen durchnäßt waren, der am Abend vorher durch ein furchtbares Gewitter in Strömen niedergegangen war, das auch mich, auf der Fahrt nach dem Schiffe zurück, überrascht hatte. In früher Morgenstunde des ersten Festtages wurde ich durch Boten von den Vorgängen in der Nacht unterrichtet, und an Land gekommen, fand ich auf den Stationen alle noch in ziemlicher Aufregung. Eifrig wurde das Für und Wider erwogen, namentlich wie es den zahlreichen Feinden möglich geworden wäre, ihre Waffen so nahe den in den Häusern Schlafenden abzufeuern, was die Kugellöcher in den Wellblech- und Lehmwänden bezeugten. Die Posten, die nichts vorher bemerkt haben wollten, mußten entweder mit den Feinden im Einverständniß gewesen sein, oder was wahrscheinlicher, ebenso fest wie ihre Herren geschlafen haben.

Wie immer waren auch jetzt vom Fort unternommene Streifzüge im Urbusch vollständig nutzlos, längst hatten die flinken Feinde die sicheren Berge wieder erreicht und waren in Sicherheit, von wo sie wiederkommen, wenn ihnen die Gelegenheit günstig scheint und nicht eher werden solche Ueberfälle unterbleiben, als bis die Engländer stark genug geworden sind, mit dem Häuptling Kassembe gleichwie mit Makangila, abzurechnen.