Die deutsche Dampfer-Expedition zum Nyassa-See.

Part 49

Chapter 493,353 wordsPublic domain

Vergegenwärtigen muß man sich, um die Möglichkeit solcher Vorgänge zu verstehen, daß unser Erdball verschiedene Stadien durchgemacht hat, große Verschiebungen stattgefunden haben, sogar mächtige Kontinente in die Tiefe der Ozeane versunken, andere gehoben sind, auch was die Wissenschaft erwiesen, die Kälte- und Wärmezonen ganz anders auf der Erdoberfläche vertheilt gewesen sind als heute und hierauf fußend, muß das Hochgebirge Zentral-Afrikas in einer Ausdehnung Nord und Süd von über tausend englischen Meilen mit einer starren Eisdecke bedeckt gewesen sein. Dieses Hochland, in seiner großen Ausdehnung heute der Ursprung aller bedeutenden Ströme und Flüsse Afrikas, war also ein einziges Eisfeld von dem, Strömen gleich, in gewaltiger Breite die Gletscher nach verschiedenen Richtungen ausgingen und den vorrückenden Eismassen widerstanden selbst die soliden Felsmassen nicht. Der Hauptstrom, von Nordwesten her in südlicher Richtung vordrängend, kam von dem Hochland zwischen Tanganjika- und Nyassa-See herunter; alles vor sich her zermalmend, brach sich seine Gewalt an den Granitfelsen des Livingstone-Gebirges. Wie anzunehmen, ragten über das ungeheure Eisfeld, das sich langsam aber mit unwiderstehlicher Gewalt südwärts zwischen die Gebirgsmassen fortschob, die Vulkane Rungwe und Kieyo hoch empor, während das heutige erstorbene Kratergebiet auf 4000 Fuß Höhe, nur von kleineren Eismassen durchzogen wurde und erst in einer späteren Zeitperiode nach jahrtausendlanger Thätigkeit vielleicht, die heutige Form hinterließ.

Diesem großen von Nord bis Westen, also die Konde-Ebene bis Cap Mschwere ausfüllenden Eisstrom widerstand, wie erwähnt, die ganze Gebirgsstrecke im Osten bis Amelia-Bai und welch ein tiefes Bett hier die Eismassen gegraben haben erhellt daraus, daß längs dem ganzen Livingstone-Gebirge die Tiefe des Sees noch über tausend Fuß betragen muß, da ich nach dem Ergebniß, welches meine Tieflothungen ergaben, solche Tiefe voraussetzen kann. Von Osten haben nur vereinzelte Gletscher die Felsenwand durchbrochen, der breiteste wäre, welcher sich in die Kayser-Bucht »Bopinga« ergossen, sonst erwähnenswerth sind nur einzelne tiefe Schluchten, das Rambira-Thal und andere.

Zwischen Cap Mschwere und Cap Bango, der schmalsten Stelle des Sees, mußten sich die Eismassen aufstauen; zwei andere Ströme, einer von Westen aus der Deep-Bai, der andere von Osten aus der Amelia-Bai, verhinderten die freie Bewegung, und hier zuerst, vor der Pankanga-Bucht, sind am Rande der Gletscher mächtige Felsblöcke abgewälzt worden, sogar die Begegnung des westlichen Stromes mit dem südwärts dringenden Hauptstrom hat Massen auf Massen getürmt und die starren Granitmassen der Pankanga-Hügel, der Insel Mtwele und der vielen hier zerstreut liegenden Rocks, von der Zeit und den Fluthen allmählich zerstört, sind dadurch gebildet worden. Selbst Mont Waller, der eigenthümlich geformte Bergkegel, muß auf diese Weise entstanden sein. Felsenmassen und Moraine auf den Rücken dieses Gletschers liegend, von weit her mitgeführt, konnten seitwärts abgelagert werden, zumal ein Eisstrom sich nicht in seiner ganzen Ausdehnung vorwärts schiebt, sondern den Schwerpunkt gewöhnlich in seiner Mitte hat, also die Ränder desselben auf lange Zeit vielleicht bewegungslos liegen bleiben. Auch der isolirte Bergrücken, hart am Rande der Amelia-Bai, besteht zum Theil aus aufeinandergetürmten Felsblöcken; unzweifelhaft hat sich an der zu fest fundirten Granitmasse der im Verhältniß nur kleine Eisstrom getheilt, den Bergrücken nur abgerundet und mitgeführte Felsentrümmer auf diesem abgelagert und zurückgelassen.

Betrachtet man aufmerksam die Karte des Nyassa-Sees, ist das auffällig, daß, wo immer die Ufer des Sees von mächtigen Granitmassen gebildet sind, fast genau dieselbe Strecke am gegenüberliegenden Ufer Flachland oder niedrige Hügel bilden, also die Gebirgszüge auf 15-20 Kilometer zurücktreten. Um nur einige Punkte zu bezeichnen: es befindet sich z. B. an der Westküste von Cap Nikuru bis Chirambo eine zusammenhängende Felsenwand, die nur in der Benzantze-Bai und in der Uziza-Bai von Gletscher durchbrochen wurde, ungefähr 60 Seemeilen lang von 10° 40´ bis 11° 39´ S. Br. Dieselbe Strecke an der Ostküste von Cap Bango bis zur etwas südlich von der deutsch-portugiesischen Grenze wieder zum See herantretenden Gebirgskette besteht mit Ausnahme des 12. Hafenkaps und des isolirten Mbampa-Berges aus flachem Vorland, wiewohl, wie ich früher erwähnt, auch hier eine gleich enorme Wassertiefe gefunden wird. Durchbrochener freilich zieht sich, namentlich von Cap Mala bis Cap Malambe, eine kompackte Felsenmasse längs dem See, während die Westküste von Cap Chirambo bis zum Cap Rifu, außer den Makusa-Hügeln (Bandawe) den Sani-Hügeln, südlich von Kota-Kota, flach ist. Der links von Cap Maclair bis nahe zum Schirefluß tiefe Busen hat dagegen westlich wieder Felsen und östlich dem Gebirszuge vorgelagertes Flachland.

Die Frage nun, wie so weite flachere Strecken an beiden Seiten des Sees gebildet wurden, da doch angenommen werden kann, daß zusammenhängende Felsenketten von Nord bis Süd vorhanden gewesen sind, muß damit beantwortet werden, daß der breite Eisstrom, wo er an der einen Seite Widerstand gefunden, an der anderen weniger solide Massen fortriß und dadurch den seitwärts auf beiden Seiten vom Hochland herab andrängenden gewaltigen Gletschermassen den Weg frei machte. Wo immer aber die Eismasse durch den gewaltigen Gegendruck zum Stillstand kamen, häuften sie mitgeführte Felsentrümmer über einander, wovon die klarsten Beweise die öden Felsenkonglomerate an der Ostküste geben, als die Insel Neu-Helgoland, Prager, Lundo-Inseln und die Küste bis Mbampa-Bai einsäumenden Felsentrümmer. Vor der gegenüberliegenden Uziza-Bai findet man das gleiche, wenn auch nicht in so ausgedehntem Maße, wo ebenfalls Rocks und Inseln zurückgeblieben sind. Die solide Granitmasse des Mbampa-Berges, umsäet mit Felstrümmern, die sogar bis auf 5 Seemeilen vom Lande ab liegen, konnte, da der die heutige tiefe Bai gebildete Gletscherstrom zu schwach war, sie zu erschüttern, auch dem Druck des Hauptstroms widerstehen und ganz dasselbe ist an der Westküste wiederum mit den soliden Makusa-Hügeln der Fall gewesen. Die großen Inseln Likoma und Kissimulu: wie ich in der Beschreibung erwähnt, ein Conglomerat von Felsen und Hügeln, öde und arm, hat auch hier der von ostwärts herandrängende Gletscherstrom zu der Anhäufung dieser kolossalen Felsmassen beigetragen, wenigstens, da hierzu die granitene Unterlage vorhanden war, konnte auf dieser die mächtigen Felsblöcke mit Steingeröll und Moraine abgelagert werden; auch hier ragen mächtige Felsblöcke aus großer Tiefe auf.

Des weiteren sind der Sani-Berg, Cap Rifu, vor allem die eigenthümlich gestalteten Bentje-Inseln zu erwähnen, ihre Entstehung und Isolirung sind aus denselben Ursachen hervorgegangen. Das Trümmerfeld von Kota-Kota sowohl, wie auch das in der Leopard-Bai zeugt davon, welche Gesteinmassen die Gletscher mit sich geführt haben, und dennoch sind alle erwähnten nur ein kleiner Bruchtheil von denen die der Hauptstrom auf seinem Rücken fortgeführt hat. Ein größeres Hinderniß fand der Eisstrom erst am heutigen Cap Maklair; ohne Frage waren es hier die massiven Felswände, die eine gewaltige Anstauung der Eismassen verursachten und schließlich zu einer Schpaltung führten, die die Bildung der beiden tiefen Einschnitte zur Folge hatte.

Natürlich ist es, daß die Spaltung des mächtigen Eisstromes nun eine größere Ablagerung zur Folge hatte, Felsentrümmer und Morainen in Massen, vielleicht schon vom fernen Norden mitgeführt, häuften sich an, wodurch Inseln, Berg und Hügelketten am Rande des Eisstromes gebildet wurden, die zum Theil die ganze Oberfläche der Halbinsel bedeckten. Der östliche Strom wälzte sich nun längs der hohen Gebirgswand in südöstlicher Richtung fort, Berg und Felsenketten auf seinem Wege durchbrechend, bis in dem heutigen Schirwadistrikt seine Macht durch mehrfache Spaltungen gebrochen war, die einzelnen Arme aber zermalmte Felsentheile und Moraine aufstapelten. Vorausgesetzt ist, daß das heutige Zambesi-Schire-Gebiet in jener Zeitperiode ein tief einschneidender, vielleicht noch weit über den Moramballa-Höhenzug hinausreichender, wenn auch flacher Bestandtheil des indischen Ozeans gewesen ist, in welchem die Eismassen als Eisberge abflutheten.

Der westliche Strom hingegen drang südwärts vor, längs dem heutigen Kirks-Höhenzuge, dessen Verbindung zwischen Cap Maklair und Cap Rifu schon vom Hauptstrom zermalmt wurde, ehe es zur Spaltung desselben gekommen war. Kaum 10 engl. Meilen südlicher durchbrach er dann die Felsenkette, um den heutigen Malombwe-See gelegen und wälzte sich zum jetzigen Schire-Hochland fort. Eine Spaltung dieses Armes muß hier wiederum stattgefunden haben, da der östliche Strom sich im heutigen Michiru-Thal aufwärts schob -- thatsächlich aufwärts, als man erstens die Mächtigkeit des Gletscherstromes in Betracht ziehen und zweitens sich vergegenwärtigen muß, daß vom Nyassa-Hochland bis hierher ein starkes Gefälle die Gewalt des Eisstromes begünstigte -- und bei Blantyr den Durandi-Höhenzug durchbrach. Der andere, der sich über und neben die Murchison-Fälle (den Katarakten) fortwälzte, spaltete sich in viele Arme und füllte, zum Stillstand gekommen, durch die Erd- und Steinmassen das heutige Schire- und Zambesithal aus.

Die heutige Fruchtbarkeit des Schire-Hochlands, die mächtigen Thonlager um Blantyr, abgelagert in tiefen Schichten, daneben gewaltige Bergriesen aufgebaut aus granitenem Gestein, sind alles nur Ergebnisse jenes Gletscherstromes, dessen Gewalt gebrochen, hier Moraine in Massen aufhäufte.

Es ist ein kühnes Facit, zu dem man gelangt, auch nur möglich, wenn die heutige Gestaltung dieses weiten Gebietes als Folge einer viele Jahrtausende währenden Eisperiode zugeschrieben wird; ob darnach auch ein langsames oder plötzliches Schmelzen der Eismassen stattgefunden, jedenfalls hat die Kraft fließender Wasser das Werk vollendet, deren Gewalt um so größer sein mußte, als vom heutigen indischen Ozean bis zum Nyassa-Hochland das weite Terrain terrassenförmig ansteigt. Diese Wasserkraft hat denn auch im Laufe der Zeiten sehr viel verwischt, nicht nur, daß unablässig Material herabgespült wird, tiefe Furchen im harten Gestein gegraben worden sind, mußte zur Zeit, als die Eismassen verschwanden, die Kraft der fließenden Wasser eine ungeheure gewesen sein, die überall in Massen angehäufte Moraine weggeführt und an geeigneten Stellen abgelagert haben.

Ehe nach der Eisperiode Zeit und Wasser dieses alles vollbracht, ehe die heutige, muthmaßlich schon vor Jahrtausenden geschaffene Lage der Ländermassen beendet, waren die Grenzen des Nyassa-Sees in grauer Vorzeit ganz andere; weit ausgedehnt bis zu den im Norden und theilweise im Osten und Westen zurücktretenden Gebirgszügen bespülten die Fluthen fast ein Drittel an Flächenraum mehr als heute, namentlich, wenn man sich den im Verhältniß kleinen Malombwe-See mit dem Nyassa verbunden gewesen denkt. Der Malombwe-See, einst ein tiefes Becken, ist heute nahezu ausgefüllt. Mit wenig Mühe findet man die verschiedenen Stadien heraus, in denen sich der Nyassa-See befunden hat, da zu verschiedenen Zeiten die wellenförmigen Ablagerungen ganz bedeutende gewesen sind. Selbst der Abfluß dieses Sees, der Schirefluß, lag früher weiter östlich, dicht unter den hohen Bergen, Niederungen und Sümpfe lassen sein altes Bett heute noch erkennen.

Es bleibt späterer eingehender Forschung überlassen, diese Theorie, die wie jede andere noch gleiche Berechtigung hat, anzuerkennen oder zu verwerfen, wenigstens habe ich, aufmerksam gemacht, die mir gebotene Gelegenheit benutzt und mit prüfendem Blick, wie es niemand vorher sich hat angelegen sein lassen, nach Beweisen für diese gesucht. Wohl kann es gleichgültig sein und wird dem Laien wenig interessiren, wie dieses mächtige Seeengebiet entstanden ist, doch sieht man selbst die Werke der Natur, hat sich das Verständniß dafür durch weite Wanderungen geschärft, hat man das Walten schaffender Kräfte gesehen und beobachtet, werden überall auf der Erde tiefernste Fragen an einem herantreten, und man fühlt sich versucht zu forschen und nach einer Lösung zu suchen. Entschieden würde eine genaue Untersuchung der Tiefenverhältnisse des Nyassa-Sees, die heute noch gänzlich unbekannt sind, so daß ein vollständiges Bild, sich daraus ergäbe, welches die Beschaffenheit des Beckens klar erkennen läßt, dahin führen, der Wahrheit, zum mindesten der Wahrscheinlichkeit näher zu kommen, auch die Erforschung des tiefen Tanganjika-Beckens, über 100 deutsche Meilen lang, müßte ungemein zur Entstehungsursache des weiten Seeengebietes beitragen; meine zeitweilig auf dem Nyassa vorgenommenen Lothungen, da ich, wo es drauf ankam, keinen Grund gefunden, geben keinen Anhalt.

Die früher schon angeführten, in Stein gegrabenen Zeichen, die ich auf Neu-Helgoland, in Monkey-Bai und an anderen Orten beobachtet hatte, nach denen der See 12-15 Fuß höher gewesen ist, ja selbst nach Aussage alter Eingeborener soll derselbe noch in diesem Jahrhundert mehrere Fuß gefallen sein, lassen kein zweifeln und deuteln zu, wie mit einem Lineal so scharf sind sie abgegrenzt; die verschiedenen Linien aber lassen auf ein ganz unregelmäßiges Zurücktreten des Sees schließen.

Sind nun diese Zeichen Jahrtausende alt oder nicht, das wäre die nächste Frage, dann aber mußten an steilen Felswänden, wo die Fluten des Sees ungehindert anprallen, tiefe Auswaschungen im Gestein zu finden sein, was in der Höhe von 12 Fuß und darüber nicht der Fall ist, die ich gefunden, liegen 4-5 Fuß über dem heutigen Niveau des Sees. Und wäre dem so, daß der See solche Höhe gehabt hat, kann dieses nur vor sehr langer Zeit gewesen sein, denn dann müßten die schon benannten Ebenen, als Konde, Rambira, bei Amelia und im Süden alle unter Wasser gestanden haben, was freilich auch einst der Fall war, da diese erst durch Anschwemmungen entstanden sind; dann aber müßte ein solch gewaltiger Zeitraum die Zeichen, nach meiner Schätzung höchstens Jahrhunderte alt, auf diesen Granitblöcken verwischt haben.

So bleibt nur die eine Annahme übrig, daß hier, wie auf vielen Orten unserer Erde, geheime Naturkräfte, und zwar erst in neuerer Zeit, die Ländermassen periodisch gehoben haben, die es auch bewirkten, daß, wie wir es von den ersten Forschern wissen, der Schire- und der Zambesi-Fluß, die ein bedeutend tieferes Bett gehabt haben, heute flach und zu Zeiten unpassirbar sind.

Eine eigenthümliche Erscheinung auf dem See, meistens in der nördlichen Hälfte, sind die Kungu-Fliegen; zu Milliarden vereinigt erscheinen sie wie Rauchwolken, die vom Winde bis zu den Wolken säulenartig emporgewirbelt werden und aus der Ferne gesehen wie Wasserhosen aussehen. Oft zählte ich, soweit das Auge reichte, bis dreißig dieser Schwärme und ging später, da ich aus Neugierde unliebsame Bekanntschaft mit diesen Thierchen gemacht hatte, diesen wohlweislich aus dem Wege.

Als ich solche Erscheinung zum ersten Male sah, steuerte ich direkt in solche Wolke hinein, aber nur bis in die äußere Peripherie dieser wirbelnden Masse gekommen, war es unmöglich, noch die Augen aufzuhalten, selbst die Haut wurde wie mit Nadeln gespickt; im Moment war das ganze Schiff mit lebenden und todten Fliegen bedeckt, die der Wind zu kleinen Haufen zusammenfegte.

Wahrscheinlich auf dem Wasser erzeugt, enden sie auch wieder darauf, so daß, wenn solche Masse in sich zusammengefallen ist, weite Wasserstrecken vollständig mit todten Fliegen bedeckt sind; fegt der Wind eine Wolke aber auf das Land, dann verschwinden Baum und Strauch für einige Zeit, Schluchten und Einschnitte sind wie mit einer braunen Dunstmasse ausgefüllt, so dicht ist die Masse der Fliegen. An bewohnten Orten klatschen bei solcher Gelegenheit die Eingebornen die Fliegen mit den Händen zusammen und zu Kügelchen geformt, werden dieselben gegessen.

Nicht minder unangenehm ist eine Art Eintagsfliege, etwa 1 Centimeter lang, die während der Abendstunden unter Land dem Lichte zueilen und zu Tausenden verbrannt niederfallen; nichts konnte vor denselben geschützt werden und mit manchem Löffel Suppe wurde solches Thierchen als Zugabe verzehrt. War der elektrische Scheinwerfer des »H. v. Wißmann« in Thätigkeit, dann wirbelte es in dessen grellem Schein von unbekannten Nachtschwärmern, und wäre es möglich gewesen, solche zu fangen, manch seltenes Exemplar würde gefunden worden sein.

Zu bestimmten Monaten nur, und, wie ich beobachtet habe, während der Regenzeit, treten diese Fliegenschwärme auf, ebenso erscheint das sonst tiefblaue Wasser des Sees für einige Zeit schmutziggelb, es blüht, würde man sagen können, ob dieses aber hier zutrifft, ist eine offene Frage, wiewohl nicht unwahrscheinlich, als selbst tiefe stillstehende Gewässer häufig solche Erscheinung aufweisen.

Gefährlich für ein Schiff werden auch die vom wirbelnden Winde erzeugten Wasserhosen. Der Wasserdampf, bis zu den Wolken geführt, bildet nach der Entwicklung einen ungeheuren Trichter, in welchem das Wasser spiralförmig in die Höhe gezogen wird, die auf- und niedersteigenden, man kann sagen fallenden Massen, erzeugen auf dem Wasserspiegel im weiten Umkreis eine schäumende, zischende Brandung und erst wenn die Wolke schwarz und genügend mit Wasserstoff gesättigt ist, stürzt der Trichter in sich zusammen. Ratsam ist es nicht, sich in die Nähe einer Wasserhose zu wagen, mit großer Geschwindigkeit vor dem Winde eilend, können sie mitunter einem Schiffe, das nicht zu fliehen vermag, höchst gefährlich werden.

21. Schluß.

Mit der Uebergabe des »H. v. Wißmann« an das Reich hörten die bisher ununterbrochenen Fahrten auf, das Schiff der Station Langenburg zur Verfügung gestellt, wurden nun regelmäßige Touren eingerichtet und als Postschiff verließ der Dampfer an bestimmten Tagen sowohl die Station im Norden, als auch Fort Johnston im Süden; Passagier- und Güterbeförderung wurden ebenfalls nach einem bestimmten Tarif geregelt. Alle Stationen am See erhielten die Hauptpost durch den deutschen Dampfer und lief derselbe deshalb sämmtliche von Europäern bewohnte Orte an, als Karonga, Bandawe, Likoma und später noch das im Gebiete Makangilas neuerrichtete Fort Maguire.

Im Oktober 1893 schon, nachdem die englischen Kanonenboote in Kota-Kota den dortigen Aufstand gegen Jumbe gebrochen, wurden nach Eintreffen der erwarteten indischen Soldaten, 100 Sikhs, in Fort Johnston große Vorbereitungen getroffen, allen Ernstes nun mit dem unbotmäßigen Yao-Häuptling Makangila abzurechnen; der früher schon mit der »Domira« unternommene aber zurückgeschlagene Angriff auf Pandumba bei Losefa, wobei Kapitän Maguire gefallen war, sollte nun erneuert werden, auch ebenfalls mit dem zwischen Kuturu und Losefa bestehenden Sklavenhandel energisch aufgeräumt werden. Die gesammte Streitmacht der Engländer, die Truppen unter Major Edwards, die Schiffe, wozu die »Domira« und die kleine »Ilala« herangezogen wurden, unter Befehl vom Kapt. Robertson, wurde dirigirt durch den Kommissar Mister Johnston und in Monkey-Bai zusammengezogen. Unvermuthet sollte der Feind überrascht und geschlagen werden.

Wohl unterrichtet von der Annäherung einer Sklaven-Karavane, die von Kuturu nach Losefa über den See setzen wollte, führten die Engländer ein Manöver aus, wodurch die vorsichtigen Araber vollständig getäuscht wurden, und zwar passirten die Kanonenboote nordwärts steuernd Kap Rifu, um, aus Sicht gelaufen, in der Dunkelheit unter den Bentje-Inseln zu ankern. In der Meinung die Luft sei rein, beschleunigten die Araber ihre Abreise mit zwei Dhaus, um möglichst weit im Dunkel der Nacht zu kommen; allein in frühester Morgenstunde, ihre Fahrzeuge hatten noch nicht Kap Rifu passirt, tauchten unvermuthet die Schiffe auf und schnitten ihnen den Rückzug ab, so daß sie, auch von Leopard-Bai umgangen, eine Zuflucht auf dem Berg Rifu suchen mußten; nach zweitägigem Widerstande, abgeschnitten von jeder Hilfe, ergab sich mit seinem reichen Elfenbeinvorrath und seinen Sklaven denn auch der Führer der Karawane.

Was ich früher schon angeführt, bestätigte sich hier wiederum, die Sklaven, von den Arabern eingeschüchtert, bezeugten alle, daß sie nur freiwillig mit ihren Herren zur Küste zögen, sie seien keine geraubte Sklaven und die Araber nur Elfenbeinhändler. Furcht vor grausamer Strafe, die der Sklavenhändler über die Wehrlosen verhängt, wenn er geschädigt wird, schließt diesen den Mund. Sklaven, die noch nie einen Europäer gesehen und dessen Macht nicht kennen, verrathen ihren Herrn selbst dann nicht, wenn sie erkennen müssen, daß deren Einfluß über sie gebrochen worden sei, sie wählen lieber die Sklaverei als die Freiheit, denn wer schützt sie vor der weitreichenden Rache der Sklavenjäger; recht- und schutzlos in diesem Lande, wenn der Europäer sie wieder ziehen läßt, nimmt ein anderer ihnen wieder die Freiheit und ihr Schicksal wird nur ein um so traurigeres.

So weit ich unterrichtet bin, mußten aus diesem Grunde die Engländer die gefangenen Araber mit ihrem Elfenbein ruhig ziehen lassen, da diesen nicht nachgewiesen werden konnte, daß ihre Träger geraubte Sklaven waren, nur die beiden Dhaus, Makangila gehörend, wurden konfiszirt. Die Zahl der Angreifer auf Pandumba zu verstärken, war auch Jumbe verpflichtet worden, mit hunderten seiner Krieger sich am Kampfe gegen Makangila zu betheiligen. Plötzlich und überraschend geschah der Angriff auf Pandumba und Losefa, und ob der zahlreiche Feind auch die Landung zu verhindern suchte, gegen das Feuer der Schiffe und der indischen Soldaten hielt er nicht Stand. Er sammelte sich zwar und unternahm nach Art der Neger immer wieder zwecklose Vorstöße, indes da die Engländer nun einmal festen Fuß gefaßt hatten, schickten sie, geschützt durch ein schnell errichtetes Fort (Maguire benannt), die tausende Feinde immer mit blutigen Köpfen heim.

Längs der ganzen Küste, am Strande und auf den Hügeln waren die zahlreichen Dörfer nur Brandruinen; die Einwohner waren geflohen und die sonst so belebte Küste öde und verlassen. Aber auch dieser langwierige Kampf ging zu Ende; nachdem Major Edwards die Feinde mehrmals empfindlich geschlagen und Makangila die Macht der Europäer erkannt hatte, nahm er die Friedensbedingungen an. Jumbe und dessen Krieger, die herzlich wenig geholfen hatten, und die die Engländer sich beeilten mit der ersten Gelegenheit wieder los zu werden, nahm ich, Fort Maguire anlaufend, an Bord des »H. v. Wißmann« und brachte sie nach Kota-Kota zurück und war selber herzlich froh, als ich erst diese Gesellschaft mit Sack und Pack gelandet hatte. Ein halbes Jahr später schon war Jumbe, der nicht mehr Herr über seine widerspenstigen Häuptlinge zu werden vermochte -- die Engländer mochten den alten Sünder auch wohl nicht mehr schützen --, entthront und starb, seiner Würde und Macht entkleidet, bald darauf. Sein Nachfolger Jumbe +II.+, ein noch junger Mensch, erfreute sich nicht lange der Herrschaft, denn durch einen Akt brutaler Grausamkeit, indem er 5 Fremde, Leute eines anderen Stammes, die sich seit längerer Zeit in Kota-Kota niedergelassen hatten, tödten ließ, auch ansässige europäische Händler gefährdete, verfiel er bald dem Verhängniß.