Die deutsche Dampfer-Expedition zum Nyassa-See.

Part 48

Chapter 483,557 wordsPublic domain

Gewöhnlich trifft das Loos solche, die eine Sklavin zur Mutter haben, trotzdem sie ebenso gut Blutsverwandte der Geraubten sind, wie die Kinder einer freien Frau, einer aber muß gehen und die bittere Nothwendigkeit zwingt die unfreie Mutter ihr Kind zuerst wegzugeben. Ist eine Familie aber nicht imstande solches Opfer zu bringen, findet sich meistens doch jemand der für ein Stück Rind etc. einen Sklaven hergiebt; unerläßlich jedoch wird solch Lösegeld, wenn es gilt einen Häuptling oder sonst Angesehenen des Stammes wieder zu befreien. Gewiß wird man in solcher Handlungsweise große Herzlosigkeit sehen können, aber die Familienbande durch Polygamie, durch die überall zu Recht bestehenden Sklaverei gelockert, werden solche Opfer nicht allzuhoch veranschlagt und vorherrschend ist die Anschauung, daß es besser ist große Opfer zu bringen, als sich der erwachsenen Männer berauben zu lassen. Solche Räubereien, so häufig sie auch vorkommen, geben den Ueberfallenen wenigstens Gelegenheit sich ihrer Haut zu wehren und werden einzelne auch hinweggeführt leiden dadurch doch nicht alle; andere Fälle aber sind ernster, und schlimm steht es erst, wenn heimtückische Feinde vor der Ernte die Felder zerstören oder verwüsten und die Bewohner eines Dorfes verhindern sich Nahrung zu suchen; unerbittlich zieht dann der Hunger ein und überliefert die Einwohner auf Gnade oder Ungnade ihren Feinden. Solches Treiben mächtigerer Stämme bringt über ganze Distrikte häufig genug Noth und Elend; schlimmer aber noch ist es, wenn eine allgemeine Hungersnoth eintritt, dann wandern wankende Gestalten viele Meilen, um nach den Masukafrüchten zu suchen, die neben oft giftigen Wurzeln und anderen Pflanzen die einzige Nahrung bilden. Von solchem harten Loos werden häufiger die Stämme an den Ufern des Nyassa-See's heimgesucht, weniger die im Hochland wohnenden, und wenn dann die Noth am höchsten gestiegen ist, kommen, um nur ein Beispiel anzuführen, die Yao's zur Küste mit Waffen und geringem Vorrath und geben namentlich den hungernden Kindern ein wenig zu essen, verlangen aber, wenn solches Almosen angenommen wird, sofortige Bezahlung dafür und, da die Halbverhungerten absolut nichts zu geben haben, führen sie solche mit sich in die Sklaverei.

Eine grausame Methode ist es, für ein Stückchen Cassava (Wurzel) oder eine Hand voll Korn ohne Mitleid den Hungrigen die Freiheit zu nehmen, aber zu solchem Zweck gerade ist der Yao gekommen und läßt sich die günstige Gelegenheit, auf so billige Art Sklaven zu erhalten, darum nicht entgehen. Bringt der herzlose Käufer größeren Vorrath, dann wird oft, um nur für Tage den Hunger stillen zu können, ein Glied einer Familie ihm für wenig Essen verkauft -- die Armen sagen sich, es ist besser, daß einer geht, für den die bittere Noth ein Ende hat, denn daß sie alle sterben -- wenigstens für kurze Zeit haben sie etwas besseres als Gras, giftige Wurzeln und Wasserpflanzen zu essen! Freilich trifft zuerst das harte Loos den Unfreien, aber auch der Freie wird in Zeiten höchster Noth nicht geschont, und einem harten Geschick sind die Verkauften verfallen, die vielleicht doch nicht die Ihrigen vor dem Hungertode haben bewahren können. Allein wie allgemein auch der bittere Zwang den Menschenhandel begünstigt und es den Anschein hat, als würden die Bande des Bluts ohne viel Mitgefühl zerrissen, so kommt es doch noch häufiger vor, daß viele lieber dulden und sterben, ehe sie ihre Kinder verkaufen -- die Mutterliebe ist oft stärker als die bitterste Noth -- und bietet der eigennützige Yao seinen verhängnißvollen Bissen an, weigern sich trotzdem viele, solchen anzunehmen und widerstehen der Versuchung; denn die Kinder retten, heißt sie auf immer verlieren. -- Der Neger liebt die Scholle, auf der er geboren, ob er sie willig oder unfreiwillig verlassen muß, sein ganzes Sinnen bleibt doch für lange Zeit darauf gerichtet, wieder zu ihr zurückkehren zu können und scheut dafür keine Noth noch Gefahr; lieber leidet und hungert er mit den Seinen, theilt Freud und Leid mit den Gespielen, als daß er auf lange Jahre sie verlassen sollte, auch wenn ihm die Aussicht winkt, sein einziges Begehren erfüllt zu sehen, seinen Magen immer füllen zu können.

Oft habe ich die Erfahrung gemacht, daß, wie häufig auch die Eingeborenen sich erbieten mit einem Europäer zu gehen, sie dies nur unter der Bedingung thaten, in nicht allzu langer Zeit wieder zu ihrem Heimatsort zurückkehren zu dürfen und auf dem »H. v. Wißmann« war das längste Engagement nur 3 Monate; wohl kamen die Leute wieder, sobald sie ihren Verdienst aufgezehrt, oder sie Lust zur Arbeit hatten, indes anhaltend zu arbeiten, dazu waren sie nicht zu bewegen. Ob sie auch meilenweit über Berg und Hügel wandern mußten, nichts hielt diejenigen, welche Urlaub bekamen, zurück, auf wenige Stunden nur bei den Ihrigen weilen zu können.

Was die Liebe zum Heimathlande anbetrifft, die den Neger beseelt, wird dieser als Freigegebener erst recht die Macht des weißen Mannes schätzen lernen, wenn derselbe ihn zurückzusenden vermag von wo ihn ein grausames Geschick hinweg geführt hatte, das aber sollte, wenn irgend angängig, immer geschehen, denn dann, welchen Begriff von Dankbarkeit der Neger auch immer haben mag, wird er sie dem weißen Manne entgegen bringen. Abgesehen nun von der Art und Weise, wie die Stämme unter sich mit Gewalt oder List sich in den Besitz von Sklaven zu setzen wissen, wäre noch anzuführen, daß für jedes Verbrechen, welches irgend jemand begeht, dessen ganze Familie haftbar gemacht wird; der Thäter selbst geht straflos aus, sobald er einen Sklaven oder einen Verwandten als Sühne stellen kann; oder auch, glaubt nur ein Glied einer Familie an Hexerei -- übrigens ein weiter Begriff bei diesen Stämmen -- so haften alle Angehörigen für dieses, und ebenfalls ein näherer Verwandter muß in die Sklaverei wandern; solche Opfer aber, für die in diesen beiden Fällen niemand ein Lösegeld zahlt, werden gelegentlich an Sklavenhändler verkauft. Weit und breit im portugiesischen Gebiet leben die Yao in zahlreichen, mächtigen Stämmen und haben sich mit Vorliebe ihre ausgedehnten Dörfer an hohen Bergen angebaut, z. B. Unangu, Mangoche, Mtonga, Lisali u. a. Ein Handelsvolk im gewissen Sinne, da der Sklavenaustausch ihr Haupterwerb ist, lieben sie es, in Karawanen zur Küste zu ziehen, sie sind vielfach mit den bekannten Wanjamwesi verglichen worden, denen auch ein gewisser Wandertrieb inne wohnt. Den Bedarf an Zeug und Pulver gewinnen sie einzig durch den Handel mit Sklaven, auf welche Art aber sie sich solche beschaffen, habe ich zu zeigen versucht.

Die Yao's, die von den Stämmen am Nyassa-See sehr gefürchtet werden, haben den Namen »Angulu« erhalten, welcher so viel als Ostwind bedeutet, denn so wie dieser die trockenen Blätter von den Höhen in mächtigen Wirbeln niederführt, fegt er auch nach Ansicht derselben die Yao's von dem Gebirge herab. Kühnheit und Intelligenz kann dem Yao nicht abgesprochen werden, die angeborene Grausamkeit aber, um welcher er gefürchtet ist, hebt seine guten Eigenschaften wieder auf; viele bezeichnen ihn auch als verrätherisch und feige, doch so viele ich kennen gelernt habe, waren sie letzteres nicht und namentlich als unerschrockene Jäger sind sie muthig und besonnen. Mit Speer und Pfeilen allein treten sie dem Löwen und Elephanten entgegen, wagen sich so nahe an die gefährlichen Thiere heran, daß ihre Waffen zur Geltung kommen müssen, und gewiß als furchtlos muß man den bezeichnen, der es unternimmt, sich unter den Leib des mächtigen Vierfüßlers zu schleichen, der die Stelle sucht, wo er gewandt und schnell den breiten Speer in den Körper des Thieres zu stoßen vermag, das tödtlich getroffen zusammenbricht.

Höchst verderblich auf den Charakter der Yao's einwirkend ist der regsame Verkehr mit der Küstenbevölkerung, schnell haben sie sich dem Einfluß gewissenloser Suaheli untergeordnet, die der Ansicht huldigen, daß sie das Elitevolk aller Bantustämme sind, mithin nur verächtlich über die im Innern wohnenden denken und solche auch, als tief unter ihnen stehend, demgemäß behandeln. Die Untugenden der Küstenbevölkerung sich aneignen zu können, rechnet sich der Yao zur Ehre an, und wunder nimmt es daher nicht, wenn er zum Theil verrätherisch und hinterlistig geworden ist. Die Berather der Häuptlinge sind die Suaheli und Halbaraber, oft der Schrift kundig und äußerst verschlagen, haben sie sich genugsam unentbehrlich zu machen gewußt; verleiteten zu Menschenraub und Verwüstungen nur zu oft diejenigen, welche ihnen ein willig Ohr geschenkt haben.

Trotzdem die Yao's sich beständig in den Haaren liegen und sich gegenseitig in blutigen Fehden zu schwächen trachten, zu welchem der geringste Vorfall Veranlassung geben kann, mehr aber auf den Neid der Häuptlinge unter sich zurückzuführen ist, wächst doch ihre Macht und Einfluß, und wären die drei mächtigsten Häuptlinge Kalanje, Makanjila, Mponda, überhaupt alle, sich einig, sie könnten heute noch die Europäer aus dem Lande jagen -- vor ihren ungezählten tausenden Kriegern müßte das Häuflein weißer Männer weichen.

Gleicherweise sind die Yao auch für die Wangwangwara unliebenswürdige Nachbarn, wiewohl letztere ihnen auch sicherlich nichts schuldig bleiben und gegenseitiges Berauben der Felder und Dörfer zur Gewohnheit geworden ist. Als Beispiel sei hier die charakteristische Ansicht Häuptlings »Songea« angeführt, der einst zu Ehren seiner anwesenden weißen Gäste Tanz, Singsang und Trinkgelage aufführen ließ und sich diesen gegenüber in seiner ganzen zweifelhaften Würde zu zeigen bemüht war. Seine um ihn in großer Zahl versammelten Krieger redete er folgendermaßen an: ihr seht hier die weißen Männer, wenn es solche nicht gäbe, hätten wir kein »Calico« (Zeug) und gäbe es kein Calico, könnten die Yao-Karawanen solches nicht ins Land bringen, gäbe es aber nun keine Karawanen, woher in aller Welt sollten wir dann Zeug stehlen und uns bereichern? Somit ist es also klar, daß der weiße Mann ermuthigt werden muß, in unser Land zu kommen, er muß respektirt und geachtet werden und niemand soll ihn tödten, geschieht es dennoch, werden wir kein Zeug mehr bekommen, auch die Quelle verschließen, von woher der weiße Mann sich solches beschafft oder in seiner Weise anderen wegnimmt.

Ermuntert durch den Beifall seiner Zuhörer fuhr Songea fort: Du siehst, Mzungu (Europäer), meine Krieger, wenn sie Karawanen begegnen, flößen namentlich den mit Zeug beladenen Trägern solche Furcht ein, daß die einfältigen Yao ihre Lasten wegwerfen und eiligst fliehen, thun diese aber so was Unvernünftiges, ist es doch erklärlich, daß meine Leute, die nie etwas mögen umkommen lassen, die Lasten natürlich aufnehmen und nun als ihr Eigenthum betrachten -- darin kann der weiße Mann doch auch nichts Unrechtes finden, nicht wahr? -- und in der That findet solches Beispiel nur zu willige Nachahmer.

Da der Aberglaube unter den Negerstämmen stark verbreitet ist, meist religiöser Natur, so werden die Handlungen des Einzelnen wie auch ganzer Stämme durch denselben beeinflußt, und unter vielen Abweichungen sei ein Beispiel hier erwähnt und zwar, wie die Yao sich verhalten, wenn sie beabsichtigen, kürzere oder längere Wanderungen zu unternehmen. Jedes Unternehmen, welcher Art es auch sei, geschieht gewöhnlich mit Zustimmung des Häuptlings und der Aeltesten eines Stammes, und so ist es denn Gebrauch, sich über den glücklichen Ausgang eines solchen Garantien zu verschaffen. Zu diesem Zwecke sendet der Häuptling einen kleinen Korb mit Mehl zu dem Grabe seines Vorgängers, der dort niedergelegt wird und daselbst für mehrere Tage verbleiben muß. Wird nach dieser Zeit der Korb nun in derselben Verfassung gefunden, so ist dieses ein gutes Omen und Vorbereitungen zur Reise werden getroffen, hingegen ist das Mehl zerstreut und der Korb leer gefunden worden, ist dieses ein schlechtes und der Aufbruch wird verschoben. Es wird also nach dem Glauben des Ahnenkultus dem Geiste des Verstorbenen die Entscheidung überlassen, um so zuversichtlicher, als keiner es wagen würde, ein solches Grab zu berühren.

Die Ceremonien beim Begräbniß eines Häuptlings, der gewöhnlich in seinem Viehkraal begraben wird, sind ebenfalls eigenartig. Von allen Seiten strömen die Männer herbei und bezeugen durch lautes Lamentiren ihre Trauer; im Kraal versammelt, schauen sie dem Aufwerfen des Grabes zu, während dessen unaufhörlich das »+Baba bè! Baba bè!+« erschallt. Ist alles beendet, wird der Verstorbene in Zeug gerollt und aus seiner Hütte gebracht, dann ordnen sich vor dem Zuge dessen Weiber, die mit großen Federbündeln geschmückt sind. Mit lautem Wehklagen eröffnen sie die Prozession und krauchen auf Knieen und Händen dem Zuge voran bis zum Grabe; hierauf weichen sie mit lautem Klagen bis hinter die Linie der in weitem Umkreis dicht gedrängt sitzenden Männer zurück. Sodann wird der Todte in sitzender Stellung, das Gesicht nach Osten gewendet, in seinem Grabe postirt; ist dies beendet, ist es für die Zuschauer, meistens Krieger, das Signal, mit wildem Geschrei aufzuspringen, sich dicht um das Grab zu drängen und, ihre Schilde über die Köpfe haltend, dem Todten durch lautes Klagen die letzte Ehre zu erweisen. Dann kommen die Jüngeren an die Reihe, truppweise zum Grabe tretend, bis alle ihrem verblichenen Häuptling den letzten Tribut gezollt haben. Darauf werden zu dessen Füßen eine Masse Zeug, vielleicht in Jahren aufgespart, Kochtöpfe, Trinkgefäße, Matten und Pfeifen gelegt, und sind genug Liebesgaben gespendet, damit der tote Häuptling nicht mit leeren Händen bei den Geistern seiner Vorfahren zu erscheinen braucht, wird das Grab geschlossen. Die Sitte aber erfordert, daß noch Tage lang um den Todten geklagt und lamentirt wird und namentlich geberden sich dabei die Weiber, als hätte der Verlust sie ihrer Sinne beraubt.

Eines von Interesse möge noch angeführt werden, und zwar das Verhalten der Angoni in Fällen schwerer unbekannter Krankheit. Liegt jemand ernstlich erkrankt darnieder, gehen die Verwandten zunächst zu einem Wahrsager, »Itschanusi«, und suchen von diesem zu erforschen, welche Art von Krankheit es sein möge, die einen der Ihrigen befallen hat. Vor dessen Hütte angelangt, rufen sie den Wahrsager an mit »Yebobani«, d. h. wir haben eine Angelegenheit für dich. Darauf ordnet der Itschanusi seine Instrumente, bestehend aus Ziegenknochen, Theile eines Elephantenhufes, Holzstücke und den Rinden verschiedener Fruchtarten. Eine überall erhältliche Pflanze, genannt »Itschitùta Kazana«, reibt er sodann in den Händen und zieht mit dem Munde deren Duft ein, was zur Folge hat, daß er den Athem mit Geräusch gleich einem schwachen Bellen ausstoßen muß. Hierauf wirft er die Instrumente mehrmals auf den Erdboden, ruft nach Beendigung dieser Prozedur die Leute zu sich in die Hütte und, da er nicht wissen kann, ob der Kranke ein Mann, Weib oder Kind ist, verlegt er sich zunächst aufs Rathen. Trifft der Wahrsager das Richtige, rufen alle laut »Siyavuma« -- du hast recht -- und knipsen mit dem Zeigefinger und Daumen, räth er hingegen falsch, wird das Siyavuma nur leise gesagt und der Wahrsager weiß, daß er auf falscher Fährte ist. Ist das Geschlecht des oder der Kranken auf diese Weise schnell festgestellt, dann nennt er eine Anzahl Krankheiten, unter denen eine wohl die richtige sein wird.

Zwar ebenso klug fast als vorher, befolgen doch die Rathsuchenden die Weisung des Itschanusi, nämlich erst den »Amadhlozi«, den Geistern der Vorfahren ein Opfer zu bringen und dann die Hilfe des Medizinmannes in Anspruch zu nehmen. Sind sie zu ihrem Dorfe zurückgekehrt, wird also eine Kuh, Ziege oder auch »Ulofioko«, d. i. Korn, woraus Bier bereitet wird, den Amadhlozi geopfert -- Schafe werden den Geistern nicht angeboten. Kommt der Medizinmann, ordnet dieser ebenfalls an, eine Kuh, Ziege oder Huhn zu schlachten; ist eines dieser Thiere gewählt, wird das Fleisch zerschnitten und in einen Topf mit der mitgebrachten Medizin gethan, der Inhalt der Gedärme oder des Magens, »Umswani« genannt, wird hinzugefügt und dann die unappetitliche Mischung gekocht und dem Kranken zum Essen vorgesetzt. Hilft diese Mischung dem Kranken, zahlt er später dem Doktor für dessen Mixtur eine Kuh oder Ziege, auch der weise Rathgeber, der »Itschanusi«, geht nicht leer aus. Eine Art Krankheit, eigentlich Nervosität, begleitet von Schlaflosigkeit, »Amalombo« genannt, wird folgendermaßen kurirt: eine stark pfeffermünzhaltige Pflanze wird in einem Gefäß mit Wasser gekocht, dann legt man die Kranke (meistens Frauen werden davon befallen) nieder, stellt neben ihr das Gefäß und deckt beide dicht zu, so daß der heiße Dampf den Körper erwärmen muß. Der Medizinmann, der solches Mittel angeordnet hat, schlägt nun seine Ngoma (Trommel), nach der die Angehörigen oft vom Sonnenuntergang bis zum nächsten Morgen tanzen und singen. Das Resultat ist, daß meistens die Kranke nach solcher Schwitzkur schließlich aufspringt und an der eigenartigen Lustbarkeit theilnimmt. Darauf bereitet man die wie oben schon erwähnte Medizin und die Krankheit gilt als gehoben. Somit käme hier eine Methode in Anwendung, die in letzter Zeit auch in Europa versucht worden ist, daß nämlich Musik Kranken die Schmerzen lindern und sie auch beruhigen kann.

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Eingehend, und soweit es zum vollen Verständniß des nun Folgenden dienen kann, habe ich mich bemüht, ein anschauliches Bild von der Beschaffenheit des Nyassa-Sees, den Küsten, Gebirgen und Inseln zu geben. Mit Hilfe der von mir möglichst genau angefertigten Karte, vornehmlich der nördlichen Hälfte des Sees, wird es leicht sein, genau zu verfolgen, was ich im besonderen über die vermuthliche Entstehung dieses gewaltigen Sees anführen werde. Vielleicht werden die Ansichten gelehrter Geologen weit von einer Theorie abweichen, die nur auf Vermuthungen beruht, jede andere hat jedoch denselben Anspruch, als die muthmaßlich richtige zu gelten. Aber ein Gebiet, das vor wenig Jahrzehnten noch ein terra incognita war, über das wenige Forscher nur unter Mühen und Gefahren gesammelte Auskunft geben konnten, kann so lange in wissenschaftlicher Hinsicht als unbekannt gelten, so lange es nicht, wie hier der Fall, wissenschaftlich erschlossen ist. Zweifelhaft und unzuverlässig waren die Ueberlieferungen der alten Egypter, erst die Forschungen der Jetztzeit bestätigen die bezweifelte Sage von der Existenz gewaltiger Gebirgsmassen im Herzen Afrikas, auch das sagenhafte Mondgebirge wurde dadurch aufgeklärt, wohl haben kühne Handelsleute schon vor Jahrtausenden die mächtigen über die Wolken hinaus ragenden Höhen gesehen, aber Kunde von dem ausgedehnten ungeheuren Seeengebiet, eingebettet in das felsige Hochgebirge, wie auf der Erde nicht annähernd ein gleiches, brachten sie nicht.

Wer diese Gewässer geschaut im Sonnenglanz ein Silbermeer, in stiller friedevoller Nacht, wenn vom Firmament das Sternenheer in hehrster Pracht herniederleuchtet, eine Wunderwelt, deren Glanz erhöht wird durch die in der Ferne auf den Bergen sich gleich glühenden Schlangen hinwälzenden Feuer, und weiter zurück in tiefblauer Färbung die Gebirge gleich schlafenden Riesenmassen liegen sieht, die wie ein Wall in unabsehbarer Ferne diese zu Zeiten spiegelglatten Fluten umschließen, fühlt sich versucht, in die Geheimnisse der Natur, die hier Werke von gewaltigen Formen geschaffen hat, einzudringen. »+Nyanya Ya Nyenyesi+« See der Sterne haben mit stolzen Worten die Eingeborenen den Nyassa-See genannt; keine Ueberlieferung aber giebt Aufschluß, woher diese Benennung stammt, nur unter den vielen Fabeln, welche meistens den Eingeborenen als Einleitung zu ihren Gesängen dienen, deutet eine auf die mythische Entstehung des Nyassa-Sees hin -- so dunkel und unklar aber, daß solche einfach als eine schwache Vorstellung, wie sich die Eingeborenen die Entstehung dieses Sees gedacht, aufgefaßt werden muß -- ihnen sowohl wie uns bis zur Stunde ein ungelöstes Räthsel! --

Vor langer, langer Zeit, so erzählt die Sage, war der See nur ein schmales Gewässer, zu diesem kam aus dem fernen Westen ein Mann mit silbernem Scepter und wählte sich aus der Bevölkerung am See ein Weib, das er beredete ihm nach seiner entlegenen Heimat zu folgen; es sagte auch zu und auch ihr Bruder war bereit seine Schwester zu begleiten -- dies aber wollte sein Schwager nicht dulden und verwehrte es ihm -- darauf nun, als er seine Schwester wegziehen sah über den See, weinte er bitterlich, wurde dann aber sehr ungehalten und schlug mit seinem Stock das Wasser, bis dieses anschwoll und die Fluthen alles bedeckten; dafür nun mußten die Geschwister sterben, konnten auch nicht im Tode vereint bleiben, da die Fluthen den Körper des Weibes zum fernen Norden, den ihres Bruders nach Süden hin trieben.

Es ist nutzlos, hieraus irgend etwas muthmaßen zu wollen, da wir mit Bestimmtheit annehmen müssen, daß die Entstehung des Nyassa-Sees, wie überhaupt des ganzen ungeheuren Seeengebietes, in prähistorische Zeit zu verlegen ist. Die Ansicht, die langgestreckten Thäler im Hochlande des zentralen Afrikas seien Erdsenkungen, entstanden durch zusammenstürzen gewaltiger Bergmassen, hat wohl die Wahrscheinlichkeit für sich; jedenfalls aber müssen zwischen den ungeheuren kompakten Gebirgsmassen, große ausgedehnte Ruinen vorhanden gewesen sein, die, wie ich nachzuweisen versuchen will, durch eine verheerende Gewalt erweitert und vertieft worden sind, ehe sie mit Wasser angefüllt, die heutigen Seeenbecken darstellen konnten. Denn ragen auch unberührt wie es scheint, die Bergspitzen der Gebirgsmassen in ihrer ursprünglichen Gestalt hoch in die Lüfte, muß man doch, da die Felswände steil und senkrecht noch unter Wasser abfallen, nach einer weiteren Erklärung für die Vertiefung suchen.

Ein Beobachter darf nicht auf beschränktem Gebiet nach Anhaltepunkten suchen für eine Idee oder Theorie, wenn wie hier ein ungeheures Gebiet in Frage kommt, auf welchem sich Vorgänge abgespielt haben, die nur mit weitem Blick, sozusagen aus der Vogelperspektive, ganz erfaßt und beurteilt werden können, sondern muß sich vergegenwärtigen, was in Jahrhunderttausenden geschehen und sich verändert haben kann, mit Berücksichtigung der unabänderlichen Naturgesetze, die im Kleinen wie im Großen schaffen und zerstören. Die Auffassung des Geologen Sir Roderick Murchisons über Afrika möge hier, soweit sie Anwendung findet auf das, was ich angeführt habe, Platz finden: Darnach ist Afrika unser ältester Kontinent, der nie wieder, wie alle übrigen, seit seiner Geburt aus dem Flammenmeer unseres Globus durch Wasser getauft und verjüngt worden ist, also nichts von dem Reichthum, den die anderen Kontinente von den Ozeanen empfangen haben, ist ihm zu theil geworden. Es ist das ärmste Land geblieben, weil es seit der Eisperiode nie wieder unter Wasser gesetzt war. Es steht bis zum heutigen Tage, ein Produkt plutonischer Hitze und eisiger Kälte, ein unvollendetes Werk der Natur, tot, während andere Kontinente ihre Jugend erneut haben.

Abgesehen nun von den massiven starren Felsenmassen, die, wo immer sie zum See herantreten, gleich granitenen Mauern sich aus diesem erheben, zeigen doch viele Strecken, wo solche durchbrochen sind, ein Chaos übereinander getürmter Granitmassen, oder vereinzelte Bergkegel isolirt stehend, lassen vermuthen, daß sie ursprünglich zu einer zusammenhängenden Kette gehört und zu fest gebaut, einer verheerenden Gewalt widerstanden haben. Gebirgszüge, wie die tiefen Einschnitte als Denp-, Amelia-, Mbampa-Bai etc. zeigen, sind einfach von ihrer Basis weggefegt worden, Ueberreste nur, Rocks und einsame Bergkegel als Zeugen einer vorgeschichtlichen Zeit sind übriggeblieben.