Die deutsche Dampfer-Expedition zum Nyassa-See.

Part 43

Chapter 433,432 wordsPublic domain

Am 20. früh setzten wir die Reise fort und fuhren unter der hohen steilen Felsenküste auf einen Abstand von etwa 5 Meilen entlang, möglichst direkt von Cap zu Cap, wie ich die vorspringenden Bergmassen bezeichnen kann. Einen schönen Anblick gewährten die Conturen der über 7000 Fuß hohen Gebirge, tiefe Schluchten und Thäler öffneten sich, von steilen Felswänden stürzten aus gewaltiger Höhe Wasserfälle herab, die im Sonnenlichte gleich Silberfäden erglänzten, durch den Sturz in die Tiefe aber Wasserdämpfe erzeugten, in denen sich die Farben des Regenbogens in reinster Klarheit spiegelten. Zwar Berg und Höhen mit dichtem Busch und Baumwuchs bestanden, zeugte dennoch die Oberfläche der Felsen von der gewaltigen Zerstörung der Wassermassen; die reißenden Sturzbäche, die im wilden Laufe alles mit sich nehmen, haben tiefe Furchen in die ursprünglichen Formen gegraben und nur die Spitzen der Granitmassen zeigen noch die uralte Formation. Bis zum Abend hatten wir 90 Seemeilen zurückgelegt und auf 10° 50´ S. Br. angelangt, suchte ich an verschiedenen Stellen, wo eine kleine oder größere Bucht einigen Schutz versprach, einen Ankerplatz, allein meistens auf ein bis zwei Schiffslängen dem Ufer nahe gekommen, lotheten wir noch 25, 20, 15 Faden Wassertiefe (1 Faden = 6 Fuß) und völlige Dunkelheit war eingetreten, ehe an einem ungeschützten Platz weniger Wasser gefunden wurde. Wo immer das Schiff so nahe dem Ufer kam, liefen die Eingebornen, die furchtsamen Wampotto, mit ihrem geringen Hab und Gut in die Berge und verbargen sich hinter Felsblöcke; sie haben wohl noch nie einen weißen Mann, noch nie vorher ein Schiff gekannt, das gleich einem grauen Ungethüm so schnell daher kam, darum scheuchte der erste Anruf auch die waffenführenden Männer hinweg und alles Winken und Rufen war vergeblich. Von Furcht und Schrecken aber wurden sie erst erfaßt, als ich einsehend, alle Liebesmüh sei vergeblich, die dumpfheulende Dampfpeife zog, deren mächtiger Ton ein hundertfaches Echo an den Felsen weckte. Auch aus dem Dorfe, vor welchem wir schließlich Ankergrund gefunden hatten, flohen die Bewohner.

Hier zuerst zogen die Pfahlbauten, von denen viele Ueberreste im nördlichen Theil des Sees noch vorhanden sind, die Aufmerksamkeit auf sich; viele im Wasser eingebohrte lange Pfähle dienten früher dazu, die Hütten der Eingebornen zu tragen, die dicht aneinander gedrängt, ein ganzes Dorf ausmachten. Ein solches war für die von ihren Feinden hart bedrängten Küstenbewohner dann eine sichere Zufluchtsstätte, da der herankommende Gegner im Wasser ungeschützt, den Pfeilen und Speeren der Vertheidiger ausgesetzt, sich nicht weiter vorwagen durfte und sich mit dem aufgegriffenen Vieh, einigen Gefangenen, die in die Sklaverei geschleppt wurden, begnügen mußte.

Seit der Zeit, daß die mächtigen Wagwangwara, die armen Wakissi und Wampotto tributpflichtig gemacht haben, sind die Pfahlbauten in Verfall gekommen, wenigstens selten nur findet man noch eine Hütte auf solchen erbaut. Um die aberhundert Pfähle, die zu einem Dorf benöthigt wurden, im harten Grunde fest einzubohren, bedienten sich die Eingebornen folgender Methode: der oft nicht gerade Baumstamm wurde nach unten zu angeschärft, dann fest aufgesetzt und mit primitiv an diesem befestigten Hebeln fortwährend gedreht, bis der Pfahl fest und sicher stand.

In der Voraussetzung, daß der nächste Tag uns bei guter Zeit nach der Rambira-Bai, Station Langenburg bringen würde, die Distanz von annähernd 70 Seemeilen glaubte ich bequem zurücklegen zu können, eilte ich am nächsten Morgen nicht zu sehr, sondern, nicht allzu weit von Amelia Bai, heute Wiedhafen, suchte ich, vorsichtiger unter Land laufend, die große Bai und ihre Umgebung näher in Augenschein zu nehmen, zumal ich ohne Karten, ohne jeglichen Anhalt mich vorläufig auf flüchtig, im Vorüberfahren aufgenommene Skizzen zu orientiren suchen mußte. Von Cap Bango tritt das hohe Livingstone Gebirge unmittelbar zum See heran und von hier in ununterbrochener Linie heben sich die 2 bis 3000 Fuß hohen Felsmassen steil und direkt aus dem See empor. Manche Bucht und mancher Felsvorsprung unterbricht die Küstenlinie, aber nirgends findet sich ein geschützter Punkt, außer in der Kaiser Bai, wo ein Schiff mit Sicherheit ankern könnte, wenn die Wassertiefe unter Land nicht zu groß wäre.

In reicher Abwechslung zogen die Berg- und Gebirgsformationen vorüber, vom Fuß bis zum Gipfel mit Busch und Baum bestanden; an Stellen, wo tiefe Bergschluchten sich aufthaten, aus welchen donnernd die Sturzbäche in Cascaden ihre Wasser über Fels und Stein springen ließen, konnten wir im Schutze mächtiger Baobab- und Tamarindenbäume auch Hütten Eingeborner bemerken, die idyllisch am Fuße majestätischer Bergriesen in einer großartigen erhabenen Natur hingestreut lagen. Schon war der Nachmittag weit vorgerückt und noch immer wollte die Station Langenburg nicht in Sicht kommen, bis endlich, als ich noch im Zweifel war, ob es nicht besser sei mit dem Schiffe weit von Land abzulaufen und die Nacht auf dem See zu verbringen, öffnete sich, als wir eine Strecke weiter gelaufen waren, plötzlich eine weite Thalschlucht; die Gebirgsmassen schienen wie durchgespalten, und mit Recht vermuthete ich, daß die vorausliegende Landzunge die Mündung des Rambira-Flusses verdecken könne. Immer weiter öffnete sich das Thal, ein Wald von mächtigen Bäumen bedeckte die niedrige Landmasse und bald darauf erblickten wir am Ende derselben das starke Fort Langenburg. Dicht unter Land auf die jetzt auch offene Mündung des Rambira-Flusses zusteuernd, fand ich, als überall das Loth keinen Grund erreichte, daß an der südlichen Seite ein Ankern unmöglich sei und erst als die Sandspitze passirt war öffnete sich die eigentliche Bai. Dem Fort gegenüber, das hier dicht am Ufer aufgebaut ist, vermeinte ich, müsse sich hier auch Ankergrund vorfinden, allein nur noch 120 Fuß vom Strande entfernt, fand ich noch 100 Fuß Wassertiefe vor, so sah ich mich genöthigt, hier das Anker fallen zu lassen. Dieses konnte natürlich an dem steilen, gleich dem Abhang eines Berges, abschüssigen Grund keinen festen Halt finden, und sollte nicht jeder Wind außer dem Nord-West-Wind das Schiff abtreiben können, mußte es mit starken Leinen vom Heck aus am Lande festgehalten werden, zu welchem Zwecke auch schon festeingerammte Pfähle vorhanden waren. Solche Lage, das Schiff hatte hinten 2 Fuß, vorne 65 Fuß Wasser unter dem Kiel, war nicht angenehm, und manche schlimme Nacht, wenn aus dem Rambira-Thal stürmische Ostwinde von den Höhen niederbrausten, oder der Nord-West-Wind das Schiff auf den Strand drängte und dieses in der aufgewühlten See stampfte, habe ich hier mit der Mannschaft in Sturm und Unwetter durchgemacht. Die Behauptung, die gewaltigen Binnenseen Inner-Afrikas seien flach, wenigstens die Annäherung für Schiffe meistens unmöglich, ist hier auf dem Nyassa-See völlig unbegründet.

Bald darauf kam auch der derzeitige Kommandant des Fort, der Sergeant Bauer, an Bord, in dem wir einen Gefährten begrüßen konnten, der über ein Jahr von uns getrennt, in blutigen Kämpfen am Tanganjika-See und anderen Orten mit dem Major weite Gebiete durchzogen hatte. Er benachrichtete mich auch, der Major und sein Adjutant, Dr. Bumiller, seien nicht allzufern, vielleicht in der neu angelegten deutschen Missionsstation Ikombi oder in deren Nähe, darum wurde sofort ein Bote abgesandt, der den Herren die Ankunft des Schiffes melden sollte. Die Veste Langenburg ist eine Staketenpalisade, ein umfangreiches Viereck besetzt mit dreifach hintereinander im Boden eingesetzten 20 Fuß langen Pfählen, von denen 7000 Stück verwendet worden sind. An den ausliegenden Bastionen, bewehrt mit Schnellfeuer- und Maximgeschützen, den vielen natürlichen und angebrachten Schießscharten, würde es jedem Feinde schwer fallen, heranzukommen. Was übrigens die Sicherheit der Station anbetrifft, so ist, wie ich mich später überzeugen konnte, bei der geringsten Vorsicht ein Ueberfall ausgeschlossen, die zu der Landzunge führenden Pässe im Rambira-Thal sind im Nothfalle schon mit wenigen zuverlässigen Leuten bequem zu halten; ein Angriff auf die Station selbst, wie sie von Major von Wißmann erbaut worden, würde mit einer kleinen entschlossenen Schaar stets zurückgewiesen werden können. Auch liegt eine Gefahr vor den im Gebirge und am See wohnenden Wakinga und Wakissi nicht vor, viel zu armselig und nicht sehr zahlreich sind diese kleinen Stämme, als daß sie je an einen ernstlichen Widerstand denken könnten.

Eine prächtige Lage hat die Station auch in sofern, als zwei mächtige breitästige Tamarindenbäume sehr viel Schatten spenden durch deren dichtes Gezweig die glühenden Pfeile der Sonne nicht hindurchdringen; in der Messe oder im Hause des Majors war immer ein kühler und angenehmer Aufenthalt. Uebrigens sind nach der Methode der Wakonde alle Häuser erbaut, die Wände bestehen nicht aus Gras oder Rohr, sondern zwischen horizontal gelegtes Bambusrohr, sind breite Bananenblätter eingezogen wodurch dem Aeußeren der Bauten ein gefälliges Aussehen gegeben wird. Auffällig war, alle Soldaten mit verbundenen Füßen umhergehen zu sehen, und erfuhr ich durch Nachfrage bald, daß hier der gefährliche Sandfloh stark vertreten sei, dessen Eindringen in die Haut nur durch eine dichte Umhüllung verhindert werden kann. Kein Schuhzeug sei dicht genug; das mit bloßem Auge nicht sichtbare Thier, setze sich mit Vorliebe unter den Zehen fest, und wird nach Eintreten des anfangs geringen Schmerzes dieses nicht sofort entfernt, vermehrt sich unter der Haut das Thierchen derartig schnell, daß häufig der Verlust eines Zehen, selbst des Fusses die Folge der Vernachlässigung ist. Ohne Ausnahme, trotz großer Vorsicht und Reinlichkeit, haben wir Europäer alle daran zu leiden gehabt; mit Sicherheit konnte man nur über den Sand gehen, wenn derselbe naß oder feucht war, und jeden Morgen wurde im Fort gesprengt. Ein schöner Anblick war es, die stattliche Heerde Kühe, Ziegen und Schaafe aus den Bergen herabkommen zu sehen, zum großen Theile Geschenke der Wakonde Häuptlinge an den Major. Frische Milch, die reichlich vorhanden, war ein köstlicher Labetrunk, der nach so langer Zeit uns gespendet wurde.

Um Mittag des nächsten Tages den 22. September 1893 traf Major von Wißmann auf der Station ein und sah hier zum ersten Male sein Schiff, das nach Jahr und Tag nun doch vollendet, nach so vielen Widerwärtigkeiten und Hindernissen sich stolz auf den Fluthen des Nyassa-Sees wiegte. Die Hauptaufgabe der großen Expedition war glänzend gelöst, eiserner Wille und und unermüdliche Thatkraft bezeugten an diesem Werk wiederum mit wie weitschauendem Blick der beste Kenner Afrikas die Aufgaben einer nationalen Kolonialpolitik aufzufassen und auszuführen verstand! Mit berechtigtem Stolze konnte unser Führer auf den Abschluß seines großen Unternehmens schauen und, um seiner Freude den würdigsten Ausdruck zu geben, befahl er das Schiff im Schmucke seiner Flaggen und in duftiges Grün zu kleiden, die glückliche Vollendung und die Ankunft des H. v. Wißmann sollte gebührend gefeiert werden.

Die Masten und Raaen mit Grün geschmückt, darüber im Sonnenlichte die Flaggen, Deck und Kommandobrücke ein einziger Laubwald, nahm sich das Schiff in solchem Schmucke ungemein prächtig aus. Lichtkronen aus Laub gewunden erhellten die auf der Brücke errichtete Tafel und was an Vorräthen noch vorhanden war wurde herbeigeschafft, selbst die Restbestände an Cognac und Wein wurden nicht geschont und davon eine duftende Annanasbowle gebraut. Eine kleine Zahl aus den Mitgliedern der Expedition war es nur, die sich hier um ihren Führer versammeln konnte, eine kleine Schaar Deutscher lauschte im Sternenschimmer der Tropennacht den Worten und dem Dank, welchen Major v. Wißmann allen, die treu in jeder Lage ihm zur Seite gestanden, aussprach, er schloß mit einem Hoch auf den Schutz- und Schirmherrn der Deutschen im In- und Auslande und jubelnd hallte unter dem Hurrah, der Donner der Geschütze, das Hoch auf den deutschen Kaiser an den Felsenwänden des Livingstone-Gebirges wieder, ein mächtiges Echo weckend, wie solches über die Fluthen des Nyassa-Sees noch nie zuvor gebraust! --

14. Die Küste und das deutsche Gebiet am Nyassa-See.

In Verbindung mit den nach wenigen Tagen schon aufgenommenen Entdeckungsfahrten längs der ganzen Küste des deutschen Gebietes, will ich versuchen alles zusammenzufassen, was mir über Land und Völker bekannt geworden und was ich aus eigener Erfahrung während der Zeit kennen gelernt und beobachtet habe, während welcher ich den »H. v. Wißmann« auf dem Nyassa-See führte. Die gewaltige, großartige Natur, hier in hehrer Majestät entfaltet, birgt soviel des Unbekannten, daß man mit vollem Interesse den Schöpfungen einer vorweltlichen Periode nachzuforschen bestrebt ist; nicht die unerforschten Tiefen des mächtigen Sees, die noch kein Senkblei ergründete, in dessen klarem Gewässer sich das Azurblau des wolkenlosen Tropenhimmels widerspiegelt, nicht die senkrecht aufstrebenden Felsenwände, die gigantisch in kolossalen Massen aufgethürmt, sich in die weite Ferne verlieren, allein sind es, welche Bewunderung und Staunen hervorrufen, vielmehr, da viele Jahrtausende noch nicht die Spuren einer einst gewaltigen Umwälzung, wie wir solche wohl ahnen, aber nicht erfassen können, verwischt haben, bieten sich dem Auge des Beobachters Räthsel auf Räthsel dar, zu deren Lösung darum die rechte Handhabe fehlt, weil alle Behauptungen auf ungewisse Vermuthungen aufgebaut sind und mit Recht kann in wissenschaftlicher Beziehung Afrika noch immer als der dunkle Erdtheil bezeichnet werden. Ehe ich mich aber auf das Feld ungewisser und unbewiesener Thatsachen begebe, eine bloße Theorie aufstelle, will ich vorerst die Wirklichkeit zu schildern suchen.

In südwestlicher Richtung von Langenburg in 10° 0´ S. Br. liegt am Westufer des Sees der Haupt-Handels- und Stapelplatz Karonga; eine einfache Niederlassung, wie alle in das Innere Afrikas vorgeschobene Posten, von gewöhnlich nur zwei Europäern ohne sonstigen militärischen Schutz besetzt. Am Strande erbaut, ist die Anlage und Wahl des Ortes keine glückliche zu nennen, schon deshalb nicht, weil die Annäherung zu Wasser für Schiffe und Boote eine schwierige und zu Zeiten unmögliche ist; weitabliegende Riffe, mit nur wenigen Ausläufern, auf denen ein Schiff ankern kann, findet es nirgends vor der von heftigen Süd- und Südost-Winden aufgewühlten gefährlichen See hier Schutz, und das Sicherste ist es, wenn keine zwingende Nothwendigkeit vorliegt, in der Periode der Passatwinde lieber die offene See während einer stürmischen Nacht zu halten, als vor Anker einen plötzlich auftretenden Sturm auszureiten. Zweimal war ich gezwungen es thun zu müssen, solche Situation ist aber in dunkler Nacht, wenn die schwere See über das Schiff hinwegbrüllt, die Ankerketten aufs Aeußerste durch den Anprall der Wogen straff gespannt werden und der Bug des Schiffes in die schäumenden Wellen unablässig eintaucht, keine angenehme.

Der »Domira« erging es hier einst bei heftigem Südwind sehr schlecht; nachdem die Ankerketten gebrochen waren, wurde das Schiff aufs Riff geworfen und wochenlanger Arbeit mit hunderten von Schwarzen bedurfte es, das gänzlich leere Schiff, zum Glück nicht schwer beschädigt, wieder abzubringen. Die ganze nördliche Küste des Sees, von der Pankanga-Bucht bis herum nach Langenburg bietet gegen die einzig zu fürchtenden Südwinde keinen Schutz. Die Wogen des tiefen, über 325 Seemeilen von Nord nach Süd sich erstreckenden Sees, brüllen, vom Sturme aufgewühlt, mit furchtbarer Gewalt gegen das nördliche Ufer und schützten nicht hohe natürliche Dämme die weite mit dem Niveau des Sees gleichliegende Konde-Ebene, die Wellen müßten sich über das fruchtbare Land ergießen. Cap Mshewere, 10° 30´ S. Br., der letzte nördliche Felsvorsprung des Angoni-Hochlandes, das oberhalb Pankanga-Bucht steil aus dem See aufstrebt, bildet den Abschluß der am See vorgelagerten Felskette dieses Gebirgsstocks. Nördlich von diesem Cap tritt es weiter und weiter zurück und vom Ufer des Sees bis zum Fuße der Berge erstreckt sich eine wellenförmige hügelige mit dichtem Busch bestandene Ebene. Gleichwie überall an der Westküste des Sees, wo die Gebirgsmassen zurückliegen, die verflachenden Ufer eine Annäherung nur auf 2 bis 500 Meter gestatten, so sind auch hier von der oberhalb Cap Mshewere liegenden Mdoka-Bucht nordwärts bis zum Kiwira-Fluß, auf dieser Küstenstrecke mehr oder weniger Sandanhäufungen vorgelagert, entstanden und gebildet durch das Material, welches die Flüsse und Bäche aus den Bergen herabschwemmen. Die bedeutendsten befinden sich bei Kaiguni, Karonga und an der Mündung des Saisi-Flusses. Das landschaftliche Bild dieser wilden, pitoresken Gegend, von den armen Wakamanga bewohnt, deren Dörfer vereinzelt am Seeufer oder im dichten Busch versteckt liegen, bietet als Urwildniß nichts erfreuliches für das Auge, zumal von einer Kultur noch keine Rede sein kann, wiewohl die ziemlich gut bewässerte Ebene und die Abhänge der Berge einen ertragreichen Boden vermuthen lassen.

Erst unterhalb Karonga, einige Kilometer von der englischen Station, finden sich von Arabern angelegte Schambas, namentlich eine ausgedehnte Pflanzung dem uns befreundeten Araber Mirambo gehörend, von welcher wir, wenn Zeit und Umstände es gestatteten, unsern Bedarf an Zwiebeln, Salat etc. deckten. Major von Wißmann hatte Mirambo als Dolmetscher und Führer in seine Dienste genommen und soweit ich diesen Araber beurtheilen kann, konnte ein begrenztes Vertrauen in dessen Gesinnung uns Deutschen gegenüber gesetzt werden, besonders da er den Major schon früher und nicht nur von Hören-Sagen kennen gelernt hatte. Uebrigens sind die Araber seit Jahrzehnten hier ansässig und haben sich etwa 8 Kilometer hinter Karonga einen festen Stützpunkt errichtet, der im Jahre 1880-81 von den vordringenden Engländern vergeblich berannt wurde; war auch nach dem Friedensschluß die Macht derselben gebrochen und die Sklavenausfuhr von dem westlichen Ufer, von Pankanga aus nach Amelia-Bai unterbrochen, so leiteten sie nun die Karawanen doch ungehindert durchs Gebiet der Wakonde, am Fuße des Livingstone-Gebirges entlang, dann im Rambirathal aufwärtssteigend, gewannen sie portugiesisches Territorium, in welchem sie eine noch heute mit ihnen sympathisirende Bevölkerung und Schutz und Beistand bis zur fernen Küste am indischen Ocean finden. Die Engländer, ohnmächtig dem schändlichen Gewerbe zu wehren, auch als Händler nur darauf bedacht ihre Stationen soweit als möglich nordwärts den Tanganjika hinauf vorzuschieben, um den Elfenbeinhandel möglichst nach Karonga abzulenken, haben erst vor Kurzem, seitdem ihre Kanonenboote den Nyassa-See befahren, mit der unbequemen Nachbarschaft hinter Karonga aufgeräumt und den Arabern wenigstens den Sklavenhandel auf dem See selbst verleidet.

Wie ertragreich und lohnend der Handel mit Elfenbein ist, der neben anderen Produkten meistens am Westufer des Tanganjika-Sees, ja selbst von der Ostseite aus deutschem Gebiet, von den vereinzelt auf der weiten Strecke vertheilten Händlern eingetauscht wird, erhellt daraus, daß ich selbst 1893 theils in Karonga, theils in Fort Johnston, nach meiner Schätzung 15 Tons = 300 Centner prachtvoller Elfenbeinzähne habe zur Verschiffung gelangen sehen und kann nicht umhin darauf hinzuweisen, mit welchem Vortheil das englische Kapital auch in den entlegentsten Theilen Afrikas zu arbeiten versteht. Es ist die deutsche Bedächtigkeit, die ein langsames aber sicheres Vorgehen empfiehlt, und man will nicht erkennen, daß, wo andere Nationen mit Riesenschritten vorwärts dringen, wir auch gleichberechtigt eintreten können und theilnehmen müßten an den Früchten, die jene ernten. Wie ganz anders, mit wie viel großartigerem Erfolge würde die koloniale Bestrebung, die Länder im Innern Afrikas uns zu erschließen, gefördert worden sein, wenn der geniale Gedanke des Majors von Wißmann, auf den gewaltigen Binnenseen Afrikas die deutsche Macht durch starke Schiffe vertreten zu sehen, die allmählich dem aufblühenden Handel bahnbrechen und schirmen sollten, nicht durch zagende Bedächtigkeit fast illusorisch geworden wäre; die Wege hat er wohl gewiesen und gezeigt, daß es vollbracht werden kann. Da der deutsche Besitz ein werthvolles Objekt ist, worauf so oft und leider so vergeblich die besten Kenner Afrikas hingewiesen haben, so ist es gewiß an der Zeit uns der Erkenntniß, das Versäumte doppelt eifrig nachzuholen, nicht mehr zu verschließen. Durch bedächtige Zögerung finden wir auf allen Wegen erstarkte Gegner vor, die sich das Errungene nicht leicht streitig machen lassen; aber vielleicht ist dieses erst nöthig, um für die deutsche Energie ein Sporn zu sein auch hier thatkräftig einzutreten in den Kampf mit der Konkurrenz, und es erkannt wird, daß sich auch hier im Ringen und Streben für des deutschen Volkes Wohl ein weites Feld eröffnet.

Die Thatsache, daß ein deutsches Schiff auf den Seen Inner-Afrikas vielen nur als ein geringes Werthobjekt bis jetzt erscheint, da wir leider unsere Handelsbeziehungen mit den Völkern des inneren Afrika noch nicht eröffnet haben sondern anstandslos den Engländern freies Feld lassen, Handel und Macht ihrerseits immer weiter auszudehnen, so ist es wenigstens ein Machtobjekt, das schirmen und schützen kann, was wir besitzen, und würdig die Flagge des deutschen Reiches, die über weite ausgedehnte Gebiete entfaltet ist, repräsentirt. Bezeugt die deutsche Energie aber auch hier einst, wie sie es im Dienste fremder Völker und Nationen so oft glänzend bewiesen, daß der befähigste Kulturmensch der Deutsche ist, dann, und die Zeit liegt nicht so fern, wird das Hochplateau des Central-Afrikas, die Gebirge, Thäler und Höhen, dem deutschen Fleiße ihre Schätze erschließen, eine Kultur entfalten, wie wir solche uns nicht haben träumen lassen.

Die Steavenson-road, die alte vom Nyassa- bis zum Tanganjika-See führende 225 englische Meilen lange Karawanenstraße, windet sich, etwa 5 Meilen hinter Karonga, auf heute bequemeren Pfaden zum Hochplateau, das zwischen diesen Seen gelagert liegt, hinan, und soll der einzige gangbare Weg sein, da vom deutschen Gebiete aus, durch die am Fuße des Gebirgsstocks zerstreut liegenden Felsentrümmer, kein geeigneter Pfad zur Höhe führt. Indes es würde sich wohl doch von der Konde-Ebene aus ein Weg finden lassen, längs den, von demselben Plateau entspringenden Flüssen Songwe, Saisi und Kiwira, die sich durch die Felsenmassen einen Weg gebahnt haben. Es kommen vorläufig nur Träger in Frage -- also ein deutsches Handelsunternehmen würde unabhängig von den Engländern und wahrscheinlich unter viel besseren Bedingungen ins Leben treten können, wenn, was die erste Vorbedingung ist, eine sichere Straße vom Nyassa-See bis zur Küste am indischen Ozean eröffnet sein wird. Die gut bewässerte Ebene oberhalb Karonga, welche von den Flüssen Kukuru, Lufira, Kaporra durchzogen wird, zeigt schon bei flüchtiger Beobachtung eine äußerst reiche Vegetation, welche einestheils auf den fruchtbaren Boden zurückzuführen ist, anderntheils darauf, daß hier die Unsitte, Grasflächen durch Feuer zu zerstören, wie es sonst überall üblich und wodurch weite Waldbestände mit vernichtet werden, nicht gebräuchlich ist.