Die deutsche Dampfer-Expedition zum Nyassa-See.

Part 44

Chapter 443,266 wordsPublic domain

Die englische Missionsstation Njerenya, auf einem dem weit zurückliegenden Gebirge vorgelagerten hohen Hügelrücken erbaut, zeugt als Kulturstation auch in agrikultureller Hinsicht von der bedeutenden Ertragfähigkeit des Bodens, und ohne Frage eignen sich die Gebirgsabhänge zur Anlage von tropischen Pflanzungen und Plantagen, zumal auch auf den Höhen ein für den Europäer leidlich gutes Klima gefunden wird. Eine Gebirgswelt voll wilder Schönheit ist es, die der Fluß Songwe, der als deutsche Grenze festgesetzt ist, durchzieht; durch die granitenen mit Feldspat stark durchsetzten Felsenmassen sich hindurchwindend, ist er gleichfalls eine Scheidegrenze der hier in der Ebene vorhandenen Volksstämme. Während die an seinen Ufern zahlreiche Bevölkerung durch den Ansturm der verwüstenden Araberhorden auf beständige Abwehr bedacht sein mußte, ist diese in den Gebieten der heutigen Häuptlinge Makirime, Makjembe, Makinsa weniger der völkervernichtenden Plage ausgesetzt gewesen. Auch haben die eingewanderten kriegerischen Zulustämme nach allmählicher Eroberung des Nyassa-Hochlandes vor dieser Barriere Halt gemacht, und die Urbevölkerung, ein muskelöser schlanker Volksstamm von dunklerer Hautfarbe als die Zulu, hat die reiche Ebene behaupten können und ist nicht durch scheußliche Sklavenjagden dezimirt worden.

Was im Allgemeinen von den Wakonde gesagt werden kann, so haben sie neben der markanten kriegerischen Eigenschaft einen hervorragenden Sinn für Ackerbau; der fruchtbare Boden lohnt hundertfach die geringe Mühe und Arbeit, welche seine Bearbeitung erfordert. Die Gärten in schöner Gleichmäßigkeit angelegt, zeugen von Kunstsinn und Fleiß, der darauf verwendet ist. So auch sind die Hütten, eigentlich kleine, bunt bemalte Häuser, von angenehmen Aeußern und peinlicher Reinlichkeit im Innern, was man sonst in den Negerhütten nirgendswo findet. Mit Vorliebe in einem Bananenwald erbaut, bieten die Häuschen ein idyllisches Bild und dort wo die Bevölkerung eine dichtere, an den Ufern der Flüsse, reiht sich Haus an Haus zu beiden Seiten, und auffällig ist die Symmetrie, die in der Anlage langer Straßen vorherrscht. Das Weib steht auch bei den Wakonde auf einer höheren Stufe, es ist nicht wie bei den übrigen Volksstämmen die Sklavin und Arbeiterin des Mannes, sondern nimmt hier einen gleichberechtigten Platz ein und theilt die meisten legalen Rechte des Mannes, vor Allem steht die Frau eines herrschenden Häuptlings, »Mwehe« genannt, in hohem Ansehn und besitzt einen beträchtlich ausgedehnten Einfluß.

Auf Grund solcher gesitteten Anschauungen fällt dem männlichen Theil denn auch eine beträchtliche Arbeit zu; als besondere Spezialität mag die Verfertigung von Waffen erwähnt werden, die, neben anderen hervorragenden Eigenschaften dieses Volkes, von künstlerischer Fertigkeit Zeugniß geben. Die Nkonde-Speere sind berühmt und mehr als 20 verschiedene Arten von auffallend schöner Arbeit in Gebrauch. Schon bei flüchtiger Untersuchung findet man, daß die Gebirgsmassen sehr eisenhaltig sind, es liegt so zu sagen auf der Oberfläche und mit leichter Mühe sammeln es die Bewohner, denn eisenhaltige Steine, wie ich mich selbst habe überzeugen können, liegen in großer Zahl an den Abhängen des Livingstone-Gebirges zerstreut umher. Einfache Hochöfen sind es, die zur Gewinnung von reinem Eisen zur Anwendung kommen. Aus Thon fest aufgeführte Röhren, die mit einem starken Mantel umgeben sind, werden solche zum Theil mit zerkleinertem Eisenstein, zum Theil mit Holzkohle angefüllt; am Boden befinden sich meistens drei Feueröffnungen, die die Luftzirkulation ermöglichen. Die in Gluth gerathene Kohle entwickelt solche enorme Hitze, daß in verhältnißmäßig kurzer Zeit das flüssig gewordene Eisen abfließt. Erkaltet, muß der Ofen meistens niedergebrochen werden; die Ausbeute an Eisen aber, wenn auch nicht groß, verlohnt doch die gehabte Mühe.

So primitiv wie diese Prozedur, ist auch die Bearbeitung des Eisens; zum Schmiedehammer dient ein Stein, zum Ambos ebenfalls, der Blasebalg aber ist ein Ziegenfell. Einer getödteten Ziege wird das ganze Fell so abgezogen, daß nur die Hals- und Beinöffnungen vorhanden sind; in eine der letzteren wird dann ein kurzes Bambusrohr befestigt und damit dieses an der Feuergluth nicht so leicht verbrennt mit Eisen umgeben, alle anderen aber werden fest zugebunden. Die Halsöffnung nimmt der Bläser so in die Hand, daß er die Luft nach Belieben eintreten lassen kann und zwar, wenn geschmiedet wird, drückt er mit Knie und Armen den Balg zusammen, wodurch die Luft schnell durch das Bambusrohr austritt und das Feuer schnell anfacht. Geschick und Uebung mit Ausdauer, machen es möglich das zähe Material selbst auf so einfache Weise zu bearbeiten. Man sollte meinen ein aus weichem Eisen hergestellter Gegenstand, Speer oder Messer, könne keine scharfe Schneide erhalten, jedoch durch das unausgesetzte Hämmern der so kleinen aneinander geschweißten Eisentheilchen wird doch eine beträchtliche Härte erzielt, obschon die Methode, auf einfachere Art Eisen zu härten, den Bewohnern dieser Gegend noch unbekannt ist.

Weiter nördlich, in das Gebiet des Kiwira und Mbaka-Flusses steigt die tiefliegende Konde-Ebene allmählich an und man gelangt in die Region der Krater, die amphitheatralisch sich über die ganze weite Strecke von der Felsenwand des Livingstone-Gebirges bis zu den genannten Flüssen erstrecken; hier hat die zersetzte Lava einen überaus ertragfähigen Boden hinterlassen und die denkbar reichste Vegetation blüht auf dem Trümmerfeld erloschener Vulkane. Zudem fördert reichlicher Regen selbst in der eigentlichen Trockenperiode das Wachsthum der Flora ungemein, Bananen, Palmen (Fächerpalme), Bamboo, Schlingpflanzen etc. bedecken überall den Boden. Durchfurcht von langgestreckten Thälern, die sich zum Nyassa-See erweitern, hebt sich zu einer Höhe von 4000´, vielfach in Kegelform und umgeben von zerklüfteten Massen, das vulkanische Plateau über die Konde-Ebene empor; Lavaströme, Aschenfelder, heiße in Thätigkeit befindliche Schwefelquellen geben der ganzen, im Schmucke überreicher Vegetation erscheinenden Gegend einen ausgesprochenen plutonischen Charakter.

Im Innern der erloschenen Krater, deren weite ausgedehnte Oeffnungen heute mit Wasser ausgefüllt sind, haben sich mehr oder weniger umfangreiche Seen gebildet, belebt mit Fischen, wilden Enten etc., sogar auch Flußpferde haben sich in diese abgelegene in wilder Schönheit prangende Einsamkeit zurückgezogen. Die bedeutendsten dieser Seen sind der Kiangururu, Itende, Kisiwa, neben einer ganzen Anzahl kleinerer von unbedeutender Ausdehnung, die jedoch nach Lage der einzelnen Kraterkegel über das weite vulkanische Gebiet zerstreut liegen. Gleich Zwergen aber, müssen diese einst Feuer und Flammen speienden Berge, gegenüber den Vulkanen Rungwe und Kieyo, erscheinen die heute wie alle anderen todt und erloschen, ihre mächtigen bis zum Gipfel dicht mit Bamboo und anderen Pflanzen bewachsenen 9000´ hohen Häupter, als isolirte Bergkegel, über ihre weite Umgebung empor heben, und versetzt man sich zurück in die graue Vergangenheit, müssen hier plutonische Kräfte in ausgedehntestem Maße gewirkt haben.

Wie erwähnt bewohnen die weite Ebene die Wakonde und zu diesen gehörig die Awanzakuisa und Wundale, näher dem Livingstone-Gebirge die Wa-Tukwa, in deren Gebiet die deutsche Missionsstation Wangemannshöhe erbaut ist.

Sitten und Gebräuche dieser hier lebenden Volksstämme weichen von einander wenig ab und was ich anführen will, gilt im Allgemeinen für alle. Bemerkt wurde schon, daß die Bevölkerung ein schlanker, muskulöser Menschenschlag ist, in ihrer Weise der harten Arbeit zugethan, dabei treu und offenherzig; freimüthig geben sie Versprechen ohne sich bewußt zu sein, daß solche gehalten werden müssen. Dem Gaste, der Einkehr hält, bringt der Wirth ein Bananenbündel, das er zur Sättigung herbeiholt. Zum Abhacken der oft recht schweren Fruchtbündel bedienen sie sich eines eigenartig geformten Handmessers, dessen praktische Anwendung jeder Europäer zugestehen muß. Verstümmlungen an Armen, Beinen, Ohren oder Lippen, wie solche barbarische Strafen bei fast allen afrikanischen Völkern in Gebrauch sind, findet man unter diesen Stämmen kaum, obgleich sie auch nicht gänzlich von diesen Gebräuchen frei zu sprechen sind. Vorgekommen soll es sein, und wahrscheinlich wohl öfter, daß beim Tode eines großen Häuptlings mit diesem Leute lebendig begraben worden sind, jedoch ist diese Unsitte zumeist auf den verhängnißvollen Einfluß ihrer Zauberer zurückzuführen, die neben den Priestern (Waputi) unbeschränkte Macht besitzen.

So zum Beispiel üben an einigen Orten alte Zauberer eine extraordinäre Gewalt über die Bevölkerung aus; ihr Thun und Treiben im Dunkeln gehüllt, sprechen sie in Versammlungen nur des Nachts, zu denen allein die Ersten des Stammes Zutritt haben. Während einer solchen, vorher bestimmten Zusammenkunft müssen alle anderen Stimmen schweigen und jedes Feuer ausgelöscht sein. In Wundale glaubt die Bevölkerung, daß ein Zauberer sogar die Macht besitzt, Löwen als Boten des Uebels auszusenden, wohin es ihm beliebt. Haben Streitigkeiten stattgefunden und eine Partei verweigert eine gütliche Beilegung, so sendet er die Löwen, die nach dem Glauben in dem hohen Grase, welches die Behausung des Zauberers umgiebt, gleich Hunden leben sollen, aus und läßt den Viehstand der Unfolgsamen zerreißen. Natürlich ist dies nur eine berechnete Spekulation des unnahbaren Weisen, der mit seinen Helfershelfern in Löwenfelle gekleidet, Uebels zu thun imstande ist, zumal der krasse Aberglaube der Eingebornen ihm kein Hinderniß in den Weg legt. Uebrigens bedienen sich auch die Zauberer bei anderen Stämmen mit Vorliebe des Hyänenfelles und führen nächtlicher Weile in solcher Verkleidung ungehindert ihre meist bösen Absichten aus.

Die alten Begräbnißstätten »Isyeta« genannt, dichte und undurchdringliche Waldreviere, deren Dickicht kein Sonnenstrahl zu durchdringen vermag, sind geheiligte Orte, wo ihre Voreltern begraben liegen sollen; diese werden nur von den Waputi (Priestern) betreten, um dort in Zeiten der Bedrängniß zu den Geistern der Vorfahren zu beten. Antwort bringen ihnen die Awa-raghusi (Propheten), denen, wenn Krieg oder Seuche den Stamm heimgesucht hat, von den Priestern das Blut und der Kopf eines Bullen geopfert wird.

Eine eigenthümliche Art, sich über den Tod eines ihrer Angehörigen Gewißheit zu verschaffen, ist bei allen Stämmen im Norden des Nyassa-Sees Sitte, mit Ausnahme der im Kriege Gefallenen, nämlich: ist jemand verstorben, wird von einem schon älteren Angehörigen des Todten diesem sogleich mit einem scharfen Bamboohölzchen der Leib soweit aufgeritzt, daß die Eingeweide hervortreten, dann nach einer eingehenden Inspiezirung derselben wird der Verstorbene sofort vor dem Hause in sitzender Stellung vergraben. Selbstverständlich weichen dabei die Zeremonien von denen anderer Volksstämme wenig ab. Treten Seuchen auf, namentlich die gefürchteten Pocken, werden die Todten bei größerer Sterblichkeit außerhalb der Dörfer an entlegenen Orten begraben, aber schon nach Verlauf eines Jahres werden die Gräber von den betreffenden Angehörigen wieder in einer gewissen Nacht geöffnet und die Gebeine in dichten Gebüschen zu Haufen umher gestreut, sodaß hauptsächlich in Wundale, überall die Gebüsche mit bleichenden Menschenknochen voll sind.

Haben diese Stämme, vor allen die Wakonde, ihre Geschicklichkeit in der Bearbeitung von Eisen bewiesen, so sind sie doch nie darauf verfallen ihre Kleidung zu verbessern, sofern überhaupt von solcher die Rede sein kann, da die Frauen allein nur im bescheidensten Maaße des Feigenblattes sich bedienen, wenn auch nicht gerade dieses, weil es nicht erhältlich, so doch mit feinen Geweben, welche die Fächerpalme und auch Bananenstämme ihnen liefern, und die ganze Bekleidung ausmachen.

Besonderer Erwähnung verdient noch die Aufführung eines Hochzeitsreigen bei den Wakonde. Die Braut wird von den jungen Mädchen und Frauen am Hochzeitsmorgen am Bache, nachdem ihr die Haare abgeschoren worden, was mit so primitiven Werkzeugen als ihre Messer es sind, eine ziemlich schmerzhafte und umständliche Prozedur ist, gebadet und mit Oel eingerieben. Der einzige Schmuck, da von einem Brautgewand aus Mangel an einem solchen Abstand genommen werden muß, die Braut sich also fast in Eva-Kostüm präsentirt, ist ein Kranz von rothen Blumen um den Kopf gewunden. Darauf hält aus dem Kreise der Frauen eine würdige Matrone an die Braut eine Ansprache, die dieser die ihrer wartenden Pflichten aufzählt; dann rangiren sich die Brautjungfern, meistens zehn an der Zahl, vor und hinter der Braut, nachdem dieser vorher ein Körbchen mit Korn, in welchem ein kleineres, ebenso gefüllt und auf dieses wieder ein Topf mit Erde steht, überreicht und auf deren Kopf gesetzt worden ist. Alle legen die Hände auf die Schultern der Vorstehenden, und so umgeben von Palmenblätter tragenden Frauen setzt sich der Zug im Gänsemarsch nach dem Dorfe in Bewegung. Ein leiser Gesang, nach dessem Rhythmus marschirt wird, wobei die Körper in taktmäßiger Bewegung sich hin und her wiegen, ertönt; die mitziehenden Weiber aber suchen rechts und links umher um die Braut und den Zug vor einem vermeintlichen Feind zu schützen.

Zum Dorfe gelangt, geht der leise Gesang in ein anhaltendes ohrbetäubendes Geschrei über, bis aus dem Dorfe eine Schaar bewaffneter junger Männer auf die Gruppe einstürmt, die, geführt von dem Bruder der Braut, sich zu derem Schutze, die Speere schwingend, bereitstellt. Eine andere Schaar, geführt von dem Bräutigam, stürmt nun auf erstere ein mit der Absicht durchzubrechen und sich der Braut zu bemächtigen; ein unblutiger Kampf mit wildem Kriegsgeschrei beginnt nun, alle wehren den Bräutigam ab, bis die Weiber die Braut in Sicherheit gebracht haben, dann erst stellt ihr Bruder den umhersuchenden jungen Mann mit den Worten: Wen suchst du? -- Meine Braut! ist die Antwort. -- Wenn du sie findest, willst du mit ihrem Volke leben und ernten? -- Der Bräutigam antwortet: Laß mich suchen meine Braut und finde ich sie, will ich mit ihrem Volke leben, ich will kämpfen vereint mit diesem und als Beweis gebe ich dir meine Waffen. Die beiden Führer tauschen die Speere, heben sie über ihre Köpfe und brechen sie entzwei, die Stücke in das Gras werfend. Nun verbinden sich beide Parteien und ein endloses Suchen nach der Braut, die von den Weibern gut verborgen gehalten wird, beginnt, das oftmals bis in die sinkende Nacht fortgesetzt wird; bei Tanz und Gelage feiern sie dann die Nacht hindurch. Am anderen Morgen aber gehen die jungen Mädchen von Haus zu Haus und sammeln Geschenke für das junge Paar ein.

Was ich Näheres über die große Konde-Ebene gesagt, der Beschaffenheit und Fruchtbarkeit des Landes, so ist diese für uns ein nicht zu unterschätzender Besitz; reich an Erzeugnissen afrikanischer Kultur, kann man solche als eine Vorrathskammer betrachten. Die Ackerbau treibenden fleißigen Stämme daselbst haben auch, was für viele andere der Untergang gewesen, bisher die Sklaverei von sich fernzuhalten gewußt, selbst die Araber gewannen keinen bedeutenden Einfluß, auch nicht mit Waffengewalt, und heute unter deutschem Schutz verspricht das Kondeland für die Zukunft, nach friedlicher Entwicklung der gesegneten Fluren, in Wahrheit eine Perle unserer Besitzungen zu werden.

Nicht nur an Naturerzeugnissen reich, als mehrere Arten Bananen, Erbsen, Bohnen, Bataten und Gartenfrüchten, war früher, ehe die durch Afrika ziehende furchtbare Viehseuche den Viehbestand mit Einschluß der gewaltigen Büffelheerden fast vernichtet hatte, in der Konde-Ebene der Reichthum an Rinder ein sehr großer; mächtige Heerden weideten an den Abhängen der Gebirge, wo heute fast nur Ziegen und Schafe zu sehen sind. Eine geraume Zeit wird es währen, bis durch sorgsame Nachzucht der Viehbestand sich wieder gehoben hat; sonst war ein Stück Rind den Bewohnern von sehr geringem Werthe, für ein wenig Kupfer- oder Messingdraht schon erhältlich, jetzt aber sind einem glücklichen Besitzer seine Rinder nicht mehr wohlfeil.

Wie eine von mir mit Sorgsamkeit aufgenommene Karte zeigt, erheben sich die Sanddünen, ein Schutzwall für die dahinter tiefliegende Ebene, erst in der eigentlichen Wißmann-Bay aber so hoch, daß, vom Mastkorb des »H. v. Wißmann« aus, diese nicht zu überblicken waren, höchstens sind die Dächer der in grünen Bananenhainen zerstreut liegenden Häuser und Hütten und die Kronen gewaltiger uralter Baobobbäume zu erkennen.

Steil zur großen Tiefe fallen die Ufer ab, und es kann schon an den Mündungen des Mbaka- und Lufirio-Flusses kein Ankergrund mehr gefunden werden, auch unter den mit ganz schmalem Vorland fast senkrecht aufstrebenden Felsenmassen des Livingstone-Gebirges ist es möglich, auf nur ganz geringem Abstand vom Lande mit dem Schiffe entlang zu laufen. Ueberall aber auf dem verwitterten Gestein zeigt sich eine reiche Vegetation, vor allem an den Ausflüssen einiger Sturzbäche, die sich aus gewaltigen Felsenschluchten in den See ergießen; entsprungen dem höchsten Felsengebiet, stürzen sich die Wasser die steilen Granitwände herab und bilden auf Terrassen kleine Seen und Strudel, in welchen Fische und andere Thierarten zahlreich leben. Vornehmlich die Felsschlucht, vor welcher die deutsche Missionsstation Ikombe im Schatten mächtiger Tamarinden- und Baobobbäume erbaut ist, bietet einen wildromantischen Anblick; herausgerissen, abgesprengt, gleichsam als hätten Gletschermassen in grauer Vorzeit hier ihre Kraft erprobt, thürmt sich Fels auf Fels, die Schlucht verengend, in welcher das kalte kristallklare Wasser eines Baches brausend hinfließt.

Neben dieser ist oberhalb Langenburg, 3/4 Stunden von der Station entfernt, eine ähnliche Schlucht, tief und weit ragen die Felsen in mächtiger Form empor, Giganten, an deren Fuß abgestürzte Blöcke zerstreut liegen. Eine Exkursion mit dem Major hierher einst unternommen, zum Zwecke, in dem hohen Waldbestand, der die steilen Höhen krönt, einen schönen schlanken Flaggenmast für die Station auszusuchen, trat uns hier so recht die erhabene, großartige Natur vor Augen. Die Felsenwand in der Nähe von Langenburg geht mehr zur abgerundeten Bergform über; durchschnitten vom Rambirathal, erheben sich die Granitmassen keine tausend Fuß von der Station entfernt, fast senkrecht bis zu einer bedeutenden Höhe, dicht bestanden mit Bäumen, zwischen denen grüne Matten sich leuchtend hervorheben, saftige Weidegründe für das Vieh. Ein grausig-schönes Bild aber ist es, in der Rambiraschlucht aufwärtssteigend, tief unter sich die braunen Fluthen des Flusses wilddonnernd von den Bergwänden herabstürzen zu sehen; mit rapider Schnelligkeit wirbeln sie dahin und färben zur Regenzeit weit hinaus in den See dessen klare Wasser, daß der meinen könnte, auf eine Sandbank laufen zu müssen, welchem die Ursache dieser Erscheinung unbekannt ist.

Die ausgedehnte Landzunge, von der Felswand bis zur äußersten Spitze ist 1500´ lang und etwa 600´ breit, querdurch bis zum Flusse, ist sie einzig nur gebildet durch das Material, welches der Fluß aus dem Gebirge zugeführt und abgelagert hat; es haben Lehm und Thonschichten, vermengt mit Granitgeröll, allmählich dieses Vorland entstehen lassen. Die Frage, wieviel Jahrtausende hat wohl der Rambirafluß gebraucht, diese Erdmassen hier abzusetzen, muß unbeantwortet bleiben, da solche einen Zeitraum umspannen würden, der für die für die Ewigkeit erbauten Felsenmassen ein Nichts, für das Fassungsvermögen des Menschen aber ein ungeheurer sein muß!

Die ganze Fläche, die 6 bis 8 Fuß über dem Niveau des Sees liegt, bedecken verschiedenartige Bäume und Sträucher, wovon einzelne, Tamarinde etc. für die Bewohner willkommene Früchte bieten. Der kleine Bananenwald aber, am Ufer des Flusses auf sehr fruchtbarem Erdreich angelegt, thut das Seine dazu, das schöne Bild, wie es hier die Urnatur geschaffen, zu vervollständigen.

Am Strande und weit aufs Land haben Wind und Wogen Sandflächen gebildet, wo spärlich dürftige Kräuter und Gras nur fortkommen können; jedoch der Untergrund muß ein kompakter sein, was aus dem hinter der Station aufgefundenen thon- und lehmhaltigen Erdreich zu schließen ist. Diese Funde, wovon heute Ziegel gebrannt werden, um die Station und Wohnungen aus Stein zu erbauen, sind von vorzüglicher Qualität und vor langer Zeit, als der Fluß noch eine nordwestliche anstatt wie jetzt südwestliche Richtung gehabt, abgelagert worden.

Die Verbindung mit der sehr reichen Konde-Ebene, die meistens mit den Booten oder Kanoes hergestellt wurde, hat es bis jetzt noch nicht nothwendig erscheinen lassen, nur auf den Ertrag des Landes angewiesen zu sein, gleichwohl sind bereits Anpflanzungen und Gärten angelegt worden, doch an eine Ernte ist wegen der alles zerstörenden Heuschreckenschwärme, die das ganze Central-Afrika überfluthet haben, in diesem Jahre (1894) nicht zu denken, nur die wenigen auf Rambira ansässigen Wakissi gewinnen ihre geringen Bedürfnisse dem zum Theil spärlichen Boden ab. Ich hatte hier auch Gelegenheit, die Geschicklichkeit der Wakissi-Frauen zu beobachten, wie sie kunstgerecht aus freier Hand ihre großen Vorrathtöpfe aus Thon formen, und nach dem dazu verwendeten Material zu urtheilen, mußten ihnen Thonlager von überaus guter Qualität bekannt sein, die sie uns aber weder zeigen, noch deren Lage angeben wollten. Obgleich die Station Langenburg zwar geschützt gelegen ist, haben doch die Winde freien Zutritt, ihr kühlerer Hauch lindert die erdrückende Hitze und während der Nächte weht häufig ein kalter Luftstrom von den hohen Bergen herab, zuweilen brechen auch sturmartige Böen aus dem Rambirathal hervor. Das Klima ist als ein mittelmäßig gutes zu betrachten, obwohl Fiebererscheinungen nicht ausgeschlossen sind; zwar starben hier in 1-1/2 Jahren zwei Mitglieder der Expedition, Eben und Zander, beide aber nur infolge geschwächter Gesundheit und weil sie den ärztlichen Rath, Afrika zu verlassen, nicht befolgt hatten. Die günstige Lage der Station, am Fuße des Gebirges, würde es gesundheitlich sehr empfehlenswerth erscheinen lassen, wenn auf den hohen Bergabhängen, wegen der freieren und frischen Luft dort oben, Wohnstätten für Europäer errichtet würden; ist das Felsenterrain auch sehr zerrissen und schwierig zu begehen, so sind die Vortheile doch nicht zu unterschätzen! --

Bald nach unserer Rückkehr von der ersten Forschungstour beabsichtigte Major von Wißmann mit dem Schiffe eine Reise südwärts anzutreten, und so lichteten wir am 26. September die Anker.