Die deutsche Dampfer-Expedition zum Nyassa-See.

Part 42

Chapter 423,339 wordsPublic domain

Mein erster Impuls war, die zwar auf neutralem Gebiet liegende Dhau Jumbes einer eingehenden Besichtigung zu unterziehen und sie wegzunehmen, wenn sich irgend ein Anhalt dafür bieten sollte, daß mit derselben Sklaven befördert worden wären. Allein als ich den Kurs des Schiffes auf diese richtete und meine Absicht erkannt war, ging die englische Flagge hoch, und mir bekannt, daß Jumbes Fahrzeuge unter solchen Schutz gestellt waren, durfte ich nicht fremdes Eigenthum anrühren. -- Welchen Lärm hätten wohl die Engländer geschlagen, wenn ihre selbst auf einem Sklavenschiff geführte Flagge, als was ich diese Dhau wohl mit Recht ansehen mußte, niedergeholt worden wäre; zu sehr unliebsamen Erörterungen mindestens hätte solcher Gewaltakt geführt. Diese Bedenken, mehr noch, daß eine Untersuchung der Dhau jedenfalls resultatlos verlaufen würde und namentlich der große Holzmangel an Bord ließen mich davon abstehen.

Als der Kurs wieder südwärts gegen die hohe See gerichtet war, mußte ich nun mit der Thatsache rechnen, daß in wenig Stunden unser Holz verbrannt sein würde und unbedingt ein Ort gefunden werden mußte, wo es möglich war, solches zu schlagen, betrug doch die Distanz bis Monkey-Bai noch 75 Seemeilen und gegen Wind und See lief das Schiff, ohne genügend Ballast, kaum 5 Knoten Fahrt.

Einige meiner Leute, die den See schon befahren hatten, bestätigten mir, daß an den steilen Bergabhängen der Ostküste, deren Conturen am fernen Horizont sich abhoben, viel Holz zu finden sei, aber keiner wußte einen einzigen Ort anzugeben, wo mit Sicherheit könnte geankert werden. Soviel nur wußten sie, daß am Fuße der Felsenmassen kein Grund zu finden sei, kein Schiff, weder die »Domira« noch »Ilala«, jenes kleine Dampfboot, welches noch Livingston selbst zum See gebracht hat, liefe jene Gebiete an, und niemals hätte mit dem feindlichen Volksstamm der Yao, der die ganze weite Küstenstrecke und Gebirge bewohne, eine Verbindung stattgefunden. Auch ein Heizer, ein gepackter strammer Neger, ein Yao, Katiolola mit Namen, konnte mir keine Auskunft geben, und bestätigte nur die Angaben des Kapitao Kambajalika, daß mit seinen Landsleuten im Guten und Bösen nicht viel anzufangen sei, wir jedenfalls mit einem feindlichen Empfang zu rechnen hätten.

Schon weit in den See hineingesteuert mit der festen Absicht auf gut Glück die Ostküste anzulaufen, machten mich die Aussagen der Leute doch stutzig, und obwohl ich nichts zu fürchten hatte, da hinlängliche Vertheidigungsmittel, Geschütz und Gewehre an Bord waren, so war das Risiko doch zu groß, denn vorläufig wußte ich nur, daß die Wassertiefe dicht unter Land 180-600 Fuß betrug.

Kurz entschlossen -- es blieb mir auch nichts anderes übrig -- richtete ich den Kurs des Schiffes nun direkt auf die Westküste zu und im flacheren Wasser, auf eine Seemeile Abstand vom Lande südwärts laufend, fand ich endlich gegen 1 Uhr Nachmittags einen einigermaßen guten Ankerplatz. Daß ich mit dem Schiffe nicht eher hatte herankommen können, lag daran, weil die ganze Strecke, von 5 Meilen unterhalb von Kota-Kota bis wo die Bentje-Inseln in Südost-Richtung gepeilt wurden, also 12 Meilen lang, mit tausenden ober- und unterhalb der Wasserfläche liegenden Rocks und Steinen besäet war und es den Anschein hatte, als hätte der Zahn der Zeit oder eine andere Naturkraft hier eine einst kompakte Felsenmasse in Trümmern gelegt. Selbst die Ankerstelle war von solchen großen Steinen umgeben und nur Raum genug, daß das Schiff vor seinem Anker schwoien konnte. Sobald eine genügende Zahl der Atonga an Land gesetzt war, unternahm ich mit den Leuten eine Streife durch die nähere Umgebung, fand auch an den Ufern eines in der Nähe befindlichen kleinen Flusses viele Bäume, jedoch zu wenig trockenes Holz. Weiter landeinwärts, in einem mehrere Acker großen dichten Buschwald fanden wir zwar mächtige abgestorbene Bäume, allein das Unterholz war zu dicht, um an ein Fällen geeigneter Stämme denken zu können, auch war es aus dem Grunde schon nicht rathsam, in diesem zu verweilen, weil Schlangen und giftiges Ungeziefer den Beinen und nackten Körpern der Atonga gefährlich werden konnten. Besser gelang es uns außerhalb des Busches aufgefundene Stämme niederzulegen und zu zersägen, sodaß wir bis zum Abend einige Boote voll Holz am Strande aufgestapelt hatten. Während an Ort und Stelle das Zerkleinern des Holzes vorgenommen wurde, was bei hellen Feuern geschah, die genährt und unterhalten wurden durch herbeigeschleppte trockene Blätter der Fächerpalme, kam eine Kolonne von etwa 100 Atonga anmarschirt, die für die Nacht hier rasten wollten. Es waren Leute, die den weiten Weg von Blantyre zu Fuß zurückgelegt hatten, um in ihre Heimath zurückzukehren, und uns stolz ihre Schätze zeigten, den Lohn halbjährlicher Arbeit. Was mir besonders aber auffiel, war, daß sämmtliche Capitaos mit neuen Vorderlader-Gewehren abbezahlt waren, somit von den englischen Händlern, für die diese Leute gearbeitet hatten, das bestehende Verbot, »an keinen Eingeborenen Waffen zu verkaufen«, wieder einmal umgangen worden war.

Auf meine Erkundigungen hin erfuhr ich auch den Namen dieser Ortschaft: »Molomba«; es habe hier einst, wie ein Capitao mir versicherte, ein größeres Dorf gestanden, das von Sklavenhändlern überfallen, die die Bewohner getödtet oder weggeführt haben, von den Flammen zerstört wurde.

Unsere Feuer, hell in der sternklaren Nacht über die Wasser aufleuchtend, hatten wohl einige Flußpferde herbeigelockt, die ihr dumpfes Grunzen ob der Störung in ihrem sonst so stillen Gebiet ertönen ließen und nicht übel Lust bezeugten, das zwischen Schiff und Land hin und herfahrende Boot anzugreifen, auch als ich um 9 Uhr Abends an Bord zurückkehrte, tauchten mit dieser löblichen Absicht zwei Kolosse neben dem Boote auf und erst einige zugeschickte Kugeln ließen die aufgeregten Thiere in die Tiefe verschwinden.

Am nächsten Tage, der See war ruhig und die im Sonnenlicht blitzende Wasserfläche spiegelglatt, dachte ich die Bentje-Inseln zu umlaufen und direkt nach Monkey-Bai zu fahren, doch da Spenker, der Maschinenmeister, im Zweifel war, ob unser Holzvorrath ausreichen würde, so hielt ich auf Leopard-Bai, wo mehr Holz zu finden sein sollte. Wir ankerten hinter dem Berge Rifu auf 300 Meter Entfernung vom Lande, auf 12 Fuß Tiefe, weil die langgesteckte kleine Bai versandet und flach, eine weitere Annäherung für den Dampfer nicht gut gestattete.

Kap Rifu ist durch eine Ebene, etwa 2000 Meter breit, von dem über 2000 Fuß hohen Gebirgsstock Mont Isenga und dessen Ausläufer getrennt und erhebt sich dicht am See in felsigen Massen; hinter diesem Kap aber liegt das feindliche Dorf Kuturu, daher war es eigentlich etwas gewagt, hier zu landen, zumal der Dorfbevölkerung, Freunde und Verbündete des am andern Seeufer herrschenden mächtigen Häuptlings Makangila, nicht zu trauen war; denn immer besorgt, ihr Hauptgeschäft, die Sklavenausfuhr zwischen Kuturu und Losefa, durch die Europäer gefährdet zu sehen, standen sie gegen die Engländer stets in Waffen. Waren doch bei Pandimba, wenig unterhalb Losefa, wo früher die Domira einmal mit Streitkräften landete, um die Macht Makangilas in dem Sklavenport zu brechen, die Engländer unter Verlusten zurückgeschlagen worden (Kapitän Maguire wurde hier getödtet). Sobald alle verfügbaren Leute an Land geschafft und Vorkehrungen getroffen waren, etwaige feindliche Absichten der Bewohner Kuturus zu verhindern -- die an Bord befindlichen Suaheli standen Vorposten -- ging ich mit der Mannschaft, den Gängen der Flußpferde im dichten Rohr und Gebüsch folgend, vor, bis die vorgelagerte Niederung durchschritten, wir am Fuße der gewaltigen Felsmassen nach trockenen Bäumen Umschau halten konnten. Nirgends habe ich solch ein Chaos von Steinmassen gesehen, wie hier, die zu tausenden dicht am Fuße dieser Felswände zerstreut lagen. Ueber und nebeneinander gethürmt, schienen diese Granitmassen wie von Gigantenhänden umhergeworfen zu sein; haushohe Blöcke, durch die ungeheure Kraft der Sonne in Verbindung mit Feuchtigkeit senkrecht durchspalten, ließen erkennen, wie allmählig im Laufe der Zeiten das Zerstörungswerk vorgeschritten ist. In klaffende Spalten dieser riesigen Steinblöcke zwängte ich mich hinein und konnte dann sehen, wie schnurgerade diese harte Masse durchspalten war, und kühn behaupten kann ich, daß kein Sprengstoffe im Stande gewesen wäre, in gleicher Weise solche gewaltigen Blöcke mitten durch zu sprengen. Dies Conglomerat von umhergestreuten Felstrümmern, von der 2000 Fuß hohen steilen Gebirgswand abgesprengt, konnte nicht ein Produkt der alles zerstörenden Zeit und der einwirkenden Sonnenkraft sein, vielmehr, worauf ich eingehend zurückkommen werde, hat hier, wie überall an den Felsmassen, die den See umgeben, in grauer Vorzeit eine ungeheure Gewalt ihre Kraft erprobt.

Leopard-Bai hat der Forscher diese kleine Bucht benannt und mit Recht, denn in dieser Steineinöde, in den labyrinthartigen Gängen giebt es für das gefährliche Raubtier keinen besseren und sicheren Zufluchtsort. Die Ebene zwischen Rifu und Tsenga, von allerlei Wild belebt, das diesen einzigen Zugang zum See offen hat, um nächtlicher Weile zur Tränke zu kommen, ist für den Leoparden und Panther ein ergiebiges Jagdgebiet. Dumpf hallte in mancher Nacht das zornige Knurren dieser großen Katzen an der Felswand wieder, und habe ich auch nur einmal hier am Tage den schleichenden Räuber gesehen, so vernahm ich zu Zeiten, wenn ich hier vor Anker lag, in den stillen Stunden der Nacht doch immer jene, vom Echo über das Wasser getragenen Laute.

Nach längerem Suchen fanden wir in genügender Zahl trockene Bäume, nur Schwierigkeit machte es, das Holz von der Höhe herab und zwischen die Steinmassen hindurch zum Strande zu schaffen, aber viele Hände machen der Arbeit bald ein Ende -- so war auch bis zum Abend unser Bedarf reichlich gedeckt.

Die Methode der Atonga, im freien Wasser Fische zu fangen, lernte ich hier auch kennen; erblickten sie einen Schwarm abertausend kleiner Fische im flachen Wasser, die vor dem Boote herflohen, sprangen sie, wenn zahlreich genug, in das Wasser und sich schnell im Halbkreis vertheilend, trieben sie solche vor sich her, indem sie gleicherzeit ihre Lendentücher als eine Art Netz benutzten, sie fingen auf diese Weise eine beträchtliche Zahl fingerlanger Fische. Primitiv, oder gar nicht gereinigt, wurden die getödteten Thiere dann auf dünnen Stäben aufgespießt und meistens sofort an Feuern geröstet. Die Eingeborenen sind stets sehr begierig nach Zündhölzern, die ihnen die Mühe ersparen, auf ihre Weise Feuer zu machen, darum bieten sie auch für eine Schachtel einen beträchtlichen Gegenwerth; haben sie aber keine Zündhölzer, wird auf einem weichen Stückchen Holz ein zugespitzter Stab von hartem Holz senkrecht aufgesetzt und dieser dann zwischen den flachen Händen schnell gequirlt, es erzeugt die rasche Reibung Rauch und Feuer auf dem weichen Holz und eine Hand voll trockenes Gras ist schnell in Flammen gesetzt. Auf dem Marsche haben sie meist immer einen glimmenden Holzscheit, der zum Bedarf mitgeführt, die Mühe des Feuermachens ihnen erspart, droht die schwache Gluth zu erlöschen, schwingt der Träger das Holz durch die Luft und facht es so von neuem an.

Da unsere Expedition von Kolonialfreunden mit manchem Gegenstand bedacht worden war, worunter auch große Fischnetze, so habe ich später solche häufig benutzt, um, wo es angängig, prachtvolle Fische uns zu fangen. Karpfen, Bleie und andere, unsern besten Fischen in der Heimath zu vergleichen, wählten wir am liebsten aus der großen Zahl aus, was nicht verzehrt werden konnte wurde geräuchert; nur darauf mußten wir achten, ehe jede Art uns bekannt war, daß wir keine giftigen Fische wählten. Waren es auch nur wenige Arten, so war es doch rathsam bei der Auswahl jedesmal einen Eingeborenen hinzuzuziehen. Einst vom Norden des Sees zurückkommend, hatte ich fast 200 Eingeborne verschiedener Stämme an Bord, für die ich nirgends genügend Proviant hatte aufkaufen können, auch wider Erwarten durch Wind und Seegang aufgehalten, erreichte ich erst Leopard-Bai, als ich mit dem Schiffe schon vor Port Maguire sein sollte. Da die Leute hungrig waren (seit zwei Tagen hatten sie nichts mehr zu essen gehabt) äußerten sie den Wunsch an Land gehen zu dürfen, sie wollten versuchen sich Fische zu fangen. Ich hatte kaum Zeit und Gelegenheit gehabt, in dieser Bai fischen zu können, daher glaubte ich, ein Versuch würde nicht schaden und mit 26 Mann im Boot begann ich unser Netz im weiten Bogen auszustellen. Darauf wurden alle Leute ins Wasser geschickt, damit sie an den Flügeln des Netzes aufgeschlossen, dieses an Leinen strandaufwärts ziehen sollten, und bald sah ich, daß eine Unmasse Fische gefangen waren.

Eitel Jubel und Freude war es, solch einen Reichthum durch einen einzigen Zug erhalten zu haben; bei der Vertheilung an Bord ergab eine flüchtige Zählung 530 Fische, die zum größten Theil noch am selben Abend verzehrt wurden.

Nachdem Monkey-Bai am nächsten Tage erreicht worden war, wurde dort so viel Feuerholz als möglich aufgekauft, auch überzeugte ich mich auf welche Weise die Eingebornen so viel trockenes Holz gewinnen können, da in so wenig Tagen eine beträchtliche Masse herangeschafft worden war. Ihre Methode ist einfach genug. Sie wissen nämlich, daß grünes Holz ihnen nicht abgenommen wird, deshalb lösen sie die Borke von vielhundert Bäumen und lassen diese absterben und dann erst, wenn die Stämme ausgetrocknet sind, werden sie gefällt. Zurückgekehrt nach Port Maguire, warteten wir unthätig auf die Ankunft des Majors von Wißmann, der nach den letzten Nachrichten bestimmt mit der Domira eintreffen wollte. Indes als am 15. September die Domira zurückkam war der Major nicht an Bord, vielmehr nur der Befehl, der »H. v. Wißmann« sollte so viel als möglich von den Beständen des Lagers an Bord nehmen und dann die Reise nordwärts nach der Station Langenburg antreten.

Zwei Tage später, am 17. September, mit mehreren Passagieren an Bord, unter denen ein deutscher Missionar, Herr Wolf, der für die Missionsstation Wangemannshöhe bestimmt war, verließ ich die Station und über Monkey-Bai direkt weiter, fuhr ich unter der hohen steilen Felsenküste an der Ostseite des Sees entlang, der größten Insel im Nyassa-See Likoma zu. Die ganze Küstenstrecke von Malambe Point 13° 25´ S. Br. bis Cap Mala 12° 12´ S. Br. erscheint, wenn man geraden Weges, ohne den Einbuchtungen zu folgen, auf einige Meilen Abstand vorbeifährt, als eine mächtige Gebirgskette, die immer höher nach dem Innern zu ansteigt, bis solche zu dem 6-7000 Fuß hohen Plateau übergeht.

Einen reizvollen Anblick gewährt es im hellen Sonnenlicht über die tiefblaue unergründete Fluth hinsegeln zu können; der See, vom frischen Ostwinde leicht bewegt, der die schneeweißen Segel des Schiffes straff aufbläht, war es gewiß nicht zu verwundern, wenn, wo immer wir dem Lande nahe kamen, die Eingebornen in hellen Haufen herbeiströmten, um dieses noch nie gesehene Schauspiel näher zu betrachten. Auch auf den Beobachter macht die wechselvolle großartige Scenerie einen erhebenden Eindruck; gleich einem gewaltigen Meerbusen liegt der See ausgebreitet da, Nord und Süd eine unbegrenzte Wasserfläche und nur nach Westen heben sich die Bergmassen des Angoni-Hochlandes in schwarzblauer Färbung über dem Horizont empor.

Da auch ich noch ebenso unbekannt war mit der ganzen Küste wie der Kapitao Kambajalika, der mir nur den Hafen von Likoma 12° 7´ S. Br. und 34° 45´ O. Lg. näher zu bezeichnen wußte, so mußte ich in der Dunkelheit, 6-1/2 Uhr Abends über Cap Mala hinaus weiter dampfen und versuchen, die von diesem Punkte aus erst sichtbare Insel Likoma noch zu erreichen. Tiefe Nacht war es, als das Schiff zwischen Rocks und vorliegende Felseninseln hindurch langsam in die ziemlich offene Bai einfuhr, und erst dicht unter Land fiel der Anker auf 30 Fuß Wassertiefe.

Im Sonnenlichte des neuen Morgens aber zeigte sich dem erstaunten Blick ein neues Bild voll eigenartiger Gestaltung; nicht hohe aber desto zerrissenere Felsmassen, bestreut mit bröckelndem Gestein, kegelförmige Hügel, deren Kronen abgerundet, die alle ein gleichmäßiges Aussehen hatten, ließen die Inseln fern und nah wie ein großes Trümmerfeld erscheinen. Jahrtausende haben hier wenig Einfluß geübt, als auf den kahlen Felsen nur eine kümmerliche Vegetation Fuß gefaßt und ein spärlicher Baumwuchs seine Wurzeln im harten Gestein geschlagen hat. Auffällig waren nur nahe dem Strande einige mächtige Baobab-Bäume, Zeugen grauer Vorzeit, die ihre viele Jahrhunderte alten Kronen in den Lüften wiegten.

Vom Ufer aufwärts führte ein primitiver Weg zu der nach Norden von hohen Felsen geschützten Mission »Universities Mission«. Der flache große Platz ist von einer Felssteinmauer umgeben; hin und wieder nur einige Büsche und niedrige Bäume, bietet er dennoch dem Besucher einen überraschenden Anblick dar, ganz anders als wie man sich die Anlage einer großen langjährigen Missionsstation denken würde. Vollständig unregelmäßig, ohne jeglichen Plan oder Symmetrie, liegen die aus Baumstämmen mit Rohrwänden und Grasdächern kunstvoll errichteten Häuser der Missionare zerstreut umher, jedes Haus, mit Absicht getrennt, für sich allein, ebenso das Schulhaus, die Zimmer- und Schmiedewerkstatt, die Druckerei und ganz zurück die große, aus Steinen aufgeführte Kirche mit einem mächtigen Grasdach über die starken, aber primitiven Mauern. Die ganze Anlage wird auf Jeden anfänglich einen unschönen Eindruck machen, aber bedenkt man, daß auf der Insel kein anderes Material vorhanden ist, vor allem, wie in Bandawe kein Lehm- und Thonlager, so muß man doch zugeben, es ist mit großem Geschick und Benutzung der gebotenen Mittel viel gethan worden. Seit Begründung der Mission im Jahre 1876 war die Lage der Häuser von vornherein eine andere gewesen, aber seitdem im Jahre 1892 eine Feuersbrunst die ganze Station, einschließlich der Kirche bis auf den Grund zerstört hatte, hat namentlich der Archdiakon Mapple eine möglichst getrennte Lage aller Bauten eingeführt, um so dem verheerenden Element nicht wie früher ein schnelles Umsichgreifen zu ermöglichen. Jeder Tropfen Wasser muß durch die weiblichen Zöglinge vom See heraufgeholt werden, die mit Gefäßen auf den Köpfen, das köstliche Naß, wie es klarer und reiner kein Brunnen liefern könnte, aus der Fluth schöpfen, und so ist es wohl erklärlich, daß aus Mangel an Wasser ein einmal ausgebrochenes Feuer nicht mehr eingedämmt werden kann.

Aufs Freundlichste jetzt und zu jeder Zeit, so oft auch der »H. v. Wißmann« in Likoma zu Anker lag, von den Missionaren begrüßt, war es mir ein um so lieber Aufenthalt, als eine gewisse Herzlichkeit und gegenseitiges Wohlwollen uns Deutsche mit den englischen Missionaren verband. Wochenlang haben später der Bischof Hornby, Dr. Robinson und andere mit dem deutschen Schiffe Erholungsreisen auf dem See gemacht, und dem uneigennützigen Streben, der für das Christenthum hier in so weltentlegener ferner Gegend wirkenden Männer kann man nur alle Hochachtung zollen.

Wie schon beim ersten Anblick Felsen und Felstrümmer ins Auge fallen, so bleibt diese Erscheinung auf der ganzen großen Insel sich überall gleich. Der wenig fruchtbare Boden verspricht nur einen mäßigen Ertrag, und etwas erstaunt war ich, zu hören, daß diese doch über 2500 Einwohner zählt; freilich, ein großer Theil der Bedürfnisse wird mittelst Canoes von dem 6 Seemeilen entfernten Festlande herübergebracht und zu Zeiten, wenn die Ernte kümmerlich ausgefallen ist, soll sich ein enger Handelsverkehr zwischen Insel und Land entwickeln. Auch mächtige Häuptlinge am Festlande üben eine gewisse Oberhoheit noch über die Bevölkerung aus und öfter haben die Missionare unerhörte Ansprüche derselben ernstlich zurückzuweisen. Schlimm für die Bewohner der Insel ist es, daß eine Unmenge giftiger Schlangen, denen im Felsgestein nicht beizukommen ist, hier sich aufhalten, und keine Woche soll vergehen, in welcher nicht mehrere gebissen werden. Das Gift der Schlangen ist unbedingt tödtlich, dennoch werden viele von den Missionaren gerettet, wenn sie sich sofort zur Mission bringen lassen; vernachlässigte Fälle ziehen manchen, sobald sie zu spät einsehen, daß die Kunst ihrer Zauberer sie nicht retten kann, ein langes Siechthum zu. Zum Beispiel, wenn Giftzähne in der Wunde geblieben, versucht der Medizinmann solche auf folgende Weise zu entfernen: zuerst nimmt er von vier verschiedenen Wurzelarten kleine Stückchen, kaut diese mit etwas Holzkohle und Salz zu einem Brei und saugt dann, die Mischung im Munde behaltend, so lange an der bezeichneten Stelle, wo die Giftzähne sitzen sollen, bis durch Beißen und Quetschen mit den Zähnen diese herausgedrückt sind. Die Giftzähne hebt der Medizinmann sorgsam auf, um sie mit irgend einer Daua (Medizin) zu vermischen, die als ein Mittel gegen den Schlangenbiß betrachtet wird. Die Thätigkeit der Missionare beschränkt sich nicht auf Likoma allein, vielmehr an der portugiesischen Küste, den Orten Kaango, Utonga, Umba, Panzo, Pachia, Msomba und andere sind Kirchen und Schulen errichtet, wo Zöglinge als Lehrer und Prediger schon fungiren. Die nothwendige Verbindung mit der Hauptstation unterhält der kleine Missionsdampfer »Charles Janson«, ein flinkes Fahrzeug, mit dem der Prediger, Mr. Johnson, immerwährend von Station zu Station unterwegs ist.

Mit der ganzen Küste weiter nordwärts völlig unbekannt, konnten mir auch die Missionare keine nähere Auskunft geben, als nur den Rath, da ihres Wissens nirgendwo Feuerholz zu erlangen sei, das Schiff mit solchem genügend zu versehen. Den mir in Vorschlag gemachten Plan, lieber einen Tag zu versäumen und nach dem Festlande, dem Orte Kaango hinüber zu laufen (12° 5´ S. Br. 34° 51´ 45´´ O. Lg.) und dort gegen Salz und Perlen Holz einzutauschen, acceptirte ich um so lieber, als dort der Bedarf reichlich gedeckt werden würde und wir dem aus dem Wege gingen, vielleicht irgendwo an der Küste Holz suchen zu müssen.