Die deutsche Dampfer-Expedition zum Nyassa-See.
Part 41
Ich war einzig zu dem Zwecke nur in Monkey-Bai angelaufen, um für die Reise Brennholz anzukaufen, fand aber wider Erwarten nicht genügend Holz am Strande vor und mußte mir an sieben Bootsladungen, für die ich 70 Yard Zeug bezahlte, genügen lassen. Es ist nur ein Tauschhandel, der Besitzer eines Holzstapels erhält stets so viel Zeug als dieser Stapel lang ist, und von Rechtswegen muß das Holz so hoch aufgeschichtet sein, als das Zeug breit ist. Der Bequemlichkeit halber hatte ich den Atongas erlaubt, für die Nacht an Land zu logiren. Um uns nun am Abend das Treiben am Strande etwas näher zu besehen, ließ ich ganz plötzlich den elektrischen Scheinwerfer auf die zerstreut umherliegenden Gruppen richten. Das helle Licht, das blitzschnell erstrahlte, erleuchtete die dunklen Hütten, aus denen Weiber aufkreischten und Kinder schrien, selbst die Ziegen und Hühner vom blendenden Strahl getroffen, schreckten aus ihrer Ruhe auf. Furcht war das erste Empfinden, das diese noch nie gesehene Erscheinung auf Mensch und Thier hervorbrachte, und hätten die Atonga die Einwohner nicht beruhigt, diese hätten der Ursache dieses Lichtes irgend welche dämonischen Kräfte zugeschrieben; so aber bald aufgeklärt darüber, daß nur der weiße Mann solches Licht erzeuge, blieb wohl nicht ein Bewohner in den Hütten; mit staunender Bewunderung sahen sie sich vom Licht umstrahlt, das im nächsten Moment wieder einen anderen Gegenstand taghell erleuchtete. Das Licht vom Dorfe fort zu den Berghöhen geleitet, wo jeder Baum zu unterscheiden war, über Wasser und an den Ufern lang huschend, und wieder blitzschnell über die erstaunten Gesichter fliegend, machte auf diese unwissenden Naturkinder einen nachhaltigen Eindruck.
Unser nächstes Ziel, welches ich am anderen Tage zu erreichen hoffte, war Kota-Kota, wo einige Polizeisoldaten des englischen Gouvernement abgesetzt werden sollten, die die Eintreibung der fälligen Steuern bis zu meiner Rückkehr vorzunehmen hatten. Da nämlich das weit ausgedehnte Gebiet des mächtigen Häuptlings Jumbe unter englischen Protektorat gestellt ist, war auch hier schon eine Art Abgabe eingeführt worden, die wie überall nicht gutwillig gezahlt wurde, sondern erst eingetrieben werden mußte, deshalb hatte die Bevölkerung als Kopfsteuer, ein gewisses Quantum Reis, der in den sumpfigen Niederungen am Fuße der Berge in vorzüglicher Qualität kultivirt wurde, zu entrichten.
Monkey-Bai (14° 4´ S. Br., 35° 4´ 0´´ Öst. Länge) verließ ich am nächsten Morgen und dicht unter den steil aus dem Wasser aufstrebenden Felsmassen hinfahrend, erweiterte sich bald, als Kap Maclair passirt war, der mächtige See und der Livingstonia-Golf mit den vereinzelt umhergestreuten Inseln, als Elephanten-Island, Tumbi, Malere, Mamkowa-Inseln, lag vor uns offen. Von hier setzten wir den Kurs auf den weithin erkennbaren Berg Risu, ein vereinzelter Bergkegel, der scheinbar wie abgetrennt von der kompaktem Gebirgsmasse, am See lagerte und erreichten jenen Ort, wo Major v. Wißmann seiner Zeit die Verfolgung einer Dhau aufgenommen hatte, welche durch ihre Besatzung in dem Augenblick zum Kentern gebracht, als ein Warnungsschuß die Fliehenden zum Streichen des Segels aufforderte. Kap Rifu, so kann ich den Felsvorsprung nennen, lag bald hinter uns und direkt auf die Bentje-Inseln steuernd, sahen wir plötzlich im klaren Wasser Grund unter dem Kiel; die Tiefe von 90-24 Fuß abnehmend, zeigte es sich, daß die weit zurückliegende Kuturu-Bai sehr schnell abflachte. Ich hätte mich zu einer näheren Untersuchung wohl nicht sogleich eingelassen, wenn nicht weit in die Bucht hinein eine Dhau in Sicht gekommen wäre, die offenbar mit dem leichten Winde das Ufer zu erreichen suchte und zu entkommen strebte. Leider unbekannt mit den Tiefenverhältnissen, mußte ich, als immer flacheres Wasser gelothet wurde, vorsichtshalber die Fahrt des Schiffes mindern und sah mich schließlich genöthigt, da ich mit dem Geschütz die Dhau noch nicht erreichen konnte, die Verfolgung aufzugeben. Das Fahrzeug, unzweifelhaft mit einer lebenden Fracht nach Losefa, dem Sklavenhafen am gegenüberliegenden Seeufer, bestimmt, entkam und lag wohlgeborgen in einem der sumpfigen Creeks, ehe ich mich mit langsamer Fahrt dem Ufer beträchtlich genähert hatte. Zwischen Kuturu und Losefa befindet sich eine bekannte Araberfähre; vom ersteren Ort werden die weit aus dem Innern herbeigeschleppten Sklaven nach Losefa übergeführt und von dort durch portugiesisches Territorium weiter bis zur Küste.
Mit schlauer Berechnung sind auch hier im Nyassa-See von den Arabern die flachsten verborgensten Winkel ausgesucht, um das schmähliche Gewerbe ungehindert betreiben zu können; die Schleichwege über die Untiefen hinweg sind nur den Führern der Sklavendhaus bekannt, und gelingt es nicht, auf freiem Wasser die Menschenräuber zu überraschen, entkommen sie unbelästigt.
Ich sah die Unmöglichkeit ein, mit dem großen Schiffe dem Ufer näher zu kommen, deshalb suchte ich mir den Weg ins tiefe Wasser zurück und den felsigen Bentje-Inseln näher gekommen, nahm die eigenthümliche Beschaffenheit derselben meine Aufmerksamkeit ganz in Anspruch.
Die Hauptinsel, ein runder 500 Fuß hoher, vollständig kahler Kegel, scheint nach allen Seiten hin wie abrasirt; am Fuße nur befindet sich ringsum ein Kranz verkrüppelter Bäume und Sträucher und zeigt wie wenig die Vegetation hier hat Fuß fassen können. Auch die nach Südost abliegenden zwei niederen kaum 100 Fuß hohen Massen bilden, getrennt von einander durch schmale Passagen, ein Conglomerat von übereinander gethürmten Felsmassen. Was aber das Eigenthümlichste ist, diese niedrigeren Inseln erscheinen auf jeder Entfernung wie mit Schnee bedeckt, und Baum und Strauch spärlich vertreten, bieten das Bild einer eintönigen Winterlandschaft dar. Der Grund dafür ist der, jedes Felsstück, jeder Baum ist mit einer Guanoschicht überdeckt und infolgedessen erscheint alles weiß. Tausende Vögel, als Cormorane, Pelikane, Fischadler, Gänse und Enten etc. haben hier ihren Aufenthalt und Brutstätte. Keines Menschen Fuß betritt diese Inseln, kein Geräusch, als die nur oft wild gegen die steilen Felsen anstürmenden Wogen des Sees, stört die Thiere hier; da Nahrung in Ueberfluß vorhanden ist, so konnten sich die friedlich bei einander hausenden Vogelarten keinen gelegeneren Ort auswählen. Aus großer Tiefe aufstrebend, sind diese Felsen eine starre todte Masse und es war dicht unter Land kein Ankergrund zu finden; erst später als Forschungsreisen gemacht wurden, gelang es mir an der Nordseite, geschützt gegen den südlichen Wind, einen sicheren Zufluchtsort zu finden.
Die Gebirgszüge, die unterhalb Kap Rifu schon weiter zurücktreten und erst einige Meilen landeinwärts schnell bis 6000 Fuß ansteigen, lassen infolgedessen die ganze Küste auf eine beträchtliche Strecke nordwärts flach verlaufen und ebenso verflacht auch der See, obwohl auf einer Seemeile Abstand immer noch genügend Wassertiefe ist. Von 12 Fuß schnell zunehmend, bis 60, fällt der See bis zu hunderten von Fuß plötzlich steil ab und meine über 500 Fuß lange Lothleine hat selten nur den Grund berührt. Da das Wasser klar ist, so läßt sich jede Veränderung in der Tiefe leicht wahrnehmen, was für mich vorerst von großem Vortheil war, weil ich auf diesen unbekannten Gewässer vorsichtig sein mußte.
Schon dunkelte es, als wir uns den weitausliegenden Sandbänken vor Kota-Kota, die im Laufe der Zeiten niedrige Inseln geworden sind, näherten, und als diese nach Weisung des Kapitaos Kambajalika, der mehrmals hier schon gewesen war, umsteuert waren, mußte der geringen Tiefe wegen, wohl 2 Seemeilen vom Ufer entfernt, geankert werden. Wie überall im Nyassa-See, der seit seiner Entstehung eine sehr beträchtliche Tiefe hat, wo solche Verflachungen sich finden, sind diese Anschwemmungen durch im See mündende Flüsse, die das Material von den Bergen herabschwemmen, entstanden. Und wie bedeutend die Zufuhr sein muß erhellt daraus, daß, wo immer sandige Ufer oder sumpfige Niederungen sich finden, diese im Laufe der Jahrtausende auf dieselbe Weise gebildet wurden.
Obgleich es ganz dunkel geworden war, ehe das Schiff sicher zu Anker lag, wollte ich dennoch für die Landung der schwarzen Polizeisoldaten nicht den Morgen abwarten, sondern, um Zeit zu gewinnen, ließ ich sogleich das Boot in Bereitschaft setzen, und geleitet von dem Wunsch, den berüchtigten und gefürchteten Häuptling Jumbe bei dieser Gelegenheit auch kennen zu lernen, übernahm ich die Führung des Bootes selber.
Jumbe's Residenz, sowie das ganze Dorf Kota-Kota ist durch hohe Bäume und Gebüsch verdeckt und deshalb auch dieser verborgene Sklaventransport für jeden Unkundigen schwer aufzufinden. Zwischen hier und dem am anderen Seeufer gerade gegenüberliegenden Orte, Mluluka wurde seit langer Zeit die Sklavenausfuhr mittelst mehrerer Dhaus aufrecht erhalten; und ob auch englischerseits das Verbot erlassen war, der Menschenhandel habe aufzuhören, so waren die Sklavendhaus den Eigenthümern doch nicht genommen worden, vielmehr setzte Jumbe unter dem Schutze der englischen Flagge das schmähliche Handwerk fort. Denn wohl Protektor des weiten Gebiets, waren die Engländer doch nicht Beherrscher des gewaltigen Sees geworden, einfach aus dem Grunde, weil es ihnen bisher an Schiffen gefehlt hatte. Meine Unkenntniß des Weges und die Dunkelheit machten eine genaue Orientirung unmöglich, bald saßen wir auf Grund, bald befanden wir uns in tiefem Wasser und erst nach einer Stunde, als die scharfen Augen meiner Leute drei auf den Strand geholte Dhaus entdeckten mußten wir nahe Kota-Kota sein, wir hörten auch bald menschliche Stimmen am Strande, die das sich nähernde Boot anriefen.
Als wir mit dem Boote landeten, war ich sofort von einer Anzahl schwarzer Gestalten umzingelt, die meine Frage nach der Behausung des Häuptlings mit der Gegenfrage beantworteten, was das für ein Schiff sei, was da draußen liege; erst als hinter mir die bewaffneten Soldaten herangekommen waren, änderte sich das Benehmen der Kerle und mehrere, jetzt aufgefordert uns den Weg zu weisen, weigerten sich nun nicht mehr. Das Gerücht von der Ankunft eines weißen Mannes hatte sich mit Blitzesschnelle im Dorfe verbreitet und von allen Seiten strömten die Bewohner herbei. Dem Hause des Häuptlings nahe gekommen, waren vor und unter der vorgebauten Veranda schon hunderte Eingeborene versammelt, sodaß ich durch eine Phalanx von Neugierigen mußte, geleitet von entgegengesandten Boten, die den Weg freihielten. Zum Eingang gelangt, stand unter dem Vorbau, umgeben von seinem Hofstaat, der Häuptling, ein alter schwarzbrauner Araber, der meinen Gruß, »Jambo, Fumo«, mit dem Gegengruß »Jambo sana, bwana« erwiderte und mir die Hand reichend, lud er mich ein, neben ihm auf ausgebreiteten Matten und schmutzigen Polstern Platz zu nehmen.
Erst jetzt, beim flackernden Lichte einiger von Sklaven herbeigebrachten Talgkerzen, konnte ich mir diesen Sultan näher anschauen, der mit untergeschlagenen Beinen, umgeben von seiner ganzen Pracht, würdevoll auf seinem Throne saß. Alt und verfallen, das Gesicht voller Runzeln, der vorstehende Oberkiefer mit den schmutzigen, von immerwährendem Betelkauen rothen Zähnen, saß die zusammengedrückte Gestalt, fortwährend von hohlem Husten geplagt, vor mir und suchte sich einen Anstrich von Würde und Macht zu geben. Nicht die abschreckende Häßlichkeit, vielmehr der lauernde, trotz des matten Auges noch grausame Blick war es, der mich abschreckte, und das Vorurtheil, welches ich gegen diesen Menschenhändler gefaßt hatte, noch bestärkte. Auch später, wenn ich durchaus mit diesem Halbaraber verhandeln mußte, schwächte sich der erste Eindruck nicht ab. Seine geriebene Pfiffigkeit, mit welcher er mich später bewegen wollte, ihm Zucker, Mehl und Salz für einen Elfenbeinzahn zu überlassen, als wenn ich den Werth eines solchen nicht zu schätzen wüßte, wirkte unangenehm. Dieses Lockmittel, ein Wink mit dem Zaunpfahl, das Gewünschte ihm als Geschenk zu überlassen, beachtete ich aber nicht, worauf er mir wüthend sagte: »Die Engländer geben es mir dafür, warum giebst Du es nicht?«
Peinlich berührt durch die versammelte Menschenmenge, die dicht um uns zusammengedrängt, jedes Wort auffing und mich neugierig anstarrte, beeilte ich mich, ohne viel Worte zu machen, dem Häuptling das für ihn bestimmte Schreiben zu übergeben. Die 15 Minuten, welche vergingen, ehe von den Schriftkundigen die arabischen Zeichen entziffert wurden, waren eine Tortur. Während des darauf folgenden Disputs mit den Polizeisoldaten spielte Jumbe, der alle werthvolleren, ihm von Europäern gemachten Geschenke neben sich liegen hatte, anhaltend mit einer Weckeruhr, deren Glocke er erklingen ließ; er setzte diese bald vor, bald neben sich, und mir wollte es scheinen, als sollte dieses Hantieren eine Aufforderung für mich sein, auch mit meinem für ihn bestimmten Geschenk herauszurücken.
Endlich, als nach meiner Ansicht alles was nöthig gesagt war, auch meine Frage, ob die Soldaten hierbleiben sollten, bejaht wurde, übergab ich dem Häuptling zwei Maskattücher und empfahl mich, um aus dieser Gesellschaft fortzukommen. Mit wiederholtem Händedruck begleitete mich der alte Sünder bis zum Ausgang; die Höflichkeit schien sich nach dem Werthe des Geschenkes zu richten, denn auch die Vornehmsten streckten ihre schwarzen Patschen aus und wollten diese gedrückt haben. Sicher durch das Labyrinth von Hütten zum Strande geleitet, war ich froh, als ich mit meinem Boote in die Dunkelheit hinaus fahren und den Weg wieder zu dem fernab ankernden Schiffe suchen konnte.
Am nächsten Morgen setzte ich die Reise fort und folgte nordwärts steuernd, der niedrigen, landeinwärts mit dichtem Busch und Gras bestandenen Küste. Die weite tiefe Bucht von Marenga Sanga abschneidend, war ich gegen 3 Uhr Nachmittags in die Nähe der felsigen, steil aus dem See aufsteigenden Makusa-Hügel, die isolirt von dem weit zurückliegenden Gebirge abgetrennt liegen, angelangt und ankerte hier am Bestimmungsort Bandawe, in der sehr flachen Bucht zwischen dem Festland und einigen großen Granitblocks. Da diese Bucht offen und ungeschützt ist, so bieten die vorspringenden Felsen nur Schutz gegen den südlichen Wind; die westlichen Winde, die seltener und nur zur Regenzeit zuweilen mit einer Böe auftreten, sind fast immer schwach. Gefährlich nur wird der zu Zeiten äußerst heftige Südost-Wind. Fast immer ist eine langgezogene Dünung wahrzunehmen, die schnell zu hoher See anläuft, sobald aus der genannten Richtung der Wind zu wehen beginnt, und dann ist es nicht rathsam mehr, in Bandawe zu ankern, da es auch völlig ausgeschlossen ist, den Versuch zu wagen, hier landen zu wollen. Zugänglich für Boote ist nur ein schmaler Uferstreifen, denn große Steinblöcke, die durch das stetig anspülende Wasser stark zerklüftet sind und am Strande liegende Felsmassen machen bei Seegang eine Annäherung gefährlich.
Beim Betreten des Strandes fällt es einem auf, daß der freie Sand vollständig mit Glimmertheilchen durchsetzt ist, und namentlich wenn die Strahlen der Sonne darauf fallen, sieht es aus, als wären Millionen Silberstäubchen umhergestreut, die im Sonnenlichte blitzen und funkeln, ein Zeichen, daß die vom Zahn der Zeit oder anderen Einwirkungen allmählich zerstörten Felsmassen Glimmer in Mengen enthalten haben.
Wie überall, wo der »H. v. Wißmann« zuerst erschien, erregte das Schiff das Staunen der Eingeborenen und was Beine hatte, war am Strande versammelt. Fast mehr noch stieg die Verwunderung, als die gelandeten Atonga, mit reichen Schätzen heimgekehrt, ihren Landsleuten erzählten, woher das große Schiff gekommen sei und wie sie dieses hätten mit erbauen helfen. Umlagert von der Menschenmenge konnte ich mich am Strande kaum derer erwehren, die Lust bezeugten, an Bord zu arbeiten, und nur, wenn ich ihnen bedeutete, daß sie mitkommen könnten, wenn sie für die Engländer arbeiten wollten, dämpften die meisten ihre Neugierde, das wollten sie doch nicht. Hauptsächlich um Feuerholz zu erhalten, welches an Bord stark abgenommen hatte und womit ich nicht nach Monkey-Bay zurückkommen würde, war ich schon mit einem der ersten Boote an Land gegangen, um mit den Eingeborenen zu unterhandeln, damit sie mir solches in genügender Menge beschafften. »Kumi, Kumi« (Holz, Holz), hallte der Ruf, und bald stürzten Frauen und Kinder fort, aus dem Dorfe Holz herbeizuschleppen. Meine Andeutung, sie möchten die Knüppel, denn anderes Holz brachten sie nicht, nur aufzustapeln, ich würde ihnen dann am andern Tage mit Zeug bezahlen, war ihnen neu. Bald sah ich ein, daß solche Art Bezahlung hier nicht angebracht sei und so mußte ich mich bequemen, jedem Einzelnen sein bischen Holz mit Salz abzukaufen.
Wäre mir die Methode, für Salz oder Perlen Holz aufkaufen zu können, bekannt gewesen, hätte ich mir von ersterem einen Vorrath mitgenommen, und zwar nicht unser gutes Kochsalz, sondern von dem Erdsalze, wie es im Süden die Mpondaleute aus einer salzhaltigen Erde zu gewinnen wissen, das sie verhältnißmäßig billig verkaufen. So aber war ich nun gezwungen, für jedes Stückchen Holz eine Prise Salz zu bezahlen, das alle Weiber und Kinder gleich Zucker aufleckten. Raffinirt aber gingen sie dabei doch noch zu Werke; denn anstatt für ein ganzes Bündel Holz dem entsprechend eine Quantität Salz zu empfangen, mußte für jedes einzelne Stückchen ihnen eine Prise bezahlt werden, und meistens, da meine Leute es nicht so genau nahmen, kamen sie besser dabei weg.
Für zehn Pfund Salz kaum drei Boote voll schlechtes Holz zu erhalten, das war mir denn doch ein Bischen zu wenig, und hier wenigstens habe ich nie wieder mich zum Ankauf von Feuerholz verleiten lassen. Die drei Tage, welche ich hier in Bandawe bleiben mußte, um die Anwerbung neuer Atonga abzuwarten, die von schwarzen Kommissionären für das englische Gouvernement ausgeführt werden sollte, benutzte ich dazu, um der schottischen Mission, oben auf den Makusa-Hügeln erbaut, einen Besuch abzustatten. Von einem Führer geleitet, stiegen wir anfänglich durch verkrüppeltes Gebüsch auf schmalen Fußpfaden aufwärts und kamen bald zu einem langen regelrechten Weg, der zur Höhe des Bergkammes führte. Das erste, was sich hier den Augen darbot, war eine lange Reihe nach europäischer Art ausgeführter Häuser.
Etwa 400 Fuß auf dem zur Straße erweiterten Weg fortgeschritten, stand ich vor dem gefälligen Wohnhause des Leiters der Mission, Dr. Elmslie, einer netten schottischen Cottage, wie die Engländer ihre Landhäuser zu bezeichnen pflegen. Aufs Freundlichste von dem Doktor und dessen Gattin begrüßt, erkannte ich bald, wie die Nachfolger Livingstons unermüdlich und muthig vorwärts schreiten auf der Bahn, die der große Forscher sie gewiesen, das Wort des Heils verkündend den Völkern, die, in Nacht und Unglauben befangen, so schwer Christi Wort und Lehre begreifen können. Bereitwillig und mit berechtigtem Stolz konnte Dr. Elmslie mir sein seit etwa zehn Jahren begonnenes Werk zeigen und erklären; gab die beträchtliche Anzahl der Missionszöglinge schon Zeugniß von seinem Wirken auf geistlichem Gebiet, so erregte seine Vielseitigkeit, als Lehrer, Arzt und Bauleiter, ebensoviel Bewunderung. Alles was man sah, nur aus den Mitteln hergestellt, die das Land bot, war hier mit großem Verständniß eine kleine Industrie geschaffen worden. Jeder Ziegel ist selbst gebrannt, jedes Fenster (außer Scheiben), Thür, Tisch und Schulbänke ist aus dem Holze gefertigt, das vom Gebirge herbeigeschafft und in der Säge- und Tischlerwerkstatt bearbeitet worden war; alle Bücher, Lehr- und Schulhefte, sowie Bibel und Gesangbücher sind in der Sprache der Atonga gesetzt und gedruckt, und das alles ist unter Aufsicht weniger Europäer von den Zöglingen der Mission ausgeführt worden; man muß zugeben, daß der Leiter solcher Anstalt wirklich Großes gewollt und geschaffen hat. Aber nicht auf Bandawe allein, der Zentrale, ist das Wirken beschränkt, sondern weit landeinwärts im Gebirge liegen die kleineren Stationen zerstreut. Ausgebildete Lehrer und Prediger lehren in den Dörfern ihren schwarz-braunen Brüdern, was sie von den weißen Männern gelernt und begriffen haben. Langsam zwar, aber mit nie erschlaffender Energie, wird das Christenthum eingeführt und verbreitet.
Mit ganz besonderem Geschick weiß Dr. Elmslie das Interesse der Eingeborenen auch dadurch zu wecken, daß er alljährlich eine Ausstellung im Schulgebäude veranstaltet, zu der ein Jeder berechtigt ist beizusteuern, und zwar alles was von den Händen der Eingebornen selbst gefertigt ist, als Bogen, Pfeile, Speere, Pfeifen, Thongefäße, Messer etc. wird geordnet und wer seine Sachen verkaufen will, dem steht es frei. Die besten Arbeiten aber werden prämiirt, und mit wie großem Interesse die Bevölkerung sich solch nützlicher Beschäftigung hingiebt, wie jeder bestrebt ist, mit Geschick etwas Originelles und Schönes anzufertigen, das habe ich später selbst auf einer solchen Ausstellung gesehen und beurtheilen können. Ein wahres Museum von hunderterlei Dingen, lernt man erst hierdurch die Kulturstufe, auf welcher die Bevölkerung steht, recht beurtheilen.
Die Atonga, die ebenso wie alle anderen Stämme am Nyassa-See dem Ahnenkultus huldigen, haben vielfach die Gewohnheit, in ihren im Urwald angelegten Totenhainen, die Verstorbenen fest in Matten genäht, im Gezweige mächtiger Baumriesen aufzuhängen, und abergläubisch, glauben sie, daß die Grabstätten von den Geistern der Todten belebt werden, daher ist das Betreten derselben nur den Medizinmännern und Zauberern gestattet, die auch nur allein es wissen, wo solche Leichen verbleiben; kann freilich die Hyäne, die die frischen Gräber aufzuscharren liebt, nicht herankommen, so sind es die Raubvögel, die ihre scharfen Schnäbel daran versuchen.
Am Fuße der Berge, die etwa acht Seemeilen nördlich von Bandawe zum See herantreten und von Cap Chirambo in Gebirgsformation übergehend, eine hohe ununterbrochene Felsenkette bis Cap Mschewere 10° 25´ S. Br. bilden, haben die Atonga auf fruchtbarem Boden ihre Tabakpflanzungen angelegt, deren Erträge es ihnen gestattet, wie früher erwähnt, so weite Wanderungen bis nach Blantyre zu unternehmen, wo sie sich als Arbeiter und Träger verdingen; auf dem ganzen langen Wege also nur durch Austausch gegen Tabak sich ihren Lebensunterhalt erwerben können.
In der Nacht vom 2. zum 3. September unternahm ich die Einschiffung der neu angeworbenen Atonga, 176 Mann, verließ mit Tagesanbruch Bandawe und wollte noch am selben Tage Kota-Kota, von wo die dort gelandeten Polizeisoldaten wieder abgeholt werden mußten, erreichen. Der südliche Wind, der während der letzten Tage frisch geweht, hatte aber den See ziemlich unruhig gemacht, sodaß das Schiff gegen Wind und Wellen nur mit mäßiger Geschwindigkeit vorwärts kam und wir daher zu der 65 Seemeilen langen Strecke nahezu 11 Stunden gebrauchten. Soviel ich noch am selben Abend vom Ankerplatz aus erkennen konnte und was mir die von Kota-Kota zurückkehrenden Bootsleute bestätigten, lagen anstatt 3 Dhaus deren 2 nur noch vor dem Dorfe und so war ich etwas überrascht, am anderen Morgen etwa zwei Meilen nördlich vom Schiffe, die dritte Dhau vor Anker liegen zu sehen. Nun wurden mir die unauffälligen aber eingehenden Erkundigungen, welche Jumbe an jenem Abend an mich, mehr noch an die Polizeisoldaten gerichtet hatte, klar, denn ihm schien besonders daran gelegen zu sein, genau zu erforschen, wann ich wohl zurückkommen würde und wann wohl die »Domira« passiren könnte. Wahrscheinlich also wollte der alte Fuchs sich vor Ueberraschung sichern, was ihm leider auch gelungen ist, da sicherlich die Fracht, welche er nach Mluluka mit seinem Fahrzeug befördern wollte, gewiß nicht zollfreie Waare gewesen sein mag.
So oft ich auch den Nyassa-See kreuz und quer durchfahren, wie scharfe Ausguck ich auch nach Sklavendhaus gehalten habe, niemals gelang es mir oder einem anderen Schiffe eine solche aufzubringen, immer fand ich die Dhaus wohl geborgen am Strande liegen und keine Handhabe war gegeben, dieselben wegzunehmen oder zu zerstören.