Die deutsche Dampfer-Expedition zum Nyassa-See.
Part 4
Ehe noch am frühen Sonntagsmorgen die goldene Sonne über dem Horizont emporgestiegen war, leichte Nebel über den unabsehbaren Grasflächen noch gespenstig hin und her wogten, hatte der Ruf der Trompete, deren Klang schmetternd in die Weite getragen wurde, die Schläfer aus süßer Ruh' geweckt; Früh auf war die Parole und Vorwärts das Kommando. Auf der Weiterfahrt näherten sich die Ufer des Zambesi zuweilen bis auf 200 Meter, dann aber waren sie steil und hoch, zwischen denen der Strom mit tieferem Wasser mächtig dahinschoß; schwer kämpfte der »Pfeil« mit seiner Last gegen die wirbelnden Fluthen, und ehe solche Verengung des Flußbettes durchfahren war, vergingen Stunden. Traten die Ufer aber wieder zurück und verflachten, begann aufs Neue das mühselige Hindurchwinden zwischen Sandbänken und Untiefen.
An diesem Tage sahen wir zuerst wieder zwischen kleinen Bananenwäldchen verdeckt liegende Hütten der Eingebornen; neugierig lugten die schwarzbraunen Gesichter durch das schützende Grün, bis sie zu Haufen eilend, mit Rufen und Händeklatschen uns ihren Gruß entboten. Fremd war ihnen die Flagge, welche von den Masten unserer Boote wehte, fremd das Schauspiel, soviel uniformirte Soldaten zu sehen, deren Sprache sie nicht verstanden, und waren wir in Rufweite forderten sie Aufklärung von ihrem Landsmann, dem Lootsen; was dieser ihnen aber auch in wenig Worten erklären mochte, das Verständniß fehlte ihnen doch dafür. Zur Aufmunterung ließ der Major zuweilen Hornist und Trommler eingeübte einfache Weisen spielen; mehr noch als uns schien die Musik die Eingebornen zu erfreuen und weit stromaufwärts folgten die jungen Leute solchen nie gehörten Klängen, während altersschwache Greise und junge Kinder sehnsüchtigen Blickes den Fremdlingen nachschauten, bis die Klänge verhallt oder die Flottille ihren Augen durch eine Krümmung im Flusse entschwunden war.
Wie erwähnt, hatten wir uns zur Vorsorge in Chinde reichlich mit Brennholz für den »Pfeil« versehen, allein damals ahnten wir nicht, wie groß die Hindernisse und mit welchen Mühen ein Vordringen auf dem Zambesi verbunden sein würde, nun der Mangel eintrat (wir aber noch fern von der Station Schupanga), waren wir gezwungen, nach neuem Brennmaterial Umschau zu halten. In früher Nachmittagsstunde legten wir daher an einer Stelle des hier flacheren, aber mit Baumwuchs reichlicher bestandenen Ufers fest und sofort, mit Aexten und Beilen versehen, zogen die Soldaten truppweise unter Führung ihrer Schauchs (Unteroffiziere) aus, um nach Möglichkeit Holz herbeizuschaffen. Nach der Quantität war der Ertrag ein guter, allein die Qualität ließ viel zu wünschen übrig; indeß konnten wir noch zufrieden sein, wenigstens die Aussicht auf ein Vorwärtskommen nicht eingeschränkt zu sehen.
Es war bisher jeden Abend eine Musterung unserer Leute vorgenommen worden, theils zum Zweck, ob auch alle vorhanden, theils ob sich nicht Gebrechen oder Krankheiten unter den Leuten entwickelt hätten; war doch eine Befürchtung, daß die Pockenepidemie abermals zum Ausbruch kommen könnte nicht unbegründet, daher wurde auf den Gesundheitszustand besonders acht gegeben. Ueberrascht und mehr noch erschreckt wurden wir, als an diesem Abend es sich herausstellte, daß einige Suaheli, die nicht zur Arbeit angetreten waren, sich auch der Beachtung entzogen hatten, im Leichter krank am Fieber darnieder lagen. Eine sofort angestellte Untersuchung ergab, daß vier Mann bereits schwer an den Pocken erkrankt waren. Sofort wurde von Seiten des Majors eine große Reinigung angeordnet, das Zeug der Kranken verbrannt und diese selbst nach Möglichkeit von allen ihren Kameraden isolirt.
Empfänglich für die verheerende Krankheit waren vor allen die Sansibariten, und als ein besonderes Glück konnten wir es betrachten, diese Seuche keine weitere Ausbreitung annehmen zu sehen, als nur unter den Suaheli. Der Grund dafür war wohl in der strengen Abgeschiedenheit zu suchen, welche die Somali, Sudanesen, Abessinier untereinander beobachteten, die namentlich keine gemeinsamen Mahlzeiten und Lagerstätten theilten. Die Gefahr war indeß nicht zu unterschätzen, vielmehr konnte der schlimmen Seuche, trotz großer Vorsicht, eine größere Verbreitung zugemuthet werden, was aber menschliches Können unter solchen Verhältnissen vollbringen konnte, geschah, um nach Möglichkeit der Verbreitung entgegen zu treten.
Eine Aussetzung der Erkrankten, welche unter diesen Umständen das Richtigste gewesen wäre, lag leider nicht im Bereich des Möglichen, denn unzweifelhaft wären sie mit der umwohnenden Bevölkerung doch in Verbindung getreten, die Folgen dann aber unabsehbar, hätte die Epidemie zahllose Opfer gefordert und wer konnte die Betroffenen retten! waren wir doch selbst machtlos dagegen.
Regenschwere Wolken verhüllten uns am nächsten Morgen des Himmels Angesicht, ein trüber regnerischer Tag mit all dem Unangenehmen, welches ein solcher im Gefolge hat, lag vor uns, naß und kalt, konnten wir fast unsere Stimmung mit dem höchst unfreundlichen Wetter vergleichen. Nach einer nicht minder schwierigen Weiterfahrt, voll Hemmungen und Widerwärtigkeiten, legten wir schließlich, als der Tag zur Neige ging, an einer öden Uferstelle fest; vergeblich hatten wir nach Bäumen Umschau gehalten, und da unser Holzvorrath längst verbrannt, war ein Vorwärtskommen nur noch mit unserm kleinen Kohlenbestand möglich gewesen.
So glücklich wie am Tage vorher waren wir nicht; nur die trockenen Blätter der Fächerpalmen schleppten die Leute herbei, welche zur Suche in die weite Grasebene ausgesandt worden waren. Zwar geben die Blätter einen vorzüglichen Brennstoff und entwickelten eine große Hitze, jedoch wie bedeutend auch der Vorrath, in dem glühenden Feuerschlund des Dampfkessels zehrte die Flamme diesen nur zu gierig auf.
So unfreundlich wie der Tag, so ungemüthlich war die Nacht, aber nicht bloß der Mensch allein empfand die Unbill der Witterung und fühlte sich unbehaglich, auch den wilden Thieren, welche nächtlicher Weile ihrer Beute nachgehen, schien das vom Regen triefende Gras nicht sonderlich zu behagen. Stimmen, die wir bisher nicht gehört, hallten durch die Stille, das Lachen der Hyäne nahe und deutlich vernehmbar, gab uns die Gewißheit, daß dieser unheimliche Gast das Lager umkreise, hingegen das dumpfe Bellen in der Ferne ließ uns die Anwesenheit des gefährlicheren Leoparden vermuthen.
Indeß der etwas freundlicher anbrechende Tag machte uns bald das schlechte Quartier vergessen und froher gestimmt begann in aller Frühe das Tagewerk. Wir hofften, heute, am 19. Juli, die Station Vicente noch erreichen zu können, sofern unser gesammeltes Brennmaterial und unsere wenigen Kohlen ausreichen sollten; wir fuhren durchschnittlich mit 10 bis 12 Atmosphären Druck, welch' hohe Dampfspannung oftmals nöthig wurde, um den »Pfeil« mit seiner Last durch die reißende Strömung hindurch zu bringen.
Wie immer, bot sich auch heute günstige Gelegenheit, den träge auf den Sandbänken liegenden Flußpferden und Krokodilen wohlgezielte Kugeln zuzusenden, allein der Jagdeifer hatte sich durch die bisherige Erfolglosigkeit gewaltig abgekühlt, und verlockte nicht ein zu sorgloses Thier, das in nächster Nähe neugierig den Kopf über Wasser hob, den Major einen Schuß zu wagen, unterblieb das Feuern meistens ganz. Erst als der Major mit einem Kleinkalibergewehr, dem Sergeanten Bauer gehörig, ein großes Krokodil aufs Korn genommen hatte, blieb das Thier unter Feuer liegen. Das Rückgrad durchschossen, hatte das Thier nicht mehr die Kraft, seinen schweren Körper zum schützenden Wasser zu schleppen, nur mit dem Schwanze peitschte es den Sand und riß den gewaltigen Rachen weit auf.
Ein Jubelschrei ertönte aus vielen Kehlen, als endlich die Aussicht vorhanden war, frisches Fleisch zu erhalten; schneller wie gewöhnlich, war das kleine Stahlboot längsseit, bemannt, und fort ging es die willkommene Beute zu sichern. Drei wohlgezielte Kopfschüsse waren indeß noch nöthig, ehe das mächtige Thier sein zähes Leben endete, das alsdann in das Boot geschleift wurde. Nun konnten wir uns den gefährlichen Räuber aus nächster Nähe betrachten, dessen furchtbares Gebiß namentlich allen Respekt einflößte. Und zieht man den Muskelbau des festumpanzerten Thieres in Betracht, kann man wohl voraussetzen, daß solche Kinnladen, mit über vier Centimeter langen Zähnen bewaffnet, alles zermalmen was dazwischen geräth.
Es mochte etwa drei Uhr Nachmittags geworden sein, als wir in einem rechts abbiegenden Flußarm die Station Vicente vor uns liegen sahen. Der kleine Häuserkomplex, der diesen Namen trug, bestand nur aus zwei nach afrikanischer Art errichteten Wohnhäusern und mehreren aus Thon und Gras erbauten Nebengebäuden, sonst ließe sich eher auf das nebenliegende Dorf dieser Name anwenden, obwohl in diesem unkultivirten Lande jede Niederlassung eines Europäers die Bezeichnung Station zu tragen pflegt.
Wie so häufig, hatte auch hier der Zambesi-Fluß, wenn in der Regenzeit seine Fluthen kein Hinderniß kennen, sich vor längerer Zeit ein neues Bette gegraben und dadurch eine Insel gebildet, an derem steilen Ufer, nahe der Mündung des alten Fahrwassers, wir eine Anlegestelle suchten. Die Station, an dem alten jetzt nicht schiffbaren Strombette gelegen, war nur mittelst Boote zu erreichen. Deshalb holten wir die Fahrzeuge möglichst in stilleres Wasser, und zwar an eine Stelle, wo die 15 Fuß hohe Uferbank nicht allzu senkrecht abfiel, auch ein Erklimmen derselben noch möglich war.
Der Umstand, daß nun gänzlicher Mangel an Brennmaterial eingetreten war, machte es schon zur Nothwendigkeit, hier wenigstens einen Tag Rast zu halten, weil eine schnelle Ergänzung wohl nicht gut angängig sein würde. Einen Tag der Ruhe konnten wir aber als eine willkommene Gunst betrachten, nöthig that es sehr mal wieder gründliche Reinlichkeit und Ordnung auf den Booten herzustellen, um so mehr, da der Major die Absicht hatte, so weit wie möglich vorzudringen; wenigstens den Wunsch äußerte, die in der Ferne gesehenen Moramballa-Berge im Schirefluß, noch zu erreichen, ehe ein Hauptlager und Depot errichtet würde.
Sein Befehl lautete denn auch dahin, ehe er den in Vicente ansässigen Portugiesen seinen Besuch machte, daß das Lager für einen längeren Aufenthalt hergerichtet würde. Und als der nächste im Kommando, schaffte ich im Leichter, der speziell unter meiner Aufsicht stand, in welchem auch alle Soldaten Unterkunft gefunden, gründliche Ordnung. Wie an jedem Tage, wenn wir Rast gemacht hatten, so war es auch hier nöthig, erst mit dem Faschinenmesser das hohe Gras nieder zu hauen, um Platz für die Zelte zu schaffen, die auch mit einer kleinen Furche im Erdboden umgeben werden mußten, damit bei etwaigem Regen das Wasser am Eindringen verhindert werde.
Das Nothwendigste indes war, sobald die Soldatenzelte herausgeschafft worden waren, entfernt vom Lager einen Platz zu suchen, wo ein solches für Pockenkranke aufgerichtet werden konnte; sollten doch laut Bestimmung des Majors die Kranken unter Aufsicht eines Suaheli, der früher schon diese Krankheit überstanden und somit keine Ansteckung zu befürchten hatte, auf dieser gänzlich unbewohnten Insel zurückgelassen werden. Ein günstigerer Ort konnte so leicht nicht gefunden werden, und siegte die Natur überhaupt über diese den Körper verheerende Seuche, so waren derselben hier die beste Unterstützung, kühle frische Luft und unbedingte Ruhe, gegeben. Meines Wissens kehrte aber nach Wochen, von einem späteren Transport abgeholt, der Wächter allein zurück, nachdem er seinen Kameraden dort ein einsames Grab gegraben hatte.
Nachdem den Soldaten freie Zeit zum Abkochen gegeben war, holten sich die Sudanesen das vom Major am Morgen erlegte Krokodil und begannen mit der Zerlegung des über drei Meter langen Thieres. Jedoch als es zur Vertheilung kam, wollten auch Suaheli und andere ihren Antheil haben und, um den entstandenen Streitigkeiten ein Ende zu machen, mußte ich jeder Abtheilung das Ihrige zuweisen. Besonders schienen die Sudanesen die Eier, von denen eine beträchtliche Anzahl im Körper des Thieres vorhanden waren, zu schätzen, denn eher ließen sie ein gutes Stück Fleisch fahren, als daß sie in eine Vertheilung derselben einwilligten, auch sprach ich sie ihnen um so eher zu, da sie doch die Arbeit der Zerlegung sich unterzogen hatten.
Die Gewohnheit des Negers von einem Thiere absolut nichts weiter übrig zu lassen als Haut und Knochen, bewog auch Einzelne den Magen des Krokodils einer näheren Besichtigung zu unterziehen. Kleine und größere, fast unledirte Fische, war das erste Ergebniß dieser Untersuchung, dann kamen noch haselnuß-große Steine, Glasperlen und messinge Armringe zum Vorschein. Diese letzten Funde machten es zur Gewißheit, daß dieses Thier vor längerer Zeit ein argloses junges Mädchen oder Weib vom Ufer geraubt hatte und mit seiner kostbaren Beute sich jeder Verfolgung zu entziehen gewußt hat.
Die Eingebornen sind gegenüber diesem schlimmen Feinde in der That vollständig machtlos. Ihre scharfen Pfeile vom straffen Bogen geschnellt, die jede Haut eines anderen Wildes durchdringen würden, prallen auf dem festen Panzer des Krokodil machtlos ab; selbst wo ihnen Feuerwaffen zur Verfügung stehen sind diese doch von solcher Beschaffenheit, daß die Kugel nur im glücklichsten Falle dem Menschenräuber eine Wunde beizubringen vermag.
Die Entdeckung, daß das Krokodil besonders wählerisch in Betreff seiner Nahrung gewesen war, hielt die Leute nicht weiter ab, das Fleisch des Thieres nach ihrer Methode sorgfältig zuzubereiten, was gewöhnlich in der Weise geschieht, daß es am Feuer oder in der heißen Asche geröstet wird. Soviel war gewiß, der größte Theil unserer Leute erfreute sich eines delikaten Abendessens, »geräuchertes und gekochtes Krokodilfleisch«, während wir Europäer mit Conserven vorlieb nahmen, die unserm verfeinerten Geschmack besser mundeten.
2. Bis zum Lager von Ntoboa und die Erbauung desselben.
Die Entdeckung und der befundene Beweis, daß die gepanzerten Unholde so kühne Menschenräuber sind, sollte manchem der Krokodile von unserer Seite Verderben bringen, und als ein Gaudium betrachteten wir es, wenn durch einen guten Schuß solch ein mächtiges Thier todeswund sein Heil in der Flucht suchte, oder auch auf der Stelle getödtet, als Trophäe in das Lager geschleppt wurde. Viel Unheil haben sie auch uns zugefügt, mancher unserer Leute wurde ein Opfer eigener Unachtsamkeit und eine Beute der gefrässigen Räuber, indes abgesehen von denen die ich selbst geschossen, hat jedes Mitglied der Expedition mehr oder weniger den Krokodilen nachgestellt und jeder Menschenraub ist an ihnen furchtbar gerächt worden.
Die Bemühungen des Majors in Vicente Proviant und Holz zu erhalten, waren von gutem Erfolg gekrönt; schon am nächsten Morgen brachten Eingeborne Canoes mit Brennmaterial und schließlich lebendes Vieh, als Schafe und Ziegen. Aus den Aeußerungen des Majors aber war zu entnehmen, daß die Portugiesen die Gelegenheit beim Schopf genommen und sozusagen mit Gold sich ihre Gefälligkeit hatten aufwiegen lassen. Am 21. früh, nachdem noch großer Apell angesagt und abgehalten, die zurückbleibenden Kranken und ihr Wärter genügend mit Proviant versehen worden waren, setzten wir unsere Fahrt flußaufwärts mit frischem Muthe fort.
Voraussichtlich, wenn nicht zu große Hindernisse zu überwinden waren, konnten wir an diesem Tage noch Schupanga erreichen. So weit wie der Fluß für den vier Fuß tiefgehenden »Pfeil« befahrbar war, ging es denn auch Volldampf vorwärts; wir konnten rechnen, als um 3 Uhr Nachmittags die Häuser der portugiesischen Station in Sicht gekommen waren, nach kurzer Zeit diesen Ort zu erreichen. Ein Creek, der zur Rechten in den Fluß mündete und ein Arm des Hauptstromes war, (hier ebenfalls wie bei Vicente unter denselben Verhältnissen ein Inselgebilde hat) hatte aber durch vorgeschobene Sandbänke, welche durch die Kreuzung der beiden Strömungen entstanden waren, in dem über tausend Meter breiten Flußbett nur eine sehr schmale Wasserstraße freigelassen, durch deren Windungen der »Pfeil« mühsam geleitet werden mußte.
Immer noch war es uns bisher gelungen, unter anscheinend ebenso schlechten Verhältnissen den »Pfeil« und die Boote hindurch zu bringen, hier jedoch schien jeglicher Versuch vergeblich zu sein; wieder und wieder rück- und vorwärts arbeitete die Maschine mit aller Kraft, nach Stunden hatten wir kaum einige hundert Meter gewonnen. Endlich, nachdem wir bis oberhalb der Mündung des Creeks gelangt waren, und unmittelbar unter der hohen steilen Uferbank der erwähnten Insel tieferes Wasser gefunden hatten, glaubten wir das Schlimmste überwunden zu haben; indes war die schmale Fahrstraße auch tief, so konzentrirte sich hier die ganze Kraft der Strömung und unser Dampfer, gehemmt durch seine Last, war nicht im Stande diese zu überwinden.
Wie oft wir auch die Versuche erneuerten, mit der zulässig höchsten Dampfspannung die Maschine arbeiten ließen, kamen wir doch nur bis zu einem bestimmten Punkt, an welchem der Wirbelstrom so rasend war, daß er Dampfer und Boote im Kreise drehend, augenblicklich aus dem Kurse schleuderte und mit sich hinweg riß; erst in ruhigem Wasser gelang es, Dampfer und Boote wieder gegen den Strom zu richten. Schon zogen die Schatten der Nacht herauf und mahnten uns bedacht darauf zu sein, ein Nachtquartier zu suchen; aber vor uns die wilde Strömung, hinter uns Sandbänke und flaches Wasser, war es unmöglich das Land zu erreichen. Aufs Neue ging es vorwärts, wir sollten und mußten hindurch; mit langen Bambusstangen stand die Mannschaft auf allen Booten zum Schieben bereit und auf ein gegebenes Zeichen tauchten die Stangen in die Tiefe, Menschenkraft vereint mit Dampfkraft suchte Herr der rasenden Strömung zu werden! Alles vergeblich, aus dem Kurse gedrängt lagen Dampfer und Fahrzeuge im Augenblick breitseits im Strome, jeder verzweifelten Anstrengung spottend und trieben machtlos den Sandbänken zu.
Was bei früheren Versuchen uns dieser Gefahr entgehen ließ, war der Umstand, daß jedes Mal die Strömung den Dampfer nach der offenen Wasserseite zu abgedrängt hatte und mit vorwärts arbeitender Schraube konnten wir so den Untiefen entgehen. Dieses Mal jedoch riß der Wirbelstrom die Fahrzeuge rechts herum; das Vordertheil des Leichters nun an das Ufer gedrängt, verursachte eine große Hemmung, und da die rückwärts arbeitende Maschine nicht im Stande war, diese zu überwinden, so lagen wir in wenig Minuten auf einer Untiefe in der Mündung des Creeks so fest, daß ein Abbringen der Boote die größten Schwierigkeiten machen mußte. Langes Besinnen in dieser schlimmen Lage konnte verhängnißvoll werden, auch befürchtete ich, sollten wir den Leichter nicht mehr frei bekommen, während der Nacht ein Versanden desselben, was bei den losen vom Strome leicht angehäuften Sandmassen immerhin möglich war.
Schnell wurde der »Pfeil« von seiner Last befreit, und nachdem der Dampfer wieder freieres Wasser gewonnen, mit dem Ausbringen eines schweren Ankers begonnen, was uns nach vieler Mühe denn auch gelang. Wie aber vorauszusehen war, konnte der Anker in dem losen Grund keinen Halt gewinnen, denn fünfzig Mann holten diesen durch den Sand, ohne auch nur den Leichter etwas aus seiner Lage zu bringen. Ein zweiter Versuch ergab dasselbe Resultat, und schon sollte eine Schlepptrosse zum »Pfeil« gebracht werden, um mittelst der Dampfkraft einen Erfolg zu erzielen, als plötzlich hinter der nächsten Biegung die beiden englischen Kanonenboote »Herald« und »Mosquito« in Sicht kamen, die unsere Lage bemerkend, so nahe als möglich zu uns hinüber steuerten und zu Anker gingen.
Da die Führer beider Schiffe dem Major persönlich bekannt waren, war wohl anzunehmen, daß ein Ersuchen um Hülfeleistung nicht abgeschlagen werden würde. Bald wurde denn auch vom »Herald«, Kapitän Robertson, ein Boot abgesandt, das Erkundigungen einziehen und den Major zwecks näherer Rücksprache an Bord bitten sollte. Im Kommando der Erste, wies Kapitän Robertson bald darauf den »Mosquito« an, querab unserer Boote sich gut zu verankern und den Versuch zu machen, zuerst den Leichter mittelst Ankerwinde frei zu bringen.
Doch die beträchtliche Entfernung zwischen Schiff und Leichter, dazu der starke Strom, machten das Herüberbringen einer langen starken Leine sehr schwierig. In weitem Bogen wurde diese von der Strömung fortgeführt, sodaß, als endlich der Leichter erreicht war und ich das Tau gut befestigt hatte, die Kraft und die Spannung desselben beim Einholen so gewaltig wurde, daß es entzwei riß und die Arbeit nochmals von vorne begonnen werden mußte. Beim zweiten Versuch wurde das Tau nicht mehr direkt durch die Strömung zum Leichter geführt, sondern erst eine Strecke geradeaus stromaufwärts gefahren und dann mit aller Kraft die Strömung durchrudert. Auf diese Weise wurde nicht zu viel Leine von den Wassermassen weggeführt, und es gelang, als die Ankerwinde in Thätigkeit gesetzt worden war, das Tau durch die aufgewendete Kraft über Wasser zu bringen. Es bedurfte zwar einer bedeutenden Anstrengung, den Leichter wieder frei zu machen, jedoch, als derselbe erst nur wenig vom Grunde gelöst war, machte es weiter keine Schwierigkeit, ihn gänzlich abzuholen und längsseit des »Mosquito« zu bringen. Ebenso machten wir auch die Sektionsboote frei, von welchen der »Herald« je eins an jeder Seite nahm und darauf über die Untiefen weiter dampfte, gefolgt vom »Mosquito«. So gering war die Entfernung von dem Orte, zu dem wir zu gelangen getrachtet hatten, noch gewesen, daß nach etwa 10 Minuten schon alle Fahrzeuge an einer gut geschützten Stelle anlegen konnten.
Wie schon erwähnt worden, ist die Konstruktion der »Stern-wealer« (Hinterraddampfer) für solche Flüsse, von so ungleicher Tiefe wie der Zambesi, die beste, die des »Pfeil« dagegen, so kräftig das kleine Schiff auch war, bewährte sich nicht, einzig allein dadurch, weil der Tiefgang von vier Fuß ein zu großer, freilich nach Art der Konstruktion auch nicht viel verringert werden konnte.
All die Hemmungen im Vordringen und der Zeitverlust wurden durch diesen Uebelstand hervorgerufen, wäre hingegen der Tiefgang des »Pfeil« nur 2-2-1/2 Fuß gewesen, dann hätte ein wesentlich anderes Resultat erzielt werden können, wenigstens wäre ein Uebereinkommen unterblieben, das uns in der momentanen Nothlage zwar von großem Nutzen, allein den Engländern einen unschätzbaren Vortheil sicherte.
Kurze Zeit nach unserer Ankunft gelangte auch der »Pfeil« zum Anlegeplatz, der, nun ledig seiner Last, mit besserem Erfolg die tiefe, reißende Strömung zu überwinden im Stande gewesen war. Sehr bald loderten die Wachtfeuer im weiten Kreise auf, an welchen die ermüdete und hungrige Mannschaft noch um 10 Uhr das einzige warme Essen an diesem Tage sich bereitete; auch wir Europäer, auf dem Sandboden hockend, ließen uns die karge Mahlzeit, gebratene Süßkartoffeln und aufgewärmte Wiener, gut schmecken, welche unsere Diener noch in Eile hergerichtet hatten. Es bedurfte aber beständiger Aufsicht und häufig selbstthätiges Eingreifen unserseits, wenn wir unsere Speisen reinlich und nach Umständen sauber zubereitet wissen wollten, denn der Neger kann es nicht recht einsehen, warum der weiße Mann in Betreff der Reinlichkeit so penibel ist und er so oft bei ertappter Unsauberkeit gescholten wird.