Die deutsche Dampfer-Expedition zum Nyassa-See.
Part 5
Wie friedlich auch die Nacht ringsum war, in der wir Stärkung zur neuen Thätigkeit und Arbeit zu finden hofften, so war doch der kleine blutdürstige Quälgeist, der »Mosquito«, hier in unheimlicher Anzahl vertreten und ein böser Störenfried. Zu jeder Abendstunde und in jeder Nacht waren diese Mückenschwärme unsere schlimmen Feinde, die uns die nothdürftige Ruhe raubten und deren empfindliche Stiche noch obendrein schmerzhaft waren. Das einzige Mittel gegen diese unglaublich zudringlichen Peiniger ist das dichtgewebte Mosquitonetz, das freilich diese kleinen Thierchen von einer direkten Belästigung abhält, indes ist ihr scharfes Summen nicht minder unangenehm und wer sich nicht eines festen Schlafes erfreuen konnte, dem hielt das singende Schwirren wach, bis trotzdem die Natur ihr Recht forderte.
Die Erfahrung, und namentlich das Festkommen der Fahrzeuge, hatte gelehrt, daß unser »Pfeil« trotz seiner starken Maschine und sonstiger guter Eigenschaften, für die Folge der Expedition keine sehr wesentlichen Dienste werde leisten können, nur soweit, als die Wasserverhältnisse es gestatteten, war er uns von großem Nutzen; der stromaufwärts immer flacher werdende Fluß setzte selber diese Grenze fest. Dieser Umstand bewog wohl hauptsächlich Major von Wißmann, den gemachten Anerbietungen der Engländer zuzustimmen, und nach den später in Kraft getretenen Abmachungen sollten diese in folgender Weise zur Ausführung gelangen.
Die beiden englischen Schiffe haben der deutschen Expedition ihre Unterstützung zu gewähren und diese zunächst bis Misongwe, dem größten Handelsorte am unteren Zambesi zu bringen. Von dort setzen die Kanonenboote ihre angefangene Reise den Schire aufwärts fort, kehren später zurück und bringen das gesammte Material der Expedition bis nach Port Herald, bis wohin der Schire in dieser Jahreszeit noch befahrbar sein würde. Major von Wißmann schafft in der Zwischenzeit seine Expedition mit Hülfe des »Pfeil« von Chinde nach Misongwe resp. dem Orte, wo die Nothwendigkeit gebietet, ein Lager zu beziehen. Ist nun nach einigen Monaten diese Arbeit vollendet und bis nach Port Herald alles hinaufgeschafft worden, erhalten die Engländer zwei unserer großen Leichter zur freien Verfügung, vermittelst welcher sie das Material für ihre Kanonenboote bis Katunga schaffen können.
Mit dem Grauen des nächsten Tages, sobald alles wieder eingeschifft worden war, holten wir die Leichter und Boote über die den ganzen Fluß sperrende Untiefe bis zum Ankerplatz der englischen Schiffe; eine mühevolle Arbeit aber war es, denn oft saßen die Fahrzeuge fest und es gelang erst diese vorwärts zu bringen, wenn Anker an langen Tauen aufgebracht worden waren; wollte auch dieses nichts helfen, mußten alle Mann in das zwei Fuß tiefe Wasser, um zu schieben, gleicherzeit aber auch, um die Last des Bootes zu vermindern.
Als der Leichter längsseit der »Herald« gebracht war, suchte das Schiff tieferes Wasser zu gewinnen, aber, abgedrängt durch die Strömung, saß es bald auf Grund und hatte, nachdem der Leichter wieder freigegeben war, Mühe genug, selbst flott zu werden. Dem »Mosquito« gelang es besser, an jeder Seite ein Sektionsboot, wurde die Steuerfähigkeit dieses Schiffes nicht so beeinträchtigt, deshalb gaben wir das kleinere unserer Boote an den »Herald« ab und der »Mosquito« nahm den Leichter auf; endlich nach vielen Windungen, bald rechts, bald links tiefere Stellen suchend, gelangten wir in freieres Wasser.
Oberhalb Schupanga dehnen sich weite Waldflächen aus, die bis zum Ufer herantreten und dem weiten Gebiete einen freundlicheren Anblick gewähren, als wie die bisher durchzogenen trostlosen Einöden, die nur mit Rohr und Gras, seltener Busch und Baum, bewachsen waren. Man darf sich unter der Bezeichnung Wald hier noch nicht eine Vergleichung mit den Forsten der Heimath vorstellen, denn, verwachsene Baumarten, untermischt mit schlanken Stämmen, nehmen die Beschaffenheit eines Urbusches an; keine Hand verhindert das Emporschießen des Unkrauts, der Schlingpflanzen etc., und in wilder Ueppigkeit sprießt die Vegetation empor, oft für Mensch und Thier undurchdringlich.
Etwa zwei Stunden oberhalb Schupanga, unter einem steilen bewaldeten Ufer, fanden wir die Holzstation. Hier sind jederzeit wenigstens einige Stapel Holz zu erhalten, die ein Halbportugiese verkauft, der den Ertrag dem Gouvernement einzuliefern hat.
Diese Mischlinge, dunkler fast als die Eingebornen selbst, kaum daß noch europäisches Blut in ihren Adern nachweisbar wäre, sind furchtbar stolz auf ihre Abstammung, und würde man versucht sein, sie mit dem Neger auf derselben Stufe stellen zu wollen, die bloße Andeutung nur wäre schon eine schwere Beleidigung und ihr Haß nicht ganz gefahrlos. An Gestalt sind sie fast klein und schmächtig, sie haben aber im Laufe der Jahrzehnte unter den Bewohnern des weiten Gebietes großen Einfluß erlangt, und, da vornehmlich das Beamtenthum durch sie vertreten wird, sind sie die besten Kenner der Verhältnisse, aber auch nicht minder schlimme Schatzmeister, die vom Eingebornen nehmen, was erhältlich ist. Da der Holzvorrath hier nicht beträchtlich war, bei weitem nicht den Bedarf der drei Dampfer deckte, so hatte ich gemäß der vom Major erhaltenen Ordre, sämmtliche Leute nach unserer Ankunft mit Aexten und Sägen ausgesandt, um Holz herbeizuschaffen. War bis dorthin, wo das Fällen abgestorbener Bäume sich lohnte, auch eine Strecke zu gehen, hatten wir doch nach einigen Stunden schon einen beträchtlichen Haufen Brennholz zum Ufer geschafft.
Inzwischen, um die Mittagsstunde, war auch der »Pfeil« mit dem Major von Wißmann angelangt, dieser hatte, da er absolut die Bank bei Schupanga nicht passiren konnte, einen weiten Umweg machen müssen, und in dem erwähnten Creek, der auch mit dem Hauptstrom in Verbindung stand, eine schmale, aber tiefere Fahrrinne gefunden. Uebrigens ist gerade an diesem Orte, wo der Fluß sich in drei Arme theilt, eine schlechte von vielen Untiefen verlegte Passage; das Fahrwasser ändert sich unausgesetzt. Nach Wochen findet man eine früher passirbare Stelle ganz versandet vor, ohne daß stärkere Strömungen Einfluß gehabt hatten, der lose Sand wird eben bald hier, bald dort abgelagert.
Ich war der Ansicht, daß wir uns tüchtig mit Holz für eine größere Tour versehen müßten, weil bis Misongwe kein Holzplatz weiter vorhanden ist; allein die Engländer, die das vorräthige Holz vom Portugiesen aufgekauft, hatten bald ihren Bedarf gedeckt und wünschten, um nicht Zeit zu verlieren, nun ihre Fahrt fortzusetzen. Daraufhin gab der Major Befehl, mit dem Heranschleppen von Holz aufzuhören und mit soviel Aexten als vorhanden wären sofort das Zerspalten und Zersägen vorzunehmen. Hätten wir ahnen können, wie schwierig das weitere Vordringen werden sollte, wie nach kurzer Distanz unüberwindliche Hindernisse sich uns in den Weg stellen würden, ein solches Hasten und Eilen wäre unnöthig gewesen. Wohl wußten die Engländer, daß voraus noch die schwierigste Stelle im ganzen Fluß zu passiren sei, hofften jedoch, die Boote über die Untiefen bringen zu können, sofern nur der »Pfeil« im Stande sein würde, allein hinüberzukommen.
Um 2-1/2 Uhr Nachmittags, nachdem die englischen Schiffe die Boote, der »Pfeil« den Leichter längsseit genommen, setzten wir unsere Fahrt flußaufwärts fort. Im Kielwasser des leitenden »Herald« folgend, ging anfänglich alles gut von Statten, bis nach etwa ein und einhalbstündiger Fahrt das erste Hinderniß uns entgegentrat. Eine schmale tiefere Rinne, welche den breiten Fluß quer durchschnitt, gebildet durch angeschwemmte mächtige Bäume, deren Gezweig noch hoch über Wasser emporragte, konnten wir wegen der sich kreuzenden Strömung nicht schnell genug passiren, und seitwärts abgedrängt, kam der Leichter auf Grund, und ehe noch die Taue gelöst werden konnten, auch der »Pfeil«. Während dessen wir nun uns aus der unangenehmen Lage mittelst Anker und Leinen zu befreien suchten, dampften die Kanonenboote voraus, kamen ihnen aber, als wir nach einer Stunde etwa folgen konnten, wieder näher. Der Grund dieser Verzögerung war bald ersichtlich, die beiden Schiffe, trotz 2-1/4 Fuß betragenden Tiefganges, waren nicht im Stande gewesen, eine über die ganze Wasserfläche sich ausdehnende Untiefe zu passiren und hatten sich nach vergeblichen Versuchen so fest gesetzt, daß sie nicht mehr rück- noch vorwärts konnten.
Für uns war diese Wahrnehmung eine schlechte Aussicht, den vier Fuß tiefgehenden »Pfeil« hinüberzubringen, denn was die flachgehenden Schiffe nicht vollbringen konnten, mußte für den »Pfeil« eine Unmöglichkeit werden.
Indes so leicht ließ sich Major von Wißmann durch entgegentretende Hindernisse nicht abschrecken; ehe das Unmöglich von ihm anerkannt wurde, mußte auch der ernstlichste Versuch gescheitert sein. Das Wollen und Müssen, gepaart mit Energie, war eine mächtige Triebfeder, die das ferne Ziel durch feste Willenskraft immer erreichbar scheinen ließ, so viele und große Hemmungen natürlicher oder anderer Art sich auch entgegenstellen mochten.
Nicht lange erst die Zeit durch Ueberlegen verschwendend, wurde nach Angabe des Lootsen die Fahrrinne aufgesucht und dann Versuch auf Versuch gemacht, um diese Untiefe zu passiren. Bald rechts, bald links von dieser, wo immer nur der Peilstock einige Zoll Wasser mehr ergab, arbeitete der »Pfeil« mit vollster Dampfkraft vorwärts; allein alles Mühen war vergeblich. Darauf wurden viele unserer Leute nach allen Seiten ausgesandt, um die Tiefe des Flußbettes zu untersuchen, und, als nahe einer großen Sandbank eine etwas tiefere Stelle gefunden wurde, ging es nochmals vor. Plötzlich aber saß der Leichter fest, durch die Maschinenkraft vorne auf den Grund hoch geschoben, brachen die Befestigungen; der »Pfeil«, ebenfalls gehemmt, erlitt durch den erschütternden Ruck am Inventar Beschädigungen; alles, was nicht fest versichert war, fiel an Deck, die starken Regelingstangen und Sonnensegelstützen brachen oder wurden stark verbogen.
So ging es also nicht; der Leichter wurde losgelöst und mir fiel die Ausgabe zu, denselben wieder flott zu machen. Der Major aber versuchte aufs Neue, mit dem »Pfeil« allein durchzukommen.
Gewaltige Anstrengungen wurden noch gemacht, nichts unversucht gelassen, um trotz alledem eine Durchfahrt zu erzwingen; hier aber scheiterte die größte Energie und Willenskraft an einem natürlichen Hinderniß, dem gegenüber der Wille machtlos war. Brachten wir nicht den »Pfeil« hinüber, war ein weiteres Vordringen, wenigstens bis Misongwe, wohin schließlich die englischen Schiffe, nachdem sie diese Untiefe nach angestrengster Arbeit überwunden hatten, unsere Boote gebracht hätten, zwecklos. Schließlich, als das Unmögliche nicht möglich gemacht werden konnte, gab der Major weitere Anstrengungen auf und kehrte zum Leichter zurück.
Was nun? Auf ein Steigen des Flußes in dieser Jahreszeit war nicht zu rechnen, im Gegentheil, derselbe konnte leicht noch mehr fallen. Der praktische Gedanke, den »Pfeil« zwischen Leichter und Boot zu heben, war ausführbar, indes, da es sich um mehr als einen Fuß handelte, so konnten wir das schwere Schiff mit unsern einfachen Mitteln nicht hoch winden, es blieb also nicht anderes übrig, als den Rückzug anzutreten, oder zu bleiben wo wir waren.
Das nahe, etwa fünfzehn Fuß hohe und steile Ufer, unter welchem eine Strecke weit tieferes Wasser gefunden wurde, eignete sich nicht besonders zum Lagerplatz; bis zu der vor wenigen Stunden verlassenen Holzstation zurückzukehren, wo die Uferbeschaffenheit fast dieselbe war, schien, nach den schon überwundenen Schwierigkeiten, noch weniger rathsam, so, kurz entschlossen, wählte der Major von zwei Uebeln das kleinere.
Weitere Schwierigkeiten, den »Pfeil« und Leichter unter Land zu bringen, boten sich nicht mehr; bald lagen auch die Fahrzeuge durch ihre Anker wohl befestigt am Ufer. Nachdem wir darauf die steile Uferwand erklommen hatten, suchten wir uns oben einen Platz zum Nachtquartier. Eine weite Grasfläche, im Hintergrunde Busch und Baum und 6-8 Fuß hohe Termitenhügel, war das einzige was sich unsern Blicken darbot, sonst kein lebendes Wesen im weiten Umkreise sichtbar. Das etwa mannshohe Gras verhinderte auch, genügende Umschau zu halten, und erst am nächsten Tage erfuhren wir, daß eine kleine Strecke flußaufwärts, verdeckt durch den nächsten Urbusch, das Dorf Ntoboa liege.
Es war in der glühenden Sonne eine heiße Tagesarbeit gewesen, die hinter uns lag, dennoch, bis zur sinkenden Nacht, mußten die von den englischen Schiffen weit über die Untiefe geschleppten Sektionsboote herangeschleppt werden, und die Bootsführer, Proviantmeister Illich und Sergeant Bauer, hatten vollauf zu thun, den ihnen zugegangenen Befehl, die Boote zum Lagerplatz zu bringen, auszuführen.
Die Erbauung eines großen Lagers an diesem Orte wollte Major Wißmann den Umständen anheim stellen und erst nach Rücksprache mit den englischen Schiffsführern eine Rekognoszirungstour bis Misongwe unternehmen, die ihm über die Wasserverhältnisse des Flusses weiter oberhalb Aufschluß geben sollte. Auch sollte der nächste Tag erst entscheiden, was gethan werden müßte, nachdem nochmals ein letzter Versuch gemacht wäre, und ob wir denn wirklich vor diesem Hinderniß Halt machen müßten und es absolut keine Möglichkeit gäbe, durchzudringen. Wie vorauszusehen, mißlang ein erneuter Versuch abermals; die unternommene Tour flußaufwärts ergab ebenfalls ein negatives Resultat -- so den Verhältnissen Rechnung tragend, beschloß der Major nach seiner Rückkehr, diesen Ort, den ich inzwischen hatte säubern lassen, als Stapelplatz beizubehalten.
Die Leitung und Aufsicht der hier vorzunehmenden Arbeiten sowie der Befehl über die ganze Mannschaft wurde mir übertragen, weil der Major beabsichtigte, nach Chinde zurückzukehren und den nächsten Transport abermals zu leiten. Seine Anwesenheit war dort auch nothwendiger als hier, da in Chinde fast das ganze Personal der Expedition noch des Aufbruchs harrte.
Zunächst nun galt es, da wir die schwere Ladung des Leichters, bestehend zum Theil aus der zerlegten Feldbahn, nicht den steilen Abhang hinauf schaffen konnten, das Ufer abzutragen und etwa 5 Fuß über der Wasserlinie eine Art Plattform herzurichten, worauf das Material gelagert werden konnte; Sachen, als Proviant und Schiffsinventar, wurden ganz hinaufgeschafft, um sie besser unter Aufsicht zu haben. Bei den sofort in Angriff genommenen Erdarbeiten stießen unsere Leute unvermuthet auf gefährliche Schlangen, die unter den Wurzeln kleiner Sträucher oder in Löchern ihren Aufenthalt hatten. Es stellte sich heraus, daß wir es mit einer Art der sehr giftigen Kreuzotter zu thun haben und mehrfach wurden 60-70 +cm+ lange Thiere getödtet; war diesen Schlangen wegen ihrer Gefährlichkeit nicht anders beizukommen, wurde dem Reptil durch einen Schrotschuß der Kopf zerschmettert. Kleinere, d. h. junge Schlangen dieser Art, fast immer in Gemeinschaft mit den Alten aufgefunden, konnten wir mit Spaten und Hacken leichter erlegen. Uebrigens war gegen den gefährlichen und nicht selten tödtlichen Biß dieser Kreuzottern große Vorsicht von Nöthen, daher ließ ich es nie zu, daß die zu Erdarbeiten kommandirten Leute mit bloßen Füßen umherliefen; die Gefahr, gebissen zu werden, war zu groß und ärztliche Hülfe unerreichbar.
Als einen sehr günstigen Umstand konnten wir die Zutraulichkeit der Eingebornen betrachten, selbst die Häuptlinge erschienen im Lager und wurden stets reichlich beschenkt entlassen. Der Vortheil lag dabei auf unserer Seite; denn wie kostspielig hätte die Heranschaffung von Proviant für so viele Leute wohl werden müssen, wenn wir nicht gegen Zeug und Perlen hätten Lebensmittel eintauschen können. Als später die ganze Expedition hier versammelt war, kamen sogar weit im Inlande ansässige Portugiesen, angelockt durch eventuellen Verdienst, um mit uns Handelsgeschäfte zu machen.
Während der beiden Tage, an welchen in rastloser Arbeit das Entlöschen der Fahrzeuge bewerkstelligt wurde, konnte an dem Ausbau des Lagers nicht gedacht werden, und, um nur Schutz zu finden, hatten die Soldaten sich, zu je zwei, aus Baumzweigen und Gras provisorische Hütten erbaut; auf beschränktem Raum vertheilt, boten diese den Anblick eines Karawanendorfes.
Die Abreise des Majors war auf Sonntag, den 24. in der Frühe, festgesetzt, indes das geplante Heben des »Pfeil« zwischen Leichter und Boot verzögerte diese bedeutend; es gelang auch den Dampfer um 6 Zoll höher zu winden, was zwar ein Passiren der Untiefe bei Schupanga möglich machte, sonst aber von keinem wesentlichen Vortheil gewesen ist.
Im Vergleich zu dem mühsamen Vordringen gegen Strom und Hindernisse, ging die Rückfahrt sehr schnell von statten, bald waren Dampfer und Boote unsern Blicken entschwunden, da die Windungen des Flußes jede Fernsicht raubten.
Zurückgekehrt zum Lager trat nun an mich die ernste Pflicht heran, nach bestem Wissen und Können, wie der mir gewordene Befehl lautete, ein Lager zu erbauen, speziell aber darauf zu achten, daß die täglichen Exerzitien, wie sie das Reglement vorschrieb, ausgeführt werden; die Handhabung strenger Disziplin ist die Garantie des Erfolges. Unter meinem Befehl waren 67 Mann und drei Europäer gestellt, eine beträchtliche Zahl, wenn diese in ihrer Gesammtheit als Arbeitskraft hätte Verwendung finden können; allein Hauptzweck waren militärische Uebungen, nach diesen kamen erst täglich einige Stunden Arbeitszeit in Frage. Und zieht man die glühend heiße Sonne in Betracht, die vom wolkenlosen Himmel sengend niederbrennt, Körper und Geist erschlafft, mußte die Zeit ausgenutzt werden, sollte das Werk gethan sein.
Die nächste Aufgabe war, Stellen, wo ich Wohn- und Wachhäuser zu bauen gedachte, von dem hohen schilfartigen Grase reinigen zu lassen, auch mußte schleunigst ein Exerzierplatz geschaffen werden, der den übenden Soldaten freie Bewegung gestattete; denn es war in der That in weitem Umkreis nichts als Baum, Busch und Gras. Diese Grasmassen übrigens auszuroden, war keine Kleinigkeit, als mir indes diese Arbeit zu langsam von statten ging, ließ ich mit Faschinenmesser große Flächen niederhauen, dann das in glühender Sonne bald getrocknete Gras in Brand setzen und die Feuersgluth vernichtete unglaublich schnell, wozu sonst viele fleißige Hände Tage lang gebraucht hätten. Oefter zwar vom Winde angefacht, waren wir nicht im Stande, der Feuersgluth eine Grenze zu setzen, trockene Halme und Laub, welches in Massen unter den Bäumen angehäuft lag, wurde ein Raub der Flammen. Soviel Vortheil hatten wir aber doch davon, hatten wir im Busch mit Messer und Axt nicht vordringen können, konnten wir es nach solchem Brande weit bequemer, und wurden auch längst abgeerntete Mtamafelder mit vernichtet, so konnten wir es leider nicht ändern; der Schaden war auf unserer Seite, insofern wir das benöthigte Rohr aus größerer Entfernung herholen mußten.
Mit dem Niederbrennen des Grases im Lager und nächster Nähe war die Arbeit nicht gethan, im Gegentheil, die Vernichtung schaffte dem jungen Nachwuchs nur Luft und überaus reichlich sproßen, namentlich nach einem Regenschauer, die neuen Keime empor. Es mußten daher die tief im Boden sitzenden Graswurzeln ausgerodet werden, um dem Wachsthum Einhalt zu thun. Da ich nun nicht die Zeit, sowie ausreichende Kräfte zur Verfügung hatte, erbat ich mir von einem Häuptling eine Anzahl Frauen, die mit ihren Feldhacken das Terrain schnell und geschickt reinigten. Wie bei den meisten afrikanischen Völkern auf den Schultern des Weibes alle schwere und unbequeme Arbeit ruht, so war auch hier keiner der in der Nähe des Lagers träge herumliegenden Eingebornen zu dieser Arbeit trotz reichlicher Bezahlung zu bewegen.
Mir lag viel daran, bis zur Rückkehr des Majors, möglichst alle nothwendigen Häuser und Schuppen fertig gestellt zu sehen, waren doch noch reichlich über 200 Soldaten, außer den hier anwesenden, unterzubringen; jedoch, überschritt ich auch zuweilen das vorgeschriebene Reglement und sandte Abtheilungen unter Aufsicht bis weit in das Land hinein, um zum Häuserbau passende Baumstämme heranzuschaffen, so war der Ertrag doch so ungenügend, daß ich mich schließlich genöthigt sah, das hier verbliebene zweite Stationsboot auszurüsten und in die Wälder oberhalb Schupangas zu senden. Ein Arm des Zambesi, in früherer Zeit, nach den Aussagen der Eingebornen zu urtheilen, der eigentliche Fluß, führte auf der gegenüberliegenden Seite weit in das Land hinein, und für Boote noch befahrbar, konnte der große Waldbestand leicht erreicht werden.
Zur Abschließung und Einfriedigung des Lagers benutzte ich das bereits erwähnte Mtamarohr; dasselbe wurde in Furchen aufrechtstehend eingegraben, durch querliegende Stengel dann verbunden, erlangte solcher Zaun genügende Festigkeit; nur einen Eingang ließ ich, der von einem Posten unter Gewehr bewacht wurde, so war eine Kontrolle der ein- und auspassirenden Leute möglich. Die nächste Umgebung des Lagers wurde, so weit es angängig, so rasirt, daß ungesehen sich schwerlich jemand dem Lager nähern konnte.
Die Aktivität der Soldaten wurde des öfteren durch nächtlichen Alarm geprüft, was hier freilich nur eine Uebung war; wie oft aber mußten sie später unter Major von Wißmanns Führung ernste, schwere Kämpfe durchmachen. Auch ein Theil der jetzt unter meinem Kommando stehenden mußten in schwerer Zeit mit mir ausharren und blutigen Kampf bestehen, namentlich die Sudanesen.
Gelang es mir auch nicht ganz, in der gedachten Weise das Lager fertig zu stellen, was einzig seine Schwierigkeit in der Heranschaffung des benöthigten Bauholzes hatte, so war doch alles zur Aufnahme und Unterbringung des nächsten Transportes bereit. Eine regelrechte Treppe zum Fluße gebaut, erleichterte den Aufstieg, in der Front am Ufer fanden Zelte und Proviantschuppen ihren Platz und im Hintergrunde lagen die langen Wohnhäuser der Soldaten. In der Mitte war ein großer freier Platz geblieben, der zunächst als Exerzierplatz Anwendung fand, bis später außerhalb des Lagers ein besserer geschaffen wurde.
Die Termitenhügel, von denen im Lager sechs vorhanden waren, hatte ich vorläufig noch unberührt gelassen, einestheils weil sich der Bau dieser kleinen Thierchen, aus einer festen, harten Thonmasse bestehend, für Hacke und Pickaxt zu fest erwiesen hatte, anderntheils weil alle Hügel, entsprechend ihrer Höhe, in der Basis den gleichen Durchmesser hatten, woraus man schließen kann, daß es angestrengter Arbeit bedurft hätte, solch einen Bau dem Erdboden gleich zu machen. Um das wunderbare Treiben dieser etwa einen Zentimeter langen Ameisen besser zu beobachten, deckte ich die Kuppe eines oder mehrerer Hügel mit Axtschlägen so ab, daß alle bis in die Spitze führenden Gänge frei lagen, während aber die Thonmasse selbst hart und fest blieb, waren die Wandungen der Gänge feucht und weich. Sobald Licht und Luft zum Bau Zutritt fanden, zogen sich die in den Gängen arbeitenden Thiere zurück; war durch das Freilegen eine Brutkammer geöffnet worden, scheuten die Arbeiter keine Gefahr, sondern waren nur darauf bedacht, die jungen Ameisen oder Eier schleunigst in Sicherheit zu bringen.