Die deutsche Dampfer-Expedition zum Nyassa-See.

Part 3

Chapter 33,567 wordsPublic domain

Auch Krokodile, verborgen im Schilf oder im Blattgewirr der Lianen, die in träger Ruhe dicht am Ufer sich sonnten, wurden durch die Annäherung der Boote aufgescheucht; oft machte uns erst der Ruf unserer Leute »mamba« auf solchen gefährlichen Gesellen aufmerksam, der schnell die Wasserfluth durchschnitt und in die Tiefe verschwand.

Die Schatten der Nacht begannen schon kurz nach Sonnenuntergang sich über diese Urnatur auszubreiten, als vor uns in einer Biegung des Chindearmes das portugiesische Settlement sichtbar wurde. Weit von der Mündung des Zambesi, war hier eine verhältnißmäßig großartige Anlage geschaffen worden, deren Hauptzweck die Erbauung von Kriegsfahrzeugen ist, von denen eine Anzahl vor dieser Niederlassung zu Anker lag. (Es ist bekannt, daß die beständig wechselnden Wasserverhältnisse des Zambesi eine eigenartige Schiffskonstruktion bedingen, um auch bei niedrigstem Wasserstande noch den Fluß befahren zu können und daher hat man das Pontonsystem als das praktischste in Anwendung gebracht.)

Man könnte sagen, eine ansehnliche Flotte repräsentirt hier die portugiesische Macht, indeß von einer Aktivität derselben haben wir später auf unserem beschwerlichen Vordringen nichts bemerkt. Wüßte man nicht, daß noch weit den Schirefluß hinauf, ja bis zu den Ufern des Nyassa-Sees selbst, viel von diesem ungeheuren Gebiet in Portugals Besitz wäre, so könnte man fast meinen, Englands weitreichender Arm hätte auch hier schon die Herrschaft an sich gerissen, da nur Dampfer unter englischer Flagge diese Flüsse beherrschen.

Zwar entwickelte sich zu jener Zeit der Verkehr auf diesen Wasserstraßen erst allmählich; was aber die Entfaltung des Handels gezeitigt, war englische Energie und englisches Kapital, und ausnahmslos beherrscht heute in dieser Beziehung die englische Flagge das weite Flußgebiet. Thatenlos sehen die Portugiesen dem Gebahren der Engländer zu, denen sie in ihrem Besitz am Chindearm eine Freistatt gewährt haben; Vortheil um Vortheil, den sie freilich in all den Jahrzehnten ihrer Herrschaft nicht zu verwerthen verstanden haben, wird ihnen aus den Händen gewunden, und fast scheint es, als können sie sich nicht mehr aus ihrem Phlegma aufraffen, um der Gefahr entgegen zu treten. Was aber wohl das Hinderlichste, das ist der eingewurzelte Bureaukratengeist, der über seine Pflicht hinaus, für Fragen von so weitgehender Bedeutung, als eine Handelspolitik sie mit sich bringt, kein Verständniß hat.

Ein Beispiel reger Thatkraft, wagenden Unternehmungsgeistes, haben die Engländer hier abermals aufgestellt, sie folgten den vom Forschungsmissionar Lévingston vorgezeichneten Bahnen und faßten allmählich festen Fuß. Ihr schneller Erfolg hat auch die Thatsache bestätigt, daß, wenn erst Central-Afrika unter Kultur genommen ist, dem jungfräulichen Boden noch große Reichthümer entnommen werden können. Dieser internationalen Wasserstraße (Zambesi-Schire) aber sollten deutsches Kapital und deutsches Unternehmen nicht zu ferne bleiben; das mächtig sich entwickelnde weite Gebiet verspricht einem Konkurrenten Englands noch große Vortheile, in Handelsbeziehungen sowohl, als auch in politischer Hinsicht. Wird einst Englands starker Arm dem schwachen Portugiesen zu mächtig, wäre es gut, unserm Vetter ein Halt gebieten zu können; als berufener Konkurrent sollten wir je eher, je lieber den nothwendigen Kampf aufnehmen! Dem Portugiesen bieten wir dadurch einen starken Stützpunkt, denn sicherlich stellen sich Portugals Sympathien auf unsere Seite, und daraus ergeben sich Vortheile von selbst. Der englische Leu hält fest was er gepackt hat und seine Krallen sind scharf; vergeblich sucht sich Portugal dieses Feindes zu erwehren und dieser wird auch Portugals letzte Kolonie verschlingen, hebt Deutschland nicht den Arm zum Schutz des Schwachen. Für diese erste Nacht blieben wir vor Sombo vor Anker liegen.

Am nächsten Morgen, als zur frühen Stunde die Trompete wieder zum Aufbruch rief, ließ der Major beim Schleppen der Boote insoweit eine Aenderung nun eintreten, als letztere dicht am Heck des »Pfeil« befestigt wurden und auch der Leichter an einem kürzeren Schlepptau genommen wurde. Das gefährliche Ausgieren fand allerdings dadurch eine bedeutende Einschränkung, indeß der Arbeit am Steuer war immer noch nicht viel abgeholfen. Die Strömung, die Fluth also, zu unseren Gunsten, brachte uns schnell vorwärts und eher als wir gedacht, war der eigentliche Zambesi-Strom erreicht.

Hatte oberhalb Sombo urwaldartiger Baumwuchs beide Ufer des Chinde-Armes eingefaßt, Dorf und Hütten der Eingebornen im dunklen Grün verbergend, traten jetzt die Ufer weit zurück, bedeckt nur mit dichtem Rohrgebüsch und hohem Gras; selten nur ragte an höher liegenden Stellen die Fächerpalme über die weite Ebene hin. Ein Bild trostloser Eintönigkeit gewährt der Anblick der gelben Fluthen, die sich dem Ozean entgegenwälzen, und über welche die heiße Sonne brütete. Auf den träge dahinziehenden Wassermassen schwammen Grasinseln und Baumsträucher; den Wasservögeln ein willkommener Aufenthalt, trieben solche dem nahen Meere zu, um in der tobenden Brandung oder in der endlosen Wasserwüste zu verschwinden.

Es war um die neunte Morgenstunde, als wir den Zambesi erreicht hatten, und sofort versuchten die durch Sandbänke eingeengte Einfahrt zu passiren. Indeß alle Anstrengung war vergeblich. Der starke Strom, noch verstärkt durch die bereits eingetretene Ebbe, konnte in der schmalen Durchfahrt nicht überwunden werden und nach vergeblichen Versuchen waren wir genöthigt, an der steilen Uferwand halt zu machen. Der Aufenthalt war uns auch insofern willkommen, als wir ein wenig für Leibesnothdurft sorgen und uns Essen kochen konnten, denn vom »Pfeil« war während der Fahrt nichts zu erhalten gewesen, deshalb machten sich unsere Leute mit den Bewohnern des nächsten Dorfes schnell bekannt und veranlaßten sie, Hühner, Eier, Bataten etc. herbeizubringen. Uebrigens die strenge Manneszucht, die unter den Soldaten aufrecht erhalten wurde, war im weiteren Verlauf der Expedition ein großer Vortheil für uns; keiner wagte dem Eingebornen etwas zu nehmen, was dieser nicht freiwillig verkaufen wollte, und schon um des geringen Vortheils halber brachten die Bewohner überall, wo wir mit denselben in Verbindung traten, gerne Lebensmittel heran; denn schneller als wir vordrangen lief das Gerücht von Dorf zu Dorf, daß die fremde Expedition nicht marodire. Es scheinen also von portugiesischen Schiffsbesatzungen des öfteren Anschauungen über das Mein und Dein vorgeherrscht zu haben, die sich mit der Meinung der Eingebornen nicht in Einklang bringen ließen, daher war die Ueberraschung bei den Uferbewohnern groß, weil so viele Soldaten dem armen Neger sein geringes Hab und Gut nicht mal anrührten, viel weniger wegnahmen. Kamen wirklich Streitigkeiten vor und der Eingeborne beschwerte sich, oder ein Europäer sah, daß Unrecht geschah, so wurde allemal zu Gunsten des Negers entschieden, ja selbst bei schwereren Vergehen der Thäter hart gestraft.

Während des mehrstündigen Aufenthalts an diesem Orte machte ich auch eine Streife durch das Dorf und fand Weiber und Kinder aufs eifrigste beschäftigt, Mais und Mtamamehl herzustellen, und solches in möglichst großen Mengen gegen ein paar Kupferstücke an unsere Soldaten zu verkaufen. Was mich aber nach kurzer Umschau zu einer eingehenderen Untersuchung verleitete, waren die bekannten Töne eines grunzenden Borstenviehs. Selbstverständlich hegte ich den Wunsch, mir den Ort, von wo die verlockenden Töne herkamen, sowie die Gesellen darin etwas näher anzusehen. Verargen kann es mir wohl niemand, wenn die Hoffnung nach dem Besitze eines Schweines sich in mir regte und ich schon mit der Gewißheit rechnete, heute Abend am Lagerfeuer einen saftigen Braten für uns zubereitet zu sehen, war es doch ziemlich lange her, seit wir uns zum letzten Male an solchen Leckerbissen erfreut hatten.

Allein ich hatte mich gewaltig getäuscht und die Rechnung ohne den Besitzer vorschnell aufgestellt. Zwischen den Hütten schließlich zum primitiven Stall angelangt, der das Gesuchte enthielt, präsentirten sich mir ein großes und zwei kleine Schweine, unter welchen ich mir mit kundigem Blick, das Beste schnell aussuchte. Ahnungsvoll und um seinen seltenen Reichthum besorgt, war der Eigenthümer mir auf dem Fuße gefolgt und trat aus der Reihe der Neugierigen sofort hervor, als ich den Nächststehenden zu verstehen gab, daß ich mir eines dieser Thiere gerne mitnehmen möchte.

Der Besitzer nun, nachdem er seine Reverenz durch einen tiefen Bückling und Kratzfuß gemacht hatte (diese äußere Ergebenheit haben die Portugiesen den Eingebornen beigebracht, viel mehr nicht), erklärte, daß er keines seiner Lieblinge verkaufen wolle, es seien die einzigen im Orte und er will sie zur Zucht groß ziehen. Ich gab mir Mühe, seinen etwaigen Irrthum, er könnte bei dem Handel zu kurz kommen und darum nicht zuschlagen wolle, zu zerstreuen, ließ auch einen Dolmetscher rufen und ihm einen verlockenden Preis bieten, Zeug oder Geld, gleichviel; aber der Kunde blieb fest, obwohl er kaum jemals soviel Geld sein eigen genannt hat, als ich ihm für den Handel bot.

Die Schweinchen mußten ihm wirklich ans Herz gewachsen sein, sonst ist der Neger nicht so hartnäckig, wenn er auch lange feilscht, giebt er schließlich für einen guten Preis doch sein Eigenthum fort. Genug, ich war um einen saftigen Braten gekommen, den ich so gerne mit den Gefährten getheilt hätte.

Bis 1-1/2 Uhr Nachmittags rasteten wir an der Einfahrt zum Zambesi und versuchten darauf aufs Neue den zwar noch starken aber nicht mehr so reißenden Strom zu passiren, was uns auch nach vieler Mühe gelang. Nun zogen wir durch die schmutzig gelben Fluthen des breiten Stromes hin und sahen hinter uns für kurze Zeit noch einmal den unbegrenzten Horizont, von ferne klang es wie Wogenrauschen an unser Ohr, ein letztes Grüßen vom ewigen Meer!

Bald traten die Ufer weiter zurück; namentlich zur Linken schienen sie sich kaum merklich von der gelben Wasserfläche abzuheben und nur Schilf und mächtige Rohrgebüsche bezeichneten die Grenze. Sandbänke, die wie Inseln zerstreut lagen, engten die Fahrstraße ein, was zur Folge hatte, daß wir zeitweise gegen starken Strom und Strudel ankämpfen mußten. Es erforderte eine besondere Kenntniß, zwischen den Untiefen hindurch den richtigen Weg zu finden, war doch auf der weiten Wasserfläche nichts, was einen Anhalt gab, und meinte man, wo schnell fließender Strom sei auch genügende Tiefe zu finden, war das Gegentheil der Fall. So lange wir den Anweisungen unseres Lootsen folgten, hatten wir nur einige Male uns durch Rückwärtsgehen von Wellsand frei zu machen oder mit voller Dampfkraft hindurch zu arbeiten; indeß als einmal ein größerer Umweg erspart werden sollte, den der Lootse für rathsam hielt doch zu machen, hatten wir unser Besserwissen fast theuer zu zahlen.

Wir hatten nämlich den Leichter dicht hinter dem »Pfeil« an zwei Leinen so befestigt, daß dieser nicht ausgieren, aber auch nicht ausweichen konnte, als nun der Dampfer mit voller Kraft auf eine Untiefe auffuhr, schossen alle Boote so aufeinander, daß das Vordertheil des Leichters in das Heck des Dampfers fuhr und eine starke Verbiegung die Folge war, das große Stahlboot dagegen dem Leichter ins Hintertheil lief und diesem eine nicht geringe Beschädigung beibrachte. Zum Glück waren die Eisenplatten so elastisch und die Verschraubung so gut, daß unter der Wasserlinie keine Leckage entstanden war und wir nach halbstündiger Arbeit unsern Weg fortzusetzen vermochten. Je weiter wir vordrangen, je belebter wurde ringsum die Wasserfläche; auf stromabwärts treibenden Sträuchern oder Grasflächen saßen weiße und schwarze Fischreiher verborgen, die mit scharfem Auge nach Beute spähten. Fast nie von Menschen gejagt oder belästigt, kennen diese Thiere keine Furcht, kaum daß der Knall des Gewehres sie aus ihrer Ruhe aufscheuchte.

Fast auf jeder Sandbank, möglichst nahe dem Wasser, konnten wir vereinzelte Krokodile in träger Ruhe liegen sehen, die bei der Annäherung unserer Boote langsam in das nasse Element verschwanden. Auffällig aber war, daß diese Thiere, wenn sie sich in der Mitte einer Sandbank befanden, vorsichtig zum Wasser krochen, um, sobald sie Gefahr witterten, oder eine Kugel in ihrer Nähe einschlug, sich mit der Kraft ihres Schwanzes in das Wasser zu schleudern; und stets entgeht das Thier dem Jäger, sofern es nicht zum Tode getroffen auf dem Flecke liegen bleibt.

Nicht minder suchen die kolossalen Flußpferde die trockenen Stellen im Strombette auf, um sich im heißen Sande der süßen ungestörten Ruhe zu überlassen, bis die Nacht herniedersinkt und sie die Wanderung in die weiten Grasgefilde antreten, wo sie große Massen des saftigen Grüns verzehren. Sehr gesellig, lieben es die Flußpferde sich in größerer Zahl, meistens in Familien getheilt, bei einander aufzuhalten. Mit großer Sorgfalt hegt auch die Mutter das Junge, auf deren Rücken dieses seinen ständigen Aufenthalt hat; ob im Wasser schwimmend oder in der Nacht zur Weide trabend, immer wird das Kleine mit den verhältnißmäßig sehr kurzen und plumpen Beinen am Halse der Mutter sitzen, die ihr Junges stets gegen jeden Feind mit großem Muth vertheidigt. Ernste Renkontre mit den Flußpferden haben mich die Eigenart dieser Thiergattung kennen gelehrt, und im Laufe der Erzählung werde ich verschiedentlich darauf zurückkommen.

Zuweilen führte uns unser Weg nahe dem Ufer zur linken Seite; und hatten wir hin und wieder schon einzelne Schaaren großer Vögel passirt, so nahmen solche an Orten, wo das Ufer ganz flach auch zum Theil mit Wasser ganz bedeckt war, beträchtlich zu. Man könnte sagen, wie aufmarschirte Bataillone standen langbeinige Reiher, weiß und schwarz, rosa Flamingos, Kranicharten, unbeweglich am Rande des tieferen Wassers und warteten mit stoischer Ruhe auf ihre Beute. Näherten wir uns den Schaaren, stimmen diese ein lebhaftes Konzert an, und die meisten der Thiere erhoben die gewaltigen Flügel, um solche durch Flattern mit Luft zu füllen. Aber erst einschlagende Kugeln zwangen sie, sich in die Lüfte zu erheben und einer schwarzen Wolke gleich, flatterten die Hunderte mächtiger Vögel empor. Jede Art für sich, kreisten sie dann kurze Zeit, um sich am selben Orte, oder, wenn das Ufer ober- und unterhalb gleich günstig war, in kurzer Entfernung wieder nieder zu lassen.

Mit Schrot waren der zu großen Entfernung halber die eßbaren Vogelarten, als Gänse, Enten nicht erreichbar; eine Kugel in solche Schaaren geschossen, meist zwecklos; wollten wir aber, wenn sich eine günstige Gelegenheit bot, den Thieren nahe genug kommen, um einige zu erlegen, so hätte es größeren Aufenthalt erfordert, wozu uns die eigenartige Beschaffenheit des Flusses, dem wir unsere ganze Aufmerksamkeit zuwenden mußten, keine Zeit ließ. Ist hinter Berg und Wald der letzte Strahl der scheidenden Sonne entschwunden, kommt in den Tropen schnell die Nacht herauf, daher hatten wir auch bei Zeiten uns nach einer günstigen Anlegestelle umzusehen, und an einer öden Grasfläche des niedrigeren Ufers zu unserer Rechten gelang es, die Boote anzulegen.

Nach gethaner Arbeit entfaltete sich darauf am Ufer ein bunt bewegtes Leben; Zelte wurden aufgerichtet, Grasflächen mit Faschinenmesser niedergemäht, alles Nothwendige für die Nacht aus den Booten herbeigeschafft, und nicht eher hatte das Hin- und Herrennen ein Ende, als bis die Lagerfeuer angezündet und jeder mit der Zubereitung des frugalen Abendessens beschäftigt war.

Meistens, um den unvermeidlichen Trubel zu entgehen, zog der Major späterhin es vor, sofort nach erfolgter Landung eine Jagdstreife zu unternehmen; kehrte er zurück, mußte inzwischen das Lager für die Nacht hergerichtet, Posten ausgestellt und das Abendessen bereitet sein.

Der Umstand, daß hier noch starke Ebbe und Fluth bemerkbar war, erforderte in dieser Nacht strenge Aufsicht bei dem Leichter und den Booten, damit diese sich nicht bei fallendem Wasser auf dem abschüssigen Grunde auffingen. Aber so klar und deutlich auch die Posten instruirt worden waren, so saßen die Boote gegen Mitternacht doch alle fest, und was bei geringer Achtsamkeit mit wenigen Leuten hätte ausgeführt werden können, durch Abschieben vom Ufer mittelst Stangen die Fahrzeuge frei zu halten, erforderte nun, nachdem ich mich bei einem Rundgange von der Unachtsamkeit überzeugt hatte, die Anstrengung aller unserer Bacharias. Die Leute mußten schließlich in das Wasser und so, gegen Grund und Bord sich stemmend, die Boote wieder flott machen.

Das rapide ablaufende Wasser machte es nöthig, daß während des Restes dieser Nacht Europäer die Wache übernahmen und auf ein fortwährendes Abbäumen vom Ufer acht geben mußten.

Die frühe Morgenstunde, als die Trompete zum Aufbruch rief, fand fast alle müde und ermattet; nach solcher Nacht war es kein Wunder, daß wir uns abgespannt und marode fühlten, konnte doch keiner sagen von denen, die im Freien hatten wachen müssen, ihm wäre behaglich zu Muthe gewesen. Empfindlicher noch war das Entbehrenmüssen des warmen Kaffees, der wenigstens die Lebensgeister etwas aufgefrischt hätte, aber Gras und Holz vom starken Regen durchnäßt, wollten absolut nicht brennen und Zeit zu neuen Versuchen hatten unsere Diener nicht, denn sobald das Zelt des Majors zusammengelegt worden war, mußte auch alles zur Abfahrt bereit sein.

Die schlechten Wasserverhältnisse auf dem Zambesi hatten uns gelehrt, vorsichtig zu sein, und um nicht wieder durch plötzliches Aufgrundfahren unsere Boote zu gefährden, wurden sie nun dicht am Hintertheil des »Pfeil« befestigt; ebenso um ein Zusammengieren der Fahrzeuge zu verhindern, wurden sie mittelst starker Ruder in einem bestimmten Abstand von einander gehalten.

Auf dem Flusse lagerten anfänglich leichte Nebel, die zwar nicht dicht genug, um uns an der Weiterfahrt zu hindern, aber doch die Fernsicht beschränkten, und mit größerer Vorsicht suchten wir zwischen Sandbänken oder längs dem Ufer uns den Weg. Mühselig war das Vordringen; bald saß der »Pfeil« auf einer Bank fest und arbeitete sich Volldampf rück- oder vorwärts darüber hinweg, bald fuhr er dicht unter dem steilen Ufer gegen eine starke Strömung mit seiner Last, und unausgesetzt war die größte Achtsamkeit erforderlich. Die hohen Ufer boten in ihrer Eintönigkeit nichts besonderes dar, nur hohes Rohr und Gras, seltener Baum und Strauch unterbrachen das Einerlei der öden Landstrecken, dafür aber war diese Oede desto belebter durch die verschiedensten Thierarten, und je weiter wir vordrangen, desto mannigfaltiger entfaltete sich die überreiche Fauna Central-Afrikas.

Es war um die Mittagsstunde des 16. Juli, als wir von ferne auf einer größeren Sandbank im Flusse eine beträchtliche Anzahl Flußpferde erblickten, die trotz unserer Annäherung keine Anstalten trafen, ihren bequemen Ruheplatz zu verlassen, ebenso lagerten große Krokodile in friedlicher Gemeinschaft mit diesen Kolossen am Rande des Wassers und schienen ebensowenig Lust zu haben, den wohlthuenden heißen Sonnenstrahl mit dem kälteren Wasser zu vertauschen.

Die Ruhe dieser Thiere bewog den Major, in der Nähe der Sandbank halten zu lassen und eine Art Kesseltreiben zu veranstalten; denn soweit vorauszusehen war, konnten wenigstens die Flußpferde nur über flacheres Wasser entkommen und waren vorerst den sicheren Kugeln preisgegeben. Mit dem kleinen Stahlboot landete der Major und begann ein wirkungsvolles Feuer auf jedes der Thiere, das seinen Kopf, vor Wuth brüllend, über dem Wasser erhob.

Allein die Klugheit dieser Flußpferde hatten wir doch unterschätzt; einen tieferen, wenn auch nur schmalen Ausgang hatten sie sich zum Entkommen freigehalten, und unter dem Boote weg, entzogen sie sich der Verfolgung. Zwar war der Major überzeugt, daß mindestens eins der Thiere nach kurzer Zeit eingehen würde, dann aber hätten wir im leichten Boot der Heerde flußabwärts folgen und drei Stunden warten müssen, um des nach dieser Zeit an die Oberfläche kommende Flußpferd habhaft zu werden.

Die Hoffnung, durch Erlangung eines der Kolosse, dem gänzlichen Mangel an Fleisch, namentlich zu Gunsten unserer Leute, abzuhelfen, war eine irrige gewesen, selbst wir Europäer würden schwerlich ein saftiges Stück verschmäht haben. Solch ein Kiboko ist für den Neger eine besondere Delikatesse, und würden in Gegenden, wo diese Flußpferde für die Ansiedelungen der Einwohner eine große Plage sind, den Eingebornen gute Waffen zur Verfügung stehen, die Verminderung dieser Thiergattung würde schnell vor sich gehen.

Sehr gerne würden die Soldaten mit einem »Mamba« (Krokodil) vorlieb genommen haben, wenn sie ein solches am Lagerfeuer unter sich hätten vertheilen können, und wo immer die Möglichkeit vorlag, eines dieser Unholde zur Strecke zu bringen, wurde dem geäußerten Wunsche der Leute entsprochen, allein es wollte nicht gelingen, selbst durch vortreffliche Kopfschüsse diese gewaltigen Thiere auf der Stelle zu tödten. Uebrigens ist dem Krokodil von der Vorsehung auch ein bestimmter Posten angewiesen worden, nämlich insofern, als es als Revierpolizei die Flüsse von allem Unrath reinigt; seine Gefräßigkeit ist derart, daß es mit allem vorlieb nimmt, todtes oder lebendes Gethier, namentlich den Fischen ist es ein gefährlicher Gegner und man kann stets auf Fischreichthum schließen, wo das Krokodil in größerer Anzahl sich aufhält.

Suchte das oft 5 bis 6 Meter große Thier seine Nahrung nur in den Flüssen, würde es nicht so gefürchtet sein; es weiß indeß mit Arglist das harmlose zur Tränke kommende Wild, sowie sehr häufig den Menschen zu beschleichen. Häufig, wenn das Krokodil seine Beute nicht mit den Zähnen fassen kann, was der Fall ist, wenn das Wasser am Ufer zu tief, so daß es mit den Füßen keinen Stützpunkt finden kann, schlägt es unerwartet mit dem Schwanze Mensch oder Thier vom Ufer und verschwindet mit ihm in die Tiefe. Welch ein Kampf um solche Beute dann zwischen den Räubern vor sich geht, kann man wohl kaum ahnen.

Noch hatten wir zwar keine trüben Erfahrungen gemacht, jedoch sollten uns solche im Laufe der Zeit auch nicht erspart bleiben; Ursache genug, diesem gefährlichen Räuber nach Möglichkeit den Krieg zu erklären, hatten wir, ohne auch daß ein direkter Verlust uns betroffen hätte. Wer einmal das Jammergeschrei der Eingebornen, denen der Unhold ein Kind oder Angehörige weggeraubt, mit angehört hat, legt mit besonderer Genugthuung die Büchse an, um einem solchen das Lebenslicht auszublasen.

Die Wahrnehmung, daß wir aus dem Bereich der Ebbe und Fluth gekommen waren, ließ uns der nächsten Nacht zufriedener entgegensehen und, als wir bis Nachmittag 4-1/2 Uhr, nach manchem unliebsamen Aufenthalt, gedampft, legten wir oberhalb vom Orte Inhamcombe (wie der Lootse diese Gegend bezeichnete) an. Bisher hatten wir nur öde von der heißen Sonne ausgedörrte Gras- und Rohrflächen passirt, nun aber schien es, als sollten wir bald wieder Dörfer und Menschen ansichtig werden; wenigstens sicherte uns der kundige Lootse die Erlangung von frischem Proviant zu, wenn er zum Einkauf ausgesandten Leuten als Führer dienen würde.

Recht wohlthuend und allen willkommen war die erste angenehme Nachtruhe, welche uns seit der Abreise von Chinde beschieden war, desto mehr nutzte sie ein Jeder aus, hatten doch alle bereits die Ueberzeugung gewonnen, daß wir die Fahrt auf dem Zambesi auch fernerhin nicht als eine Lusttour würden betrachten können, sondern ernste Arbeit, die viel Geduld und Aufopferung erforderte, unser beständiges Loos sein würde.

Fraglos war die feste Energie unseres Führers, der nur ein Vorwärts kannte, der beste Stützpunkt, lehrte er uns doch im Kampfe mit den Widerwärtigkeiten und Hindernissen durch sein Beispiel fest auf die eigene Kraft zu vertrauen; Besonnenheit und schneller Entschluß im Handeln wurden die Triebfeder zur großen That.