Die deutsche Dampfer-Expedition zum Nyassa-See.

Part 2

Chapter 23,432 wordsPublic domain

Noch in rastloser Arbeit mit dem Aufbau der Bahn beschäftigt, im Vertrauen auf die vom Major abgegebene Zusicherung, wir würden bald nach der Vollendung aufbrechen können, traf am 12. September in Saadani die unglaubliche Nachricht ein, es sei die Kerntruppe, das zelefkische Korps, von den Wahehe vollständig vernichtet worden; die besten Kolonialtruppen, die tüchtigsten Offiziere, die unter Major von Wißmann so rühmlich gekämpft hatten, mitsammt ihrem erfahrenen Führer waren der Uebermacht erbitterter Feinde erlegen. Als kein Zweifel mehr blieb und diese traurige Nachricht durch immer genauere Angaben bestätigt wurde, da war es kein Wunder, daß die Annahme, diese große Niederlage könnte noch Schlimmeres im Gefolge haben, die weiteste Verbreitung fand und daß zunächst die zum Aufbruch bereite Dampfer-Expedition auf ihrem Wege zum Innern ernstlich gefährdet sein würde. Bedenken schwerwiegender Art mußten die Entschlüsse des Majors beeinflussen oder zu nichte machen, wenn ihm die Sicherung seiner Expedition nicht durch eine genügende Schutztruppe garantirt werden konnte und daß dies unmöglich war, lag auf der Hand, da dem Gouverneur von Soden unter solchen Verhältnissen eine Schwächung der Küstenbesatzung nicht zuzumuthen war. Hätte es indeß sein können, so würden den übermüthigen Wahehe sehr bald die Früchte ihres Sieges entrissen, unter Führung Wißmanns die Niederlage gerächt und die aufständigen Häuptlinge zur Unterwerfung gezwungen worden sein.

Leider nur zu bald sollten die schlimmen Folgen für die Expedition sich bemerkbar machen, denn Major von Wißmann stellte die Wahrscheinlichkeit in Aussicht, er würde jedenfalls sich genöthigt sehen müssen, seine Expedition aufzulösen und solche zu einer ruhigeren Zeit zur Durchführung zu bringen. Da indes noch nicht all und jede Aussicht geschwunden sei, die Möglichkeit, vielleicht doch noch aufbrechen zu können, vorhanden wäre, so ermahnte der Major das Personal, die Arbeiten an der Feldbahn völlig zu beenden; liege es im Bereiche seiner Macht, brechen wir unter allen Umständen auf. So ging denn alles seinen ruhigen Gang bis plötzlich am 23. September vom Major der Befehl aus Sansibar einlief, die Expedition sei aufgelöst! Es haben sich demzufolge sämmtliche zum Schiffspersonal gehörende Mitglieder am 25. September nach Sansibar zu begeben, um mit dem nächsten Dampfer in die Heimath befördert zu werden. Das war das Ende der stolzen Expedition, auf die die Welt mit Erwartung gesehen hatte, und das große Werk blieb unvollendet. Noch hatte kein Einziger bewiesen, was er zu leisten fähig ist, würde es auch fernerhin nicht können, da das Aufgeben der Expedition für fast alle die Möglichkeit ausschloß, sich dem großen Unternehmen zu widmen, wenn es durch die Energie des Majors v. Wißmann später doch noch zur Ausführung kommen sollte.

Die eigentliche Lage, in welcher die junge deutsche Kolonie durch die schwer zu verwindende Niederlage versetzt worden war, hatte also zunächst die Auflösung der Wißmann-Expedition zur Folge und konnte man auch erwarten, Major von Wißmann werde trotz aller Widerwärtigkeiten sie zur Durchführung bringen, so war doch eine Unterbrechung von 8-9 Monaten durch die bald eintretende große Regenzeit geboten. Hätte selbst die Anwerbung einer genügenden Militärmacht sofort ausgeführt werden können, wäre dennoch viel Zeit verloren gegangen, die schweren Regengüsse und die schlechten Wege hätten die Ausführung verhindert.

Die Dampfer-Expedition des Major von Wißmann, das sich der Vollendung nähernde Projekt des Dr. Peters, hatten sehr bald gezeigt, daß zur Durchführung so gewaltiger Aufgaben die vorhandenen Geldsummen bei weitem nicht ausreichten, und während wir eigentlich thatenlos an der ostafrikanischen Küste gelegen, hatte sich zur Beschaffung so bedeutender Mittel im deutschen Reiche das Anti-Sklaverei-Komitee gebildet, zu dem Zwecke, durch eine große Lotterie die benöthigten Summen zu erlangen. Die Unterdrückung der Sklaverei an der Küste sowohl, wie im Innern Afrikas, war der Grundgedanke und das nächste dazu, die Ueberführung der beiden Dampfer nach dem großen Seengebiet, deren Bestimmung es sein sollte, dem schmachvollen Gewerbe der Araber Einhalt zu thun.

Von der Ansicht ausgehend, die beiden Dampfer nun nicht, wie anfänglich geplant, nach dem Viktoria-Nyanza zu schaffen, weil ~ein~ solches Machtobjekt auf diesem See vollständig genügte, wurde mit Major von Wißmann, der in Egypten weilte, in Unterhandlung getreten, ob er nicht sein Fahrzeug nach dem Nyassa- resp. Tanganjika-See bringen wolle, während der Peters-Dampfer seiner anfänglichen Bestimmung zugeführt werden sollte. Dies schien um so eher geboten, als dann auf zwei Punkten im deutschen Gebiet dem Unwesen der Araber entgegen getreten werden konnte.

Major von Wißmann erklärte sich auch mit diesem Projekt einverstanden und wählte den ihm bekannten Wasserweg Zambesi-Schire, mit der festen Absicht, seinen Dampfer nach dem Tanganjika-See zu bringen und dort zu erbauen.

Man konnte um so mehr dieser praktischen Idee, nach Möglichkeit den Wasserweg zu benutzen, zustimmen, als sicher zu erwarten war, daß mit geeigneten Mitteln der große Schiffstransport leichter und schneller gefördert werden würde, allerdings müßte dann auch die geeignete Zeit, in welcher diese Flüsse genügende Wassertiefe hatten, nicht versäumt werden. Zur erfolgreichen Durchführung waren, neben den zwei der Expedition zugehörenden großen Sektionsboote, noch vier Stahlleichter und ein Schleppdampfer als für nöthig erachtet worden, deren Fertigstellung sich leider verzögerte, was für den Fortgang der Expedition später recht nachtheilige Folgen hatte.

Seit der Zeit, als ich die in Ostafrika weilenden Mitglieder der Expedition im Auftrage des Majors nach Deutschland zurückgeführt hatte, waren etwas mehr als sechs Monate hingegangen, in diesem Zeitraum also vollzog sich die Durchführung des neuen Planes, die Wißmann-Expedition jetzt zum Tanganjika-See zu leiten. Am 11. April 1892 erging an mich die Ordre, mich unverzüglich Herrn Dr. Bumiller in Hamburg zur Verfügung zu stellen und die Anwerbung einer neuen Mannschaft, nach Uebereinkommen in Stettin vorzunehmen. Da zur Auswahl geeigneter Leute mir nur eine beschränkte Zeit gegeben wurde, so war es um so schwieriger, praktische Leute zu finden, denn außer der Fachkenntniß, mußte vor allem die Körperkonstitution des Einzelnen in Betracht gezogen werden; die Garantie mußte vorhanden sein, daß der Ausgewählte, zum Mindesten unter normalen Verhältnissen, allen Strapazen und dem Klima Afrikas gewachsen sei. Die Anwerbung beruhte im Grunde genommen mehr auf Menschenkenntniß, deshalb zog ich sympathische Erscheinungen vor, sofern sie nur den gestellten Bedingungen gerecht werden konnten, mußte ich doch die Thatsache im Auge behalten, daß für lange Zeit gemeinsame ernste Arbeit alle vereinigen und unliebsame Charaktere nur ein störendes Element abgeben würden. Meistens gediente Soldaten, schreckte keiner vor Gefahr und Schwierigkeiten zurück und die Folgezeit hat gezeigt, daß zum großen Theil tüchtige und zuverlässige Leute dieser Expedition sich angeschlossen haben.

Zur festgesetzten Zeit, am 27. April 1892, verließ der Postdampfer »Kaiser« mit den Mitgliedern der Expedition, den in einzelne Theile zerlegten Leichtern, sowie dem Schleppdampfer »Pfeil«, der vollständig ausgerüstet an Deck gehißt worden war, Hamburg, und über Amsterdam, Lissabon und Neapel verlief die Reise nach Sansibar schnell und gut.

Major von Wißmann, der schon längere Zeit vor Ankunft des Postdampfers in Ostafrika weilte, hatte für ein schnelles Vorgehen seiner Expedition Sorge getragen, sodaß nach unserer Ankunft in Sansibar der Küstendampfer »Peters« schon bereit lag, alle Gegenstände überzunehmen, auch war derselbe bestimmt worden, das ganze Schiff- und Eisenbahnmaterial, welches seiner Zeit in Saadani untergebracht wurde, abzuholen und nach Chinde zu bringen. Die Verladung des Materials von Land in die am Strande liegenden Dhaus leitete Herr von Eltz und Illich, während ich beauftragt worden war, die Entlöschung der Dhaus und die Verstauung aller Sachen in den »Peters« vorzunehmen und zu beaufsichtigen. Kaum vorher ist solche Thätigkeit bei der Expedition entfaltet worden wie in diesen Tagen und als die Arbeit vollendet war, wußte ein Jeder, daß er sein Möglichstes gethan hatte, die endlich vorwärts gehende Expedition zu fördern. Die Abfahrt des Dampfers »Peters« erfolgte am 12. resp. 13. Juni von Saadani-Sansibar, die Ankunft in Quilimane, welchen Ort der Major anfänglich als den Ausgangspunkt der Expedition bestimmt hatte, neun Tage später, am 22. Juni.

Major von Wißmann, der mit dem Postdampfer »Kaiser« die Reise nach Mozambique fortsetzte, war bestrebt, hier an der portugiesisch-ostafrikanischen Küste seiner Expedition die Wege zu ebnen und suchte namentlich das Wohlwollen der maßgebenden Behörden sich zu sichern, was unerläßlich war, da der untergeordnete portugiesische Beamte genug Schwierigkeiten zu bereiten weiß. Ebenso sollte von hier aus der kleine Schleppdampfer »Pfeil« in Begleitung eines größeren Seedampfers nach Chinde übergeführt werden, was bei der hohen Dünung, die hier unter dieser Küste auch bei schönem Wetter beständig läuft, nicht ganz ungefährlich war und wirklich für die kleine Besatzung eine gefahrvolle, höchst ungemüthliche Reise geworden ist.

Nach Aeußerungen des Majors von Wißmann hat die portugiesische Regierung seiner Expedition die größtmöglichste Unterstützung zugesagt, und offen gestanden, harmonirten wir wohl mehr mit den Portugiesen als mit den Engländern, war doch deren letzthin vollführter Gewaltakt gegen die schwache portugiesische Kolonie keine besondere Empfehlung. Allein, waren portugiesische Versprechungen nur ausgetauschte Höflichkeiten, oder die Absicht thatkräftige Unterstützung nie auszuführen vorweg vorhanden, genug, die Zusicherung blieb höheren Orts nur eine persönlich ausgesprochene Gefälligkeit, weiter nichts, die Organe, denen eine Anweisung darüber hätte zugehen müssen, wußten nie etwas davon und mehr als ein freundliches Entgegenkommen haben wir von portugiesischen Beamten nicht erlangt.

Wollte man sich über Portugiesisch-Ostafrika im Allgemeinen ein Urtheil bilden, würde ein solches schon ohne eingehende Beleuchtung interner Zustände, kein Loblied werden, im Gegentheil, zieht man den Jahrhunderte langen Besitz in Betracht, müßte eine ganz andere Kultur und eine andere Entwicklung dieser Kolonie vorausgesetzt werden, deshalb kann man auch nur den Portugiesen als Kolonisten ein höchst mittelmäßiges Zeugniß ausstellen. Ein kultureller Aufschwung im Innern des Landes hätte zwar ein großes Kapital, mehr aber noch Verständniß und unbeugsame Energie erfordert, über beides jedoch verfügte Portugal nicht in solchem Maaße, um die Kolonie dem Mutterlande werthvoll zu machen. Somit unterblieb eine durchgreifende Kulturarbeit, und ob auch die Portugiesen einen ungeheuren Bezirk im Besitz haben, sind der eigentliche Ertrag nur die den Eingeborenen auferlegten Steuern und sonstigen Zölle; ob die dadurch erzielten Summen aber genügen, die Beamten und das Militär zu befriedigen, ist eine Frage. Trotz alledem, daß von seiten der Portugiesen während eines so großen Zeitraumes in Handelsbeziehungen kaum Nennenswerthes geschehen ist, haben sich doch lohnende Ausfuhrartikel gefunden und der ganze Handel ist fast im alleinigen Besitz der ansässigen Deutschen, derselbe verspricht eine Steigerung von ungeahnter Größe, wenn, was nicht denkbar ist, Portugal verständige Kolonisirung treibt, oder eine andere Nation die Nachfolge übernimmt.

Die Frage nun, welche Nation vielleicht den berechtigsten Anspruch darauf hätte, wenn Portugal seine Kolonie mal veräußern muß, würde zwischen Deutschland und England entschieden werden müssen. Eins nur ist sicher, deutsches Kapital bahnt sich dort immer mehr den Weg und wächst zu einer Macht empor, welches die deutsche Politik gegebenen Falls mit allem Nachdruck zu schützen haben wird, die Sicherstellung desselben in kommender kritischer Zeit bedeutet »Besitz«, dagegen sucht England den schwachen Portugiesen unter dem Scheine eines Rechtes und seiner gewaltigen Geldmittel immer mehr zurückzudrängen und zweifelhaft ist der Besitztitel der Portugiesen auf der Hauptader des ganzen Landes, den Zambesi-Schireflüssen, trotz ihrer daselbst stationirten Flotte.

Die Bedeutung des Wortes »Handel ist Macht« hat Portugal für seine Kolonien nie begriffen; zwar im Konkurrenzkampf der Nationen sieht es heute für sich die gewisse Niederlage kommen und unternimmt noch einen Anlauf, um sein gefährdetes Gebiet zu halten, allein ob dieses nicht das letzte Athemholen vor dem Falle ist? -- Kennzeichnend für die Zustände in der portugisischen Kolonie sind auch die häufigen Aufstände der Eingebornen, die, wenn es ihnen nicht an Entschlossenheit und guter Bewaffnung fehlen würde, mit ihrer Uebermacht gar leicht die schwachen Besatzungen zu Paaren treiben könnten, zumal der Makua-Krieger durchaus nicht zu verachten ist. Unter den jetzigen Verhältnissen hat Portugal genug zu thun die Küste zu sichern und das Innere der Kolonie bis zum Nyassa-See ist, wie seit jeher, ein +terra incognita+ geblieben.

Von Quilimane, wo der Dampfer »Peters« einige Tage Aufenthalt gemacht hatte, wurde er nach Chinde beordert, weil von dort der besseren Wasserverhältnisse wegen, die Expedition aufbrechen sollte. Auch hatte Major von Wißmann, nachdem er Quilimane als Ausgangsstation aufgegeben hatte, sofort eine Abtheilung Soldaten unter Befehl des Sergeanten Bauer dorthin entsandt, die nahe dem Flußufer an passender Stelle ein provisorisches Lager erbauen sollten, und so fanden wir, als das Expeditionsmaterial mit dem Dampfer »Peters« anlangte, schon einen einigermaßen gesicherten Platz vor, der gesäubert und mit dornigen Gesträuch eingefaßt worden war. Ein sehr reges Leben entfaltete sich nun am Strande, hunderte Hände schleppten die entlöschten Gegenstände in das Lager, andere brachten wieder von weither Baumaterial, Gras und Baumstämme, zum Schuppen und Häuserbau heran, dazu wurden Zelte errichtet, Dornhecken gelegt und um das Bild afrikanischen Lagerlebens zu vervollständigen, exerzierten Soldaten, ertönten Hornsignale.

Ein Chaos von Unordnung bot sowohl der Strand als auch das Lager, Eisentheile, Kisten, Kasten, Tauwerk etc. etc. lagerten überall her im Sande und es schien in der That schwer zu sein, aus solchem Wirrwarr klug zu werden, indeß nur vorübergehend, bald reihten sich die Arbeiterkolonnen Mann an Mann, die dirigirt von Europäern, jedes Stück an seinen Platz hinschafften. Der kleine »Pfeil« leistete uns beim An- und Abschleppen der Leichterfahrzeuge wesentliche Dienste, namentlich bei stark laufender Ebbe und Fluth, denn die reißende Strömung erschwerte die Arbeit des Entlöschens ungemein.

Sobald das benöthigte Material an Land geschafft worden war, wurde unverzüglich mit der Aufstellung und Zusammensetzung unserer zerlegbaren Boote und Leichter begonnen und unter den geschickten Händen der Handwerker wuchs das Werk zusehends, so daß schon nach Verlauf von acht Tagen einige Boote und ein Leichter zu Wasser gebracht werden konnten.

Bald lag denn auch die kleine Flotille mit voller Segelvorrichtung versehen zum Aufbruch bereit und nur die sehnsüchtig erwartete Post verzögerte die Abfahrt; war es doch eines jeden Wunsch, ehe er dem Weltmeer und der Civilisation valet sagen mußte, noch einen letzten Heimathsgruß zu erhalten! Leider aber vergeblich war das Hoffen; nach wochenlanger Rast in Chinde zogen wir hinaus in die Wildniß zu wagen und zu kämpfen. --

Ehe ich nun in den folgenden Kapiteln die Schicksale der Expedition etwas eingehender aufzuzählen mich bemühe, will ich noch diejenigen Mitglieder, Charge und Namen, anführen, die ihr ganzes Können an die Ausführung der großen Aufgabe gesetzt haben.

Führer der Expedition: Major von Wißmann, sein Adjutant Dr. Bumiller; Transportführer: Herr v. Eltz; Offizier: Leutnant Bronsart von Schellendorf; Arzt: Dr. Röver; Proviantmeister: de la Fremoire, Illich; Herr Franke, Maler. Sergeanten: Bauer, Eben, Krause. Zum Schiffspersonal gehörten: Kapitän Prager; die Steuerleute Gerloff, Wissemann; die Maschinisten Spenker, Engelke; die Zimmerleute Riemer, Ottlich; Schiffsbauer und Kesselschmiede Zander, Brückner, Eickershoff, Wedler, Knuth, Grünhagel und Domann.

Mit anwesend in Chinde waren noch: Herr Regierungsrath Edler von Grunow und Herr von Tippelskirch.

1. Aufbruch der Expedition.

In dem nach der Chinde-Mündung zu liegenden Gebüsch konnte nur noch dürftiges Brennholz gefunden werden und häufig in Ermanglung desselben schleppten die Soldaten trockenes Rohr heran, um damit ihre Mahlzeiten zu kochen. Mit der Zeit aber wurden wir genöthigt, alle paar Tage ein Boot mit Mannschaften oberhalb Chinde in dem dort weit ausgedehnten Gebüsch zu senden, die Holz zu schlagen hatten, und als die Zeit herannahte, daß wir uns zum Aufbruche rüsteten, gingen täglich in aller Frühe Boote ab, die Abends beladen zurückkehrten. Oft genug erzählten dann die Leute, was sie an Flußpferden, Krokodilen und Schlangen gesehen hätten und wie namentlich Krokodile, von Kugeln getroffen, durch Ueberschlagen versucht haben, vom Ufer fort in ihr Element zu gelangen. Abends an den Wachtfeuern wurde das Mögliche und Unmögliche erzählt; indeß jeder war zufrieden, wenn es am Morgen bei der Arbeitsvertheilung hieß, die oder die Abtheilung ist zum Holzschlagen kommandirt, anstatt zu exerzieren, dann hatten doch die Betreffenden Gelegenheit, aus eigener Anschauung die Wahrheitsliebe ihrer Gefährten zu beurtheilen. Ueberdem ließ die Gewißheit, daß an den Ufern des Zambesi-Flusses kein Holz zu erhalten ist, es nothwendig erscheinen, möglichst viel Brennholz für unsern Dampfer »Pfeil« mitzunehmen, wenigstens so viel, um Schupanga zu erreichen, wo solches wieder in größeren Mengen vorhanden sein sollte.

Wie unter den Europäern das Fieber allmählig die Reihen lichtete, d. h. sie für einige Zeit arbeitsunfähig machte, so kamen nicht minder unter den Soldaten Krankheiten zum Ausbruch, die in einzelnen Fällen tödtlich endeten; womit besonders nicht zu spaßen, war der Ausbruch der Pocken unter den Suaheli. Diese Krankheit, in den Distrikten Ost- und Central-Afrikas weit verbreitet, fordert jährlich viele Opfer, und obgleich im Lager sofort eine Absonderung der Erkrankten vorgenommen wurde, starben dennoch mehrere. Indeß die getroffenen Vorsichtsmaßregeln verhinderten wenigstens eine Verbreitung der Seuche, obwohl sie trotzdem immer wieder zum Ausbruch kam und Opfer forderte.

Wie erwähnt, warteten wir vergeblich auf die Ankunft des deutschen Küstendampfers »Wißmann« (dessenwegen vom Major der Aufbruch der Expedition um Tage verschoben worden war), der noch nothwendige Sachen bringen sollte, die namentlich für den ersten Transport werthvoll waren. Die Verzögerung war durch den Totalverlust des deutschen Dampfers »Emin«, der auf offener See gesunken war, hervorgerufen; erst als diese traurige Kunde zu uns gedrungen war, gab der Major das nutzlose Warten auf und bestimmte den 14. Juli als den Tag des Aufbruchs.

Ein reges Leben entfaltete sich in den Morgenstunden dieses Tages im Lager -- Zelte wurden niedergelegt, Kisten und Kasten gepackt -- und als die Einschiffung auf Leichter und Boote begann, flog manches Kommandowort hin und her, ehe jeder seinen Platz gefunden hatte; namentlich die Ruderer und Soldaten mußten sich mit sehr geringem Raum behelfen, was bei der großen Anzahl Menschen gewiß nicht angenehm war.

Kurz vor 3 Uhr Nachmittags rief die Trompete zum Sammeln und als die Zurückbleibenden in Reih und Glied angetreten waren, hielt der Major noch eine letzte Musterung ab; ein schnelles Abschiednehmen, ein flüchtiger Händedruck, dann verließ mit dreimaligem Hurrah die kleine Flotille den gastlichen Strand und ging einem ungewissen Schicksal entgegen. Mancher sah an diesem Tage das blaue Meer zum letzten Male, hörte das Brausen der Brandung deren Donnern wie Grüße aus der fernen, fernen Heimath herüberklangen -- sollte doch die leichte Barke viele nicht zurückführen zum unendlichen Ozean, sondern ihnen, fern im Innern Afrikas, von Feindeshand gefallen oder vom tückischen Fieber hingerafft, ein stilles vergessenes Grab bereitet werden, das keine treue Hand je pflegen kann. Wohl keiner von allen, außer dem Major, empfand die Bedeutung dieser Stunde so wie ich, war doch endlich das Kommandowort »Vorwärts« gegeben, auf welches diese Expedition so oft gewartet hatte, der, ebenso marschbereit wie heute, das Schicksal schon zweimal ein »Zurück« zugerufen hatte.

Nun endlich das Vorwärts erklungen, wußte ich auch, daß, mochten die Hindernisse noch so groß, die Mühen schwer sein, das angefangene Werk unter Führung des Majors von Wißmann, vollendet werden würde.

Solange die Boote im Schlepptau des »Pfeil« mit halber Kraft gegen den starken Strom vorwärts gezogen wurden (die Flotille bestand aus einem Leichter, den beiden großen Sektionsbooten und einem Stahlboot des »H. v. Wißmann«), ging die Fahrt leidlich gut von statten, als es aber Volldampf vorwärts ging, war der Leichter mit dem provisorischen Steuer nicht mehr zu regieren. Das Fahrzeug schoß bald rechts, bald links quer durch den Strom, und jedesmal mußte die Fahrt des »Pfeil« vermindert werden, um ein Kentern zu verhüten. Im engeren Fahrwasser, wo die Ufer mit hohem Schilfgrase eingefaßt waren, fuhr der Leichter öfters mit solcher Wucht in dieses hinein, daß es nur mit großer Anstrengung gelang, ihn wieder frei zu machen.

Vorläufig freilich mußte an der einmal eingeführten Schleppmethode festgehalten werden, zumal keine Zeit zu verlieren war, wenn wir noch bis Abend die portugisische Hauptstation Sombo erreichen wollten.

Zu unserer linken Seite waren die Ufer steil und hoch, bis zum Rande mit Bäumen und Gebüsch bewachsen, wo hindurch kleine Oeffnungen zuweilen einen kurzen Blick auf halb verborgen liegende Ansiedelungen der Eingebornen gestatteten. Noch mehr bekundeten Bananenpflanzungen die Nähe eines Dorfes, und fast immer liefen auf das keuchende Geräusch des Dampfers die halbnackten Bewohner herbei und steckten neugierig ihre Köpfe durch die grünen Büsche, oder sammelten sich in kleiner Anzahl auf der Uferböschung, um uns mit Händeklatschen zu begrüßen. Solchen Gruß unterließen unsere Soldaten nicht zu erwidern; war das Ufer nahe genug, flogen Zurufe hin und herüber, die meistens zur Folge hatten, daß die Frauen bald aus dem Gesichtskreise verschwanden, die derben Soldatenspässe schienen für die zarten Ohren der schwarzen Damen selbst hier im Urbusch nicht passend zu sein. Zur rechten Seite hatten wir dagegen dichtes Mangrovengebüsch, durchflochten mit Lianen, deren schillernde Blüthen sich tief über das dahinrauschende Wasser neigten. Verborgen im Schatten des Blätterdaches aber warteten der schwarze und weiße Reiher, der rosasarbene Flamingo und andere Vogelarten ihrer Beute. Zuweilen, als wären sie aus ihrer Ruhe gestört worden, sprangen kleine Affenarten neugierig im Gezweige der Bäume hin und her, die durch schallende Laute Erstaunen oder Furcht bekundeten, kamen wir aber dem Ufer so nahe, daß die überhängenden Zweige Boot oder Leichter streiften, dann flatterten erst die furchtlosen Vögel davon, um wenige Schritte weiter dem ungewohnten Treiben wieder zuzuschauen.

Vor oder hinter uns tauchte auch bisweilen der Kopf eines oder mehrerer Flußpferde auf, deren Prusten weithin hörbar, am nächsten mit dem dumpfen Gegrunze eines Schweines zu vergleichen ist, auch berechtigt höchstens der Kopf eines solchen plumpen Thieres die Bezeichnung »Flußpferd«, sonst an Gestalt kommt es keineswegs dem Pferde nahe. Nach kurzer Umschau verschwanden die Thiere meistens sehr bald, um plötzlich an irgend einer anderen Stelle wieder hoch zu kommen, sie machten sich auch stets durch das erwähnte Grunzen bemerkbar.