Die deutsche Dampfer-Expedition zum Nyassa-See.

Part 34

Chapter 343,666 wordsPublic domain

Sobald die Hütte erreicht war, die Ottlich sich am Rande des Urdickicht, worin die mächtigen Bäume gefällt und zu Balken behauen lagen, sich errichtet hatte, traf ich erst die nöthigen Vorkehrungen zum Lagerplatz, nach der Vertheilung der Posten aber sorgte ich dafür, daß genügend Proviant, Mais, Mehl und Bataten für die Leute in dem weiter landeinwärts liegenden Wangoni-Dorfe aufgekauft wurde, denn jeden Tag zur Werft zurückmarschiren und dann mit abgespannten Leuten an die schwierige Arbeit zu gehen, das wäre zwecklos gewesen. Ich wollte auch nicht eher wieder aufbrechen, als bis die Balken aus dem tiefen Gelände und aus dem Dickicht, das wie eine lebende Mauer jedes Eindringen wehrte, zur freieren Höhe, wo wir rasteten, geschafft worden wären.

Das nächste war, die bereits im Dickicht geschlagenen direkten Pfade nun zu breiten Wegen zu erweitern und zwar zunächst bis zum ersten Balken, unter dessen Last die Räder alles zermalmen sollten, was die Menschenhand verschont hatte. Wo nun ein Baumriese gefällt lag, hatte dieser im Sturze alles mit sich gerissen, Baum, Busch und Rohr mit seiner Wucht zerschmettert und so den Zimmerleuten viel Arbeit erspart, da sie nur aufräumen brauchten und nicht genöthigt wurden, sich erst Platz zu schaffen, um den Riesenleib zu zersägen und mit Aexten zu bearbeiten.

Glaubte ich genügende Kräfte zu haben, die über 30 Fuß langen Balken hantiren und heben zu können, sah ich mich denn doch getäuscht; das Holz war so fest und schwer, wie das unserer Eichen, dazu bei weitem noch nicht so behauen, wie es hätte sein müssen. Deshalb kostete es sehr großer Anstrengung, solchen Balken auf sehr beschränktem Raum erst handgerecht hinzubringen, ehe er auf den Wagen gehoben und an Achse und Deichsel befestigt werden konnte um ihn dann bergaufwärts zu ziehen, auf einem Grund, worin die Räder unter der schweren Last tief einsanken; das war in der sengenden Sonnengluth über 45° +R.+ eine Arbeit, wie solche selten wohl ausgeführt worden ist. Nimmermehr hätten wir solches vollbringen können, wenn wir nicht unsere vorzüglichen Karren gehabt hätten, nicht hundert Leute wären im Stande gewesen, auf solchen Wegen diese Balken zu transportiren; freilich, dann hätte ich mich auch nie an solche Arbeit wagen dürfen! Wenn auch noch viel schwierigere Aufgaben vor uns lagen, so sah ich bei dieser schon ein, daß nur unbeugsame Energie das Werk vollenden konnte. Die Anforderungen, welche ich an meine Leute stellen mußte, waren große, den sinkenden Muth suchte ich aber stets durch das eigene Vorgehen aufzurichten.

Nur vier lange Balken waren es, die wir aus dem Dickicht herauszuschaffen hatten, aber je weiter wir in dieses hineindrangen und Bahn brachen, desto schwieriger gestaltete sich der Transport derselben. Nach Mühen und schwerer Tagesarbeit geschah es oft genug, daß wir kaum halb gesättigt und allem Comforts bar, in der luftigen offenen Grashütte uns zum Schlummern niederlegten, geplagt von den blutdürstigen Mosquitos, wachgehalten von dem Lachen der umherschleichenden Hyäne, dem lauten Knurren der Panther und dem Brüllen des Löwen, dessen Stimme grollend durch die Stille der Nacht herübertönte und Ruhe gebietend, in seinem Reiche die nächtlichen Räuber zum Schweigen brachte.

Zwei Tage genügten diese schwere Arbeit in der glühenden Sonne zu vollenden, dann aber galt es durch die Grassavanne, durch Dorngebüsch und Busch, durch Niederungen mit mächtigem Sumpfrohr bestanden, über ein welliges Terrain, aufs Neue in solchem Urgebüsch einen Weg zu finden und zu bahnen. Die ganze Kolonne von 60 Mann theilte ich deshalb so, daß, wo nicht Aexte und Buschmesser voraus, mußten die Soldaten mit breitgelegten Gewehren Rohr und Gras Schritt für Schritt niederdrücken, das hinter denselben möglichst niedergehauen und von den schwerbeladenen Karren, unter Aufsicht von zwei Europäern, Ottlich und Knuth, niedergefahren wurde. Kilometer weit sahen wir uns von solcher Wand umgeben, die nur einen Ausblick zum Himmel gestattete, der im bläulich weißen blendenden Glanze strahlte so, daß das den Aether durchfluthende Licht die Augen schmerzen machte.

Manchmal ging uns der Athem aus bei solcher Arbeit -- nur auf gut Glück drang ich vor, gefolgt von den Soldaten und sah, als das erste mächtige Rohrfeld durchbrochen war, außer diesen keinen Weißen noch Schwarzen mehr, alle lagen am Wege im Schatten oder schleppten sich mühsam fort. Es war eine heiße übermenschliche Arbeit, aber vorwärts mußten wir; das Einzige was ich thun konnte, wollte ich bis zum Abend den Fluß erreichen, war, daß ich die Wagen im Dickicht verlassen stehen ließ und mit abwechselnder Mannschaft, wo die Hindernisse zu groß waren, vorging. Oft traten Verzögerungen dadurch ein, daß streckenweise die Dornengesträuche überreich wucherten, die dann für die nackten Beine und Füße der Leute eine Qual wurden; 5-10 Mann hockten sich oft mit einem Male hin und ließen sich die eingetretenen Dornen von ihren Kameraden aus den harten Fußsohlen herausziehen, ging dies nicht, wurde mit einem scharfen Stückchen Rohr, das mit den Zähnen schnell spitz gebissen war, so lange die harte Haut erweitert bis der schmerzende Gegenstand entfernt war.

Schmachtend nach Wasser, wir Europäer nicht minder, als unsere mit Blümchenkaffee gefüllte Feldflaschen längst leer geworden, konnte ich den bewunderungswürdigen Instinkt der Atonga daran erkennen, daß sie selbst in dieser Wildniß in solchem Urgebüsch die Wildpfade der Antilopen entdeckten und diesen nachgehend auch Wassertümpel fanden, woraus wir alle unsern brennenden Durst löschten, obwohl das labende Naß nichts weniger als rein war oder gar angenehm schmeckte. So bahnten wir uns die Straße zum Schirefluß, und wenn auch todtmüde und matt hatte ich doch auf fast geradem Wege, noch ehe um 6 Uhr die Sonne hinter den fernen Bergen zur Rüste ging, das Ufer erreicht. Querüber dem Lager, nur wenig oberhalb, waren wir herausgekommen gerade wie ich es gewünscht hatte und so konnte die Mannschaft mit herbeigerufenen Kanoes übergesetzt werden, während ich mit wenigen Leuten nochmals den Kampf mit dem Urgebüsch aufnahm und am rechten Ufer flußabwärts vordrang um mich zu überzeugen, ob es möglich sein werde eventuell die Wagen solchen Weg zu führen, damit die Balken bis gegenüber der Werft geschafft würden. Aber nie wieder habe ich solchen Weg in der Dämmerung unternommen, Wassergräben und Tümpel, Morast und Sumpf, Gestrüpp mit zolllangen Dornen, die Kleider und Haut zerrissen, mußten übersprungen und durchwatet werden, bis schließlich die Körperkraft versagte und mir nichts anderes übrig blieb, als landeinwärts zu dringen. Endlich das Boot und endlich die Werft erreicht, weckte mich in dieser Nacht kein Ngnomaschlag, noch Gesang -- Körper und Geist nach solchen Strapazen aufs Aeßerste ermattet, fand ich auf hartem Lager im festen, tiefen Schlaf die stärkende Ruhe. --

Für den nächsten Morgen hatte ich die Bestimmung getroffen, daß alle Leute direkt vom Lager über den Fluß gesetzt würden und auf dem neuen Wege die verlassenen Wagen erreichen sollten, während ich mit der Werft-Mannschaft durch die Pflanzungen den Ort erreichen wollte. Bei meiner Ankunft fand ich aber niemanden vor, konnte mir solche Verzögerung auch nicht zu erklären, bis ein Bote die Nachricht brachte, daß während der Nacht sämmtliche Kanoes von den Eingeborenen weggenommen wären und nur mit einem kleinen, das nur wenige Mann zur Zeit zu fassen vermochte, die Uebersetzung ausgeführt würde. Es war mir nichts Neues zu hören, es haben die Bewohner jener Dörfer, die im Aufstand zerstört worden waren, die ihnen einst abgenommenen Fahrzeuge sich heimlich wiedergeholt; waren sie doch so dreist gewesen, selbst von der Werft ein solches sich anzueignen. Erklärlich ist es ja, daß die früheren Eigenthümer bestrebt waren durch List die für sie ungemein werthvollen Kanoes wieder zu erhalten, denn abgesehen von dem Nutzen hat solch ein ausgehöhlter Baumstamm einen sehr hohen Werth, erstens, als die Verfertigung nur vorgenommen werden kann an Orten, wo ein passender Waldbestand vorhanden ist, und zweitens, wenn man bedenkt, welche Mühe es macht, mit dem primitivsten selbstgefertigten Handwerkszeug Riesenbäume zu fällen und deren Stämme dann so gut auszuhöhlen, daß die Wandung 1-1/2-2 Zoll nur beträgt; freilich ist bei solcher Arbeit das Feuer der beste Helfer, allein es erfordert doch Geschick und unermüdliche Ausdauer.

Da der Morgen kalt war und wallende Nebel noch über die Wildniß gebreitet lagen -- Gras und Strauch war vom Thau der Nacht getränkt und erfrischt, daß jede Berührung einem die Kleider durchnäßte -- war das unthätige Warten höchst unangenehm und kalte Schauer durchrieselten den Körper, bis die Gluth der Sonne erwärmend durchdrang. Nach Ankunft der Mannschaften wurde mit frischer Kraft die am Nachmittage vorher unterbrochene Arbeit wieder ausgenommen; die Wagen wurden so geführt, daß sie alles niederfahren mußten, was uns an Rohr und Strauch entgegenstand. Auf diese Weise bahnten wir uns einen breiten Weg, der zwar alles zu wünschen übrig ließ, indes wenigstens passirbar war. Am Ufer des Schire angelangt, wurden die Balken abgeladen, dann kehrte ich den etwa 12 Kilometer langen Weg sofort zurück, um die beiden schwersten Hölzer noch so weit zu führen, bis ich den Pfad, den ich am Morgen gekommen war, wieder erreicht hatte und erst dann ließ ich die Handwerker von hier aus den Transport weiter führen, da ich nothgedrungen zur Werft zurück mußte.

Die Ausgrabungen waren nämlich so weit vorgeschritten daß die genaue Planierung des Bodens vorgenommen werden mußte, sollte nicht die Arbeit ins Stocken gerathen, auch wollte ich bestimmt am 9. März 1893 den Kiel des Schiffes legen lassen. Uebereiltes Hasten war nicht der Grund dafür, vielmehr der Umstand, die Arbeiten außerhalb so viel als möglich zu beschleunigen, da die Handwerker schon mißmuthig geworden waren, weil sie der glühenden Sonne und dem empfindlichen Regen, der fast jeden Nachmittag für kurze Zeit aus schweren Gewitterwolken niederströmte, schutzlos ausgesetzt gewesen und über Fieberanfälle klagten.

Mühselig und langsam, auf dem primitivsten aller Wege, ging die Fortschaffung der schweren Hölzer vor sich; zu jedem der weit zerstreut liegenden Baumstämme mußten neue Wege gebahnt werden. Und nicht immer war es die heiße Sonne, welche uns die Arbeit so erschwerte, auch die in dieser Jahreszeit häufiger auftretenden Gewitterstürme thaten das ihre. Urplötzlich wälzten sich schwarze Wolkenmassen am Horizont herauf, die, erst von der graugelben Dunstmasse, welche der Sturm vor sich herfegt, verdeckt, sich über das ganze Himmelsgewölbe mit unglaublicher Geschwindigkeit ausdehnen. Schlangen gleich zuckten die Blitze aus den tiefhängenden Massen hernieder. Als schaute man in eine Gluth von zuckendem Feuer, so erhellt erschienen momentan die Wolken und mit einer Gewalt rollte der Donner durch die Lüfte, wie wenn das Firmament zerspringen sollte. Nur die Tropenwelt erzeugt solchen Aufruhr in der Natur, den man im fernen Norden kaum zu beurtheilen vermag. Kurz darauf strömt dann eine Regenmasse hernieder, als würden in der That Eimer Wasser auf die Erde ausgegossen, die alle Wege in Bäche verwandeln, Ebenen in große Wasserteiche.

Empfindlich kalt ist die Nässe, im Gegensatz zu der kurz vorher glühenden Luft und vor ihr sucht alles Schutz und Deckung, wenn es irgend möglich ist. Von solchen Ungewittern wurden wir mehrmals in der freien Wildniß überrascht und waren aller Unbill schutzlos preisgegeben; ich versuchte zwar anfänglich, da es doch nutzlos war, unthätig die Kälte auf sich einwirken zu lassen, die Leute zu einer energischen Thätigkeit anzuspornen, jedoch mein »Vorwärts, Atonga« hatte bei den frierenden Leuten wenig Erfolg. Es ist mit dem Neger, wenn er naß und kalt geworden ist, namentlich im Regen absolut nichts anzufangen; kann er keinen Schutz finden, dann löst er sein Lendentuch, wenn er eins besitzt, hängt es über Kopf und Schultern und wartet vor Kälte zitternd, bis die warme Sonne wieder hervorbricht und ihn trocknet und erwärmt; ist er nackend, kreuzt er die Arme über der Brust, sodaß die Hände auf den Schultern ruhen, hockt sich nieder und den Kopf zwischen die Knie gesenkt, ergiebt er sich in das Unvermeidliche.

Schlimmer war es für uns Europäer, so durchnäßt und kalt unthätig zu warten, da jedes Mal ein Fieber hiernach zum Ausbruch kam; wenn solches auch durch Chinin beschränkt werden konnte, so war es doch höchst unangenehm, denn es bricht gar zu leicht die Willenskraft und Energie, wie ich es so oft bei den Handwerkern Gelegenheit gehabt habe zu beobachten. Zweimal ließ ich, als keine Aussicht vorhanden war, daß der Regen schnell vorübergehen würde, die Wagen auf dem Wege verlassen stehen, und kaum war der Befehl zum Aufbruch gegeben, als gleich gehetztem Wilde die Leute davon eilten, um unter irgend einem dichten Strauch oder Baum einigermaßen Schutz zu suchen, zum Theil aber auch mit wildem Halloh zum Flusse liefen.

Als die Balken alle zum Fluß geschafft worden waren, mußte ich an der Abladestelle das Ufer vom dichten Gebüsch erst säubern lassen, auch die hindernden Wasserpflanzen möglichst entfernen, ehe das Boot nahe genug herankommen konnte. In der Meinung, die Hölzer würden sicherlich im Wasser schwimmen, ließ ich eines der längsten vom steilen Ufer abrollen und ohne Befestigung in die Strömung fallen; aber der Balken rollte wie ein Stein in die Tiefe und hätte nicht Wurzelwerk diesen aufgehalten, der starke Strom würde ihn aus unserem Bereiche bald entführt haben; so aber gelang es doch noch nach vieler Mühe ihn wieder aus zehn Fuß Wassertiefe empor zu bringen.

Mit je zwei Balken, die an den Seiten befestigt wurden, trieb ich dann stromabwärts und hatte, bei der Werft angekommen, nur aufzupassen, daß der Strom das nun ungelenke Boot nicht vorbeiriß; mit aller Kraft strebten die Ruderer um die vorstehende Schilfwand herum zu kommen und das Ufer zu gewinnen, wo mit bereit gehaltenen Leinen die Werftleute aufzupassen hatten. Einmal nur schlug der Versuch fehl; Boot und Balken vom Strom breitseits gefaßt, trieben wirbelnd vorbei, kein Mann war fähig, so weit sie auch am Ufer mitliefen und Taue zu werfen versuchten, wegen des hohen Ufergebüsches das Boot zu erreichen, bis ich mich mit aller Anstrengung unter Land gearbeitet hatte und einen guten Schwimmer aufforderte, eine Leine zwischen die Zähne zu nehmen und solche an irgend einem Strauch zu befestigen. Gefährlich war das Unternehmen schon der Krokodile wegen, doch der muthige Atonga schwamm aus Leibeskräften und brachte das Boot zum Stehen. Stundenlang in heißer Mittagsgluth, fast betäubt von der furchtbaren Hitze, arbeiteten wir uns mühsam wieder aufwärts; es gelang aber erst vollständig, als ich die Ordre zur Werft geschickt hatte, es solle irgendwo ein Kanoe aufgetrieben und solches mit langen Leinen abgeschickt werden. Ich hätte um keinen Preis die werthvollen Balken mögen fahren lassen, die dann unfehlbar verloren gewesen wären; hatte es doch wochenlanger Mühen bedurft, vieler Arbeit und Entbehrung, um solche fertig zu stellen.

Am 8. März hatte ich endlich alles glücklich ohne besonderen Schaden zur Werft geschafft, höchstens ein oder zwei der schweren Klötze waren verloren gegangen, die nun eiligst von den Zimmerleuten aus noch im Urbusch liegenden Stämmen ersetzt werden mußten; schlimmer war, daß mir Ottlich als einziger Zimmermann abging, weil ihn und Knuth das Fieber gepackt hatte und ich nun gezwungen war, mit den Blantyre-Leuten die noch rückständigen Holzarbeiten allein anzufertigen. Der Schiffszimmermann Riemer war längst schon krankheitshalber nach Europa zurückgesandt worden und die beste Kraft zum Aufbau der Schlipp etc. war durch ihn verloren.

Die Erdarbeiten waren inzwischen soweit ausgeführt, daß in der ganzen Länge des Grabens, 110 Fuß, eine glatte Fläche von 15 Fuß Breite hergestellt war, ich ließ die steilen Erdwände nur noch an einer Seite, links, vom Fluß aus gesehen, abtragen, um dort einen stufenweisen Abstieg herzustellen, der es ermöglichte leichter hinabzukommen, ich begnügte mich also mit der hergestellten Basis, da solche nach Bedürfniß immer noch erweitert werden konnte. Nur ein Umstand gab zu Bedenken Anlaß: nämlich das Steigen und Fallen des Flusses, der in dieser Regenzeit, um einige Fuß gestiegen, seine Wasser über 20 Fuß in die Ausschachtung hineindrängte und nicht allein den Boden durchweichte, sondern mich zwang noch 10 Fuß weiter vorzugehen. Es mußte deshalb der Zaun wieder eingerissen und der Steven des Schiffes dicht an das Grab aufgestellt werden, das sich rechts hinter meiner Wohnung befand und welches die Bewohner Mpimbis sich standhaft geweigert hatten, an mich abzutreten, jetzt aber weiter keinen Einspruch erhoben, als ich nun den Zaun einfach vorrücken ließ.

Das Legen der beiden Balkenreihen war in sofern mühevoll und schwierig, als erstens der Grund nicht so genau geebnet, zweitens die Hölzer auch ungleich behauen waren, so daß bald ein Balken etwas versenkt, der andere erhöht werden mußte und dabei war Bedacht darauf zu nehmen, daß die Balken fest und sicher lagerten; genaue Ausrichtung mit Leinen und Pfählen, namentlich die von mir aus Vorsorge mitgeführten Wasserwagen, erleichterten aber die Arbeit wesentlich. Schwieriger noch war es die Aufklotzung und die Keillagen auszurichten, da die Klötze, worauf der Kiel gelegt werden sollte (der mithin 3-1/2 Fuß über den Erdboden zu liegen kam, um auch unter dem Schiffe später nieten zu können) von den schwarzen Zimmerleuten nicht so genau gearbeitet werden konnten, denn jeder derselben mußte eine ganz bestimmte Höhe haben; es war deshalb so schwierig, als der aus 4 Theilen bestehende eigentliche Kiel, zusammengestellt und aufgerichtet, durchaus nicht die geringste Biegung haben durfte, sondern schnurgerade in seiner ganzen Länge verlaufen mußte. Viel Geduld und Umsicht war dabei erforderlich, um bei Zeiten alles zu bedenken, denn später, wenn erst der eiserne Körper aufgestellt sein würde, hätte ein Versehen oder begangener Fehler sich schwer gerächt. Trotz allem aber wurde es doch erreicht, daß am Abend des 9. März 1893 der Kiel des »Hermann von Wißmann« gelegt werden konnte! --

Wie erwähnt, war der Fluß beträchtlich gestiegen, überfluthete sogar den unteren Theil der Balkenlage und das Wasser durchweichte den Boden derartig, daß es mir sehr bedenklich scheinen wollte, den Hintersteven eher aufzurichten, als bis fester sicherer Halt gefunden war. Leicht könnte die schwere Last später die Balken wegdrücken, und wäre es auch nur um ein sehr Geringes, so würden die oberen Platten bei der Zusammenstellung nicht genau passen können. Den Gedanken, das Wasser durch einen Erdwall abzudämmen, der mir das Praktischste schien, mußte ich wieder aufgeben, da das Untergrundwasser doch durchdringen würde, ein Feststampfen des Bodens hätte auch wenig genutzt; darum die doppelte Arbeit zu vermeiden, riß ich lieber die letzten Balken auf und rammte, um eine feste Unterlage zu gewinnen, starke Pfähle in den Grund auf welchen wieder Querhölzer gelegt wurden, bis schließlich nach tagelangen Mühen ein fester Halt gefunden war.

Nun ich die gesammte Mannschaft wieder auf der Werft zur Verfügung hatte, vertheilte ich diese so, daß ein Stamm Atonga bei der Aufstellung des Schiffskörpers beständig verblieb, die übrigen, etwa 15, tagtäglich aber in die Berge gesandt wurden, um passende Stämme herbeizuschaffen, von denen wir nach und nach eine große Anzahl und von jeder Größe benöthigten, um das Gerippe des Schiffes zu stützen. Die Suaheli hingegen mußten die Feldschmieden bedienen und den Handwerkern nach Möglichkeit beim Nieten der Spannten zur Hand gehen. Ich hatte es zwar mehrfach versucht das Nieten einfacherer Stücke von den Suaheli ausführen zu lassen, indes, nicht intelligent genug, war ihnen die Handhabung eines Niethammers nicht beizubringen. Uebrigens von Natur träge, häufig widerspenstigen Charakters und eigenwillig, habe ich diese Suaheli oft mit Strenge behandeln und im Gegensatz zu den Atonga, Masaua und Wangoni haben sie häufig bestraft werden müssen, wo hingegen bei den letzteren, wenn Ungehörigkeiten vorkamen, eine einfache Rüge schon genügte. Namentlich hielt ich streng darauf, daß die Suaheli, welche die anderen Arbeiter als Sklaven betrachteten und deshalb verachteten, nicht, wie sie es beliebten, den Herrn herauskehrten, ich nahm ihnen den thörigten Glauben, daß sie mehr seien wie diese freien unabhängigen Menschen. Kamen mir Klagen zu Ohren, oder sah ich eine unwürdige Behandlung eines Eingeborenen Inner-Afrikas von seiten der Suaheli, die jedem mit den verachteten Namen »Waschensi« bezeichneten, dann entging der Attentäter seiner Strafe nicht, und sie hüteten sich in Folge, als einige Male Strafen in Gegenwart der Beleidigten sofort verhängt wurden, ihrer Mißachtung und Herrschsucht die Zügel schießen zu lassen; an den Beschützten aber hatte ich treue und ergebene Arbeiter, die sich willig jeder Mühe unterzogen und zum nicht kleinen Theil habe ich die schnelle Ausführung der schwierigsten Arbeiten, dieser Bereitwilligkeit und der gerechten Behandlung zu verdanken. Rief um 6 Uhr Morgens die Trompete zur Arbeit, wurden durch das gegebene Signal die noch auf der Werft beschäftigten Dorfbewohner, sowie die in der Nähe angesiedelten Wangoni und Masaua zusammen gerufen; die Leute kamen dann meistens zitternd vor Kälte in kleineren oder größeren Trupps an und standen in Reih und Glied bis ich alle gezählt und ihnen die Tagesarbeit zugewiesen hatte. Auch mit den Atonga mußte ich gleicherweise verfahren, da einzelne sich gelegentlich zu drücken gesucht hatten, sie merkten aber bald was die Glocke geschlagen, wenn durch Namensausruf die Fehlenden leicht herausgefunden wurden und ein abgesandter Wachtposten sie herbeischaffte. Zweimal aber kamen sie mit tiefbetrübten Mienen und erklärten, nachdem der Fehlende herausgefunden war, daß eine Mal Gabbujab, ein andermal Tasikana, beim Wasserschöpfen von einem Krokodile weggeraubt sei. Es war hier seltener der Fall, daß solche Unglücksfälle vorkamen, da wegen der belebteren Ufer diese Untiere sich nicht recht sicher fühlten, mehr aber, da keine Sandbänke vorhanden waren, worauf sie in träger Ruhe sich sonnen konnten. Manch einen auf der Oberfläche des Wassers schwimmenden Räuber habe ich, wenn er arglos mit dem Strome sich treiben ließ, vom Ufer aus die tödtliche Kugel zugesandt, wollten wir aber mal auf Krokodiljagd gehen, dann fuhren wir Sonntags gelegentlich flußabwärts und verleideten den gefährlichen Thieren die süße Ruhe auf den von zwei Nebenflüssen des Schire gebildeten Bänken.

Das Erste war von seiten der Atonga, ehe sie zur Arbeit antraten, sofort nach Ankunft auf der Werft ein Feuer irgendwo anzufachen, um welches sie sich niederhockten und die nackten Glieder zu erwärmen suchten, und hatte ich allen die Arbeit zugewiesen, so war ich sicher, daß solche, welche über den Fluß oder in die Berge gesandt wurden, nicht allzuweit gingen, sondern sobald sie sich im hohen Grase oder Busch befanden, sich gemüthlich um warme Feuer niederließen, und nicht eher an ihre Arbeit gingen, als bis die Sonne ihre heißen Strahlen niedersandte und die Luft durchwärmt hatte. Mehrmals, wenn sie glaubten, daß ich ihnen nicht folgen würde, um die Arbeiten zu leiten, und sie sicher vor Ueberraschung ein Stündchen am Feuer verplaudern konnten, dabei die primitivste aller Pfeifen im Kreise umgehen ließen oder schnupften, versetzte sie mein unerwartetes Erscheinen in nicht geringe Verlegenheit und aufspringend jagten sie in wilder Hast davon. Es war ja natürlich, daß ich solche Schwänzereien nicht dulden durfte, zumal die Leute oft einen weiten Weg zurückzulegen hatten, aber ich begnügte mich auch nur damit sie aufzutreiben, denn trotz warmer Kleidung fror ich selbst, und durchnäßt vom kalten Thau, konnte ich es wohl begreifen wie empfindlich die Kälte auf den nackten Körper einwirken mußte.