Die deutsche Dampfer-Expedition zum Nyassa-See.

Part 33

Chapter 333,656 wordsPublic domain

Der eintönige Gesang, von der Ngoma begleitet, schwillt mehr und mehr an -- man kann füglich, wer die Tanzweise der Eingebornen kennt, an den rascheren und lauten Schlägen, sowie an dem Gesange erkennen, in welchem Stadium der Aufregung sich die Tänzer befinden -- bis ohrbetäubend, in schrillen Mißtönen plötzlich der wilde Tumult abbricht, um nach kurzer Pause in anderer Tonart, aber in gleicher Weise, als Reigentanz wieder zu beginnen. Wie bei den Volksstämmen am unteren Schire, so ist auch hier das Singen kein eigentlicher Gesang, also wirkliche Lieder, sondern ein Vorsänger leiert irgend eine Idee oder einen Vorgang, eigentlich mehr Erzählung, in roher Versform ummodelirt in singendem Tone her; ein Improvisator also, zu dessen Sing-Sang der Chorus mit Ngomaschlag und Händeklatschen Takt hält und entweder den Vorsang immer wiederholt, oder einen passenden Refrain dazu anstimmt.

Die Ngoma ist ein ausgehöhlter Holzblock mit Ziegenhaut überspannt und giebt einen weittönenden Klang; wunderbare Fertigkeit besitzen die Eingebornen im Schlagen derselben, sowie einen nie fehlenden Takt; durch dieselbe sprechen sie auf große Entfernungen, sie ist der Telegraph, der jede Kunde durch die Lande trägt und man kann sich nicht mehr wundern, wie so sehr schnell Nachrichten unter den Eingebornen verbreitet werden, wenn die Ngoma in Betracht gezogen wird. Es ist ein Instrument, womit sich die Völker zum Krieg und Frieden rufen, sowie zum Klagen und Weinen, zur Freude und Lustbarkeit.

Anfänglich hielt der Lärm fast bis zur frühen Morgenstunde an und kann ich sagen, daß ich kaum eine Nacht habe ruhig schlafen können, wenigstens nicht eher, als bis der Skandal aufhörte oder mich die Müdigkeit übermannte; im Laufe der Zeit jedoch habe ich mich auch daran gewöhnt und waren diese nächtlichen Aufführungen auch unangenehm mit anzuhören, so hatten sie doch nicht mehr den unleidlichen Klang wie im Anfang.

Sehr oft aber, in mondhellen Nächten, in denen die Eingebornen am liebsten ihre Tänze aufführen, übertrieben sie es derart, daß schon lange Gewohnheit oder recht kräftige Nerven dazu gehörten, um solchen Höllenlärm zu ertragen, namentlich, wenn sie unvermuthet in meiner Nähe ihre Ballerbüchsen abfeuerten, die sie hervor holten, sobald ihre Lustigkeit den Höhepunkt erreicht, oder wenn das in Mengen getrunkene Bier ihnen zu Kopf gestiegen war. Wurde mir der Spektakel zu bunt, dachte ich öfter, solchen durch die Wachtposten verbieten zu lassen, aber ich unterließ es stets, denn mit welchem Rechte hätte ich die Freude dieser Naturmenschen stören dürfen? Zeigten sie sich uns gegenüber auch nicht sehr freundlich, so hinderten sie uns auch nicht, und sehr lieb war es mir, daß ich nur allein auf der Werft wohnte, denn die Handwerker hätten doch Anlaß zu Klagen gegeben, und ich wäre dann genöthigt gewesen, um den Leuten die nöthige Ruhe zu verschaffen, die in unmittelbarer Nähe der Werft stattfindenden nächtlichen Aufführungen zu verbieten.

Oft aber giebt es noch ein Nachspiel, indem die Betrunkenen ihre Weiber prügeln, die dann ins Freie laufen und vor jeder Hütte durch Weinen und Heulen jedem der es hören will, ihr Leid klagen; durch die Stille der Nacht hallt ihr Wuthgeschrei solange bis sie nicht mehr können, dazu Gezänk, Kindergeschrei, mäckernde Ziegen und aufgescheuchte Hühner verursachen einen Lärm, vor dem man davonlaufen könnte, und mehrmals bei solcher Gelegenheit, wenn sie es gar zu toll trieben, schickte ich den Sudanesen Effendi (Wachtoffizier) hinaus und ließ Ruhe gebieten. Uebrigens soweit ich zu beobachten Gelegenheit gehabt habe, sind die älteren Frauen den Männern gegenüber nicht blöde, sie ertheilen recht derbe Lektionen und ihr Redefluß bringt selbst wehrhafte Männer zum Schweigen. Widerwärtiger ist es, wenn zwei alte Weiber sich zanken; wie überall, so kehren sie auch hier die Furie heraus und ich glaube, verstände man ihre Sprache gut genug, würde man finden, sie drücken sich nicht höflicher aus, als wenn z. B. in Europa Xantippen aneinander gerathen; eine Vorstellung aber kann ein Laie sich kaum davon machen, wie solch' ein altes wüthendes Weib in schwarzbrauner Färbung aussieht!

Es war in diesen Tagen auch, als man mir die Mittheilung machte, in einer der nächsten Hütten liege ein schwerkranker sterbender Mann, der sehr alt und schwach sei und kaum mehr genesen würde. Ich sah auch den Medizinmann des Dorfes ein- und ausgehen, der seine Kunst mit Beschwörungen an dem Kranken versuchte, ihm aber zu helfen doch nicht imstande war. Die mir gemachte Mittheilung vom Zustand des Mannes zielte darauf ab, ich sollte mich herbeilassen, mittelst Daua (Medizin), wie solche nach dem Glauben der Eingebornen der weiße Mann besitzt, zu helfen, allein ich hütete mich wohl, dem würdigen Dorfarzte ins Handwerk zu pfuschen, denn das ist bei dem Aberglauben dieser Bevölkerung ein kritisches Unternehmen, namentlich wenn es nichts mehr zu helfen und zu verderben giebt. Auch die Hütte betrat ich nicht und sah mir nur im Vorübergehen den im Todeskampfe liegenden Mann an, davon überzeugt, es sei bei diesem keine menschliche Hilfe mehr möglich. Hätte ich hier wirklich, wie sonst bei vielen anderen, helfen wollen und der Mann wäre, was augenscheinlich war, bald darauf gestorben, so hätte ich nur dem Ansehen des Europäers geschadet, denn daß die Medizin des weißen Mannes nicht mehr hätte helfen können würden die Angehörigen nicht begriffen haben. So war es besser ich hielt die Hände davon und überließ alles dem Zauberer, der möglicherweise, wenn er seine Kunst mißachtet sah, durch seinen Einfluß mir hätte schaden können, und wäre es auch nur dadurch, daß die Arbeiter aus dem Dorfe von der Werft ferngehalten worden wären.

Schon um Mitternacht des nächsten Tages, während ich noch durch die Ngoma und das laute Geräusch im Dorfe wachgehalten wurde, hörte ich wie mehrere Männer und Frauen die Posten baten, sie einzulassen, sie wollten zu dem weißen Mann, der kommen und helfen solle, der Kranke sterbe sonst. Die Sudanesen aber öffneten nicht und sagten ich schliefe; einer aber kam doch und machte mir Mittheilung von dem Begehren der Leute und fragte an, ob er öffnen solle oder nicht. Ich war aber schon auf und dachte, wenn es nicht anders sein kann, um wenigstens den Bittenden den guten Willen zu zeigen, kann ich auch zusehen wie der Mann stirbt, denn ich war überzeugt, nur der letzte Kampf, der für den Sterbenden recht schwer sein mochte, hatte sie zu mir getrieben, und weil sie sich nicht mehr zu helfen wußten.

Wenige Minuten später, noch hatte ich das Thor nicht erreicht, tönte aber schon ein Schuß durch die Nacht und gleicherzeit ein wildes Klagegeheul, das Gesang und Ngoma übertönte; nun wußte ich, es sei alles vorbei und hatte, als ich wieder auf meinem Lager lag, nur den stillen Wunsch, das überlaute Klagen und Weinen der Weiber möchte ein Ende nehmen. Aber im Gegentheil, der Spektakel ging erst los, als die schnell versammelten Bewohner sich anschickten, vor jeder Hütte, in welcher meines Erachtens ein Anverwandter des Verstorbenen wohnte, eine halbe Stunde lang zu klagen und zu heulen; dazu feuerten dann noch die glücklichen Besitzer eines Gewehrs fortwährend ihre Donnerbüchsen ab, daß es wirklich das tollste Beginnen war, welches ich bisher in Afrika gehört.

Bei solchem Lärm zu schlafen war einfach unmöglich, recht heiter wurde es aber erst, als in der an meinem Hause anstoßenden Hütte, nur durch den Rohrzaun von einander getrennt, ein paar kleine Kinder mit einstimmten, die von den am Umzuge im Dorfe theilnehmenden Eltern allein gelassen, aus vollen Hälsen brüllten. So ging es mit wenig Unterbrechung zwei Tage und Nächte hindurch, bis am dritten der Spektakel einfach übertoll wurde. Wie schon früher erwähnt, glauben die Eingebornen durch solchen Höllenlärm den Geist des Todten im Grabe zu bannen, Ngomaschlagen, lauter Gesang, Weinen und Heulen sollen ihn zurückscheuchen, damit er auch mit in das Grab hinabsteigt und bei dem Körper verbleibt. Während der ganzen Zeit, in welcher das Grab in der Hütte noch offen ist, spricht der Medizinmann seine Beschwörungsformeln oder jagt phantastisch in Affen- und Pantherfellen gekleidet, wie toll um die Hütte mit dem Rufe +üich, üich+, als habe er den Geist erblickt und verfolge und jage ihn wieder zum Grabe zurück; hört er endlich athemlos auf, und erklärt, der Geist sei wieder in den Körper oder ins Grab gebannt, dann soll durch noch wilderen Lärm sein Wiederentweichen verhindert werden. Bei alten Leuten bricht gewöhnlich der Geist drei oder vier Mal aus und macht dem Zauberer, der ihn nur allein sehen kann, viel zu schaffen, bis er diesen schließlich, wenn alles bereit ist, zum letzten Mal in das Grab scheucht und dann eilig zuschütten läßt, damit er nicht mehr entweichen kann.

In kluger Berechnung, nur um sein Ansehen zu fördern, unterzieht sich der Zauberer gerne solcher Anstrengung, denn von klingendem Lohn kann überhaupt keine Rede sein; er betreibt den Hokuspokus mit einer Raffinirtheit, die unglaublich ist, damit alle in ihm den klugen Mann erblicken, der Geister sehen und mit ihnen verkehren kann, der einfach Dinge versteht, die für den beschränkten Verstand des Negers als übernatürliche gelten müssen. Diese Gabe der vorgespiegelten Hellseherei vererbt sich, indem der Nachfolger immer wieder aus der Familie des Zauberers hervorgeht und die streng gewahrten Geheimnisse somit zu keines Fremden Kenntniß gelangen. Der eigentliche Todtengesang vor und nach dem Begräbniß tönt aus in leiser, harmonischer Klage, ein Rhythmus, von allen gesungen, kommt die Melodie unsern lieblichen einfachen Liedern nahe und unwillkürlich lauschte ich, wenn dieser leise melodische Gesang ertönte, der in all dem tollen Lärm das einzig Erhebende war.

Nach der Ceremonie beginnt erst das Fest und die zuweilen recht zahlreiche Verwandtschaft des Verstorbenen singt und tanzt unter Anleitung des unermüdlichen Medizinmanns, sie trinken solche Mengen von Pombe bis alle, öfter mitsammt den Weibern, so betrunken sind, daß sie nach so langem Wachen und so großer körperlicher Anstrengung in einen festen langen Schlaf verfallen.

Jetzt wo auf der Werft mehr und mehr körperliche Arbeit von den Europäern verlangt wurde, da ja ausschließlich, was Nieten, Schmieden etc. anbelangte, solche nur von den Handwerkern ausgeführt werden konnten, zeigte es sich bald, daß die aus der bisher eigentlich geringfügigen Arbeit herausgerissenen Leute den Anstrengungen nicht gewachsen waren. Die Folge war, die jetzt ungewohnte Arbeit verursachte Störungen im körperlichen Wohlbefinden, die sich in Fiebererscheinungen und Schwäche äußerten, und von den bis jetzt Anwesenden lag die Hälfte immer krank im Lager. Ich will gewiß keinem den guten Willen am endlichen Gelingen des großen Werkes absprechen und bin überzeugt, es ist keiner ohne Grund von der schweren Arbeit ferngeblieben, nur das muß ich erwähnen, es wären nicht so viele Krankheitsfälle an Fieber eingetreten, wenn nicht bei jedem kleinen Anfall schon die Betroffenen die Arbeit niedergelegt und sich körperlicher Ruhe überlassen hätten, sondern mit festem Willen dem Fieber entgegen getreten wären.

So kam es dahin, daß ich verschiedene Male, als bereits mit dem Zusammennieten der Spannten begonnen worden war, mit nur einem Handwerker auf der Werft diese Arbeiten allein ausführte. Gewiß bedingte es einer eisenfesten Natur, um ohne Schaden am Körper zu nehmen, bei einer Hitze von 10° R. am Morgen aufsteigend meistens bis 38° R. um 11 Uhr Vormittags im Schatten, angestrengt zu arbeiten, dabei häufig der Sonnengluth noch ausgesetzt, die um letztgenannte Zeit 48° R. betrug und um Mittag in der Sonne so enorm groß war, daß man sich als Europäer nicht mehr den glühenden Strahlen aussetzen durfte, ohne Gefahr zu laufen vom Sonnenstich befallen zu werden.

Die Arbeitszeit war so eingetheilt worden: Morgens um 6 Uhr Beginn der Arbeit, um 8 Uhr bis gewöhnlich 8-3/4 Frühstückszeit, um 11 Uhr Aufhören. Nachmittags von 2 bis 5 Uhr; dabei ist aber zu erwähnen, daß während der Zeit von 10 bis 11 und 2 bis 3 Uhr meistens nur leichtere Arbeiten im Schatten der kühleren Schuppen vorgenommen werden konnten und seltener nur, wenn kühle Winde von den Bergen herüberwehten eine Ausnahme gestatteten. Gewaltige Gewitterregen, die in dieser Zeit häufig auftreten und während ihrer Dauer jede Arbeit unmöglich machten, kühlten zwar die heiße Luft ein wenig ab, jedoch so unmerklich, daß sobald die Sonne wieder hinter den Wolken hervortrat, die Hitze eine empfindlichere Wirkung hatte als vorher.

In den ersten Tagen des Monat März machte mir Ottlich die Mittheilung er habe annähernd 200 Fuß Balken im Urbusch fertig behauen und glaube in einer Woche die benöthigten 26 schweren Klötze, die je zwei übereinander gelegt zur Aufklotzung dienen sollten, fertig stellen zu können und schlug vor, hierfür von ihm näher dem Schirefluß aufgefundene Bäume fällen zu dürfen, deren Stämme zwar nur kurz aber doch die genügende Dicke hätten. Nach persönlicher Ueberzeugung pflichtete ich diesem Vorschlage auch bei um so eher, als uns die Arbeit erspart blieb abermals mehrere Baumriesen, die mit ihren Pfeilerwurzeln 5 Fuß über den Boden noch 16 bis 18 Fuß Umfang hatten, zu fällen, Bäume die ich ihrer Dicke und krummer Stämme wegen bei der Durchforschung des weiten Gebiets als ungeeignet übergangen hatte. Nun hieß es nur noch, ehe ich die gewaltige Arbeit unternahm, um die schweren Balken aus dem Dickicht herauszuschaffen, die Ankunft der Wagen abzuwarten, die als ersten Transport, die Kielplatten, Hintersteven des Schiffes und noch fehlende Theile des Kiels (der im Ganzen in sechs Theile des leichteren Transport wegen zerlegt worden war), über das Schiregebirge bringen sollten.

Alle Wagen bis auf zwei, seinerzeit in Hamburg hergestellt, waren mit ihrer eisernen Unterlage so eingerichtet, daß bequem darauf die Schiffsplatten befestigt werden konnten, die zwei mit geraden Achsen, aber ohne Unterlage und 6 Fuß hohen Rädern, sollten die unhandlichsten Theile des Schiffes, als Hintersteven und Ruder befördern. Es wäre jetzt ohne diese Karren ein furchtbares Stück Arbeit gewesen, die Schiffsplatten, Cylinder und andere Maschinentheile über das hohe Gebirge zu schaffen; an Trägerkräften hätte solcher Transport eine enorm größere Zahl bedurft, da schon jede Platte mit weniger als 8 Mann, die sich auf so weitem Wege abwechseln konnten, nicht gut hätte befördert werden können.

In den späteren Nachmittagstunden des vierten März vernahmen wir auf der Werft laut tönenden Gesang vieler Menschen und konnten bald das Halloh der heranziehenden Atonga unterscheiden. Eine Wagenkarawane von 10 Karren, schwer beladen mit Platten, Kesseltheilen etc., begleitet von Soldaten und geführt von zwei Handwerkern, Eikershoff und Dohmann, kam darauf durch das Dorf gezogen, zu der sich eine große Schaar Eingeborener gesellt hatte und einschwenkend zur Werft fuhren sie mit wildem Gesang in Reihen auf. Sobald der letzte Wagen zum Stillstehen gekommen war, schaarten sich die Atonga zusammen und stimmten einen dreimaligen Ruf an, daß einem die Ohren gellen wurden, dann erst begann die Begrüßung und die auf der Werft arbeitenden Stammesgenossen hatten einen wahren Sturm auszuhalten, so drängten sich alle heran und bekundeten ihre Freude ob des Wiedersehns.

Nur ein armer Teufel lag auf einem der Wagen, zur Sicherheit noch festgebunden, dieser allein konnte nicht an der Freude aller theilnehmen, denn mit zerquetschten Beinen war er unfähig sich zu rühren. Wie mir die Europäer mittheilten, war er von einem der schweren Wagen überfahren worden; und sobald die Atonga sahen, daß ich mich dem Verletzten zuwandte, erklärten sehr viele, mit solchen ungeschickten Dingern, die von selber laufen, wollten sie nicht mehr nach Katunga zurückkehren, lieber die schweren Eisentheile tragen. Jedoch besänftigte ich sie bald, indem ich ihnen ein Poscho versprach, wofür sie sich Mais kaufen sollten, und stellte alle zufrieden, als mein Diener einige Faden Zeug unter die Kapitaos vertheilte; bald konnte ich sie danach zum Lager absenden, wo sie Verpflegung und einen Ruhetag nach so großer Anstrengung finden sollten.

Für die Bewohner Inner-Afrikas ist ein Wagen auf welchem man mit Leichtigkeit Lasten transportiren kann, die sonst keine 40 Mann tragen würden, ein kurioses Ding; überaus viel Spaß macht es ihnen anfangs damit herum zu fahren und ausgelassen wie Kinder haben sie ihre helle Freude daran. Nur wie mit allem womit der Europäer sie beglückt, außer Waffen, verlieren sie, wenn die Sache ihnen über den Spaß geht, sehr leicht die Lust daran und der Gegenstand wird ihnen gleichgültig, sobald sie sich ihr Urtheil gebildet haben, das meistens sehr oberflächlich ist und bei unverständlichen Dingen auf die geheimen Kräfte, die der Europäer ihrer Meinung nach besitzen muß, zurückgeführt wird. So lange auf ebenen glatten Wegen mit einer Last von durchschnittlich 12 Zentnern gefahren wurde, waren auch die Atonga frohen Muthes, da von den je 16 bis 24 Mann, die jedem Wagen zugetheilt waren die Hälfte gemüthlich nebenher gehen konnte; anders aber kam es sobald sie auf den ausgewaschenen Gebirgswegen alle Kräfte anspannen mußten um die Wagen in die Höhe zu bringen und den Führern des Transportes glaubte ich es gerne, daß sie an steilen tiefen Abgründen ihre ganze Kraft zusammen nehmen mußten, um einen Absturz zu verhindern; namentlich, wo an gefährlichen Stellen der Weg etwas abfiel und die Wagen durch ihre Last von selbst in Bewegung gesetzt sehr leicht abweichen konnten, da die Leute es nicht begreifen wollten wie ein solcher durch Gegenstemmen gehemmt werden kann. Konnte ein Wagen auch nicht, wegen der vielen Bäume und Sträucher in einen Abgrund stürzen, wäre solcher doch sicherlich mit seiner Last zerschellt, wie es mit einem geschah, der mit den langen schweren Schiffsmasten beladen, auf scharfen Krümmungen des Weges nicht zu halten gewesen war und abstürzte; die Masten mußten liegen bleiben, den zerbrochenen Wagen aber brachten sie mit. Von Blantyre bergabwärts, hatten sie den Weg über Matope genommen, der recht beträchtliches Gefälle hat, hier aber wußten die Atonga sich nicht zu helfen, anstatt zu halten ließen sie die Wagen laufen und wer dann, wenn an ein Aufhalten nicht mehr zu denken, nicht flink genug beiseite sprang, der Wagen ihm auf den Fersen saß, konnte schweren Schaden erleiden. Keine Tour ist ohne Unfall vorüber gegangen, bei der zweiten sogar wurde ein Atonga todtgefahren. Ich weiß aus Erfahrung, welche Mühe es dem Europäer kostet den Leuten es beizubringen, damit sie vorsichtig handeln, denn als ich später 40 Zentner schwere Balken steile Abhänge hinabfahren mußte war meine Gegenwart unerläßlich, um nur ein Unglück zu verhüten.

15. Der Aufbau des Dampfers »Hermann v. Wißmann«.

Wieder im Besitze unseres Stahlbootes gelangt, das die Engländer nicht mehr zum Provianttransport benöthigten, beschloß ich nun mit der ganzen verfügbaren Mannschaft aufzubrechen, und vorerst querüber der Werft einen Weg durch das Dickicht zu hauen, der, wenn es möglich wäre, in gerader Richtung bis zu einem Hügelplateau führen sollte, nach welchem ich zuerst die Balken aus dem Urdickicht heraus, hinzuschaffen gedachte.

Mit 60 Mann, 2 Europäern und vorläufig einem Wagen, setzte ich über den Fluß und suchte, da es unmöglich war, direkt durch das Gebüsch vorzudringen, längs dem Ufer im hohen Schilf und Rohr einen Weg zu bahnen. Aber ob auch mit langen Buschmessern alles niedergemäht wurde, war es in der immer heißer brennenden Sonne doch eine beschwerliche Arbeit; dazu kam das messerscharfe Schilfgras, das die nackten Leute an den Beinen und am Körper verletzte, auch traten sich viele die scharfen Dornen dazwischen wuchernder Sträucher in das Sohlleder ihrer Füße ein und erst nach Stunden angestrengter Mühe waren wir etwa 100 Meter vorwärts gekommen. Daß es so nicht weiter gehen konnte, wenn das Dickicht so überaus dicht bleiben würde, sah ich bald ein und gab es daher auf, einen breiten Weg zu schlagen, der uns als Straße dienen sollte. Einzeln, Mann hinter Mann ließ ich die Leute Bahn brechen und auf diesem schmalen Pfade dann den Wagen mit Gewalt hinterher ziehen, höchstens räumten wir noch Hindernisse weg, wo es absolut nicht anders gehen wollte.

Schließlich auf freies Feld gekommen, das mit unzähligen Erdhaufen und Löchern bedeckt war, sah ich erst recht ein, daß wir niemals im Stande sein würden, über diese brachliegende Fläche einen schwerbeladenen Wagen zu schaffen. Die Nothwendigkeit, die Felder uneben zu machen, bedingt darauf gepflanzter Mais und Mtama, weil diese mächtigen Stauden zur Zeit der Blüthe gehäuft werden müssen, nach Art, wie in Europa die Kartoffel etc. und da jede Staude 5-6 Pflanzen zusammenfaßt, die mehrere Fuß voneinander entfernt sind, nach Belieben hier und da gesät, wird zur angegebenen Zeit mit der denkbar primitivsten Hacke so hoch als möglich gehäuft, was äußerst praktisch ist, weil dann das Regenwasser nirgends abfließen kann, auch sehr leicht die Wurzeln der Pflanzen erreicht und diese trotz der glühenden Sonne frisch und fruchtbar macht.

In der Weise, wie wir unsere Spargel, werden auch die Bataten gepflanzt. Die oft 1-1/2-2 Fuß langen Wurzeln erhalten so nur genügend Feuchtigkeit zum Gedeihen. Verliert der Erdboden, der niemals gedüngt oder umgearbeitet wird, schließlich seine Kraft, dann sucht sich der Neger ein neues Feld, das Feuer und Hacke urbar macht und läßt das verlassene einige Jahre unbebaut liegen, bis Gras und Gebüsch, sowie verwesende Pflanzen den Boden neugestärkt haben. Ein solches war es, worauf wir jetzt hinschritten, stolperten und fielen, weil hohes Gras und Strauch alle Unebenheiten verdeckten. Bemüht, nicht zu weit aus der Richtung zu kommen, mußten wir bald rechts bald links kleinere Schambas ausweichen, doch sah ich mich schließlich genöthigt, die weit ausgedehnten vor uns liegenden Maisfelder zu durchqueren, wenn ich nicht einen gewaltigen Umweg machen und in glühender Sonne längs denselben vordringen wollte. Um nun nicht viele Pflanzen mit dem Wagen zu knicken und nieder zu brechen, ließ ich diesen auseinander nehmen und hindurch tragen; auch um den Eingebornen keinen Anlaß zur Klage zu geben, wenn, was nicht zu vermeiden war, doch einzelne Beschädigungen vorkommen sollten, fertigte ich einen Boten zum Häuptling ab, der diesem die Mittheilung machen sollte, daß ich mit vielen Leuten nur dies eine Mal durch die Schambas ziehe.

Erfrischend ist der Aufenthalt in solchem grünen Hain, kühlen Schatten spendet das Blättermeer, das über einem wie ein Baldachin ausgebreitet ist und seltsame Melodien hervorbringt, wenn leise der Wind hinüberweht, die schlanken biegsamen Rohre niederbeugt, sonst aber ist das Wandern des unebenen Bodens wegen ein äußerst mühevolles. Als endlich die weite Grassavanne wieder vor uns lag, suchte ich links ab, Rohr und Busch so viel als möglich meidend, den bekannten Fußpfad zu erreichen, auf welchem wir ungehinderter vorwärts kommen konnten; war es im Grunde genommen auch eigentlich eine Thorheit gewesen, einen neuen Weg mit so großer Mühe zu suchen und theilweise zu schlagen, da mir der bequeme Weg durch das Dorf offen gestanden hat und eigentlich die Leute nutzlos angestrengt worden waren, so hatte ich mich doch orientirt und wußte nun, welche Schwierigkeiten überwunden werden mußten und welche Richtung ich einzuschlagen hatte, um eine möglichst gerade Straße bis zum Schirefluß durchzubrechen, die oberhalb an den Maispflanzungen vorbei, an dem Ufer des Flusses ausmündete.