Die deutsche Dampfer-Expedition zum Nyassa-See.
Part 32
Zur Fähre gekommen, fand ich am diesseitigen Ufer mehrere Abgesandte des Häuptlings im Hause des Herrn Scharrer versammelt, die dessen angezeigte Ankunft abwarten und demselben ihre Beschwerden verschiedener Art vorlegen sollten. Dieser Umstand bewog mich, nun auch meinerseits zu warten und erst die Ansicht des mit den Sitten und Gebräuchen der Eingeborenen wohlvertrauten Herrn anzuhören, ehe ich kurzer Hand den Häuptling selbst zur Rede stellte. Eine schnelle friedliche Lösung konnte durch die Vermittelung dieses Herrn, der als Besitzer weiter Länderstrecken in diesem Gebiet allen wohlbekannt und vielfach als Schiedsrichter angerufen wurde, viel eher herbeigeführt werden, als wie ich es durch lange Schauris und Geschenke hätte fertig bringen können, um so mehr, als ich sicher war, daß mir ein solcher Gefallen sehr gerne erwiesen werden würde, da gegenseitige Gefälligkeiten schon früher uns einander gut bekannt gemacht hatten.
Bald nach erfolgter Ankunft desselben und der allseitigen Begrüßung wurde nach dem Begehren der am Boden hockenden Abgesandten, meistens ältere Männer, die ihre Vorderlader zwischen die nackten Beine gestemmt, in stoischer Ruhe auf eine Anrede warteten, gefragt. Unwesentliche Beschwerden, bei welchen es mehr darauf ankam, die Meinung des weißen Mannes zu hören, als der Wunsch, diese durch denselben beseitigt zu sehen, waren es nur, welche der Sprecher vorzubringen hatte und fanden nach vielem Hin und Her ihre Erledigung. Hierauf ließ ich die Abgesandten fragen, welche Gründe den Häuptling bewogen hätten, die Verträge zu brechen und in so drohender Weise gegen eine von mir abgesandte Arbeitskolonne aufzutreten, hätte ich doch für die Benutzung der Fähre und für die Freigabe der Wege durch ihr Dorf reichlich Zahlung geleistet.
Nie indes wird der Neger zu bewegen sein, eine direkte Frage kurz und bündig zu beantworten, so lange ihm noch ein Ausweg offen bleibt, und weitschweifig, indem er immer neue Argumente hervorsucht, antwortet er stets ausweichend. Dadurch erfordern die Schauri von Seiten eines Europäers auch eine gute Portion Geduld und nur zu oft muß er sich in die Weitschweifigkeiten einer Verhandlung fügen, will er seine Absicht nicht vereitelt sehen, namentlich wenn keine Macht ihm zur Seite steht, die von vornherein seinen Wünschen Nachdruck giebt.
In diesem Falle wich der Sprecher auch den direkten Fragen gewandt aus, sodaß es Herrn Scharre schließlich überdrüssig wurde, noch länger mit diesen Querköpfen zu verhandeln, die dadurch nach ihrer Meinung dem Europäer zu imponiren glauben, wenn sie ihre fade Weisheit in recht viele nichtssagende Worte kleiden oder in Vergleichen und halben Räthseln stundenlang sprechen. Es wurde ihnen noch nahegelegt, das Benehmen der Dorfbevölkerung den Europäern gegenüber könne schlimme Folgen haben und solches möchten sie ihrem Fumo mittheilen, wenn derselbe es nicht vorziehen sollte, sich mit mir ins Einvernehmen zu setzen. Auf jeden Fall aber würden sie klug thun, am folgenden Tage eine entscheidende Antwort mir zu überbringen, wenn sie unangenehmen Folgen wollten aus dem Wege gehen; ich aber befolgte den Rath, geduldig die Entscheidung des Häuptlings abzuwarten, ehe ich weitere Schritte in dieser Angelegenheit unternahm.
Am folgenden Morgen hatte ich denn auch das Vergnügen dieselben Abgesandten mit dem dazu gehörigen Gefolge, alle der Würdigkeit der Sendung gemäß geschmückt und ein etwas feierliches Gepräge zur Schau tragend, auf der Werft zu begrüßen. Ich eröffnete hierauf das Schauri mit der kurzen Frage, welches die Gründe sind, um derenwillen sie plötzlich eine so feindliche Stellung meinen Leuten gegenüber eingenommen hätten, sogar mit Waffengewalt gedroht wurde, wenn die Abtheilung nicht freiwillig das Feld geräumt hätte. Eine lange Rede des Wortführers war die Antwort, aus der mein Dolmetscher sich nur so viel zusammen reimen konnte, daß das Ergebniß Unsinn, der Sinn Widerspruch sei. Ich forderte sie nach einer Stunde unnützen Parlierens auf, mir eine bestimmte Antwort endlich zu geben, und legte die Fragen so klar und kurz, daß es unmöglich schien, anders als ein Ja oder Nein darauf zu erhalten; aber konnten oder wollten sie mir nicht Rede stehen, ich erreichte nichts und ließ ihnen, als meine Geduld zu Ende ging, erklären, daß, wenn ein gütiges Verhandeln zwecklos wäre, ich Soldaten genug habe und viel mehr Gewehre wie sie, um nöthigenfalls der Gewalt Gewalt entgegenzusetzen; ich würde morgen früh selbst die Truppe führen und jeden Widerstand zu beseitigen wissen.
Solcher Bescheid war entschieden nicht nach ihrem Sinn und zögernd schickten sie sich an, die Werft zu verlassen, nachdem ich jedes weitere Verhandeln abgebrochen hatte, sie konnten sicherlich nicht den weißen Mann begreifen, der so würdige Abgesandte nicht mal mit dem üblichen Geschenk bedachte. Hätte ich mich dazu herbeilassen wollen, würde ich das gewünschte Resultat wohl erzielt haben, aber ich sah nicht ein, warum ich noch eine Art »Hongo« (Zoll) zahlen und die schwarze Gesellschaft erst ködern sollte, wenn ich schon mehr als genug gegeben hatte und nur darauf bestand, daß die früheren Abmachungen zu Recht bestehen blieben.
Nach reiflicher Ueberlegung aber beschloß ich doch meinen am ersten Tage gefaßten Vorsatz, den Häuptling persönlich aufzusuchen, zur Ausführung zu bringen, erstens erschien es mir gerathener auf friedlichem Wege diese Schwierigkeit zu lösen, zweitens mit Bewaffneten hätte man mich nicht über den Fluß gesetzt und solche Wichtigkeit legte ich der Sache noch nicht bei, um weitgehendere Maßregeln zu treffen. Daher nur in Begleitung von zwei Mann und ohne jegliche Waffen, ging ich am nächsten Morgen zur Fähre, darauf rechnend, der Fährmann würde keinen Anstand nehmen uns überzusetzen. Allein vergeblich wartete ich, kein Fährmann folgte der Aufforderung überzusetzen und ebensowenig ließ sich etwas von dem im dichten Ufergebüsch versteckten Kanoe entdecken. Erst nach geraumer Zeit bequemten sich ein paar junge Leute das Fahrzeug aus dem Uferschilf herauszuschaffen und uns, nachdem sie den Zweck meines Kommens erfahren hatten, der durch Boten wahrscheinlich erst ihrem Fumo mitgetheilt wurde, mit vielem Geschick durch die reißende Strömung am anderen Ufer abzusetzen.
Vertraut mit den Irrgängen eines Negerdorfes, dessen schmale Pfade labyrinthartig zwischen Hütten, hohem Gras, durch Busch und Unrat führen, war ich, gefolgt von nur wenigen Bewohnern, durch das Gras zu dem großen freien Platze gelangt, der als Versammlungsort diente und wo unter dem Schatten eines gewaltigen Baumes die Berathungen abgehalten werden. Einer Tenne gleich so fest und meistens sauber ist der Boden um solchen Baum, eigentlich auch nur der einzige Ort von dem man sagen kann er werde reinlich gehalten; heute aber und fast zu jeder Tageszeit befanden sich hier nur Mais und Matama stampfende Weiber, umgeben von einer Schaar Kinder, die beim Erblicken des weißen Mannes theils schreiend zu ihren Müttern liefen, theils in den naheliegenden Hütten verschwanden.
Die Prozedur des Mais- und Matamastampfens wird nur von den Frauen vorgenommen, die Geräthe sind ein Holzgefäß und zwei Stampfer, ersteres ist aus einem etwas über zwei Fuß hohem Holzklotz gefertigt, dessen Aushöhlung oben weit nach unten zu aber spitz zu läuft, der Stampfer ist ein einfacher Pfahl von hartem Holz an beiden Enden zugespitzt. Ist ein Quantum des Getreides in ein solches Gefäß geschüttet, wird dieses dann meistens von zwei Frauen derart bearbeitet, daß, indem sie die Stampfer abwechselnd in rascher Folge mit aller Kraft hineinstoßen, die Körner auf diese Weise zermalmt werden. Es erfordert eine gewisse Ausdauer stundenlang solche Arbeit zu verrichten, und sehr häufig sieht man, daß die Mütter ihre Säuglinge auf den Rücken gebunden haben, die mit jedem Stoß in eine hüpfende Bewegung gerathen und mit den Köpfen gegen den Körper schlagen. Aber der Negerschädel ist fester gebaut, die Kinder finden in solcher Lage Schlaf und Ruhe, selbst den unbedeckten kleinen Köpfen schadet nicht mal der glühende Strahl der Sonne.
Sind die Körner fein genug gestampft, und bestimmt zu Mehl verrieben zu werden, kommen sie unter die Mühle d. h. sie werden in kleineren Mengen zwischen zwei Steinen gerieben, von denen der größere auf einer reinen Matte gelegt wird, der kleinere mit den Händen gefaßt, durch Hin- und Herschieben das Mehl herstellt. Zur Bereitung des Pombe (Bier) genügt schon das Stampfen; auf ein Quantum zermalmter Körner wird kochendes Wasser gegossen, dann abgekühlt, geht die Masse in Gährung über und nach einigen Tagen noch mehrmals aufgekocht, giebt sie ein braunes ziemlich dickes Gebräu, das, wenn gut und reinlich zubereitet, auch von Europäern gern getrunken wird und selbstverständlich viel Nährstoff enthält.
Zerstreute Körner, welche durch die Wucht, mit welcher die Stampfer aus und eingetrieben werden, herausfallen, dienen der gackernden Schaar von Hühnern und Tauben, die gierig jedes zur Erde fallende Körnchen aufpickten, zur Nahrung. Diese Thiere lassen sich nicht verscheuchen noch zeigen sie irgend welche Scheu vor den herumlaufenden Kindern. Eigentliche Verschläge für das Federvieh giebt es nicht, Bäume, Sträucher und Dächer der Hütten dienen diesem zum nächtlichen Aufenthalt; besser ist es auch, die Thiere sind frei, denn in schlecht gebauten Ställen gelingt es der Pantherkatze gar leicht einzubrechen und richtet diese dann gewöhnlich eine starke Verheerung unter den eingeschlossenen Thieren an; ich habe es zweimal erfahren, wie unersättlich solche Katze morden kann.
Da der Weg zur Behausung des Häuptlings vom Berathungsplatze mir unbekannt war, suchte ich diesen bei den Frauen zu erkundigen, indes aus Furcht oder Scheu gaben sie keine Antwort auf meine Fragen, bis sich ein kleiner kouragirter Bursche meldete, der sich erbot uns den Weg zu weisen. Weiter nun zwischen Hütten und Gras, durch Busch und über Gräben, vorbei an Maisfeldern, näherten wir uns der Behausung des Fumo, die in sich selbst abgegrenzt, außerhalb des Dorfes gelegen war. Eine ausgedehnte Rohrumzäunung umfaßte sowohl das Wohnhaus des Häuptlings, als auch eine Anzahl Hütten in denen die nächsten Angehörigen desselben wohnten. Und zwar leben die nächsten Verwandten immer zusammen, weil es Sitte ist, daß der Schwiegersohn sich stets an der Hütte oder im Gehöft seines Schwiegervaters ansiedeln muß, dessen Arbeitskraft und Besitz fortan der ganzen Familie zugehört. Die Nachfolge in der Häuptlingswürde ist auch hier keine direkte, nicht der Sohn sondern der Neffe, also dem Schwester- oder Tochtersohn fällt die Würde zu; es ist auch gleichgültig ob der Mann einer Häuptlingstochter im gleichen Range steht oder nicht, durch Heirath wird dieser zu dem Stande der Frau erhoben; auch für die Rangstufe eines Kindes aus solcher Verbindung entscheidet nur die Abstammung der Mutter. Weil die Erbfolge eine weibliche ist, haben die Frauen einen gewissen Einfluß, aber auch nur in dieser Hinsicht, sonst im Uebrigen ist ihre Stellung eine wenig beneideswerthe.
Den Eingang zum großen Vorhofe hatten wir bald gefunden, und hatte ich erst die Absicht selbst zum Hause des Häuptlings zu gehen, um nicht zu lange den glühenden Sonnenstrahlen ausgesetzt zu sein, allein auf dem ganzen Platze waren so viele große und kleine Pombetöpfe zerstreut umgeworfen, daß man Mühe hatte hindurchzukommen, wollte man nicht mit solchen jetzt schmutzigen Gefäßen in näherer Berührung treten. Zwar gewohnt, die Umgebung einer Negerhütte schmutzig zu finden, zum mindesten für einen Europäer nicht einladend, war dieser Platz doch geradezu zu unsauber, dazu der widerlich saure Geruch, der den Töpfen entströmte, machte ein Verweilen in dessen Nähe unmöglich. Ein großes Gelage war hier abends vorher gefeiert worden -- die Ngomatrommel hatte ich bis spät in die Nacht hinein auf der Werft hören können -- dafür gaben die vielen zum Theil noch mit Bierresten versehenen Thongefäße beredtes Zeugniß, und dieser üblen Sitte, sich in Unmassen Pombe zu berauschen, opfern die Eingeborenen oft den besten Theil ihrer Ernten.
Ein weiteres Vordringen oder längeres Verweilen in dieser von üblen Gerüchen geschwängerten Atmosphäre blieb mir erspart, da auf dem Rufe des kleinen Führers ein einzelner Mann erschien, der sich nach unserem Begehr erkundigte; unterrichtet davon, brachte er bald darauf den Bescheid, der Fumo ließe ersuchen nur ein wenig zu warten.
Hat ein Pomberausch gemeinhin auch keine nachhaltigen Folgen, so ist es doch erklärlich, daß die Zecher weit in den hellen Tagen hinein schlafen und sich träger Ruhe überlassen um gestärkt, am Abend vielleicht schon, die Fortsetzung zu machen; liegt doch kein Bedürfniß zu irgend einer Arbeit vor, die nicht aus freiem Willen unternommen wird, denn was häusliche Beschäftigungen oder Feldarbeit anbelangt, so sind ja die Frauen dazu da; darum konnte es mir weiter nicht Wunder nehmen, wenn noch um die Mittagsstunde alles im tiefen Schlafe lag.
Ich zog es also vor, außerhalb des Gehöftes die Ankunft des Häuptling abzuwarten, bis mir schließlich das Verweilen in der heißen Sonne etwas unbequem wurde und schon hatte ich einem Boten Ordre gegeben den Fumo zu fragen, ob ich noch lange auf seine Ankunft warten müße, als derselbe mit seiner Begleitung von einer Seite erschien, von wo ich ihn nicht erwartet hatte. Etwas überrascht, den Häuptling und seine männliche Verwandtschaft in halbeuropäischer Kleidung zu sehen, die freilich nur aus bunten baumwollenen Hemden bestand, konnte ich mir leicht die Verzögerung dadurch erklären, daß allerdings der Eingeborene zu solcher Ausstaffirung etwas mehr Zeit gebraucht als der Europäer.
Nach der üblichen Begrüßung konnte ich die mehrfache Aufforderung des Fumo, ihn zum Berathungsplatz zu folgen, als besondere Höflichkeit ansehen, aber mich zu einem Schauri zu bequemen, damit war mir nicht gedient und lehnte ich solches Ansinnen entschieden ab, aus dem Grunde schon, weil mir zur Genüge bekannt war, welche Bewandtniß es damit hat und auch, wenn erst das halbe Dorf sich dazu eingefunden, erstens viel Zeit verloren gehe, zweitens, ich nur wenig oder nichts erreichen würde. Darum den Zweck meines Kommens mit wenig Worten erklärend, drang ich darauf, mir die Gründe anzugeben, warum meinen Leuten der Durchzug durch das Dorf verwehrt worden sei und die Fährleute, die doch reichlich bezahlt würden, uns Schwierigkeiten bereiteten! Die Verlegenheit, in welcher der Häuptling durch diese bestimmten Fragen versetzt wurde, war natürlich groß, als er mit der Wahrheit, das Auftreten der Dorfbewohner ist nur eine Agitation gegen die Europäer gewesen, nicht herausrücken konnte, wußte sich aber zu helfen und gab mir den unerwarteten Bescheid, daß allein nur deshalb seine Leute, ohne seinen Befehl nebenbei, so gehandelt haben, weil sie einen geschlagenen Weg im Urbusch gefunden hätten, der vermuthen ließ, daß doch in ihrem Todtenhain der Europäer Bäume schlagen wolle und einige bereits zertretene Grabstätten gesehen haben wollten. Daß diese Angaben unwahr sind, wußte ich, hatte ich doch seinerzeit selbst, unter Wahrung der mir bekannten Gewohnheit der Eingeborenen, ihre vornehmeren Todten am Fuße der schönsten Bäume zu begraben, alle Anordnungen getroffen und war überzeugt, gegen diese ist nicht verstoßen worden.
Es war das zweite Mal, daß in gleicher Weise vorgegangen und die gleichen Beschwerden vorgebracht wurden; darum ließ ich den Häuptling fragen, warum er denn zur Selbsthilfe geschritten und den Anschein aufkommen lasse, als suche er Streit mit den Europäern, er wisse doch was ich mit ihm abgemacht hätte, und wirkliche Ungehörigkeiten durch eine Anzeige seinerseits sofort abgeholfen wären? Darauf wußte er aber nichts zu antworten. Meine Meinung, sagte ich ihm, hätte ich gestern seinen Abgesandten zu verstehen gegeben, komme er aber nicht mit vielen Gewehren und drohe wie seine Leute, sondern ganz allein, obgleich ich viele Waffen und viele Soldaten (Askaris) habe. Die Wege durch sein Dorf wolle ich nur benutzen, weil sie bequem und gut sind und auch keine anderen durch das Dickicht führen; ferner wiederhole ich es, kein Weißer noch Schwarzer soll das anrühren, was ihnen heilig ist, kein Baum noch Grab soll berührt werden. Wir sind nur hier, um unser Schiff zu bauen, ist das vollendet gehen wir zum Nyassa-See und kehren nie mehr hierher zurück, wir sind keine Engländer und unser Dorf erbauen wir sehr weit von hier, viel weiter noch als Makangilas Land -- diesen aufrührischen Häuptling am Nyassa erwähnte ich deshalb, weil dessen Name wohlbekannt war und um klar zu machen, wie weit fort von hier wir gehen würden. --
Unsere gute Absicht schien dem Fumo schließlich einzuleuchten, er gab wiederholt seine Zustimmung zu erkennen mit der Zusicherung, daß ich überall Bäume schlagen könne, so weit sein Gebiet reicht, wenn nur die Grabstätten verschont bleiben. Zufrieden mit dieser Zusage schieden wir dann im besten Einvernehmen und da von unserer Seite streng auf die Abmachungen gehalten wurde, kamen auch weiter keine Mißhelligkeiten vor.
Nun auf diese Weise das alte Verhältniß wieder hergestellt worden war, ließ ich auch sofort die schon drei Tage unterbrochene Arbeit wieder aufnehmen, mit der Absicht, sobald mir nur erst unser Boot zur Verfügung stehen würde, lieber selbst einen Weg durch das Dickicht zu hauen, sei es auch mit noch so großen Schwierigkeiten, als noch länger gewissermaßen von dem guten Willen der Eingeborenen abhängig zu sein und meine werthvolle Zeit zur Schlichtung von Streitigkeiten opfern zu müssen, denn nur der Mangel eines Bootes hatte mich gezwungen, solche Maßregeln zu ergreifen, und der Zeitverlust, der entstanden wäre, hätte ich mir ohne genügende Mittel einen meilenlangen Weg durch Gebüsch und Rohr hauen wollen.
Indes ehe ich an die Ausführung dieser Arbeit denken konnte, mußten die Erdarbeiten nahezu beendet, auch von Katunga der erste Wagentransport eingetroffen sein, da ich mit zwei derselben die schweren Balken aus dem Dickicht herauszuschaffen gedachte; namentlich mir leichter Wege bahnen konnte, wenn ich, wo es angängig war, mit den Wagen durch Dick und Dünn fuhr. Auf der Werft ging alles seinen geregelten Gang, soweit es mit den vorhandenen Kräften möglich war, auch jedes Unternehmen hatte sichtlichen Fortgang und im Anfang März waren schon die Schmiedeschuppen mit Haus, sowie das große Lagerhaus nebst der Umzäunung beendet. Jetzt aber, wo schon die Feldschmieden und Handwerkszeug, Schiffsrippen und viel anderes Material durch immer zahlreicher eintreffende Wangoni-Träger herbeigeschafft wurden, galt es auch daran zu denken möglichst bald mit dem Zusammennieten der einzelnen losen Theile zu beginnen und die Frage, wie nun Kohlen beschaffen, drängte sich immer unabweislicher auf. Jeder Versuch, den ich hatte unternehmen lassen, war bisher mißglückt, zum wenigsten nicht dem entsprechend, daß wir hätten reichlich auf Vorrath rechnen können und der auch unter der beständigen Aufsicht eines Europäers hätte ausgeführt werden müssen.
So suchte ich denn nun selber eine Methode zur Ausführung zu bringen, die ich mir als praktisch ausgedacht, und die auch schon ein Handwerker früher im Lager ausführen sollte, aber verfuscht hatte, nämlich in Erdlöchern Kohlen zu brennen. Der feste thonhaltige Boden auf der Werft schien mir besonders dazu geeignet den Versuch zu wagen, nebenbei der letzte, da mir sonst keine bessere Idee kommen wollte; Steine brennen und mit Mühe einen Hochofen erbauen, dazu hatten wir kein genügend gutes Material, erst dann hätte ich von Blantyre Ziegelsteine herbeischaffen lassen müssen, verbunden mit vieler Mühe und bedeutenden Geldkosten, wenn dieser Versuch auch mißglückt und sich als unpraktisch erwiesen hätte.
Zuversichtlich ging ich ans Werk mit der Ueberzeugung es müsse gehen und ließ an jener Stelle, wo zwischen Ufer und der Grabstätte, die ich hatte von der Werft ausschließen müssen, noch reichlich Platz vorhanden war zuerst ein mannstiefes Loch graben, das oben eine möglichst kleine Oeffnung hatte, auf zwei Fuß Tiefe aber so erweitert wurde, das es die Form eines richtigen Kessels erhielt; damit dem Feuer aber der genügende Luftzug nicht fehle, ließ ich anfänglich einige Fuß davon noch ein kleineres gerade herunterführen und unten beide in Verbindung setzen, da letzteres als Luftzufuhr jedoch nicht genügte, so wurde noch ein zweites ausgehoben.
Bedacht darauf nur hartes trockenes Holz zu verwenden, mußten für einen Tag sämmtliche Atonga in die Berge und nach Möglichkeit Stämme herbeischaffen, die zerkleinert im Hauptloch aufgestapelt und in Brand gesetzt wurden. Sobald die Gluth groß genug war, wurde schnell jede Oeffnung mit Aesten, Gras und Erde zugedeckt damit kein Rauch mehr entweichen konnte, und die große Hitze noch nicht durchgebrannte Kloben als Kohle zurücklassen mußte. Der erste Erfolg entsprach noch nicht der Erwartung, die gewonnene Kohle wenigstens nicht der Menge des verbrannten Holzes, aber so viel war gewiß, ich hatte mit der Herstellung eines solchen Ofens keinen Fehlgriff gethan. Die Erfahrung zeigte mir bald, worin der Fehler lag, für die Folge konnte ich denn aber auch mit dem Ergebniß sehr zufrieden sein. Die Nothwendigkeit, noch einen zweiten und später einen dritten Ofen herzustellen, erwies sich als unabweisbar und zwar deshalb, weil die Abkühlung 36 Stunden dauerte, ehe sich ein Mann hineinwagen und die Kohlen herausschaffen konnte, in Folge also umschichtig jeden Tag einer geöffnet und wieder angezündet wurde, um den Bedarf an Kohlen zu decken.
Sehr gelegen kamen mir in diesen Tagen eine Abtheilung Wangoni 21 Mann und eine Frau, die um Arbeit anfragten; unter anderen seien hier einige Namen derselben genannt: Angola, Singano, Aligara, Tarejenji, Kamalami und die Frau Njapine. Diese Leute, die stets fleißig und bescheiden, hatte ich viele Wochen im Dienst, aber ob sie auch täglich Brennholz herbeischafften reichte ihre Zahl mitunter doch nicht aus, den Bedarf für die Oefen zu decken. Unter diesen Wangoni fand ich zuerst Leute mit spitzgefeilten Zähnen, die ihr sonst wirklich prächtiges Gebiß, auf diese Weise verunziert hatten; übrigens wird dies bei den Wangoni als eine Zierde betrachtet, und erfordert es gewiß eine gute Portion Geduld, wenn man bedenkt, mit welchen einfachen Mitteln diese Prozedur ausgeführt wird.
Das Leben auf der Werft war gewissermaßen für mich ein recht eintöniges, sofern ich als einziger Europäer dort lebte und jeder Gesellschaft entbehrte, denn auch Spenker, der anfänglich mit mir übergesiedelt war, wurde durch den Höllenlärm, den die Eingeborenen jede Nacht mit ihren Ngomas machten, vertrieben. Nach des Tages schwerer Arbeit, wenn ich müde und marode geworden, hatte ich auch kaum mehr Lust, den Weg zum Lager zu machen um dort Unterhaltung zu suchen, schon der weite Weg zurück in dunkler Nacht zwischen mannshohem Grase, durch tiefen Schlamm, abgesehen davon, daß um Lager und Dorf nächtlicher Weile der Panther und die Hyäne schlich, wog das Vergnügen nicht auf. Gewöhnlich nach einem erfrischendem Bade, dem frugalen Abendessen, das mein Koch und Diener bereitete, suchte ich schon früh das Lager auf, denn das Feldbett in Ermangelung von Stühlen, bot den bequemsten Ruhesitz, arbeitete ich denn meistens noch stundenlang bei flackerndem Kerzenlicht, bis die Abspannung den Schlaf herbeiführte. Hatte ich aber die Ruhe im traumlosen Schlaf gefunden und war trotz der durch die Stille der Nacht herübertönenden Ngomaschläge aus anderen Orten, fest eingeschlafen, dann antwortete im Dorfe bald eines, bald mehrere dieser dumpf dröhnenden Instrumente und rief an mehreren Plätzen zugleich die träge vor ihren Hütten sitzenden Einwohner zum Tanz und Spiel, und nur zu willig folgt Jung und Alt der lockenden Trommel und jeder nimmt Theil am nächtlichen Reigen, unbekümmert darum, ob sie die Ruhe anderer stören oder nicht.