Die deutsche Dampfer-Expedition zum Nyassa-See.

Part 31

Chapter 313,497 wordsPublic domain

Es ist ein Glück, daß die Bewohner des schwarzen Erdtheils die Macht des Europäers als eine unbegrenzte noch ansehen und solche leicht anerkennen, sobald sie im Guten oder Bösen eine Probe davon erhalten haben, ist aber dieser Nimbus einmal zerstört, dann wehe der kleinen Schaar, die sich in ihrer Mitte wagt, nur ein Aufgebot starker Macht zwingt dann den grollenden Gegner wieder zur Unterwerfung.

Während nun die geschilderten Vorgänge bei Lionde sich abspielten, die Feinde vor der eilig vordringenden Macht in die Berge oder rückwärts flohen, wurde meine Stellung in dem schwachbesetzten Lager gefährlicher als früher insofern, als ich mich viel eher auf einen ernsten Kampf gefaßt machen konnte und gezwungen war, namentlich Nachts die größte Wachsamkeit zu üben. Nach den gemeldeten Nachrichten, es haben sich auf beiden Ufern des Schire Feinde um Mpimbi gesammelt, konnte ich einen Angriff auf meine schwache Stellung erwarten, sobald irgend eine Kunde vom Kampfplatz eintraf, die geeignet war, die im Rücken der Engländer versammelten Haufen mit neuem Muth zu beleben. Ich exerzirte daher meine paar Leute täglich ein, um auf alle Eventualitäten diese möglichst sicher zu haben, ohne jedoch irgend jemand von meiner Voraussetzung auch nur etwas mitzutheilen, denn was so den Anschein einer Uebung hatte, wäre, wenn alle die Besorgniß erfüllt hätte, plötzlich überfallen zu werden, bei den maroden Abessiniern und zu Soldaten untauglichen Suaheli nur von nachtheiliger Wirkung gewesen.

Um die Mittagsstunde des 21. Februar, ein jeder hatte, sofern er nicht durch Ausübung seiner Pflicht davon abgehalten wurde, in Hütte und Haus vor den glühenden Strahlen der Sonne Schutz gesucht und sich im kühlen Schatten der Ruhe hingegeben, ertönten plötzlich in dem das Lager umschließenden Buschwald dumpfe Schüsse aus Vorderladern abgefeuert und so nahe, daß es schien, als habe der unsichtbare Feind die Absicht, aus dem deckenden Dickicht hervorzubrechen. Im Moment war das Lager alarmirt, jeder Mann auf seinen Posten und den Heranziehenden wäre ein schlimmer Empfang bereitet worden, wenn ich nicht jedes voreilige Schießen verboten hätte und keiner eher Feuer geben sollte bis es von einem Europäer befohlen worden war. Diese Instruktion verhinderte zum Glück sofortiges Schießen, auch war ich schnell genug herausgesprungen um noch ein voreilig gegebenes Kommando an der Ausführung zu hindern; kurz nach den Schüssen erschallte auch das deutsche Hornsignal, woraus ich entnahm, daß kein Feind im Anzug war. Gleich daraus erschienen vor der verschanzten Waldpforte die erste Kolonne Atonga, denen in langer Linie viele andere folgten, die Einlaß begehrten.

Der führende Offizier, Leutnant Bronsardt v. Schellendorf, war nicht wenig erstaunt, das Lager so kampfbereit zu finden; klärte aber schnell das Mißverständniß auf, das so leicht sehr üble Folgen hätte haben können, wenn nicht auf beiden Seiten mit Ueberlegung gehandelt worden wäre. Es hatten nämlich gegen sein striktes Verbot einzelne Kapitaos nicht unterlassen können, ihre Vorderlader abzufeuern aus Freude darüber, endlich am Ziel angelangt zu sein, und um die Wirkung dieser unzeitig gegebenen Schüsse sofort abzuschwächen, ließ er schnell das deutsche Signal blasen, was das einzige Mittel noch war, da er nicht so schnell nach vorne springen und dem Feuern Einhalt gebieten konnte. Diese Atonga, 275 an Zahl, waren auf Befehl des Major von Wißmann durch v. Bronsardt in Bandawe angeworben worden, zu der Zeit, als die Vorexpedition an jenem Orte für einige Tage mit der Domira dort gerastet hatte, und von hier, vom Westufer des Nyassa-Sees, durch diesen Offizier bis nach Mpimbi geführt wurden. Der Major, bestrebt, für seine Expedition möglichst viele Kräfte heranzuziehen, da die Trägerfrage der Transport-Abtheilung große Schwierigkeiten bereitete, hatte diese Anwerbung vornehmen lassen, um einen Arbeiterstamm zu beschaffen, der für die Dauer des Schiffbaus zur Verfügung stehen würde und erst entlassen werden sollte, wenn das ganze Werk vollendet wäre. Es war keine kleine Aufgabe und eine nicht zu unterschätzende Leistung mit nur wenigen Soldaten diese Kolonne den weiten Weg von der Mitte des Sees, durch Grassavannen und Gebirgsland, durch das Gebiet unzuverlässiger Häuptlinge, in dieser Zeit des allgemeinen Aufstandes zu führen und obwohl die feindlichen Stämme verschiedentlich den Weitermarsch zu verhindern gesucht, einige Male ernste Rekontre auch stattgefunden hatten, wagten sie doch keinen ernsten Widerstand zu leisten, da der großen Truppe genügend Gewehre mitgegeben worden waren. Anders verhielt es sich mit der Verproviantirung so vieler Leute und es ist sehr erklärlich, daß in den langen Wochen öfters empfindlicher Mangel an Lebensmitteln vorgeherrscht hat, wenn der Verkauf derselben verweigert wurde oder tagelang unbewohnte Gegenden zu durchziehen waren.

Ein tüchtiger Jäger, schaffte v. Bronsardt immer Wild herbei, wo solches zu finden war, und diesem Umstande hatte er es zu danken, daß er oft der Noth gesteuert und noch so viele Leute hatte mitbringen können, denn die Aussicht auf frisches Fleisch hielt in Tagen der Entbehrung die Leute zusammen, die sonst dem Beispiel vieler anderer gefolgt und desertirt wären, so lange es noch Zeit und nicht feindliche Stämme dem einzelnen den Rückweg abgeschnitten hatten.

Erwähnen will ich hier gleich, daß die Kultur des Tabakbaues von den Atongas am Nyasse-See als Spezialität besonders betrieben wird und sie dadurch ein Mittel in Händen haben, die weite Wanderung von ihrem Heimathland bis nach Blantyre und weiter unternehmen können, ohne besonders Mangel zu leiden, denn der in Rollen mitgeführte Tabak, in kleinen Stücken verkauft, giebt ihnen die Möglichkeit Lebensmittel einzutauschen, was sonst unmöglich wäre, da sie an anderen Dingen ebensowenig besitzen wie alle umwohnenden Stämme, auch der Neger gegen den Angehörigen eines fremden Volkstammes nicht gerade freigiebig sich erweist, er reicht dem Hungrigen nichts umsonst. Die Atonga, die kurz nach der Ernte ihre Wanderung nach dem Schirehochland antreten, um bei den Europäern sich auf den Plantagen oder als Träger zu verdingen, versuchen es auch häufig gleich Vagabonden sich durchzuschlagen und wo es angängig aus den Feldern sich Lebensmittel holen, theils um ihren Vorrat an Tabak zu schonen, theils weil der Hunger sie dazu treibt. Freilich laufen sie Gefahr, von den wachsamen Besitzern niedergeschossen zu werden, die diese Selbsthilfe in Anwendung bringen, ohne je für solche That zur Rechenschaft gezogen zu werden, wie es bei Mpimbi vorgekommen und oft geschieht, um die Langfinger, die das Mausen nicht lassen können, abzuschrecken.

Die Atonga behandeln auf folgende Weise den Tabak: die stattliche Pflanze, wie schon früher erwähnt, erreicht oft die Höhe von fünf Fuß und darüber, die Blätter, die lang und breit sind, werden, sobald die Zeit der Blühte vorbei ist, noch grün abgepflückt, um sogleich, ohne eine Art von Fermentierung vorzunehmen, in dicken Strähnen aufgeflochten zu werden, dann in Rollen, die oft von 30 bis 50 Pfund schwer, gewickelt und in Bananenbast gut verpackt, lassen sie den Tabak allmählich trocknen, der aber in sich selbst Feuchtigkeit genug enthält und nicht, wie wohl anzunehmen, von den heißen Sonnenstrahlen ganz ausgetrocknet wird. Gewiß ist solches Kraut etwas kräftiger Natur und erfordert, wenn man dieses zu rauchen sich gewöhnen will, einen gerade nicht empfindlichen Magen, giebt aber in Ermangelung von etwas Besserem doch eine leidlich schmeckende Pfeife Tabak.

Auch starke Schnupfer sind diese Atonga und würde manchem Gewohnheitsmenschen in Europa, für dessen Riechorgan kein genügend kräftiges Fabrikat mehr gefunden werden kann, das noch zum Niesen reizt, der von den Atonga bereitete Schnupftabak als ein Mittel dazu zu empfehlen sein. Sie bereiten sich denselben aus den Blättern ihres Tabaks, indem kleine Stücken desselben gewöhnlich auf einem Stückchen Blech überm Feuer geröstet und durch die Hitze pulverisirt werden, und gerade diese feinen Körnchen, von der Schärfe des Pfeffers, bewirken, wenn sie sich in den Schleimhäuten der Nase festgesetzt haben, ein urkräftiges Niesen, derart, daß der Körper durch diesen übermächtigen Reiz gewaltig durchgeschüttelt wird und ein Nichtschnupfer sobald nach einer zweiten Dosis kein Verlangen trägt.

An den beiden folgenden Tagen, den 22. und 23. Februar kehrten v. Eltz und Dr. Röver mit den Soldaten zum Lager zurück und wurde nun, was mir sehr lieb, das Kommando des Lagers Dr. Röver übertragen. Die soweit getrennt liegenden Orte, Lager und Werft hätten sich doch nur schlecht unter ein Kommando vereinigen lassen, da jedes für sich eine gesonderte Leitung nöthig machte, weil an beiden vorläufig große Arbeiten ausgeführt werden mußten. Entlastet war ich insofern, als die gesammte Verpflegung laut Befehl des Majors, der Kommandant das Lager zu übernehmen hatte, ich mich mit dieser leidigen Angelegenheit fernerhin nicht mehr zu befassen brauchte.

Sobald die Atonga nun abgetheilt waren, von denen ich 30 als beständige Werftarbeiter behielt, wurde die ganze Schaar möglichst schnell nach Katunga geführt, um von dort mittelst der Karren unsere schwersten Lasten über das Gebirge nach Mpimbi zu schaffen; und schwerlich hätten wir für diese mühselige und zum Theil auf den in der Regenzeit sehr schlechten Gebirgswegen bessere und willigere Leute finden können wie es diese Atonga waren. Der übliche Lohn für jeden Arbeiter beträgt hier zu Lande monatlich 6 Faden gleich 36 Fuß Calico (weißes Zeug) geringerer Qualität, im Werthe von 4 Mk. 80 Pf. Ortspreis, dazu wöchentlich zur Verpflegung noch 3 Fuß Zeug gleich 40 Pf. mithin würde der Monatslohn für einen guten Arbeiter 6 Mk. 40 Pf. betragen. Bedenkt man, daß den englischen Firmen die Yard gleich 3 Fuß, direkt von Bombay bezogen, mit Fracht und Trägerkosten, selbst Schädigung eingerechnet, auf 18-20 Pf. zu stehen kommt, wird man zugeben müssen, daß die Arbeit doch noch recht billig ist. Die Träger, sofern sie nicht im Monatslohn stehen, erhalten zwar mehr z. B. für die Tour von Katunga-Blantyre einen Faden, Katunga-Mpimbi zwei Faden Zeug, gemeinhin dann aber keine Poscho, d. h. Verpflegung. In Fort Johnston stellt sich der Preis einer Yard auf 6 Pence, etwas mehr als 50 Pfg., aber im Norden des Nyassa-Sees schon auf 8 Pence gleich 80 Pf., am Tanganjika-See auf einen Schilling gleich 1 Mk. Diese Vertheuerung des gangbarsten Artikels hat seinen Grund darin, daß die African-Lakes-Comp. das Privilegium des ganzen Transportes bis in letzter Zeit ausschließlich in Händen gehabt hat und für jede Tonne Güter gleich 20 Centner, von Chinde bis Blantyre 20 Lstr. gleich 400 Mk. forderte; den gleichen Preis für einen Reisenden und dessen Handgepäck. Im Jahre 1892 noch kostete jedem Reisenden, der kein Abkommen mit der Compagnie getroffen hatte, eine Tour Chinde-Karonga (Nordende des Nyassa-Sees) etwa 1200 Mk. Jetzt jedoch zahlt man nur etwa noch die Hälfte dieser Summe, weil die Konkurrenz der Gesellschaft das Monopol durchbrochen hat. Alle andern Artikel wie bunte Zeuge, Seife, Taschentücher etc. stehen entsprechend der Grundtaxe dann auch in einem viel höheren Preise und nimmt ein Arbeiter nach sechsmonatlicher Dienstzeit seinen Verdienst in diesen verschiedenen Artikeln, kann er bequem die Auszahlung unterm Arm nehmen und den Heimweg antreten.

In Gegenden, wo die Europäer sich festgesetzt haben, ist es nur naturgemäß, daß auch der Neger seine Produkte vertheuert, er merkt es sich sehr schnell, wenn ihn jemand besser bezahlt und wird den erhaltenen Preis alsbald am zweiten Orte fordern und erhält er ihn nicht, seine Hühner, Ziegen, Bataten, etc. ruhig wieder mit nach Hause nehmen; es sind also die Europäer sich nicht einig, sie vertheuern sich selbst die täglichen Bedürfnisse. Gewöhnlich zahlte ich in Mpimbi für eine ausgewachsene Ziege oder Schaaf an Zeugwerth Mark 3.20 bis 4.80, für ein großes Huhn 20 bis 30 Pfennige. Ziegen und Hühner sind das einzige Fleisch was man erhalten kann, Wild wird je weiter man vordringt an den Ufern des Schire immer seltener, am Nyassa schon eine Delikatesse, weil natürliche Hindernisse es zu schwer machen an die sonst zahlreichen Thiere heranzukommen.

Mein Wunsch war es nach Uebergabe des Lagers sobald als möglich gänzlich zur Werft überzusiedeln und mit den mir vorläufig zur Verfügung stehenden Leuten 30 Atonga, 14 Bacharias (Suaheli) und 12 Sudanesen, letztere als Posten, die Arbeiten zu fördern. Nöthig war es vor allem, mein Wohnhaus zuerst zu beenden, das ich gleicherzeit als Bureau benutzen wollte und deshalb ein Schlaf- und ein Vorzimmer herstellen ließ. Als Beispiel für alle weiteren Bauten, die nur für die Zeit unseres Aufenthalts und unserer Arbeit berechnet waren, will ich hier den Aufbau eines Hauses beschreiben. Je nach der Länge des Gebäudes wurden 4 oder mehr Mittelträger von 14 bis 16 Fuß Länge, jeder oben mit einer Astgabel versehen, etwa 2 Fuß tief in die Erde gesetzt, die Träger für die Seitenwände aus ebensolchen Stämmen bestehend, aber nur 7 bis 8 Fuß über dem Erdboden, und je nach der geplanten Breite des Hauses etwa 6 bis 8 Fuß von den großen Stämmen entfernt, wurden gewöhnlich in einem Abstand von 6 Fuß von einander aufgestellt. Die Zwischenräume dann ringsum mit schlankem Rohr ausgefüllt, das im Erdboden dicht an dicht eingegraben und zwischen den Pfeilern, um solcher Wand Halt und Festigkeit zu geben, durch querliegende Rohrsparren verbunden wurde, ergab eine genügend feste und luftige Einfassung. Auf den Gabeln der Mittel- und Seitenpfeiler ruhten passend lange Stämme, die mit Bambusrohr als Dachsparren verbunden auf diesen wieder querliegende Streifen gespaltenen Rohrs festgemacht, vervollständigten das Dach; die Bedachung selbst bestand aus langem Gras, das in Bündeln, von unten angefangen, schichtweise aufeinander gelegt und an den Sparren mit auf diesem gelegten Flußrohr befestigt wurde. Oben am Giebel wurden über dem Längsbalken feste Graskappen gelegt, die über die an diesem heranreichende Grasschicht so über faßte, daß kein Wasser hindurch dringen konnte.

Die Schräge des Daches gestattet dem Regenwasser schnellen Abfluß und solch ein gut gearbeitetes Dach widersteht lange Zeit d. h. hat solch ein Dach zwei Regenperioden überdauert, legt man um eine weitere Verwitterung vorzubeugen, wieder eine neue Grasschicht oben auf bis es nach Jahr und Tag schließlich nöthig wird die Bedachung gänzlich zu erneuern. Als Bindemittel diente uns der Bast verschiedener Baumarten und gewöhnlich brachten schon die Leute solche Stämme aus den Bergen herunter, deren zähe Borke das gewünschte Mittel abgaben; war solches aber schwerer zu erhalten, dann sandte ich einige Leute aus, um die Blätter der astlosen hohen Fächerpalme herbeizuschaffen, diese für eine Nacht in Wasser gelegt und dann gespalten wurden, ersetzten uns den Bindfaden.

Der vorläufig abgeschlossene Waffenstillstand, der auch zum Frieden führte, sowie die Niederwerfung der Aufständigen, hatte auch die Gemüther der um Mpimbi wohnenden Eingeborenen etwas beruhigt, deshalb konnte ich es wagen die im Urbusch aufgegebene Arbeit, das Fällen und Behauen der Baumstämme, wieder fortsetzen zu lassen. Der Sicherheit halber ging ich selbst mit einer starken Bedeckung hinaus, um mich von allem erst persönlich zu überzeugen und die nöthigen Anordnungen zu treffen, namentlich wie für die nächste Zeit die Aufstellung der Posten gehandhabt werden sollte, da es nicht ausgeschlossen war, daß die von Lionde bis hierher geflohene Bevölkerung doch wider Erwarten einen Ueberfall ins Werk setzen konnte; deshalb schon war es meine Pflicht, die im unzugänglichen Gebüsch Arbeitenden vor einer Ueberrumpelung nach Möglichkeit zu schützen. Daraufhin überzeugt, es sei keine direkte Gefahr vorhanden, ließ ich denn auch die Zimmerleute unter anfänglich starker Bedeckung ihre Arbeiten wieder aufnehmen und sie täglich in den Urbusch und Wald hinauswandern. Auf der Werft, wo inzwischen mit allen verfügbaren Kräften an die Ausschachtung des langen Grabens herangegangen wurde, gelang es mir neben den Atonga und Suaheli auch andere Arbeiter aus dem Dorfe heranzuziehen, wenn auch vorerst nur Weiber und größere Kinder, und rüstig konnte die Abgrabung der Erdmassen, die flüchtig geschätzt, viele tausend Centner betrugen, gefördert werden. Vom Ufer ab, wo eine Wand von 8 Fuß Höhe abzutragen war, die auf 120 Fuß Länge bis auf 4 Fuß abnahm, bei einer Grundbreite von 20 Fuß, sollte diese so gebildete schräge Fläche der Schlipp als feste Lage dienen, zu welcher bereits im Urbusch die Balken behauen wurden.

Ausgerüstet mit reichlichem Handwerkzeug, als Spaten und Pickaxten, nebenbei war der schwere Boden sehr fest und lehmhaltig, war es verhältnißmäßig noch ein leichtes Arbeiten und nur das Wegschaffen der Erde vermittelst flacher Körbe war schwieriger, zumal diese etwas unterhalb der Werft am hohen Uferabhang ausgeschüttet werden mußte. Neben dieser Arbeit konnten indes andere aber auch nicht vernachläßigt werden, namentlich war die Vollendung des schon vor dem Aufstand begonnenen Zaunes, der im ganzen Umkreis über 320 Fuß lang war, dringend geboten; ebenso ein Wachhaus für die Posten am Haupteingang und ein großes geräumiges Magazin.

Hunderte Hände hätte ich anstellen können, um nur genügend Baumaterial aus den Bergen und der Ebene herbeizuschaffen und dann wäre doch noch alles langsam fortgeschritten, das aber lag daran, daß der Weg bis zu den Bergen so weit war und konnte höchstens zweimal am Tage eine Tour dorthin gemacht werden; sollte aber Bambusrohr geholt werden, kehrten die Leute fast immer erst am späten Nachmittage wieder zurück. Anstatt nun aber die Arbeitskräfte zu haben, die zu einer schnellen Förderung nöthig gewesen wären, hatte ich nur die aus dem Lager zur Arbeit auf der Werft abkommandirten Soldaten, deren Zahl nie 20 überstieg, und was die Abessinier anbelangte, dazu eine faule Gesellschaft.

Im Lager, das Dr. Röver nach den Entwürfen unseres Artisten, Herrn Franke, ausbauen ließ, hatte man mit der Zeit auch eine beträchtliche Zahl Arbeiter angestellt, die Häuser und Pavillons aufführten, daß es eine Lust war; zu solcher bequemen Arbeit ließen sich die Bewohner Mpimpis herbei, auf der Werft aber mit schweren Eisenstücken zu hantiren, davor scheuten sie zurück.

Das rege Leben auf der Werft entfaltete sich mehr und mehr -- die Erde schleppenden Frauen und Kinder, die mit Spaten und Äxten hantirenden Männer, die Gras- und Rohrbündel, sowie Baumstämme herbeischleppenden Soldaten, dazu von Katunga ankommende Träger der Wangoni, die Handwerkzeug, Feldschmieden, den Kiel des Schiffes und die eisernen Rippen desselben auf Kopf und Schultern über das Gebirge getragen, gaben ein buntbewegtes Bild. Jeder Europäer fand reichliche Beschäftigung, der eine beaufsichtigte den Häuserbau, der andere die Ausschachtung, ein dritter sollte beim Lager nochmals einen Hochofen aufstellen etc., denn ehe noch nicht der Kiel des Schiffes gelegt und ein Mittel gefunden worden war, auf welche Art wir schnell Kohlen brennen konnten, war es zwecklos, die wenigen bisher eingetroffenen Spanten mit den drei Handwerkern zusammenzunieten.

Aus Katunga, wohin der Transportführer Herr von Eltz gleich nach Abmarsch der Atonga zurückgekehrt war und von wo der Transport des gewaltigen Materials über das Gebirge geleitet wurde, trafen immer zuerst nur solche Sachen ein, die auf der Werft nach meinen Angaben benöthigt wurden, und dort von Sachverständigen, als der Schiffbauer Zander und Maschinist Engelke, zusammengestellt wurden; hingegen verpackte der erste Steuermann Gerloff mit anderen wieder die kleineren Sachen, da sich die Träger entschieden weigerten, das Material in der ursprünglichen Verpackung anzunehmen. In Blantyre, als Zwischenstation, leitete erst Wedler, später der zweite Steuermann Wissemann, die Beförderung und diese wurde mit solcher Genauigkeit ausgeführt, daß ich jeder Zeit darüber orientirt war, welche Gegenstände auf der Werft eingetroffen und welche noch unterwegs waren. Kein Kapitao der Träger, wie es doch mehrmals vorgekommen, erhielt seine Bescheinigung von mir eher, als bis die ihm anvertraut gewesene Stückzahl zur Stelle war. Diese strenge Aufsicht war nöthig, einestheils, weil ein verlorenes Stück schwerlich zu ersetzen wäre, anderntheils, weil die englische African Lakes Comp., die 2000 Lasten zur Beförderung übernommen hatte, nicht für Verluste hätte haftbar gemacht werden können.

Hatte ich geglaubt, daß wir, so lange noch unser Stahlboot von den Engländern nicht zurückgegeben worden war, unbehelligt die Canoefähre unterhalb Mpimbi würden benutzen können und der Häuptling die getroffenen Abmachungen respektieren würde, so sollte ich eines schönen Tages nun eines anderen belehrt werden. Schon um das Uebersetzen zu ermöglichen, mußte den Fuhrleuten ein Gratisgeschenk verabfolgt werden, welches in einem Stückchen bunten Zeug bestand und zu geringfügigen Werth hatte, um dieserhalb die Leute widerwillig zu machen; aber der Neger, sobald er sieht, seine Forderungen werden durch eine gewisse Nachgiebigkeit erfüllt, wird er diese bald derart hoch schrauben, daß sein Benehmen an Unverschämtheit grenzt. Verschiedentlich waren schon Verzögerungen eingetreten und, wenn ich die Zimmerleute längst schon am anderen Ufer wähnte, saßen sie noch wohlgemuth auf der linken Flußseite und warteten geduldig, bis es den Fährleuten gefällig war, sie überzusetzen; kam ich dann selbst, von Ottlich benachrichtigt, zeigten diese noch ein unwilliges Nachgeben und kehrten sich an die Vorhaltungen durchaus nicht.

Wenige Tage später kehrte des Morgens die ganze Abtheilung zurück mit der Nachricht, ihr sei der Durchgang durch das Dorf von mit Speeren und Flinten Bewaffneten verlegt und sie ernstlich bedroht worden, als der führende Europäer ohne weiteres sich nicht fügen wollte. Klug war es von Ottlich gehandelt, in solcher Lage scheinbar nachzugeben, denn ein Konflikt von unabsehbaren Folgen wäre durch irgend eine Gewaltthat sofort heraufbeschworen worden und dadurch zum Mindesten unsere Arbeit in jenem Gebiet für lange Zeit in Frage gestellt gewesen. Die Eingeborenen sympathisierten nur zu sehr mit ihren im Aufstand unterlegenen Freunden, von denen sehr viele in diesen vom Schauplatz entfernt gelegenen Dörfern Schutz und Zuflucht gefunden hatten, und fühlten sich scheinbar stark genug, dem einzelnen Europäer gegenüberzutreten.

Auf solche ernste Nachricht hin mußte etwas Entscheidendes geschehen und zwar bald, denn nur zu leicht giebt sich der Neger einem momentanen Erfolge hin und triumphiert, läßt sich dadurch verleiten, oft Thorheiten zu begehen, deren Folgen er nicht im Entferntesten zu beurtheilen vermag.

Schnell entschlossen brach ich daher mit wenigen Soldaten und einem Dolmetscher auf, um nun allen Ernstes mit dem Häuptling ein Wort deutsch zu reden, nicht etwa, daß ich Gewalt anzuwenden gedachte, was doch nur zu sehr unliebsamen Verwickelungen geführt hätte, so lange noch irgend eine Aussicht zu einem gütigen Ausgleich vorhanden war, sondern vielmehr sollte er mir die Motive erklären, die ihn und seine Leute bewogen hätten, eine friedliche Kolonne aufzuhalten, der laut früherer Abmachungen freier Durchzug durch sein Dorf zu gewähren sei.