Die deutsche Dampfer-Expedition zum Nyassa-See.
Part 30
Da der Feind allnächtlich die Belagerten in Aufregung erhalten hatte und vorausgesetzt werden konnte, derselbe würde im Schutze der Nacht seine Angriffe erneuern, so gebot schon die Vorsicht äußerste Wachsamkeit; deshalb kontrolirten die Europäer unausgesetzt die lange Postenkette und führten Patrouillen bis außerhalb des Lagers, wo auf einem hohen Termitenhügel, der von den Ameisen um den Stamm eines mächtigen Baumes aufgebaut worden, eine Art Verhau errichtet war, besetzt von einer starken Wache. Eine Nothwendigkeit, wie solche bei dem unzuverlässigen Neger angewendet werden muß, denn mag der Posten, zu dessen Schutze er aufgestellt ist, noch so gefährdet sein, er wird es nicht begreifen, warum er nicht schlafen soll, wenn er müde ist! Die Folge war, daß jeden Morgen eine Anzahl Atonga und Makua bestraft werden mußte, um es den Leuten begreiflich zu machen, daß sie auf Posten die Augen aufzuhalten hätten. Am nächsten Morgen, Sonntag den 12. Februar, zogen schon in aller Frühe starke Patrouillen aus, die das waldige Terrain zu sondiren hatten, eventuell auch, wie es Tags zuvor dem Mister Sharp, Sekretär des Kommissars, bei einem Ausfall gelungen, im Hinterhalt liegende Feinde zu überraschen. Diesen wieder folgten starke Arbeiterkolonnen unter Aufsicht von Sudanesen, die das vorliegende Terrain zu säubern und Material zum Palisadenbau heranzuschaffen hatten; weiter vorgeschobene Piquets sicherten diesen Abtheilungen einen allenfalls nöthig werdenden Rückzug.
Zurückkehrende Leute brachten unter anderem in verlassenen Hütten gefundene Holztafeln mit, auf denen in kunstloser Schrift arabische Coransprüche gemalt waren, die als ein Glaubensbekenntniß solcher Einwohner anzusehen sind, die sich zu Mohamed bekennen, obwohl sie von dessen Lehren herzlich wenig verstehen. Die meisten dieser Bekenner des Islams sind entlaufene Sklaven, die bei fremden Stämmen eine Zuflucht gefunden haben, sie werden, da sie intelligenter und gewitzter sind, im gewissen Sinne die Träger dieser in Afrika so weit verbreiteten Lehre. Mit den Gewohnheiten ihrer ehemaligen Herrn vertraut und nun bestrebt in der wiedergewonnenen Freiheit selbst die Herren zu spielen, ist ihr Einfluß auf niederer Kulturstufe stehenden Bewohner dieser Distrikte, nicht zu verkennen; leider aber sind es meistens solche Charaktere, die rücksichtslos gewonnene Vortheile ausnützen und nur zu oft die harmlosen Bewohner in Schwierigkeiten verwickeln, die dann dafür büßen müssen. Der Suaheli z. B. blickt mit tiefer Verachtung auf diese Volksstämme herab, wird aber stets eine dominirende Stellung unter ihnen einnehmen, sobald er gezwungen oder freiwillig seinen Aufenthalt hier im Lande wählt. Deserteure dieser Art hatten wir unter unsern Suahelis ebenfalls; bei den mächtigen Häuptlingen am Nyassa willkommen geheißen, zogen sie ein Herrenleben im fremden Lande der Abhängigkeit vor!
Im Vergleich zu den in das Lager gebrachten Tafeln habe ich verschiedentlich in Dörfern, Häuser mit arabischen und Suaheli-Schriftzeichen verziert gefunden, die den Namen des Besitzers oder Sinnsprüche darstellten, dagegen auch wiederum Hütten, deren Lehmwände mit Arabesken beschmiert waren, denn anders kann man die darstellenden Gebilde von Crocodilen, Vögeln und Menschen nicht bezeichnen. Unschwer läßt sich zwar erkennen, was diese Zeichnungen darstellen sollen, allein sie genügen nicht Mal den bescheidensten Anforderungen als solche, auch einen Sinn oder Zusammenhang habe ich nicht ermitteln können, wenn sie nicht als Sinnbilder heidnischen Aberglaubens zu deuten sind; übrigens muß man nach solchen Anzeichen suchen, einem flüchtigen Beobachter fallen sie nicht auf.
Um 10 Uhr Morgens etwa traf ein Boot mit wichtiger Nachricht für den Kommissar im Lager ein, das sich während der Nacht von Mpimbi flußaufwärts gearbeitet hatte und nach Aussage der Bootsleute wären sie noch unterhalb Perisi beschossen worden. Dasselbe brachte mir auch eine Nachricht vom deutschen Lager, wonach dort alles gut stehe, nebenbei einen Brief, der vergessen worden war an mich abzugeben, denn erst nach meiner Abfahrt von Mpimbi hatte Brückner sich desselben erinnert. In diesem theilte mir der Transportführer v. Eltz aus Katunga mit, daß ich den Engländern in keiner Weise Unterstützung gewähren möchte, vor allem ihnen das Geschütz nicht überlassen solle. Würde der Fall eintreten und sollten die Engländer unserer Hilfe bedürfen, wäre Dr. Röver, der von Blantyre nach Mpimbi unterwegs ist, mit näherer Instruktion versehen auch über unsere Zwecke unterrichtet.
Dieser Brief, der vom 2. Februar datirt war, hätte meine Entschließungen in der Nacht zum 11. beeinflussen müssen, wenn mir derselbe zur rechten Zeit übergeben worden wäre, wenigstens hätte ich nicht der mündlichen Aufforderung des englischen Abgesandten, Hilfe zu bringen, so schnell nachgegeben und, wenn ich auch um der eigenen Sicherheit willen Unterstützung gesandt haben würde, so wäre doch weder ein Europäer noch das Geschütz mit den zur Verfügung gestellten Soldaten abgegangen. Der Zufall hat es aber anders gefügt. Die Kenntniß davon, ich solle keine Hilfe aus mir unbekannten Gründen leisten, würde mir nur die Entscheidung noch schwerer gemacht haben, und doch glaube ich, zwischen Pflicht und Selbsterhaltung hätte ich die letztere gewählt, zumal ich in der schnellen Befreiung der Engländer aus ihrer Bedrängniß, die Sicherheit der eigenen Lage ersah. Zufrieden mit dem wie es gekommen, hatte ich nur den Wunsch, nach Mpimbi zurückkehren zu können. Aber zum Grübeln und Nachdenken blieb mir keine Zeit, die Kräfte eines Jeden im Lager waren voll in Anspruch genommen und während andere Europäer starke Verhaue errichteten, oder mit Patrouillen auszogen, hatte ich den Aufbau einer Pallisadenwand übernommen. Auch schwand bald die Besorgniß, der Feind, der hier bei Perisi eine zu starke Macht gefunden, könne sich rückwärts gewandt haben und vielleicht mit überlegener Zahl mein Lager gefährden. Noch beschäftigt damit das Lager mit allen Kräften gegen einen feindlichen Ueberfall zu sichern, wurden wir kurz nach Mittag durch einen plötzlichen Angriff der Gegner alarmirt; am anderen Ufer nämlich hatte sich der Feind im dichten Ufergebüsch festgesetzt und die »Domira« beschossen. Wir erwiderten das Feuer sogleich, indem wir alle schnell mit eingriffen, auch das Geschütz gebrauchten und eine vom Ufer zurückliegende Hütte, in welcher der Feind vermuthlich Schutz gesucht hatte, mit Granaten beschossen, der sich auch bald aus dem Bereich der gefürchteten Geschosse zurückzog.
Da wir mit Recht vermuthen konnten, die Bewohner des schon am vorigen Tage mit Granaten überschütteten Dorfes wären über den Fluß gesetzt und hätten den Angriff unternommen, so wurden schnell sämmtliche Atonga beordert, einen Ausfall dorthin zu machen, mit der Ordre das Dorf im ersten Anlauf zu nehmen und in Brand zu setzen. Hierbei war in erster Linie die Absicht, den festen Halt des Feindes zerstören zu lassen, maßgebend, sollte es nicht gelingen, dann ließe sich der Gegner vielleicht verleiten, die Atonga zu verfolgen und würde, ehe er sich zur Flucht wenden könne, durch das sichere Feuer der Europäer schwere Verluste erleiden. Ohne jeden Beistand, geführt nur von den Kapitaos, war es den aufziehenden Atongas überlassen, die Methode ihrer Kriegsführung in Anwendung zu bringen. Mit begreiflicher Spannung erwarteten wir Europäer den Ausgang des kommenden Kampfes und, als es übermäßig lange still blieb, bemächtigte sich unser die Ungeduld. Bis plötzlich dumpf herüberhallende Schüsse anzeigten, die durch Gras und Maisfelder schleichenden Atonga hätten den Feind erreicht, der wachsam und noch zahlreich zu sein schien, den Angriff abzuwehren. Es schien anfänglich, als hätten sich die Atonga zur Flucht gewandt und würden verfolgt, was auch der Fall gewesen ist, sie haben sich aber schnell gesammelt und trieben nun ihrerseits durch ihre bessere Bewaffnung den Feind zurück in das Dorf, begnügten sich indes eine Zeitlang aus sicherem Hinterhalt zu schießen, ohne das Dorf zu nehmen. Bald nachdem das Feuern eingestellt worden war, erscholl ihr Triumphgeschrei, auch währte es dann nicht mehr lange, bis sie, ihren Kriegsgesang heulend, in langer Linie anmarschirt kamen.
Als Siegestrophäen überbrachten sie Bogen und Pfeile, sowie das auf einen Speer gesteckte Ohr eines gefallenen Feindes; diese Beute legten sie zu Füßen des Kommissars nieder und schickten sich dann an, ihren Kriegstanz aufzuführen. In langer Linie aufgestellt, von den Kapitaos schnell geordnet, sprangen einige Vorsänger vor die Front und begannen unter grotesken Sprüngen, die Waffen schwingend, ihre Kampfweise aufzuführen, wobei der ganze Chor mit in den Gesang einstimmte. Waren die Tänzer ermattet, sprangen immer wieder andere vor, die jedes Mal einen anderen Gesang anstimmten; klang die Melodie auch etwas eintönig, so lag in manchen Strophen doch ein harmonischer Zusammenhang, der selbst für das Ohr eines Europäers etwas Angenehmes hatte. Man gewann aber doch einen Einblick, wie diese Volksstämme, wenn sie zu tausenden von einem siegreichen Zuge heimkehren, endlos ihre wilden Tänze aufführen und Siegesfeste feiern. -- Endlich erschöpft, hielten die Atonga inne und im Bewußtsein, große Krieger zu sein, erzählten sie sich an ihren Feuern im Lager ihre Heldenthaten.
Der Commissar Mister Johnston, der vorläufig einen größeren Ausfall nicht beabsichtigte, bevor nicht der Pallisadenbau in einer Weise fertig gestellt war, daß die aufzuführenden Befestigungen einem kleinen aber starken Fort entsprächen, hatte, als ich ihm meine Absicht mit der an diesem Tage freigekommenen »Dormira« abzureisen, mittheilte, nur den Wunsch, Soldaten und Geschütz für einige Tage noch behalten zu dürfen. Die Lage habe sich ja auch so weit geklärt, daß der Feind es nicht mehr wagen werde, gegen seine bedeutend stärkere Position anzustürmen und so könne er die von Katunga erwartete Verstärkung getrost abwarten.
Am 14. Mittags war die »Dormira« endlich bereit. Die Abfahrt des Schiffes hatte sich durch Herbeischaffung von Feuerholz, sowie durch die vorgenommenen Befestigungen an Bord, (namentlich war die Kommandobrücke mit allem möglichen Material geschützt worden,) sehr verzögert. Aus dem Grunde, weil im Lager für die Europäer herzlich wenig zu essen war, hätte ich die Handwerker, die ungern zurückbleiben wollten, gerne mitgenommen, aber den Engländern Soldaten und Geschütz ohne spezielle Aufsicht zu überlassen, das ging nicht, darum mußten diese bleiben.
Beim Abschied versicherte mir der Kommissar noch seiner vollen Unterstützung in allen Fällen, wo wir solche bei unserm großen Unternehmen bedürfen würden, sonst aber that er keiner der Zusagen Erwähnung, die vor wenig Tagen sein Abgesandter im deutschen Lager gemacht hatte und was erstere anbetrifft, so haben wir späterhin jede Gefälligkeit überreich vergolten.
Gleich anfänglich, sobald das Schiff die Anker gelichtet hatte und mit dem Strome flußabwärts glitt, wurde die beträchtliche Anzahl Schwarzer an Bord in den Vorder- und Hinterräumen untergebracht, damit sie den feindlichen Kugeln nicht ohne Schutz ausgesetzt wären, während die Europäer auf der Kommandobrücke mit Waffen bereit standen und scharfe Ausguck nach den Ufern hielten. Mit Strom und Dampfkraft ist es auf solchem Fluß ein schlechtes Fahren und große Aufmerksamkeit nöthig, den vielen Untiefen sicher aus dem Wege zu gehen; läuft das Schiff aber fest, kostet es viele Mühe es wieder frei zu bekommen. Indes während der Zeit, daß wir auf feindliche Schüsse gefaßt sein konnten ging alles gut, auch ließ sich kein Feind blicken und das linke Ufer schien vollständig verödet zu sein. Erst weit unterhalb Perisi sahen wir auf dem rechten Ufer wieder Menschen, die jedoch friedlich das vorbeiziehende Schiff betrachteten und kein Zeichen irgend welcher feindlichen Gesinnung gaben; nebenbei war unter allen an Bord ausgemacht, daß, sollten sich Leute am Ufer zeigen, keiner eher Feuer geben solle, als bis genügende Veranlassung dazu vorhanden sei, es wäre zum wenigsten nicht hübsch gewesen wehrlose Feinde niederzustrecken.
Etwa eine halbe Stunde oberhalb Mpimbi, liefen wir, da der Führer im Glauben war, er habe freies Wasser vor sich und deshalb mit voller Dampfkraft fuhr, plötzlich so fest auf eine Untiefe auf, daß es stundenlanger Mühe bedurfte, das Schiff wieder frei zu bekommen. Mit vereinter Dampf- und Menschenkraft, und allen in das Wasser gesandten Schwarzen, die den Sand unter dem Schiff wegschafften, gelang es denn doch schließlich, den Dampfer wieder in tieferes Wasser zu bringen, so daß wir, wozu anfänglich wenig Aussicht vorhanden war, doch noch gegen Abend Mpimbi erreichten. Ehe wir noch die Insel, auf welcher der Häuptling Tschikusi seinen Wohnsitz aufgeschlagen hatte, etwa eine Viertelstunde oberhalb Mpimbi gelegen, erreicht hatten, sahen wir mächtige Rauchwolken hinter dem das Lager verdeckenden Wald aufsteigen, und unwillkürlich drängte sich mir die Besorgniß auf, das deutsche Lager müsse in Brand stehen. Diese Annahme, von allen getheilt, da sich keine andere Erklärung dafür finden ließ, war keine angenehme Empfindung für mich, meinen Posten als einen Trümmerhaufen wiedersehn zu sollen und die Befürchtungen, immer von der Hoffnung niedergehalten, der Feind werde nicht so kühn sein und das Lager angreifen, lebten doppelt wieder auf. Mit großer Erwartung näherten wir uns endlich dem Walde -- welch' eine Erleichterung aber war es für mich, als ich das Lager unversehrt vor mir liegen sah und wir erkannten, daß hinter demselben die weite trockene Grasebene nur in Flammen stehe, die wahrscheinlich von Feindeshand angezündet, die Vermuthung erweckt hatte, alles sei zerstört! --
Im Lager angekommen fand ich daselbst unsern Expeditionsarzt Dr. Röver schon vor, der wenige Stunden vor mir von Matope eingetroffen war, und bald von allem unterrichtet, erfuhr ich Folgendes:
Mit der Absicht direkt von Blantyre nach Mpimbi zu marschiren, hatte Dr. Röver auf die Zusicherung hin, der Weg durch die Ebene sei von Feinden besetzt, sich genöthigt gesehen nach Matope abzubiegen und von dort zu versuchen, ob er die Reise zu Wasser fortsetzen könne. An diesem Orte war es, wo am Nachmittag des 12. Februar der Transport mit den Schwerverwundeten eintraf und die halbtodten Menschen von Dr. Röver in Behandlung genommen wurden, der auch eine Ueberführung nach Blantyre mittelst Maschilla als gefährlich erklärte und das Boot nach Mpimbi zurückzubringen befahl.
In meinem Hause hatte Mister Steavenson Unterkunft gefunden mit dem ich das einzig darin vorhandene Zimmer fortan theilte; für die Schwarzen wurde so gut es ging anderweitig gesorgt bis alle so weit hergestellt waren, daß sie nach Blantyre geschafft werden konnten.
Weiter erfuhr ich, der nächtliche Alarm am 11. Februar sei dadurch hervorgerufen, daß die Posten herumschleichende Feinde gesehen hatten, die gedeckt unter dem Schutze der Dunkelheit wohl einen Handstreich auszuführen gedachten, aber die Wachsamkeit der Soldaten unterschätzten und mit Gewehrfeuer begrüßt wurden, ehe sie ihre Absicht ausführen konnten. Die sofort unter die Waffen getretene Besatzung gab dann auf solche Punkte Salvenfeuer wo man den Feind vermuthete, der aber, als er sich entdeckt sah, hatte schleunigst das Weite gesucht. Das heftige Feuern in der stillen Nacht hatte auch die Bewohner des Dorfes aufgeschreckt, selbst Herr Scharrer und Berenger, die zufällig die Nacht in ihrer Station anwesend waren, kamen mit den bewaffneten Dorfbewohnern herbeigeeilt, um die Gefahr abwenden zu helfen. Diese Willigkeit von seiten der Einwohner der Aufforderung des Herrn Scharrer zu folgen und das deutsche Lager zu schützen ist um so auffälliger, als sich die Bevölkerung bisher zwar neutral verhalten, doch entschieden mit den Aufständigen harmonirte, und ist es nur dem persönlichen Einfluß dieses Herrn zuzuschreiben, wenn die schwankenden Bewohner Mpimbis anderen Sinnes wurden und insofern die Lage änderten, als sie die Sache des Feindes nicht mehr zu der ihrigen machten. Ihr Häuptling Tschikusi, freilich ganz anderer Meinung, hatte sich aber bisher ruhig verhalten, wenigstens deutete nichts daraus hin, daß er seine Leute zu beeinflußen getrachtet hätte.
Am Abend des 15. Februar kam bei strömenden Regen die vom Commissar von Katunga herbeigerufene Hilfe unter Führung des Kapitän Car und Dr. Harper im deutschen Lager an; es war die Besatzung der Kanonenboote »Herald« und »Mosquito«, 36 Marinesoldaten und 2 Feldgeschütze nebst einigen in Blantyre ansässigen Händlern und Beamten, sowie 200 Träger. In Gewaltmärschen hatte diese Truppe den weiten Weg in wenigen Tagen zurückgelegt; unter der Sonnengluth und Regen dazu viel zu leiden gehabt, sodaß alle aufs Aeußerste erschöpft, froh waren als sie unser Lager erreicht hatten.
Die weite Ebene am Fuß des Schiregebirges war durch die furchtbaren Regengüsse in einen See verwandelt worden, daher mußten die Leute viele Stunden durch fußhohes Wasser waten und dazu die Geschütze auf den aufgeweichten Boden fortschleppen; der große Nebenfluß des Schire, den ich in der Weihnachtsnacht durchquerte war jetzt ein reißender Strom geworden, den zu durchwaten es der größten Anstrengung gekostet hatte. Mithin war es kein Wunder, daß die Hälfte der Mannschaft zu jeder weiteren Aktion vorläufig unfähig geworden war und mehrere sich recht böses Fieber weggeholt hatten.
Wir Deutsche thaten denn auch was in unsern Kräften stand, um der augenblicklichen Noth zu lindern und halfen mit Zeug und Kleidern nach Möglichkeit aus, was freilich bei so vielen Bedürftigen nicht viel sagen wollte. Bei der herrschenden Dunkelheit in dieser so stürmischen Nacht passirte es dazu einigen Europäern, die zum englischen Stationshause, worin die Marinesoldaten Unterkunft gefunden, Ordre zu überbringen hatten, daß sie des schmalen Pfades über dem aufgeworfenen Schützengraben nicht achteten und seitwärts zu Fall kamen, wobei sie, wenn sie nicht ein kühles Bad in dem mit schmutzigen Wasser angefüllten Graben nahmen, so doch sich die Stiefel gehörig vollfüllten; derbe Ausrufe des Unwillens und höchsten Unbehagens zeigten jedesmal an, wenn Jemand, der allzueilig dem Regen sich entziehen wollte, dafür ein nasses Bad eintauschte! Es stellte sich auch als eine Nothwendigkeit heraus, den erschöpften Leuten möglichste Ruhe zu gönnen, um sie nur wieder so weit herzustellen, damit sie fähig würden die Strapazen des Weitermarsches zu ertragen und in den bevorstehenden Kämpfen ihre Kräfte nicht durch körperliche Ermattung versagten. Somit blieben die Engländer zwei Tage noch unsere Gäste. Am 17. traf auch unser Transportführer Herr v. Eltz mit dem Proviantmeister v. Liebermann und noch vier englischen Marinesoldaten als Begleitung von Katunga ein, sodaß nun über fünfzig Europäer in Mpimbi versammelt waren, die sich rüsteten, um die kleine Macht des bei Perisi sich verschanzenden Kommissar Meister Johnston zu verstärken und von dort aus dann die Offensive gegen Lionde zu eröffnen. In diesem Theile Afrikas war noch nie eine so zahlreiche englische Macht versammelt gewesen, zu der wir Deutsche außer den in Perisi weilenden noch ein Kontingent von 15 Soldaten und 3 Europäern, v. Eltz, Dr. Röver und v. Libermann, stellten, sodaß ich, nachdem am 19. früh alle abmarschirt waren, zum Schutze des Lagers nur etwa 20 Mann behielt.
Hatte Mister Johnston auch einmal, als er in große Bedrängniß gerathen, um deutsche Hilfe gebeten, so war ihm die jetzt freiwillig zugeführte doch höchst ungelegen, was ich später aus englischem Munde mehrfach vernommen; es mußte ihm erstens unwillkommen sein, für noch ungebetene Gäste sorgen zu müssen und zweitens die deutsche Hilfe mit in Rechnung zu ziehen, deren er nicht mehr bedurfte. Kam doch hierbei der Nationalstolz in Betracht und fühlte sich verletzt dadurch, daß es nun den Anschein gewann, als könne auch jetzt noch nicht die englische Macht die Situation beherrschen und wäre nicht stark genug ohne fremde Hilfe sich der Feinde zu erwehren. Wie dem nun auch sei, der Kommissar war höflich genug, diese neue Unterstützung nicht zurückzuweisen; mit deutscher Hilfe wurde der Vormarsch auf Lionde angetreten und dieses große Dorf nach kurzem Kampf zerstört. Man war übereingekommen, mit der deutschen Macht auf dem einen, mit der englischen auf dem anderen Ufer vorzudringen, damit der Feind, gleichzeitig angegriffen, nur geringen Widerstand zu leisten im Stande sei; jedoch vertheidigte er sich aber gegen die deutsche Truppe hartnäckiger und der Verlust betrug mehrere verwundete und einen gefallenen Atonga. Mit der Zerstörung von Lionde war auch der Kampf beendet, denn mit dem Verlust des letzten Haltes waren die Feinde auch zersprengt und flohen auf dem linken Ufer meistens in die unzugänglichen Berge, auf dem rechten hingegen nach rückwärts in die längs dem Schire oder landeinwärts unzerstörten Dörfer.
Wohl erforderte es noch manchen starken Druckes, ehe die besiegten Häuptlinge sich ergaben und zu Friedensverhandlungen sich herbeiließen; vor allem die unbedingte Auslieferung der Waffen war eine Forderung, der sie sich nur mit größtem Widerstreben fügten. Auch die geraubten Waffen und das Eigenthum des Mr. Koe, sowie die des später ebenfalls überfallenen Mr. Wetterly mußten wieder herbeigeschafft werden. Die Führer jener Banden aber, welche die Ueberfälle geleitet hatten, büßten ihr Vergehen mit dem Tode.
Die Engländer hatten durch den heraufbeschworenen Kampf nun ihren Zweck erreicht, die Widerspenstigkeit der Häuptlinge war gebrochen und die englische Macht über ein bisher noch freies Land entfaltet. War der Druck der englischen Herrschaft vorher unangenehm, wurde jetzt den Unterlegenen der Fuß in den Nacken gesetzt und harte Bedingungen machten die Macht der Häuptlinge fortan illusorisch.
Auch dem Araber Baccari ben Umari, der seine Hand mit im Spiele gehabt hatte, aber zu schlau war, um gänzlich überführt werden zu können, wurde der Prozeß gemacht; als einflußreicher Mann war er gefährlich, als vermutheter Sklavenhändler wurde er schleunigst des Landes verwiesen.
14. Die Erbauung der Werft.
Auf wie schwachen Füßen die englische Herrschaft hier in Central-Afrika steht ist aus der Anstrengung zu ersehen, welche es gekostet hat, diesen Aufstand niederzuwerfen und hätte nicht die Besatzung der in Katunga liegenden Kanonenboote herangezogen werden können, denen es möglich geworden, soweit den unteren Schirefluß hinaufzudampfen, würde wohl, sofern nicht die gesammte deutsche Macht thatkräftige Unterstützung geleistet, der Kommissar zum Abschluß eines faulen Friedens gezwungen gewesen sein, denn den Kampf fortzusetzen, wäre gegen die zunehmende Siegeszuversicht der Feinde mit so unzureichenden Kräften eine Thorheit gewesen. Die Folge davon war eine beständige Unsicherheit auf allen Land- und Wasserwegen; ist doch der Neger ein unleidliches Subjekt und zeigt seinen Charakter im schlechtesten Lichte, sobald nur ein Schein von Macht in seinen Händen ist und er weiß, daß er ungestraft sich frech und ungebührlich betragen darf. Es wäre auch von englischer Seite zur unbedingten Nothwendigkeit geworden, die Uebergriffe der Häuptlinge zu strafen und den Kampf abermals zu eröffnen in dem Augenblick, wenn die sehnsüchtig erwarteten Sikhs in Blantyre eingetroffen sein würden.
Politische Klugheit und die Einsicht, selbst mit der momentan starken Macht den Kampf nicht lange fortsetzen zu können, bewogen den Kommissar auch nach dem letzten Schlage Unterhandlungen mit dem Feinde anzuknüpfen, der, eingeschüchtert, sich nun zu solchen herbeiließ und willig das Joch der englischen Herrschaft auf sich nahm. Der Feind, wäre er einig gewesen, hätte durch seine Stärke die Kräfte der Engländer schließlich aufgerieben, und daher mußte der Friede geschlossen werden so lange noch die imposante versammelte Macht beisammen und dem Gegner imponirte.