Die deutsche Dampfer-Expedition zum Nyassa-See.
Part 29
Während nun das Boot langsam abtrieb kamen die im Wasser und Schilf sitzenden Atonga, die ich erst mit drohend erhobener Waffe zum Gehorsam zwingen konnte, heran, klammerten sich fest und ließen sich mit in die Tiefe des Wassers reißen. Es währte wohl acht Minuten, ehe der Kapitao alle über das Heck ins Boot geschafft hatte; ich lud sie zwar auch nicht mit sanften Worten ein sich zu beeilen, denn aufgebracht durch solche Feigheit, dazu behindert das wieder eröffnete feindliche Feuer erfolgreich zu erwiedern, half ich den Zögernden handgreiflich nach.
Sobald wir indes aus dem Bereich der feindlichen Geschosse gekommen waren, die meistens über das Boot hinweg sausten, brachte ich erst wieder unter die von der Panik erfaßten Leuten Ordnung, dann aber hieß es abermals vorwärts. Möglichst schnell suchte ich mich alsdann, da mir zwei Gewehre als verloren gemeldet wurden, darüber zu vergewissern, ob die Waffen am Lande zurückgelassen seien, weil ich den Angaben der Leute, sie hätten solche schwimmend fallen lassen müssen, nicht recht glaubte, so beschloß ich denn an derselben Stelle nochmals zu landen.
Das zweite Boot, wie ich bald erfahren sollte, hatte nicht allzuweit von uns entfernt ebenfalls Station gemacht und die Insassen sich an dem mitgeführten Proviant gütlich gethan, ohne weiter daran zu denken, daß im ersten absolut nichts zu beißen sei; sie wurden durch das nahe heftige Gewehrfeuer aus ihrer Mittagsruhe dann plötzlich aufgeschreckt und so sah ich dasselbe um die nächste Flußbiegung herumkommen, als ich gerade im Begriff war wiederum zu landen. Als dann beherzte Leute, gedeckt durch schußbereite Waffen, auf den Kampfplatz zurückgesandt waren, brachten diese nichts weiter als einen vergessenen Riemen mit; daraus wollte ich im Wasser weitersuchen lassen, konnte aber keinen rechten Erfolg erzielen und mußte, um nicht zu viel Zeit zu verlieren, das Suchen nach den Waffen aufgeben.
Die nächste Sorge war den Schwerverwundeten zu verbinden, der leise stöhnend auf meinen Sachen niedergelegt worden war; der Mann ertrug die großen Schmerzen wie ein echter Soldat und hatte während der Zeit, wo sich niemand um ihn kümmern konnte kaum einen Schmerzenslaut hören lassen, nur ein leises Klagen, vom Gewehrfeuer übertönt, konnte ich mitunter vernehmen. Aus Vorsicht genügend mit Verbandstoffen versehen, hatte ich die Hand, die in ihrer ganzen Breite durchschossen war, bald verbunden und sah dann erst, als der Mann sich nicht erheben konnte, daß die Kugel durch das dicke Fleisch des Oberschenkels gegangen war; konnte aber anfänglich nicht verstehen wie eine Bleikugel so glatt durch diese Körpertheile hindurchgehen konnte -- eine solche hätte eine viel schwerere Wunde am Ausgangspunkt verursachen müssen -- bis mir die Gewohnheit der Eingeborenen, mit eisernen Kugeln zu schießen, einfiel.
Noch mit dem Sudanesen beschäftigt, der so gut als es der Raum im Boote gestattete gebettet wurde, hatte der Feind, unsichtbar für uns, vom hohen Busch und Gras gedeckt, das Feuer wieder eröffnet und den Kampf aufs Neue begonnen. An Zahl uns bedeutend überlegen, was aus den zahlreich auf uns abgegebenen Schüssen zu vermuthen war, in sicherem Hinterhalt hinter Baum und Strauch wohl geborgen, blieb uns nur übrig auf solche Punkte zu zielen, wo der Pulverdampf aufstieg, und unsere sicheren Kugeln belehrten dem Gegner bald, daß es nicht rathsam sei sich bis zum Uferrande vorzuwagen.
Die Erfahrung mit den Atongas hatte mir gezeigt, wie ungeschickt diese Leute mit dem Gewehre hantirten und um Unheil zu verhüten, ließ ich allen die Waffen, bestehend aus englischen Schneiderbüchsen und Martini-Henry-Gewehre, abnehmen, nur die Europäer und Sudanesen feuerten. Zwar hatte das Salvenfeuer aus beiden Booten, die nun möglichst dicht nebeneinander blieben und der Mitte des Flusses vorgingen, immer den Erfolg, daß das feindliche Feuer zum Schweigen gebracht wurde, sobald aber die Vorderlader wieder geladen und sichere Deckung dem Feinde sich darbot, ward es so heftig, daß wir große Verluste hätten haben müssen, wenn die Kerle hätten besser schießen können. Die Kugeln hißten und pfiffen zwar von allen Seiten um uns, dennoch gingen dieselben meistens zu hoch oder setzten zu kurz auf das Wasser auf und sausten hinter oder vor den Booten vorüber.
Daß wir im Stande gewesen dem Feinde das Feuern aus einem rechten Winkel zu verleiden, bewahrte uns vor schweren Verlusten, denn derselbe konnte nur selten mehr breitseits auf uns schießen, was er anfänglich hinter dicken Bäumen gedeckt, voll ausgenutzt hatte. Um besser zielen zu können stand ich die erste Zeit im Boote noch ungedeckt, wurde indes bald inne, wie die meisten Kugeln auf mich gerichtet waren, und der Kapitao neben mir klappte jedesmal zusammen, wenn ein pfeifendes Geschoß in unheimlicher Nähe vorüberflog. Schon um die Leute nicht so zu gefährden, die, wenn das Feuer heftiger wurde sich niederduckten und das Boot nicht vorwärts brachten, mußte ich unter das Grasdach des Bootes zu den anderen treten, damit ich dem Feinde nicht mehr als direktes Zielobjekt diene; obgleich dadurch nicht viel geändert ward, denn die Feinde wußten, daß unter dem Sonnendach die Europäer verborgen waren und richteten nur die Geschosse auf dieses.
Es war ein Glück, daß die Waffen der Feinde so schlecht und sie mit diesen so wenig ausrichten konnten, sonst hätten sie uns, wenn wir bald auf der einen, bald auf der anderen Seite des Flusses tieferes Wasser suchend, den feindlichen Stellungen unheimlich nahe kamen, schweren Schaden zufügen können; auch schienen sie es nicht zu wissen, wie leicht man durch Durchlöchern der Boote diese zum Sinken bringen kann! Nur einige Kugeln, ohne direkte Absicht wohl, streiften mein Boot. Indes nicht alle Kugeln verfehlten ihr Ziel, manche fand ihren Weg durch die Grasdächer aufs Geradewohl hingeschickt, Knuth und manch anderer von uns entging den tödlichen Geschossen nur durch Zufall.
Unendlich langsam kamen wir vorwärts, wie sehr die Leute auch angetrieben wurden, immer suchten sie sich zu decken und manchmal, wenn der Feind uns stark beschäftigte, trieben die Boote mit dem Strom und boten diesem die Breitseite dar; unaufhörlich mußte ich die Leute anfeuern und aufmuntern und meine Aufmerksamkeit nach allen Seiten richten. Mehrmals auf Grund gerathen, da wir uns dem rechten Ufer nicht nähern durften, weil auch von dorther schon auf die Boote gefeuert worden war, mußte ich stets mit gutem Beispiel vorangehen und energisch die Besatzung, die kopflos geworden, zur Pflicht zurückbringen.
So dem Feuer der Feinde in den offenen Booten preisgegeben, der unsichtbar für uns am Ufer entlang lief und immer wieder Deckung suchte und fand, wurde uns die Zeit zur Ewigkeit -- die verflossenen zwei Stunden, seitdem wir dem Feuer so ausgesetzt, waren namentlich für die zitternden Atongas, die unthätig im Boote wie eine Heerde Schafe übereinanderlagen, eine physische Qual. Nach einem äußerst heftigen Angriff, der Feind hatte vorzügliche Deckung gefunden und uns den Weg verlegt, den wir aber glücklich durch Salvenfeuer abschlugen, machte ich mich während der darauf folgenden kurzen Gefechtspause daran, das Geschütz aufzustellen, aber soviel ich mich auch abmühte, es war nicht möglich dasselbe in dem überfüllten Boote in eine feste Lage zu bringen; nur für den Feind gut sichtbar, konnte es als Schreckmittel dienen. Noch damit beschäftigt, erneuerte der Feind den Angriff, und jetzt von zwei Seiten beschossen, wurde die Situation etwas unheimlich, zumal auch die Bootsleute den Gehorsam verweigerten. Der Kapitao, dem ich mich allein nur verständlich machen konnte, war vollständig gebrochen, sodaß er keine Aufforderung noch Befehl an seine Leute abzugeben im Stande war und als dazu die Atonga in den Fluß springen wollten, zweifelte ich fast an ein Weiterkommen; für eine kurze Zeit schien es, als sollte unser Vordringen ein Ende haben. Wäre es nicht die Furcht vor den Feinden gewesen, welche die Leute abhielt zu fliehen, ich glaube wir Europäer und die Sudanesen wären bald allein gewesen. Ich hatte das linke Ufer dem anderen Boote überlassen und wandte mich, selbst das Boot lenkend, dem rechten zu, wo ich einen an Zahl nur schwachen Gegner vermuthete, den ich mit unsern sechs Gewehren leichter beizukommen gedachte um wenigstens das eine Ufer frei zu haben und das andere, wenn es nicht anders ging mit Granaten zu säubern.
Zu einer Landung freilich hätte ich mich erst in der äußersten Noth entschlossen, wenn absolut keine Aussicht mehr vorhanden gewesen wäre, die Leute vorwärts zu bringen, denn, der Bootsleute und der Atonga durchaus nicht sicher, wäre es ein gefährliches Wagstück gewesen das Ufer zu betreten. Je näher wir nun dem Ufer kamen und die Salven in das dichte Gebüsch hineinsandten, jeden aufblitzenden Schuß mit einem Kugelhagel beantworteten, desto schwächer wurde das feindliche Feuer, und wir hatten die Genugthuung von der einen Seite fernerhin unbelästigt zu bleiben. Mit neuem Muth beseelt nahmen die Bootsleute wieder ihre Stangen auf und brachten das Fahrzeug vorwärts, woraufhin das andere Boot auch folgte und ein vereintes Vorgehen möglich wurde. Die Nothwendigkeit, vorzugehen, überwog alle Bedenken, zurück durften wir um keinen Preis, sollte nicht das Schicksal der eingeschlossenen Engländer besiegelt sein, auch unsern Verwundeten mußte schleunige Hilfe werden, sollten die Armen nicht noch viele Stunden ihrer Qual ausgesetzt bleiben. -- Vor uns lag die einzige Hilfe für uns alle! denn wäre es dem Feinde gelungen uns zurückzutreiben, für die schlimmsten Folgen hätten wir nicht sorgen brauchen.
Wohl unter dem Einfluß übergroßer Furcht und in der Hoffnung vielleicht, die Boote würden umkehren, wurde mir auf meine Frage, wie weit ist es noch bis Perisi, die ich des öfteren an den Kapitao richtete, immer das Gleiche geantwortet »+Mbale sana bwana+« (sehr weit Herr). Will der Neger einen Abstand zwischen zwei Orten näher bezeichnen, die beträchtlich weit von einander entfernt liegen, wird er die Bezeichnung »sehr weit« mit entsprechenden Gesten begleiten und man kann dann voraussetzen, daß es wirklich eine nicht unbedeutende Entfernung ist, die er andeutet; hingegen wird man aber auch getäuscht, wenn er einen Abstand nur als klein bezeichnet; denn schnell zu Fuß legt der Neger ganz andere Distanzen zurück und ich habe öfter gefunden, daß ein Weg für mich sehr lang war, der mir als kurz bezeichnet wurde. Das Sicherste ist sich von einem Eingeborenen, der keinen Begriff von einer gemessenen Entfernung hat, den Stand der Sonne beschreiben zu lassen, wie dieser sein wird, wann der betreffende Ort erreicht ist, darnach läßt sich dann ungefähr eine Distanz abschätzen.
Wir waren an einem Wendepunkt gekommen, der glücklich überwunden war, sobald die Boote wieder vorwärts gingen; und namentlich als die beiden heftigsten Angriffe des Feindes abgeschlagen waren, der die letzten Versuche gemacht hatte uns zum Rückzug zu zwingen. Nicht die eigenen Verluste waren es, die ihn das Feuer allmählich einstellen ließen, sondern, sobald wir eine Strecke weiter gekommen, traten Baum und Busch mehr vom Ufer zurück und boten keine genügende Deckung mehr; auch begünstigte das breiter werdende Fahrwasser unsere Stellung und ein Boot voraus, das andere dahinter, so folgend, daß freies Schußfeld gehalten wurde, ließ ich mit unseren weitreichenden Gewehren die einzelnen Gebüsche unter Feuer nehmen, um ein Ansammeln des Feindes zu verhindern. Der Erfolg war gut, und nur verhältnißmäßig schwaches Feuer erhielten wir fortan. Viel haben wir von unsern Gegnern nicht zu sehen bekommen während des dreistündigen Kampfes; manch ein schwarzer Bursche aber, der sich aus dem Bereich unser Waffen wähnend, vorwitzig hinter einem Baumstamm hervortrat oder auslugte ob sein abgefeuerte Kugel das Ziel getroffen, zahlte theuer für seine Kühnheit, wenn ihn nicht ein fehlendes Geschoß belehrte, schleunigst sichere Deckung zu suchen und für die Europäer unsichtbar zu bleiben!
Nun endlich konnten wir freier athmen -- uns kümmerten nicht mehr die vereinzelt aus größerer Entfernung zugesandten Geschosse, wenn sie hinter uns her auf dem Wasser tanzten -- und vorwärts ging es mit allen Kräften; die Leute, die wie umgewandelt waren, trieben sich gegenseitig an, ein Kontrast wie ihn nur eine Negernatur aufweisen kann; »Verzweifelnd in Momenten der Gefahr, ist aber die Noth vorüber, wieder die Sorglosigkeit selbst.«
War das Terrain, das von den flacheren Ufern jetzt in eine weite Grassavanne überging, dem Feinde nicht mehr günstig und hatte ihn zum Aufgeben des nutzlosen Kampfes gezwungen, so war die Nähe des englischen Lagers wohl die Ursache, daß er sich nicht eine Strecke weiter flußaufwärts festsetzte, wo wiederum dichtes Gebüsch einen vorzüglichen Hinterhalt geboten hätte, und hier wo der Fluß nur 80 Meter breit, auch die Stromschnelle zu passiren war, auf welcher die Domira sich festgerannt, aufs Neue und gewiß mit besserem Erfolge den Kampf eröffnet haben würde. Eine Viertelstunde später, nachdem der letzte Schuß gefallen, um 4-1/2 Uhr Nachmittags, sahen wir über die Büsche vor uns die Masten der Domira. Waren die Boote noch nicht eilig durchs Wasser getrieben worden, so begann jetzt eine tolle Wettfahrt um zuerst an das Ziel zu gelangen und man hätte nicht meinen sollen, daß vor Schmerzen stöhnende Leute in den Booten gelegen wären -- mit solchem Halloh trieben die Bootsleute, die kurz vorher nicht aufzubringen gewesen, die Fahrzeuge dem Ziel entgegen.
Zum englischen Lager gekommen, bot sich uns ein interessantes Bild dar, und wären nicht die vielen Wachtposten, die in Pyramiden aufgestellten Gewehre dem Beobachter sofort aufgefallen, hätte es scheinen können, die hunderte Menschen seien hier nur zu dem Zwecke versammelt, das festgelaufene Schiff wieder frei zu machen. Es wimmelte im Wasser von auf- und niedertauchenden Gestalten, die ringsum das Schiff vertheilt, den Sand unter dasselbe wegzuschaffen versuchten, während an Deck etwa fünfzig Mann von Bord zu Bord liefen und den Schiffskörper in Bewegung brachten, und zu gleicher Zeit mit der Ankerwinde die nach vorne ausgebrachten Taue, aufs Aeußerste straffgespannt, einzuhieven versuchten. Zehn Tage befand sich das Schiff in solcher kritischen Lage und alle Anstrengungen waren bisher vergeblich gewesen; obgleich über sechzig Mann sich an Bord befanden, meistens für die Plantagen angeworbene Atongas, war es den vereinten Kräften doch nicht gelungen, den schweren Körper freizumachen.
Nachdem wir ans Land gekommen waren, wurden wir von dem Kommissar Mister Johnston und den anwesenden Europäern freundlichst begrüßt. Man sah es ihnen an, wie jedem die Hilfe gelegen kam, stand doch die körperliche Abspannung allen auf der Stirn geschrieben; was nicht zu verwundern, da sie während dreier Tage und Nächte kaum die Augen geschlossen, sondern unausgesetzt den Feind abgewehrt hatten, der nur zu gut durch Busch und Baum gedeckt, die tödlichen Kugeln in das fast offene Lager hineingeschickt hatte und niemand die ersehnte Ruhe finden ließ. Ich glaubte es den Engländern gern, was mir im Vertrauen erzählt wurde, daß sie nicht mehr lange hätten Stand halten können: nicht der Feind, gegen diesen hätten sie sich bis zuletzt gewehrt, würde sie zum Nachgeben gezwungen haben, vielmehr der physischen Ermattung hätte jeder schließlich erliegen müssen.
Als ich kurz berichtete, wie heiß der Feind uns zugesetzt, wie schwer es gehalten hatte, die ersehnte Hilfe zu bringen, wurde die Anerkennung dadurch bethätigt, daß den Verwundeten sofort Hilfe gebracht und alle in das provisorische Lazareth geschafft wurden, wo sie neben anderen Leidensgefährten gebettet, von dem Kommissar in Person, der gleicherweise als Arzt fungirte, verbunden und gepflegt werden konnten. Hatte unsere Ankunft allen schon neuen Muth eingeflößt, war es doch vornehmlich das Geschütz auf welches aller Augen mit Spannung gerichtet waren und von dem man sich den besten Erfolg versprach. Schnell war auch eine Position für dasselbe gefunden, indem wir es auf die stumpfe, eilig abgeflachte Spitze eines Termitenhügels hinaufschafften, und dort versicherten, hier konnte es die ganze Gegend beherrschen, die todtbringenden Granaten in die Reihen der Feinde senden, wenn diese noch kühn genug sein sollten den Kampf wieder aufzunehmen.
Bis auf 1500 Meter etwa schätzten wir die Distanz zum nächsten Dorfe, dessen einzelne Hütten über die niedrigen Büsche hinweg sichtbar waren und nachdem ich das Geschütz geladen und gerichtet hatte, hallte der Geschützdonner, hundertfaches Echo weckend, über Fluß und Wald. Die erste Granate schlug mitten in das Dorf hinein. Das krepirende Geschoß mußte die Feinde schnell allarmirt haben, denn diese, die noch nie ein solches Geräusch gehört, wie es eine platzende Granate verursacht, müssen sich sehr gewundert haben, wie der weiße Mann auf so große Entfernung solche gefährlichen Kugeln schießen kann. Die Wirkung des Schusses konnten wir mit unsern Gläsern genau unterscheiden, denn die Dächer der Hütten belebten sich mit Menschen, die neugierig nach dem Lager hinüberschauten. Eine solche Gelegenheit, den Feinden eine derbe Lektion zu ertheilen, ließen wir uns nicht entgehen und da ich die genaue Distanz nun kannte, schickte ich die zweite Granate hinein. Der aufsteigende Pulverdampf bewies uns, das Geschoß sei im Dache der ersten besetzten Hütte geplatzt und ein einstimmiger Ruf von allen Umstehenden erschallte, als die Kerle wie die Fliegen von ihrer luftigen Stellung herunterpurzelten; kaum wohl weil einzelne getroffen waren, sondern mehr aus Furcht und Schreck. Wissen sie auch des weißen Mannes Donnerbüchsen sind gefährliche Dinger, vor denen sie heillosen Respekt haben, so konnten sie nun ein Lied davon singen, und daß es nicht wohlgethan ist im Bereiche der weitfliegenden Kugeln zu bleiben.
Noch mehrere Geschoße hineinzuschicken war zwecklos, mußten wir doch mit unserer werthvollen Munition haushälterisch umgehen, auch lag uns nur daran dem Feinde zu zeigen, daß wir im Stande sind auf großer Entfernung ihn zu beschießen.
Das Lager befand sich noch im primitivsten Zustande und war nur durch eine aus Dorngebüsche und Baumzweigen eilig aufgeworfene Barriere geschützt; einzig um das Zelt des Kommissars hatte man einen stärkeren Verhau aus eingegrabenen Pfählen errichtet, der im Nothfall etwa fünfzig Mann als letzten Zufluchtsort hätte dienen können, aber auch noch nicht vollendet war. Der Feind hatte es immer verhindert Holz herbeizuschaffen, und weiter nichts war erreicht worden als, daß das Terrain auf etwa hundert Schritt im Umkreis von Busch und Gras geklärt war und diese Arbeit hatte erst am Tage unserer Ankunft geschehen können, da aus irgend einem Grunde der Feind seit diesem Morgen den Angriff nicht erneuert hatte.
Die Vorbereitungen zur Nacht, um einen plötzlichen Angriff erfolgreich abzuschlagen, die Vertheilung der Postenkette etc. nahmen die kurze Zeit bis zur völligen Dunkelheit vollständig in Anspruch, und da es beschlossen war, unter dem Schutze der Dunkelheit die Schwerverwundeten flußabwärts nach Matope zu senden, wurden ganz unauffällig die nöthigen Vorkehrungen für deren Transport getroffen, denn einzelne, namentlich der Engländer Steavenson und mein Sudanese, lagen so schwer danieder, daß unter allen Umständen ihnen ärztliche Hilfe zu theil werden mußte. Der Transport wurde auch um 11 Uhr Nachts unter sicherer Bedeckung ausgeführt und im Schutze der Nacht glitt das Boot flußabwärts, begleitet von den Wünschen aller, es möge unangefochten durch das feindliche Gebiet hindurchkommen. --
Verstärkt durch sechs Europäer und der Kerntruppe von Sudanesen, auf deren Zuverlässigkeit unbedingt gebaut werden konnte, war die Lage der Engländer jetzt eine bedeutend bessere und, als alle an der provisorischen Tafel, aus Feldtischen und Kisten aufgebaut, versammelt waren, konnte man wahrnehmen, wie die Stimmung jedes einzelnen eine gehobene war. Jeder blickte auf das weiße Tischtuch so vergnügt, als erwartete er hier in der Wildniß die Freuden eines lukullischen Mahles und knabberte an den herumgereichten Bisquits und einem harten Stückchen Käse mit einem Wohlbehagen, das die Leere der Tafel, die Armseligkeit dieser Hauptmahlzeit nicht zu beachten schien. Von Sattwerden konnte überhaupt keine Rede sein -- interessante Themata nur vorübergehend die Gedanken von dem Empfinden ablenken, welches ein knurrender Magen verursacht -- ich wenigstens und die mit mir im Boot gewesen, waren sehr enttäuscht, so wenig Eßbares vorzufinden, jeder mußte darauf bedacht sein, auch seinem Nachbar noch etwas übrig zu lassen und man begnügte sich aus diesem Grunde schon mit Wenigem. Aber ein Schelm, der mehr giebt als er hat. Was sonst auf Streifzügen der Fall, daß Ziegen und Hühner erbeutet, Bataten und andere Erdfrüchte vorgefunden wurden, dies fiel alles bei den eingeschlossenen Engländern fort; der Feind hatte sein ganzes Hab und Gut in die sicheren Berge entführt, und nur die fast reife Ernte, Mais und Mtama, preisgeben müssen. Haufen dieses Getreides lagen im Lager aufgestapelt an welches die Leute sich gütlich thaten, Noth brauchten die nicht zu leiden, mit den Vorräthen für Europäer dagegen sah es aber sehr traurig aus, was an Konserven vorhanden war, damit mußte sehr sparsam umgegangen werden. Indes so lange nur noch Genießbares vorhanden, wird der Mangel nicht allzusehr empfunden; in der afrikanischen Wildniß darf man es nicht so genau nehmen. Zu Zeiten lebt man im Ueberfluß d. h. an Wild und einheimischen Naturalien, zuweilen muß aber auch der Leibgurt fester geschnürt werden, nach der Methode wie es der Neger macht, der sich den Magen zusammenpreßt, um den Hunger weniger zu empfinden.
Außer der zum Lazarett eingerichteten Hütte waren nur noch zwei vorhanden, in denen die Europäer so gut es ging Unterkunft gesucht hatten, aber für die Hinzugekommenen mußte nun noch Platz geschafft werden, deshalb, wer es sich leisten konnte, schlug seine Lagerstätte außerhalb unter den überhängenden Dächern auf, was entschieden vorzuziehen war, da in den rauchgeschwärzten Hütten der Aufenthalt für Europäer durchaus kein angenehmer war. Nicht allein die widrige Luft war belästigend, vielmehr machten die ungezählten Ratten ihr Recht geltend und suchten die ungebetenen Eindringlinge zu vertreiben. In dem Erntevorrath, Matamabüscheln in Schaaren hausend, war es ein Jagen, Quieken und Rascheln und man mußte gute Nerven haben, um dabei Ruhe zu finden; doch nicht genug damit, im Uebermuth oder gegenseitigem Verfolgen sprangen die Nager auf die Schläfer herab und nahmen im tollen Spiel ihren Weg über Gesicht und Hände. Im Besitze einiger schön weichgekochter Maiskolben, die mir der Sudanesenschausch (Unteroffizier) als Nachkost gebracht hatte, legte ich mir den Ueberrest am Kopfende mit der Absicht, am Morgen daran noch ein Frühstück zu haben; jedoch hatte ich nicht die ungenierten Gäste in Betracht gezogen, die im Eifer, von der köstlichen Frucht zu naschen, mein Gesicht als Tummelplatz erwählten und, als ich den Schaden recht besah, mich um meinen kleinen Vorrath gebracht hatten. Es wimmelt in jeder Hütte von diesem Ungeziefer und hätte man sich von dieser Plage befreien wollen, wäre nichts anderes übrig geblieben, als solche Behausung niederzubrennen!