Die deutsche Dampfer-Expedition zum Nyassa-See.
Part 35
Wir empfinden es in Europa als unangenehm, wenn die Temperatur bis auf + 5.7 und 8° R. herabsinkt und hüllen uns in warme Kleidung ein, wie viel mehr aber muß der Unterschied empfunden werden, wenn Morgens um 7 Uhr die Luft nur 8° Wärme hat und erst rapide steigt, sobald die Sonne die kalte Luftschicht durchwärmt und bis Mittag eine Gluth erzeugt hat die unerträglich wird, im Schatten 38° R., in der Sonne weit über 50° R. Solche große Abkühlung während der Nacht, im Gegensatz zur Hitze des Tages, bedingt es auch, daß die Wassertheilchen in der Atmosphäre sich zu Tropfen verdichten und gleich Regen niederfallen und die ganze Natur erfrischen. Erde und Wasser noch von den Sonnenstrahlen erwärmt, erzeugen, sobald die kalte Luftschicht auf sie herabsinkt, ein gewaltiges Nebelmeer so, daß über die weiten Ebenen, in einer Höhe von ungefähr 15 Fuß, -- nach Mitternacht bis zum Morgen, selbst oft bis nach 7-1/2 Uhr früh, -- alles wie ein weißes wallendes Meer erscheint und vom Fluß und Grassavanne, vom niedrigen Gesträuch und Busch absolut nichts zu erkennen ist; nur in der Ferne ragen die blauen Spitzen der Berge in die klare Luft, deren Fuß von weißen Dunstgebilden umhüllt ist, auch jedes Thal noch so hoch gelegen wird mit solcher Nebelschicht überdeckt. Nicht eher, als bis die Sonne etwa 25° über dem Horizont gestiegen und ihr Strahl die kalte Luft durchwärmt, wichen gleich Gespenster die Nebel und hoben sich zusehends, bis sie in beträchtlicher Höhe in ein Nichts verschwanden.
Erklärlich ist es, wie solch' ein Temperaturwechsel auf die weniger widerstandsfähigen Europäer einwirken muß; die Naturen, solchen Wechsel nicht gewöhnt, bieten dem Fieberbacillus, der in den aufsteigenden Miasmen enthalten ist und sich verbreitet, (wie es namentlich in den sumpfigen Niederungen um Matope und Mpimbi der Fall) keinen genügenden Widerstand, häufige Anfälle von minderer oder heftigerer Art sind die Folge; selbst die Eingebornen werden nicht verschont und vielfach habe ich solche Krankheitserscheinungen bei diesen beobachten können. Empfindlich ist die Kälte namentlich in den ersten Morgenstunden, und die oben angeführten Temperaturen habe ich durchschnittlich in den Monaten März und April verzeichnen können; wußte man bei Tage sich nicht vor der Hitze zu retten, fand man in den luftigen Häusern wiederum nicht genügend Schutz vor der nächtlichen Abkühlung. Sogar zwischen 6 und 7 Uhr Morgens waren mir öfters die Finger noch so steif, daß ich mit Mühe nur schreiben konnte. Natürlich war es deshalb, daß morgens in der ersten Arbeitsstunde nicht viel gefordert wurde, da sowohl Weiße wie Schwarze erst das unbehagliche Gefühl, verursacht durch die feuchte Kühle der Luft, von sich abschütteln mußten.
Die Wangoni-Träger, die jetzt immer zahlreicher mit allerhand Schiffsmaterial eintrafen, nahmen meine Zeit auch beträchtlich in Anspruch, zumal eine scharfe Kontrolle geübt werden mußte; ebenso das Sortiren der vielerlei Sachen, die meistens sofort unter Dach gebracht und geöffnet werden mußten, da sie vielfach während des langen Transportes dem Regen ausgesetzt gewesen und nachzusehen und zu reinigen waren. Spenker mit seinen Arbeitern hatte sich der Einrichtung der Schmieden und der Werkstätten unterzogen, während die schon anwesenden Handwerker, soweit sie nicht krank lagen, die Spanten zusammen nieteten und ich nach vorhandenen Zeichnungen die Kielplatten nach Nummern aussuchte, reinigen und mit Farbe an solchen Flächen streichen ließ, wo nach Anlegen derselben später nicht mehr anzukommen war. Erwähnenswerth ist es, daß auf der Werft in Hamburg alle Platten und überhaupt jedes Stück mit Nummern versehen wurde, die auf den Eisentheilen extra noch nachgekörnt und so unverwischbar gemacht waren, auch wenn die Farbe der Zahl längst verschwunden war, und trotzdem haben wir oft lange suchen müssen, ehe die Nummer eines unbekannten Theils gefunden wurde und bis wir wußten, wohin es gehörte. Nach der Aufrichtung des Hinter- und Vorderstevens, begannen wir mit dem Anlegen der Kielplatten, die am Kiel mit starken Schrauben fest angezogen und vermittelst Ueberschienen in sich verbunden wurden. Das Festnieten der Platten und Schienen sofort ausgeführt, würde uns die Arbeit wesentlich erleichtert haben, da an vielen Stellen anfangs bequem anzukommen war, allein das durfte nicht sein, wir hätten, obwohl jedes Stück passen sollte, beim Weiterbau sicherlich die oberen Platten nicht in die richtige Lage bringen können; die ganze Masse würde steif und ungelenkig dadurch geworden und wir schlecht damit gefahren sein. Vielmehr mußte der ganze Körper so aufgeführt werden, daß er beweglich blieb und wo Theile nicht passen wollten, wurden sie mit Gewalt in ihre Lage gebracht. Tausende Heftschrauben, die wir zu diesem Zwecke mit uns geführt, dienten dazu, alles erst in dieser Weise fest, aber doch nachgiebig aufzubauen, ehe, mit wenigen Ausnahmen, ein einziger Niet angezogen wurde.
Allmählich nieteten wir Spant um Spant zusammen, über welchen die Decksbalken als Verbindung gelegt wurden, wodurch diese den Anschein langer Rippen erhielten und dann auf den Kielplatten festgeschraubt, gestützt durch lange Pfähle, sah man schon nach 14 Tagen, welchen Umfang das Schiff haben würde.
Höchst unlieb war es mir, daß die schwarzen Zimmerleute, nach Ablauf ihres zweimonatlichen Kontraktes, die Arbeit niederlegten und einen neuen nur eingehen wollten, wenn ihnen ihr Lohn bedeutend erhöht würde. Darauf aber wollte ich mich nicht einlassen, weil die Forderung nach Negerart unverschämt war. So ließ ich sie lieber ihres Weges ziehen, da doch, wenn ich erst wieder hinaus in den Urwald mußte, um Bäume zu suchen, diese von den Atongas ebenso schnell gefällt werden würden, wie von den von der Civilisation beleckten und auf ihr bischen Können übermäßig eingebildeten Leuten. Freilich hätte ich nicht lange zögern dürfen, da es mir wohl bekannt war, daß ich die Balken, zur Schlipp und Schlitten nebst Zubehör noch 360 Fuß, nicht so leicht wie die ersten 200 Fuß würde herstellen lassen können, sondern sehr weit ins Land hineinziehen müßte, um passende Bäume dazu zu finden, auch, daß mit der Entfernung die Schwierigkeiten wachsen würden. Weite Touren landeinwärts, gelegentlich Sonntags unternommen, hatten mir eine Wildniß gezeigt, durch die ich kaum hoffen konnte durchzudringen, es aber doch schließlich versuchen mußte, sobald ich irgend wieder einige Tage von der Werft abkommen konnte. Die Leute allein auszuschicken war zwecklos und da auch Ottlich krank war, so hätte ich an seiner Stelle keinen anderen Handwerker hinaussenden können.
Mit dem nächsten Wagentransport, der um diese Zeit von Katunga her eintraf, verstärkte sich meine Mannschaft bedeutend, als neben einer Anzahl Suaheli auch vier Europäer Zander, Eikershoff, Wedler und Dohmann ankamen, sodaß außer dem Maschinenkonstrukteur Spenker nun acht Handwerker auf der Werft waren und nur der zweite Maschinist Engelke und die beiden Steuerleute Gerloff und Wissemann fehlten.
Leider waren jedesmal nach so anstrengendem Marsche über das Gebirge und durch die fußhoch mit Wasser überschwemmte Matope-Ebene, alle so marode, auch theils fieberkrank, daß sie acht Tage und länger erst im Lager sich erholen mußten, ehe sie die schwere Arbeit auf der Werft beginnen konnten.
Mit diesem zweiten Transport waren auch die schweren Kesselböden angekommen, ebenso die zu den beiden Dampfkesseln gehörenden Platten, 16 an der Zahl, die nun zu je acht mit zwei Böden zusammengestellt werden sollten, was für die vier Kesselschmiede keine leichte Arbeit war, abgesehen von der viel schwierigeren, das Einziehen der zölligen Niete, deren zu jedem Kessel annähernd tausend nöthig waren. Die Kesselböden, jeder fünf Centner schwer, hätten wir unmöglich auf den Gebirgswegen fortschaffen können, wenn ich nicht schon seinerzeit in Hamburg darüber ernstlich nachgedacht und auf eine Möglichkeit gesonnen hätte, wie es wohl am praktischsten wäre, diese, außer unseren Dampfcylindern, schwersten Eisentheile, bequem und leicht fortbewegen zu können. Die Idee, solche als komplette Wagen zusammen zu stellen, war das einzige, und wurde auch vermittelst angeschraubter Lager, eiserner Achse und Deichsel ausgeführt.
Eifrig bemüht, nach besten Kräften vorwärts zu streben, suchte ich auch die Europäer, wenn Mißmuth und Unlust sich ihrer bemächtigt, wenn sie an das Gelingen des großen Werkes zweifelten und ihren schwachen Kräften es nicht zutrauten, die ungeheure Arbeit glücklich zu vollenden, mit gutem Beispiel voranzugehen, indem ich immer wieder darauf hinwies, daß jeder seine Kraft und Können dem nationalen Werk weihen muß; die kleine Schaar, die wir hier versammelt sind, darf nicht wanken noch weichen, wir sollen es beweisen, wie deutsche Energie und deutscher Muth auch vor dem Schwersten nicht zurückschreckt. Viel Tausende zwar zweifeln in Deutschland an das Gelingen des Werkes -- wir aber dürfen nicht zagen, nicht zurückschrecken und sei es noch so schwer. Ich konnte den Leuten Muth und Zuversicht zusprechen, als ich fest davon überzeugt war und nie gezweifelt hatte, daß ein fester, muthiger Wille alles überwindet -- mehr aber noch suchte ich den Ehrgeiz zu wecken, jedem es als eine besondere Ehre und Auszeichnung darstellend, wenn es heißt, auch er gehört zu jener kleinen Zahl, die unentwegt Großes gewollt und kaum Glaubliches ausgeführt hat.
Alle Bauten, selbst der große nachträglich noch errichtete Zimmermannsschuppen, waren bis Ende März aufgeführt und vollendet, ebenso war die Aufrichtung des Schiffsgerippes nahezu beendet und mit dem Anlegen der Versteifungen, der vielfachen Verbindungen und dem Einsetzen der wasserdichten Schotten konnte begonnen werden. Je weiter der Aufbau aber vorschritt, und mehr und mehr die Arbeiten, welche bisher im Schatten der Schuppen hatten vorgenommen werden können, wegfielen, ausschließlich nun am Körper selbst gearbeitet werden mußte, ergab sich die Nothwendigkeit, um die Leute vor der Sonnengluth zu schützen, daß Vorkehrungen getroffen werden mußten, ein Schutzdach über die ganze Länge des Schiffskörpers zu errichten. Ich trug mich erst mit dem Gedanken, ein mächtiges Grasdach aufzubauen, was jedem anderen vorzuziehen war, da immer unter solchem eine angenehme Kühle vorherrschend ist, ich machte auch Anstalten dazu und ließ die Atonga lange Baumstämme herbeischaffen. Indes bald sah ich ein, daß solch kolossaler Bau nicht aufzuführen war, schon aus dem Grunde, als ich dem Dache keine Mittelstützen geben konnte; daher auch nicht genügende Festigkeit erzielen würde, welche unbedingt nothwendig war, damit das Dach den starken Gewitterstürmen, die wöchentlich mehrmals heranbrausten, widerstehen könnte. In anderer Weise nun vorgehend, errichtete ich einen starken hohen Baumstamm, einige Fuß vor dem Schiffe und zog von den starken Aesten der beiden hohen Bäume, die dicht am Ufer standen, eine lange Kette in der Kielrichtung des Schiffes dorthin, sodaß diese straffgezogen, imstande war, unterstützt durch einige auf den Decksbalken stehende Stützen, eine beträchtliche Last zu tragen. Rings um das Schiff wurden dann hohe Stämme errichtet, auf deren Gabeln dann wieder Verbindungsstangen lagen, die an der Kette befestigt wurden. Darüber nach beiden Seiten hin Segel oder unsere getheerten Wagentuche ausgespannt und befestigt, war ein provisorisches Dach hergestellt, das genügend Schatten gab und selbst den heftigen Winden widerstand. Wollten wir uns aber noch, was später beim Nieten nothwendig wurde, gegen die schrägen Sonnenstrahlen schützen, zogen wir bewegliche Segel zwischen den Baumstämmen auf.
Furchtbare Gewitterregen, wie solche in der gemäßigten Zone fast unbekannt sind, behinderten in den Monaten März und April nicht selten die Arbeit, und mancher Nachmittag war für uns verloren, wenn Schauer auf Schauer folgte und in kurzer Zeit die weite Ebene, Dorf und Werft, in einen See verwandelt waren. Die Wassermassen, von der Erde nicht so schnell aufgesogen, setzten sich naturgemäß in Bewegung nach tiefergelegenen Stellen; aus Rinnen wurden schließlich wilde Bäche, die alles mit sich rissen, was ihren Lauf hindern wollte. Unmerklich, aber doch etwas höher als die Werft lag das Dorf und das hinter diesem liegende Terrain, und so kam es, daß nach jener Rinne hin, die früher schon vorhanden gewesen, ehe ich mit der Ausschachtung begonnen hatte, sich die Wassermassen einen Abfluß zum Flusse suchten, mit Gewalt durch den schwachen Zaun brachen und sich in dieser ergossen. Der anfängliche Schaden war nicht groß, auch suchte ich das Wasser abzulenken und einzudämmen, aber als eines Nachmittags in den letzten Tagen des März ein furchtbares Gewitter sich entlud und ein wolkenbruchartiger Regen niederstürzte, waren gegen die abfließenden Regenmassen alle Vorkehrungen Kinderspiel. Immer wilder strömte das Wasser in die Ausschachtung hinein, riß die feste Erde weg, unterspülte die Balken, worauf das Schiff erbaut wurde und rief die drohende Gefahr dadurch hervor, daß der schwere Körper durch das Nachgeben der Balkenlagen sich neigen und gar umfallen könnte. Die Wasser abzulenken, daran war nicht mehr zu denken, nur so viel konnte ich mit den eiligst zusammengetrommelten Leuten, Soldaten und Dienern thun, um einen Ausstich zu machen, der das Wasser nicht mehr neben die Balken, sondern seitwärts davon ablenkte. Der entfesselte Sturm peitschte dazu das ausgespannte Segeltuch und bog die schlanken Stämme, woran dieses befestigt war, wie Weidenruthen.
In mancher finsterer Nacht auch heulte der Wind, strömte der Regen und die angesammelte Elektrizität entlud sich mit furchtbarer Gewalt -- dann stand ich wohl stundenlang und schaute besorgten Blickes hinüber zum Schiff, prüfte, vor Kälte bebend, die Stützen, ob diese sich nicht gelöst oder nachgegeben hätten, denn die Erschütterungen des Körpers waren stark genug, solche in dem aufgeweichten Erdboden weichen zu lassen. Ein Glück ist es oft, das die entfesselten Naturgewalten, je heftiger sie auftreten, von nur kurzer Dauer sind, sonst würde die schwache Menschenhand wohl nicht im Stande sein, ein zerbrechliches Werk zu schützen; im Aufruhr der Elemente erst erkennt der Mensch, daß es doch noch Gewaltigeres giebt, als sein Wollen und sein Wille.
Einen nicht minder gefährlichen Feind, als die zeitweiligen Fluthen, fand ich in einem unsicht- und unscheinbaren Thierchen, das vieltausend an der Zahl sich in die noch kaum ausgedörrten Balken eingenistet und sein Zerstörungswerk begonnen hatte. Jeden Morgen war die Erde längs den Hölzern mit Häufchen Holzmull bestreut, die von den scharfen Zangen der kleinen Käfer herausgestoßen waren, kleine, oft noch wieder verkittete Löcher zeigten an, wo sie sich ein Luftloch geschaffen hatten. Wer die Wuth kennen gelernt hat, mit welcher die weißen Ameisen und auch die Käfer die verschiedensten Holzarten in unglaublich kurzer Zeit zerstören, wird sich erklären können, daß ich dem Treiben dieser kleinen Nager mit Besorgniß zusah, ohne ein Mittel zur Hand zu haben solcher Zerstörung Einhalt zu thun; diese konnte nach Monaten soweit vorgeschritten sein, daß ich mit Bestimmtheit die vollständige Werthlosigkeit der Balken voraussetzen mußte. Zwar schaute ich diesem Werke der allmählichen Zerstörung nicht unthätig zu, und den Beweis zur Hand habend, das solche Nager saures oder bitteres Holz, wie unser Teakholz, nicht angehen, machte ich freilich zu spät einen Anstrich mit schwedischem Theer, verdünnt mit Petroleum, erreichte aber damit nur das Eine, nicht mehr sehen zu müssen wie auch äußerlich das Holz zerfressen wurde.
Woher diese Thierchen kommen und wie zahllos sie sich vermehren können blieb mir ein Räthsel; so viel nur beobachtete ich, daß, wo durchaus keine Anzeichen von der Anwesenheit dieser Nager in der Erde vorhanden waren, sie sofort in Thätigkeit traten, sobald ein Stück Holz in ihrem Bereiche kam. Der Erdboden in meinem Hause, gewiß hart und trocken, barg diese gefährlichen Thierchen aber doch in solcher Menge, daß ich nie auch nur für eine Nacht eine Kiste auf der Erde stehen lassen durfte, wollte ich nicht am Morgen den Boden halb zerstört vorfinden. Vollständig feucht und klebrich war der Fleck, wo eine solche Kiste gestanden hatte und abertausend weißer Thierchen eilten beim Tageslicht besehen ängstlich hin und her, wenn sie plötzlich gestört und ihre in Bildung begriffenen Gänge freigelegt wurden.
Von unsern vier Transportleichtern hatten schon im September 1892 die Engländer zwei davon als eine Art Abschlagszahlung für die der deutschen Expedition geleisteten Dienste erhalten, über die uns verbliebenen zwei sollte laut Bestimmung des Majors von Wißmann, nach Beendigung des ganzen Transportes, so verfügt werden, daß einer auf dem unteren Schire verblieb, der andere aber zerlegt über das Gebirge geschafft und in Mpimbi wieder zusammengesetzt werde. Demgemäß trafen dann auch nach und nach die Leichtertheile auf der Werft ein und mir fiel auch die Aufgabe zu, die Zusammensetzung derselben in die Wege zu leiten. Die Hauptfrage aber war, wo einen Platz zum Aufbau finden; das zehn Fuß hohe steil zum Fluß abfallende Ufer nochmals an einer anderen Stelle abtragen zu lassen, war schier unmöglich; querüber dem Lager, wo das Ufer flach, eine provisorische Schlipp herzustellen, war deshalb ungünstig, weil eine solche so weit von der Werft entfernt und auch in der Grasebene ohne jeglichen Schutz gelegen sein würde. Schließlich fand ich etwa 100 Meter oberhalb der Werft einen vollständig mit Gebüsch und Bäumen ausgefüllten Graben, der vor langer Zeit den Dorfbewohnern als Vertheidigungslinie gedient hatte, geschützt durch einen vorgelagerten Erdwall. Lange bevor die Europäer sich in diese Gegenden festgesetzt hatten und naturgemäß die Volksstämme zu schützen suchten, mit denen sie in Verbindung getreten waren, ist hier oft hart und heiß gekämpft worden; die Wangoni, ein mächtiges Volk, suchten sich der Ufer des Schire zu bemächtigen, hatten auch schon durch ihre Ueberzahl manches Dorf genommen; ehe sie aber in jahrelangen Kämpfen Herr des weiten Gebietes werden konnten wurden sie mit europäischer Hilfe und Waffen zurückgetrieben, sodaß sie heute nicht mehr wagen, den ungleichen Kampf zu eröffnen. Man kann sich jetzt von dem wilden Leben keine Vorstellung mehr machen; plötzliche Ueberfälle, gegenseitiges Rauben, Zerstören der Felder und Dörfer, war viele Jahre lang der Ruin der Eingeborenen, und ihre Zahl schmolz sichtlich zusammen, mehr durch die Zahl derer, die geraubt und in die Sklaverei geführt, als durch die, die im Kampfe erschlagen wurden. Die heutige Generation wächst in Frieden heran, es kann von einem Kampfe nur noch die Rede sein, wenn die Häuptlinge sich nicht fügen und im Vertrauen auf ihre Macht gegen die immer zahlreicher eindringenden Europäer die Waffen erheben, wie es der kürzlich niedergeschlagene Aufstand gezeigt hat. -- So recht für meine Zwecke passend, war dieser Graben angelegt worden, da ich ihn nur zum Theil vom Gebüsch reinigen, ebenen und etwas erweitern lassen brauchte. Hätte ich von dessen Vorhandensein im Anfang unserer Arbeit Kenntniß gehabt, würde ich entschieden hier die Werft angelegt haben und mit Benutzung mancher natürlichen Vortheile mir viel Arbeit erspart haben können.
Nach Einverständniß mit den Dorfältesten, Tschikusi selbst ließ sich nicht sehen, nahm ich unverzüglich die Arbeit in Angriff und in Ermangelung geeigneter Vorkehrungen, auf welchen der Aufbau des Leichters sich hätte bewerkstelligen lassen, hatte ich mich aufs Erfinden zu verlegen, insofern, als eine erhöhte Stellage hergestellt werden mußte, damit man unter dem Boden des Fahrzeuges auch arbeiten konnte, denn der ganze Leichter in seinen einzelnen Theilen nur mit Schrauben verbunden, mußte vor allem darauf Bedacht genommen werden, daß dieselben auch fest und wasserdicht eingesetzt würden. Der Mensch muß sich zu helfen wissen, heißt es, und in diesem Falle machte ich es so: eine ganze Anzahl parallel sich gegenüberstehende Hölzer, oben mit Gabeln versehen und in gleicher Höhe fest in die Erde gesetzt, sollten mit starken Winkeleisen, welche in Reserve für das Schiff mitgeführt waren, verbunden und so auf diesen eisernen Balken der Boden des Fahrzeuges zusammengesetzt werden. Zum späteren Ablaufen hatte ich die beiden langen Schiffsmasten inmitten der Stellage legen lassen; der Leichter nach seiner Vollendung darauf niedergeführt, konnte somit leicht auf Rollen ablaufen.
Diese Arbeit ging natürlich nicht leicht von Statten, da der Werft selbst kein Abbruch an Kräften gethan wurde, und ich nur solche Leute, namentlich Suaheli, hier anstellte, die sonst zu anderem wenig nützlich waren; gleicherweise konnte der Aufbau auch erst dann begonnen werden, sobald Brückner sich wieder so weit hergestellt fühlte, daß er, vertraut mit dem Bau der Leichter, die Aufsicht übernehmen konnte.
Zurückgreifend auf jene Zeit, als die deutsche Seen-Expedition ins Werk gesetzt wurde, haben auch die Engländer, eifersüchtig auf das deutsche Unternehmen und besorgt, ihre Weltherrschaft in Central-Afrika könne gefährdet werden, sogleich den Plan gefaßt, in derselben Weise vorzugehen und dem deutschen Machtobjekt ein Aequivalent zur Seite zu stellen, und zwar nicht blos mit einem, sondern gleich mit zwei Kanonenbooten und einem Flußdampfer. Ihr Streben ging dahin, wenn irgend angängig, ihre Schiffe mit den deutschen zu gleicher Zeit in Dienst zu stellen, und sie setzten demnach alles daran, mit uns Schritt zu halten. Allein war der Transport ihres Schiffsmaterials gegen dem unsrigen auch ein Kinderspiel zu nennen, als alles so fein und dünn, z. B. die Platten nur 1-1/4 +mm+ stark, so konnten sie den Transport über das Gebirge doch nicht eher unternehmen, d. h. der schwereren Schiffs- und Maschinentheile, bis ihnen unsere Wagen zur Verfügung gestellt wurden. Ebenso große Verlegenheit bereitete ihnen die Wahl eines praktischen Bauplatzes, und nichts konnte dem Leiter dieser englischen Expedition, Kapt. Robertson, willkommener sein, als die Ueberlassung jenes Werftplatzes, den ich für den Bau unseres Leichters hatte herrichten lassen und der für den Aufbau der kleinen englischen Schiffe wie geschaffen war.
16. Im Urwald.
Die tägliche Arbeit auf der Werft, die meine ganze Zeit und Kraft in Anspruch nahm, nicht nur soweit die Aufsicht und Leitung des Ganzen es erforderte, sondern auch das Mithandanlegen ans Werk, war es schwer, mich einige Tage freizumachen, um endlich die nunmehr anfangs April unaufschiebbare Expedition ins Innere des Wangoni-Landes vorzunehmen, denn zur Herstellung der noch benöthigten Balken und anderer Hölzer konnte ich mindestens zwei Monate rechnen. Leicht würde es nicht sein, passende Bäume zu finden, das hatten von mir unternommene Streifereien in die Wildniß schon erkennen lassen, und recht verlangende Blicke warf ich jedesmal nach jenem herrlichen Waldbestand, der von den Eingeborenen zum Begräbnißplatz auserwählt war und der dadurch für uns unnahbar geworden, als ich strikte die eingegangene Verpflichtung, den Ruheplatz ihrer Todten nicht zu betreten, einhalten mußte; folglicherweise hieß es die Hände davon lassen! So war ich denn darauf angewiesen aufs Neue in der weg- und steglosen Wildniß vorzudringen, und vielleicht viele Meilen weit zu wandern, ehe ein Terrain gefunden, worauf die Jahrhunderte alten Waldriesen in genügender Anzahl vorhanden waren.