Die deutsche Dampfer-Expedition zum Nyassa-See.
Part 24
Allein am Ufer zurückgeblieben, mit mir nur unser Artist Herr Franke, dessen Hoffnung, die Expedition begleiten zu können, vereitelt worden war, wurde in mir nicht minder der Wunsch lebendig, das Schicksal jener Kameraden theilen zu können, die jetzt wohlgemuth über die glitzernden Wogen hinzogen und bald auf den Fluthen des Nyassa-Sees die Herrlichkeiten einer unbekannten Ferne schauen durften. Aber die ernste Pflicht war ein strenger Mahner, und zurück mußte ich, das mir anvertraute große Werk zu beginnen und auszuführen, um dessen Willen diese ganze gewaltige Expedition begonnen und ins Werk gesetzt worden war. Lange im Zweifel, ob ich über die Tiefenverhältnisse des oberen Schire, auf welchem der Dampfer später bis zum See geführt werden mußte, mit voller Ueberzeugung ein günstiges Urtheil abgeben könnte, da ich für diese Ueberführung ungeheure Schwierigkeiten voraussah, entschloß ich mich, doch die Möglichkeit dafür einzuräumen, schon aus dem Grunde, als eine entgegengesetzte Ansicht beim Major wenig Anklang gefunden hätte, ich auch nicht zum zweiten Male hören mochte, daß es »keine große Aufgabe und kein Kunststück sei, das Werk auszuführen, wenn wir alles fänden wie wir es wünschten!« Nun aber die Entscheidung gefallen, der Auftrag, den Dampfer in Mpimbi zu erbauen, mir als Befehl mitgetheilt worden war, mußten gehegte Bedenken schwinden; für die glückliche Ausführung hatte ich fortan die Verantwortung zu tragen und sollte bald beweisen, daß für mich kein Hinderniß zu groß, keine Mühe zu schwer, um das auf mein Können gesetzte Vertrauen zu rechtfertigen.
Bis die Mastspitzen des Schiffes hinter Busch und Baum den Blicken entschwunden, solange schauten wir in ernste Gedanken versunken diesem nach, dann trat die Pflicht in ihre Rechte und mit der Wirklichkeit uns abfindend, beschlossen wir zwei nun ebenfalls unsere Abreise zu beschleunigen. Den freundlichen Vorschlag des Mr. Nikol, uns mit einem Boote flußabwärts senden zu wollen, wenn wir uns zwei Tage gedulden wollten, schlug ich aus und wollte, wenn ein Boot nicht zu bekommen sei, lieber mit einem größeren Kanoe unverzüglich die Reise antreten, als unthätig hier zu warten, auch konnte mit solchem leichten obschon unsicheren Fahrzeug der Weg bedeutend schneller zurückgelegt werden.
Nach kurzer Zeit lag denn auch, auf Anordnung des freundlichen Engländers, ein Kanoe mit fünf Mpondaleuten bemannt zu unserer Verfügung, und während ich im +store+ (Magazin des Fort's) noch Einiges, als Kochgeschirr und namentlich Streichhölzer zu kaufen suchte, besorgte Herr Franke das Einladen unserer Effekten. Unserm Bedarf entsprechend, konnte ich auch einen passenden Topf auftreiben, aber von Zündhölzern war auch nicht eines zu bekommen, vielmehr bot der Manager (Verwalter) für eine einzige Schachtel den enormen Preis von 3 Penni = 28 Pfennigen, wenn aus den Beständen der Expedition ihm solche würden abgelassen worden sein, und unter 6 Penni = 50 Pfennig würde er im glücklichen Besitz von einer Anzahl Schachteln keine wieder verkaufen. So abgebrannt wie die Engländer waren wir zwar noch nicht, wir wollten unsern geringen Vorrath nur etwas ergänzen, aber deshalb auch außer Stande den großen momentanen Mangel an Zündwaare abzuhelfen.
Ehe ich mich den Ereignissen wieder zuwende, welche uns auf der Rückfahrt nach Mpimbi entgegentraten, will ich zur Erläuterung erst etwas über die militärische Expedition des Majors von Wißmann anführen, eine Ergänzung aber gelegentlich später, als ich über deren Verlauf besser orientirt war, folgen lassen.
Zuerst wurde in Monkeybai, nahe der nördlichen Spitze der Halbinsel Levingstonia, dem besten Hafen am ganzen See, geankert. Dieser Hafen von mächtigen Felsenmassen eingefaßt und durch vorgelagerte Granitinseln geschützt, ist abgesehen von seiner guten Lage der einzige Punkt im Süden, wo eine größere Menge Brennmaterial für die Schiffe erhältlich ist, und deshalb ein Anlaufen hier nothwendig, weil auf eine Strecke von über 150 Seemeilen keine weitere Holzstation angelegt werden konnte. Von hier über das Vorgebirge Kap Maclair hinaus, in nordnordwestlicher Richtung, erscheint von diesem etwa 30 Seemeilen entfernt, der isolirte Bergkegel Rifu, dessen mächtige Felsenmassen die flache und offene Leopardbai abschließen.
Die Boote im Schlepptau, die nothwendiger Weise stark bemannt wurden, weil es an Deck des Dampfers für so viele Menschen an Raum gebrach, war bis hierher die Reise gut verlaufen, denn die Winde, in dieser Jahreszeit unbeständig, wühlen den See seltener auf, wodurch dieser in seiner erhabenen Ruhe wie ein ungetrübtes klares Gewässer erscheint, das den Anschein erweckt, als würden diese Fluthen niemals vom Winde erregt im wilden Tanze umhergeworfen und gefährlich werden können. Hinter diesem hohen Bergkegel -- Kap Rifu -- tritt das flache Land, umkränzt nur von niedrigen Hügeln weit zurück und hinter Busch und Baum verborgen, vom See aus schwer zugänglich, liegt hier das Dorf Katuru, von welchem aus nach dem anderen Ufer des Sees, dem Orte Losefa, im Lande Makangilas, eine arabische Fähre mittelst Dhaus unterhalten wird, hauptsächlich zum Zwecke im Dorfe Katuru angekommene Sklavenkarawanen über den See zu führen.
Dem Major war es bekannt, daß sämmtliche arabische Fahrzeuge auf dem Nyassa-See allein nur dem Zwecke dienen, die aus dem fernen Innern Afrikas herangeschleppten armen Sklaven meistens in das portugiesische Gebiet überzuführen, von wo sie dann weiter bis zur Küste des indischen Ozeans gebracht werden, deshalb griff er, als unvermuthet eine solche Sklavendhau hinter Kap Rifu in Sicht kam, sofort ein und nahm die Verfolgung mit seinem großen Boote, in dessen Bug wir noch in Fort Johnston eine kleine Schnellfeuerkanone angebracht hatten, auf. Die Besatzung dieser Dhau, unter Land von Windstille befallen, suchte mit allen Kräften noch zu entrinnen und ihr leichtes Fahrzeug vorwärts zu bringen, was bei der beträchtlichen Entfernung zwischen Boot und Dhau auch wohl gelungen wäre, wenn nicht eine vor deren Bug auf dem Wasser einschlagende Granate, als Warnungsschuß, dem Bestreben ein Ende gemacht hätte. Wie auf Kommando stürzte die Besatzung vollständig kopflos sich auf die eine Seite und in das Wasser, wobei durch das plötzliche Uebergewicht die Dhau zum Kentern gebracht wurde und ihr Inhalt, von welcher Beschaffenheit auch immer, verloren ging, während die Leute sich durch Schwimmen an das Ufer zu retten suchten.
Eine nähere Untersuchung ergab, sobald das kieloben treibende Fahrzeug erreicht war, daß nichts weiter übrig blieb, als es zum Gebrauch unschädlich zu machen, es aufzurichten und eventuell mitzuschleppen, wäre eine unnütze Mühe gewesen; darum, nachdem einige Planken durchgeschlagen waren, zum Sinken konnte es nicht gebracht werden, überließ man es dem Spiel der Wogen. Die Zerstörung dieser Dhau vom Standpunkt des internationalen Vorgehens gegen das schändliche Gewerbe der Sklaverei betrachtet, müßte man diesen Akt unbedingt billigen, schon aus dem Grunde, als den verschlagenen Sklavenhändlern sonst so schwer beizukommen ist; die Vernichtung ihrer Hilfsmittel, wo immer solche zu erlangen sind, aber als ein Gebot der Nothwendigkeit ansehen, um ihnen das Handwerk, wenn auch nicht gänzlich zu legen, so doch nach Möglichkeit zu erschweren. Indes ist die Verurtheilung der Sklaverei auch im Bund der Völker eine allbekannte Thatsache, und werden Anstrengungen aller möglichen Art zu deren Unterdrückung ins Werk gesetzt, so muß man doch sich fragen, ob auch alles Nebeninteresse dabei ausgeschlossen ist. Daß die Leiter der verbundenen Staaten mit redlichem Willen das Ihre thun, ist selbstverständlich, nur wo die Ausführung nicht in bewährte Hände gelegt ist als z. B. im portugiesischen Gebiet, wird auch die beste Verfügung illusorisch -- was aber weit auffälliger ist, daß die erfahrene und selbstbewußte englische Verwaltung das Vorgehen des Majors von Wißmann als einen Eingriff in ihre Rechte auszulegen suchte, ohne jemals vorher die ernste Absicht und Mittel gehabt zu haben, auf dem weiten Gebiet des Nyassa-Sees den Sklavenhandel zu steuern.
Freilich das Prinzip auf dem Handelswege möglichst weit die Vorposten vorzuschieben und dadurch sich das allmählige Uebergewicht in unbekannten Ländern anzueignen, hat sich als sehr vortheilhaft bewährt, dabei aber nur auf sehr beträchtlichen Entfernungen einzelne Militärstationen als Stützpunkte anlegend, mußte die unglaubliche Gier nach Länderbesitz das Näherliegende außer Acht lassen und wie weit sich auch im Laufe weniger Jahre das englische Protektorat, was in den Augen des Engländers gleichbedeutend mit Besitz bezeichnet werden kann, über ungeheure Ländermassen ausgedehnt, blieben doch aus Mangel an geeigneten Machtmitteln die bekannten Sklavenausfuhren eine ungehinderte Thatsache. Und hätte nicht der Neid, mehr noch die Besorgniß, das Vorgehen der deutschen Expedition und die in Dienststellung des Dampfers »Herrmann v. Wißmann« könnte dem englischen Einfluß Abbruch thun zu einem energischen Vorgehen Veranlassung gegeben, hätte sich in den letzten beiden Jahren die Sachlage wohl unwesentlich geändert. England, Alleinherrscher auf diesem weiten Gebiet, Portugal kommt garnicht dabei in Betracht, sieht in dem Erscheinen der jungen deutschen Macht einen überaus gefährlichen Konkurrenten und wacht daher um so eifersüchtiger über seine angemaßten Rechte!
Was nun speziell den erwähnten Vorfall betrifft, der auf dem freien Gewässer des Nyassa-Sees stattgefunden, so wurde nach Bekanntgabe des Vorganges darauf von Seiten der englischen Verwaltung Gewicht gelegt, daß das durch die Verfolgung gekenterte Fahrzeug überhaupt keine Sklavendhau, vielmehr ein mit werthvollem Elfenbein beladenes Fahrzeug gewesen sei, und dadurch eine Schädigung englischer Interessen stattgefunden habe. Diese Behauptung zweifelhaften Ursprungs aber fällt in sich zusammen sobald man bedenkt, daß weder das Dorf Katuru noch Losefa in Makangilas Land von einem Engländer betreten werden durfte; diese kriegerischen feindlich gesinnten Volksstämme hatten bisher jeden Eingriff blutig abgewiesen, und, als im Jahre 1894 die englische Flotte aus drei Schiffen bestand, da erst wurde vorgegangen und am selben Orte, wo Major Wißmann die Dhau zerstören ließ, wurden zwei andere voll Sklaven und vielem Elfenbein abgefangen. Dieser große Erfolg schwellte natürlich den englischen Stolz, -- aber, als sie noch machtlos waren, solche Dhaus abzufangen, da mußten sie ein gleiches Vorgehen von deutscher Seite einer abfälligen Kritik unterziehen, -- würden wir in den Herzen unser uns äußerlich freundlich gesinnten Vettern schauen können, würden wir auf tiefem Grunde wohl herzlich wenig Wohlwollen für uns entdecken können, -- dieses ist die ausgesprochene Meinung aller, welche in der weiten Welt auf gleichem Terrain mit den Engländern den Kampf um die Güter der Erde aufgenommen haben. Der englische Leu fühlt die Krallen des deutschen Adlers und sucht ihn vergeblich von sich abzuschütteln, -- nicht mehr blos mit dem Volke der Denker, das seinen Idealen nachgestrebt, hat er es heute zu thun, die geistige Erstarkung, verbunden mit der erwachten selbstbewußten Kraft des deutschen Volkes tritt ihm hindernd auf allen Gebieten entgegen, er wehrt sich, aber seine Klauen sind stumpf geworden.
Im weiteren Verlauf der Reise machte zwischen den Bentje-Inseln und Kota-Kota die Expedition auch die Erfahrung, daß der Nyassa-See auch ein anderes Gesicht zeigen kann, wenigstens gab er eine kleine Probe wie ungemüthlich seine Gewässer gelegentlich werden können. Von Bandawe der schottischen Missionsstation, nach Deep-Bai (Pankanga) und von dort querüber nach Amelia-Bai, heute Wind-Hafen, wo anfänglich der Major beabsichtigte, eine Station anzulegen, wurde über Karonga der einzig günstige Platz im Norden des Sees, die Landzunge Kambira, nach großen Schwierigkeiten erreicht. Hier wurde dann die Station Langenburg vom Major v. Wißmann errichtet, die für die weiteren Unternehmungen der Stütz- und Ausgangspunkt sein sollte, später als dann unter diesem Schutz die etwa sechs englische Meilen nördlicher gelegene deutsche Missionsstation Ikombe erbaut war, wurde auch das friedliche Werk der bis hierher vorgedrungenen Missionare gefördert.
Lange Monate später erst gelangten diese erwähnten Vorgänge zu meiner Kenntniß, nachdem ich schon selbst Gelegenheit gehabt hatte, mit dem See und dessen Umgebung mich etwas vertraut zu machen, und werde ich weiterhin bei der Beschreibung des Sees und der Bevölkerung eingehender auf die einzelnen Punkte, sowie auf den weiteren Verlauf der vom Major von Wißmann geleiteten Expedition zurückzukommen suchen.
Indem also nun im Moment der Abfahrt von Fort Johnston die große Expedition thatsächlich getheilt worden, war es der wegen des gewaltigen Materials nur langsam vordringenden Transportexpedition überlassen, die Verfügungen und Befehle des Majors, der von allen Vorgängen nach Möglichkeit unterrichtet werden mußte, nach bestem Können und Wissen auszuführen.
Zwölf Uhr Mittags mochte es geworden sein, als wir das zur Abfahrt bereitliegende Kanoe betraten, um die Rückfahrt zu beginnen. Da mir die nähere Untersuchung des ganzen Flußbettes zur Aufgabe gemacht war, war ich bestrebt, die Tiefenverhältnisse eingehender zu untersuchen, als wie es auf der Fahrt zum See hatte geschehen können, und gleicherzeit möglichst genaue Karten und Entwürfe vom ganzen Flußgebiet anfertigend, brachte mich diese Beschäftigung über das Beschwerliche dieser Reise hin; namentlich bestand das Letztere darin, daß man in solchem schmalen, ausgehöhlten Baumstamm viele Stunden lang ganz still sitzen mußte, höchstens den Oberkörper und die Arme bewegen konnte.
Unkenntniß in der Handhabung eines Kanoe oder Unvorsichtigkeit nur, bringen Gefahr, leicht mit solchem runden Stamm umzukippen, jedoch hat eine Kanoefahrt in den Händen bewährter Leute nichts Besonderes auf sich; wir freilich mit unserer tiefbeladenen Nußschale mußten etwas vorsichtiger sein.
Die Absicht, an diesem Tage nur bis zum Malombwe-See zu fahren, ließ uns Zeit finden, unter dem Berathungsbaum, einer mächtigen Tamarinde, inmitten des Dorfes Towowo (Fumo Towowo) längere Rast zu halten, eigentlich nur aus dem Grunde, eine Zeit lang den glühenden Sonnenstrahlen zu entrinnen. Die Scheu, welche sonst die Eingebornen Europäern gegenüber an den Tag legen, war bald überwunden und dem Beispiel des weißhaarigen Fumo folgend, der neugierig allerlei zu wissen begehrte, kamen selbst Frauen und Mädchen und boten bescheiden ihre geringen Landprodukte an, von denen wir um ein Geringes auch unsern kleinen Vorrath ergänzten; wir stellten auch die schwarzen Schönen durch den Ankauf zufrieden, was hingegen bei den Männern weniger der Fall, als diese von uns Pulver begehrten, welches wir nicht besaßen, auch nicht als Tauschartikel hätten benutzen dürfen.
Späterhin dem Malombwe-See näher gekommen und bis zur Mündung des bereits erwähnten Nebenflusses angelangt, nahm ich mir die Mühe, denselben näher zu untersuchen, war es doch gleichgültig, wo wir zur Nacht unser Quartier aufschlugen, jeder trockene Platz eignete sich dazu, sofern ein solcher nur frei gelegen war und nicht allzu viele blutdürstige Mosquitos uns lästig wurden. Gegen den starken Strom trieben wir also das Kanoe vorwärts und sahen zur Linken bald eine üppige Bananenpflanzung vor uns, hinter welcher, wie wir aus Erfahrung wußten, meistens immer ein Dorf, zum Mindesten einige Hütten verborgen liegen. Bedacht darauf, die in Aussicht stehende Annehmlichkeit, anstatt unter freiem Himmel, die Nacht in einer selbst räuchrigen Hütte verbringen zu können, uns zu Nutze zu machen, suchten wir das kleine verborgen gelegene Dorf auf und hatten auch wirklich den Erfolg, die Gastfreundschaft über Erwarten ausgeübt zu sehen, indem uns die beste Hütte mit zwei Kitanden darin, zur Verfügung gestellt wurde.
Da es noch nicht allzu spät am Nachmittage war, lenkte ich meine Schritte zum Flusse zurück, um hier die mir aufgefallene Fischfangvorrichtung der Eingebornen, wie mir ähnliche schon begegnet waren, näher in Augenschein zu nehmen. Da ich nämlich in dieser Erzählung später auf solche Einrichtungen hinweisen muß, wenn vom Fischfang im Urwald die Rede sein wird, so erachte ich eine kurze Beschreibung hier am Platze....
Fast alle Flüsse, klein oder groß, haben in diesem Theile Afrikas ein starkes Gefälle, was eine rasche, zum Theil wirbelnde Strömung verursacht, die zu Zeiten so stark sein kann, daß die flinken Fische diese selbst nicht überwinden können, auf der Oberfläche aber selbst die leichten Kanoes nur mit größter Mühe und unter dem Schutze der Ufer fortzubringen sind. Diese Strömung nun ist auch die Ursache, daß nach jedem Hochwasser, d. h. der Regenzeit, ein Flußbett anders gestaltet ist, als es vor demselben war, eine Verschiebung der Sandbänke oder Anhäufung solcher, sowie ein Auswühlen tiefer Rinnen sich in solcher Periode beständig vollzieht. Wollen nun die Eingebornen, besser die Uferbewohner, die von dem Zuzug vieler Fische zur Laichzeit unterrichtet sind, ohne Netze und ohne viele Mühe reichen Fang machen, so suchen sie den möglichst weit flußaufwärts gezogenen Schaaren den Rückweg zu verlegen. Zu diesem Zwecke stecken sie an Stellen, wo die Strömung recht stark über flacheren Grund hinzieht mit gespaltenen Bambusstäben den Fluß von Ufer zu Ufer ab, oder auch in einem Bogen, sobald eine vorhandene Rinne dies nicht zuläßt. Die Stäbe, die fest in den Sand eingedrückt und untereinander verbunden werden, widerstehen dem Anprall der Wasser, weil sie dem Durchfluß derselben genügend Spielraum lassen, aber einen größeren Fisch verhindern, zu entweichen. Der Zweck ist, die Fische aufzuhalten, die sich beständig gegen die starke Strömung wenden müssen und auf flacheres Wasser gerathen, immer wieder versuchen durch die Barriere zu entkommen.
Dieses Aufhalten der Fische würde nun eigentlich wenig Zweck haben, wenn nicht innerhalb und zum größeren Theil außerhalb der Barriere aus dünnen Zweigen geflochtene Reusen ausgelegt wären, die ähnlich der in Europa verwendeten, das Herauskommen des eingelaufenen Fisches verhindern können. Die äußeren liegen so versenkt, daß die kleine Oeffnung mit der in der Barriere belassenen zusammenfällt, und der solche entdeckende Fisch wird, vermeinend frei zu kommen, sicher darin gefangen. Auf eines aber wird noch Bedacht genommen, die Fischer nämlich achten stets darauf, immer einen Fisch in jeder Reusen zu belassen, der als eine Art Lockvogel dienen muß; das Wegtreiben der Reusen verhindern sie, indem einzelne Stäbe oder Gabeln durch das Geflecht in den Grund getrieben werden.
Obgleich die Flüsse alle sehr fischreich sind, so ist es doch erstaunlich, welche Anzahl großer schöner Fische auf diese Weise zuweilen gefangen werden und fast immer, wo ich gelegentlich Zeuge gewesen bin, war die Ausbeute eine ergiebige zu nennen.
Noch lagen wallende weiße Nebel, durch das tiefe Sinken der Temperatur während der Nacht erzeugt, über die seitwärts des Dorfes liegende große Grasfläche und über den Schirefluß gebreitet, als ich mit dem ersten Tagesgrauen schon zur Weiterfahrt rüsten ließ. Waren bei unserer Ankunft die wenigen Bewohner des Dorfes versammelt gewesen, um die seltene Erscheinung weißer Männer mit Muße betrachten zu können, so hielten sich am frühen Morgen, der Kälte wegen, alle zum größten Theil noch in ihren Hütten auf, außer einigen alten Frauen, die wohl Stammmütter, die geringsten Dienste verrichten mußten, und unserm freundlichen Wirthe, der auch nicht mit leeren Händen ausgehen wollte. Ein weiter Weg war es den wir zurückzulegen hatten, ehe der Malombwe-See durchschifft und wir den Schirefluß wieder erreichen konnten, darum beschleunigte ich auch die Abfahrt nach Möglichkeit, sodaß wir schon die Barre passirt hatten, als siegend die warmen Sonnenstrahlen die kalten Nebel verscheucht hatten.
In Silberfluth gebadet lag die ruhige spiegelglatte Fluth vor uns, durch die das Kanoe von kräftigen Armen getrieben leicht hindurchschoß. Sechszehn englische Meilen hatten wir bis Mittag zurückgelegt und ungefähr noch zehn vor uns bis zur Station Werra; indes wie flott die Fahrt auch Anfangs über das tiefe Wasser gegangen, als höher und höher der Sonnenball stieg und immer heißere Strahlen niedersandte, die Atmosphäre ein Gluthhauch, der Aether eine blendende Lichtfluth war, da erlahmten auch allmählich die Kräfte der Leute. Denn auf dem Schlammmeer kreuz und quer fahrend, theils um die tiefste Wasserrinne aufzufinden, theils um vermittelst eines Taschenkompaßes die verschiedenen Punkte zur späteren Orientirung festzulegen, geriethen wir öfter in so flaches Wasser, daß es Mühe und viel Zeitverlust erforderte, um wieder frei zu kommen. Meine Ansicht, daß dicht unter Land tiefes Wasser sein müsse, was die Anwesenheit einzelner Flußpferdfamilien unzweifelhaft machten, wurde von Seiten der Leute, die die einzige Fahrstraße kennen wollten mit der Behauptung widerlegt: es gäbe nur den einen eingeschlagenen Weg! Ich hätte mich jedoch schwerlich davon abbringen lassen, wenn die Entfernung nicht so bedeutend gewesen und die Aussicht, dann die Nacht im Kanoe verbringen zu müssen nicht zur Gewißheit geworden wäre.
Als die Sonne im Westen niedersank, die fernen Bergkuppen noch im flüssigen Golde getaucht vor uns lagen, während hinter uns auf dem weiten See schon die Nacht heraufgezogen kam, hatten wir endlich nach vielen Mühen wieder tieferes Wasser unter uns und konnten nach Schätzung vielleicht um 8 Uhr Abends Land erreichen. Die eingetretene Kühle erfrischte die Glieder, das köstlich klare Wasser, nicht mehr lauwarm und widerlich wie am Tage, war zu der trockenen Kost ein Labetrunk, und so in der Hoffnung, das Schlimmste hinter uns zu haben, strengten wir uns alle an, im gleichmäßigen Takte mit den kurzen Paddeln das Kanoe durchs Wasser zu treiben.
Arglos, ohne an Gefahr zu denken, hing jeder seinen Gedanken nach, höchstens ein Ruf des Kapitaos, der die Leute zu größerer Thätigkeit anspornte unterbrach die Stille, bis plötzlich, Keiner von Allen hatte das Geringste bemerkt, neben dem Kanoe das dumpfe Brüllen einer Anzahl Flußpferde vernommen wurde, und in der Dunkelheit neben und vor uns die mächtigen Thiere auftauchten, die wuthschnaubend zum Angriff übergingen. Diese große unvermuthete Gefahr lähmte für einen Moment alle unsere Energie, bis mein Ruf »vorwärts, vorwärts« die Arme der Leute wieder in Bewegung brachte und das Kanoe mit äußerster Kraft durchs Wasser getrieben wurde.
Es war die höchste Zeit, fünf oder sechs der mächtigen Köpfe, soweit im Dunkeln zu unterscheiden, waren schon so nahe, daß es sich nur noch um Sekunden gehandelt hätte, bis sie heran waren, und ein einziger Stoß unser leichtes Fahrzeug dann umgeworfen hätte und dieses mit allen Insassen der Wuth der Thiere preisgegeben wäre.
Gleich im selben Augenblick als die Thiere so erschreckend nahe den Angriff unternahmen, hatten Franke und ich zu den Waffen gegriffen und mit dem Rufe »Vorwärts« krachten auch die Schüsse den Kibokos entgegen. Die Waffen auf die nächsten Köpfe gerichtet, war ein Fehlgehen der Kugeln trotz der herrschenden Dunkelheit und der wohl nicht sehr sicheren Hände, ausgeschlossen. Ich nahm mir nicht die Zeit, die abgeschossene Kugel zu ersetzen, sondern den beiden nächsten Thieren, die halb von vorne herankamen, die Schrotläufe entgegenfeuernd, bezeugte ihr Aufbrüllen, daß, selbst die kleinen Kugeln auf den harten massiven Schädeln nicht ohne Wirkung geblieben waren, untertauchen und verschwinden war eins.