Die deutsche Dampfer-Expedition zum Nyassa-See.
Part 25
Dieses Schnellfeuer, freilich nur fortgesetzt, hätte uns aber nicht vor dem Verderben bewahren können, wenn das Kanoe nicht so schnell fortbewegt worden wäre wie es geschehen, denn nur dadurch entgingen wir der Gefahr, auf dem breiten Rücken eines der Kolosse festzukommen; wäre es geschehen, keinen von uns hätten die verwundeten Thiere, da jede andere Hilfe ausgeschlossen war, verschont, auch schwerlich wäre jemals bekannt geworden, wo und wie wir geendet, die Krokodile, noch weit zahlreicher hier vertreten, hätten bald jede Spur verwischt. --
Geraume Zeit noch, als wir das bald nutzlose Feuern schon längst eingestellt hatten, arbeiteten wir mit den Paddeln vorwärts, um uns von der Heerde so schnell als möglich zu entfernen; das Brüllen und Grunzen hinter uns war eine gute Anfeuerung, alle Kräfte einzusetzen um fortzukommen. Wie gewandt das mächtige Thier auf dem Grunde laufen kann, dies wußte ein Jeder; es kann sehr schnell verfolgen, und wird nur dadurch Zeit verlieren, wenn es hoch kommt um Luft zu schnappen, oder Umschau hält nach dem verloren gegangenen Gegner. Die Dunkelheit begünstigte in dieser Hinsicht unsere Flucht besonders, aber als wir eine Stunde später die Schire-Einfahrt gewonnen und bald darauf das Kanoe bei Werra auf dem Strande laufen ließen, wußten wir alle, was wir geleistet und wie mit knapper Noth wir dem Tode entronnen waren! Nach einer guten Mahlzeit, die wir uns am Ufer noch bereiteten, der Magen wollte trotz aller Abspannung das Mahnen nicht lassen, muß ich bekennen, daß ich nicht mehr Lust hatte, die Strecke bis zur Station zu gehen, um in eine der Hütten das Lager für die Nacht herrichten zu lassen, sondern es vorzog, in ein hoch auf den Sand geholten Kanoe allein zu schlafen, die Ruhe in der freien, stillen Natur, war auch verlockend; ebensowenig aber kam mir dabei der Gedanke, daß nächtlicher Weile Flußpferde ans Ufer steigen und ihre Spaziergänge unternehmen könnten, viel weniger noch kamen mir die Krokodile in den Sinn.
In tiefem festen Schlaf gefallen, wie solchen körperliche Ermattung herbeiführt, mochte es wohl bereits in den ersten Morgenstunden sein, als ich durch ein Geräusch am Kanoe ähnlich einem Hin- und Herscheuern an der Außenwand, aufgeweckt wurde; halbaufgerichtet und unter der überhängenden Decke durchschauend, konnte ich aber auf der vom Mondlicht beschienenen Sandfläche nichts Auffallendes entdecken, und denkend, mag es sein was es will, ich liege ja sicher genug mit den Waffen zur Seite, schlief ich wieder ein. Am frühen Morgen aber, der dämmernde Tag war schon heraufgezogen, kam mir sofort die nächtliche Störung in den Sinn, und vorsichtig über die Brüstung des Kanoe hinwegschauend, gewahrte ich auch die Ursache. Nämlich drei mächtige Krokodile, nur wenige Meter entfernt, lagen, die Köpfe dem Lande zugekehrt auf dem Strand, und schienen dem Anschein nach die Morgenluft zu genießen, wenigstens waren ihre Bewegungen recht bedächtig und die halbgeöffneten mächtigen Rachen mit den furchtbaren Zähnen klappten in Wohlbehagen auf und zu.
Die Aufmerksamkeit der Thiere schien von mir abgelenkt zu sein, sie beachteten zum wenigsten das Geräusch nicht, welches ich beim Ergreifen meiner Büchse verursachte, und in der sichern Voraussicht, daß ich gewiß einem dieser nächtlicher Wächter einen derben Denkzettel aufbrennen könnte, war ich etwas langsam. In noch liegender Stellung, im engen Kanoe war ein Zurechtsetzen so schnell nicht gut möglich, bemerkte ich, daß irgend etwas die Thiere erschrecken müsse, denn sie wandten sich und krochen zum ganz nahen Wasser. Schnell warf ich die Decken ab und aufspringend, suchte ich für meine Kugel ein Ziel ... schneller aber waren die Krokodile in ihrem Element und nur die Furchen im Wasser zeigten an, wohin jedes sich gewandt hatte. Erst eine Minute später zeigte sich der Rücken des einen auf der Oberfläche, der von der zugesandten Kugel gestreift, das Thier wild aufbäumen machte und einmal mit dem Schwanze das Wasser peitschend, in die Tiefe verschwand.
Zu beiden Seiten des Kanoes fand ich die Abdrücke der Füße der Krokodile und die glatten Furchen, welche der schwere nachschleppende Schwanz derselben auf dem Sande zurückgelassen hatte. Es war zweifellos, die Unholde hatten die Beute gewittert und den Versuch gemacht, sich derselben zu bemächtigen, daher auch das Geräusch, welches mich in der Nacht ermuntert hatte. Jedenfalls aber hätte die unmittelbare Nähe solcher unheimlichen Gesellschaft, wenn mir die Gefahr zum Bewußtsein gekommen wäre, mich doch nicht wieder in so sicherer Ruhe einwiegen lassen; konnte mir auch nichts geschehen, so lange ich nur still liegen blieb, so glaube ich doch, mit dem Schlaf wäre es wohl vorbei gewesen. --
Beim schnell bereiteten Morgentrunk, der aus einem Becher ungesüßtem Kakao bestand, wurde der abendlichen Affaire mit den Flußpferden und dieses nächtlichen Besuches nochmals kurz gedacht, und dann ging es, sobald die Leute mit dem Einpacken fertig waren, wieder wohlgemuth flußabwärts, den träge auf Bänken oder am Ufer liegenden Krokodilen aber, schenkten wir ganz besondere Beachtung, und weckten manches so unfreundlich aus süßer Ruhe, daß ihm solch warmer Morgengruß Schmerzen und Tod eintrug.
Für diesen Tag war unser Ziel das Dorf Lionde, wo wir, wenn nicht die Gastfreundschaft des Arabers Baccari ben Umari in Anspruch genommen werden konnte, zu rasten gedachten, doch jedenfalls aber wollten wir diesen aufsuchen, um ihn an sein Versprechen zu mahnen, damit er uns recht bald Proviant in das Lager zu Mpimbi sende. Es bedurfte von Seiten der Leute keiner besonderen Anstrengung mehr, die Fahrt des Kanoe zu beschleunigen, der Strom allein trieb es schon etwa in der Stunde eine deutsche Meile flußabwärts, sodaß ich einen Mann zum Auspeilen der Tiefe anstellen und mit Gemüthlichkeit meine Aufzeichnungen ausführen konnte. So an Dörfern, Wald und Grasebenen vorüberziehend, war es eine höchst angenehme Fahrt, auch wo wir Einkehr hielten, wurden wir von den Dorfbewohnern freundlich aufgenommen; war noch etwas Pombe irgendwo in einer Hütte aufzutreiben, wurde dieses uns gegen eine angemessene Entschädigung überlassen, denn gewöhnlich geben sie nicht gerne ihr Bier weg, da sie es in dieser Gegend nicht zum Verkauf bereiten; wir aber zogen es bei weiten dem warmen Flußwasser vor.
Gegen Abend, als immer noch nicht das Ziel voraus in Sicht kommen wollte, beschleunigten wir doch etwas unsere Fahrt, denn fern rollender Donner und schwarze Gewitterwolken mahnten uns bei Zeiten an eine sichere Unterkunft zu denken, ehe wir von dem schnell heraufziehenden Unwetter überrascht werden möchten. Die höchste Zeit war es, daß wir Schutz und Obdach fanden; denn als das Kanoe an der Landungsstelle beim Dorfe Lionde am rechten Ufer in das Schilfgras einlief, und wir das steile Ufer hinaufsprangen und unter der nächsten Hütte zu treten suchten, deren überhängendes Dach uns Schutz versprach, prasselte der Regen schon in Strömen hernieder.
Gewohnt, als Europäer von der Hütte eines Eingeborenen nicht weggewiesen zu werden, solange nicht offene Feindschaft ausgebrochen und der Neger der Stärkere ist, war der Empfang, den uns ein altes zeterndes Weib bereitete, etwas überraschend, zumal wir noch keine Miene gemacht hatten, ihre verräucherte schmutzige Hütte zu betreten, und uns nur vor dem ersten heftigen Anprall des Gewittersturms zu decken suchten. Ihr Lamentiren, für uns unverständlich, hatte nur den Erfolg, daß aus den umliegenden Hütten Männer und Frauen hervorkamen, die, wie es schien, diese boshafte Alte, nebenbei ein Urbild von Häßlichkeit, noch mehr aufreizten. Wir ließen uns freilich nicht stören, hatten aber genügend Grund, über die Ursache solcher scharfen Abweisung Betrachtungen anzustellen, um so mehr, als einer unserer Leute das Kauderwelsch der alten Migäre dahin aufklärte, daß wir uns entfernen sollten, sie wolle keinen weißen Mann unter ihrer Hütte haben, auch die Reden der anderen Bewohner waren nichts weniger als freundliche.
Dieser Dolmetscher hatte darauf der Alten zu erklären, daß es von ihr gescheiter wäre den Mund zu halten, wir wollten von ihr nichts, da wir aber nun einmal hier seien, so würden wir auch bleiben, woraufhin sie von der Bildfläche verschwand und in ihren vier Pfälen den angefangenen Prolog mit etwas gedämpfter Stimme fortsetzte. Der Gedanke, daß etwas im Werke sein könne, was Europäern zum ernsten Nachdenken Veranlassung geben könnte, kam uns nicht, so auffällig dieser Vorgang auch war, stand es doch allein dem Dorfhäuptling nur zu, uns wegzuweisen und, daß von dieser Seite uns nichts in den Weg gelegt werden würde, nahmen wir als selbstverständlich an.
Als der erste schwere Regenguß vorüber gezogen war, ließ Herr Franke unsere Sachen heraufschaffen, während ich einen Abgesandten zum Häuptling abfertigte, der denselben unsere Ankunft melden und ihn um Ueberlassung einer Hütte für die Nacht ersuchen sollte.
Die jüngere Generation des Dorfes, die inzwischen sich zu Haufen angesammelt hatte, starrte neugierig die weißen Ankömmlinge in einer Weise an, als hätte diese halbwüchsige schwarze Gesellschaft noch nie Gelegenheit gehabt, einen Europäer zu sehen und müßte sich deren Gebahren und Handeln fest ins Gedächtniß einprägen; im Hintergrunde dagegen standen die erwachsenen Männer, fast nicht minder neugierig als ihre Sprößlinge.
Der zurückkehrende Bote, der sich nur mit Mühe durch die gaffende Menge Bahn brach, brachte mir die überraschend unwillkommene Nachricht, daß der Häuptling mir sagen lasse, er habe für uns keine Hütte zum Nachtquartier und rathe uns sein Dorf lieber zu verlassen! In solch mißlicher Lage war nun guter Rath theuer. Hätte der persönliche Stolz uns nicht verboten, den gegebenen Rath nicht zu befolgen, vielmehr durch unser Bleiben nun zu zeigen, daß wir uns nicht einschüchtern lassen, so hätten wir vielleicht noch am anderen Ufer bei dem Araber Baccari Unterkunft finden können, aber einfach abziehen und das Feld zu räumen, weil die übliche Gastfreundschaft verweigert wurde, hätte den Schwarzen gegenüber wie eine Art Flucht erscheinen können, und ich wenigstens war dagegen, der schwarzen Gesellschaft diesen Gefallen zu thun, wiewohl ich mir den Grund zu einem so unfreundlichen Benehmen, das einer Drohung nicht unähnlich, absolut nicht erklären konnte.
Entschlossen, auf jede Gefahr hin zu bleiben, nahm ich die Gelegenheit wahr, der gaffenden Menge eine Probe von der Treffsicherheit unserer Waffen zu geben; als zufällig inmitten des Flusses auf der Wasseroberfläche ein Krokodil träge sich vorbeitreiben ließ, schoß ich auf dieses und ein Ruf der Verwunderung ging durch die Menge, als das verwundete Tier den mächtigen Rachen weit aufreißend in die Tiefe sank, darauf ohne das Gewehr abzusetzen gab ich noch zwei Schrotschüsse nach einem näheren Gegenstand ab und jetzt prägte sich das Erstaunen der Umstehenden in deren Blicken aus, die sie auf die schnellfeuernde Waffe gerichtet hielten. Diese kleine Schießprobe sollte nur dazu dienen, den bewehrten Männern zu zeigen, daß wir nicht wehrlos ihnen gegenüberstehen und es nicht rathsam sei, uns eventuell zu einem Abzug zu zwingen.
Bei dem Versuche, aus unsern wasserdichten Decken ein Zelt aufzurichten kam uns als unwillkommener aber doch bester Helfer der Ausbruch eines neuen Gewittersturms zu Hilfe; die Wasserfluth machte freilich unser Vorhaben zu Nichte, vertrieb aber gleichfalls auch die gaffende lästige Menge und suchten wir wieder unter dem Dach Zuflucht, wo uns der erste unfreundliche Empfang zu theil geworden war.
Da die Dunkelheit und die Nacht mit diesem Unwetter heraufzog, hatten wir, durch Decken nothdürftig geschützt, nahe der runden Lehmwand der Hütte Platz genommen, um die Koffer und Sachen, die frierenden Leute dazu, nach Möglichkeit der Regenfluth zu entziehen, und mit Geduld uns in das Unvermeidliche fügend, trafen wir die Vorkehrungen, eine lange ungemüthliche Nacht hier zu verbringen.
Nicht eher als bis die furchtbar rollenden Donner sich in die Ferne verloren hatten, die zuckenden Blitze nicht mehr die dunkle Nacht erhellten, fanden wir erst gegen Mitternacht die ersehnte Ruhe; so lange währte der Aufruhr der Elemente, deren ganze Gewalt sich über diese Gegend entladen hatte. Am frühen Morgen des 10. Januar rüsteten wir uns zur schnellen Abfahrt, mit der Absicht, bis gegen Abend noch Mpimbi zu erreichen, um die müden Glieder mal wieder auf ein Feldbett ausstrecken zu können, wurden aber länger aufgehalten, weil die Regenströme unser Kanoe fast voll Wasser gefüllt hatten, das die Leute mit den Händen, in Ermangelung eines geeigneten Apparats erst ausschöpfen mußten, und als wir schließlich von den zahlreich herbeigeströmten Bewohnern umdrängt, das Ufer verlassen hatten, stand am andern der Araber Baccari und wollte uns sein Salam sagen. Genöthigt, nun doch die Abreise etwas zu verzögern, hätte ich gerne etwas Proviant gleich mitgenommen, zumal ein gewisses Quantum bei meiner Rückkehr bereit liegen sollte, aber wir erhielten nichts, nur versprach Baccari uns in den nächsten Tagen einige Kanoes mit Mehl, Bataten und Ziegen senden zu wollen. Seine Einladung, in seine weit zurückgelegene Behausung einzutreten, schlug ich aus Mangel an Zeit ab. Erhalten hätte ich doch nichts, und uns von dem schlauen Patron ausfragen zu lassen, der, wenn nicht die Seele des ausbrechenden blutigen Aufstandes, so doch der Berather der Häuptlinge war, dazu hatten wir keine Veranlassung.
Jetzt, noch vor dem Ausbruch der Feindseligkeiten, von denen uns von Seiten der Bevölkerung ein kleiner Vorgeschmack gegeben worden, stand, wie schon früher erwähnt, das Dorf Lionde auf beiden Ufern des Schire; von den Hütten war die weitaus größere Zahl auf dem rechten Ufer erbaut worden und nach den dichtgesäten beliebig durcheinander errichteten Behausungen zu urtheilen, mußte die Eingebornenzahl eine ganz beträchtliche sein. Darum auf die große Zahl ihrer Krieger pochend, die theilweise mit Vorderlader bewaffnet waren, mochten doch die Häuptlinge, unterstützt von der Bevölkerung des ganzen Distrikts, sich kräftig genug fühlen, den von den Engländern eröffneten Kampf anzunehmen. Aber an Zahl auch noch so groß und überlegen, fehlt die einheitliche Leitung, und anstatt dem vordringenden Feinde die Hauptmacht entgegenzustellen, sucht jeder Fumo allein die geschlossene Macht der Europäer aufzuhalten, wird natürlich geschlagen und die Fliehenden, zwar die Zahl der zurückstehenden Haufen vermehrend, entmuthigen mehr oder weniger die noch kampfbereiten Krieger. Zurückzuführen ist solche Kampfweise auf persönliche Eifersucht unter den Häuptlingen selbst, da jeder wohl zu kämpfen sich bereit erklärt, aber keiner dem andern die Leitung überlassen mag.
Ebenso vermeiden diese Krieger möglichst den offenen Kampf, was der Fall, sobald sie die überlegene Waffe der Weißen zu fürchten haben. Auch werden sie nie ihre Heimstätten und Dörfer energisch vertheidigen, sondern, da Weib und Kind und alles Eigenthum meistens vorher in Sicherheit gebracht worden ist, diese dem vordringenden Feinde überlassen, der die Grasdächer in Brand setzt und in kurzer Zeit ein noch so großes Dorf in einen Aschenhaufen verwandelt, obgleich die labyrinthartigen Wege, gedeckt und geschützt durch den Wirrwarr der Hütten, dem Vertheidiger ein nicht unwesentliches Uebergewicht, dem Angreifenden gegenüber, geben würden.
Wie der spätere Kampf zeigen wird, ist Lionde auch auf diese Weise ein Raub der Flammen geworden und hat das Schicksal aller zwischen hier und Mpimbi liegenden Dörfer getheilt, so daß, als ich diesen Ort wieder sah, von dem mir in der Erinnerung haften gebliebenen Bilde auch nicht das Geringste übrig geblieben war, was an das einstige Lionde erinnert hätte! Nachdem wir uns von dem geschwätzigen Araber frei gemacht hatten, setzten wir unsere Fahrt flußabwärts fort und rasteten erst im Dorfe Perisi; hier mit der gewohnten Freundlichkeit von seiten der Bewohner aufgenommen, konnte ich eine Art Vertrag mit dem Häuptling abschließen, der sich auf Lieferung von Naturalien und Vieh beziehend, wenigstens einige Aussicht bot, von hier unsere Bedürfnisse zu decken.
Auffallend, wie ich bisher noch nirgend bei diesen Völkerstämmen Gelegenheit gehabt zu beobachten, war hier unter dem Schatten eines gewaltigen Baobobbaumes einem verstorbenen Häuptling eine Art Grabmonument errichtet worden, in der Weise, daß über dem flachen Grabhügel eine viereckige Hütte erbaut worden, deren Dach über der Grasbedeckung noch verschwenderisch mit blauem und weißem Zeug bekleidet war und als Zierrath noch Bänder aus diesem und rothem Zeuge an allen Seiten herniederhingen. Die Verschwendung des für den Eingebornen besonders werthvollen Stoffes ließ darauf schließen, daß ein reicher Mann von besonderem Einfluß hier bestattet worden sei, weil sonst nur auf den Trümmern einer über einem Grabe eingerissenen Hütte wenige Fähnchen als Schmuck angebracht zu werden pflegen. Später, nach dem Aufstand, habe ich mich vergebens bemüht, diese Stätte wieder aufzufinden; die sonst heilige Stätte der Todten war von Feindeshand beraubt und entweiht worden.
In den Nachmittagsstunden verhinderten recht schwere Regengüsse, verbunden mit plötzlich hereinbrechenden Sturmböen, verschiedentlich unsere Weiterfahrt und entweder mußten wir unter dem Dache einer Hütte Schutz suchen, oder hinter den mächtigen Stämmen altersgrauer Bäume uns zu decken suchen.
Gegen Abend jedoch passirten wir die eine Strecke oberhalb Mpimbi liegende große Insel im Schire, auf welcher der Häuptling Tschikusi seinen beständigen Wohnsitz aufzuschlagen im Begriff war; denn selbst kein Freund der Engländer, verließ er sein Dorf Mpimbi, um hier unbelästigter seiner üblen Gewohnheit, dem Pombetrinken, fröhnen zu können, man sagte von ihm, daß er niemals nüchtern anzutreffen sei.
So erreichten wir denn nach fünfzehntägiger Abwesenheit, nach mancher Fährlichkeit und Strapazen, glücklich das deutsche Lager wieder, wo ich nun das Hauptwerk beginnen, und die deutsche Thatkraft beweisen sollte, daß auch ihr nichts unmöglich ist.
12. Der Aufstand.
Das deutsche Lager, das etwa vier Minuten vom Flusse entfernt war, hatte eine so versteckte Lage, daß es, von zwei Seiten, links und geradezu, von dichtem Wald umgeben, in der Front und rechts, lichter Busch, erst bemerkt werden konnte, wenn man vor der aufgethürmten Dornhecke stand. Als ein trockener und vorzüglicher Lagerplatz hätte in ruhigen Zeiten dieser geschützte Ort nicht besser gewählt werden können. Aber wie es sich in Folge der Ereignisse auswies, die nicht erwartet und nicht vorhergesehen werden konnten, war die Wahl dieses Ortes in Bezug auf Vertheidigung keine glückliche gewesen, obgleich de la Fremoire und Illich, die den Auftrag zur Auswahl gehabt, den besten und einzigen Ort gewählt hatten, der nahe Mpimbi überhaupt gefunden werden konnte.
Betreffs des Platzes, welcher zur Anlage der Werft in Aussicht genommen war, hatte bereits Herr von Eltz von Katunga aus sich mit dem Kommissar Mr. Johnston in Zomba in Verbindung gesetzt, um dessen Genehmigung zum Aufbau einer solchen zu erhalten; ich erfuhr aber von einem Deutsch-Engländer, Mr. Berenger, der, als Manager die Plantage unterhalb des Dorfes Mpimbi, für die Firma Scharrer & Co. verwaltete, daß die ganze Uferstrecke einschließlich dieses Dorfes dem in Blantyre ansässigen Herrn Scharrer gehöre und diesem allein das Verfügungsrecht über dieses Terrain zustehe, und würde blos die Genehmigung des Häuptlings Tschikusi darüber einzuholen sein, ob wir auch sein Dorf ungehindert passiren könnten.
Hatte ich mir damals auch noch keine rechte Vorstellung machen können wie die Verhältnisse in Mpimbi lagen, so war mir jetzt die Erklärung dieses Vertreters -- es würde kein Anstand genommen werden, uns den Platz für die Zeit des Schiffsbaus unentgeltlich zu überlassen -- eine hochwillkommene, auch Schwierigkeiten, die der Häuptling allenfalls machen könnte, würden von dieser Seite beigelegt werden; ich hätte nur die Eitelkeit des Fumo durch einige Geschenke zu schmeicheln und der sofortigen Inangriffnahme des Werftbaues stände nichts mehr im Wege.
Unterrichtet nun, in welcher Weise ich mit dem Häuptling Tschikusi zu verfahren hatte, schickte ich zu diesem einige Abgesandte mit dem Ersuchen, bald möglichst zu mir ins Lager zu kommen und, da dessen Willfährigkeit von dem Werthe des überbrachten Geschenkes abhängig war, so hatte ich ein ganzes Stück weißes Zeug als vorläufige Gabe überreichen lassen. Etwas erstaunt und verlegen war ich aber doch, als mir die Boten die Meldung brachten, daß der Fumo sie mit dem Geschenke zurückgewiesen, mit dem Bemerken, weißes Zeug sei für einen großen Häuptling keine würdige Gabe, verlegen insofern, als mein Vorrath überhaupt nur sehr gering war, denn bunte Tücher und Taschentücher wollte ich eigentlich erst nach dem Schauri herausrücken. Ein Nichtwillfahren hieß jede Verhandlung abbrechen und die Konsequenzen tragen, die in endlosen Weitläufigkeiten und Hinderung meiner Absichten bestehen würden, darum meinen ganzen Reichthum überschlagend, wählte ich ein halbes Stück blaues Zeug, einige bunte große Tücher, eine Decke und eine Anzahl recht grell gefärbte zusammenhängende Taschentücher und sandte die Boten sofort zurück mit der Anweisung, dem Häuptling verstehen zu geben, er würde noch ein ähnliches Geschenk erhalten, wenn er zugestehen würde, was ich von ihm wünsche. Diese ganze Gabe, deren Werth in Europa nur gering, muß hier, wo dieselbe einige hundert Prozent mehr gilt, doch als eine recht werthvolle angesehen werden, zumal in den Augen des Schwarzen das Bunte immer den Vorzug erhält; die Güte der Waare kommt dabei weniger in Betracht, obwohl er auch hier schon durch die herrschende Konkurrenz gewitzigt, einen kleinen Unterschied zu machen weiß.
Nun dieses Mal hatte ich mit den Geschenken Erfolg, und die überbrachte Botschaft, der Fumo würde am nächsten Morgen zur Verhandlung in das Lager kommen, ließ mich wenigstens einen günstigen Ausgang erhoffen; weniger angenehm war die Mittheilung für mich, daß Tschikusi wieder vollständig betrunken sei und seine Umgebung eigentlich die Zustimmung gegeben habe! Daher sah ich denn auch dessen Ankunft mit begreiflicher Spannung entgegen, namentlich in welcher Verfassung der Fumo sich präsentiren würde! --