Die deutsche Dampfer-Expedition zum Nyassa-See.
Part 23
Da wie immer bei dieser Expedition alles bereit war, bedurfte es nur eines Kommandos und in wenigen Minuten schon schwamm ich auf der dunklen Fluth. Meine Aufgabe war es ja, speziell den Wasserverhältnissen des Schireflusses genaueste Beachtung zu schenken, deshalb bei der schwierigen Durchfahrt am Abend, hatte ich mir verschiedene Objekte, als festliegende Grasinseln, zwischen denen ich die tiefste Wasserrinne wieder aufzufinden im Stande sein würde, genau bemerkt. Demnach suchte ich auch in dieser Dunkelheit mich darnach zu orientiren, wobei die Falkenaugen der Bacharias, von denen ich fünf Mann mitgenommen hatte, mir wesentliche Dienste leisteten. Ich war bestrebt nach Süden zu die Barre mit dem Boot zu passiren, indem ich nach dieser Richtung hin am ersten das Canoe zu finden vermeinte, allein ein gefallener Schuß, der hier auf dem freien Wasser deutlich vernommen wurde und ganz von der rechten Seite, also westwärts, herübertönte, ließ mich diese Absicht aufgeben, obgleich es mir nicht recht einleuchten wollte, wie das Canoe soweit nach jener Richtung hin hätte fahren können; es war demnach an der Barre vorbei dem hohen Gebirgszug, der die westliche Seite des Sees begrenzte, zugesteuert. Zweifeln konnte ich aber nicht, denn der leichte Wind, der von den Bergen herüberwehte, hatte mir den scharfen Knall eines Mausergewehres zugetragen, ich wußte mithin, daß nach jener Seite das Canoe oder wenigstens die Vermißten zu suchen seien.
Anfänglich noch schimmerte das Laternensignal durch die Nacht und ich konnte an der geschätzten Entfernung ermessen, wie weit das Boot ungefähr vom Lande entfernt sei, hatte an dieses, da vom flachen Lande absolut nichts zu sehen war, wenigstens einen Anhalt, der es mir ermöglichte, annähernd die Richtung einzuhalten. Plötzlich verschwand aber auch dieses Licht, und, da kein Stern durch das tiefschwarze Gewölk zu dringen vermochte, mußte ich so gut es eben gehen wollte, das Boot zwischen den Untiefen hindurchzuführen suchen. Endlich, ins tiefere Wasser gelangt, gab ich drei Signalschüsse ab, um mich, wenn solche beantwortet würden, über die nun einzuschlagende Richtung zu orientiren, ehe ich mich auf die weite Wasserfläche hinauswagte. Es verging eine ganze Zeit bis das Signal beantwortet wurde, und darauf kräftig die Ruder gebrauchend, flog das Boot durch die Nacht über die dunklen Fluthen hin. In kürzeren Zwischenräumen feuerte ich immer wieder mein Gewehr ab, doch keine Antwort erfolgte mehr, sodaß ich annehmen mußte, Franke habe schon seine letzte Patrone vergossen. Auch als kein Ruf vernommen wurde, wenn ich zuweilen die Leute mit dem Rudern aufhören ließ, schien es mir schließlich das Beste, ruhig zu warten; denn, ist das Canoe noch aktionsfähig, würden die Insassen jedenfalls versuchen, von den Signalschüssen geleitet, das ihnen zu Hilfe gekommene Boot zu erreichen.
Ich hatte mich in dieser Voraussicht auch nicht getäuscht; zwar währte es noch eine beträchtliche Zeit, ehe wir Rufe vernahmen und von diesen geleitet das Boot dahin lenken konnten, woher das Canoe langsam sich zu nähern schien, doch hatte ich aber die Genugthuung, nicht vergeblich in die Nacht hinausgefahren zu sein. Wenigstens konnte ich den wohl aufs äußerste Erschöpften die erste Unterstützung leisten.
Und endlich lagen bald darauf Boot und Canoe Bord an Bord, worauf dann unverzüglich, so schnell es in der Dunkelheit eben gehen wollte, sämmtliche Lasten, die in dem Canoe noch vorhanden und zum Theil halb verdorben waren, in das Boot übergenommen wurden, und dieses so erleichtert, hatte uns zu folgen. Während der Rückfahrt konnte ich aus der Erzählung des Herrn Franke entnehmen, daß er alle Phasen einer solchen Irrfahrt Kampf, Sturm und vermutheten Untergang hat durchkosten müssen. Er hatte auch unsere Signalschüsse, deren Echo vom Winde getragen über den See verhallte, vernommen, jedoch aus keiner bestimmten Richtung, und daher sei es gekommen, daß das Canoe dem hohen festen Lande zugelenkt wurde, bis er dadurch wieder irre wurde, als hinter ihm deutlich vernehmbar plötzlich Schüsse abgegeben wurden. Dann, fast schon an eine Rettung zweifelnd, da das Canoe immer tiefer sank und sich mit Wasser füllte, welches er nicht allein mit seiner Mütze auszuschöpfen im Stande war, sei es ihm wie eine Erleichterung gewesen, als er durch die immer näher kommenden Signale die Ueberzeugung gewann, ein Boot sei ausgesandt worden, um ihn zu suchen. -- Gewiß nicht beneidendenswerth ist die Situation gewesen, in welcher er sich seit der Stunde befunden, als wir ihn aus den Augen verloren hatten und konnte von großem Glück sagen, daß das Unwetter so schnell vorüberzog und der Wind das Canoe nicht weit auf den erregten See hinausgetrieben hatte, wo in solcher Nacht jede Aussicht auf Hilfe schwinden mußte.
Sobald wir uns der Barre wieder genähert und flacheres Wasser fanden, saßen wir mit dem Boote bald auf Grund und es wollte nicht glücken, von den Untiefen freizukommen; durch Stromversetzung höchst wahrscheinlich, waren wir auf die südlichen Bänke gerathen. Eine ganze Zeit währte es, ehe ich darüber im Klaren war, wo wir uns eigentlich befanden, bis das Hin- und Hersuchen uns schließlich den tiefen Strom ausfinden ließ und wir glücklich, nachdem noch ein Regenschauer die letzte Strecke höchst ungemüthlich gemacht hatte, zu Lande kamen. Hier war es inzwischen doch gelungen, ein spärliches Feuer im Zelte zu unterhalten und nach abgestatteter Meldung beim Major von Wißmann erwartete uns ein warmer Trunk, wobei nun die Tagesereignisse im kleinen Kreise noch erörtert wurden, ehe alle zur kurzen Rast sich zur Ruhe legten, um im festen Schlummer sich zur neuen Anstrengung zu stärken. Der Befehl, daß am nächsten Morgen das Sektionsboot und das von mir bei der nächtlichen Fahrt benutzte Boot zur Abfahrt bereit liegen sollten, wurde, als der Trompeter die Schläfer weckte, schleunigst ausgeführt, sodaß, als der Major zur Abfahrt bereit, die Boote segelfertig bereit lagen. Neben der Mannschaft sollte ich allein den Major auf dieser Fahrt nach dem verlassenen Boote begleiten, das am vorigen Tage mit seiner ganzen Besatzung von einigen vierzig Mann hatte im Schlamm zurückgelassen werden müssen, und das nun durch Entlöschen aus seiner Lage mitten im See befreit werden sollte. Trübe, nicht wie sonst vom freundlichen Sonnenstrahl erhellt, war der Morgen angebrochen, das schwere Gewölk hing noch immer düster drohend über uns; die endlosen Wolkenscharen ballten sich Unheil verkündend, zusammen, und jene gelbliche Färbung derselben im Norden war wieder das Zeichen, daß der Sturm heraufgezogen kam, vor dessen Hauch die Dunstgebilde in die Höhe umherflohen. Ein Warnungszeichen war uns hierdurch gegeben, -- jedoch mit unseren guten Booten jedem Unwetter Trotz bietend, erachteten wir es als einen besonders günstigen Umstand, vor dem Winde laufen zu können und desto schneller unser Ziel zu erreichen; deshalb traten wir auch ohne Bedenken die weite Reise an, obgleich der mit dem Sturm zugleich niederprasselnde Regen uns keine angenehme Fahrt bereiten würde.
Sobald die Barre passirt war, setzten wir Segel und vor dem immer stärker wehenden Wind flog das Boot mit dem kleineren im Schlepptau über die schwarzen schnellerregten Wogen hin. Bald war der breite und tiefe Wassergürtel, der das mächtige Schlammmeer umfaßte, durchquert, und wir konnten dann auf der gelblich schmutzigen Masse den Weg genau verfolgen, den wir gekommen waren. Es lag in des Majors Absicht, den geraden Weg zu nehmen, indem wir voraussetzten, daß der Schlamm für die leeren Boote kein sonderliches Hinderniß sein würde; demnach lenkte ich das Boot jener Richtung zu, in welcher das große Fahrzeug liegen mußte, hoffend, daß es gelingen, und wir Wasser genug unter dem Boote behalten würden, um dieses manövrirfähig zu erhalten.
Bald wuchs der schon starke Wind zum Sturm, die Luft ebenso gelb wie die aufgewühlten Wasser unter uns, dazu der niederströmende Regen machte es unmöglich, auch nur wenige Meter voraus oder um uns irgend etwas zu unterscheiden; eingehüllt von einem undurchdringlichen Schleier waren wir völlig den rasenden Elementen preisgegeben. Vor dichtgerefften Segeln raste das Boot durch die Fluthen, -- trotzdem aber war die geführte Leinewand noch zu viel, da die Masten den gewaltigen Druck des wilden entfesselten Sturmes nicht auszuhalten vermochten, und mit Mühe nur konnten wir diese bergen, sodaß, so zu sagen vor Topp und Takel laufend, die Gewalt des Sturmes allein auf die Fahrt des Bootes ihren Einfluß ausübte. Die Schnelligkeit des Bootes wurde naturgemäß dadurch vermindert, und wir erkannten nun, da dieses nicht mehr mit Allgewalt durch den Schlamm vorwärts getrieben wurde, daß wir kaum noch einen halben Fuß Wasser hatten; in der weichen Masse mußte das Boot sitzen bleiben, wenn der Wind so plötzlich wie er gekommen, auch wieder aufhörte, denn sehr weit waren wir vorgedrungen, und rings um uns nur das gelbliche vom Sturm aufgewühlte Gewässer. Bekannt mit diesen gewaltigen Gewitterböen, deren Kraft schnell erlahmt sobald der Hauptstoß vorübergezogen, fürchtete ich sehr, daß die gewöhnlich nachfolgende Stille uns in einer der peinlichsten Situationen finden würde, aus der wir uns, selbst mit Hilfe des kleineren Bootes nicht zu retten vermochten, wenn der Wind uns nun im Stiche ließ; auf die Frage des Majors »was fangen wir nun an, um hier wieder herauszukommen und das freie Wasser zu gewinnen!« konnte ich nur der Hoffnung Ausdruck geben, daß der Wind lange genug anhalten möge und seine Kraft uns aus dieser bedenklichen Lage befreien möchte. In dem Augenblick als die Gefahr erkannt worden war, wurde das Boot auch sofort nach links soweit aus seinem bisherigen Kurse abgelenkt, daß dieses vom Sturm nun mehr seitwärts gefaßt, unter der zulässigen Segellast schneller wieder durch den Schlamm fortgetrieben wurde. Mit der abnehmenden Stärke des Windes wurde immer mehr Segeltuch gesetzt, soviel, als das Boot irgend nur tragen konnte und dadurch dessen Geschwindigkeit gesteigert, die jedoch im Verhältniß zur anfänglichen nur sehr gering war, weil die Schlammmassen zu großen Widerstand entgegensetzen. Immer näher an den Wind je schwächer dieser wurde steuerte ich das Boot so, daß dessen Bug schließlich ganz dem Lande zugekehrt war, welches uns die mittlerweile darüber hinweggefegte Dunstmasse wieder erkennen ließ, und konnten nach kurzer Zeit die erfreuliche Beobachtung machen, daß wir auf etwas tieferes Wasser gekommen waren. Mit Hilfe der Ruder, an denen die Mannschaft mit allen Kräften arbeitete, wurde die allmählig erlahmende Kraft des Windes einigermaßen ersetzt und wir hatten denn alsbald die Freude, das tiefere Wasser von der graugelben Masse, in der wir so weit und so lange umhergesegelt, unterscheiden zu können.
Schnell beruhigt waren die Fluthen, nachdem die überaus heftige Gewitterböe vorübergezogen, auch die durch das düstere Gewölk siegreich durchdringende Sonne ließ ihr Silberlicht auf die kräuselnden Wogen tanzen; das Boot aber glitt unter den taktmäßigen Ruderschlägen über diese hin, dem noch entfernten Ziel entgegen.
Nach zweistündiger Fahrt, etwa gegen 8-1/2 Uhr morgens, hatten wir, begünstigt durch wieder aufspringenden Wind endlich das Boot erreicht und fanden die Besatzung dabei, die Spuren zu verwischen, welche der über dasselbe hingefegte Sturm zurückgelassen hatte. Hatten wir im Lager schon eine ungemüthliche Nacht gehabt, so war dieselbe für die Insassen des Bootes, die auf den engsten Raum beschränkt den Unbillen der Witterung völlig ausgesetzt gewesen, gewiß nicht minder unangenehm verlaufen, aber ungeachtet dessen wurde die Entlöschung sofort vorgenommen und bereits nach Verlauf einer Stunde konnte die Rückfahrt angetreten werden. Die Führung des größten Bootes, das trotz der bedeutender Erleichterung noch halb beladen geblieben und deshalb schwerfällig war, hatte ich zu übernehmen, während Major von Wißmann das zweite führte, und unter diesen Umständen auch schneller vorwärts kommen konnte als ich. Vergebens sehnten wir einen auffrischenden Wind herbei, der uns die Arbeit erleichtert und auch die niederglühenden Sonnenstrahlen etwas gemildert hätte, aber erst nach fünfstündigem unausgesetzten Rudern kamen wir zur Barre. Häufig genug noch saßen wir in der schmalen Durchfahrt fest und mußten die Leute in das Wasser schicken, um das Boot zu erleichtern, bis wir schließlich nach drei Uhr Nachmittags den Lagerplatz wieder erreichten.
Da die Weiterfahrt auf den nächsten Morgen in aller Frühe festgesetzt worden war, gab es nun Arbeit vollauf, doch ehe die Nacht hereinbrach, war auch diese beendet, und beim Scheine der Lagerfeuer, wozu von einer bewaffneten Abtheilung, von den nächsten Hügeln an der anderen Seite des Flusses das Material inzwischen herbeigeschafft worden war, konnten wir uns eines herrlichen Abends und einer friedevollen Nacht erfreuen.
Wie erwähnt, war die Stelle wo wir unser Lager aufgeschlagen hatten, nur wenig höher gelegen, als das Niveau des Wasserspiegels, und dieselbe Beschaffenheit zeigte mit wenigen Erhöhungen auch das ganze umliegende Terrain, das dicht mit hohem Rohr und Gras bewachsen, aus einer allmählichen Anschwemmung entstanden war. Diese weite Fläche nun, mußte, sobald der Schirefluß im Steigen begriffen war, zu gewissen Zeiten fast ganz unter Wasser gesetzt sein, was der Fall, wenn die ungeheure Wasserfläche des Nyassa-Sees plötzlich durch große Regenmassen, welche aus den diesen See umgebenden Gebirgszügen zuströmten, um ein weniges erhöht wurde. Zwar steht das Steigen des Flusses hier, gegen seinen Unterlauf, wo er oft bis 10 Fuß Höhe sich anstaut, in gar keinem Verhältniß; einen Fuß oder noch etwas mehr über den gewöhnlichen Wasserstand, ist hier schon ein hoher zu nennen, und einzig davon abhängig, ob dem See während der Regenzeit große Wassermassen zugeführt werden oder nicht. Diese zeitweiligen Ueberschwemmungen machen das erwähnte Terrain für eine Ansiedelung völlig ungeeignet, obgleich der Boden als ertragreich bezeichnet werden kann, denn dessen Zusammensetzung aus Thon, Sand und Erde versprechen mancher Kulturpflanze ein gedeihliches Fortkommen. Aber der Eingeborne braucht ja nicht zu kargen, er hat Land im Ueberfluß und aus diesem Grunde wohl war in weiter Runde von einer menschlichen Ansiedelung auch nichts zu sehen. Desto reicher war diese Niederung von Wasservögeln bevölkert, wenn hier auch nicht so zahlreich und vielartig vertreten, wie auf den Bänken des unteren Zambesiflusses, so konnten doch neben dem schwerfälligen Pelikan, verschiedene Reiherarten, wilde Enten und Gänse etc. bemerkt werden, die in ungestörter Ruhe hier ein beschauliches Leben führten.
Das Gesammtbild der weiten Umgebung trägt den Charakter der Urwildniß mit dem Unterschied nur, daß rechts und links die Gebirgszüge den im Sonnenlicht blitzenden Malombwe-See umziehen; nach Norden hin streben die Felsenmassen höher und kompakter auf, die somit einen anderen Eindruck hervorbringen, als wenn einzig die üppige Vegetation dieser Scenerie ihren Stempel aufgedrückt hätte.
Zur festgesetzten Stunde, am 5. Januar, sagten wir dem Malombwe-See Valet; die nächste Krümmung des Flusses benahm bald die freundliche Aussicht auf diesen und zwischen den Ufern des tiefen Stromes hinziehend, die zur Rechten höher und stark bewaldet sind, wurde manchem Krokodil, das zu spät erwacht oder durch unsere Annäherung sich nicht hatte stören lassen, die tödtliche Kugel zugeschickt. Längere Zeit blieb das Ufer zur Linken so niedrig, wie es am See gewesen, auch dieselbe Eintönigkeit blieb vorherrschend, bis mit einem Male, als wir die Mündung eines Nebenflusses des Schire passirten, der stark strömend, sich in diesen ergoß, die Gestaltung der Ufer eine ganz andere Form bekam, denn fortan blieb dieses steil und hoch, oft 15-20 Fuß, sodaß jeder Einblick in das hinterliegende Gelände benommen wurde.
Die Gewißheit an diesem Tage noch Fort Johnston erreichen zu können, aber über die eigentliche Entfernung im Zweifel, hielten wir bei jeder Biegung des Flusses scharfe Ausschau, ob über Busch und Bäumen nicht irgend etwas zu entdecken sei.
Gegen elf Uhr Morgens, querab vom Dorfe Towowo, glaubte ich wider Erwarten die englische Flagge voraus zu erkennen und als etwas später auch die Masten des Dampfers »Domira« über die Büsche zu erkennen waren, wußten wir, daß das Endziel dieser langen beschwerlichen Reise nun nicht mehr allzu weit entfernt sei. Bald tauchten, als auch Busch und Wald zurücktraten, rechts von uns eine weite Grasebene freie Umschau gestattete, die langgestreckten Bauten der Garnisongebäude auf, denselben gegenüber aber viel hundert Hütten der Eingebornen, sodaß beide Ufer aus der Ferne gesehen, wie ein einziges mächtiges Dorf sich ausnahmen, über welches vom Fort Johnston die buntgestreifte englische Flagge zu wehen schien. Näher und näher gekommen, zu guterletzt noch von einem günstigen Wind getrieben, landeten wir endlich am Fuße dieser kleinen Festung; wonach wir aber vergeblich Ausschau gehalten -- uns am Anblick des gewaltigen Nyassa-See zu erfreuen, das sollte uns vorläufig verwehrt bleiben. --
10. Von Fort Johnston nach Mpimbi.
Fort Johnston, unter dessen Wällen Major Wißmann vom Kommandanten Kapitän Johnston, einigen Zivilpersonen, unter denen vornehmlich Mr. Nikol, Leutnant Bronsardt v. Schellendorf und einer militärischen Ehrenwache empfangen wurde, entsprach bei Weitem nicht der Vorsetzung, welche wir uns von einer so isolirt liegenden Festung gemacht hatten, wenigstens konnte es dem Beobachter erscheinen, als mußten diese niedrigen Sandwälle, nur von einem nicht tiefen, etwa sechs Fuß breiten Graben getrennt, von einem energischen Feind im ersten Anlauf genommen werden können. Aber so beschränkt auch der Raum, der geringen Zahl der Besatzung angemessen, mußte doch dieser Vorposten der englischen Macht, inmitten einer unruhigen und zweifellos feindlich gesinnten Bevölkerung den Anforderungen genügen, da bisher jeder Ansturm abgeschlagen werden konnte und die Feinde sich solche Lektionen geholt hatten, daß sie es nicht mehr wagten, gegen die Verderben speienden Wälle vorzugehen.
Eine günstige Lage hat dieses Fort insofern, als es, am Ufer des Flusses erbaut, die weite Ebene, nur hin und wieder von einigen Gebüschen bestanden, beherrschen kann, also ungesehen ein zahlreicher Feind sich nicht nähern könnte, was aber besonders beachtenswerth, ist das hohe, aus den faserigen Stämmen der Fächerpalme erbaute Gerüst, von welchem aus der Wachtposten im Stande ist, die Ankunft eines jeden Bootes, sowie eines jeden Dampfers auf dem Nyassa-See zu bemerken, nebenbei kann ihm in der Ebene keine auffallende Bewegung entgehen. Ein Maximgeschütz ist auf diesem Wartthurm aufgestellt und würde einer feindlichen Kolonne jedenfalls einen recht warmen Empfang bereiten. Unmittelbar am anderen Ufer, unter den Kanonen des Fort und beherrscht von der so hoch postirten Kugelspritze, liegt das gewaltige Dorf Mponda, dessen Einwohner, etwa 20000 an Zahl, die größte Bevölkerung ausmachten, die wir auf unserem weiten Wege, an einem Orte zusammengedrängt, angetroffen haben.
Nicht immer so friedlich, wie zur Zeit unserer Ankunft haben sich die Bewohner dieses Dorfes verhalten, denn die jeder Zeit 5000 kampfbereiten Krieger sind eine Macht, mit der die vordringenden Engländer zu rechnen hatten; erst allmählich konnten sie Herr einer Bewegung werden, die mit allen Kräften sich gegen die aufgenöthigte Protektion sträubte und die unwillkommenen Eindringlinge aus dem Lande zu jagen versuchte. Anlaß zu verschiedenen Empörungen gab auch die Eintreibung der ausgeschriebenen Steuern, die jedesmal niedergeschlagen, den Eingebornen Freiheit, Rechte und Besitz gekostet hat, und heute ruht die Verwaltung und Gerichtsbarkeit in den Händen der Engländer.
Anders hingegen verhält es sich mit den Volksstämmen hinter Fort Johnston, die sich in die schwer zugänglichen Gebirge zurückgezogen haben, hier hat englischer Einfluß und Macht ein Ende gefunden, denn die noch unbezwungenen Stämme haben sich ihre Freiheit bewahrt, benutzen aber jede Gelegenheit, durch kleine Einfälle die Garnison in Aufregung zu erhalten. Einen Unterschied zu machen sind sie freilich wenig fähig, denn es gilt ihnen gleich, gegen wen sie die Angriffe richten; den Unterschied der Nationalitäten vermögen sie nicht zu fassen, der weiße Mann ist ihr Feind und wo sie diesem Schaden zufügen können, versuchen sie es. So waren auch später bei Anlegung der deutschen Station »Port Maguire«, die ersten Ankömmlinge gezwungen, solche Ueberfälle blutig zurückzuweisen, ehe sie vor den umherstreifenden Banden endlich Ruhe fanden.
Das kameradschaftlich-freundliche Entgegenkommen des Kommandanten Kapitän Johnston gegen Major v. Wißmann und Dr. Bumiller erleichterte nicht unwesentlich unsere Aufgabe; dazu konnte es auch als ein glücklicher Umstand betrachtet werden, daß wir zur rechten Zeit hier eintrafen, um mit der Unterstützung des englischen Dampfers »Domira« die Reise nach dem Norden des Nyassa-Sees fortsetzen zu können. Die anfängliche Absicht des Majors, die Reise mit den offenen schwerbeladenen Booten zu unternehmen, kam zum Glück durch das Entgegenkommen des Führers dieses Schiffes nicht zur Ausführung, denn gänzlich unbekannt mit diesem unruhigen, zu Zeiten gefährlichen Gewässer, würde es eine unglaubliche Leistung gewesen sein, die Boote zum Ziele zu bringen; viel eher würden diese durch die Wogen an den felsigen Küsten zerschellt worden sein und die Vorexpedition hätte aufgegeben werden müssen oder ihren Untergang gefunden.
Einmal nun entschlossen mit Hilfe der Domira die Reise fortzusetzen, wurden die dahinziehenden Anordnungen des Majors schleunigst ausgeführt, und der nächste Tag fand Europäer und Soldaten in vollster Thätigkeit, die nothwendigen Vorkehrungen zur schleunigen Abreise zu treffen.
Viele fleißige Hände regten sich, die Einschiffung der Geschütze, Munition und sonstige Bestände der Expedition auszuführen, der Befehl, daß am Nachmittage des 6. Januar alles beendet sein mußte, gestattete auch kein langes Besinnen. Eine Revue, verbunden mit einer militärischen Uebung, über die gesammte Streitmacht, welche der Major noch abnahm, zeigte, daß unsere Soldaten noch nichts von der Exaktheit im Dienst verloren hatten, und im Vergleich zu den englischen Soldaten, angeworbenen Makua-Leuten, in jeder Weise diesen überlegen waren. Die strenge Disziplin, der Drill, welcher den Leuten beigebracht worden, erweckten die Ueberzeugung, daß in jeder Lage auf eine solche Truppe unbedingter Verlaß ist, was sie später in so manchem heißen Kampf bewiesen, -- eine Söldnertruppe zwar, bluteten und starben sie, und ließen niemals ihre Führer oder die deutsche Fahne im Stich. Wie viele ihrer auch die kühle Erde im Herzen Afrikas decken sollten, immer waren sie bereit, ihrem Führer willig zu folgen, und keine Noth, Gefahr noch Entbehrung konnte sie in der Ausübung ihrer Pflicht wankend machen.
Klar und schön, nach einer stürmischen Gewitternacht, brach der Morgen des 7. Januar 1893 an, mit dem ersten Strahlengruß der über die Berge emporsteigenden Sonne schmetterten auch die Trompetensignale, alle mahnend, daß die Stunde gekommen, in welcher die schwankenden Planken des Schiffes betreten und von diesem in die weite Ferne einem unbestimmten Schicksal entgegengeführt werden sollten. Kompagnieweise ging die Einschiffung der Soldaten mit unsern Booten gemäß der Bestimmung vor sich; um zehn Uhr war alles beendet, zum letzten Abschied schüttelten sich brave Deutsche und Engländer die Hände, unter einem brausenden Hurrah stießen darauf die Boote ab und wandten sich dem seeklar liegenden Schiffe zu.